I.
Das Totenhaus
Unser Gefängnis lag ganz am Rande der Festung, dicht am Festungswall. Zuweilen sah man so durch die Zaunspalten in Gottes weite Welt hinein: wirst du dort nicht irgend etwas sehen? – Doch was du sahst, war nur ein Stückchen Himmel und der mit Steppengras bewachsene hohe Erdwall, auf dem nur die Schildwachen tagaus, tagein und jede Nacht auf- und abgehen; und gleich darauf denkst du, daß Jahre vergehen werden, du aber immer so an den Zaun treten wirst, um wieder durch die Spalten zu lauern und immer denselben Wall, dieselben Schildwachen und dasselbe kleine Stückchen Himmel sehen wirst, nicht diesen Himmel, der über dem Gefängnis ist, sondern jenen, den anderen, fernen, freien Himmel.
Man denke sich einen großen Hof von zweihundert Schritt Länge und hundertundfünfzig Breite, der rings von einem hohen Pfahl- oder Palissadenzaun in einem unregelmäßigen Sechseck umgeben ist. Diese hohen Pfähle sind tief in die Erde eingerammt, fest aneinander gefügt, außerdem durch verbindende Querplanken noch doppelt in ihrer senkrechten Stellung gefestigt, und das obere Ende jedes Pfahles ist zugespitzt, – das ist die äußere Einfriedung eines „Ostrogg“. An einer der sechs Seiten befindet sich ein großes Tor, das stets verschlossen ist und Tag und Nacht von Schildwachen bewacht wird. Dieses Tor wurde nur früh morgens aufgemacht, wenn die Gefangenen zur Arbeit abmarschierten. Hinter diesem Tor lag die helle freie Welt, dort lebten Menschen wie alle. Aber diesseits der Umzäunung lag eine andere Welt, von der sich die übrigen Menschen nur Vorstellungen wie von einem unmöglichen Märchen machten. Hier war eine besondere Welt, die keiner einzigen anderen glich, hier gab es besondere Gesetze, besondere Tracht, besondere Sitten und Bräuche, es war ein lebendes Totenhaus, ein Leben, wie es in der Welt nirgends eines gibt, und auch die Menschen waren hier besondere. Diesen besonderen Winkel will ich nun zu beschreiben versuchen.
Wer den Ostrogg betritt, sieht innerhalb des Palissadenzauns mehrere Gebäude. Zu beiden Seiten des breiten inneren Hofes liegen zwei langgestreckte einstöckige Blockhäuser. Das sind die Kasernen. In ihnen leben die Zwangsarbeiter, die in Abteilungen untergebracht sind. Weiterhin liegt ein drittes ebensolches Blockhaus: das ist die Küche, die gleichfalls in zwei Abteilungen geteilt ist. Und ganz im Hintergrund befindet sich noch ein viertes Gebäude, in dem sich die Keller, Vorratsräume und Schuppen befinden. Die Mitte des Hofes ist frei und bildet einen gleichmäßigen, ziemlich großen Platz. Hier treten die Sträflinge zweimal täglich an, hier findet die Zählung und der Namensappell morgens, mittags und abends statt, zuweilen aber auch sonst noch ein paar Mal am Tage – je nach dem Argwohn der Wachhabenden und ihrer Übung im Zählen. Zwischen diesen Gebäuden und dem Palissadenzaun bleibt noch ein ziemlich freier Raum. Hier hinter den Blockhäusern pflegten einige von den Sträflingen, die verschlosseneren, düstereren und menschenscheueren von ihnen, sich in den arbeitsfreien Stunden aufzuhalten und ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Wenn ich ihnen dann begegnete, versuchte ich immer, ihre düsteren, gebrandmarkten Gesichter zu durchschauen und zu erraten, woran sie dachten. Unter ihnen gab es einen, dessen Lieblingsbeschäftigung in diesen Mußestunden das Zählen der Zaunpfähle war. Es waren im ganzen tausendfünfhundert Pfähle, er aber kannte jeden einzelnen von ihnen auswendig. Jeder Pfahl bedeutete für ihn einen Tag; an jedem Tage zählte er um einen Pfahl weiter, so daß er an den übrigen noch nicht gezählten Pfählen anschaulich sehen konnte, wieviel Tage ihm noch bis zur Freilassung blieben. Und er freute sich wie ein Kind, wenn er mit einer der Seiten des Sechseckes fertig war. Er hatte noch lange Jahre zu warten, aber im Ostrogg hatte man Zeit genug, sich an das Warten zu gewöhnen. Einmal erlebte ich, wie ein Sträfling, der zwanzig Jahre lang in der Kátorga[1] verbracht hatte, nun endlich wieder in die Freiheit zurücksollte. Einige erinnerten sich noch seiner, wie er zum erstenmal in den Ostrogg gekommen war, ein junger, sorgloser Bursche, der weder an sein Verbrechen, noch an seine Strafe dachte. Er verließ den Ostrogg als silberhaariger Greis mit einem düsteren, traurigen Gesicht. Schweigend ging er in alle unsere sechs Kasernen, um von den anderen Abschied zu nehmen. In jeder der sechs Kasernen betete er zuerst vor den Heiligenbildern, dann verneigte er sich tief vor den anderen und nahm Abschied von ihnen, mit der Bitte, seiner nicht im Bösen gedenken zu wollen. Auch entsinne ich mich noch, wie einmal ein Sträfling, der früher ein reicher sibirischer Landbauer gewesen war, in der Abendstunde noch zum Tor gerufen wurde. Ein halbes Jahr vorher hatte er die Nachricht erhalten, daß sein Weib sich wieder verheiratet habe, und da war er darüber tief traurig geworden. An diesem Abend aber war sie selbst zum Ostrogg gekommen, sie ließ ihn herausrufen und gab ihm ein Almosen. Sie sprachen vielleicht nur zwei Minuten lang, beide weinten sie, und dann nahmen sie auf ewig Abschied von einander. Ich sah sein Gesicht, als er in die Kaserne zurückkehrte. Ja, an diesem Ort konnte man es lernen, Geduld zu haben.
Sobald es dunkelte, wurden wir alle in die Kasernen geführt, wo man uns für die ganze Nacht einschloß. Es fiel mir zuerst sehr schwer, vom Hof in unsere Kaserne zurückkehren zu müssen. Das war ein langer, niedriger, drückend heißer Raum, der nur matt von Talglichten erhellt wurde, erfüllt von schwerem, erstickendem Geruch. Heute begreife ich nicht mehr, wie ich zehn Jahre lang dort habe aushalten können.
Auf der langen Pritsche, auf der wir alle in zwei Reihen schliefen, durfte ich nur drei Bretter einnehmen; das war alles, was an Platz mir gehörte. Auf dieser Pritsche schliefen in unserer Stube an dreißig Menschen. Im Winter wurden wir früh eingeschlossen, und dann dauerte es mehr als vier Stunden, bis alle eingeschlafen waren. Bis dahin aber – Geschrei, Spektakel, Gelächter, Geschimpf, das Gerassel der Ketten, Qualm und Lampenruß, geschorene Köpfe, gebrandmarkte Gesichter, zerlumpte Kleider, alles Entehrte, Verfemte ... Ja, zäh ist der Mensch! Er ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt – und dies ist, glaube ich, die treffendste Bezeichnung für ihn.
Im ganzen waren in unserem Ostrogg an zweihundertundfünfzig Sträflinge untergebracht, das war die fast stehende Zahl der Arrestanten. Die einen kamen, die anderen gingen, die dritten starben. Und was für Menschenarten gab es dort nicht! Ich glaube, jedes Gouvernement, jeder Landstrich Rußlands hatte seine Vertreter im Ostrogg. Auch Söhne fremder Rassen waren dort, einige sogar aus den kaukasischen Bergvölkern. Alle waren nach der Art ihres Verbrechens „sortiert“, und folglich auch nach der Zahl der Jahre, zu denen man sie verurteilt hatte. Es ist anzunehmen, daß es wohl kein Verbrechen gab, das hier nicht seinen Repräsentanten besaß. Den Hauptbestandteil der ganzen Ostroggbevölkerung machten die zur schweren Zwangsarbeit Verschickten aus (die „Schwerverschickten“, wie sie sich selbst naiv benannten). Das waren Verbrecher, die man aller Rechte beraubt hatte, verworfene Glieder der Gesellschaft mit gebrandmarkten Gesichtern, die sie ewig als Ausgestoßene kennzeichnen sollten. Sie waren auf acht bis zwölf Jahre zur Zwangsarbeit verurteilt und nach Ablauf dieser Frist wurden sie als Ansiedler in öde Gegenden verschickt. Auch gab es Verbrecher aus dem Soldatenstande, die aber nicht aller Rechte beraubt waren, wie die in den übrigen russischen Militärstrafkolonien. Sie wurden nur auf kurze Zeit verschickt und kehrten nach Ablauf ihrer Strafzeit wieder dorthin zurück, woher sie gekommen waren, in die sibirischen Linienbataillone. Viele von ihnen kamen aber bald von neuem in den Ostrogg, infolge neuer schwerer Vergehen, dann jedoch nicht mehr auf kurze Zeit, sondern auf zwanzig Jahre. Die Sträflinge dieser Abteilung nannte man die „Lebenslänglichen“. Doch selbst diese „Lebenslänglichen“ waren noch nicht aller Rechte beraubt. Und dann gab es noch eine Abteilung der gefährlichen Verbrecher, die größtenteils aus ehemaligen Soldaten bestand und recht zahlreich war. Die hieß die „besondere Abteilung“. In diese Abteilung wurden aus ganz Rußland Verbrecher geschickt. Sie hielten sich selbst für „Ewige“ und kannten nicht einmal die Dauer ihrer Zwangsarbeit. Nach der Vorschrift mußte die Zahl ihrer Arbeitsstunden verdoppelt und verdreifacht werden. Sie wurden solange im Ostrogg gehalten, bis die schwersten Zwangsarbeiten aufgenommen wurden. „Ihr habt nur Stundenarbeit, wir aber sind ewig in der Kátorga“ – sagten sie zuweilen zu den anderen Mitgefangenen. Später habe ich gehört, daß diese Abteilung aufgehoben sei. Außerdem wurde in unserer Festung zu meiner Zeit auch der Standesunterschied aufgehoben und eine allgemeine militärische Arrestantenkompagnie eingeführt. Selbstverständlich erfuhr bei der Gelegenheit auch die Oberleitung Veränderungen. So beschreibe ich denn hier noch die alten Zeiten, die schon längst vergangen und vergessen sind ...
Ja, alles, was ich hier erzähle, ist schon lange her, oft scheint es mir jetzt, daß ich es nur im Traum gesehen. Ich erinnere mich noch, wie ich zum erstenmal den Ostrogg betrat. Es dunkelte bereits, die Sträflinge kehrten schon von der Arbeit zurück und ordneten sich in Reih und Glied zur letzten Nachzählung.
Ein Unteroffizier mit einem starken Schnurrbart machte mir endlich das Tor auf, und ich betrat den Ostrogg, in dem ich soviel Jahre verbringen, soviele Empfindungen ertragen sollte, von denen ich, wenn ich sie nicht selbst durchlebt hätte, mir niemals eine auch nur annähernd richtige Vorstellung machen könnte. Zum Beispiel hätte ich mir nie denken können, wie furchtbar und qualvoll es sein würde, in den ganzen zehn Jahren meiner Sträflingszeit keinen einzigen Augenblick allein sein zu können. Bei der Arbeit stets unter Aufsicht und Bewachung, im Ostrogg stets mit zweihundertundfünfzig Schicksalsgenossen, und niemals, niemals allein! Übrigens war das nicht das einzige, woran ich mich zu gewöhnen hatte!
Hier gab es verschiedene Verbrecher, zufällige Mörder und solche, die sich das Morden zum Handwerk gemacht hatten, gewöhnliche Räuber und die Führer ganzer Räuberbanden. Darunter gab es auch einfache Spitzbuben, Taschendiebe und Landstreicher – Gewerbetreibende aller Art, Geldwechsler und Falschmünzer, wie überhaupt viele Liebhaber unverdienten Gutes. Auch gab es noch andere, bei denen es schwer war, sich vorzustellen, für welche Vergehen sie wohl verurteilt sein könnten. Und doch hatte ein jeder seine Geschichte, die dunkel und schwer war wie der Dunst am nächsten Morgen, nach einem abendlichen Saufgelage. Überhaupt wurde wenig von der Vergangenheit gesprochen, sie liebten es nicht, davon zu erzählen und waren sichtlich bemüht, auch nicht daran zu denken. Ich kannte unter ihnen Mörder, die immer heiter und überhaupt nie nachdenklich waren, und man hätte wetten können, daß ihr Gewissen ihnen noch keinen einzigen Vorwurf gemacht hatte. Es gab aber auch finstere Gesichter, Verbrecher, die fast nur schwiegen. Im allgemeinen kann man sagen, daß nur äußerst selten jemand seine Lebensgeschichte erzählte, und es war auch nicht Mode, Interesse dafür zu bekunden, – das war eben nicht Sitte, das war nicht „angenommen“. Es sei denn, daß jemand einmal so aus Langeweile zu erzählen anfing und der andere ihm kaltblütig und finster zuhörte. Niemand vermochte hier den anderen in Erstaunen zu setzen. „Wir sind geschultes Volk,“ hörte man sie nicht selten mit einer ganz eigentümlichen Selbstzufriedenheit sagen.
Ich weiß noch, wie einmal ein Räuber, der sich angetrunken – das konnte man mitunter im Ostrogg –, zu erzählen begann, wie er einen fünfjährigen Knaben ermordet hatte: zuerst habe er ihn mit einem Spielzeug angelockt, dann in einen leerstehenden Schuppen geführt und dort ermordet. Da schrie die ganze Kaserne, die bis dahin gelacht und heitere Unterhaltung geführt hatte, wie aus einem Munde auf; aber nicht etwa aus Unwillen schrieen sie, sondern so, – weil es „überflüssig“ war, „davon zu sprechen,“ weil „davon“ zu reden „nicht angenommen“ war. Ich muß hier bemerken, daß dieses Volk tatsächlich geschult war, und zwar nicht nur im übertragenen, sondern auch im buchstäblichen Sinne des Wortes, denn mindestens die Hälfte von ihnen konnte lesen und schreiben. An welch einem anderen Orte, wo russisches Volk in großen Massen versammelt ist, würde man einen Haufen von zweihundertundfünfzig Menschen abteilen können, von denen über die Hälfte zu lesen und zu schreiben verstünde? Später habe ich gehört, daß irgend ein Gelehrter auf Grund ähnlicher Tatsachen zu beweisen versucht habe, daß die Schulbildung das Volk verderbe. Das ist aber ein Irrtum: diese Tatsache beruht auf ganz anderen Ursachen, obgleich – das muß ich allerdings zugeben – die Schulbildung das Selbstvertrauen im Volke entwickelt. Aber das ist ja durchaus kein Fehler.
Die verschiedenen Klassen der Verbrecher unterschieden sich auch in der Kleidung: die einen hatten die rechte Hälfte der Jacke aus dunkelbraunem, die linke aus grauem Stoff, und ebenso war das eine Hosenbein braun, das andere grau. Einmal, als wir gerade außerhalb des Ostrogg bei der Arbeit waren, schaute mich ein kleines Mädchen, eine Semmelverkäuferin, von der wir etliche Weißbrote und Kalatschen erstanden hatten, lange Zeit aufmerksam an und brach dann plötzlich in Lachen aus:
„Pfui, wie das aussieht!“ sagte sie lachend, „der graue Stoff hat nicht ausgereicht und der braune hat auch nicht ausgereicht!“
Andere Sträflinge trugen wiederum eine graue Jacke, deren Ärmel allein aus dunkelbraunem Tuch waren. Auch der Kopf wurde verschieden geschoren: es wurde immer nur die eine Hälfte abrasiert, bei einem die ganze linke Seite, bei anderen nur der Vorderkopf.
Schon auf den ersten Blick konnte man eine gewisse Gemeinsamkeit in dieser eigenartigen Familie bemerken. Sogar die Persönlichsten, Unterschiedlichsten von ihnen, die ganz unwillkürlich über den anderen standen, – selbst diese bemühten sich, in den allgemeinen Ton des ganzen Ostrogg einzustimmen. Ich kann wohl sagen, daß dieses ganze Volk, nur mit Ausnahme weniger unerschöpflich heiterer Gemüter, die sich dafür auch der allgemeinen Verachtung erfreuten, auffallend düster, mürrisch, neidisch, unglaublich ruhmsüchtig, großsprecherisch, empfindlich und im höchsten Grade formell war. Die Fähigkeit, sich über nichts zu wundern, war bei ihnen die größte Tugend. In dieser Beziehung waren sie geradezu krankhaft. Die Hauptsache für sie war: wie man sich äußerlich benahm. Doch oftmals verwandelte sich die aufgeblasenste Haltung mit wahrer Blitzesschnelle in die allerkleinmütigste. Es gab auch einige wahrhaft Starke unter ihnen; die aber waren einfach und verstellten sich nicht. Doch eines war sonderbar! Unter diesen wahrhaft Starken gab es wiederum einige, die bis zum Äußersten ruhmsüchtig waren, bis zur Krankhaftigkeit. Überhaupt waren Ruhmsucht und das Äußere das Wichtigste im Ostrogg.
Die Mehrzahl der Sträflinge war entsetzlich verderbt. Verleumdungen und Klatschereien hörten nie auf: darin war der Ostrogg eine Hölle, eine wahre Ausgeburt der Unterwelt. Aber gegen die einmal angenommenen Sitten und Gesetze wagte niemand sich zu erheben; alle ergaben sich. Es gab wohl schroff hervortretende Charaktere, die sich schwer, die sich nur mit Mühe unterordneten, aber sie taten es doch.
Es kamen auch solche in den Ostrogg, die ihre Vergehen gewissermaßen gar nicht selbst verübt zu haben schienen, als wüßten sie selbst nicht, warum und wozu sie es getan, gleichsam im Fieber oder in der Betrunkenheit; häufig hatten sie die Tat nur aus krankhaft gesteigerter Ruhmsucht begangen. Denen wurde aber bei uns sofort ein anderer Standpunkt klar gemacht, obgleich einzelne von ihnen vor ihrer Ankunft im Ostrogg der Schrecken ganzer Dörfer und Ortschaften gewesen waren. Jeder Neuling erkannte schon bald nach der ersten Umschau, daß er nicht dorthin geraten war, wohin er zu kommen gemeint hatte, daß er hier keinen mehr in Erstaunen setzen konnte, und so fügte er sich unmerklich und stimmte in den allgemeinen Ton ein.
Dieser allgemeine Ton bestand äußerlich in einer ganz besonderen persönlichen Würde, von der fast jeder Bewohner des Ostrogg völlig durchdrungen zu sein schien, ganz als ob die Benennung „Sträfling“ oder „Verurteilter“ tatsächlich irgend ein Titel gewesen wäre, womöglich noch ein Ehrentitel. Kein einziges Anzeichen von Scham oder Reue! Übrigens gab es doch eine gewisse äußere Unterwerfung, ein sozusagen offizielles, ruhiges Renommieren.
„Wir sind verlorenes Volk,“ sagten sie, „wer nicht konnt’ in Freiheit leben, mag jetzt harte Straßen gehen.“ – „Wer Vater und Mutter nicht hat gehorcht, der gehorche jetzt dem Trommelfell.“ – „Hast du nicht freiwillig arbeiten gewollt, so klopfe jetzt Steine entzwei.“ Solche und ähnliche Sätze wurden sehr oft gesagt, sowohl als Sittenlehre wie auch als gewöhnliche Redensart, niemals aber wirklich ernst gemeint. Es waren eigentlich nur leere Worte, denn es ist kaum anzunehmen, daß auch nur einer von ihnen sich seine Gesetzwidrigkeit bewußt eingestand. Es hätte nur jemand von den Nichtsträflingen gewagt haben sollen, einem von ihnen sein Verbrechen vorzuhalten, ihn einmal deswegen zu schelten (wenn es auch nicht russisch ist, einem Verbrecher Vorwürfe zu machen) – das Schimpfen würde dann kein Ende genommen haben! Und welche Künstler waren sie alle im Schimpfen! Sie schimpften sich geradezu raffiniert, meisterhaft! Das Schimpfen war bei ihnen zu einer ganzen Wissenschaft geworden; sie bemühten sich, nicht so sehr mit dem kränkenden Wort zu treffen, als mit dem kränkenden Sinn, der Zusammenstellung des Ganzen, der „Idee“! – Das aber ist noch verfeinerter und folglich um so verletzender. Und die ununterbrochenen Streitigkeiten dienten natürlich nur dazu, um diese Kunst unter ihnen noch mehr zu entwickeln. Alle diese Sträflinge arbeiteten unter dem Stock, so ist es denn selbstverständlich, daß sie faul waren, liederlich und verderbt; selbst wenn sie es früher nicht gewesen waren, so wurden sie es hier im Ostrogg. Alle waren sie hier nicht durch eigenen Willen versammelt, alle waren sie einander Fremde.
„Der Teufel hat wenigstens drei Paar Bastschuhe durchgelaufen, bevor er uns in einen Haufen zusammengebracht!“ sagten sie von sich selbst, und so waren denn Klatsch, Intrigen, Verleumdungen, Neid, Hader und jede Niedertracht in diesem Höllenleben an der Tagesordnung. Kein altes Weib hätte so weibisch sein können, wie es einige von diesen Seelenmördern waren. Ich wiederhole, es gab unter ihnen auch starke Charaktere, die abgehärtet und furchtlos waren, die ihr ganzes Leben lang gewohnt gewesen, zu herrschen und zu fordern. Diese wurden auch von den anderen Mitgefangenen unwillkürlich geachtet, sie aber gaben sich doch Mühe, obwohl sie auf ihren Ruhm bisweilen sogar sehr eifersüchtig waren, im großen ganzen den anderen nicht zur Last zu werden. Auf nichtigen Streit ließen sie sich überhaupt nicht ein, wahrten stets eine auffallende Würde in ihrem ganzen Gehaben, waren vernünftig und fast immer der Obrigkeit gehorsam, – doch nicht etwa aus dem Prinzip zu gehorchen, sondern wie nach einem stillschweigenden Übereinkommen, weil es für beide Teile so das Beste war. Übrigens ging man mit ihnen auch vorsichtig um.
Ich entsinne mich noch, wie einmal einer von ihnen, ein furchtloser, entschlossener Charakter, der unserer Obrigkeit schon von früher wegen seiner tierischen Neigungen bekannt war, wegen irgend eines Vergehens zur Bestrafung gerufen wurde. Es war ein Sommertag und wir hatten gerade keine Arbeit. Der Major, der nächste und unmittelbare Vorgesetzte des Ostrogg, erschien selbst, um persönlich der Bestrafung beizuwohnen. Dieser Major war für die Sträflinge ein geradezu fatales Wesen, er brachte es soweit, daß sie vor ihm zitterten. Er war bis zur Sinnlosigkeit streng, ein „Menschenfresser“, wie die Gefangenen sagten. Am meisten fürchteten sie seinen alles durchdringenden Luchsblick, vor dem sich nichts verbergen ließ. Er sah gleichsam, ohne irgend wohin zu sehen. Betrat er den Ostrogg an dem einen Ende, so wußte er schon, was am anderen Ende desselben geschah. Die Sträflinge nannten ihn den „Achtäugigen“. Sein System war aber unrichtig. Durch seine rasenden, wilden Handlungen erbitterte er nur sowieso schon erbitterte Menschen, und wäre nicht der Kommandant, ein edler und vernünftig denkender Mensch, über ihm gewesen, der seine wilden Ausfälle mitunter mäßigte, so hätte der Major noch großes Unheil angerichtet. Offen gestanden, ich begreife es nicht, wie er noch so glücklich seine Zeit abgedient hat: und dennoch trat er lebend und gesund aus dem Dienst.
Der Sträfling erbleichte, als er gerufen wurde. Sonst pflegte er sich immer schweigend und entschlossen unter die Ruten zu legen, schweigend die Strafe hinzunehmen, nach Vollzug derselben aufzustehen, als wäre nichts geschehen, und kaltblütig und philosophisch das zugestoßene Mißgeschick hinzunehmen. Trotzdem ging man immer sehr vorsichtig mit ihm um. Diesmal aber fühlte er sich vollkommen unschuldig. Er erbleichte, und es gelang ihm, unbemerkt von der Wache, ein scharfes, englisches Messer in den Ärmel zu stecken. Messer und alle scharfen Instrumente waren im Ostrogg aufs strengste verboten; die Durchsuchungen wurden sehr oft, ganz plötzlich und gründlich vorgenommen, die Strafen waren grausam hart, da aber eine von Dieben versteckte Sache schwer zu finden ist, besonders wenn sie mit solchen Untersuchungen rechnen müssen und sicher verstecken wollen, und da andererseits Messer und ähnliche Werkzeuge immer gebraucht wurden, so waren sie trotz aller Maßregeln nicht auszurotten. Und wenn sie auch fortgenommen wurden, so schaffte man sich doch unverzüglich neue an.
Die ganze Kaserne stürzte zum Zaun, um dort mit klopfendem Herzen durch die Spalten zu lauern. Alle wußten, daß Petroff sich diesmal nicht freiwillig unter die Ruten hinlegen würde und daß die letzte Stunde des Majors gekommen war. Aber kurz vor dem entscheidenden Augenblick stieg unser Major in seinen Wagen und fuhr davon, nachdem er die Ausführung der Exekution einem anderen Offizier übertragen hatte.
„Den hat Gott selbst gerettet,“ sagten die Sträflinge. Petroff aber nahm mit der größten Ruhe seine Strafe hin. Sein Zorn war mit der Abfahrt des Majors vollständig vergangen. Der Arrestant ist gewöhnlich bis zu einem gewissen Grade gern gehorsam und geduldig, doch gibt es eine Grenze für seinen guten Willen, die man nicht überschreiten darf. Da ich soeben einen solchen Fall angeführt habe, will ich hier noch bemerken, daß es kaum etwas Interessanteres gibt, als diese sonderbaren Ausbrüche der Ungeduld und Widersetzlichkeit in den Arrestanten. Oft erträgt ein Mensch mehrere Jahre lang die grausamsten Strafen, er ergibt sich allem widerspruchslos, plötzlich aber reißt seine Geduld bei der nichtigsten Geringfügigkeit, ja man könnte sagen, um nichts und wieder nichts. Von einem gewissen Standpunkte aus müßte man ihn dann sogar wahnsinnig nennen, – und man tut es ja auch ...
Ich sagte schon, daß ich während all dieser Jahre kein einziges Mal auch nur das geringste Anzeichen einer Reue bei diesen Menschen bemerkt habe, auch nicht die geringsten Gewissensbisse wegen des verübten Verbrechens, oder auch nur ein unbehagliches Denken an dasselbe, und daß die Mehrzahl der Sträflinge sich innerlich für vollkommen schuldlos hält. Das ist Tatsache. Natürlich sind auch Ruhmsucht, schlechtes Beispiel, die übliche flotte Burschengroßtuerei und falsche Scham vielfach mit die Ursache davon. Und andererseits – wer könnte sagen, daß er die Tiefe dieser verkommenen Seelen erforscht und das vor aller Welt Verborgene in ihnen gesehen habe? Aber immerhin hätte man doch im Laufe so vieler Jahre wenigstens irgend einen Zug wahrnehmen müssen, nach dem man auf Schwermut oder Leiden hätte schließen können, – wenn davon auch nur eine Spur vorhanden gewesen wäre. Doch es war nichts davon zu sehen, entschieden nichts. Ja ich glaube, das Verbrechen läßt sich nicht nach gegebenen, bereits fertigen Gesichtspunkten erfassen und seine Philosophie dürfte etwas schwieriger sein, als allgemein angenommen wird. Daß das System der Gefängnisstrafe und die Zwangsarbeit keinen einzigen Verbrecher bessert, ist wohl selbstverständlich, sie „bestrafen“ ihn nur und sichern die Gesellschaft vor weiteren Anschlägen des Bösewichts auf ihre Freiheit und ruhige Sicherheit. Im Verbrecher jedoch erweckt der Ostrogg und selbst die angestrengte Arbeit nur Haß, Leidenschaft für verbotene Genüsse und unglaublichen Leichtsinn. Ich bin überzeugt, daß auch das berühmte Zellensystem nur ein falsches, trügerisches, äußeres Ziel erreicht. Es saugt aus dem Menschen alle Lebenskraft, entnervt seinen Geist, schwächt und ängstigt ihn und präsentiert dann endlich die sittlich vertrocknete Mumie, den Halbwahnsinnigen, als Musterbild der Besserung und Reue. Natürlich haßt der Verbrecher die Gesellschaft, gegen die er sich ja auch empört hat, und hält fast ausnahmslos sich für den Unschuldigen und jene für die Schuldigen. Hinzu kommt, daß ihm von dieser Gesellschaft für sein Vergehen Strafe auferlegt worden ist, diese aber befreit sein Gewissen von jedem Schuldbewußtsein, selbst wenn eines vorhanden gewesen wäre, und so fühlt er sich denn wie einer, der alle seine Schulden bezahlt und sich folglich nichts mehr vorzuwerfen hat. So kann man denn, wenn man von solchen Gesichtspunkten ausgeht, schließlich noch den Verbrecher selbst sehr wohl rechtfertigen. Doch ganz abgesehen von allen Gesichtspunkten wird doch ein jeder zugeben, daß es Verbrechen gibt, die immer und überall, nach jedem Gesetz und schon seit dem Anfang der Welt als fraglose Verbrechen angesehen worden sind, und die man noch weiter als solche betrachten wird, solange der Mensch ein Mensch bleibt. Nur habe ich im Ostrogg von den schrecklichsten, grauenvollsten, wahrhaft ungeheuerlichsten Morden mit dem unbezwingbarsten, mit kindlich heiterem Lachen erzählen gehört.
So kann ich bisweilen die Erinnerung an einen Vatermörder nicht los werden. Er war Edelmann und hatte als halbwegs verlorener Sohn bei seinem alten sechzigjährigen Vater gelebt, ein ausschweifendes Leben geführt und viel Schulden gemacht. Der alte Vater redete ihm ins Gewissen, und als das Reden nicht half, entzog er ihm das Geld zur Ausschweifung. Der Alte besaß aber ein Haus und ein kleines Gut, und außerdem vermutete man, daß er Geld hatte, – und der Sohn ermordete den Vater um dieses Geldes willen. Das Verbrechen war erst nach einem Monat entdeckt worden. Der Mörder hatte selbst der Polizei angezeigt, daß sein Vater spurlos verschwunden sei, und den ganzen Monat verbrachte er in Saus und Braus. Der Polizei war aber sein Treiben bald verdächtig erschienen, und eines Tages, während seiner Abwesenheit, hatte man den Leichnam des Ermordeten auf dem Hof in dem mit Brettern zugedeckten Abzugsgraben gefunden. Der Leichnam war vollständig angekleidet und augenscheinlich sehr sorgsam dort hingebettet worden: das graue Haupt war vollständig abgetrennt, doch hatte der Mörder es wieder an den Rumpf gedrückt und außerdem noch ein Kissen unter dasselbe geschoben. Er hatte seine Schuld nicht eingestanden, war aber trotzdem seines Adels und Ranges beraubt und auf zwanzig Jahre zur Zwangsarbeit verurteilt worden. Während der ganzen Zeit, die ich mit ihm zusammen im Ostrogg verbrachte, befand er sich in der besten, heitersten Gemütsstimmung. Es war ein überaus leichtsinniger, unvernünftiger, verdrehter Mensch, wenn auch längst kein Dummer. Ich habe niemals irgend welche besondere Brutalität an ihm bemerken können. Die übrigen Sträflinge verachteten ihn, doch taten sie es nicht etwa seines Verbrechens wegen – davon war überhaupt nicht die Rede –, sondern wegen seiner Einfalt, weil er sich nicht zu „benehmen“ verstand. Unterhielt man sich mit ihm über dies und das, so kam er nicht selten auch auf seinen Vater zu sprechen. Einmal, als wir von der Gesundheit sprachen, die in seiner Familie erblich sei, fügte er noch beiläufig hinzu:
„Mein Vater zum Beispiel hat bis zu seinem Tode kein einziges Mal über Krankheit geklagt.“
Eine dermaßen tierische Gefühllosigkeit scheint natürlich kaum glaublich: das war geradezu ein Phänomen. Wer weiß, ob ihr nicht irgend eine unglückliche Veranlagung, eine körperliche oder sittliche Mißgestaltung, die von der Wissenschaft noch nicht erforscht ist, zugrunde liegt, und wir folglich kein gewöhnliches Verbrechen vor uns haben. Zuerst glaubte ich es gar nicht, daß er ihn ermordet habe. Es waren da aber auch Leute aus derselben Stadt, die alle Einzelheiten des Falles kannten und mir den ganzen Prozeß erzählten. Die Tatsachen waren dermaßen klar, daß sie jeden Zweifel an seiner Schuld ausschlossen. Und einmal hatten die anderen Sträflinge gehört, wie er nachts im Traum geschrieen hatte:
„Halt ihn, halt ihn! Hau’ ihm den Kopf ab, den Kopf, den Kopf!“
Fast alle Sträflinge sprachen im Traum und phantasierten viel. Von Messern und Äxten träumte ihnen offenbar nicht selten und Schimpfworte und Banditenjargon hörte man in jeder Nacht.
„Wir sind unter der Knute,“ sagten sie zuweilen, „die liegt auch auf unserem Inneren, darum schreien wir auch in der Nacht.“
Die staatliche Zwangsarbeit war für sie keine Beschäftigung, sondern eine Pflicht: der Sträfling arbeitete seine Zeit ab oder drückte sich um die Arbeit in den festgesetzten Stunden, so gut es ging, herum und kehrte dann in den Ostrogg zurück. Die Zwangsarbeit rief in ihnen nur Haß hervor. Doch ohne eine besondere, eigene Beschäftigung, der er sich mit seiner ganzen Seele und seiner ganzen Vernunft hingeben kann, würde es kein Mensch im Ostrogg aushalten. Und das ist ja auch nur zu begreiflich, denn wie hätte sich sonst dieses ganze, immerhin entwickelte Volk, das stürmisch gelebt hatte, das Leben liebte und leben wollte, das hier gewaltsam in einen Haufen zusammengetrieben, das gewaltsam von der Gesellschaft und dem normalen Leben abgetrennt worden war, – wie hätte sich dieses Volk hier normal und regelrecht nach eigenem Willen und Verlangen anders einleben können? Schon allein durch den Müßiggang würden sich in ihm bald verbrecherische Eigenschaften entwickelt haben, von denen früher vielleicht mancher nichts geahnt hatte. Ohne Beschäftigung und ohne gesetzmäßiges, normales Eigentum kann der Mensch nicht leben: er verdirbt und wird zum Tiere. Und darum hatte ein jeder im Ostrogg – wohl aus dem Gefühl der Selbsterhaltung und dem natürlichen Bedürfnis heraus – seine eigene, besondere Beschäftigung, sein eigenes Handwerk.
Der lange Sommertag war von der Zwangsarbeit ganz und gar ausgefüllt; in der kurzen Nacht konnte man sich kaum ausschlafen. Im Winter aber mußten die Arrestanten vorschriftsmäßig schon früh, sobald es nur zu dunkeln begann, im Ostrogg eingeschlossen werden. Was sollte man nun an diesen langen, langweiligen Winterabenden beginnen? Und so verwandelte sich denn jede Kaserne, trotz des Verbots, in eine große Werkstube. Das heißt, Arbeit an sich war ja nicht verboten; verboten war aber aufs strengste, irgendwelche Instrumente bei sich zu haben oder überhaupt in der Kaserne zu besitzen; ohne diese war jedoch auch jede Arbeit unmöglich. Daher wurde nur heimlich gearbeitet, doch die Wache schien es in der Beziehung nicht immer sehr genau mit der Vorschrift zu nehmen.
Viele Sträflinge hatten früher nichts gelernt und waren in den Ostrogg gekommen, ohne auch nur irgend etwas Rechtes zu verstehen. Da gab es nun Schuhmacher und Schneider, Tischler und Schlosser, Bildschnitzer und Vergolder. Auch gab es einen Juden unter ihnen, Issai Bummstein, der Juwelier und Wucherer zugleich war. Alle mühten sie sich und verdienten sich ihre paar Kopeken. Die Aufträge kamen aus der Stadt. Geld ist gemünzte Freiheit und daher für einen Menschen, der jeder Freiheit beraubt ist, zehnmal wertvoller, als einem Freien. Wenn es nur in seiner Tasche klingt, so ist er schon halbwegs getröstet, selbst wenn er es nicht einmal ausgeben kann. Nur ist es Tatsache, daß man Geld immer und überall ausgeben kann, umsomehr, als die verbotene Frucht doppelt so süß ist. Im Ostrogg aber konnte man sogar Branntwein dafür erstehen. Pfeifen waren strengstens verboten und doch wurden sie von allen geraucht. Geld und Tabak bewahrten vor Skorbut und anderen Krankheiten, und die Arbeit bewahrte vor Verbrechen. Ohne Arbeit hätten die Sträflinge sich gegenseitig aufgefressen, wie die Spinnen im Glase.
Nichtsdestoweniger war Geld und eigene Arbeit verboten und nicht selten wurden mitten in der Nacht ganz plötzlich Durchsuchungen vorgenommen; alles Verbotene wurde konfisziert, und selbst das Geld, wie sorgfältig es auch versteckt werden mochte, fiel den Durchsuchenden bisweilen doch in die Finger. Das war auch teilweise der Grund, warum es nicht gespart, sondern baldmöglichst vertrunken wurde, und aus demselben Grunde kam denn auch der Branntwein in den Ostrogg. Nach jeder Durchsuchung wurde der Schuldige, abgesehen davon, daß er sein ganzes Kapital verlor, auch noch schmerzhaft bestraft. Aber nach jeder Durchsuchung wurde das Notwendigste sofort ersetzt und alsbald gab es neue Sachen und alles war wieder beim Alten. Das wußten auch die Vorgesetzten, doch nahmen sie es ebenso gleichmütig hin, wie die Sträflinge ihre Strafe, über die sie nicht einmal murrten, obgleich doch ein solches Leben demjenigen der Ansiedler auf dem Vesuv nicht unähnlich war.
Wer kein Handwerk verstand, wählte sich einen anderen Erwerbszweig, häufig einen sehr originellen. Einige beschäftigten sich zum Beispiel nur mit Auf- und Verkauf, also mit Zwischenhandel, doch womit sie handelten waren meistens Sachen, bei deren Anblick einer, der außerhalb des Ostrogg lebt, nie und nimmer auf die Idee käme, – nicht etwa, daß man so etwas kaufen oder gar verkaufen konnte, sondern daß so etwas überhaupt ein Gegenstand war. Aber man war eben sehr arm und dabei sehr gewerbtätig. Selbst die letzten Lumpen hatten noch ihren Wert und konnten, wie man sieht, doch noch zu etwas verwandt werden. Infolge der Armut hatte auch das Geld einen ganz anderen Wert im Ostrogg, als draußen in der freien Welt. Eine große und komplizierte Arbeit wurde mit Kopeken bezahlt. Einige etablierten sich als Kreditbanken und trieben ihren Wucher mit gutem Erfolg. Hatte ein Sträfling alles durchgebracht, oder hatte er nach einer Durchsuchung „bankrott gemacht“, so trug er seine letzten Sachen zum Wucherer, und erhielt von diesem zu ungeheuren Prozenten nur wenige Kupferstücke. Konnte er seine Sachen nicht vor dem Termin einlösen, so wurden sie unverzüglich und unbarmherzig verkauft. Ja, der Wucher blühte dermaßen, daß selbst dem Staate gehörende Gegenstände, wie z. B. Wäsche, Stiefel usw., verpfändet wurden, Sachen, die ein jeder Sträfling in jedem Augenblick brauchte. Doch geschah es bisweilen, daß diese Versatzgeschäfte eine andere Wendung nahmen, die indes nicht ganz unerwartet kam. Der Sträfling, der seine letzten Sachen verpfändet und dafür Geld empfangen hatte, ging darauf unverweilt, und ohne ein Wort zu reden, zum ältesten Unteroffizier, dem nächsten Vorgesetzten des Ostrogg, und meldete ihm, daß er seine staatlichen Kleidungsstücke versetzt habe, die dann von diesem unverzüglich dem Wucherer wieder abgenommen wurden, sogar ohne daß vorher die höheren Vorgesetzten von dem Vorfall benachrichtigt worden wären. Interessant war, daß es dabei nicht einmal zu einem Streit kam: der Wucherer gab schweigend und verdrossen das Betreffende zurück, und es hatte sogar den Anschein, als habe er selbst einen solchen Ausgang erwartet. Vielleicht gestand er sich unwillkürlich, daß er an Stelle des Verpfänders wohl ebenso gehandelt haben würde. Und wenn er dann später auch einmal darüber schimpfte, so tat er es eigentlich ohne jeden Groll, er schimpfte sich einfach aus, um sich das Herz zu erleichtern.
Gestohlen wurde entsetzlich viel. Fast jeder besaß seinen eigenen verschließbaren Kasten, in dem er die ihm zugeteilten Kleidungsstücke aufbewahrte; das war erlaubt. Diese Kasten retteten nichts. Ich glaube, man wird sich leicht denken können, wie geschickt diese Diebe waren. Mir selbst stahl ein Sträfling, der mir aufrichtig zugetan war (ich sage es, ohne mir dabei etwas einzubilden), meine Bibel, das einzige Buch, das man im Ostrogg besitzen durfte. Er gestand es mir noch am selben Tage ganz naiv, doch tat er es nicht etwa aus Reue, sondern nur aus Mitleid mit mir, da ich sie lange vergeblich suchte.
Unter anderem gab es auch Weinhändler, die Branntwein verkauften und damit gute Geschäfte machten. Auf diesen Erwerbszweig werde ich noch besonders zu sprechen kommen, zumal er in seiner Art nicht uninteressant ist. Auch gab es viele wegen Schmuggels Verurteilte, und so braucht es einen denn auch nicht zu wundern, daß trotz aller Durchsuchungen, Schildwachen und Aufseher dennoch Branntwein in den Ostrogg gelangte. Der Schmuggel ist seinem Charakter nach eine ganz besondere Gesetzübertretung. Zum Beispiel, kann man sich vorstellen, daß das Geld, das Verdienst bei den meisten Schmugglern eine ganz nebensächliche Rolle spielt, oder für sie wenigstens erst in zweiter Linie in Betracht kommt? Und doch verhält es sich in den meisten Fällen tatsächlich so. Der Schmuggler schmuggelt aus Leidenschaft, weil der Hang dazu ihm angeboren ist. In gewisser Beziehung ist er förmlich ein Dichter. Er riskiert alles, er begibt sich in die größte Gefahr, er erfindet, er versucht sich aus der Schlinge zu ziehen, er stellt noch anderen Fallen – mitunter tut er es sogar wie auf höhere Eingebung. Die Leidenschaft des Schmugglers ist nicht geringer als die des Kartenspielers.
Ich kannte im Ostrogg einen Sträfling von ungeheurem Körperbau, der aber so sanft, so still und bescheiden war, daß man sich erstaunt fragte, für welches Vergehen ein solcher Mensch wohl zur Zwangsarbeit verurteilt sein mochte. Er war dermaßen friedlich und gutmütig, daß er sich während seiner ganzen Strafzeit im Ostrogg mit keinem einzigen gezankt hat. Er stammte von der westlichen Grenze, war wegen Schmuggels verurteilt worden und konnte, versteht sich, auch im Ostrogg nicht von seiner Leidenschaft lassen, und so schmuggelte er Branntwein. Wie oft war er dafür schon bestraft worden und wie fürchtete er die Ruten! Und dabei brachte ihm dieser Schmuggel nur sehr wenig ein, sogar lächerlich wenig. Der Branntwein machte nur den „Entrepreneur“ reich. Aber der Sonderling liebte die Kunst um der Kunst willen. Er war weinerlich wie ein Weib und wie oft schwor er sich nach einer neuen Strafe, nie wieder etwas durchzuschmuggeln und männlich bezwang er sich zuweilen einen ganzen Monat, bis – bis er es doch nicht aushielt ... Dank solcher Käuze war der Ostrogg stets mit Branntwein versorgt.
Endlich gab es auch noch eine Einnahme, die die Sträflinge zwar nicht reich machte, dafür aber beständig und wohltuend war: die Almosen. Die höheren Klassen unserer Gesellschaft können sich keine Vorstellung davon machen, wie die Kaufleute, Bürger und unser ganzes Volk für die „Unglücklichen“ sorgt! Es werden fast ununterbrochen milde Gaben gegeben, die meistens in Brot, Semmeln, Kalatschen bestehen, selten in Geld. Ohne diese Gaben hätten es die Gefangenen, besonders diejenigen, welche in Untersuchungshaft sind, und daher viel strenger gehalten werden, als die Verurteilten, an vielen Orten gar zu schwer. Das Geschenkte wird von den Sträflingen gewissenhaft zu gleichen Teilen verteilt. Reicht es nicht für alle, so werden die einzelnen Kalatschen in gleichgroße Stücke geschnitten, zuweilen sogar in ganze sechs, aber jeder Gefangene erhält unbedingt seinen peinlich genau abgemessenen Anteil.
Ich entsinne mich noch, wie ich zum erstenmal ein Almosen erhielt. Es war bald nach meiner Ankunft im Ostrogg. Ich kehrte von der Morgenarbeit ganz allein mit einem Soldaten unserer Wache zurück und da begegneten mir unterwegs eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, einem etwa zehnjährigen Mädchen, das wie ein Engel reizend war. Ich hatte beide schon einmal gesehen. Die Mutter war eine Soldatenwitwe. Ihr Mann, ein junger Soldat, war während seiner Untersuchungshaft im Lazarett gestorben, als auch ich dort in der Gefangenenabteilung lag. Die Frau und sein Töchterchen waren zum Abschied hingekommen, und beide hatten sie herzbrechend geweint. Als nun die Kleine mich erblickte, errötete sie und flüsterte der Mutter schnell etwas zu; die blieb sogleich stehen, suchte ihr Schnupftuch hervor, löste den Knoten und gab der Kleinen eine Viertelkopeke, die mir sogleich damit nachgelaufen kam: „Da, Unglücklicher, nimm um Christi willen dies Kopekchen!“ sagte sie, indem sie mir gerade vor die Füße lief und sich bemühte, mir die kleine Münze in die Hand zu drücken. Ich nahm ihr „Kopekchen“ und die Kleine kehrte vollauf befriedigt zu ihrer Mutter zurück. Ich habe lange die kleine Münze aufbewahrt.