Part 9
»Vortrefflich, ah, vortrefflich,« rief Erwin belustigt, »jetzt ergreifen Sie schon die Flucht, und wie schlau noch dazu.« Gar nicht schlau, dachte er triumphierend für sich, sie fängt sich ja mit diesem famosen Wort: Richter über uns beide. »In wenigen Wochen können wir Manfreds Bescheid haben,« fuhr er fort, »und dann sehe ich keinen Grund mehr für Sie, eigensinnig zu sein. Manfred kennt mich und weiß, daß er mich beleidigen würde durch jedes Wie oder Warum oder Aber. Eines Tages werde ich seine Einwilligung haben, und ich werde vor Ihnen erscheinen und die Kette um Ihren Hals hängen. Wenn Sie wollen, mit verbundenen Augen.«
Da nun Virginia inne wurde, daß ein wahrhaftiger Ernst hinter all dem steckte und nicht bloß ein versucherisches Spiel, entschwand ihre heitere Sicherheit. Sie schaute bang vor sich hin, das Herz klopfte ihr, und sie wußte nichts mehr zu sagen.
»Freilich, es gibt keinen uneigennützigen Schenker, es gibt kein Geschenk ohne Hoffnung auf Entgelt«, fuhr Erwin mit einer Kühnheit fort, die er nur wagte, weil er es für gefahrloser hielt, sie auszusprechen, als sie der stillen Überlegung Virginias zu überlassen. »Lange genug waren Sie streng und unzugänglich für mich, und alles, was ich verlange, ist Ihre freundliche Gesinnung. Ich bilde mir natürlich nicht ein, diese Gesinnung erkaufen zu können, das hieße niedrig von uns beiden denken. Kein Kauf soll es sein, ein Opfer soll es sein, eine Opfergabe, eine Entäußerung, das ist es, das ist das rechte Wort: eine Entäußerung.«
»Eine Entäußerung?« wiederholte Virginia mechanisch und in beklommener Nachdenklichkeit.
Erwin nahm ihre Hand in die seine, und sie ließ es geschehen. »Schauen Sie mich einmal ganz offen und ohne zurückweichende Befangenheit an, Virginia«, bat oder vielmehr befahl er.
Sie gehorchte. Sie lächelte. Es war etwas Seltsames um dieses zaudernde, fliehende, ungewisse und dennoch aufrichtige und gütige Lächeln.
»Können Sie Vertrauen zu mir haben?« fragte Erwin. »Ich will, daß Sie mir vertrauen. Auch Sie müssen sich entäußern. Sie müssen sich der uralten, sinnlich-übersinnlichen Feindseligkeit entäußern, die zwischen den Geschlechtern herrscht wie ein Grenzstreit. Es soll kein Grenzstreit sein zwischen uns, es soll Frieden sein, geschwisterlicher Frieden. Inmitten der Menschenwüstenei lebt sich’s schön im Zelte des Vertrauens, Virginia.«
Virginia schwieg. Sie erhob sich nach einer Weile und schüttelte ernst den Kopf. Es war ihr nicht unbefangen zumute. Erwins Worte sollten ja wohl unbefangen klingen, in einem höheren Sinn, aber ihr war nicht so zumute. Sie zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte etwas bedrückt: »Marianne bleibt lang.«
Erwin antwortete nicht. Virginia, immer noch erregt und verwirrt, trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Bitte, Erwin, lassen Sie uns nie mehr davon sprechen. Ich will ja gern Ihre Freundin sein, aber eben deshalb lassen Sie uns davon nicht mehr sprechen.«
»Gut; wir werden nicht mehr davon – sprechen«, entgegnete er mit eigentümlicher Verhaltenheit, indem er das Haupt langsam senkte und ihre Hand langsam hob, um seine Lippen darauf zu drücken.
In diesem Augenblick trat Wichtel mit dem Samowar ein, und nach kurzer Weile kam auch Marianne. Sie blieb schweigsam und rauchte eine ziemlich große Anzahl ihrer winzigen Zigaretten. Ihre forschenden Blicke wanderten von Erwin zu Virginia, von Virginia zu Erwin. Um sechs Uhr brachen die jungen Damen auf.
Ein Abend in der Villa Sansara
Virginia hatte die Gewohnheit, sich nachts, wenn sie aus dem Schlaf erwachte, ans Fenster zu begeben und dort in einem Sinnen, das die Erlebnisse des Tages spielend streifte, so lange zu verweilen, bis sie den Schlummer wieder nahen fühlte. Sie tat es auch in dieser Nacht. Einen gelben Überhang um die Schultern, der vor der Brust geschlossen war, saß sie in der Dunkelheit und schaute in den mondbeschienenen Hof. Mit wunderlichem Gruseln roch sie die eigene Leibeswärme.
In solchen Stunden denkt man nicht; man läßt sich hinziehen von Befürchtungen zu Erwartungen, geheimnisvoller Ehrgeiz treibt im Dämmern der Seele schillernde Blasen. Virginia war fast noch traumbefangen. Unter den Bildern, die sie gegenwärtig hielt, war das ihrer eigenen Erscheinung, wie sie sich im Spiegel gesehen hatte, mit der Perlenkette um den Hals, zugleich berückend und unheilvoll.
Ich hätte ablehnender sein sollen, dachte sie erregt und ballte schnell die Faust; dann: es könnte mir gehören; dann wieder: wie hat er es wagen können?
Am andern Morgen schrieb sie an Manfred. Sie bedurfte der Aussprache, um Klarheit zu gewinnen, aber sie konnte nicht schlüssig werden, wie sie die Geschichte mit dem Halsband schildern sollte. Scherzhaft? Daran hinderte sie die Erinnerung an Erwins Dringlichkeit und Wärme. Gewichtig? Dann konnte Manfred glauben, sie sei wünschevoll und unbescheiden.
Indem sie sich so mühte, die rechte Art zu finden, bezichtigte sie sich schon der Unehrlichkeit. Ihre Hand widerstrebte dem Wort, ihre Feder der Hand, Manfreds fernes Antlitz verbarg sich wie hinter Schleiern, und was sie schon niedergeschrieben hatte, glich einer Rede in die leere Luft.
Der Zufall fügte es, daß während dieses Zwiespaltes der Postbote einen Brief von Manfred brachte.
Der Brief kam von der Stadt Colombo auf Ceylon. Als er ihr schrieb, war Manfred schon über die wissenswerten Vorgänge daheim unterrichtet. Er hatte Kenntnis von dem Duell, er hatte Kenntnis davon, daß Erwin der beengten Wirtschaftslage des kleinen Geßnerschen Haushaltes durch einen entschlossenen Handstreich zu Hilfe gekommen war. Dies letztere hatte er von Erwin selbst erfahren, und der Ausdruck »entschlossener Handstreich« war Erwins eigener. Was Virginia darüber gemeldet, hätte Manfred keine Deutlichkeit geben können, in Erwins Erzählung war der Ton herzlicher Teilnahme mit jenem edlen Spott gemischt, der Anerkennung oder Dank weit zurückwies und einen ungewöhnlichen Eingriff als freie Laune betrachtet wissen wollte, unter Männern nicht der Rede wert. Es war dem Brief nicht zu entnehmen, wie Manfred darüber dachte; beruhigte ihn nicht das stolze Vertrauen zum Freund, so mußte die Kunde eines Zweikampfes unter Umständen, welche Virginia derart in Mitleidenschaft gezogen, eine Verfinsterung seines Herzens erregen. Aber dem war nicht so. Er schien sich zu sagen: meine Befürchtungen haben mir nicht umsonst schlimme Bilder vorgemalt, und ich habe einen Wächter bestellt, dessengleichen es nicht gibt. Wenn Manfred unruhig war, so war er es im Hinblick auf alle Fährnisse, die dem Auge des Wächters entgehen mochten, und er riet Virginia, er flehte sie an, in Erwin einen Bruder zu sehen, mehr als einen Bruder, einen, vor dem sie kein Geheimnis zu haben brauchte. Und das war viel gesagt.
Im übrigen war der Brief einfach gehalten. Es schien, als ob Manfred alle Gefühle gewaltsam unterdrückte, die eine heftige Bewegung in Virginia hervorrufen konnten, als wolle er den klaren Strom ihrer Neigung nicht durch das Widerspiel der quälenden Sehnsucht trüben, die er, in so großer Ferne, sicherlich über jedes Mitteilbare hinaus hegte. Bis auf eine einzige Stelle war er sachlich, fast ein wenig pedantisch in der Schilderung von Zuständen und Begebnissen, fast ein wenig zu spirituell in der Andeutung dessen, was ihn beschäftigte und wonach er strebte. Die Einsamkeit war zu spüren, in der er sich unter arbeitenden Gefährten befand. »Ich untersuche Radiolarien, Salpen, Medusen und Siphonophoren, lauter winzige Tierchen, die wir mit dem Schleppnetz aus dem Ozean fischen und von denen gewisse Arten nachts die Fläche des Meeres mit Feuer bedecken, so daß ich oft stundenlang schaue, Orion, Bär und südliches Kreuz über mir am Sternenhimmel, und der dumpfe Wellenschlag am Holz des Schiffes macht mich traurig, ich weiß nicht warum.
»Ich habe hier im Bungalow eines vornehmen Engländers, an den ich Empfehlungen hatte, gastliche Aufnahme gefunden, da der ›Phönix‹ im Hafen von Colombo drei Wochen lang verankert bleibt. Ich wandle im Paradies, zumindest im Paradies der Pflanzen. Alles gedeiht ins Riesenhafte: die Arekapalme, die Kokospalme, die Pisange, Bambusen und Benyanen, der Brotfruchtbaum, die Melone, die Pfeffererbse. In reizenden Festons und Kränzen hängen Schmarotzerblüten von allen Ästen, und unten bilden die kolossalen Blätter der Bananen, Caladien, Cassaven, die Farne, Orchideen und Lianen ein undurchdringliches Gewirr. Schilfrohr, das bei uns drei Fuß hoch wächst, strebt dreißig Meter hoch empor; unsere kümmerliche Alpenrose wird zum gigantischen Rhododendron mit mannsdickem Stamm, und Malven, Euphorbien, Lilien und Lantanen überwuchern den Boden so, daß das Reiche und Anmutige zum Unheimlichen wird. Ich glaube, inmitten dieses Übermaßes werden auch meine Gedanken zum Übermaß getrieben. Ich darf nicht zweifeln: Zweifel wird schon Verzweiflung; Heimweh ist ein schreckliches Fieber, das mich toll macht, so daß ich die Zähne in die Faust beiße und mich am Strand hinwerfe, um das Gesicht ins Wasser zu tauchen. Aber dann kommt wieder der überirdisch feierliche Frieden eines Abends; die Frösche rufen mit Glockenstimmen aus den Dschungeln, Flederfüchse schwirren, und das Meer tönt, wie wenn ein ungeheures Seidenkleid über ungeheure Marmorplatten schleift. In dieser Stunde seh’ ich dich am deutlichsten, meine geliebte Virginia! Da glänzt dein Haar, ja, es glänzt wie der Strom der pelagischen Tiere, die zuweilen mitten im Ozean eine silberne Straße ziehn; da stehst du vor mir mit einem Lächeln voll unerwarteter Schelmerei, bist in mir, mein Atem, mein Gedanke, meine Welt. Und dann sag ich mir: ich bin deiner nicht würdig, meine Liebe ist zu klein, zu ängstlich und zu selbstsüchtig. Das Feuer verzehrt sich im Innern, anstatt nach außen zu strahlen, es blendet mich, anstatt mich stärker und tätiger zu machen. Ich vergleiche mich mit meinen Kameraden, die verständige und korrekte Menschen sind: nicht ehrgeizig aber fleißig, nicht glänzend aber tüchtig. Man kann mit ihnen sympathisieren, ohne lebhaft für sie zu fühlen. Indem ich mich von ihnen absondere, werde ich meiner Überheblichkeit verstimmend bewußt. Ich bin verwöhnt, es kann nicht lauter Erwin Reiners geben, ich habe meine Ansprüche überspannt, und das ist bedenklich. Doch ich kann nicht mit ihnen reden. Sie sind mir zu ernst oder zu kalt, oder zu lustig, oder zu simpel, oder zu verzwickt. Ich sehe die Korallengärten im Meer und denke mir: armselig ist unser Treiben dagegen, denn das ist auch Fleiß, aber ein Fleiß, der Schönheit erzeugt, Schönheit für Jahrtausende. Und wir machen Bibliotheken. Speicher sind noch keine Mühlen, und Mühlen schaffen erst Brot, nicht Glück, nicht Schönheit. Darf ich dir’s gestehen, Liebste? Es ist ein Aufruhr in mir, ich weiß nicht wogegen, eine Flamme, eine neue Flamme, ich weiß noch nicht wofür. Ich habe meine Jugend kraftlos verträumt; ich will anders werden, ich muß umsatteln; Tüchtigkeit, ja danach verlangt mich, aber nicht nach jener Tüchtigkeit, die an den Vorteil gespannt ist wie ein Ochs an den Pflug; nicht an den Ochsen denk’ ich dabei und an den Pflug, sondern mehr an den Adler, an reine Luft und frischen Wind; und an dich, die mir Flügel gibt, Mut, Selbstvertrauen und den Willen zur Verantwortlichkeit. Wenn es einmal in meinem Leben eine innere Abkehr von Erwin geben wird, so wird sie in der Erkenntnis wurzeln, daß ich andere Wege gehen muß als er, den das Schicksal zu einem Einzelnen, ja zu einem Wunder vielleicht in seiner Art gemacht hat, und daß ich mich nicht werbend und nacheifernd an ihn verlieren darf.«
Manche Stellen dieses Briefes ließen Virginia, bei aller Bereitschaft zum Mitempfinden, um den geliebten Mann bange werden. Die drangvolle Leidenschaftlichkeit im Geistigen quälte sie, denn sie hatte keine Formel dafür. Sie ahnte eine Verwandlung, aber sie konnte nicht Grund und Ziel ermessen. Nur was sie zärtlich ansprach, was in ihrem innigen Gefühl ein gegenwerbendes Echo weckte, das ergriff sie mit Freude und entzückte sich daran. Immer wieder nahm sie den Brief zur Hand, dessen Problematisches ihr viel zu schaffen machte, und sie wollte ganz verstehen, wovon Manfred so bewegt und durchströmt war, – Dinge, die sie jenseits der Liebe geglaubt, die er aber so ausdrucksvoll damit verknüpfte, daß sie sich verpflichtet hielt, ihm beizustehen. Ein wenig von der holden Kinderzuversicht ging freilich auf solche Art verloren.
Während ihr Inneres so benommen war, geschah es, daß sie im Flügelschen Hause einen der Brüder Mariannes kennen lernte, eine Begegnung, die Marianne sehr unerwünscht war, denn sie sah die Folgen voraus, und Virginia, die die Widerwilligkeit, mit der ihre Freundin notgedrungen die Zeremonie der Vorstellung übernahm, wohl vermerkte, fühlte sich durch das aufdringlich-selbstsichere Wesen des jungen Mannes aufs entschiedenste abgestoßen. Es war derselbe, der damals augenlos an ihr vorübergeeilt war, als sie Erwin in Gefahr gewähnt und im Flur draußen ihn durchs Telephon zu sprechen gewünscht hatte. Sie hatte nicht vergessen, daß ihr die verstörten und entformten Züge gleichwohl den Eindruck der Roheit und Verwilderung gemacht hatten.
In der Tat war Sixtus von Flügel ein recht übler Typus der modernen, jungen Lebewelt; ein Spieler im allerschlimmsten Sinn, ein elegantes und tückisches Raubtier, einer von jenen Eingefleischten der großen Metropolen, denen es schwindlig wird, wenn sie keine fünfstöckigen Häuser mehr um sich sehen, und deren Beruf es ist, keinen Beruf zu haben. Er war ein Meister der Mode, und ihn beobachten hieß, die Mode selber, das wetterwendische, lemurische Ding, ihren prahlenden Cancan aufführen sehen.
Er wollte Virginia nach Hause begleiten. Sie lehnte ab, doch ließ er sich dies nicht anfechten. Marianne suchte ihn zurückzuhalten, es fruchtete nicht. Virginias edle Unnahbarkeit hinderte ihn nicht, zudringlich zu sein. Unter der Hülle einer geschäftsmäßigen Galanterie sah er in einer Frau ungefähr dasselbe, was ein Taschendieb in fremden Börsen sieht: etwas zum Eindecken und Mitnehmen. Taschendiebe sind die Kleinkrämer des Verbrechens, und diese »Herzensräuber« vom Schlage Sixtus von Flügels betreiben ihr Handwerk zu wahllos und werden zu leicht durchschaut. Sie sind ganz einfach nur da, um durchschaut zu werden, aber das wissen sie nicht, und kraft ihrer Unwissenheit sind sie hartnäckig wie die Hornissen.
Virginia war froh, als sie sich seiner entledigt hatte und daheim war, aber wie groß war ihr Mißbehagen, als sie, gegen Abend aus dem Hause tretend, ihn auf sich zukommen sah! Sie erwiderte kalt seinen Gruß und wollte vorbeigehen; er verstellte ihr den Weg. Es war nicht eben gemütlich, sie anzuschauen, wenn ihr Auge stolz verachtend glänzte, aber daraus machte sich der junge Herr nicht das mindeste, denn er war von seiner Unwiderstehlichkeit durchdrungen. Sie gab ihm zu verstehen, daß ihr seine Gesellschaft unerwünscht sei; umsonst; sie antwortete nicht auf seine Fragen, doch ihn störte das nicht, er hielt Schritt mit ihr, er redete auf sie ein, er war vertraulich, verbissen, sarkastisch und voll niederträchtiger Anspielungen. Virginia verstummte ganz. Zorn und Ekel ergriffen sie. Sie flüchtete in einen Laden, er wartete draußen mit frecher Geduld. Wie gehetzt kam sie nach Haus, immer an seiner Seite. Sie schrieb ein paar Zeilen an Marianne. Ohne Erfolg. Am anderen Morgen stand er wieder vorm Tor, als ob er dort genächtigt hätte. Sie sagte ihm gerade heraus, er möge sie ungeschoren lassen, er zuckte die Achseln und lachte. Ihr Widerstand erboste ihn. Er schien einen Spion zu besolden, denn zu welcher Zeit immer sie das Haus verließ, so dauerte es nicht lange, und er war hinter ihr, dann neben ihr. Seine klebrige, giftige Zudringlichkeit hatte etwas Gespensterhaftes. Er schmähte und schmeichelte in einem Atem, er war beleidigend, dumm und glatt. Einmal am Abend folgte er ihr über die Treppe hinauf und machte sich lustig über ihre Entrüstung.
Sie war gewohnt, in Reinlichkeit zu leben; der ständigen Besudelung war ihr Gleichmut nicht gewachsen. Das häßliche Erlebnis erfüllte sie mit Abscheu, mit leidvollem Erstaunen und endlich mit Gewissensunruhe. Etwas von dem kühnen Trotz wich aus ihren Zügen, und sie hegte Scheu, mit andern Menschen zu sprechen. Marianne ließ nichts von sich hören, sie aufzusuchen konnte sich Virginia nicht entschließen, weil sie nicht in das Haus des Unholds gehen wollte. Sie überwand sich und teilte sich der Mutter mit, der ihr verändertes Wesen schon aufgefallen war, die sich aber niemals einfallen ließ, Virginia auszukundschaften. Sie war nicht neugierig, und diese Abwesenheit eines weiblichen Gebrechens trug manches zu dem Eindruck von Vornehmheit bei, den sie machte.
»Da gibt’s nur eines,« erklärte Frau Geßner, »du mußt dich an Erwin wenden.«
Virginia erschrak bei dem bloßen Gedanken. Sie hatte genug von jener Duellgeschichte, über die das Gerede noch immer nicht verstummt war. Sie wies den Vorschlag ab. »Du sonderbares Kind,« meinte Frau Geßner, »den Menschen wirst du noch oft brauchen, öfter als du denkst.« Ein Ausspruch, der nicht danach angetan war, Virginia unbesorgter zu stimmen. »Er hat dich schon lange nicht besucht«, sagte sie zur Mutter.
»Nein. Er macht sich jetzt selten.«
»Findest du, daß er sich selten macht?« versetzte Virginia nachdenklich. »Übrigens ist er nicht in Wien. Er ist beim Grafen Hennsdorf in Böhmen zu einer Jagd geladen.«
Immerhin, etwas mußte geschehen. Es fügte sich, daß sie im Wandelgang der Akademie Ulrich Zimmermann traf, der mit einem bekannten Maler im Gespräch auf und ab ging. Er war beglückt, Virginia zu sehen, diese fand die Gelegenheit günstig, und unter dem Druck der Umstände vertraute sie sich ihm an. Er war außer sich. Seine temperamentvolle Empörung gab Virginia Anlaß zu neuen Befürchtungen. »Was wollen Sie tun?« fragte sie. »Lassen Sie mich nur machen,« antwortete er feurig, »ich werde Sie von diesem Desperado befreien.«
Und was machte der unglückselige Dichter? Er fuhr zu Erwin hinaus, der am selben Tag zurückgekehrt war, erzählte ihm die Schmach, die Virginia erlitt, fragte, was dagegen zu unternehmen sei, und erbot sich, Sixtus von Flügel zu fordern. Erwin erblaßte bei der Mitteilung. »Sie sind ein Narr,« sagte er zu Ulrich Zimmermann; »ich werde den jungen Mann ein bißchen einschüchtern, verlassen Sie sich darauf. Heut über drei Tage befindet sich Herr von Flügel nicht mehr in Wien.«
Ulrich Zimmermann staunte.
Die Sache war die, daß Sixtus von Flügel bei Erwin nicht nur tief verschuldet war, sondern daß er auch vor einiger Zeit auf den Namen des Freundes seiner Schwester eine bedeutende Fälschung begangen hatte. Somit war Erwin gegen ihn im Besitz einer stärkeren Waffe, als es Degen und Pistole sind. Am gleichen Mittag zwischen zwölf und ein Uhr fand sich Erwin im Flügelschen Hause ein. Marianne hatte ihn erwartet, Sixtus war wie vor ein Gericht bestellt worden. Die Unterredung dauerte nicht lange. Erwin war unerregt und stellte mit eisiger Ruhe seine Bedingungen, deren Nichterfüllung Skandal und Schande hervorrufen würde. Sixtus mußte sich dazu entschließen, einen demütigen Abbittebrief, den ihm Erwin in die Feder diktierte, an Virginia zu richten; ferner mußte er einen Schein unterschreiben, worin er das ehrenwörtliche Versprechen gab, für die Dauer eines Jahres nach Paris oder London zu gehen, gleichviel wohin, jedenfalls aber Wien zu meiden. Dagegen verpflichtete sich Erwin, seine dringlichsten Schulden zu zahlen und ihm überdies eine mäßige Summe für seinen Unterhalt während der nächsten Monate auszusetzen.
Die Wut und die Erniedrigung verwandelten den jungen Mann in ein Steinbild. Wäre nicht Marianne gewesen, die etwas wie eine seelische Gewalt über ihn ausübte, er hätte in der Raserei, die ihn durchtobte, Unheil angerichtet. So fügte er sich knirschend.
Von dieser Stunde an trug Marianne gegen Virginia unauslöschlichen Haß, jedoch schien es ihr noch nicht an der Zeit, ein solches Gefühl zu offenbaren. Sie verschloß es in ihrem Busen, um es reifen zu lassen. Der Haß hat seine Sehnsucht, wie die Liebe. Als es Abend wurde, begab sie sich in Virginias Wohnung. Virginia hatte schon den Entschuldigungsbrief erhalten und war verwundert über die zauberhafte Schnelligkeit, mit der Ulrich Zimmermann sein Gelöbnis erfüllt hatte.
»Ach, Virginia,« sagte Marianne mit sanftem Vorwurf, »hätten Sie doch noch ein wenig Geduld gehabt, ich hätte alles in Ordnung gebracht. Mein Bruder ist ein unleidlicher Wildfang, aber im Grunde seines Herzens ist er ein Kind. Nun haben Sie Erwin auf ihn gehetzt, von dem er in Geldabhängigkeit ist, und wer weiß, was daraus entstehen kann. Das war nicht freundschaftlich gehandelt.«
Virginia war sprachlos. »Ich hätte Erwin auf ihn gehetzt?« flüsterte sie endlich.
»Ja natürlich; woher hätt’ es denn Erwin wissen können?«
»Sie dürfen mir glauben, Marianne, daß das ohne meinen Willen geschehen ist«, versicherte Virginia hastig. Gerade Erwins Dazwischentreten habe sie vermeiden wollen und sich deswegen an Ulrich Zimmermann gewendet.
»Das ist gerade so, wie wenn Sie sich an Erwins Rockschoß gehängt hätten«, antwortete Marianne trocken. »Man sollte wirklich denken, daß Sixtus ein Menschenfresser ist«, fügte sie ärgerlich hinzu, lenkte jedoch rasch ein, als sie wahrnahm, daß Virginias Blick befremdet und funkelnd auf ihr ruhte. »Sie haben ja Recht,« sagte sie, »und mein Bruder sieht es ein. Er ist in Sie verliebt, und um der Geschichte ein Ende zu machen, reist er morgen für ein Jahr ins Ausland. Sie können also wieder in Frieden Ihre Straße ziehen, der Wegelagerer ist nicht mehr zu fürchten. Dummer Teufel, der er ist, hat keine Kunst und keine Feinheit.« Nach diesem kleinen Nadelstich, der aber sein Ziel verfehlte, zog sie ihr Döschen heraus und fing an zu rauchen.
Virginia trug Ulrich Zimmermann einen um so tieferen Unwillen nach, als sie sich durch diesen Verlauf in eine immer unzerreißbarere Verbindlichkeit gegen Erwin getrieben sah. Ihr war, als regiere ein herrischer Arm über ihrem Leben, behüte sie, das wohl, heische aber auch Gehorsam und Dank dafür. Sie zollte ihm Dank; dankbar zu sein, lag im Kern ihres Wesens, doch die Umstände waren gar zu heikel und erzeugten Fesseln, von denen sie sich unfroh gehemmt fühlte. Dazu kam die Unsicherheit, wie er all dies aufgenommen: ob er es nicht im stillen tadelte und unehrlich fand, daß sie sich an einen Dritten gewandt, da er doch der Meinung sein mußte, der Umweg sei nur ein Verlegenheitsspiel gewesen.
An einem der nächsten Vormittage ging sie über den Graben, und schon von weitem erblickte sie Erwin in einer Gesellschaft von zwei Herren und zwei Damen, höchst elegant gekleideten Leuten. Alle fünf Personen waren in einem heiter belebten Gespräch, und als Erwin Virginia erblickte und näher kommen sah, flammten seine Augen eine Sekunde lang auf, und er entschloß sich zu einer ebenso verwegenen wie raffinierten Komödie. Er redete nämlich mit den beiden Damen weiter, die, überrascht von Virginias Erscheinung, sie mit schiefen Blicken verfolgten, Blicken, die für Männer peinlich und unergründlich und eine Mischung von Feindseligkeit, Wohlwollen, Neugier und Verrat sind. Er redete ruhig weiter, während er seine Augen an Virginias Augen vorbei auf ihre Wange heftete und sie vorübergehen ließ, ohne sie zu grüßen.
Virginia hatte sich schon zum Gruß bereitet; sie hatte schon die Lippen zu freundlichem Lächeln gehoben, und als das Unerwartete eingetreten war, wußte sie nicht, wie ihr geschah, glaubte sie in die Erde versinken zu müssen. Am liebsten hätte sie sich gegen die Mauer eines Hauses gelehnt, denn Schwäche überfiel sie, und sie dachte im Verfluß weniger Sekunden an viele Dinge wie einer, der in einen Abgrund stürzt. Mit Mühe schleppte sie sich zu einem Einspänner, fuhr nach Hause, und dort wurde ihr so übel, daß sie sich aufs Sofa legte.
* * * * *
Erwin hatte in der letzten Zeit Virginias Nähe nicht ohne Plan gemieden. Da es zu seinen mystischen Überzeugungen gehörte, daß nicht nur der Wille zum Ziel führt, sondern daß auch das Ziel den Willen bindet und an sich reißt, wähnte er der handelnden Anteilnahme entraten zu können, wenn die Erzeugung und Entladung großer Spannungen gültigen Ersatz für die kleinen und alltäglichen Fortschritte boten. Er arbeitete, hörte Kollegien, hielt selbst Vorträge in der Aula, zu denen sich ein erlesenes Publikum drängte, er ritt, er focht, spielte Tennis und Fußball, ging ins Theater, in Gesellschaft, pflegte seine zahllosen Beziehungen mit Umsicht und Kaltblütigkeit, aber in dieser wechselreichen Bewegung blieb Virginia der Augenpunkt wie ein ferner Leuchtturm für ein nachtfahrendes Fischerboot.
Um diese Zeit war es auch, daß das Verhältnis mit Helene Zurmühlen seine Reife erlangte und einen Charakter annahm, der das Schicksal der jungen Frau besiegelte.