Chapter 21 of 21 · 2327 words · ~12 min read

X.

Die Entlassung aus dem Ostrogg

Die Flucht ereignete sich erst im letzten Jahr meiner Kátorga.

Dieses letzten Jahres erinnere ich mich fast ebenso deutlich, wie meines ersten im Ostrogg, namentlich der letzten Monate, Wochen und Tage. Doch wozu soll ich von den Einzelheiten erzählen: ich will nur sagen, daß dieses letzte Jahr trotz meiner ganzen Ungeduld, es endlich hinter dem Rücken zu haben, dennoch leichter war, als alle vorhergehenden Jahre. Hinzu kam, daß ich jetzt unter den Sträflingen schon Freunde hatte, die endgültig zur Überzeugung gekommen waren, daß ich ein guter Mensch sei. Viele von ihnen waren mir sogar aufrichtig zugetan. Der Pionier Bakluschin weinte beinahe, als er mich und meinen Kameraden aus dem Ostrogg geleitete, und als wir dann noch einen ganzen Monat in der Stadt in einem der Regierungsgebäude leben mußten, kam er fast jeden Tag zu uns, nur um uns wieder zu sehen. Aber es waren unter ihnen auch einige, die sich bis zum Schluß unfreundlich zu mir verhielten, denen es – weiß Gott, warum – sogar schwer gefallen wäre, auch nur ein Wort zu mir zu sagen. Es schien förmlich eine Mauer zwischen uns zu stehen.

In dieser letzten Zeit hatte ich größere Vergünstigungen, als in allen anderen Jahren. In der Stadt waren unter den Offizieren Bekannte von mir, sogar alte Schulkameraden, mit denen ich die früheren Beziehungen erneuerte. Durch sie konnte ich jetzt auch in den Besitz von mehr Geld gelangen, konnte Briefe in die Heimat schicken und sogar Bücher erhalten. Mehrere Jahre schon hatte ich kein Buch gelesen. Es dürfte wohl jedem, der so etwas nicht selbst durchgemacht hat, schwer sein, sich vorzustellen, einen wie eigenartigen Eindruck das erste, im Ostrogg gelesene Buch auf mich machte. Ich begann am Abend zu lesen, nachdem man unsere Kaserne bereits geschlossen hatte, und ich las die ganze Nacht hindurch, bis zum Sonnenaufgang. Es war nur eine Nummer einer Zeitschrift. Wie eine Nachricht aus dem Jenseits kam sie mir vor. Das war ja doch mein ganzes früheres Leben, das sich jetzt klar und grell vor mir erhob, und ich bemühte mich, aus dem Gelesenen zu erraten, um wieviel ich zurückgeblieben war. Hatten sie viel dort ohne mich durchlebt? Was regt jetzt die Gemüter dort auf? Mit welchen Fragen beschäftigen sie sich jetzt? Ich dachte über jedes Wort nach, ich las zwischen den Zeilen, ich vermutete in jedem Satz einen geheimnisvollen Sinn, Anspielungen auf Früheres. Ich suchte die Spuren von all dem, was früher, zu meiner Zeit, die Geister erregt hatte, und es tat mir so weh, an dieser Wirklichkeit sehen zu müssen, in welchem Maße ich in dem neuen Leben ein Fremder geworden war, ein abgeschnittenes, vergessenes Stück Leben. Jetzt mußte man sich an das Neue gewöhnen, sich mit der neuen Generation bekannt machen. Gierig las ich einen Artikel, unter dem der Name eines meiner Bekannten, eines mir früher nahe gewesenen Menschen stand ... Doch schon stieß ich auf neue Namen: es waren neue Größen erschienen. Fieberhaft wollte ich mehr von ihnen erfahren, sie näher kennen lernen, und es ärgerte mich entsetzlich, daß ich so wenig Bücher erhalten konnte, daß es so schwer war, sich welche zu verschaffen. Früher, unter dem „Achtäugigen“, wäre es geradezu sehr gefährlich gewesen, Bücher im Ostrogg zu haben. Bei einer Durchsuchung wären sie ihm unfehlbar in die Hände gefallen, und dann hätte er ohne weiteres gefragt: „Woher hast du die Bücher? Von wem? Du unterhältst hier also Beziehungen? ...“ Was aber hätte ich auf diese Fragen antworten können? Und so vertiefte ich mich, da ich ohne Bücher leben mußte, in mich selbst, stellte mir Fragen, versuchte sie zu lösen, quälte mich bisweilen mit ihnen ... Doch wer kann das alles wiedergeben! ...

Ich war im Winter in den Ostrogg gekommen, also wurde ich auch im Winter wieder aus ihm entlassen, am selben Tage desselben Monats, in dem ich eingetreten war. Mit welcher Ungeduld erwartete ich den Winter! Mit welcher Freude sah ich zu Ende des Sommers den Wald sich färben, sah ich, wie das Steppengras gelb und dürr wurde. Der Sommer verging, es kam der Herbst, und seine Stürme heulten, dann tanzten die ersten Schneeflocken hernieder ... Endlich, endlich kam der Winter, den ich so lange ersehnt hatte! Mein Herz klopfte oft dumpf und stark im großen Vorgefühl der Freiheit. Doch eines war sonderbar: je mehr die Zeit verging und je näher der Tag der Freiheit rückte, um so geduldiger und geduldiger wurde ich. Ja, in den letzten Tagen wunderte ich mich sogar darüber und machte mir deswegen Vorwürfe: es schien mir, daß ich vollkommen kaltblütig und gleichmütig geworden sei. Viele Sträflinge, die mir in der arbeitsfreien Zeit auf dem Hof begegneten, redeten mich an und beglückwünschten mich:

„Na, Väterchen Alexander Petrowitsch, Ihr geht ja nun bald, kehrt in die Freiheit zurück, ja, ja. Bald werdet Ihr uns alte Klepper verlassen!“

„Nun, Martynoff, Ihr bleibt doch auch nicht mehr lange hier. Wieviel Jahre habt Ihr noch?“ fragte ich.

„Wer ich? Nun ja, was soll man da reden! So an sieben Jahr werde ich immer noch hier bleiben ...“

Und er seufzt, ohne dabei etwas zu denken, steht, blickt zerstreut drein, als schaue er innerlich in die Zukunft ... Viele beglückwünschten mich freudig und von ganzem Herzen. Es schien mir, als wären sie jetzt alle freundlicher zu mir. Ich gehörte in ihren Augen gewissermaßen nicht mehr zu ihnen. K–tschinskij, ein adliger Pole, ein stiller, sanfter Jüngling, der gleich mir gern einsam hinter den Kasernen umherstrich und durch die Bewegung in der frischen Luft gleichfalls seine Gesundheit vor dem schädlichen Einfluß der schwülen Nächte in der Kaserne bewahren wollte, sagte lächelnd zu mir:

„Ich erwarte mit Ungeduld Ihre Entlassung ... Wenn Sie gegangen sind, _dann werde ich wissen_, daß ich gerade noch ein Jahr auf die Freiheit zu warten habe.“

Ich muß hier nebenbei bemerken, daß die Freiheit im Ostrogg infolge der Entwöhnung von ihr und des ewigen Träumens noch viel freier erschien, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sträflinge vergrößerten ganz unwillkürlich den Begriff der wirklichen Freiheit – und das ist ja schließlich auch so verständlich und für den Sträfling charakteristisch. Selbst der letzte zerlumpte Stiefelwichser oder Offiziersbursche wurde bei uns fast für einen König gehalten, fast für das Ideal eines freien Menschen – nur weil er gleichmäßig geschnittenes Haar trug, weil er ohne Fesseln und ohne militärische Eskorte gehen durfte.

Am Vorabend des letzten Tages ging ich in der Dämmerung _zum letztenmal_ am Palissadenzaun entlang, ging am Zaun um den ganzen Ostrogg herum. Wieviel tausendmal war ich in all diesen Jahren an diesen Palissaden vorübergegangen! Hier hinter den Kasernen strich ich im ersten Jahr meiner Verbannung ruhelos umher, allein, einsam und wie zerschlagen. Ich weiß noch, wie ich damals gezählt hatte, wieviel tausend Tage mir hier bevorstanden. Gott, wie lange ist das doch her. Hier in dieser Ecke hatte unser Adler gelebt, und hier war ich mit Petroff oft zusammengetroffen. Er verließ mich auch jetzt nicht. Er trat zuweilen auf mich zu und ging dann, als erriete er meine Gedanken, schweigend neben mir her, und es war, als wunderte er sich im stillen über irgend etwas. In Gedanken verabschiedete ich mich auch von diesen geschwärzten Blockhäusern; wie ungastlich waren sie mir _damals_ erschienen, in der ersten Zeit. Auch sie sahen jetzt wohl älter aus, als damals, doch ich gewahrte es nicht. Wieviel Jugend ist hier hinter diesen Wänden unnütz begraben, wieviel große Kraft verkam hier nutzlos! Man muß es doch einmal aussprechen: Dieses Volk war doch ein ungewöhnliches Volk! Es ist ja doch das allerbegabteste, allerstärkste Volk in unserem ganzen russischen Volke! Aber nutzlos verkamen die mächtigen Kräfte, verkamen unnormal, ungesetzmäßig, unwiderbringlich. Wer aber ist schuld daran?

Das ist es ja: wer ist schuld daran?

... Am nächsten Morgen ging ich schon früh, noch vor dem Aufbruch zur Arbeit, als es kaum erst zu tagen begann, in alle Kasernen, um mich von allen Sträflingen zu verabschieden. Viel schwielige, starke Hände streckten sich mir freundlich entgegen. Manch einer drückte meine Hand wie ein guter Freund, doch waren solcher nicht allzu viele. Die anderen fühlten es nur zu gut, daß ich noch heute ein ganz anderer Mensch werden würde, als sie. Sie wußten, daß ich in der Stadt Bekannte hatte, daß ich mich von hier sogleich zu den _Herren_ begeben würde und mich als Gleichstehender neben jene setzen konnte. Das begriffen sie und so verabschiedeten sie sich von mir wohl freundlich, fast sogar als hätten sie mich gern, aber doch längst nicht wie von einem Kameraden, sondern allenfalls wie von einem Herrn. Einzelne wandten sich sogar schroff von mir ab und antworteten mir nicht auf meinen Abschiedsgruß. Einzelne sahen mich fast mit verstecktem Haß an.

Da ertönte die Trommel und alle begaben sich zur Arbeit, ich aber blieb zurück. Ssuschiloff war an diesem Morgen früher als alle anderen aufgestanden und hatte sich eifrig bemüht, mir noch Tee zu bereiten. Armer Ssuschiloff! Er brach in Tränen aus, als ich ihm meine abgetragenen Kleidungsstücke, einige Hemden, die ledernen Fußschoner und noch einiges Geld schenkte.

„Mir ist’s doch nicht darum zu tun, doch nicht darum!“ murmelte er, krampfhaft bemüht, seine zitternden Lippen zur Ruhe zu zwingen, „wie soll ich denn ohne Euch weiterleben, Alexander Petrowitsch? Mit wem bleibe ich denn jetzt hier zurück?“

Auch von Akim Akimytsch nahm ich zum letztenmal Abschied.

„Nun, auch Ihre Frist ist jetzt bald abgelaufen!“ sagte ich zu ihm.

„Ich muß noch lange bleiben, sehr lange noch muß ich hier bleiben,“ murmelte er und drückte mir die Hand. Da fiel ich ihm um den Hals und wir küßten uns.

Zehn Minuten nach dem Abmarsch der Sträflinge verließen auch wir den Ostrogg, um nie wieder in ihn zurückzukehren – ich und mein Kamerad, mit dem ich gekommen war. Wir mußten uns in die Schmiede begeben, um uns dort die Ketten abschmieden zu lassen. Doch schon begleitete uns keine Eskorte mit geladenem Gewehr: wir gingen mit einem Unteroffizier. Das Abschmieden besorgten in der Militärwerkstätte unsere eigenen Sträflinge. Ich wartete bis mein Kamerad von den Fesseln befreit war, dann trat ich selbst an den Amboß. Die Schmiede drehten mich mit dem Rücken zu ihnen um, hoben von hinten meinen Fuß und legten ihn auf den Amboß ... Sie waren so geschäftig bei der Arbeit und wollten sie ersichtlich so gewandt und gut als nur möglich machen.

„Die Niete zuerst, kehr die Niete nach oben! ...“ kommandierte der Älteste, „halt jetzt fest, so, nun ... Schlag jetzt mit dem Hammer ...“

Die Fesseln fielen. Ich hob sie auf ... Ich wollte sie noch einmal in der Hand halten, sie noch zum letztenmal sehen. Es war mir, als wunderte ich mich darüber, daß sie soeben noch an meinen Füßen gewesen waren.

„Nun, mit Gott! Mit Gott!“ sagten die Sträflinge mit ihren rauhen, trockenen Stimmen, in denen aber diesmal etwas wie Zufriedenheit klang.

Ja, mit Gott! Freiheit, neues Leben, Auferstehung von den Toten ... Welch herrlicher Augenblick!

Fußnoten

[1] Festungsbaustrafe oder Zwangsarbeit in den Bergwerken. Auch veraltete Bezeichnung für eine Galeere und die Galeerenstrafe. E. K. R.

[2] Getränk aus gesäuertem Schwarzbrotteig und Malz. E. K. R.

[3] Das kringelartige Weizengebäck wird von Aufkäufern gewöhnlich auf eine Schnur gereiht. E. K. R.

[4] Timotheus – der Henker. E. K. R.

[5] Ein Getränk aus Wasser, Honig und Gewürz. E. K. R.

[6] „Schlecht, schlecht!“ E. K. R.

[7] Was ich hier von den Strafen und Hinrichtungen erzähle, war zu meiner Zeit. Jetzt soll vieles schon verändert worden sein oder bald gänzlich abgeschafft werden. F. M. Dostojewski.

[8] Mit einem Paß.

[9] D. h. im Walde, wo der Kuckuck schreit: er ist gleichfalls Landstreicher. F. M. Dostojewski.

[10] D. h. ebensowenig wie Ruß weiß ist, ebensowenig machen wir Geschäfte. E. K. R.

[11] Sein buchstäblicher Ausdruck, der übrigens zu meiner Zeit nicht nur von unserm Major allein gebraucht wurde, sondern von vielen kleineren Kommandeuren, vornehmlich von Emporkömmlingen. F. M. Dostojewski.

[12] Sie haben einen Mann oder ein Weib erschlagen, im Glauben, daß die Betreffenden die Seuche in den Wind getan, durch welche die Rinder fallen. In Ostrogg gab es einen solchen Mörder. F. M. Dostojewski.

Anmerkungen zur Transkription

Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Achtzehnter Band R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1917.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

Issai (Issaij) Lavallière (Lavalière) M–tzkij (M–zkij) Ssamowar (Samowar) Wassjä (Wassja)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, zum Teil unter Verwendung späterer Ausgaben und des russischen Originals, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 49]: (mehrfache Fälle) ... „Wasser, Kinder! Unser Nivalid Petrowitsch ist ... ... „Wasser, Kinder! Unser Nevalid Petrowitsch ist ...

[S. 115]: (mehrfache Fälle) ... Tschetschenre und drei Dagestanische Tataren. Der ... ... Tschetschenze und drei Dagestanische Tataren. Der ...

[S. 173]: ... „Der versteht nicht einmal Hühner zu futtern, hier ... ... „Der versteht nicht einmal Hühner zu füttern, hier ...

[S. 290]: ... selbst die richtigen Plätze anweisen. Wieviel echter, ... ... selbst die richtigen Plätze anweisen.“ Wieviel echter, ...

[S. 502]: ... gleichgültigen Sträflinge. Vollkommen Gleichgültiger, ... ... gleichgültigen Sträflinge. Vollkommen Gleichgültige, ...

[S. 502]: ... d. h. solcher, denen es ganz gleich war, ob sie ... ... d. h. solche, denen es ganz gleich war, ob sie ...

[S. 559]: ... wem bleibe ich denn jetzt hier zurück!“ ... ... wem bleibe ich denn jetzt hier zurück?“ ...