Part 22
Was soll ich tun? überlegte er; ich habe keine Beschäftigung. Was reizt mich noch? Nichts. Die Menschen werden mich wie einen Aussätzigen meiden. Was soll ich mit den Stunden anfangen, die vor mir liegen, den zahllosen Stunden? Ihn ekelte vor allem, was er rings um sich sah, vor den Wänden, den Möbeln, den Bäumen, den Wolken und vor der Sonne.
Er begann seine Briefe und Hefte zu ordnen. Viele Papiere warf er in den Kamin und verbrannte sie. Plötzlich gewahrte er auf einem Stoß von Büchern einen noch uneröffneten Brief, dessen Umschlag die Handschrift seines Vaters zeigte. Der Brief lag, von Erwin nicht beachtet, schon seit dem gestrigen Abend da. Jetzt riß er ihn auf und las:
»Mein lieber Sohn! Man hat sich bei mir heute mehrmals nach deinem Aufenthalt erkundigt. Ich konnte natürlich keine Auskunft geben, habe ich dich doch seit vierthalb Monaten nicht einmal gesehen. Den Andeutungen nach zu schließen, bist du in schlimme Geschichten verwickelt, und meine Pflicht wäre es vielleicht, dich zu suchen und persönlich zu beraten. Könnte ich in dir nur einen Funken Vertrauen voraussetzen, so würde mich nichts daran hindern, obwohl mein eigener Zustand der mißlichste von der Welt ist und ich dich, mein eigenes Kind, von der Verelendung meines Lebens zu meinem Kummer nicht freisprechen kann. Vorwürfe sind nicht mehr an der Zeit. Ich bin gerichtet. Ich habe den Glauben an dich verloren, und um den zu ersetzen, weiß ich nicht, was in meinem Alter noch zu gewinnen wäre. Ich frage mich um meine Verschuldung; wenn es eine Verschuldung ist, als Vater mit einem von der Verachtung zertretenen Herzen vor dem Sohne dazustehen. Es gibt keinen Tag in meinem Leben, an dem du mich nicht zurückgestoßen und deine Geringschätzung hast fühlen lassen. Nun ist’s ja wahr, es ist heutzutage ein wildes und anmaßendes Geschlecht in die Binsen geschossen, ein unbedenkliches Geschlecht in jeder Beziehung. Aber wer hat euch dazu gemacht? Wer hat alle die verzwickten und rücksichtslosen Neigungen so lange großgehätschelt, bis sie zu schändlichen Verlotterungen geworden sind? Wer hat euch das teure Ich so hoch im Preis geschraubt, daß ihr euch für zu kostbar haltet, um die ganz ordinären Menschenpflichten zu erfüllen? Wir! Wir Alten! Wir gar zu bedachten Väter und Mütter! Wir, die eure Vorsehung spielen wollten, wir, die immer ein Schock Ausreden erfunden haben, um eure Versäumnisse, Perfidien, Verlogenheiten und euren Mangel an Pietät mit schönklingenden Titeln zu belegen, so daß sich ein ehrlicher Kerl wahrhaftig schämen mußte, ein ehrlicher Kerl zu sein. Eure selbstverständliche geistige Betätigung haben wir als ein Wunder betrachtet, eure Frechheit für Freiheit, eure Respektlosigkeit für Unabhängigkeit, eure Gottlosigkeit für Mut, eure Genußsucht für Lebenskraft ausgegeben. Wir haben es an Unbefangenheit fehlen lassen, wenn ihr mal was Anständiges geleistet hattet, wir haben es versäumt, euch im Zutrauen gegen eine höhere Kraft zu unterweisen, wir haben mit den Zähnen gescheppert, wenn ihr mit Halsweh nach Haus gekommen seid, und statt der Furcht vor Gott, die eine ungebildete Zeit uns Kindern noch eingeimpft hat, habt ihr nur die Furcht vor Bazillen gelernt, und ihr habt nun kein Gebrechen mehr, von dem ihr nicht ganz genau wißt, woher es gekommen und wie es entstanden ist. Das hat euch so lieblos gemacht. Es macht lieblos, die Gründe von allem zu wissen, was noch bis gestern unerforschlich war. Die allgemeine Stimmung hat es so mit sich gebracht, ich weiß es, der wirtschaftliche Aufschwung, das Wohlleben und endlich der Rückschlag gegen die bürgerliche Enge, in der wir selber aufgewachsen sind. Deshalb habt ihr keine Vorurteile mehr, ihr jungen Leute, und ihr seid stärker als wir, denn ihr habt kein Herz. Daß ich mir über diese Dinge klar geworden bin, mußte ich dir mitteilen, ich bereue es nicht, es hat mich lange genug gequält, ich werde es nie bereuen. Ich darf es wagen, nicht bloß weil ich dein Vater bin, ein Amt, von dem ich mehr Gram als Freuden geerntet habe, sondern weil du eines vor mir voraus hast, um das ich dich beneide und zu dem ich dir gratuliere: die Jugend. Es ist eine wunderbare Sache um das Jungsein, mein lieber Sohn, eine unbeschreiblich wunderbare Sache, und das weiß man leider erst, wenn man alt ist. Und damit ist schließlich alles gesagt, für dich, für mich, gegen dich und gegen mich. Erinnere dich bald deines Vaters Michael Reiner.«
Erwin legte den Brief gleichgültig beiseite. Nicht schlecht stilisiert, dachte er, das könnte mich zwingen, ihm Rede zu stehen. Er warf das Schreiben ins Feuer, dann entnahm er dem Bankbuch einen Scheck, schrieb eine Anweisung auf fünfzigtausend Kronen und schickte diese durch Wichtel an den Grafen Palester. Zwei Stunden später kam Wichtel zurück. In dem Kuvert lag der Scheck, mitten entzweigerissen.
Selbst dies flößte Erwin keine Teilnahme mehr ein. Wo er ging und stand, sah er immer nur sie; immer nur Virginia; immer nur das besondere, edle, wahre und angenehme Gesicht. Er sah sie in einer Haltung zwischen Fliehen und Verweilen, mit dem zagen, nymphenhaften Schwung der Schultern wie bei griechischen Statuen. Er sah ihre Züge verträumt, sah sie angemessen dem Gespräch, lieblich in der Freude, maßvoll auch im Schmerz.
Er sah sie als Tänzerin hinschweben durch die von ihr beseelte Luft und mit Blumen im Haar in einer Mondlandschaft; er sah sie zusammengebrochen im Weinen, aufgerichtet im Zorn mit purpurnen Schläfen, sinnend in mädchenhafter Melancholie, lauschend, wenn Musik ertönte, nachsichtig lächelnd, wenn Bewunderung unbescheiden wurde. Er befühlte den Sammet ihrer Haut, die kühlen, langen Hände und vernahm das Knistern ihres Kleides, wenn sie adelig und ohne befangene Gebundenheit schritt. Er spürte den bildsamen Geist, das großmütige Herz, alles was treu, mutig, opferfähig und wesentlich an ihr war, und als ob ein Schwert durch die Luft vor ihm niedersauste, empfand er nur das eine: Unerreichbar.
Er lag ausgestreckt und murmelte mit trockenen, aber glühenden Lippen: »Virginia! Schwester! Geliebte!«
Er hatte einen silbergefaßten Spiegel in der Hand; es war derselbe, in den sie einst geschaut, als sie zum erstenmal das Perlenband um den Hals genommen. Er suchte ihr Bild darin, die Sehnsucht folterte ihn, ein neues Gefühl; er suchte ihr Bild, erblickte aber nur ein Gesicht, das häßlich und abstoßend war wie das eines alten, verkommenen Weibes. Ferner sah er ein Wort, mit Blut geschrieben, furchtbar aus zerteiltem Nebel flammend: Unerreichbar.
Doch wie, war das nicht ihr Antlitz? Die leichte Stirn, der umbrisch milde Mund, die Nase ohne Beben in den Flügeln, die Augen mit dem Bernsteinglanz über den Wimpern? Aber hinter den honigfarbenen Haaren stieg ein Totenkopf herauf, das Gesicht eines alten, verkommenen Weibes, kupplerisch grinsend, wollüstig und wild.
Es wurde Abend. Die feuchte Oktoberluft roch nach verwelkten Blättern. Wie Felsblöcke stürzten die vielen Stunden, durchlebte und noch zu durchlebende, auf seine Brust herab, um ihn noch mehr zu quälen, als das was er Sehnsucht und Liebe nicht zu nennen wagte aus Angst vor völliger Zermalmung. Ixion, der die Hera in der Wolke umarmte, ward in den Tartarus geschleudert, wo ihn Schlangen an ein Rad fesselten, das vom Sturmwind in ewigen Kreisen umgetrieben wurde. Er verglich sich mit Ixion, doch der gebildete Trost trog ihn nicht lange. Die Wolke, nach der er gegriffen, war nicht göttlichen Ursprungs; ein Dämon hatte Schaum und Gischt erzeugt, der Dämon eines sinnlosen, sinnlos bewegten, leeren, nutzlosen und entgötterten Lebens.
Im Anfang hatte er vielleicht eine Seele besessen, eine Seele wie Virginias, von gleicher Kraft und gleicher Wahrheit. Wo war sie hingeraten, diese Seele? Hatte der Wille sie verzehrt? hing sie an den zahllosen Seiten gelesener Bücher? hatte die unersättliche Gier nach Selbstgenuß sie aufgefressen? die Einsamkeit, oder das, was er so nannte? die zärtlichen, tiefen, starken, verbindlichen, kalten und berechneten Worte sie verschwendet? Wird man Rechenschaft von ihm fordern, wie Ulrich Zimmermann gesagt, so wird man seine Tage wägen; prüfen und zählen die Tage, die so köstlich in langer Reihe dastanden, voll von Schätzen und Zierat, erfüllt von Kunst, von Philosophie, in weiser Ordnung verwaltet, aber finster, blutlos, stumm und leer. Das Haus war leer, nur tote Schätze darin. Und der Herr? Wie hieß er doch? Das Unding an sich; das Inkonstante.
Er lachte bitter. Die Philosophie trat in Funktion. O Unerreichbare! Schwester! Geliebte!
Von dem Bedürfnis getrieben, sich umzukleiden, sich irgendwie zu verwandeln, zog er einen schwarzseidenen Schlafrock an und Sandalen aus Rehleder. So schritt er, altertümlich und fürstlich anzusehen, dunkel und geheimnisvoll in seinem eigenen Haus, von Raum zu Raum.
Ein Wortwechsel vor der Tür ließ ihn aufhorchen. Wichtel suchte jemand begreiflich zu machen, daß sein Herr nicht zu sprechen sei. Dieser jemand gab sich aber nicht zufrieden, worauf Wichtel ängstlich hereintrat. »Das Fräulein von Flügel«, meldete er.
Erwin stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus.
»Das Fräulein von Flügel, gnädiger Herr.«
»Lassen Sie das nur«, erschallte eine helle, gebietende Stimme, und Marianne stand vor Erwin, der sich träg umgedreht hatte. Wichtel entfernte sich.
Marianne trug einen langen, grauen englischen Reisemantel und einen der gewaltigen Modehüte mit einem Schleier, der bis zu den Knien reichte. Ihr Gesicht war etwas gelblich, spitz und verhärmt. Eine heftige Gespanntheit verriet sich in ihrem Wesen, und ihr Auge hatte die Entschlossenheit eines Menschen, der nach reiflich überlegtem Plan handelt.
»Ich komme direkt vom Bahnhof«, sagte sie, indem sie mit flatternden Bewegungen die Handschuhe abstreifte und auf einen Sessel warf; »du begreifst, daß ich nicht Lust habe, lang zu antichambrieren. Wie du siehst, habe ich mich selbst vom Exil ledig gesprochen. Es muß ein Ende haben, so oder so. Auf Takern zu krepieren vor Wut und Stumpfsinn, dazu bin ich mir noch zu gut.«
Erwin schaute Marianne von oben bis unten an, lehnte den Kopf ans Fensterkreuz und schloß müde die Augen.
»Die Frist ist abgelaufen«, fuhr Marianne fort, und in der zunehmenden Erregung überstürzten sich ihre Worte; »ich frage dich, was du mit mir vorhast und ob du noch länger gesonnen bist, wegen einer hergelaufenen Dirne eine Spottfigur aus mir zu machen.«
Erwin sah sie wieder an, seine Stirn rötete sich flüchtig, dann blinzelte er, schloß abermals die Augen und verschränkte die Arme auf dem Rücken.
»Auch ich habe ein Recht auf Glück«, rief Marianne, und plötzlich holte sie eine Pistole aus der Manteltasche; »wenn du auch findest, daß das eine Phrase ist, wie dir jedes Gefühl eines andern Phrase ist, ich lasse mich nicht als Kehricht vor deine Türe werfen, und du mußt wählen, ob du ehrenhaft mit mir verfahren willst oder –« Sie stockte, denn Erwin lächelte sie an.
»Oder?« fragte er mit dem unerwarteten Lächeln.
»Es liegt mir wirklich nichts mehr am Leben«, sagte Marianne finster, ließ jedoch matt den Arm mit der Waffe sinken.
»Wie kann man sich so abgeschmackt benehmen, liebes Kind«, entgegnete Erwin und löste die Pistole sanft aus Mariannes Hand. Dann schaute er prüfend in den Lauf und fragte: »Galt sie mir oder galt sie dir? Na, – aufrichtig!«
Marianne schwieg. Erwin schob die Pistole in die weite Tasche seines Schlafrocks. »Du kennst von alters her meine Neigung, einem Trauerspielakt eine freundliche Wendung zu geben«, fuhr er fort; »und so wollen wir’s auch diesmal halten. Ich liebe nicht die tragischen Schlüsse, schon weil sie zumeist peinlich und banal sind. Ich gebe zu, daß es kein Vergnügen war, drei Monate auf Takern zu schmachten. Du hast deine Jours entbehrt, deine Nachmittagsstündchen bei Demel, deine Spaziergänge auf dem Graben, das hat dich in eine phantastische Laune versetzt. Aber du kannst es nachholen. Du stehst noch in der Blüte der Jahre.«
»Erwin,« unterbrach ihn Marianne mit dringlichem und beinahe feierlichem Ton, »danach steht mir der Sinn nicht mehr. Ich glaube, du würdest mit mir zufrieden sein. Wir beide könnten aus unserm Leben noch etwas machen, denn ich ... wie soll ich es sagen, ich ... o Gott!« An der Schwelle des Geständnisses vergingen ihr vor seinem fremden Blick die Worte. Diese Lippen, die gewohnt waren, das Heilige wie das Profane mit gleicher Kühnheit auszudrücken, verschlossen sich zum erstenmal vor dem einfachen Laut der Natur.
»Mag sein,« antwortete Erwin, »obwohl das eheliche Leben momentan keine Verlockungen für mich hat. Im Grund bin ich ein Nomade. Ich liebe es nicht, die Küchenzettel schon am Morgen zu erfahren, und will nicht wissen, daß sich die Köchin betrunken und das Stubenmädchen einen Schatz hat. Daran scheitern die meisten Ehen. Doch ich mache dir keinen Vorwurf daraus, daß du gekommen bist, im Gegenteil, ich möchte dich bitten, mir einen Dienst zu leisten.«
Marianne hatte ihren Mantel ausgezogen. Sie schaute Erwin fragend an. Er blieb vor ihr stehen und fuhr fort: »Sieh mich genau an und sage mir, ob du eine Veränderung in meinem Gesicht entdecken kannst.«
»Nein; nicht im geringsten«, versetzte Marianne erstaunt.
»Sieh mich ganz genau an.«
»Aber nicht im allergeringsten, Erwin«, versicherte Marianne mit wachsendem Erstaunen über seine Fragen.
»Gut, Marianne; ausgezeichnet. Hör zu. Ich gehe jetzt in das Zimmer hier nebenan und werde eine kleine Umgestaltung mit mir vornehmen. Du brauchst höchstens drei Minuten zu warten; wenn ich fertig bin, ruf ich dich, und du wirst dich vergewissern, ob auch dann keine Veränderung in meinem Gesicht bemerkbar ist. Willst du das tun?«
»Natürlich will ich es tun. Aber erklär’ mir doch –«
»Nichts, nichts. Kein Aber. Die Erklärung folgt später. Einen Augenblick Geduld also.« Er küßte ihr dankend und galant die Hand und verließ mit Schritten ohne Hast das Zimmer. Wie wunderlich er ist, dachte Marianne, der es beklommen zu Mut wurde.
Auf einmal krachte ein Schuß. Aufschreiend lief Marianne ins Nebenzimmer. Erwin saß in einem Sessel mit vergoldeter Lehne. Auf einem Tischchen vor ihm befand sich ein Spiegel. In der herabhängenden Hand hielt er die Pistole, die er Marianne weggenommen. Aus einer kaum wahrzunehmenden Wunde in der rechten Schläfe sickerte ein wenig Blut. Er hatte sicher gezielt und gut getroffen. Sein Gesicht wies keine Verzerrung auf; es war schön wie eine Maske.
Manfred
Es war halb zwei Uhr in der Nacht, als die immer noch bewußtlose Virginia vom Wagen in Frau von Resowskys Schlafzimmer getragen wurde. Eine Viertelstunde später kam der Arzt. Da er eine Diagnose der nahenden Krankheit noch nicht stellen konnte, empfahl er die sorgfältigste Schonung und Pflege. Frau Geßner, die im Hause der Baronin auf den Ausgang der nächtlichen Expedition gewartet hatte, saß verzweifelt am Bette.
Virginia sah Treppen; schroff ansteigende einer weißen Wendelstiege, flache einer geeckten Holzstiege, und Treppen eines Turmes, auf denen Menschen ohne Arme gingen. Über unzählig viele Treppen rollte ein feuerglühendes Rad herunter und drang wie ein geschliffenes Messer mitten in ihre Brust. Gleich darauf kamen Scharen von Menschen auf sie zu und erkundigten sich nach ihrem Befinden, aber sobald sie antwortete, zeigte sich Entrüstung und Verachtung auf allen Mienen. Sie wiesen mit den Fingern auf sie; anfangs schlug sie nur die Augen nieder, das Herz voll bitterer Kränkung, dann floh sie in eine Regennacht hinaus. Ein Wagen rast einher, dessen Räderspeichen aus Flammen bestehen, und oben sitzen frech gekleidete Mädchen, welche unverständliche, doch schamlose Lieder singen. Irgendwer will sie überreden, mitzusingen; dies bereitet ihr den größten Schmerz, und sie gewahrt Ulrich Zimmermann und den Grafen Palester, eilt auf sie zu und bittet flehentlich um einen Mantel. Die beiden wenden sich schweigend ab, klettern die Stufen der weißen Wendelstiege empor und werfen viele Briefe in das brennende Ofenfeuer.
Wird es Tag? Ist dies graue, zerstreute Licht Tageslicht? Wie kann es aber so schnell wieder Nacht werden? Sie schleppt sich über eine leere Straße, traurige Menschen sitzen in der Ferne unter einem Baum und winken ihr. Sie kann jedoch nicht kommen, denn sie braucht erst einen Mantel. Einen Mantel! ruft sie weinend, einen Mantel! Man beschwichtigt sie, sie spürt etwas sehr Kaltes auf der Stirn, es scheint ihr dieses ein Schwan zu sein. Ja, ein Schwan ist es, er schwimmt auf ihrer Stirn, und behutsam hält sie sich ruhig, um ihn nicht zu stören. Allmählich sieht sie, daß der Schwan auf seinem Gefieder Rostflecken hat, die wie Schmutz aussehen, und daß er untertauchen will, um sich wieder blendend weiß zu waschen. Sie sträubt sich verzweifelt dagegen, obwohl sie einsieht, daß das Gefieder rein werden muß. Da zucken Blitze über den Himmel, und jeder Blitz öffnet den Einblick in einen tempelartigen erleuchteten Saal. Sie will hinauf, wieder steigen zahllose Treppen empor, aber sie fürchtet sich hinanzusteigen, weil ihre Kleider naß sind. Und wie seltsam nun, der Himmel oben wird zum Meer, die ganze Welt ist umgekehrt, die Wolken verwandeln sich in zartgestaltete Fische, ein Dampfer gleitet lautlos wie der Mond, genau wie der Mond aussehend, und seine Schlote rauchen. Hinter dem Mond ist ein Nachen, in dem Nachen sitzt ein verhüllter Mensch, dessen Hand bisweilen ins Wasser taucht und Tiere hervorzieht, die Blumen gleichen. Es schmerzt sie, daß sie von diesen Blumen zu viele Geheimnisse weiß, in solcher Art, daß die Geheimnisse ihre eigenen sind. Von allen Seiten rufen Stimmen, die Stimme der Mutter schrillt heraus, in verstörter Beeiferung folgt sie den Leuten, die Kerzen tragen, miteinander raunen und lächeln. Sie tut die Augen auf und gewahrt sich selbst in einem weißen Seidenkleid, über welches von allen Seiten parallele Blutstreifen herunterrinnen. Wie kann man das ertragen? denkt sie, und ihre Angst bringt die Kinnlade zum Zittern.
Aber da ist nun der Mantel! Wunderbar gewebt, saphirblau gefärbt, sein Anblick ist Tröstung. Sie entfaltet ihn, und mehr als hundert winzige Schlangen kriechen davon. Plötzlich zeigen sich auf dem Mantel viele Gesichter, gemalte Gesichter, trotzdem lebendige. Aber jedes Gesicht stellt auch eine Landschaft vor; die Augen sind Seen, die Nase ein Berg, die Lippen mit dahinterstehenden Zähnen Tore mit weißen Wächtern, die Stirne ein Schneefeld, die Haare dunkle Wälder. Alle diese Gesichter ballen sich nach und nach zu einem einzigen zusammen, das einen mitleidswürdigen und gräßlichen Ausdruck hat. Sie kennt es, es nähert sich, über eine weiße, weite, endlose Ebene kommt es heran, stumm bitten seine Augen, böse ist der Mund, schmerzlich zucken die Muskeln, da erhebt sich eine Hand und drückt das Gesicht nieder, eine starke Hand, – o Gott, was bedeutet dies! Woher diese Hand? Was für ein namenloses Wohlgefühl! Welche Berührung!
Woher diese sanfte, ruhige, beruhigende Hand? Es ist, als ob etwas Süßes und Wohlschmeckendes auf der Zunge läge und ein Gefühl des Verschmachtens durch diese sättigende Süßigkeit beendet würde.
Sie schlägt die Augen auf. Sie schließt sie wieder, denn sie kann nicht glauben, sie fürchtet, daß die beglückende Erscheinung entschwinde, wenn sie zu lange hinschaut. Es ist Manfred, sie erkennt ihn. Der sekundenflüchtige Strahl des Bewußtseins hat genügt, ihr zu zeigen, daß seine Haut braun ist, sein Mund fest, sein Auge klar, ernst, mild und wissend, und daß er sie liebt, und sie spürt, daß sie erwachen wird, daß das Leben sie wieder besitzt.
Auf Neuseeland hatte Manfred den Brief des Grafen Palester erhalten. Als er den Brief mit den Blicken überflogen hatte, wußte er, daß er bis zu dieser Stunde ein glücklicher Mensch gewesen war.
Es dauerte fünf Tage, ehe das nächste Schiff nach England in See stach. Er lebte sie nicht, diese fünf Tage, er sah nicht mehr, er hörte nicht mehr, er dachte nicht mehr, er aß nicht und schlief nicht. Wer ihn vordem gekannt und ihm jetzt begegnete, erschrak wie beim Anblick eines wandelnden Leichnams. Er war erstarrt. Wüstenreisende kennen ein ähnliches Gefühl, wenn sie vom Wirbelsturm überfallen werden. Er hatte Lust zu morden. Er wünschte zu schreien, so lange sinnlos zu schreien, bis diese fünf Tage, ein Alpdruck, eine schauerlich endlose Kette qualvoller Augenblicke, vorüber waren. Er langte mit den Armen hinaus ins Leere, als ob er die Ferne überbrücken könnte; sein Gehirn war so von Lärm erfüllt, von Anklage, von Selbstbeschuldigung, von streitenden, klagenden Stimmen, daß er nicht auf einer Stelle zu bleiben vermochte, sondern laut sprechend, still tobend sich unstät herumtrieb.
Da geschah es, daß er eines Abends unter arbeitenden Matrosen am Hafen stand und daß unter morschem Balkenwerk hervor ein zottiger Hund auf ihn zulief. Der Hund erhob den Kopf und schaute ihn an mit Augen, die Manfred nie wieder vergaß. Zweifel und Vorwurf waren in den menschlichen Augen der Kreatur. Es war, als fragten die Augen des Hundes: das ist also die Bewährung? Er sah ein, daß er im Begriff war, sich zu verlieren, daß aber dieses das Schlimmste von allem war, denn er mußte sich halten und bewahren. Haben Tausende gedient und sind nicht Herr geworden, der Dinge nicht, der Menschen nicht, ihrer selbst nicht, der Leiden nicht, des Schicksals nicht, an ihn war ein Ruf besonderer Art ergangen, und sollte nicht alles als tauber Schall zerstieben, was in so vielen gesammelten Tagen den Geist zur Bereitschaft geweckt, zur Prüfung gestählt hatte, so mußte er um der tiefsten Ehre willen sich bezwingen.
Mit zugeschnürter Brust, aber äußerlich gleichmütig, betrat er das Schiff. Er schaute Stunde um Stunde hindurch vom Bord ins Meer hinab, und seine Lippen waren eisern geschlossen. Verwunderte, argwöhnische, teilnahmsvolle Blicke trafen ihn, er war fühllos dagegen. Während er einmal so saß, erschallte ein durchdringender Hilfeschrei in seiner Nähe. Ein vierjähriger Knabe hatte unbeaufsichtigt an der Brüstung gespielt, hatte sie überklettert und war in die See gestürzt. Seine Mutter, eine noch junge Frau, hatte es zu spät bemerkt, und ihr Weheruf alarmierte das ganze Schiff. Manfred sah, daß jede Sekunde des Zögerns und Abwartens verhängnisvoll werden mußte, er entledigte sich seines Rockes und sprang ins Wasser. Er schwamm nur mäßig gut, und als er den um sich schlagenden Knaben erreicht hatte, verließen ihn die Kräfte. Man rief und winkte aufgeregt vom Schiff, das sich entfernte, schwer atmend hielt er das Kind und war dem Untersinken nahe, als endlich das Boot kam und ihn und den Knaben barg. Still und erschöpft nahm er die Äußerungen des Dankes und des Jubels an Bord auf. Von da an war der Knabe, den er gerettet hatte, oft in seiner Gesellschaft. Die junge Mutter, die wohl merkte, daß ihn jede andere Annäherung verstimmte, hielt sich fern. Er erzählte dem Kind Märchen und Geschichten; der Knabe saß auf seinem Schoß und lauschte mit großen Augen, indes Manfred den Blick in die Richtung der Fahrt, auf den scheinbar unveränderlichen Kreis des Horizonts lenkte.
Endlich Land! Er telegraphierte, wartete jedoch dann die Antwort nicht ab und fuhr Tag und Nacht im Eisenbahnzug. So erschien die Stunde, wo er unter dem vertrauten Torbogen des Hauses in der Piaristengasse stand. Er fuhr durch vertraute Gassen in eine andere Wohnung, läutete vergebens, fragte vergebens, und ratlos, ohne Schmerz, doch mit ausgefrorener Brust begab er sich zu Palester. Er trat ein, er reichte dem Grafen die Hand, und seine Züge, seine Augen, seine Haltung gaben bei einer übermäßigen Anspannung der Seele solche Festigkeit, Gefaßtheit, Entschlossenheit und wartende Ruhe kund, daß Palester, der ungeachtet seiner phantastischen Geistesanlage durchaus kein sentimentaler Charakter war, Tränen in sich aufströmen fühlte.
Dieses Mannes Hand lag nun auf dem weißen Linnen über Virginias Hand. Die träge Zeit lief wieder ihre alte Bahn.
Die Zeit lief ihren schnellen Gang. Ihr gewohntes Amt, die Wunden der Jugend zu heilen, versah sie mit Umsicht und Gründlichkeit. Großmütig und weise, hatte sie aus Manfred nicht nur einen gesunden Menschen gemacht, sondern auch einen vertrauensvollen, einen, der sein Schicksal im Bewußtsein inneren Gesetzes trug und nicht traumsüchtig der wirkenden Welt sich entfremdete, der zu besitzen vermochte, ohne zu vergeuden, ohne zu geizen, und zu lieben, ohne zu fürchten.
Als Virginia genesen war, reiste Manfred nach Berlin und blieb dort vier Monate lang. Dies geschah auf Virginias ausdrücklichen Wunsch. Sie wollte sich nicht an Manfred hinschmiegen wie eine Bedürftige und wie eine Schutzsuchende; sie wollte nicht in der Betäubung seiner Liebe Geschehenes vergessen, sie wollte Klarheit gewinnen und sich prüfen, ob sie sich so offen und ohne rückziehende Last geben konnte, wie sie wußte, daß Manfred sich ihr gab und wie er es von ihr fordern durfte. Alles bewährte sich mit der weisen und großmütigen Zeit; die Liebe, das frei wählende Gefühl, die edle Tüchtigkeit, die auch in der Leidenschaft wohnen muß, die edle Selbstbestimmung, die gleich dem Saft im lebendigen Holz des Baumes das Leben aus blinder, wurzelhafter Sucht emporträgt in die heitere Sonne.