Chapter 4 of 23 · 3972 words · ~20 min read

Part 4

»Und warum?«

»Eben weil soviel Menschen um Sie sind, weil Sie so viele Freunde haben.«

»Freunde,« erwiderte er abschätzig, »Freunde! Was meinen Sie damit?«

»Nun ja, Sie haben doch Freunde. Manfred zum Beispiel.«

»Ah, Manfred. Dann dürfen Sie nicht von Freunden sprechen. Manfred ist mein Freund.«

Virginia sah ihn verwundert an. Sie verstand die Unterscheidung nicht.

»Freunde sind Kostgänger, Trabanten, Spione, Nachahmer, Mitspieler, Spielverderber«, sagte er fast ungestüm. »Freunde und ein Freund, das ist wie: Götter und Gott. Wenigstens ungefähr so. Manfred war für mich etwas wie ein geliebter Schüler. Es war vielleicht mein schönstes Erlebnis, wie aus seiner zarten Natur eine feurige Tüchtigkeit strömte. Er hat die Flamme auf mich übertragen, die ich in ihm angefacht, und so sind wir Brüder geworden, zwei Söhne einer Flamme.«

Dieses poetische Bild wirkte auf Virginia insofern, als es in ihr die Vorstellung von der starken Zusammengehörigkeit Erwins und Manfreds befestigte. Sie hatte es nie so liebevoll bedacht, und nun war es ihr, als ob Manfred dadurch allen Fährlichkeiten weiter entrückt sei. Sie blickte Erwin dankbar an.

»Deshalb war ich auch eifersüchtig auf Sie, warum soll ich’s nicht gestehen«, fuhr er fort. »Man verzichtet nicht gern auf den ungeteilten Besitz eines Menschen, der das Lebensgefühl erhöht und dem man in starken und schwachen Stunden alle Geheimnisse ausgeliefert hat. Oft hab’ ich seine Liebe zu Ihnen wie einen Verrat empfunden. Ich konnte nichts dagegen tun. Der Feind, an den ich verraten wurde, war mächtiger als ich.« Er lächelte spöttisch-galant.

Beunruhigt von der Wendung des Gesprächs stand Virginia auf. Sie antwortete nichts.

Sie war im Hauskleid; Erwin heftete den Blick wie geistesabwesend auf ihren nackten Hals, auf die zuckende Ader unter der Kehle und die bebende Sehne, die sich vom Ohr herab gegen die Schulter stemmte wie eine Säule aus Elfenbein. Virginia wurde rot. Dann errötete sie abermals darüber, daß sie rot geworden. Erwin fragte in einem fast naiven Ton, weshalb sie errötet sei. Da wurde sie zum dritten Male rot, nahm ein schwarzes Seidentuch vom Haken und warf es um den Hals, mit einer Bewegung als friere sie.

Als sie am folgenden Tag zum Mittagessen nach Hause kam, sagte sie: »Es riecht ja nach Zigarettenrauch hier. Hast du Besuch gehabt, Mutter?«

»Ja, Doktor Reiner war bei mir«, antwortete Frau Geßner ein bißchen verlegen.

»Bei dir? was hat er denn gewollt?«

»Nichts, gar nichts. Er hat mit mir geplaudert. Ist denn das sonderbar?«

»Also mit einem Wort, du hast eine neue Freundschaft«, scherzte Virginia.

»Ja, mein Kind«, erwiderte Frau Geßner behaglich, und um ihre außerordentlich feine kleine Nase legte sich ein schnippischer Zug, was Virginia lächelnd bemerkte. Sie wunderte sich; daß Erwin Reiner das Bedürfnis haben sollte, zuweilen mit einsamen alten Damen seine Zeit zu verbringen, konnte sie nicht gut glauben. Sie hatte vor, ihn zu fragen, unterließ es aber aus folgendem Grund. Wenn sie eine solche Frage stellte, mußte er annehmen, daß sie die Unterhaltung, die sie ihrerseits ihm gewährte, höher einschätzte als die der Mutter. Sie fürchtete eitel zu erscheinen, und im weiteren Verlauf dieser Überlegungen kam sie dahin zu wünschen, daß er die Zahl seiner Besuche beschränken möge. Es war aber unmöglich, ihm das zu verstehen zu geben, ohne seinen Stolz zu verwunden, ja ohne ihn gröblich zu beleidigen, durfte er doch erwarten, daß er ihr mit seinem reichen und belebenden Gespräch Freude bereite und daß sie ihm dankbar sei für das Opfer vieler Stunden.

Sie konnte sich nicht beklagen; er war so zartfühlend, daß er einige Male, als die Mutter sich zu ihrem gewohnten Abendspaziergang rüstete, mit ihr zusammen aufbrach, um nicht mit Virginia allein in der Wohnung zu bleiben. Wenn er dann weggegangen war, saß sie oft lange müßig und erinnerte sich an Worte, die er gesagt, an Ereignisse, die er erzählt, an Personen, die er geschildert hatte. Er besaß eine wunderbare Kunst darin, Begebenheiten und Menschen plastisch darzustellen, ohne sich im geringsten gegen die Natürlichkeit zu versündigen. Da lebten Bälle und Seefahrten und Wanderungen und Abenteuer in fremden Ländern und die kleinen Intrigen der großen Welt und die großen Ränke kleiner Herren, da lebte alles vom Unbedeutenden bis zum feierlich Historischen, und alles hatte sein besonderes Gesicht und seinen Platz im Allgemeinen.

Einmal als er sich ruhelos und ruhebedürftig nannte, riet ihm Virginia, er solle heiraten. Er erwiderte ernsthaft, er kenne die Frauen zu gut. Man gibt den Reichtum der Erfahrung zu, wenn man der Enttäuschung so gründlich sicher ist. Er wußte mit Verschwiegenheit sich selbst in den Schatten zu stellen, während er bitter beredt den Bannstrahl schleuderte.

Er kannte das treuherzige Kind aus der Vorstadt, das seinem Liebsten keine Gunst verweigert, das in einer leicht zu täuschenden, gesang- und tanzfrohen Welt wohnt, in einer von den zahllosen Stuben gepferchter Häuser, wo man sich beim Pfänderspiel und dem Scheppern eines Pianinos bis fünf Minuten vor zehn Uhr des Lebens Lust und Überschwang ergibt. Ein Idyll, das den Nachteil der Langeweile hatte.

Er kannte die Modedame, die Tigerin des Vergnügens, deren Gewissenlosigkeit sich wie Rachsucht ausnimmt und deren Verfeinerung von der Erschöpfung kommt. In ihr ist eine großartige Kraft zur Lüge, und sie versteht es, durch Zärtlichkeit zu quälen. Sie fängt ihre Leute wie der Fuchs ein Huhn, und sie ist leer, unergründlich leer; aber der Abgrund lockt zum Sturz, und wer nach einer Tiefe verlangt, den schreckt keine Finsternis. Wenn er dann von dem unheilvollen Sturz erwacht, macht ihn der Ekel zum Verbrecher. Er will nicht mehr Huhn sein, sondern Fuchs. Nichts ist verführerischer in der Gesellschaft als die Gebärde eines Mannes, der die Peitsche zu schwingen weiß. Wenn’s nur knallt; alles seufzt erleichtert auf, wenn’s knallt.

Er kannte die jungen Mädchen, die frühzeitig eine Art von verliebten Beziehungen pflegen, welche man in den oberen Ständen Flirt nennt. Eine Sache, dazu erfunden, um die Seele zu beschmutzen, während sie den Körper bewahrt. Die erschlafften und neugierigen Geschöpfe stillen den Hunger ihres Gemüts mit Zerstreuungen, die bloß Hunger nach Zerstreuungen erregen, und können niemals den Anschluß an ein tätiges Glück finden. Der Rattenfänger braucht nicht einmal zu pfeifen, die Tierchen kommen von selbst, Väter und Mütter schreien Zeter, und es gibt Verwicklungen wie bei Kotzebue.

Virginia erbebte. Das Bild der Verderbnis ging ihr nahe. Sie hatte keinen Argwohn, daß all dies einen persönlichen Bezug haben könne. In seinem edlen Zorn sah sie nur einen Beweis seines edlen Interesses für Menschen und Zustände.

Er sprach von berühmten Frauen, zum Beispiel von Rosanna Schörk, der Schauspielerin. »Frauen von Genie sind streberhaft bis zur Raserei,« sagte er, »und ihr glorioser Egoismus verleitet sie dazu, einen Mann für ihren Ehrgeiz wie eine Nummer im Lotteriespiel zu benutzen. Da verbeugt man sich, geht nach Hause und sperrt seine Türe zu. Aber ist die Tür auch zugesperrt, so ist doch eine Glocke dran. Man hat nicht den Mut, die Drähte zu zerschneiden. Warum, man weiß ja nicht, wer kommen kann.«

Er stand auf, ging ein paarmal durch das Zimmer und blieb dann vor Virginia stehen. »Ich möchte Ihnen aber auch Gesichter von Frauen zeigen, Virginia, ich möchte sie emportauchen lassen wie ein Spiritist die Geister, Frauen, die den Fluch der Verkommenheit mit dem Adel unverschuldeter Sklaverei verschmelzen; Frauen, die heroisch sind, indem sie sich preisgeben, und stolz, indem sie sich mit Füßen treten lassen; Frauen, die so vom Schicksal gejagt sind, daß sie erlöst scheinen, wenn sie zusammenbrechen; Frauen, durch deren Seele hindurch man wie durch ein Zauberglas den Sinn und Wahnsinn unseres Lebens gewahrt. Das möchte ich tun, weil ich Ihnen Weisheit geben, weil ich Ihnen Illusionen rauben möchte, die eine reine Phantasie nur belasten. Vielleicht bin ich auch auf einem Irrweg; die Unsicherheit darüber reizt mich, denn Sie sind mir fremd, ganz unbeschreiblich fremd, wie sonst kein Mensch.«

Virginia saß auf einem Bänkchen am Ofen. Ihr einer Arm erreichte mit dem Handgelenk gerade noch den Tisch, wo er sich unbeweglich gestützt hielt, der andere lag im Schoß. Ihre Oberlippe überschnitt ein wenig die untere; die Spannung der Haut am Kinn drückte Unbehagen aus. Das Haar bildete eine dichte glatte Welle über der Stirn, und das im Lampenlicht irisierende Blond der Schläfenlöckchen schien bisweilen den Goldschimmer des Fleisches verwandelnd zu beleuchten.

Sie sah wirklich die Gesichter der Frauen. Sie hatte Mitleid mit ihnen. Sie sah die Räume, in denen sie hausten, die Betten, in denen sie schliefen, und die Kleider, mit denen sie sich schmückten. Wunderlicherweise war all das reich, reizvoll und begehrenswert. Da verschwand ihr Mitleid wieder, und sie dachte an sich selbst. Ihre Miene wurde zaghaft, wenn sie an sich selbst dachte.

Gegen Erwin blieb sie stille. Sie hatte Angst vor seinem prüfenden Blick, auch Angst vor dem, was ihn so wissend machte, so genau, klar und unbarmherzig gegen sein eigenes Leben.

Von Mal zu Mal seltsamer berührte sie sein Hereintreten ins Zimmer. Es war stets, wie wenn man ihn zuvor nie gesehen hätte. Einen Moment lang schien er zerstreut, ja sogar unfreundlich. Plötzlich strahlte er von jener gewinnenden Liebenswürdigkeit, die nicht frei von Herablassung war. Er sagte »mein Töchterchen«, zur Mutter sagte er Mama und tätschelte gnädig die Wange der alten Dame. Er verstand es gemütlich zu sein und schätzte die Gemütlichkeit. Trotzdem fühlte sich Virginia nie so recht gemütlich.

Es umwehte ihn der Hauch vieler Begebnisse; vieler Menschen Wort und Atem haftete an ihm. Seine Hände suchten immer etwas zu greifen; er saß selten friedlich auf einem Fleck, meist ging er ruhelos umher. In seinen Augen war noch der tobende Lärm der Straße oder doch das Zuhören von einem früheren Gespräch. Die ganze Stadt war in seinen Augen, deren Blick leuchtend dumpf war und etwas Zurückschiebendes hatte, als wolle er sagen: bitte nicht zu nahe. Es war wie bei einem, der eine zerbrechliche Kostbarkeit in der Hand hält und gestoßen zu werden fürchtet. Er schien stets aus einer unbekannten Region zu kommen, und die Art, wie er die Unterhaltung begann, hatte trotz äußerer Leichtigkeit etwas Gezwungenes, als müsse er erst überlegen, was er von den Vorgängen in jener Region zu verschweigen habe. Es wirkte eigentümlich lähmend auf Virginia, daß man seine Gegenwart, seine Sympathie, seine Erinnerung jedesmal neu erobern mußte, daß man gesammelt sein mußte, während er sich erst sammelte. Man vergaß ihn beinahe, wenn er fortgegangen war, aber man war angenehm bewegt und geweckt, sobald er kam.

Bei alledem fiel es Virginia doppelt auf, daß er jetzt die Mutter fast täglich besuchte, und das gerade in den Stunden, wo sie in der Malschule war. »Was sprecht ihr denn miteinander?« erkundigte sie sich mit verwundertem Lächeln, aber Frau Geßner tat geheimnisvoll. Es zeigte sich jedoch, daß sie in der Folge bei vielen Gelegenheiten auf die gedrückten Verhältnisse anspielte, in denen sie beide sich zurechtfinden mußten. Nicht hoffnungslos wie vordem redete sie darüber, sondern als ob ein Wandel möglich, als ob er zu gewärtigen sei, als ob sie Pläne und Aussichten habe. Virginia wußte nicht, was sie davon denken sollte.

Erwin hatte vorsichtig begonnen, sich in die Vermögenslage des kleinen Haushalts Einblick zu verschaffen. »Wie kann man so leben!« rief er ehrlich erschrocken, als ihm Frau Geßner die geringfügige Summe nannte, mit der sie wirtschaften mußte. »Hat Manfred sich nie darum bekümmert?« fragte er.

Eine stolze Gebärde der Frau war die Antwort. Und diese Gebärde entsprach ihrer Beziehung zu Manfred, indes sie dem Fremderen ihre Dürftigkeit zu offenbaren vermochte. Manfreds Zartgefühl hatte den Stolz gefordert, Erwins mutige Sachlichkeit zwang zum Vertrauen.

»Es wäre abscheulich, Ihre Tochter noch zwei Jahre oder länger in so erbärmlichen Umständen vegetieren zu lassen«, sagte Erwin. »Eine solche Edelnatur braucht Licht, Raum und Komfort. Ich bin erstaunt über den guten Manfred. Es gibt Fälle, wo die vornehme Zurückhaltung wie Nachlässigkeit aussieht. Schließlich hat er doch alle Verantwortung stillschweigend übernommen und mußte darauf dringen, daß –; aber freilich, wie wäre Virginia zu bewegen? Manfred war einfach nicht schlau genug. Seien wir schlau, Mama. Wenn ein Kranker sich weigert, seinen Strohsack zu verlassen, hebt man ihn im Schlaf auf und schiebt ihm einen Pfühl unter, ohne daß er’s merkt.«

Frau Geßner verstand nicht eine Silbe. Ängstlich brach sie das Thema ab. Da sich Erwin kalt verabschiedete, glaubte sie ihn beleidigt, und als er ein paar Tage später wiederkam, fragte sie, was er mit dem Strohsack und dem Pfühl gemeint habe. »Ich werde es Ihnen erklären,« antwortete Erwin, »aber können Sie auch schweigen?«

»Ja, ich kann’s.«

»Sie sagten mir, Virginia besitze etwas Kapital; ist es möglich, fünf- bis sechstausend Kronen davon flüssig zu machen?«

»Nein, das geht nicht,« antwortete Frau Geßner; »das Geld wird von einem gerichtlichen Vormund verwaltet.«

»Das ist schade. Gerade jetzt hätte sich Gelegenheit geboten, eine solche Summe zu verdreifachen. Es handelt sich dabei um eine Spekulation, für deren Gelingen ich mich verbürgt hätte. Sehr schade.« Bedauernd blickte er Frau Geßner an, die unwillkürlich die Hände faltete. Plötzlich sprang er auf. »Da fällt mir etwas ein«, fuhr er fort. »Es ist ja schließlich nicht von Belang, daß Sie mir die Summe geben. Ich nehme an, Sie hätten sie mir gegeben, damit ich sie fruchtbringend anlege. Ich strecke Ihnen einfach diese fünftausend Kronen vor, ungefähr wie es die Agenten machen, nur daß ich keine Zinsen beanspruche; haben wir dann das Geschäft glücklich zustande gebracht, so ziehe ich meine Auslagen ab, und Sie bekommen den reinen Gewinn. Wie gefällt Ihnen der Vorschlag?«

Der guten Frau wurde es schwindlig. »So? machen das die Agenten so?« fragte sie.

»Genau so.«

»Aber wenn das Geld verloren geht? Wenn Sie sich täuschen?«

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Mama.«

»Aber wie ist denn das denkbar? Wie geht das zu?« murmelte Frau Geßner. »Warum tun es denn nicht alle Menschen, wenn es so gefahrlos ist? Da läge ja der Reichtum auf der Gasse –«

»Ein Wagnis ist immerhin dabei,« versetzte Erwin lächelnd und ungeduldig. »Aber die großen Fische im Meer, sehen Sie, die ziehen die kleinen hinter sich nach. Ihre paar Kreuzer, Mama, die werden von den Millionen geschleppt und mästen sich von ihnen. Man muß nur einen Wächter haben, der einen benachrichtigt, wann so ein großer Fisch in Sicht kommt. Manchmal frißt auch die Million den kleinen Fisch oder wird mit ihm gefangen, aber lassen wir uns das nicht anfechten, ich bürge Ihnen.«

Die Frau zauderte. Das Abenteuer erschien ihr unheimlich, doch am Ende konnte sie der Verlockung nicht widerstehen. Nachdem sie eingewilligt hatte, beharrte sie darauf, daß er einen Schuldschein von ihr annahm, für welchen Deckung zu finden ihr bei einem unglücklichen Ausgang schwer geworden wäre. Erwin ließ diese Formalität mit geschäftlichem Ernst über sich ergehen. Während eines Gedankens Dauer erbitterte ihn die Gewöhnlichkeit der Person, die ihn für einen Börsengänger halten konnte, doch in der folgenden Zeit studierte er nicht ohne Interesse alle Merkmale der Spielererregung an der alten Dame. Sie Virginia gegenüber beherrscht zu machen, erforderte seine ständige Mahnung; das Mädchen hatte scharfe Augen und betrachtete die Mutter oft mit grübelndem Erstaunen.

Nach anderthalb Wochen überreichte Erwin Frau Geßner ein dickes Kuvert, in welchem sich so viele Banknoten befanden, daß die Empfängerin erschrocken aufschrie. »Hier ist der Schuldschein«, sagte Erwin gelassen, zerriß das Papier und warf die Stücke ins Ofenfeuer. Die Frau saß wortlos auf ihrem Stuhle. Der Anblick ihrer Bezauberung wirkte unerquicklich auf Erwin.

»Bedenken Sie wohl,« sagte er beinahe hart, »daß diese paar Scheine nicht in der Sparbüchse verschwinden dürfen. Die Absicht war, Virginias Los zu verbessern. Eine Schönheit wie die ihre macht uns in jeder Weise zu Schuldnern, Sie am meisten. Geben Sie ihr die leichtest verdauliche Kost. Schaffen Sie teure Wäsche für sie an. Grobe Nahrung und schlechtes Linnen würden die unvergleichliche Zartheit ihrer Haut nach und nach verderben. Wenn sie ein Kleid trägt, in dem sie gering erscheint, wird das Glück verringert, das sie hervorbringen soll. Denn Virginias Aufgabe ist es, Glück zu erzeugen, so wie eine Kirche Andacht, eine melodiöse Musik Vergnügen erzeugt. Knausern Sie nicht, Mama. Ich werde Ihnen eine genaue Aufstellung von allen Dingen geben, die Sie kaufen müssen. Und seien Sie unbesorgt, der Baum, den wir da geschüttelt haben, ist noch beladen mit Früchten.«

»Wie soll ich Ihnen aber danken?« stammelte Frau Geßner beklommen.

»Indem Sie meine Ratschläge befolgen.«

»Aber ich kann’s doch Gina jetzt nicht mehr verheimlichen?«

»Ist auch überflüssig. Ich werde selbst mit ihr sprechen.«

Doch Erwin ließ der Sache zunächst ihren Lauf, und Frau Geßner zeigte sich hilflos, als Virginia, stutzig geworden durch ungewöhnliche Ausgaben, die Mutter zur Rede stellte. Sie hätte sich in verräterische Widersprüche verwickelt, wenn zur gefährlichen Stunde nicht Erwin erschienen wäre.

Er hielt allen Ernstes eine einleuchtende kleine Vorlesung über Geldtransaktionen, über den Kurs, über Vermögensanlage und die geschäftliche Ausnützung gewisser Strömungen. Was er getan habe, sei nicht nur verzeihlich, es sei erlaubt, und nicht nur erlaubt, es sei klug und gut, so klug und so gut wie das Beginnen des Landmanns, der von einem fernen Fluß das Wasser auf seinen Acker leitet.

»Auf seinen Acker, ja; aber nicht auf einen fremden Acker«, wandte Virginia lebhaft ein.

»Wenn er selber genug hat und sein Nachbar sich nicht zu rühren versteht, warum nicht? Denken Sie doch nicht so krämerhaft, Virginia.«

»Man kann über solche Dinge nicht krämerhaft genug denken«, erklärte sie eigensinnig.

»Danke.« Er sah sie von oben herab an, und sie wich seinem Blick aus.

»Ich hab’s so gewollt«, mischte sich nun Frau Geßner bündig in das Gespräch, »und ich verantwort’ es auch.«

»So sind schon viele Leute ins Elend geraten, Mutter«, sagte Virginia naiv warnend, und als Erwin lachte, zuckte sie beschämt lächelnd die Achseln.

Sie sträubte sich gegen die unerwartete Wandlung der Umstände. Erworbenes oder ererbtes Gut verlieh Eigentumsrecht; dies Geld war ihr unheimlich, und Wünsche, deren Erfüllung es gewährte, kamen ihr wie Vergehen vor. Sie beschloß, Manfred davon Kunde zu geben und ihre Haltung seinem Urteil zu unterwerfen. Da sagte ihr Erwin, er selbst habe an Manfred geschrieben, und sie wollte nun abwarten, ob Manfred solchen Reichtum billigte, der, wie sie sich ausdrückte, »aus nichts entstanden war, wie die Würmer im Mehl«.

Aber was für ein neuer Geist war plötzlich in die Mutter gefahren? Virginia wußte kaum, wie es zuging, plötzlich sah sie sich im Besitz kostbarer Wäsche; hatte jene reizenden Kleinigkeiten der Toilette, die sonst nur verwöhnten Damen Bedürfnis sind; hatte Schuhe von meisterlichem Schnitt und Hüte, die mehr gedichtet als wirklich schienen. »Was treibst du denn, Mutter?« rief Virginia ein übers andre Mal bestürzt. »Wehr dich nicht«, sagte Frau Geßner streng, »und widersprich mir nicht. Es ist beschlossene Sache, daß das Geld, das wir gewonnen haben, für deine Ausstattung verwendet werden soll. Ich möchte ja Gott auf den Knien dafür danken, daß du’s nun endlich ein bißchen besser hast.«

Dennoch schien ein Geisterarm die Herrlichkeiten in ihr Leben zu stellen, die ihrem Körper, ihrem Auge, ihren Sinnen in gleicher Weise schmeichelten. »Ich verstehe nur nicht, wo du plötzlich so viel Geschmack hernimmst«, sagte sie zur Mutter.

»Geschmack! Was denn! man geht zu den besten Firmen und kauft das beste. Ist das eine Kunst?«

»Wer hat dir denn die besten Firmen empfohlen?«

»Wer? Erwin zum Beispiel. Der kennt das alles aus dem Effeff. Siehst du dabei was Ungehöriges?«

Virginia wußte keine Antwort. Zufällig kam gerade die Schneiderin, eine hochmanierliche und gezirkelt vornehme Person, schlug Modenbilder auf und nahm Maß zu einem eleganten Kostüm. Es ist doch schön, dachte Virginia, wenn man geschmückt wird und kein schlechtes Gewissen dabei hat. Trotzdem wünschte sie sich noch leichteren Sinn, wenn ihre Finger liebkosend in Spitzen wühlten und bedächtig über Seide und Battist raschelten.

Wie gerne spürte sie das feine Gewebe am Leib, wie sprach ihr Auge mit den delikaten Farben edler Mode! Der Spiegel wurde ein liebevoller Berater, und sie, sie wurde unnahbarer für zudringliche Blicke, stand abgeschlossener da, indes die Art ihrer Bewegung unbewußt zu einer Welt stolzerer Formen strebte.

Erwin erkannte es und hielt es für förderlich, ihr die Pforten dieser Welt zu öffnen.

Ein Duell

Eines Tages wurde ein wenig gebieterisch die Glocke gezogen, Frau Geßner öffnete und trat mit Marianne von Flügel ins Zimmer. »Sie dürfen mir nicht böse sein, daß ich Sie überrumple«, sagte das Fräulein, auf Virginia zugehend und ihr die Hand reichend, mit einer Stimme von geübtem Wohlklang. »Erwin Reiner hat mich ermutigt, Sie aufzusuchen. Erwin und ich, wir sind alte Freunde, mehr als Freunde, fast wie Geschwister. Er hat mir soviel von Ihnen erzählt, und seit ich Sie kennen gelernt, hab ich soviel an Sie gedacht, daß es mich eigentlich keine Überwindung gekostet hat, den ersten Schritt zu tun.«

»Es ist sehr lieb von Ihnen«, antwortete Virginia ziemlich steif.

Frau Geßner, die gleich angefangen hatte, Stühle zu rücken, Deckchen zu glätten und ein paar Sächelchen dorthin zu tragen, wo sie ohnehin schon gestanden waren, schleppte einen Sessel herbei und bat das Fräulein, »sich nur ja nicht umzuschauen«, als ob eine so glänzende Dame hier Schaden erleiden könne, wiewohl in letzter Zeit viel für die Wohnung geschehen war. Neue Vorhänge hingen über den Fenstern, einige Möbelstücke waren neu beschafft worden, und ein bescheidener Blumentisch stand an sonnigem Platz. Virginia ärgerte sich über das demütige Wesen der Mutter, und ihre Miene wurde zusehends fremder, bis die besiegende Herzlichkeit der andern ihrem spröden Widerstand ein Ziel setzte.

Es war etwas Aufgelöstes und Ungehemmtes an Marianne von Flügel. Sie gab sich wie jemand, der das Leben groß sieht und die Menschen klein. Sie war um Worte nicht verlegen, um die kühnsten nicht; ihre Zunge spielte wie ein Weberschifflein hinter den starken Zähnen. Wie sie saß und ein Bein über das andre schlug, wie sie ein goldenes Zigarettendöschen aus der Tasche nahm, ein winziges Zigarettchen zwischen die Lippen schob und beim Plaudern den Rauch verfließen ließ, das hatte seine Art; da steckte Humor drin. Und Humor steckte in ihren Bemerkungen über das Treiben der Leute; es waren kleine, schelmische Nadelstiche, ein Lächeln, ein Wenden der Hand und alles war vorüber: irgendeiner war tot, der vorher noch lustig gelebt hatte. Um so gewichtiger mußte der Ausdruck der Bewunderung klingen, die sie Virginia entgegenbrachte. »Es ist mein fester Vorsatz, daß wir Freundinnen werden müssen«, sagte sie, und Virginia konnte nicht umhin, sich darein zu ergeben. Als Marianne ging, bat sie Virginia, einen Abend, der sogleich bestimmt wurde, bei ihr zu verbringen; es kämen nur einige Freunde, Erwin natürlich auch. Virginia versprach es.

Am Morgen des betreffenden Tages wurde Frau Geßner unwohl und legte sich fiebernd zu Bett. Virginia telephonierte vom nahen Postamt dem Doktor Zimmermann, einem seit dreißig Jahren im Bezirk sässigen Arzt, der schon den Vater Virginias behandelt hatte und, so selten er kam, ein obsorgendes Verhältnis zu den beiden Frauen unverbrüchlich pflegte. Es war ein graubärtiger Herr von gedrungener Gestalt, stramm und scharf in Geste und Wort und infolge einer leichten Taubheit zu selbstgefälliger Beredsamkeit geneigt. Er glich den Fehler aus durch Klugheit, Erfahrung und ein expressives Temperament.

Er war nicht wie die meisten jungen Ärzte gekränkt, wenn man ihn zu einem Schnupfen holte. Ein Schnupfen gehörte zur Soldateska des Todes so gut wie ein Magengeschwür. Er erklärte den Fall für harmlos und verfaßte ein tröstendes Rezept. Dann setzte er sich ans Bett der Patientin und fragte nach diesem und jenem. Frau Geßners Erlebnisse waren nicht so weitschichtig, daß sie den Namen Erwin Reiners bei solchem Anlaß unerwähnt gelassen hätte. Das Gesicht des alten Doktors veränderte sich; er hielt die Hand ans Ohr und ließ sich den Namen wiederholen. »Ist das der Sohn von dem reichen Michael Reiner?« fragte er. »Dieser – besondere Erwin Reiner? Der ... Kunstgelehrte oder ... Naturforscher, was weiß ich? Der?« Und als Frau Geßner triumphierend nickte: »Den Mann kennen Sie? Doch wohl« – mit dem Daumen über die Schulter nach Virginia weisend – »das Fräulein Tochter nicht?«

»Ja, gewiß,« entgegnete Frau Geßner, »er ist der intimste Freund von Ginas Bräutigam.«

Virginia war draußen im Wohnzimmer mit Holz und Schnitzmesser am Tisch gesessen; jetzt erhob sie sich und trat leise durch die offene Tür.

»Na, da gratulier’ ich«, murmelte der Doktor und schüttelte den Kopf.

»Was gibt’s denn?« fragte Virginia heiter, indem sie sich gegen die Schulter Doktor Zimmermanns herabneigte; »was haben Sie denn gegen Erwin Reiner einzuwenden?«