Chapter 4 of 21 · 7251 words · ~36 min read

IV.

Die ersten Eindrücke, Fortsetzung

Die letzte Revision. Dann geht es in die Kasernen. Jede Tür hat ein besonderes Schloß und die Arrestanten sind bis zum nächsten Morgenrot eingeschlossen.

Die Revision wird von einem Unteroffizier und zwei Soldaten vorgenommen. Zuweilen wurden alle Arrestanten auf dem Hof aufgestellt und dann wohnte der wachhabende Offizier der Zählung bei. Größtenteils aber wurde diese Zeremonie unzeremonieller erledigt: man revidierte jede Kaserne einzeln. So war es auch an jenem Tage. Die Soldaten verzählten sich mehr als einmal, gingen und kehrten von neuem zurück. Endlich, nachdem sie die gewünschte Anzahl zusammengezählt hatten, wurde die Kaserne verschlossen. In ihr blieben an dreißig Menschen, die alle ziemlich eng auf der langen Pritsche zusammengepfercht waren. Zum Schlafen war es noch zu früh. So mußte sich ein jeder mit irgend etwas beschäftigen.

Von Beamten oder Wachen blieb in der Kaserne nur ein Invalide zurück. Außerdem gab es in jeder Kaserne noch einen Ältesten von den Arrestanten, der von dem Platzmajor persönlich eingesetzt war, selbstverständlich als Belohnung für gute Aufführung. Es kam aber nicht selten vor, daß auch die Ältesten an gefährlichen Streichen mitbeteiligt waren; dann wurden sie geknutet, ohne weiteres zu Gemeinen degradiert und durch andere, würdigere ersetzt.

In unserer Kaserne war der Älteste Akim Akimytsch, der zu meiner nicht geringen Verwunderung von Zeit zu Zeit die Sträflinge zur Ruhe verwies, wofür jene ihn in der Regel mit spöttischen Bemerkungen bedachten. Der Invalide war klüger als er und mischte sich in nichts ein, kam es aber einmal dazu, daß er seine Zunge in Bewegung setzte, so sagte er gewissermaßen nur anstandshalber ein paar Worte, um vor seinem Gewissen seine Pflicht zu erfüllen. Schweigend saß er sonst auf seinem Lager und nähte an einem Stiefel.

An jenem ersten Tage meines Ostrogglebens machte ich eine Beobachtung, von deren Richtigkeit, mich völlig zu überzeugen, ich späterhin Zeit und Gelegenheit hatte. Nämlich: daß alle Nichtarrestanten, wer sie auch sein mögen, angefangen selbst von denen, die mit den Arrestanten in unmittelbarer Verbindung stehen (wie zum Beispiel die Eskortesoldaten, die Wachen und Schildwachen), bis zu allen, die nur irgend welche Beziehungen zum Ostroggleben haben – daß alle übertrieben mißtrauisch auf die Arrestanten sehen, ganz als erwarteten sie jeden Augenblick, daß der Arrestant sich sogleich mit einem Messer auf einen von ihnen stürzen werde. Doch das bemerkenswerteste dabei war – die Arrestanten wußten es selbst – daß man sie fürchtete, und dieses Bewußtsein verlieh ihnen so etwas wie größeren Mut. Indessen ist der beste Kommandeur für sie gerade ein solcher, der sie nicht fürchtet. Ja, und überhaupt ist es ihnen viel angenehmer, wenn man Zutrauen zu ihnen hat – sogar trotz des wachsenden Mutes im anderen Fall. Damit kann man sogar ihre Neigung erwerben.

Es kam zuweilen auch zu meiner Zeit vor, wenn auch nur sehr selten, daß einer der Offiziere den Ostrogg ohne Begleitmannschaft betrat. Da hätte man sehen sollen, wie das den Arrestanten imponierte, wie verwundert sie zuerst waren, und einen wie guten Eindruck es auf sie machte. Ein solch furchtloser Besucher erweckte stets Achtung für sich, und selbst wenn etwas Schlimmes sich hätte ereignen können – in seiner Gegenwart wäre es nicht geschehen. Die Arrestanten flößen überall Angst ein, wo sie auch sein mögen, und ich weiß wirklich nicht, was im Grunde die Veranlassung dazu gibt. Natürlich liegt einige Veranlassung dazu schon allein in der äußeren Erscheinung des gekennzeichneten Verbrechers. Außerdem fühlt ein jeder, der sich dem Ostrogg nähert, daß dieser ganze Menschenhaufe nicht aus eigenem Willen an diesem Ort zusammenlebt, und daß man einen lebendigen Menschen ungeachtet aller Vorkehrungen und Gewalt nicht zu einem lebenden Leichnam machen kann: er behält trotz allem Gefühle, Rachedurst und Lebensdurst, und Leidenschaften und mit diesen auch das Bedürfnis, sie zu befriedigen. Aber nichtsdestoweniger bin ich überzeugt, daß man die Arrestanten ganz grundlos fürchtet. Der Mensch wirft sich nicht so leicht und so schnell mit einem Messer auf einen anderen Menschen. Mit einem Wort, selbst wenn auch Gefahr vorhanden wäre, selbst wenn sie mitunter auch in der Tat vorhanden ist, so kann man doch bereits aus der Seltenheit solcher Vorfälle ersehen, wie gering sie in Wirklichkeit ist. Versteht sich, ich rede hier nur von verurteilten Arrestanten, von denen viele sogar froh sind, daß sie endlich in den Ostrogg hineingelangt – so schön ist bisweilen ein neues Leben! – und folglich ruhig und friedlich zu leben geneigt sind; und außerdem würden sie auch den wirklich unruhigen Elementen unter sich nicht gar zu viel Sprünge erlauben. Jeder Zwangsarbeiter fürchtet die Gesamtheit – gleichviel, wie furchtlos und unbekümmert um die anderen er auch sein mag. Der unter Anklage stehende Sträfling dagegen ist eine ganz andere Sache. Dieser ist tatsächlich fähig, sich auf einen Menschen zu stürzen, der ihm nichts getan hat, und zwar einzig aus dem Grunde, weil er morgen für irgend ein Vergehen bestraft werden soll, der neue Frevel aber die Strafe hinausschiebt, bis die Sache untersucht ist. Hier aber gibt es doch immerhin eine Ursache und einen Zweck, warum er einen anderen anfällt, – das ist: „sein Schicksal zu verändern,“ wie sie sagen, was es auch koste, und zwar möglichst schnell. Ich selbst erinnere mich eines psychologisch sehr seltsamen Vorfalls in dieser Art.

In der Militärabteilung unseres Ostrogg gab es einen Arrestanten, einen von den Soldaten, der nicht seiner bürgerlichen Rechte beraubt und nur auf zwei Jahre verschickt war – ein entsetzlicher Prahler und ein bemerkenswerter Feigling. Im allgemeinen trifft man Prahlsucht und Feigheit äußerst selten beim russischen Soldaten. Unser Soldat sieht immer so beschäftigt aus, daß er, selbst wenn er prahlen wollte, keine Zeit dazu hätte. Ist er aber einmal ein Prahler, so ist er sicherlich auch faul und feige.

Dutoff – so hieß der Arrestant – hatte endlich seine kurze Strafzeit „abgelebt“ und war darauf wieder in sein Linienbataillon zurückgekehrt. Da aber alle gleich ihm in den Ostrogg zur Besserung geschickten Soldaten in der Gefangenschaft endgültig verderben, so kommt es gewöhnlich so, daß sie nach zwei bis drei Wochen in der Freiheit für ein neues Vergehen wiederum verurteilt werden und wieder in den Ostrogg zurückkehren, nur mit dem Unterschiede, daß sie dann nicht auf zwei oder drei Jahre, sondern in die „ewige“ Abteilung, auf fünfzehn bis zwanzig Jahre kommen.

So geschah es auch hier.

In der dritten Woche nach seinem Austritt aus dem Ostrogg hatte Dutoff einen Diebstahl begangen; außerdem hatte er einem Offizier grob geantwortet und in der Kaserne Unfug getrieben. Er kam vors Gericht und wurde zu einer schweren Strafe verurteilt. Die bevorstehenden Spießruten flößten ihm aber einen solchen Schrecken ein, er fürchtete sich wie der letzte Feigling dermaßen vor ihnen, daß er sich am Tage vor dem Spießrutenlaufen mit einem Messer auf den die Strafkammer betretenden wachhabenden Offizier stürzte. Natürlich wußte er sehr gut, daß man für ein solches Vergehen seine Strafe um ein Bedeutendes erschweren und die Dauer seiner Zwangsarbeit verlängern würde. Aber seine ganze Berechnung bestand darin, wie er den furchtbaren Augenblick der Spießrutenstrafe wenigstens auf ein paar Tage, oder auch nur auf ein paar Stunden hinausschieben könnte! Er war dermaßen feige, daß er den Offizier nicht einmal mit dem Messer verletzte, sondern den ganzen Überfall nur ^pro forma^ machte, nur zu dem Zweck, um eines neuen Vergehens schuldig zu sein, für das man ihn vorläufig in strenge Untersuchungshaft nehmen würde, durch die dann die andere Strafe noch hinausgeschoben werden mußte.

Der Augenblick vor dem Spießrutenlaufen ist natürlich entsetzlich für den Verurteilten. Ich habe in den Jahren meines Ostrogglebens oft genug Gelegenheit gehabt, Verurteilte am Tage vor ihrer Bestrafung zu sehen. Und gewöhnlich traf ich mit den Bestraften im Lazarett zusammen, wenn ich wieder einmal krank war, was ziemlich oft vorkam. In ganz Rußland weiß jeder Arrestant, daß die mitfühlendsten Menschen für sie die Ärzte sind. Niemals machen sie mit den Verbrechern einen Unterschied, wie es sonst fast alle Menschen tun, ausgenommen nur das einfache Volk. Dieses wird niemals den Arrestanten wegen seines Verbrechens tadeln, wie entsetzlich das Begangene auch sein mag, und verzeiht ihm alles für die empfangene Strafe und überhaupt für sein Unglück. Nicht umsonst nennt das Volk in ganz Rußland das Verbrechen „Unglück“ und den Verbrecher einen „Unglücklichen“. Das ist eine tiefbedeutsame Bezeichnung für seine Auffassung des Verbrechens, und sie ist um so wichtiger, als sie ganz unbewußt, ganz instinktiv erfolgt. Die Ärzte sind in vielen Fällen die einzige Zuflucht der Arrestanten, besonders aber derjenigen von ihnen, die wegen eines neuen Vergehens vor Gericht stehen und die viel strenger gehalten werden, als die bereits Bestraften ... So ging denn der Arrestant, wenn er den voraussichtlichen Termin des furchtbaren Tages berechnet hatte, zum Unteroffizier und meldete sich krank, damit man ihn ins Lazarett führte und der schwere Augenblick noch etwas hinausgeschoben wurde, – wenn auch nur auf ein paar Tage. Ließ er sich dann wieder ausschreiben und kehrte er in den Ostrogg zurück, so konnte er fast mit Sicherheit annehmen, daß die verhängnisvolle Stunde ihn am nächsten Tage erwartete, und war daher die ganze Zeit mächtig erregt. In der Regel sind die Arrestanten bemüht, ihre Gefühle aus Stolz zu verbergen, doch vermag ihre vorgespiegelte, peinlich erzwungene Munterkeit keinen einzigen Kameraden zu täuschen. Diese begreifen nur zu gut, um was es sich handelt und schweigen aus Nächstenliebe. Ich kannte einen jungen Mörder, einen ehemaligen Soldaten, der zur vollen Anzahl Hiebe verurteilt war. Seine Angst war aber so groß, daß er sich am Abend vorher entschloß, einen Krug Branntwein, in den er Schnupftabak hineingetan hatte, auszutrinken. – Übrigens muß ich hier noch bemerken, daß der vor der Bestrafung stehende Arrestant sich unbedingt Branntwein verschafft; er wird schon lange vor dem Termin besorgt und mit schwerem Gelde bezahlt. Der Verurteilte würde sich eher ein halbes Jahr lang das Allernotwendigste versagen, doch unbedingt die erforderliche Summe für einen halben Liter Branntwein zusammensparen, um sich eine Viertelstunde vor der Bestrafung ein wenig betrinken zu können. Die Arrestanten waren der Meinung, daß ein Betrunkener die Knute oder den Stock nicht so schmerzhaft fühle, wie ein Nüchterner. Der arme Teufel trank tatsächlich seinen Krug mit Branntwein und Schnupftabak aus und wurde dann auch richtig krank: er begann entsetzlich zu erbrechen, erbrach Blut und Galle und wurde halb besinnungslos ins Lazarett geschafft. Dieses Erbrechen hatte aber seine Brust so angegriffen, daß schon nach wenigen Tagen Anzeichen einer richtigen Schwindsucht konstatiert wurden, an der er nach sechs Monaten starb. Die Ärzte, die ihn während seiner Schwindsucht behandelten, wußten nicht, wie er zu ihr gekommen war.

Da ich von dem so häufig bemerkten Kleinmut der Verbrecher vor der Bestrafung schon gesprochen habe, muß ich hier noch hinzufügen, daß andere den Beobachter wiederum durch ihre außerordentliche Furchtlosigkeit in Erstaunen setzten. Ich entsinne mich einiger Beispiele von Kühnheit, die geradezu an absolute Gefühllosigkeit grenzten, und solche Beispiele waren nicht ganz selten. Besonders erinnerlich ist mir meine Begegnung mit einem ganz berüchtigten Verbrecher.

An einem Sommertage verbreitete sich in der Arrestantenabteilung des Lazaretts das Gerücht, daß am Abend der „große Mörder“ Orloff, ein entlaufener Soldat, bestraft und nachher ins Lazarett gebracht werden würde. Die kranken Arrestanten sprachen, in der Erwartung Orloffs, viel von ihm und waren überzeugt, daß man ihn grausam prügeln würde. Alle waren gewissermaßen erregt und ich muß gestehen, daß auch ich dem Erscheinen des berüchtigten Räubers mit großer Spannung entgegensah.

Lange schon hatte ich wahre Wunder von ihm erzählen gehört. Er war ein Verbrecher, wie es deren nicht viele gibt, der kaltblütig Greise und Kinder erdrosselte, ein Mensch von ungeheurer Willensstärke und mit stolzem Bewußtsein seiner Kraft. Er hatte viele Morde gestanden und war jetzt zu Spießruten verurteilt worden. Man brachte ihn erst abends. Im Krankenraum war es bereits dunkel und man zündete das Nachtlicht an. Orloff schien völlig bewußtlos zu sein, er sah unheimlich bleich aus. Er hatte dichtes, ganz zerzaustes, pechschwarzes Haar. Sein Rücken war geschwollen und war dunkelrotblau von unterlaufenem Blut. Die ganze Nacht pflegten ihn die anderen, sie erneuerten die kalten Umschläge, kehrten ihn von der einen Seite auf die andere, gaben ihm Medizin, ganz als wäre er ihr Blutsverwandter gewesen oder ihr größter Wohltäter. Schon am nächsten Tage kam er völlig zu sich, erhob sich und ging zweimal durch den ganzen Raum! Das wunderte mich: er war gar zu entkräftet und abgemagert ins Lazarett gebracht worden. Er hatte die ganze Hälfte der ihm bestimmten Spießruten durchlaufen. Der Arzt hatte erst dann Einhalt getan, als die Fortsetzung des Strafvollzuges dem Arrestanten unvermeidlich den Tod gebracht haben würde. Außerdem war Orloff klein von Wuchs und von schwächlicher Konstitution und hinzu kam noch, daß die lange Untersuchungshaft ihn bedeutend entkräftet hatte. Wer jemals in Untersuchungshaft gehaltene Arrestanten gesehn hat, wird sich wahrscheinlich noch lange Zeit ihrer ausgemergelten, elenden, bleichen Gesichter, ihrer fiebernden, kranken Blicke entsinnen. Nichtsdestoweniger erholte sich Orloff sehr bald. Augenscheinlich wurde seine Natur von seiner inneren, geistigen Energie mächtig unterstützt. Er war in der Tat kein gewöhnlicher Mensch. Aus Neugier und auch aufrichtigem Interesse machte ich mich näher mit ihm bekannt und studierte ihn eine ganze Woche. Ich kann mit aller Bestimmtheit versichern, daß ich in meinem ganzen Leben keinen Menschen mit einem stärkeren, eiserneren Charakter gesehen habe. Ich hatte schon früher in Tobolsk eine ähnliche Berühmtheit dieser Art gesehen, einen ehemaligen Räuberhauptmann. Er war ein vollständig wildes Tier und man brauchte nur neben ihm zu stehen, so fühlte man schon instinktiv, selbst wenn man seinen Namen nicht kannte und nichts von ihm wußte, daß ein Entsetzen erregendes Geschöpf neben einem stand. Vor allem entsetzte mich seine geistige Stumpfheit. Die Sinnlichkeit hatte dermaßen alle seine seelischen Eigenschaften überwuchert, daß man bereits nach dem ersten Blick in dieses Gesicht sah, wie hier nur die eine wilde Gier nach fleischlichen Genüssen, Wollust und sinnlicher Befriedigung vorhanden war. Ich bin überzeugt, daß Koreneff – so hieß dieser Räuberhauptmann – vor der Bestrafung allen Mut verloren und am ganzen Körper gezittert haben würde, wenn er auch tausendmal fähig war, Menschen zu ermorden, ohne mit der Wimper zu zucken. Der größte Gegensatz zu ihm war Orloff: der war die Verkörperung der denkbar größten Selbstbeherrschung. Man sah es ihm sofort an, daß dieser Mensch unbegrenzt über sich gebieten konnte, daß er alle Qualen und Strafen verachtete und überhaupt nichts fürchtete in der Welt. Man sah in ihm unbegrenzte Energie und das unbedingte Verlangen, das ins Auge gefaßte Ziel zu erreichen. Unter anderem setzte er mich auch durch seinen maßlosen Hochmut in Erstaunen. Auf alles sah er bis zur Unglaublichkeit „von oben herab“, doch bemühte er sich dabei durchaus nicht, sich gleichsam auf Stelzen zu erheben, sondern – es geschah vollkommen natürlich von ihm. Ich glaube, es gab kein einziges Wesen, das auf ihn mit Autorität allein einen Eindruck hätte machen können. Auf alles pflegte er geradezu unglaublich ruhig zu sehen, als gäbe es überhaupt nichts in der Welt, das ihn in Erstaunen setzen könnte. Und obwohl er vollkommen begriff, daß die anderen Arrestanten mit Achtung auf ihn sahen, so tat er doch nie groß vor ihnen, während gerade Ruhmsucht und Eigendünkel fast allen Sträflingen ohne Ausnahme eigen sind. Er war auffallend klug und auf eine besondere Art aufrichtig, wenn auch durchaus nicht sehr gesprächig oder gar schwatzhaft. Auf meine Fragen antwortete er mir ohne weiteres, daß er nur seine Wiederherstellung abwarte, um sich so bald als möglich der zweiten Hälfte der Strafe unterziehen zu können, und daß er zuerst, vor dem Spießrutenlaufen, gefürchtet habe, er würde es vielleicht nicht überleben. „Jetzt aber,“ fuhr er fort, indem er mir zublinzelte, „ist die Sache überstanden. Ich erhalte noch die übrigen Hiebe und werde dann mit dem nächsten Transport nach Nertschinsk abgeschickt werden, unterwegs aber werde ich entfliehen. Das werde ich unbedingt! Wenn nur der Rücken schneller heilte!“

Und in diesen ganzen fünf Tagen wartete er krampfhaft auf den Augenblick, wann er sich ausschreiben lassen könnte. Inzwischen aber war er mitunter sehr witzig und heiter. Ich versuchte mit ihm ein Gespräch über seine Abenteuer anzuknüpfen. Er wurde etwas ungehalten bei diesem Ausfragen, antwortete jedoch stets ganz offen. Als er aber erriet, daß ich zu seinem Gewissen vordringen wollte und nach irgend einer, wenn auch noch so geringen Reue forschte, da blickte er mich dermaßen verächtlich und hochmütig an, als wäre ich in seinen Augen plötzlich zu einem ganz kleinen dummen Knäblein geworden, mit dem man nicht wie mit großen Menschen reden konnte. Ja, in seinem Gesicht drückte sich sogar etwas in der Art wie Mitleid mit mir aus. Nach einem Augenblick aber brach er in das allergutmütigste Gelächter über mich aus, ein Gelächter ohne jegliche Ironie, und ich bin überzeugt, daß er, als er allein zurückgeblieben war und vielleicht meiner Worte gedachte, noch mehrere Male über mich gelacht hat. Endlich ließ er sich mit seinem noch nicht ganz geheilten Rücken ausschreiben; auch ich wurde entlassen, und so kam es, daß wir zusammen aus dem Lazarett zurückkehrten, – ich in den Ostrogg, er nach der Wache neben demselben, wo er auch früher in Haft gewesen war. Beim Abschied drückte er mir die Hand, und das war seinerseits ein Zeichen großen Zutrauens. – Ich glaube, er tat es nur deshalb, weil er in dem Augenblick mit sich selbst sehr zufrieden war. Im Grunde aber konnte er mich wohl unmöglich nicht verachten, und zweifellos mußte er auf mich wie auf ein sich unterwerfendes, schwaches, armseliges und ein in jeder Beziehung im Vergleich zu ihm niedrigeres Wesen herabsehen. Am nächsten Tage wurde er zum abermaligen Spießrutenlaufen herausgeführt ...

Nachdem der Unteroffizier die Kaserne verschlossen hatte, veränderte sich im Augenblick ihr Aussehen: sie erinnerte mit einemmal an ein Heim. Jetzt erst konnte ich die Arrestanten, meine Kameraden, gleichsam in ihrem Hause sehen. Tagsüber konnte der Unteroffizier, konnten die Wachen oder der Major und die Offiziere jeden Augenblick im Ostrogg erscheinen, und darum halten sich dann alle ganz anders, als wären sie nicht ganz ruhig, als erwarteten sie in begreiflicher Erregung jeden Augenblick irgend etwas Unvorhergesehenes. Kaum aber war die Tür zugeschlossen, da machte es sich ein jeder auf seiner Pritsche bequem und fast alle hatten dann eine eigene Arbeit. Die Kaserne wurde plötzlich hell. Jeder besaß sein Licht und seinen Leuchter, der gewöhnlich aus Holz ist. Der eine näht an einem Stiefel, der andere an einem Kleidungsstück. Die verpestete Luft der Kaserne wurde mit jeder Stunde unerträglicher. Eine kleine Gruppe Faulenzer hockte sich in einer Ecke hin, rund um einen kleinen, auf dem Fußboden ausgebreiteten Teppich, und begann Karten zu spielen. Fast in jeder Kaserne gab es einen Arrestanten, der einen etwa metergroßen alten Teppich, ein Licht und ein bis zur Unkenntlichkeit schmutziges, fettiges Spiel Karten bei sich hielt. Alles zusammen wurde „die Spielhölle“ genannt. Der Besitzer erhielt von den Spielern fünfzehn Kopeken für eine Nacht – das war sein Erwerb. Gespielt wurde gewöhnlich Dreiblatt oder Gorka, jedenfalls aber nur Hazardspiele. Jeder Spieler schüttete einen ganzen Haufen Kupfermünzen vor sich aus – sein ganzes Kapital, – und erhob sich nicht eher, als bis er entweder alles verspielt oder den anderen das Letzte abgerupft hatte. Das Spiel zog sich bis in die Nacht hinein oder dauerte bis zum nächsten Morgen, nicht selten bis zu dem Augenblick, wenn die Kaserne wieder aufgeschlossen wurde.

In unserer wie in jeder anderen Kaserne gab es beständig Bettelarme, die entweder alles verspielt und vertrunken hatten, oder die einfach von Natur Bettler waren. Ich sage „von Natur“ und betone besonders dieses Wort. In der Tat gibt es überall in unserem Volke, gleichviel in welcher Umgebung, unter welchen Verhältnissen, gewisse sonderbare Menschen, die gewöhnlich äußerst friedlich und nicht selten durchaus nicht faul sind, denen es aber vom Schicksal vorher bestimmt zu sein scheint, ewig Bettler zu bleiben. Sie sind immer „obdachlos“, sie sind immer schmutzig, sie sehen immer verschüchtert und etwas blöde aus, durch irgend etwas niedergedrückt, und ewig sind sie bei irgend jemand Laufbursche, gewöhnlich bei den Prassern und Faulenzern oder auch bei einem plötzlich Reichgewordenen und Emporgestiegenen. Jede Beachtung oder gar Ehrenbezeugung, jede Initiative – ist für sie Leid und Plage. Sie sind gleichsam mit der Bedingung geboren, daß sie selbst nichts anfangen dürfen, sondern nur gehorchen, nur dienen, nicht nach eigenem Willen leben, sondern nach fremder Pfeife tanzen, – kurz, ihre Bestimmung ist: nur für andere zu leben. Und zur Vollendung des Ganzen kommt noch hinzu, daß keine einzige Schicksalsveränderung sie reich machen kann. Sie sind und bleiben immer Bettler. Ich habe aber bemerkt, daß es solche Menschen nicht nur im einfachen Volk allein, sondern in allen Gesellschaftsschichten, Ständen, und überhaupt bei Menschen aller Richtungen gibt. So war es auch in jeder Kaserne, in jedem Ostrogg, und kaum erschien die Spielhölle, da erschien auch schon einer von diesen Leuten, um sich zu einem Dienst verwenden zu lassen. Und überhaupt konnte ohne einen solchen Menschen kein Spielchen gemacht werden. Er wurde gewöhnlich von den Spielern gemeinsam für die ganze Nacht gemietet und erhielt fünf Kopeken in Silber. Seine Hauptpflicht war, die ganze Nacht Wache zu stehen. Größtenteils fror er sechs bis sieben Stunden lang draußen im Flur bei einer Kälte von dreißig Grad Réaumur und lauschte auf jedes Geräusch, jeden Ton, jeden Schritt auf dem Hofe. Der Platzmajor oder die Wachhabenden kamen zuweilen noch sehr spät in den Ostrogg, traten leise ein und überraschten dann Spielende, Arbeitende und die überzähligen Lichte, die man schon vom Hofe aus bemerken konnte. Jedenfalls war es, wenn plötzlich das Türschloß kreischte, schon zu spät, die Lichte auszulöschen, die Karten zu verstecken und sich auf den Pritschen in Schlaf zu versenken. Da es aber in solchen Fällen dem gemieteten Wächter von Seiten der ganzen „Spielhölle“ sehr schlecht erging, so kamen sie auch nur sehr selten vor. Fünf Kopeken für das Aufpassen war natürlich eine lächerlich geringe Zahlung – selbst für einen Ostrogg; aber mich frappierte dort immer die Strenge und Unbarmherzigkeit derjenigen, die einen anderen für Geld zu etwas angestellt hatten. „Hast Geld genommen, so diene jetzt!“ Das war ein Argument, das keinen Widerspruch zuließ. Für die ausgezahlten Kopeken wurde vom anderen alles herausgeschlagen, was nur herauszuschlagen war, wenn möglich, auch noch so und so viel auf den Kauf, und dabei glaubte man noch, daß man dem anderen eine große Gnade erwies. Der betrunkene Prasser, der sein Geld nach allen Seiten ungezählt verschleuderte, nutzte seinen Mietling für weniges Geld bis aufs letzte aus und feilschte noch bei der Bezahlung. Diesen Charakterzug habe ich aber nicht nur im Ostrogg und nicht nur bei den Spielern daselbst wahrgenommen.

Ich sagte schon, daß fast die ganze Kaserne sich abends mit eigener Arbeit beschäftigte: außer den Spielern waren an jenem Abend nur noch fünf unbeschäftigt: das waren die einzigen, die sich sogleich hinlegten und einschliefen. Mein Platz auf der Pritsche war an der Tür. Auf der anderen Seite der Pritsche, Kopf an Kopf mit mir, war Akim Akimytschs Platz. Er arbeitete regelmäßig bis zehn oder elf Uhr nachts; er klebte aus buntem Papier eine chinesische Laterne, die man in der Stadt für recht gute Bezahlung bei ihm bestellt hatte. Solche Laternen verfertigte er meisterhaft, und er arbeitete ohne Unterlaß. War die Arbeit beendet, so räumte er sorgfältig alles auf, breitete seine kleine Matratze aus, betete zu Gott und legte sich artig auf sein Bett. Wohlanständigkeit und Ordnung trieb er, wie man sah, bis zur kleinlichsten Pedanterie. Ersichtlich hielt er sich für einen außerordentlich klugen Menschen, wie das ja schließlich alle stumpfen und beschränkten Leute tun. Schon von diesem ersten Tage an gefiel er mir nicht, obgleich ich – dessen entsinne ich mich noch – an diesem Tage viel über ihn nachdachte und mich am meisten darüber wunderte, daß ein solcher Mensch, anstatt im Leben Karriere zu machen, in den Ostrogg geraten war. Ich werde hier noch des öftern auf Akim Akimytsch zu sprechen kommen.

Doch jetzt will ich in aller Kürze die ganze Einwohnerschaft unserer Kaserne schildern. Viele Jahre mußte ich dort leben und alle diese Menschen waren in Zukunft meine Hausgenossen und Kameraden. So wird man wohl auch die gespannte Neugier begreifen, mit der ich jeden einzelnen von ihnen anblickte und beobachtete.

Links von meinem Pritschenplatz befand sich eine Gruppe Kaukasier, die alle verschiedenen kaukasischen Bergvölkern angehörten, und größtenteils wegen Diebstahls zu mehr oder weniger Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden waren. Es waren zwei Lesghier, ein Tschetschenze und drei Dagestanische Tataren. Der Tschetschenze war ein finsterer, mürrischer Mensch, der fast nie sprach und beständig unter der Stirn hervor haßerfüllt auf seine Umgebung sah und dazu widerlich boshaft und höhnisch lächelte. Der eine von den Lesghiern war schon ein alter Mann, hatte eine lange, dünne Nase und war dem Aussehen nach ein typischer Räuber. Dafür machte der andere, Nurra, schon am ersten Tage einen ganz prächtigen Eindruck auf mich. Nurra war noch nicht alt, nicht groß, gebaut wie ein Athlet, hochblond mit hellblauen Augen, einer Habichtsnase, mit der Gesichtsform eines Finnen, und da er von Jugend auf nur auf dem Pferde gesessen hatte, waren seine Beine krumm gebogen. Sein ganzer Körper war zerhauen, von Bajonetten und Kugeln verwundet. Im Kaukasus hatte er zu den Botmäßigen gehört, die sich Rußland unterworfen hatten, war aber immer wieder heimlich zu den aufständischen Bergvölkern geritten und hatte an ihren Angriffen auf die russischen Truppen teilgenommen. Im Ostrogg wurde er von allen geliebt. Er war immer heiter, zu jedermann freundlich, arbeitete still, war ruhig und wohlgemut, obgleich er oft mit Unwillen auf die Schändlichkeit und den Schmutz des Arrestantenlebens blickte, und über jeden Diebstahl, jede Schurkerei und jeden Betrunkenen in rasende Wut geraten konnte, sowie über alles, was unehrenhaft war, doch stiftete er nie Streit an, sondern wandte sich stets ab. Er selbst hat nie etwas gestohlen und während seines ganzen Aufenthaltes im Ostrogg hat er nie etwas Schlechtes getan. Er war ungewöhnlich fromm, und seine Gebete verrichtete er streng nach der Vorschrift. In der Fastenzeit vor den mohammedanischen Festtagen fastete er fanatisch und verbrachte ganze Nächte im Gebet. Alle liebten ihn und glaubten an seine Ehrlichkeit. „Nurra ist ein Löwe,“ sagten die Arrestanten und so wurde er später nur noch der Löwe genannt. Er war fest überzeugt, daß er nach Ablauf seiner Strafzeit wieder nach Haus, in den Kaukasus geschickt werden würde, und lebte nur in dieser Hoffnung. Ich glaube, er wäre gestorben, hätte man sie ihm genommen. Am ersten Tage im Ostrogg war er mir sehr angenehm aufgefallen. Es wäre aber auch unmöglich gewesen, sein gutes, sympathisches Gesicht unter all den bösen, finsteren und höhnischen Gesichtern der anderen gebrandmarkten Sträflinge nicht zu bemerken. In der ersten halben Stunde nach meinem Eintritt in den Ostrogg klopfte er mich im Vorübergehen auf die Schulter, und blickte mir gutmütig in die Augen. Zuerst konnte ich nicht begreifen, was das zu bedeuten hatte. Russisch sprach er nur sehr schlecht. Bald darauf kam er wieder auf mich zu, lächelte mich an und klopfte mir nochmals freundlich auf die Schulter. Und dasselbe wiederholte er in den ersten drei Tagen unzählige Mal. Das bedeutete seinerseits, wie ich später erriet und auch erfuhr, daß ich ihm leid täte, daß er fühle, wie schwer es mir werde, mich im Ostrogg einzuleben, daß er mir seine Freundschaft beweisen, mich ermuntern und seiner Protektion versichern wolle. Guter, treuherziger Nurra!

Die drei dagestanischen Tataren waren leibliche Brüder. Zwei von ihnen waren schon bejahrt, aber der dritte, Alei, war erst zweiundzwanzig Jahre alt, und sah dabei noch jünger aus. Sein Pritschenplatz war neben mir. Sein schönes, offenes, kluges und gleichzeitig gutherzig naives Gesicht eroberte sich sofort mein Herz, und ich freute mich, daß das Schicksal gerade ihn und nicht einen anderen mir zum Nachbar gegeben hatte. Seine ganze Seele sah man sich widerspiegeln auf seinem hübschen, ja sogar schönen Gesicht. Sein Lächeln war so zutraulich, so kindlich gutmütig, seine großen dunklen Augen waren so ... ich möchte sagen – weich, so freundlich, daß sein Anblick mir ein ganz besonderes Vergnügen, sogar eine Erleichterung in den Stunden der Sehnsucht und Trauer war. Ich sage es ohne jede Übertreibung. In der Heimat hatte sein ältester Bruder – er hatte fünf ältere Brüder, von denen zwei in ein Hüttenwerk gekommen waren – ihm eines Tages befohlen, seine Flinte zu nehmen und sich aufs Pferd zu setzen, um mit den anderen irgendeine Expedition mitzumachen. Die Ehrfurcht vor dem Älteren ist bei jenen Bergvölkern so groß, daß der Jüngling nicht etwa keinen Mut gehabt, zu fragen, wohin es denn gehe, sondern nicht einmal an die Möglichkeit einer ähnlichen Frage gedacht hatte. Die anderen aber hatten es nicht für notwendig befunden, ihn über das Reiseziel aufzuklären. Sie zogen auf Raub aus, und hatten es auf einen reichen armenischen Kaufmann abgesehen. Und richtig, sie hatten ihn überfallen, ihn und die Begleitmannschaft umgebracht und die Ware geraubt. Die Sache war aber herausgekommen: alle sechs wurden sie verhaftet, verurteilt und nach Sibirien verschickt. Für Alei bestand die ganze Milderung seiner Strafe nur darin, daß er auf eine kürzere Zeit zur Zwangsarbeit verurteilt wurde: _nur_ auf vier Jahre. Seine Brüder liebten ihn sehr, und zwar eher mit einer väterlichen als brüderlichen Liebe. Er war ihr Trost in der Verbannung und sie, die sonst stets finster und verdrießlich waren, lächelten ihm jedesmal zu, wenn sie ihn nur sahen; und wenn sie ihn anredeten – was nur äußerst selten geschah, ganz als wenn sie ihn immer noch für einen kleinen Knaben gehalten hätten, mit dem man doch eigentlich nichts Ernstes reden könne – so glätteten sich ihre mürrischen harten Gesichter und ich erriet, daß sie etwas Scherzhaftes, fast Kindisches mit ihm sprachen, wenigstens tauschten die Älteren untereinander lächelnde Blicke aus und lachten gutmütig, wenn sie seine Antwort anhörten. Alei dagegen wagte so gut wie überhaupt nicht, seine älteren Brüder als erster anzureden: so groß war seine Ehrfurcht vor ihnen. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie dieser Junge es fertig brachte, während der ganzen Zeit seiner Kátorga seine ganze Herzensweichheit zu erhalten, eine so strenge Ehrlichkeit in sich zu entwickeln, eine solche Herzlichkeit, so viel Sympathisches zu bewahren und nicht zu verrohen, nicht zu verderben. Übrigens war er eine starke und aufrechte Natur, trotz seiner ganzen scheinbaren Weichheit. Späterhin lernte ich ihn näher kennen und durchschaute ihn ganz. Er war keusch wie ein unberührtes Mädchen und jede gemeine, zynische, schmutzige und jede ungerechte, gewalttätige Handlung im Ostrogg ließ seine schönen Augen vor Unwillen erglühen, wodurch sie noch schöner wurden. Aber auch er mischte sich nicht in das Geschimpfe ein und vermied jeden Streit, wenn er auch nicht zu jenen gehörte, die sich ungestraft beleidigen ließen. Im Gegenteil, er verstand es sogar sehr gut, seinen Mann zu stehn. Aber es kam nie zu einem Streit zwischen ihm und irgend einem anderen Sträfling: ihn hatten alle gern und von allen wurde er verhätschelt. Anfangs war er zu mir nur sehr höflich. Mit der Zeit aber fing ich an, mit ihm zu sprechen und in drei Monaten hatte er schon fließend russisch zu sprechen gelernt, wozu es seine Brüder in ihrer ganzen Strafzeit nicht zu bringen vermochten. Er schien mir ein ungewöhnlich kluger Junge zu sein, sehr bescheiden und zartfühlend, und schien sogar schon viel nachgedacht zu haben. Überhaupt muß ich eines vorausschicken: ich halte Alei für ein durchaus ungewöhnliches Wesen und denke an seine Begegnung als an eine der besten und schönsten in meinem Leben zurück. Es gibt Charaktere, die von Natur so schön, die von Gott so beschenkt sind, daß allein die bloße Vorstellung, er könnte sich zum Schlechten verändern, einem ganz unmöglich scheint. Ihretwegen braucht man sich keine Sorge zu machen, wie auch ich mir wegen Alei keine Sorge mache. Wo mag er jetzt wohl sein? ...

Einmal, es war schon längere Zeit nach meiner Ankunft im Ostrogg, lag ich auf der Pritsche und dachte an eine sehr drückende Erinnerung. Alei, der sonst immer fleißig war und arbeitete, war gerade unbeschäftigt, obwohl es noch zu früh war zum Schlafen. Sie hatten ihren mohammedanischen Festtag und arbeiteten daher nicht. Er lag auf dem Rücken, hatte die Hände unter den Kopf geschoben und schien in Gedanken versunken zu sein. Plötzlich fragte er mich:

„Was, dir ist es jetzt wohl sehr schwer zumute?“

Ich betrachtete ihn neugierig und diese plötzliche, offene Frage schien mir sonderbar, da Alei sonst immer so zartfühlend, so taktvoll und höflich war und mich niemals als erster anredete. Als ich aber aufmerksam hinblickte, gewahrte ich soviel Kummer in seinem Gesicht, soviel Qual der Erinnerungen, daß ich sofort erriet, warum er die Frage gestellt hatte: weil es ihm selbst gerade in diesem Augenblick sehr schwer zumute war. Und ich sagte ihm, was ich dachte. Er seufzte und lächelte traurig. Ich liebte sein Lächeln, das immer zärtlich und herzlich war. Außerdem zeigte er beim Lächeln seine wundervollen Zähne, die buchstäblich wie zwei Perlenreihen waren und um deren Schönheit ihn die schönste Frau der Welt hätte beneiden können.

„Nun, Alei, du hast soeben sicherlich daran gedacht, wie man bei euch in Dagestan dieses Fest feiert? Schön muß es dort sein.“

„Ja,“ antwortete er begeistert, und seine Augen leuchteten auf. „Aber woher weißt du, daß ich daran dachte?“

„Was ist da zu wissen! Nun, ist es dort schöner als hier?“

„O, warum sagst du das! ...“

„Welch eine Blumenpracht, welch ein Paradies jetzt dort sein muß!“

„O–o! sprich lieber nicht!“

Er war mächtig erregt.

„Sag mal, Alei, hattest du nicht auch eine Schwester?“

„Ich hatte, – aber warum fragst du?“

„Dann war sie wohl eine Schönheit, wenn sie dir ähnlich sah?“

„Was mir! Sie ist so schön, daß es im ganzen Dagestan keine schönere gibt! Ach, wenn du wüßtest, was für eine Schönheit meine Schwester ist! Du hast eine solche noch nie gesehen! Auch meine Mutter war eine Schönheit.“

„Und liebte dich deine Mutter?“

„Ach! wie du sprichst! Sie ist jetzt bestimmt vor Kummer um mich gestorben. Ich war ihr Lieblingssohn. Sie liebte mich mehr als meine Schwester, als alle ... Heute Nacht kam sie im Traume zu mir und weinte über mich.“

Er verstummte, und an jenem Abend habe ich kein Wort mehr von ihm gehört. Seit diesem Gespräch aber suchte er immer mit mir zu sprechen, wenn auch seine Ehrfurcht vor mir ihm nach wie vor verbot, mich als erster anzureden. Um so freudiger war er überrascht, wenn ich selbst mich an ihn wandte. Ich fragte ihn über den Kaukasus aus und sein früheres Leben. Seine Brüder verboten ihm nicht, mit mir zu reden, es schien ihnen sogar angenehm zu sein, daß er es tat. Und als sie sahen, daß ich ihren Alei immer lieber gewann, da wurden auch sie viel freundlicher zu mir.

Alei half mir bei der Arbeit, half mir, womit er nur konnte, auch in der Kaserne, und man sah es ihm an, daß es ihm angenehm war, mir gefällig zu sein, und in seinen Bemühungen lag nicht die geringste Selbsterniedrigung oder gar ein Suchen nach einem Vorteil, sondern nur ein warmes, freundschaftliches Gefühl, das er denn auch nicht mehr vor mir verbarg. Unter anderem hatte er auch viel Geschick für technische Arbeiten: er lernte gut Wäsche nähen, Stiefel auszubessern und zum Schluß erlernte er noch, soweit es ging, das Tischlerhandwerk. Seine Brüder lobten ihn und waren stolz auf ihren Jüngsten.

„Hör mal, Alei,“ sagte ich eines Tages zu ihm, „warum lernst du nicht russisch lesen und schreiben? Weißt du denn nicht, wie sehr dir das späterhin hier in Sibirien zustatten kommen könnte?“

„Ich will es sehr gern. Aber bei wem soll ich es erlernen?“

„Als ob es hier wenige gäbe, die dich unterrichten könnten! Willst du, daß ich es tue?“

„Ach, tu’s, bitte!“ und er stand sogleich von der Pritsche auf, faltete bittend die Hände vor mir und sah mich flehend an.

Wir fingen gleich am nächsten Abend an. Ich besaß die russische Übersetzung des Neuen Testaments – ein Buch, das im Ostrogg nicht verboten ist. Nach diesem Buch, ohne ABC-Bücher, lernte Alei binnen weniger Wochen fließend zu lesen. Nach drei Monaten war er durchaus fest in der Schriftsprache. Er lernte mit unermüdlichem Eifer und riesiger Begeisterung.

Eines Abends hatten wir die ganze Bergpredigt durchgelesen. Es war mir aufgefallen, daß er einige Stellen mit ganz besonderem Ausdruck vortrug.

Ich fragte ihn, ob es ihm gefallen habe, was er gelesen?

Er blickte schnell auf und errötete.

„Ach, ja!“ antwortete er, – „ja. Issa (Jesus) ist ein großer Prophet, Issa hat Gottes Wort gesprochen. Wie schön er spricht!“

„Was hat dir denn am meisten daraus gefallen?“

„Ach, das, wo er sagt: ‚Liebet eure Feinde, tuet wohl denen, die euch hassen.‘ Ach wie schön er spricht!“

Er wandte sich zu seinen Brüdern, die uns während des Gesprächs beobachtet hatten, und begann ihnen eifrig etwas zu erzählen. Sie sprachen lange und ernst miteinander und nickten zustimmend mit den Köpfen. Darauf wandten sie sich mit einem ernsten, wohlwollenden, d. h., echt muselmännischen Lächeln (das ich über alles liebe, und zwar gerade wegen des Ernstes) zu mir und sagten, Issa (Jesus) sei ein großer Prophet Gottes gewesen und er habe große Wunder getan; er habe sogar aus Lehm Vögel geformt, sie angeblasen und dieselben seien dann geflogen ... und dieses stehe auch in ihren Büchern geschrieben. Als sie das gesagt hatten, waren sie fest überzeugt, mir ein großes Vergnügen bereitet zu haben, indem sie Issa lobten, und Alei war restlos glücklich darüber, daß seine Brüder geruht hatten, mir dieses Vergnügen zu bereiten.

Auch mit dem Schreiben ging es bei uns gut vorwärts. Alei hatte sich Papier verschafft (er gab es unter keiner Bedingung zu, daß ich es von meinem Gelde kaufte), dazu Federn, Tinte, und in kaum zwei Monaten hatte er vorzüglich das Schreiben erlernt. Das setzte sogar seine Brüder in Erstaunen. Ihr Stolz und ihre Freude kannten keine Grenzen und sie wußten nicht, wie sie es mir danken sollten. Bei der Arbeit, wenn wir einmal zusammen in einem Trupp abgeschickt waren, halfen sie mir wetteifernd und schätzten sich noch glücklich, wenn sie mir helfen konnten. Von Alei selbst lohnt es sich gar nicht zu reden. Er liebte mich vielleicht ebenso sehr, wie seine Brüder. Niemals werde ich vergessen, wie er den Ostrogg verließ. Er führte mich hinter die Kaserne, warf sich dort an meinen Hals und schluchzte. Niemals früher hatte er mich geküßt und noch niemals hatte ich ihn weinen gesehen.

„Du hast soviel für mich getan, soviel getan,“ sagte er, „wie selbst mein Vater und meine Mutter nicht getan haben: du hast mich zum Menschen gemacht. Gott wird es dir lohnen, ich aber werde dich nie vergessen! ...“

Wo mag er jetzt sein, mein lieber, guter, herzensguter Alei?

Außer den Tscherkessen und Tataren gab es in unserer Kaserne noch eine ganze Gesellschaft Polen, die vollständig eine Familie für sich darstellten und mit den übrigen Arrestanten fast überhaupt nicht sprachen. Ich sagte schon, daß sie für ihre Absonderung, für ihren Haß auf die gefangenen Russen sich wiederum den Haß aller anderen zuzogen. Es waren ihrer im ganzen sechs, kranke, ausgemergelte Geschöpfe. Einige von ihnen waren Gebildete; von denen werde ich in der Folge noch besonders und ausführlich zu berichten haben. Von ihnen erhielt ich in den letzten Jahren meines Ostrogglebens einige Bücher. Das erste Buch, das ich nach so langer Zeit las, machte einen mächtigen und eigenartigen Eindruck auf mich. Auch von diesen Eindrücken werde ich noch ausführlicher sprechen. Für mich waren sie gar zu interessant, doch bin ich überzeugt, daß sie vielen ganz unverständlich sein werden. Ohne eigene Erfahrung kann man über gar manche Dinge nicht urteilen. Ich will vorläufig nur sagen, daß geistige Entbehrungen, sittliche Einbußen schwerer zu ertragen sind, als alle physischen Qualen. Der einfache Mensch, der in die Kátorga kommt, findet dort seine Gesellschaft vor, vielleicht sogar eine noch viel entwickeltere. Selbstverständlich hat er viel verloren, Heimat, Familie, alles was sein war, aber das Milieu ist für ihn dasselbe geblieben. Der Gebildete dagegen, der nach dem Gesetz derselben Strafe unterliegt, wie der Einfache, verliert häufig unvergleichlich mehr als dieser. Er muß alle vornehmeren Bedürfnisse, alle Angewohnheiten in sich unterdrücken, er muß in einer Umgebung leben, die tief unter ihm steht, er muß sich daran gewöhnen, andere Luft zu atmen ... Er ist wie ein Fisch, den man aus dem Wasser auf den Sand gezogen hat ... Und häufig wird für ihn die dem Gesetz nach gleiche Strafe zu einer zehnmal qualvolleren. Das ist Tatsache ... selbst wenn es sich nur um materielle Angewohnheiten, die man opfern muß, handelte.

Die Polen bildeten eine besondere abgeschlossene Klique. Es waren ihrer sechs und sie hielten alle zusammen.

Von allen übrigen Sträflingen mochten sie nur einen Juden leiden, und vielleicht einzig aus dem Grunde, weil er sie belustigte. Dieses Jüdchen wurde übrigens auch von den anderen Sträflingen gern gesehen, wenn sie auch alle ohne Ausnahme über ihn lachten. Er war bei uns der einzige Jude und auch jetzt noch überkommt mich das Lachen, wenn ich an ihn denke. Jedesmal wenn ich ihn ansah, mußte ich immer an Gogols Jankel aus seinem „Taras Bulba“ denken, der, wenn er sich zur Nacht entkleidete, um sich mit seiner Jüdin in eine gewisse Kommode zu begeben, sogleich einem gerupften Kücken auffallend ähnlich wurde. Issai Fomitsch Bummstein, so hieß unser Jüdchen, glich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen, einem gerupften halberwachsenen Hühnertier. Er war nicht mehr jung, etwa fünfzigjährig, klein von Wuchs und äußerst schwächlich, schlau und gleichzeitig absolut dumm. Er war frech und anmaßend, dabei aber entsetzlich feig. Sein ganzes Gesicht bestand aus Runzeln und auf der Stirn und den Wangen war er gebrandmarkt, was auf dem Schafott geschehen war, nachdem er sechzig Peitschenhiebe erhalten hatte. Noch jetzt verstehe ich nicht, wie er so viel auszuhalten vermocht hat. Er war wegen Mordes verschickt worden. Sorgfältig bewahrte er ein Rezept auf, das seine Glaubensgenossen von einem Doktor verschafft und ihm bald nachher zugestellt hatten. Nach diesem Rezept konnte man eine Salbe zubereiten, von der die Brandmale binnen zwei Wochen vergingen. Im Ostrogg wagte er natürlich nicht, diese Salbe anzuwenden, wartete aber sehnsüchtig auf den Ablauf seiner zwölfjährigen Frist, um sie dann, wenn er zur Ansiedlung weitergeschickt werden würde, sofort zu benutzen. „Denn anders kann ich nich aheiraten,“ sagte er mir einmal, „ich aber will aheiraten bestimmt.“ Wir beide verstanden uns sehr gut. Er war beständig in der besten Laune und er hatte ein leichtes Leben in der Kátorga: er war von Beruf Juwelier und mit Arbeiten aus der Stadt überhäuft, da es dort keinen Juwelier gab, und so befreite er sich von der schweren Zwangsarbeit. Außerdem war er, versteht sich, noch Wucherer und versah für hohe Prozente den ganzen Ostrogg mit Geld. Er war schon vor mir angekommen und einer der Polen beschrieb mir ausführlich seine Ankunft. Es ist das eine höchst amüsante Geschichte, die ich späterhin noch zum besten geben will, denn von unserem Issai Fomitsch Bummstein werde ich noch mehr als einmal zu erzählen haben.

Das übrige Volk in unserer Kaserne bestand aus vier Altgläubigen, alles alte und bibelkundige Leute, zu denen auch der Greis aus Starodubowo gehörte; aus zwei oder drei Kleinrussen, finsteren Menschen, aus einem jungen Sträfling mit einem schmalen Gesichtchen und feinen Näschen, im Alter von erst dreiundzwanzig Jahren, der indessen schon acht Menschen umgebracht hatte; aus einer kleinen Gesellschaft Falschmünzer, von denen einer der Spaßvogel der ganzen Kaserne war, und endlich aus mehreren düsteren, mürrischen und verunstalteten, schweigsamen und neidischen, alle Welt mißtrauisch ansehenden Individuen, die allem Anschein nach die Absicht hatten, noch lange Jahre so darein zu sehen, mürrisch zu sein, zu schweigen und zu hassen – so lange wie sie in der Kátorga bleiben mußten.

Alle diese Gestalten sah ich an jenem ersten freudlosen Abend meines neuen Lebens nur wie durch einen Nebel – inmitten der von Rauch und Ruß und anderen Dünsten geschwängerten nicht atembaren Luft, unter Geschimpf und unbeschreiblichen Witzen, unter Kettengeklirr und -gerassel, unter Flüchen und schamlosem Gelächter. Ich legte mich auf die unbedeckte Pritsche, schob meine Kleider unter den Kopf – ein Kissen hatte ich noch nicht – und deckte mich mit meinem Pelz zu. Aber lange noch konnte ich nicht einschlafen, obwohl ich völlig erschöpft und ganz gebrochen war von all den ungeheuerlichen und unerwarteten Eindrücken dieses ersten Tages. Mein neues Leben begann ja erst. Vieles noch stand mir bevor, was ich nie gedacht, was ich noch nie geahnt hatte ...