Chapter 18 of 23 · 3979 words · ~20 min read

Part 18

»Bleiben Sie, Virginia!« Er schrie es fast und trat ihr von neuem in den Weg. »Das alles wäre ja Wahnsinn, wenn ich Sie überreden wollte, gegen Ihre Empfindung zu handeln, wenn ich glauben würde, ich risse Sie aus dem Glück ins Unglück, wenn ich überzeugt wäre, Sie hätten unabänderlich gewählt. So steht die Sache aber nicht. Sie haben nicht gewählt. Sie haben gar keine Gelegenheit gehabt, zu wählen. Sie haben sich nur verpflichtet. Ihre Ehe mit Manfred würde ein Kampf der Sehnsucht mit der Alltäglichkeit sein, des Traumes mit der banalen Arbeit, der Schönheit mit dem häßlichen Zwang. Sie sind nicht geboren für die Niederungen, Sie würden sich insgeheim zu Tode seufzen an der Seite eines Mannes, den jetzt noch der Glanz der Jugend umgibt, der aber in zehn Jahren vertrocknet sein wird, sparsam sein wird, krank sein wird, den die Geschäfte des Lebens kraftlos und die Enttäuschungen des Berufs übellaunig gemacht haben werden. Ich würde Sie hegen, Virginia, wie einen auf die Erde verschlagenen Seraph. Ich würde Sie lehren, Feste zu feiern, mit immer gefüllten Händen würde ich dastehen, ich würde nie von Liebe sprechen, aber ich würde Sie in Liebe hüllen wie in einen kostbaren Mantel. Ich könnte Sie die Wunder erleben lassen, die in einem lautlosen Einanderbegreifen liegen, und das Geheimnis, das darin besteht, zu genießen, ohne zu bereuen. Haben Sie bedacht, wie ungeheuer es ist, einen Menschen zu wissen, der sein Leben einer Leidenschaft widmet? Ahnen Sie denn, was eine solche Leidenschaft vermag, die vom Blut gezeugt, vom Geist genährt, von den Sinnen erzogen und von der Natur bestätigt worden ist? Ich müßte an allem verzweifeln, am Blut, am Geist, am Schicksal, wenn ich nicht die Gewißheit hätte, daß Sie sich an diesem Feuer schon längst entzündet haben, und daß Sie sich nur so stellen, als seien Sie unversehrt. Sie sind es nicht. Unausrottbar bin ich in Ihnen, Virginia! Sie mögen tun, was Sie wollen, von mir kommen Sie nicht los.«

Unwillen, Beschwörung, Widerwillen, Entrüstung, dumpfes Hinsinnen, Schrecken, das alles war in Virginias Gesicht zu unmittelbarem Ausdruck gelangt. Nach den letzten furchtbaren Worten schaute sie Erwin traurig an. Um ihren Mund lag ein merkwürdiger Zug von keuschem Bedauern. »Ich bitte einen Augenblick zu entschuldigen«, flüsterte sie endlich und ging in ihr Zimmer. Frau Geßner saß am offenen Balkon, die Ellbogen in den Schoß, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte verloren ins Licht der Lampe. Erwins Worte hatten sie tief ergriffen; sie war von Bewunderung für diesen Mann wie gelähmt. Sie verwünschte Manfred im stillen, sie grollte Virginia, sie beneidete Virginia. Sie erkannte, wie leer und nüchtern ihr eigenes Leben verlaufen war. Ein einziger Ball, eine einzige Nacht, sonst nichts! Und solche Männer gab es wie den! Sie dachte an den Tod; das schien ihr noch das Beste, woran sie denken konnte.

Als Virginia zurückkam, streckte sie Erwin die Hand entgegen, auf welcher das Perlenhalsband lag. Bitte und Entschiedenheit vereinigten sich in der Geste wie im Blick, ein stolzer, ruhiger, unabänderlicher Entschluß. Frau Geßner stieß ein dumpfes Knurren aus.

Erwin wurde erdfahl. Alles verloren, sagte er sich, alles umsonst.

Es ist anzunehmen, daß die Raserei, von der er befallen wurde, ein herrisches Bedürfnis seines Temperaments war. Es gab in seiner Vergangenheit nur zwei Szenen solcher Art. Als Kind von sieben Jahren war er auf einen Hauslehrer, der ihn am Ohr gezerrt, mit einem erhobenen Messer losgegangen, das zufällig auf dem Tisch gelegen. Als Knabe von fünfzehn Jahren wurde er im Beisein von Kameraden von einer Frau, in die er verliebt war, gröblich verhöhnt. Einer der Jünglinge hatte gelacht; er war nahe daran gewesen, ihn zu erwürgen. Man hatte ihn wegreißen müssen wie einen Hund, der sich verbissen hat.

So beschimpft und zurückgestoßen erschien er sich jetzt. Er schleuderte die Kette zu Boden, er trat mit dem Fuß darauf, die Perlen krachten und knirschten. Er trat auf sie mit einem Ausdruck von Ekel, Schmerz und Wut im Gesicht, der nicht seines gleichen hatte. Wie blasser Schaum bedeckten sie die Dielen; die fortgerollten, schillerndes Gerinsel, funkelten ängstlich aus dem Schatten. Virginia faltete die Hände. Ihre Lippen zuckten. Sie ging ans Fenster und preßte ihre Stirn gegen die Scheibe. Der warme Dunst des Abends stieg ihr zu Kopf, eine unleidliche Schwäche fesselte die Glieder. Erwin hatte sich straff emporgerichtet. Schweigend verließ er das Zimmer.

In seinem Gasthaus rannte er wie besessen aus einem Zimmer ins andere. Er dachte nichts, er begriff nichts mehr. Das Rad ist im Schwung, das Korn muß gemahlen werden, fuhr es ihm durch den Kopf. Es war neun Uhr vorüber, als es schüchtern an die Tür pochte. Frau Geßner trat ein. »Guten Abend«, sagte sie. Erwin erwiderte nicht den Gruß. »Sie hat mich geschickt, sie hat mich gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«, murmelte Frau Geßner und brachte ein Päckchen zum Vorschein. »Ich hab alles mühselig zusammengeklaubt; die schönen Perlen! Wie kann man so freveln!« – »Kommen Sie, um zu jammern?« entgegnete Erwin grob. – »Sie hat mich gebeten, Ihnen die Perlen zu bringen«, wiederholte die Frau beklommen. »Sie hat gesagt, ich sollte Ihnen zureden, Sie möchten doch vernünftig sein.«

»Ah? Und das ist alles? Das scheint mir Ihre eigene Erfindung zu sein. So geschmacklos ist Virginia nicht, daß ihr jetzt meine Vernunft Sorgen macht.«

»Doch, doch, Erwin. Sie hat mich geschickt. Sie war bald heftig, bald wieder ganz kleinlaut. Ich dürfe mit den Perlen nicht wieder zurückkommen, sagte sie, und doch hat sie sie erst lang betrachtet, bevor sie alle ins Papier gepackt hat.«

Erwin überlegte. »Was treibt sie jetzt?« fragte er.

»Sie hat geweint.«

»Sie mag weinen. Es ist an der Zeit. Hat sie denn um die Perlen geweint?«

»Um die Perlen? Oh nein. Es sind ja lange nicht alle beschädigt. Sie hat sich aufs Bett gelegt, wie Sie fort waren, und dann war ihr wieder zu heiß, es ist so schwül heut abend, da wollte sie ganz kalt baden, das hab ich nicht erlaubt und hab Wasser auf den Herd gestellt und bin dann zu Ihnen.«

Sie berichtete diese bedeutungslosen Einzelheiten so umständlich, als könne sie sich damit willigeres Gehör bei Erwin erzwingen. »Gehen Sie doch nicht im Bösen von uns,« sagte sie bittend, »ich glaube, sie bereut jetzt.«

»Es ist nicht meine Gewohnheit, Vorteil aus der Reue zu ziehen.«

»Seien Sie jetzt nicht eigensinnig, machen Sie noch einen letzten Versuch«, drängte Frau Geßner, der es zumute war, als hielte sie Virginias Glück in Händen. Auch war sie überzeugt, daß Erwin, wenn er nur wolle, alles noch in die rechte Bahn zu lenken vermöge.

Erwin blieb stehen, bezaubert von einer schrecklichen Eingebung. »Ich muß morgen früh in der Stadt sein«, sagte er.

»So kommen Sie jetzt mit mir –«

»Welchen Zweck sollte das haben? Ich müßte allein mit ihr sprechen können.«

»So gehn Sie allein hin, ich werde hier warten.«

»Sie wird mich nicht einlassen.«

»Wenn Sie ans Tor pochen, wird sie glauben, daß ich es bin, und wird Ihnen aufmachen.«

»Habt ihr nicht zwei Schlüssel? Am einfachsten ist es, Sie geben mir Ihren Schlüssel, denn das Klopfen macht Virginia sicher argwöhnisch.«

»Den Schlüssel? Nein, Erwin; das würde sie mir nie verzeihen. Das wäre auch –«

»Na schön, schön,« unterbrach Erwin hastig, »ich will’s so versuchen. Es ist jetzt halb zehn. In einer Stunde bin ich wieder da und hoffe, Ihnen gute Nachricht zu bringen.«

Voll Vertrauen und Liebe schaute ihn die törichte Frau an. »Wenn Sie eilen, können Sie sie noch vor dem Haus treffen, sie wollte noch ein wenig an die Luft«, sagte sie.

Erwin nickte und ging. Was schwebte ihm vor? Glaubte er noch an die Wirkung von Worten, Gründen, Beteuerungen und Verlockungen? Ihn trieb die Ungeduld, die leidenschaftliche Rachsucht, der wütende Ehrgeiz eines Wettläufers, die Glut und Trunkenheit verletzter Eigenliebe und im Verborgenen seiner Brust ein Gefühl, von welchem Rechenschaft sich zu geben er Scheu trug. Mit dieser ganzen Hölle von Empfindungen überließ er sich dem Zufall.

Den dunklen Horizont umsäumte ein Kranz qualmiger Wolken, in denen fortwährend Blitze zuckten. Zwischen den schwarzen Wiesen und schwarzen Wäldern glitten Fledermäuse geräuschlos und mit unheimlicher Geschwindigkeit hin und her. Erwin begegnete einigen Sommerfrischlern, die sich von Fleischpreisen unterhielten. Aus einem fernen Wirtsgarten schallte eine von der Schwülnis erstickte Blechmusik.

Als er in der Nähe des Häuschens angelangt war, sah er eine helle Gestalt zwischen den Büschen wandeln. Er erkannte Virginia am Gang. Sie blieb bisweilen stehen, als lausche sie. Er wartete, bis sie um die Ecke des Hauses verschwunden war, dann öffnete er das Holztürchen der Umzäunung und verharrte grübelnd, bis sie auf der andern Seite wieder hervorkam. Ich will nicht im Freien mit ihr sein, überlegte er, hier flüchtet jeder Schall. Sie gewahrte ihn nicht. Sie schien in Nachdenken verloren, sie blickte nicht empor. Als sie zum zweitenmal seinen Augen entschwunden war, schritt er eilig durch die offene Tür ins Haus. Die Küche war von flackernden Flammen beleuchtet, kochendes Wasser brodelte auf dem Herd. Er stieg die Treppe hinan und betrat das Balkonzimmer. Dieses war nur matt erhellt durch eine rotbeschirmte Lampe, die auf dem Tisch in Virginias Kammer stand. Auf dem Boden drinnen befand sich eine halbgefüllte, kreisförmige Blechwanne.

Erwin zauderte. Ein Lächeln, das gleichsam brennend war und doch den Zügen mehr Schatten und Trauer verlieh, als je sonst darauf zu sehen war, umspielte seine Lippen. Er schaute sich prüfend um. Er vernahm Virginias Schritt; er hörte, wie sie das Tor schloß und den Schlüssel abzog. Plötzlich, wie voll Angst vor ihrem Erscheinen, trat er hinter den bemalten Ofenschirm und kauerte auf dem Absatz des Ofens nieder.

Virginia trat ein; ihr Schritt war schleppend, sie trug in ihrer Hand einen Krug voll heißen Wassers. Sie ging in ihr Zimmer und stellte den Krug zur Erde. Durch die Fuge zwischen zwei Teilen des Schirms konnte Erwin sie sehen. Sie ging auf und ab, sie schien unruhig. Sie öffnete das Fenster, dann schloß sie es wieder. Dann setzte sie sich in den Sessel vor dem Tisch. Sie hatte ein Bein über das andere geschlagen, den Rumpf vorgeneigt und legte den Zeigefinger der rechten Hand quer über die Lippen. An dieser Haltung bewegte ihn die Einfachheit und Innigkeit auf das unerwartetste. Sein Herz fing an zu klopfen wie ein Hammer.

So verweilte sie ziemlich lange. Das Profil ihres Antlitzes schimmerte wie Silber. Endlich erhob sie sich. Sie zog einen Schal von den Schultern und seufzte wie unter der Last der Gewitterschwüle. Nun verlor er sie. Er hörte das Rascheln ihrer Gewänder und wie sie ihre Schuhe wegstellte. Er zitterte am ganzen Körper, sogar seine Kinnlade begann zu zittern, und auf einmal sah er sie wieder, eine andere, oder den innersten Kern von ihr, das herrliche Geheimnis, mit dem sie auf Erden wandelte. Gleich einem rätselhaft leuchtenden Ding stand sie ohne jegliche Hülle im Lichtstrahl der Tür; wie ein Wesen, das im Augenblick zuvor erschaffen ward, gab sie ihre goldene Haut der kaum gekühlten Luft preis, die den dunklen Honig ihrer Haare schlürfte und den von Blut und Atem bebenden Kontur ihres Leibes wie mit einem Meißel rein hervortrieb.

Der Anblick eines nackten Menschenkörpers gewährt dem Auge selten Befriedigung. Erwin hatte es oft erfahren, daß die Schale mehr versprach, als die Frucht erfüllte. Doch alle Erinnerungen starben an dem Jubel dieser Vollkommenheit. Der ruchlose Späher verwandelte sich zum ergriffenen Anbeter; ein bewunderungsvoller Laut entfloh aus Erwins Lippen, seine Augen waren naß, er war seiner nicht mehr mächtig, als er das schützende Versteck verließ, aber als er dann die Bedeutung seines Tuns ermessen konnte, so schnell, wie bei ihm der Weg vom Antrieb zur Erkenntnis war, prallte er bestürzt, schweigend und kraftlos inmitten des Zimmers zurück.

»O – Gott!« rief Virginia in zwei jammervollen Tönen, von welchen der zweite um eine Oktave tiefer klang als der erste. Huschend, mit einem seltsam überstürzten Hauchen des Atems lief sie auf ihr Lager zu, warf sich hinein und zog die Decke über sich. Nun kauerte sie mit dem Gesicht nach unten, zuckend, röchelnd, ganz zusammengeduckt, und jedes einzelne Glied ihres Körpers wünschte den Tod.

Der Todesseufzer der Schamhaftigkeit drang bis zu Erwins Ohren. Er selbst zitterte noch. Aber die Wirklichkeit verlor ihre Schwere. Sie wurde ein Duft und ein Gleichnis. Aus der Betrachtungsferne ergab sich Überlegenheit, in der Lust des Schauens verhallten die Stimmen der Schuld.

Worte vermochten hier nichts mehr. Er lehnte am Türpfosten, indes Virginia in ihr Lager gewühlt war wie ein Stieglitz in sein Nest. Sie streckte den Arm gegen ihn aus, schüttelte ihn krampfhaft und flüsterte: »Fort! Fort! Fort!«

Er wandte sich zum Gehen. Er zögerte, er kehrte um, Virginia flüsterte abermals mit immer noch ausgestrecktem Arm: »Fort! Fort!« Und kaum stand er auf der Schwelle, so schluchzte sie mit eigentümlich schmelzenden Lauten in sich hinein.

Erwin lächelte. Nun war alles entschieden, nun gehörte sie ihm, und obwohl er den Grund davon nur dunkel ahnte, war es ihm, als blickte er in die tiefsten Tiefen der Schönheit und der Unschuld.

Er beugte sich über sie und sagte mit schmerzlicher Zärtlichkeit: »Leb wohl, Virginia. Gute Nacht, Geliebte. Immerfort will ich an dich denken, du schönste von allen Frauen der Welt. Ohne dich bin ich nur ein Schatten. Leb wohl, leb wohl.«

Dann ging er fast lautlos. Aber Virginia, als sie die Stille merkte, richtete sich auf. Mit den Händen die Brust bedeckend, das beinahe entseelte Gesicht lauschend, feurig bleich emporgewandt, rief sie: »Erwin!« Und wieder, willenlos und jammernd: »Erwin!«

Sie fiel in die Kissen zurück, und eine erbarmende Ohnmacht nahm sie auf.

Gefangenschaft

Schon im Sommer hatte Erwin eine Einladung der Gräfin Thurn-Reichenstein angenommen, die letzten Septembertage auf deren Gut in Mähren zu verbringen. Als er jetzt in die Stadt zurückkehrte, fand er eine Absage vor, die schlecht begründet war; durch einen Krankheitsfall in der Familie sei man verhindert, Gäste zu empfangen, hieß es. Dies stellte sich bald genug als unwahr heraus; er traf einen Bekannten von der französischen Botschaft, der eben im Begriff war, auf das Gut der Gräfin zu fahren.

Am selben Vormittag ging er zur Baronin Resowsky. Auf den Schlag, der dort gegen ihn geführt wurde, war er durchaus nicht vorbereitet. Frau von Resowsky ließ sich verleugnen. Frau von Resowsky war für die gute Gesellschaft das Barometer der Meinungen. Von ihr nicht empfangen zu werden, war eine Art von Todesurteil.

Erwin besuchte den Klub. Man begegnete ihm mit frostiger Zurückhaltung. Wohin er kam, dieselbe Veränderung. Selbst Leute dritten Ranges behandelten ihn von oben herab. Er stellte einen dieser Herren zur Rede: man war unschuldig, man wußte von nichts, man zuckte die Achseln. Doch das Getuschel wagte sich bald aus der Verborgenheit hervor. Es erwies sich, daß die Geschichte von dem fingierten Duell neuerdings umlief und jetzt zur allgemeinen Kenntnis gelangt war. Man hatte sich darüber lustig gemacht; das Gelächter wirkte zerstörender als die Entrüstung und das Schweigen seiner Freunde. Ein elender Schmierant, dessen Beruf es war, in den Vorzimmern der großen Welt zu schnüffeln, brachte das Histörchen in pikanter Zubereitung in ein Wochenblatt und erfrechte sich sogar, die Person Virginia Geßners, nicht mit Namen, aber in deutlicher Umschreibung, durch seinen Sud zu beschmutzen. Damit war Erwin vollends gerichtet.

Er gab sich nicht verloren, trotzdem ihm der Ekel bis an den Hals stieg. Er ging, mit der Reitpeitsche in der Hand, in die Redaktion jener Zeitung und forderte Widerruf. Seine Entschiedenheit, seine knirschende Ruhe flößte den Herrschaften Angst ein; sie wichen aus, sie versprachen schließlich, sein Begehren zu erfüllen. Der Widerruf erfolgte nicht; im Gegenteil, man hängte der Komödie einen Epilog an, durch den sie noch eine Würze erhielt. Erwin nahm sich zusammen. Er bedurfte keiner Bemäntelung seiner Schuld, um den Abscheu zu vermindern, den er fühlte. Die Gewohnheit, unter Menschen zu leben, die man geringschätzt, erübrigt Selbstvorwürfe und entschuldigt jede Verfehlung. Er glaubte verachten zu dürfen, denn er war stets der Meister gewesen und hatte durch unbegrenzte Verschwendung den Anspruch auf unbegrenzte Nachsicht in sich genährt. Er sah sich mit Undank belohnt und zeigte die Miene eines Timon. Zunächst hatte er den Plan einer Reihe von Herausforderungen erwogen. Das Mittel war unbequem, weil es ihn zwingen konnte, die Stadt zu verlassen, und weil es zu lärmend war.

Im Verlauf seiner Nachforschungen, um den Urheber des gegen ihn angezettelten Skandals zu entdecken, stieß er bald auf den Namen Sixtus von Flügels. Sixtus von Flügel war ungeachtet seines gegebenen Wortes zurückgekehrt. Marianne hatte damals Frau von Resowsky nach Erwins Anweisung aufgeklärt, aber Sixtus hatte erfahren, daß er als Strohmann aufgestellt war, und hatte die Gelegenheit wahrgenommen, endlich Rache zu üben.

Aber wie durfte er es wagen? fürchtete er nicht den Gegenschlag seines Feindes? Hatte er von Marianne nicht genug Geld erhalten? War Marianne unvorsichtig gewesen? Marianne, die seine Frau war?

Diesen Gedanken konnte er nicht zu Ende denken. Die Dinge wuchsen ihm über den Kopf. Er war nicht mehr der Mann, der er noch vor Wochen gewesen. Er wankte, er griff um sich, er war rastlos, er verlor die Sicherheit, er hatte Mühe, in seinen Verfügungen klar zu bleiben. Zu allem Übel kam hinzu, daß sich sein Vater in der letzten Zeit unheilvoll bloßgestellt hatte. Die kleine Christie Martens hatte es wirklich verstanden, ihn seiner alten Freundin abwendig zu machen. Er war nun genötigt, den schmachtenden Liebhaber und etwas wie einen lebendigen Geldsack vorzustellen. Die Martens, eine schlechte Komödiantin auf der Bühne, doch eine desto abgefeimtere im Leben, bezahlte ihre Schulden und hatte eine elegante Wohnung. Das Alter hatte Michael Reiner nicht verhindert, seine Leidenschaft vor aller Welt zur Schau zu tragen. Er hatte sich lächerlich gemacht. Man erzählte sich, daß er nächtelang vor der Tür des Mädchens winselte, während Christie ihre Liebhaber bei sich hatte. Es war Stadtgespräch. Erwin schäumte vor Zorn, aber er schreckte davor zurück, seinen Vater zur Vernunft zu bringen. Die giftige Lockspeise hatte er selbst zubereitet, er hatte weder Kraft noch Zeit, um den Arzt zu spielen. Der Vater kam nicht zu ihm, er schämte sich offenbar, er grollte ihm vielleicht und betrachtete sein Tun als Betäubung, als einen Ausgleich gegen das Schicksal der Frau Engelhardt, die aus Kummer zum Morphium gegriffen hatte und durch Morphium dem Wahnsinn nahe war. Es hatte mit der einen Torheit Michael Reiners sein Bewenden nicht; Erwin erfuhr, daß sich sein Vater plötzlich in waghalsige Spekulationen gestürzt, und daß er in den letzten Monaten über dreieinhalb Millionen an der Börse verloren hatte.

Auch dagegen hätte etwas geschehen müssen. Erwin verschob es. Es waren zu viele Stricke um seinen Fuß gelegt. Er hätte noch drei Millionen hingegeben, wenn er die Demütigung hätte vergessen können, die er durch Frau von Resowsky erlitten. Er schrieb der Baronin einen seiner unwiderstehlichen Briefe. Er deckte mit ironischer Freiheit das Gewebe der Verleumdungen auf, schilderte das Treiben seiner Gegner mit der Laune des Stärkeren und malte eine so leuchtende Leidensgloriole um sein geschmähtes Haupt, daß ihm Frau von Resowsky sogleich antwortete, er möge zu einer bestimmten Stunde zu ihr kommen.

Er atmete auf. Er war des Einflusses und der Wirkung seiner Person sicher. Daß man ihn rief, war schon ein Triumph. Jedoch es kam alles anders. Und wenn er geglaubt hatte, noch nicht einmal einer Stunde zu bedürfen, um aus einer argwöhnisch gewordenen Freundin eine bereuend überzeugte zu machen, so brauchte Frau von Resowsky, eine Dame, die in allen zweifelhaften Fällen mit schroffer Entschiedenheit zu handeln gewohnt war, keine Viertelstunde zu der Einsicht, daß sie betrogen und folglich beleidigt worden war, woraus allerdings für Erwin eine Niederlage und ein Rückzug ohne gleichen entstand.

»Sie werden mir volles Vertrauen schenken, Erwin, nicht wahr?« bat Frau von Resowsky.

»Insoweit ich dadurch keinen Vertrauensbruch begehe, mit Vergnügen, Baronin.«

»Es ist merkwürdig,« sagte Frau von Resowsky kopfschüttelnd, »wenn Sie bei einem sind, möchte man durchs Feuer für Sie. Hat man Sie eine Weile nicht gesehen, so traut man Ihnen Dinge zu wie dem Schlimmsten nicht.«

»Schade, Baronin, das wäre ja ein Bankrott des guten Geschmacks. Das Rätsel erklärt sich durch den Überschuß von Moral, an dem wir alle leiden wie an einer Art von geistigem Diabetes, und dem Unvermögen, auch nur einen geringen Teil davon tätig auszulösen.«

»Kommen wir zur Sache. Marianne von Flügel hat mir seinerzeit mitgeteilt, daß Sie sich mit ihrem Bruder geschlagen hätten. Ich habe dafür gesorgt, daß die dummen Gerüchte, die schon damals begannen, zum Schweigen gebracht wurden. Jetzt kommt Herr von Flügel und behauptet, er hätte niemals ein Duell mit Ihnen gehabt. Das ist doch unbegreiflich.«

»Ich bin erstaunt, Baronin, daß Sie die lügnerischen Umtriebe dieser Leute ernst nehmen. Ich habe mich allerdings niemals mit Herrn von Flügel geschlagen.«

»Also ist Marianne nicht in Ihrem Auftrag zu mir gekommen?«

»Durchaus nicht.« Nur Zeit gewinnen, dachte Erwin, nur Zeit.

»Das gibt der Sache natürlich ein anderes Gesicht«, sagte Frau von Resowsky, indem sie zu einer kleinen Tapetentür schritt und öffnete. »Herr von Flügel!« rief sie hinein, »ich bitte.«

Sixtus von Flügel trat ins Zimmer und heftete die Augen, die in seinem schwarzbleichen Gesicht tückisch brannten, auf Erwin.

Erwin sprang empor, prallte zurück, gewann aber gleich wieder seine Fassung. »Ah – reizend!« sagte er mit finsterem Blick gegen Frau von Resowsky und küßte seine Fingerspitzen; »eine Konfrontation, wie?«

»Ja, in Ihrem eigenen Interesse«, erwiderte die Baronin ziemlich scharf; »sonst wird die Wahrheit im Maul von Allerwelt zerstückt.«

»Ich habe mit diesem Herrn nichts zu schaffen.«

»Das ist kein Argument.«

»Ich brauche keine Argumente. Vielleicht ist alles eine Erfindung von mir. Glaubt man mich decouvriert zu haben, wenn man gemerkt hat, daß ich den Sumpf zu Schaum schlage? Man will mich bei meinen Handlungen fassen? Ich bin nicht bei meinen Handlungen zu fassen, höchstens noch bei meinen Gedanken.«

»Herr von Flügel, ich bitte sich zu rechtfertigen,« sagte die Baronin unbeirrt, »Doktor Reiner versichert mir, Ihre Schwester sei nicht in seinem Auftrag zu mir gekommen.«

»Dann lügt Doktor Reiner«, erwiderte Sixtus von Flügel dumpf und mit haßerfüllter Freude.

Erwin begann zu zittern. Es stand ihm der Atem still. Er sah, daß er sich verrechnet hatte. Er machte eine Bewegung, als wolle er sich auf den Beleidiger stürzen. Seine Wangen hatten eine fahlgrüne Färbung, seine Augen drehten sich in die Winkel. Frau von Resowsky trat zwischen beide und sah abwechselnd den einen und den andern an. Erwin hatte plötzlich das Gefühl, als müsse er den Gegner anflehen zu schweigen, aber das gefürchtete Wort war nicht mehr abzuwenden. »Dann lügt Doktor Reiner,« wiederholte Sixtus von Flügel, »und das ist um so schändlicher, als meine Schwester Marianne seine Frau ist. Er hat sich heimlich mit ihr trauen lassen. Sie sehen also, Baronin, daß Herr Doktor Reiner uns näher steht, als er glauben lassen will. Ich hätte den Wunsch meiner Schwester um Verschwiegenheit geachtet, wenn Herr Doktor Reiner den Namen meiner Schwester respektiert hätte.«

Frau von Resowsky blickte Erwin mit einem Ausdruck kalter Verwunderung an. Sie zuckte die Achseln und machte eine kleine, abfertigende Gebärde. Erwin lachte. »Ich werde die Ehre haben, Baronin, Ihnen über diese Verwicklungen zu einer andern Zeit Aufschluß zu geben«, sagte er gelassen, spürte jedoch dabei, wie sich der Boden unter ihm im Kreis drehte; zu Sixtus von Flügel gewandt, fügte er hinzu: »Wir treffen uns noch.«

»Ich brauche keinen Aufschluß mehr«, entgegnete Frau von Resowsky mit verächtlich zuckenden Lippen.

»Sie tun mir unrecht, Baronin, und Sie werden es zu spät erkennen!« rief Erwin so stolz, dringlich und feierlich, daß Frau von Resowsky stutzig wurde und ihm unschlüssig nachschaute, als er ging.

Er stürmte auf die Straße. Sein erster klarer Gedanke war: jetzt zu Virginia. Es war an der Zeit. Er wußte, daß sie am gleichen Tag wie er in die Stadt zurückgekommen war. Er empfand es durch Luft und Ferne, daß sie ihn rief. Es war an der Zeit, dem Ruf zu folgen. Sein Wille umspannte sie wie ein eiserner Ring den Hals eines Adlers. Sie mußte dem Gischt des Geredes, das zu gewärtigen war, entzogen werden. Er bangte, er lechzte nach ihr. Und wenn er alles verlor, Ehre, Freundschaft, Geld und Leben, =sie= mußte er gewinnen. Er liebte sie nicht. Er würde sie niemals lieben. Es war zu spät, um zu lieben. Ein dringenderes Gebot befehligte ihn.