Part 2
»Ich war guter Leute Kind,« begann Frau Geßner im Tonfall einer Beichtenden; »mein Vater war ein bekannter Porträtmaler und verdiente ziemlich viel. Als er plötzlich starb, waren wir jedoch arm, und die Mutter mußte von Unterstützungen leben. Es wurde für mich ein Mann gesucht, und ich nahm den ersten, der mich haben wollte. Geßner war ein kleiner Beamter im Ministerium mit sechzehnhundert Gulden Gehalt und den üblichen Zulagen. Ich war achtzehn, er dreiundvierzig Jahre alt. Er war ein auskömmlicher Mann und war zufrieden, wenn das Haus in Ordnung und alles hübsch gemütlich blieb. Jeden Sonntag nachmittag sind wir in die Praterauen gegangen, andere Spaziergänge hat er nicht leiden mögen. Vom Theater war er auch kein Freund; er war sehr sparsam und sein zweites Wort war: das ist für die Faulpelze. Die Bücher sind für die Menschen, die Zeit und Geld haben, sagte er, wenn du dich bilden willst, dafür hast du ja die Zeitung. Unser Verkehr war ein uralter Hofrat, der sich in den Kopf gesetzt hatte, sein Vermögen aufzuzehren, damit seinen Kindern nichts mehr bleiben sollte, und eine bucklige Tante von Geßner, die früher Kammerfrau bei der Großherzogin von Toskana gewesen war und uns immerfort Hofgeschichten erzählte. Sonst keine Seele, jahraus, jahrein. Meine Mutter war tot, mein Bruder, derselbe, von dem Gina geerbt hat, in Amerika, Kinder bekam ich nicht, und wie nun so ein Sommer um den andern, ein Winter um den andern verstrich, da ist mir immer öder und öder ums Herz geworden. Auf einmal war ich fünfundzwanzig, auf einmal war ich dreißig, – wenn das Leben leer ist, wird man am schnellsten alt. Wie ich zweiunddreißig war, hab’ ich mir die ersten grauen Haare ausgerissen.
Um die Zeit nun, im vierzehnten Jahr unserer Ehe, hat da unten im zweiten Stock eine Frau von Ermenhofer gewohnt, eine hübsche, junge, lebenslustige Person. Mit der bin ich öfter beisammengestanden, und eines Tages sagt sie zu mir: ›heut ist Opernredoute, mein Mann ist verreist, kommen Sie mit.‹ ›Ei, wo denken Sie hin,‹ antwort’ ich, ›da käm’ ich bei meinem schön an, dafür gibt er kein Geld.‹ ›Was, Geld,‹ sagt sie, ›wir brauchen kein Geld, ich hab’ zwei Karten, und den Domino kann ich Ihnen leihen.‹ ›Ich bin doch schon zu ramponiert für dergleichen‹, sag’ ich. Sie schlägt die Hände zusammen und macht mir ein halb Dutzend Komplimente. Kurz und gut, das Herz schlug mir schon vor Verlangen, ich rede mit Geßner, der brummt zuerst, aber schließlich, weil’s nichts kosten soll und weil die Nachbarin eine Frau ›von‹ war, gibt er seinen Segen.
Am Abend war ich also in der Oper. Meine Begleiterin war auf Ja und Nein verschwunden; ich, geblendet von dem Glanz, drücke mich eine Weile jämmerlich herum, da spricht mich ein fremder Herr an, folgt mir immerzu, führt mich zum Champagner, neckt mich, fragt mich aus und war so lieb, Manfred, so lieb, sag’ ich Ihnen! Ob er hübsch war oder elegant oder gescheit, das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß er lieb war, und das eben war’s, was mir fehlte. Wir haben auch noch getanzt miteinander, und dann wollt’ er mein Gesicht sehen, und dann hat er mich zum Wagen gebracht und ist mit mir gefahren, und auf einmal waren wir in seiner Wohnung. Ich bin bei ihm gewesen bis zum Morgen. Seitdem hab’ ich ihn nie wieder gesehen.«
Ihre Stimme ermattete; ihr Blick verlor sich; ihre Haltung wurde aufrechter; und etwas an dieser Haltung, etwas an der stillen Tiefe des Blicks erinnerte Manfred an Virginia. Er ahnte alles, und er war bewegt.
»Ich kenne seinen Namen nicht,« schloß Frau Geßner leise; »ich weiß nicht, wo das Haus war, im Morgennebel bin ich von ihm fortgegangen, und er hat mich im Wagen noch ein Stück begleitet. Nachher war alles wieder wie vorher. Nur das Kind, das Mädchen, das ist von jener Nacht.«
In einer Aufwallung, die seinem Gefühl zur Ehre gereichte, ergriff Manfred Frau Geßners Hand und drückte seine Lippen darauf. Sie schaute ihn dankbar und erleichtert an. »Ihr jungen Leute seid wenigstens großmütig«, sagte sie seufzend. »Aber Sie begreifen doch, daß Gina nie, nie etwas davon wissen darf? Das sehen Sie doch ein, nicht wahr?«
Manfred nickte überzeugt. »Es wäre ein Verbrechen«, bestätigte er; »man würde ihr die Unbefangenheit rauben. Schließlich, gegen die Umstände, die einem das Leben verschafft haben, kann sich kein Mensch auflehnen, doch wir wollen es lieber nicht auf die Philosophie ankommen lassen.«
»Niemand weiß es«, sagte Frau Geßner; »niemand außer mir und ihm und Ihnen.«
»Wie ist’s nur möglich, daß Sie den Mann nie wieder gesehen, daß Sie sich so vollständig damit abgefunden haben?« fragte Manfred.
»Das, Manfred, war der Vertrag, den ich mit mir selber gemacht habe. Die eine Nacht, das war meine Jugend. Und wie das Mädel geboren war, bin ich wirklich gleich eine alte Frau geworden. Geßner, den hab’ ich dann bald hernach begraben.«
Frau Geßner erhob sich, um die Lampe anzuzünden. Mit nachdenklicher Miene schaute ihr Manfred zu. Wenn jene im Dunkel der Zeiten verschollene Frau von Ermenhofer nicht auf den Maskenball hätte gehen wollen, wäre dann Virginia ungeboren geblieben? dachte er und war selbst erstaunt über die Ungeheuerlichkeit einer so naheliegenden Betrachtung. Ein ungewöhnliches Wesen verdankt sein Dasein dem Zufall eines ziemlich gewöhnlichen Abenteuers; das Abenteuer erhält den Nimbus von Heiligkeit; der Zufall wird Schicksal, und das seiende Geschöpf beschämt durch seine siegreiche Gegenwart den ganzen Kodex der Moral.
In diese Gedanken war er noch versunken, als Virginia kam. Sie brachte das Feuer des scheidenden Tages mit. Die unerwartete Freude, den Verlobten zu sehen, lähmte ihren Fuß. Die Überraschung enthüllte ihre Liebe; in den metallisch glänzenden Augen war ein leidenschaftliches Entzücken. Als sie ihm die Hand reichte, glaubte Manfred zu spüren, daß die Zurückhaltung diesmal fast über ihre Kraft ging: ihr Arm zitterte, die Finger lagen zuckend in den seinen. Sie schauten sich wie verzaubert an, indes Frau Geßner am Tische saß und zu erlauschen schien, was sie einander verschwiegen.
Bald kam die Rede auf den Brief. Virginia mißbilligte Manfreds Verlangen. Sie wollte nicht gestört, durch Beobachtung nicht gehemmt werden. Des Schutzes glaubte sie entraten zu können. »Wer hat mich beschützt, bevor du da warst?« fragte sie. »Was soll mir dein Freund? Bin ich ohne dich, wozu brauch ich ihn?«
Die Mutter stand Manfred so lebhaft zur Seite, daß Virginia ärgerlich wurde. Vielleicht war es nur die bevorstehende Trennung, die ihr so schwer im Gemüte lag, daß sie kaum wußte, was sie redete, als sie verstimmt und beunruhigt immer von neuem widersprach. Aber Manfreds enttäuschte Miene weckte ihr Mitleid, und sie fühlte, daß sie ihm unrecht tat, wenn sie den bewunderten Freund zum Heer der Gleichgültigen zählte. »Nimm’s doch nicht so tragisch,« lenkte sie ein, »wozu sollen wir uns streiten? So bring ihn halt her, deinen berühmten Erwin Reiner.«
»Na, Gott sei Dank!« antwortete Manfred freudig. »Du ahnst gar nicht, wie glücklich mich das macht. Den berühmten Erwin Reiner«, wiederholte er lachend; »das ist gar kein Spott, Virginia. Erwin fängt wirklich an, berühmt zu werden.«
»Um so schlimmer.«
»Wieso?«
»Dann ist er also nicht nur reich, nicht nur anspruchsvoll und über die Maßen gebildet, sondern auch berühmt. Um so schlimmer. Der paßt schlecht in unsere vier Wände.«
Manfred hatte es schon oft gewittert, und durch diese Bemerkung wurde es ihm klarer als zuvor, daß Virginia an der Engigkeit der Verhältnisse litt. Er verzieh es gern. Ein Urtrieb zwingt die Schönheit gegen die Welt; die Schönheit muß sich stellen. Einsam zu sein ziemt ihr nicht und nährt sie nicht. Das Unbewußte des Instinkts vergröbert die Gefahr; ein Feld für böse Ahnungen. Doch Manfred hatte den Willen, hell zu sehen, und seine Sanftmut erstickte die Kritik.
Zum Abendessen blieb er nicht, er wollte noch zu Erwin. Die Villa Erwins lag in Pötzleinsdorf, und bis er mit der elektrischen Bahn hinauskam, war es halb zehn Uhr. »Der gnädige Herr hat einen Vortrag besuchen müssen,« sagte der Diener im Vestibül, »er wird aber um zehn Uhr hier sein.«
Es reute Manfred, daß er sich und Virginia um eine unwiederbringliche Stunde gebracht. Er begab sich in die Bibliothek und wartete. Er setzte sich in einiger Entfernung vor den prunkvollen Marmorkamin und blickte ins Feuer. Eine unendliche Bangigkeit stieg in ihm auf, und plötzlich hatte er ein seltsames Gesicht.
Ihm war, als sehe er Virginia vor dem Kamin, kauernd, wie Mägde kauern, wenn sie Feuer schüren, kauernd, aber bewegungslos. Nie hatte er ihre Haare offen gesehen; jetzt waren ihre Haare offen; sie fielen auf den Teppich und bildeten große Ringe. Nie hatte er sie mit nackten Füßen gesehen; jetzt waren ihre Füße nackt. Sie trug ein grünes Gewand, das er an ihr nicht kannte, eine Art Schlafrock, und ihre bloßen Arme waren mit einer Gebärde der vertieften Verzweiflung zu beiden Seiten des Hauptes angepreßt.
So kauerte sie.
Manfred beugte sich unwillkürlich weit vor, ohne daß die nebelhafte Erscheinung gänzlich entschwand. Erst nach und nach löste sie sich auf wie eine Wolke, die von der Atmosphäre verzehrt wird. Manfred schüttelte über sich selbst den Kopf, und er beschuldigte seine gespannten Nerven für eine Verwirrung, welche die Qualen der Sehnsucht im voraus malte, ohne das Glück des Besitzes und der Wiederkehr zu wägen. Sein zärtliches Herz war voller Vertrauen, und das Gefühl, mit dem er dem Freund entgegenharrte, war durch die erschreckende Vision um desto zweifelloser geworden.
Abschied
Erwin Reiner führte das Leben eines jener drei- oder viertausend Bevorzugten, die es in jeder großen Stadt gibt, ein Leben, das, auf dem Fundament eines unerschütterlichen Reichtums ruhend, nur mit Rechten ausgerüstet und keinen Pflichten unterworfen scheint. In einem solchen Dasein spielt der Luxus dieselbe Rolle wie die Repräsentation im Dasein eines regierenden Herrn. Die Söhne reichgewordener Bürger genießen nach jeder Richtung hin eine schrankenlosere Freiheit als etwa die Sprößlinge adliger Familien, die sich durch Erziehung, Vorurteile, persönliche und Standesrücksichten eingeschränkt und befehligt finden. Dies ist bezeichnend für die vorherrschende und stetig anwachsende Macht des Bürgertums, und ob die jungen Leute, die seinem Schoß entwachsen, als Gelehrte und Künstler figurieren, oder ob sie als Müßiggänger, Dandies und Genüßlinge einer frech erklärten Ungebundenheit huldigen, so sind sie doch eines der wesentlichen Hindernisse für die Bildung eines blutvollen und harmonischen Gesellschaftskörpers, ja eines Staates in humanem Sinn, und der Sozialforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird vielleicht nachweisen können, in welchem Maße sie zur Zersplitterung und Verstümmelung der Völker, der Ideen und der Ideale beigetragen haben. Jede große Stadt zählt unter ihren Bewohnern drei- bis viertausend Menschen von einer absoluten Einsamkeit, von einer unheimlichen Verführungskraft zur Einsamkeit und geistigen Anarchie.
Der Vater Erwin Reiners hatte sein Vermögen durch Grundstückspekulationen größten Stils erworben. Zu einer Zeit, wo noch niemand daran gedacht hatte, daß die im Westen der Stadt befindlichen Ländereien der Anlage einer umfangreichen Villegiatur günstig seien, hatte er die Mitgift seiner Frau dazu verwendet, um ein respektables Gebiet von Gärten, Äckern und Wiesen aufzukaufen, das beständig im Werte stieg. Die Frau, eine Gutsbesitzerstochter aus der Gegend von Linz, eine einfache Natur, die nichts von den weittragenden Geschäften begriff und die Verwendung ihres Geldes für einen an den Kindern geübten Frevel betrachtete, war nicht geschaffen, um das Leben eines Spekulanten zu teilen. Hypochondrischer Kummer zerstörte ihre Gesundheit, die beiden ersten Kinder, die sie gebar, siechten an allgemeiner Schwäche hin, eines kam tot zur Welt, Erwin war das letzte, und die Mutter starb ein Jahr nach seiner Geburt.
Ihm wandte sich die ganze Zärtlichkeit, Sorgfalt und geängstigte Liebe des Vaters zu. Ein hygienisch abgerichteter Koch mußte die Nahrung des Kindes bereiten, und wie für einen Prinzen war beständig ein Leibarzt zu seiner Verfügung. Aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten unterließ man es, ihn in die öffentliche Schule zu schicken; als er mit fünfzehn Jahren ins Gymnasium trat, erregte er Befremden durch seine Fremdheit, Spott durch seine Verwöhntheit, Ärger und Übelwollen durch sein launenhaftes und tyrannisches Wesen. Aber im Wetteifer mit den Gleichstrebenden traten seine angeborenen Geistesgaben alsbald in erstaunlicher Weise ans Licht. Er überflügelte alle. Lehrer und Mitschüler fügten sich einer Überlegenheit, die für jene zu augenfällig, für diese oft zu nützlich war, um bestritten werden zu können. Er hatte ein Gedächtnis wie der Kardinal Mezzofanti, eine Geschicklichkeit in der Aneignung der verschiedensten Disziplinen, die selbst bei Fachleuten Verwunderung hervorrief. Die Schularbeiten waren ihm ein Spiel; er kannte alle Daten der Geschichte, als ob er sie aus einem unsichtbaren Buch läse, übersetzte aus bloßer Liebe zur klassischen Philologie die entlegensten griechischen Schriftsteller und erschloß sich aus eigenem Trieb die höhere Mathematik und die mathematische Geographie. Schon mit achtzehn Jahren grenzte seine Belesenheit ans Unglaubliche; daneben dichtete und musizierte er; er ritt und focht, er turnte, schwamm, spielte Tennis und Fußball, und dank diesen Übungen kräftigte sich sein Körper; seine Muskulatur wurde zäh, seine Haut fest, seine Gestalt gedrungen, seine Bewegungen erhielten Energie, seine Haltung Anmut und seine Manieren eine außerordentliche Elastizität und Schmiegsamkeit.
Auf der Universität hörte er naturwissenschaftliche, philosophische und kunstgeschichtliche Kollegien, und im sechsten Semester verfaßte er seine große Doktorarbeit: Über das Individuelle und das Historische in der Porträtmalerei, eine Schrift, welche ihm die Anerkennung der Gelehrten erwarb und sogar im Publikum einigen Widerhall fand. Er verfolgte damals zwei Ziele: die Dozentur und seine Aufnahme in den Jockeyklub. Jenes war nur eine Frage der Zeit; dieses zu erreichen war ihm durch eine planvolle Ausnützung seiner aristokratischen Beziehungen möglich; er pochte gern darauf, daß seine Mutter eine Schanz, Edle von Jagstburg war, eine bekannte Familie, die während der Gegenreformation den Adelsbrief erhalten hatte. Solchen Bestrebungen entsprechend, waren seine Stunden genau eingeteilt, um den Pflichten der Arbeit und denen zu genügen, die ihm die Gesellschaft auferlegte; wie er denn überhaupt ein Mann der gründlichen Ordnung und der sorgfältig ausgeführten Programme war.
Der alte Reiner, der für seine eigene Person anspruchslos wie ein kleiner Kaufmann lebte, hatte dem Sohne ein Jahrgehalt von hunderttausend Kronen zugewiesen. Die Villa und der Haushalt kosteten den vierten Teil davon. Erwin rechnete mit der Köchin monatlich ab wie eine Ehefrau, die ihrem Gatten verantwortlich ist, und er kannte genau die Preise von Fleisch, Mehl, Zucker, Gemüse, Kaffee, Milch, Holz und Kohlen. Ihn zu betrügen war fast unmöglich. Er war weder ein Verschwender noch ein Knicker; er war der souveräne Herr seines Geldes, gab mit Anstand aus und hielt mit Anstand zurück. Die praktische Klarheit und Umsicht waren es auch gewesen, die Manfred zuerst für den um fünf Jahre älteren Erwin eingenommen hatten. Seine romantische Gemütsart fand in ihm einen bedeutenden Halt. Die Äußerungen einer tiefen Kenntnis der Menschen, eines kühnen und raschen Urteils, einer profunden Bildung, eines erlesenen Geschmacks wirkten auf Manfred unwiderstehlicher als die vollendet liebenswürdigen und geistreichen Umgangsformen des Freundes.
Erprobt war diese Freundschaft in keiner Weise. Dem Leben moderner junger Menschen, das sich gleichsam in gebrochenen Linien hinzieht, wo unter schamhaften Verkleidungen und beziehungsvoller Verschwiegenheit die Aktion zerschmilzt, sind Erprobungen so unbekannt wie dem Theater die Mordtaten alten Stils. Man kommt zueinander und redet; man hat auch unberedet dieselben Meinungen; man streitet nur, um zu finden, daß man dieselbe Meinung hat. Man ist immer weit vom Schuß, weit vom Geschehen, es ist, als ob die Zeit hoch über den Köpfen ihre Wirbel triebe, als ob das Schicksal weit unter den Füßen seine Gesänge heulte. Das Jahr ist umfriedet, eine undurchdringliche Mauer umfriedet Tag und Jahr, und vor den Toren wacht die Polizei. O Mann am warmen Ofen, scheinen bisweilen bleiche, zerwühlte Gesichter zu sprechen, die aus dem Unterirdischen auftauchen, von dort, wo das Schicksal seine Gesänge heult, stiller, verwerflicher Mann am warmen Ofen, steig nieder zu uns, horch und schaue!
Als Manfred den nahenden Schritt des Freundes vernahm, war es ihm eine Sekunde lang zumute, als ob er den Freund kaum kenne. Was weiß ich eigentlich von ihm? dachte er voll Unruhe; sein Gesicht ist mir vertraut, seine belebte Stirn, seine beschäftigten Augen, seine flinken Hände, seine angenehme Gestalt, seine bald helle, bald dunkle Stimme, aber was weiß ich von ihm? Er gibt sich nicht. Was er gibt, ist sein abgemessener Wille.
Das Bedenkliche solcher Skrupel mag sich aus dem angespannten Seelenzustand des Grüblers und aus der Furcht erklären, eine dauernde Hingebung nicht mit gleicher Glut und Offenheit erwidert zu sehen. Als Erwin ins Zimmer trat, lächelnd und heiter angeregt, füllte er wie jedesmal den Raum mit Sympathie, und Manfred machte eine Gebärde, wie um sich der Erinnerung an einen häßlichen Traum zu entschlagen. »Wo warst du?« fragte er.
»Wärst du nicht so faul und so verliebt, du hättest den Abend nützlich verbringen können«, antwortete Erwin. »Arensen, der dänische Südpolfahrer, hat in der Geographischen Gesellschaft Vortrag gehalten. Es war mir wichtig, ihn zu hören. Ich glaube nicht daran, daß Alexander den Diogenes beneidet, aber Diogenes ist in meinen Augen ein Schwein, wenn er Alexander nicht von ganzem Herzen bewundert. Alles kann ich fassen: höllische Strapazen erleiden, Hunger und Durst ertragen, zweimal eine sechs Monate lange Nacht durchleben, in erstickenden Schneestürmen über die Gletscherabgründe des antarktischen Eises klettern, im Tran- und Kohlenstank einer schneebegrabenen Bretterhütte wissenschaftliche Arbeit heikelster Art verrichten, eine Einsamkeit mit Gefährten teilen, die einem alsbald ekel werden wie ein Hemd, das man nie vom Leibe ziehen darf; gut, ich kann’s fassen. Aber den Entschluß dazu, den faß ich nicht. Der Entschluß zu solchen Dingen muß eine Raserei sein. Der Entschluß hält ja die Taten, er ist der eiserne Tragbalken, der das Gebäude des Willens vor dem Zusammenbruch bewahrt. Ich hab’ mir den Mann genau angesehen; harmlos, denkt man sich, ein Schulmeister. Aber zwischen Stirn und Nase war jene fixe Idee kenntlich, von der die Menschen der Tat besessen sind. Diese Leute sind die Dramen, die Gedichte, die Lieder Gottes, das Dargestellte, das Offenbarte, das, was Unbegreiflichkeiten und Hintergründe hat. Wir aber, wir sind die langweiligen Kompendien, die flachen Schilderungen, das naturalistische Quiproquo, die Makulatur.«
Das alles sagte er ziemlich hastig und sehr gestenreich, während der Diener das Abendbrot servierte. Manfred schaute gebannt auf diese flatternden, flackernden Lippen, diese eindringlichen Augen mit dem festen Blick, diese entschieden geeckte Stirn unter braunen und sorgfältig gescheitelten Haaren, dies glattrasierte, weiße, milchig blasse, zartgeäderte und zarthäutige Gesicht mit der feinen, schmalen und neugierigen Nase und den beim Sprechen vibrierenden, wie bei einem Schauspieler sich verfaltenden und wieder straffenden Wangen. Die ganze Erscheinung hatte etwas vehement Überzeugendes.
»Hast du schon gegessen?« fragte Erwin. »Nein? So setz dich her. Wichtel! Einen Teller und Besteck!«
Als Manfred ihm gegenüber Platz genommen hatte, fuhr er fort: »Entschuldige das Wir von vorhin, Manfred; ich meine eigentlich nur mich. Die richtigen Egoisten sagen immer ›Wir‹, wenn sie sich selber verdammen. Ich habe keine fixe Idee, das macht mich so ruhelos. Ich bin eine unpolitische Natur, ich habe keinen Anschluß, ich bin kein Vertreter, kein Repräsentant, ich bin nichts weiter als ein Ich, ein Ichlein, das sich manchmal einbildet, die geistige Maschinerie Europas mit in Bewegung zu setzen. Du, du bist ein Träumer. Träumer können aufwachen, von Träumern weiß man nie das Ende. Dir ist’s ja auch geglückt, deiner schwebenden Leidenschaft einen Inhalt zu geben, was mir nie gelingen wird. Ich habe bloß die Leidenschaft und keinen Inhalt. Ich kann nicht lieben, ich kann nur hassen. Meine Leidenschaft erkaltet, wenn sie einen Gegenstand umklammert, mein Herz wird matt, wenn es besitzt. Vor Wochen lernte ich ein junges Mädchen kennen, gleichviel wo, gleichviel wer es ist. Frisch und duftig wie eine Feldblume, sag’ ich dir, und graziös wie nur irgendeine in dieser wunderbaren Stadt. Ich hielt es für unmöglich, sie zu entflammen. Ich wünschte es gar nicht, mich quälte der Gedanke, daß diese Unschuld aus der Sternensphäre sinken könnte. Unschuld, siehst du, das ist es! Das ist die Göttin, vor der ich liegen und beten möchte! Aber Unschuld ist offenbar nur ein Reiz und nicht eine Wirklichkeit. Na, und diese – zwei Monate hat es gedauert, da kam sie, schmiegsam wie ein junges Kätzchen und traurig und zärtlich wie eine schon Gefallene. Mir wurde weh dabei. Ich nahm sie, gewiß, ich nahm sie, aber mit Wut, mit Verachtung, und dann gab ich ihr zu verstehen, daß alles aus sei zwischen uns. Ich war enttäuschter und zerstörter als sie, das kannst du mir glauben.«
»Du wirst sie zerbrochen haben«, bemerkte Manfred kurz.
Erwin zuckte die Achseln. »Sie wollte zerbrochen werden«, entgegnete er.
»Man macht dir’s eben viel zu leicht«, sagte Manfred kopfschüttelnd. »Bisweilen ist mir, als ob dich dein Dämon ins Unwegsame locken wollte, um dich zu verstricken.«
»Wär’s doch so!« rief Erwin aus. »Besser als, wie jetzt, durch das Leben zu rasen, mitten drin zwischen der Tat und dem Entschluß. Aber lassen wir’s. Das klingt alles so großartig und ist simpel wie eine Leichenrede. Wann reisest du?«
»Übermorgen.«
»Und dein Mädchen? Wie verhält sie sich zu einer so langen Trennung?«
»Ich mag nicht, wenn du ›dein Mädchen‹ sagst«, versetzte Manfred unwillig. »Im übrigen wollt’ ich dich bitten, morgen mit mir zu Virginia zu gehen. Sie will dich kennen lernen.«
Erwin rümpfte kaum merklich die Nase. »Ich vermute, daß du sie endlich so weit gebracht hast, einen Störenfried bei sich aufzunehmen«, sagte er dann. »Aber ich werde ihr versichern, daß ich von meinen Vormundschaftsrechten nur sparsamen Gebrauch machen will.«
»Das magst du nach Gutdünken halten«, erwiderte Manfred ernst. »Immerhin vergibst du dir nichts und mußt nicht fürchten, feierlich zu sein, wenn du nur versprichst, deine Freundschaft gegen mich auf sie zu übertragen. Sie ist allein, sie ist schutzlos. Ihre Mutter zählt kaum. Qualvoller Gedanke, solch ein Wesen auf sich selbst gestellt zurückzulassen. Nenn es Phantasterei, nenn es Mangel an Gläubigkeit, nenn’s wie du willst; wir sind ja alle dem Ungefähr ausgeliefert, und ich sehe nur das Verderben auf allen Seiten. Ich würde nicht reisen, wenn ich dich nicht wüßte.«
»Aber lieber, lieber, guter Mensch!« Erwin erhob sich und streckte Manfred beide Hände entgegen, die dieser ergriff, schüchtern und von dem ungewohnten Ausbruch freier Herzlichkeit bewegt. »Ich stehe dir mit allem, was ich bin und habe, zur Verfügung«, sagte Erwin mit einer Wärme, die der Stimme einen sonoren und seelenvollen Klang verlieh. »Ich übernehme die Verantwortung gern und ohne Vorbehalt. Du hast mein Wort, ich fasse die Sache so wörtlich auf, wie du sie verstehst.«
»Dank, tausend Dank«, entgegnete Manfred. »Ich brauche ja nur die Sicherheit, daß du im Notfall für sie da bist. Du schreibst mir gelegentlich über ihre Gesundheit, ihre Stimmung, darüber, wie sie aussieht, was sie spricht und tut, das ist alles. Ich traue dir Geschicklichkeit genug zu, um sie nicht durch eine Aufsehermiene störrisch zu machen.«
Beide lachten. »Ich muß dir ihr Bild zeigen,« fuhr Manfred fort, indem er einen handgroßen Karton aus der Brusttasche zog und ihn Erwin reichte, »sie hat endlich meinen Wunsch erfüllt und sich photographieren lassen.«
Erwin nahm das Bild und legte es wieder weg. Dann nahm er es abermals, hielt es in Armlänge vor die Augen, und seine Brauen rundeten sich.
»Es ist keineswegs geschmeichelt«, sagte Manfred mit naiver Eitelkeit.
»Donnerwetter – ja«, murmelte Erwin. »Prächtig, ganz prächtig. Ich dachte immer, du übertreibst, und habe insgeheim deine Schilderungen belächelt. Aber das scheint ja eine vollendete Schönheit zu sein.«
»Und noch mehr.«
»Mehr? Was noch? Mehr gibt es nicht. Ist ohnehin selten. Darin ist alles beschlossen.«
»Wenn wir im Zeitalter Platons lebten, würde ich sagen: eine vollendete Tugend. Aber heutzutage macht sich das schlecht.«
»Gewiß. Tugend hat immer etwas Ranziges. Ein odioser Begriff.«
»So nennen wir es Unschuld. Trotzdem du die Unschuld leugnest.«
»Geht es nicht ein wenig wider die Schamhaftigkeit, von jemand zu sagen, er sei unschuldig?« fragte Erwin stolz. Manfred senkte die Stirn. »Wozu einen Titel? Besitze, Freund, genieße und laß den Kommentar. Worte zerstören. Und wirf einen Ring ins Wasser wie Polykrates, denn du bist beneidenswert.«
Wichtel brachte eine Karte, auf welcher der Name Ottokar Graf Palester stand. Erwin lächelte. »Der gute Graf ist immer Mitternachtsgast. Bringen Sie kalten Aufschnitt, Wichtel,« wandte er sich an den Diener, »der Herr Graf hat sicher noch nicht gegessen.«