Chapter 11 of 21 · 8747 words · ~44 min read

XI.

Die Theateraufführung

Am dritten Tage des Weihnachtsfestes kam endlich auch die erwartete Aufführung auf unserem Theater zustande. Der Vorbereitungen hatte es wahrscheinlich eine Unmenge gegeben, doch die Schauspieler hatten alles auf sich genommen, so daß wir übrigen nicht einmal wußten, wie die Sache stand, was getan wurde, ja nicht einmal genau, was denn eigentlich aufgeführt werden würde. Die Spieler hatten sich in all den drei Tagen beim Hinausgehen zur Arbeit redlich bemüht, möglichst viel Kleider zu verschaffen. Wenn Bakluschin mir begegnete, so schnippte er nur mit den Fingern vor lauter Vergnügen. Wie es schien, war auch der Platzmajor bei guter Laune. Übrigens konnten wir auf keine Weise in Erfahrung bringen, ob er etwas von dem Theater wußte, und falls er wußte, ob er es dann formell erlaubt oder sich nur entschlossen hatte, zu schweigen – gleichsam über den tollen Einfall der Zwangsarbeiter mit der Hand abwinkend, als wollte er sagen: tut was ihr wollt! – bloß mit dem Nachsatz, daß keine Unordnung geschehen dürfe. Doch wie gesagt, darüber wußten wir nichts Genaues. Ich aber glaube, daß er um das Theater sehr wohl wußte, denn wie hätte er es nicht wissen sollen? Nur wollte er sich nicht einmischen, da er wohl einsah, daß ein Verbot schlimmer sein würde: die Sträflinge würden sich rächen, trinken, raufen, so daß es weit besser war, sie beschäftigten sich mit irgend etwas. Übrigens setze ich diese Auffassung der Sache bei dem Platzmajor nur deshalb voraus, weil sie die natürlichste, richtigste und vernünftigste ist. Ja, man kann sogar sagen: hätten die Arrestanten sich in den Festtagen kein Theater oder irgend eine Zerstreuung ausgedacht, so wäre es die Pflicht der Vorgesetzten gewesen, etwas derartiges für sie zu ersinnen. Da aber unser Platzmajor sich durch eine in allen Dingen vollkommen umgekehrte Denkweise von der übrigen Menschheit unterschied, so ist es sehr unklug von mir, daß ich eine so große Verantwortung auf mich lade: so ohne jede Handhabe anzunehmen, daß er um das Theater wußte. Ein Mensch wie unser Major mußte unbedingt jemand unterdrücken, irgend etwas fortnehmen, irgendwen eines Rechtes berauben, mit einem Wort – irgendwo den Frieden stören. In dieser Beziehung war er in der ganzen Stadt bekannt. Was ging es ihn an, daß es gerade infolge seiner Unterdrückungen zu Ungezogenheiten im Ostrogg kam! Für Ungezogenheiten sind die Bestrafungen da, denken Leute wie unser Major, und bei solchen Spitzbuben von Arrestanten ist Strenge und buchstäbliche Erfüllung des Gesetzes alles, was nötig ist!

Diese beschränkten Vollstrecker des Gesetzes begreifen tatsächlich nicht, und sind auch überhaupt nicht fähig, zu begreifen, daß allein die buchstäbliche Erfüllung des Gesetzes ohne Sinn, ohne Verständnis seines Geistes, der geradeste Weg zu Unordnung und Empörung ist und auch noch niemals zu anderem geführt hat.

„Es steht im Gesetz, was will man noch mehr?“ denken und sagen sie, und sind aufrichtig erstaunt darüber, daß man von ihnen noch als Zugabe zu den Gesetzen gesunden Verstand und einen nüchternen Kopf verlangt. Letzteres erscheint vielen von ihnen als völlig überflüssiger und empörender Luxus, als Unterdrückung ihrer Persönlichkeit und als Intoleranz.

Doch wie dem auch war, jedenfalls erhob der älteste Unteroffizier keinen Einspruch, und das war schließlich alles, was die Arrestanten brauchten. Ich behaupte dreist, daß das Theater und die Dankbarkeit für die Erlaubnis desselben der einzige Grund waren, warum während der Festtage keine einzige ernste Unordnung im Ostrogg vorkam, kein einziger böser Streit, kein einziger Diebstahl. Ich war selbst Zeuge, wie Streitende oder Betrunkene von den anderen auseinander gebracht und ernüchtert wurden, einzig mit der Drohung, daß sonst das Theater verboten werden würde. Der Unteroffizier nahm den Arrestanten das Wort ab, daß alles der Ordnung gemäß sein werde und sie sich in dieser Zeit tadellos aufführen würden. Freudig wurde es versprochen und gewissenhaft das Wort gehalten. Auch schmeichelte es ihnen sehr, daß man ihrem Worte glaubte. Übrigens kostete ja die Erlaubnis zur Theateraufführung den Vorgesetzten keinerlei Opfer. Die ganze Bühne wurde in kaum fünfzehn Minuten aufgebaut und nach der Vorstellung wieder beseitigt, so daß weder ein besonderer Raum abgegrenzt, noch ein Teil einer Kaserne beständig in Anspruch genommen war; die Aufführung dauerte nur anderthalb Stunden. Und selbst wenn plötzlich von oben der Befehl gekommen wäre, die Aufführung abzubrechen, – so wäre alles im Augenblick beseitigt gewesen. Die Kostüme wurden in den verschließbaren Kästen der Arrestanten aufbewahrt. Doch bevor ich mit der Schilderung des Theaters beginne, will ich noch einiges über das Programm der Aufführung sagen.

Einen richtigen, geschriebenen Theaterzettel gab es nicht. Erst zur zweiten oder dritten Aufführung erschien ein einziger, den Bakluschin für die Herren Offiziere und die hohen Gäste, die unser Theater mit ihrem Besuch beehrten, eigenhändig geschrieben hatte. Diese hohen Gäste waren folgende: gewöhnlich der wachhabende Offizier, und einmal erschien sogar der Offizier ^du jour^, der die wachhabenden kontrollierte, und einmal auch ein Verwaltungsbeamter. Für diese Herren nun war der schöne Theaterzettel geschrieben worden. Man setzte voraus, daß der Ruhm des Theaters weit über die Festung hinaus, sogar in der ganzen Stadt seine Verbreitung finden würde, umsomehr, als es dort kein Theater gab. Es hieß nur, daß Liebhaber sich zu einer einzigen Aufführung zusammengetan hätten, aber das war auch alles.

Die Arrestanten freuten sich wie Kinder über den geringsten Erfolg, und waren sehr stolz auf ihn.

„Wer kann denn wissen,“ dachten und sagten sie, „vielleicht wird es auch die höchste Obrigkeit erfahren, herkommen und sehen, was wir eigentlich sind! Das ist keine gewöhnliche Soldatenvorstellung mit Vogelscheuchen, schwimmenden Kähnen, gehenden Bären und Ziegen! Hier sind es immer Schauspieler, richtige Schauspieler, die herrschaftliche Komödie spielen! Ein solches Theater gibt es ja in der ganzen Stadt nicht! Bei dem General Abrossimoff soll einmal, sagt man, eine Theateraufführung gewesen sein, und es soll dort noch einmal gespielt werden. Nun, in den Kostümen werden sie uns vielleicht schlagen, aber im _Gespräch_ da sind wir ihnen _weit_ über! Es wird noch bis zum Gouverneur dringen und – wer weiß – womit spaßt der Teufel nicht? – vielleicht bekommt er selber Lust, zuzusehen? In der Stadt gibt es kein Theater ...“

Kurz, die Phantasie der Arrestanten kannte während der Festtage, und besonders nach dem ersten Erfolge, keine Grenzen, ja sie verstieg sich sogar bis zu Belohnungen und zur Verminderung der Strafzeit, wenn die Sträflinge auch im selben Augenblick gutmütig über sich selbst lachten. Mit einem Wort, sie waren wie Kinder, wie die richtigen Kinder, obgleich einige dieser Kinder schon vierzig Jahre zählten. Doch ungeachtet dessen, daß es keine Theaterzettel gab, kannte ich bereits, wenigstens in den Hauptzügen, die ganze Zusammenstellung der Aufführung.

Das erste Stück hieß: „Filatka und Miroschka, die Nebenbuhler“. Bakluschin hatte mir schon vor einer Woche stolz mitgeteilt, daß der Filatka, dessen Rolle er selbst übernommen hatte, so gespielt werden würde, wie man es nicht einmal im Sankt Petersburger kaiserlichen Theater besser sehen könne. Er ging von einer Kaserne zur anderen, rühmte sich unbarmherzig und unverschämt, gleichzeitig aber auch vollkommen gutmütig, bis er plötzlich etwas „thieatralisches“ zum Besten gab, d. h. ein paar Sätze aus der eigenen Rolle, und alle lachten – gleichviel ob es zum Lachen war oder nicht, was er gesagt hatte. Doch muß ich bemerken, daß die Sträflinge sich auch hierin zu beherrschen und ihre Würde zu wahren wußten: die Erzählungen Bakluschins und seine Schilderungen der bevorstehenden Aufführung entzückten nur die Jüngsten, die sogenannten Grünschnäbel, die noch keine Selbstbeherrschung kannten, oder nur die bedeutendsten Persönlichkeiten, deren Autorität bereits so unerschütterlich war, daß sie weiter nichts zu fürchten brauchten, wenn sie ihren Gefühlen, gleichviel welchen, und wären es auch die naivsten – d. h. nach Ostroggbegriffen die unanständigsten – freien Ausdruck gewährten. Die übrigen aber hörten den Schwätzereien schweigend zu. Freilich verboten sie dem Schwätzer weder das Wort noch tadelten sie ihn, aber sie bemühten sich aus allen Kräften, sich möglichst gleichgültig und teilweise sogar hochmütig diesen Berichten gegenüber zu verhalten. Erst am letzten Tage wurde das Interesse allgemein: „Wie wird es denn sein? Was machen die Unsrigen? Was sagt der Major? Wird es auch ebenso gelingen, wie vor zwei Jahren?“ usw. Bakluschin versicherte mir, daß die Rollen vorzüglich verteilt seien, ein jeder sei „wie geboren“ zu der seinen. Ferner, daß sie sogar einen Vorhang hätten und daß die Braut Filatkas von Ssirotkin dargestellt werden würde – „und wie der in Weiberkleidern aussieht! – na, Sie werden ja mit eigenen Augen sehen!“ meinte er stolz und schnalzte vor Vergnügen. Die wohltätige Gutsbesitzerin sollte in einem Falbelkleide und einer Pelerine und einem Sonnenschirm erscheinen, und der wohltätige Gutsbesitzer in einem Offiziersrock mit Achselschnüren und einem Rohrstock.

Darauf folgte das zweite Stück, und zwar ein dramatisches: „Kedrill der Vielfraß“. Dieser Titel erweckte sogleich mein Interesse, aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich konnte doch nichts Genaues über das Stück erfahren. Man wußte nur, daß es nicht aus einem Buche stamme, sondern aus einer Abschrift, und erhalten hatte man es von einem ehemaligen Unteroffizier aus der Vorstadt, der vielleicht selbst einmal an einer Soldatenaufführung dieses Stückes teilgenommen hatte. Bei uns in Rußland haben sich in entlegenen Städten und Gouvernements tatsächlich noch alte Theaterstücke erhalten, die, wie es scheint, keinem einzigen Literaten bekannt und vielleicht kein einziges Mal gedruckt worden sind, die ganz von selbst aufgetaucht zu sein scheinen, Dichtungen, die den Grundstock eines jeden „Volkstheaters“ darstellen. Es wäre wohl sehr, sehr zu wünschen, daß jemand von unseren Forschern und Sammlern sich mit etwas gründlicheren Nachforschungen abgeben würde, als sie bis jetzt unserem Volkstheater gewidmet worden sind. Denn ein Volkstheater haben wir sowohl früher gehabt, wie wir es auch jetzt noch haben, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß es durchaus nicht so unbedeutend ist. Ich kann es nicht glauben, daß alles, was ich in unserem Ostroggtheater gesehen habe, von unseren Arrestanten „frei aus der Luft“ ersonnen gewesen sei. Hier handelte es sich vielmehr um ein altes Erbe aus der Überlieferung, um einmal angenommene Bräuche und Begriffe, wie sie sich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Suchen und nachforschen müßte man bei Soldaten, Fabrikarbeitern, in Fabrikstädten und auch in manchen entlegenen Städtchen bei den Bürgern. Auch auf Gütern, unter dem Gesinde der großen Gutsbesitzer haben sie sich erhalten und sind durch diese bis in die Gouvernementsstädte gedrungen. Ich glaube sogar, daß viele alte Dichtungen sich nur dank der Abschriften der Gutsdienerschaft vermehrt und erhalten haben. Hatten doch früher in alten Zeiten die reichen Gutsherren und die Moskauer Großen eigene Theater auf ihren Gütern, während die Schauspieler ihre Leibeigenen waren. Diese Theater nun sind die Grundlage unserer Volksdramatik, wofür wir unzweifelhafte Anzeichen haben. Was nun den „Vielfraß Kedrill“ anbelangt, so konnte ich vorläufig nichts erfahren, ausgenommen das eine, daß auf der Szene böse Geister erscheinen und den Vielfraß Kedrill in die Hölle schleppen würden. Was aber der Name Kedrill bedeutete und schließlich warum Kedrill und nicht Kyrill – das vermochte mir niemand zu sagen, und ebensowenig, ob es ein echt russisches Stück war, oder einem ausländischen entlehnt. Und zum Schluß, hieß es, werde eine „Pantomime mit Musik“ aufgeführt werden. Das war natürlich alles sehr interessant.

Der Schauspieler gab es etwa fünfzehn, – ein flottes und geschicktes Volk. Sie saßen keinen Augenblick still, veranstalteten Proben hinter den Kasernen, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten, versteckten sich und taten überaus geheimnisvoll. Kurz, sie wollten uns alle mit etwas Ungewöhnlichem und Ungeahntem überraschen.

An den Arbeitstagen wurde der Ostrogg früh geschlossen, sobald es dunkelte. Während des Weihnachtsfestes aber wurde eine Ausnahme gemacht: man schloß nicht vor dem Zapfenstreich, was eine Vergünstigung für die Theateraufführungen war. Während der ganzen Festwoche wurde täglich vor dem Abend aus dem Ostrogg eine „Gesandtschaft“ zum wachhabenden Offizier abgesandt, mit der Bitte, die Aufführung zu erlauben und den Ostrogg etwas später zu schließen, mit dem Nachsatz, daß auch gestern gespielt und der Ostrogg später geschlossen worden sei, Unordnungen aber nicht vorgekommen wären. Der Wachhabende denkt nun wohl folgendes: „Unordnung hat es gestern allerdings nicht gegeben und wenn sie selbst versprechen, daß auch heute keine vorkommen wird, so werden sie selbst auf sich acht haben, das aber ist das Sicherste, was man sich denken kann. Hinzu kommt jetzt, daß sie, falls ich das Spiel verbiete, womöglich – wer kann denn sicher sein bei dieser Räuberbande! – mit Absicht irgend etwas losschießen und noch die Wache hineinziehen. Schließlich kommt noch hinzu, daß auf Wache sein äußerst langweilig ist, dort aber Theater gespielt werden soll, und zwar nicht von gewöhnlichen Soldaten, sondern von Arrestanten – diese aber sind eine ‚interessante Bande‘ und es wäre doch nicht übel, selbst mal zuzusehen.“ Dazu aber hat der wachhabende Offizier immer das Recht, und so erlaubt er die Aufführung. Sollte nun aber ein böser Geist den Offizier ^du jour^ ihm auf den Hals schicken und dieser fragen: „Wo ist der wachhabende Offizier?“ so ist ein „Gehorsamst zu melden: sind zur Revision in den Ostrogg gegangen,“ die klare Antwort und volle Rechtfertigung zugleich.

So kam es denn, daß während der ganzen Festwoche von Seiten des Wachhabenden jeden Abend die Aufführung erlaubt und der Ostrogg nicht vor dem Zapfenstreich geschlossen wurde. Die Arrestanten wußten schon aus alter Erfahrung, daß sie von den Wachhabenden nichts zu befürchten hatten und machten sich deswegen keine Sorgen.

Am Tage der ersten Aufführung kam Petroff zu mir, um mich abzuholen, wie er sagte, und wir begaben uns ins „Theater“. Aus unserer Kaserne gingen alle außer dem Altgläubigen und den Polen. Die Polen entschlossen sich erst kurz vor der letzten Aufführung, am vierten Januar, das Theater zu besuchen, und auch das erst nach langen Versicherungen, daß es dort sowohl gut wie lustig und ungefährlich sei. Der Hochmut der Polen reizte die Arrestanten nicht wenig, doch als sie endlich am vierten Januar erschienen, wurden sie sehr höflich empfangen und man ließ sie sogar nach vorn zu den besseren Plätzen. Was nun die Tscherkessen und im besonderen Issai Fomitsch anbetrifft, so war unser Theater für sie ein wahrer Hochgenuß. Issai Fomitsch gab jedesmal drei Kopeken, doch das letzte Mal legte er ganze zehn Kopeken auf den Teller, während sein Gesicht in dem Augenblick die Seligkeit selbst war. Die Schauspieler hatten beschlossen, von den Anwesenden soviel zu sammeln, wieviel ein jeder geben wollte, in erster Linie, um die Unkosten bestreiten zu können und in zweiter zur eigenen „Stärkung“.

Petroff versicherte mir, daß man mich auf einen der ersten Plätze durchlassen würde, wie gepfropft voll auch der ganze Raum und wie schwer auch das Durchdringen sein sollte, und zwar würde man es aus dem Grunde tun, weil ich, der ich reicher war als die anderen, wahrscheinlich auch mehr geben würde, und außerdem verstände ich auch mehr als sie von solchen Sachen. Petroff hatte recht: es geschah, was er gesagt hatte. Doch vorher muß ich noch den „Saal“ und die „Bühne“ beschreiben.

Unsere Militärkaserne, in der die Aufführung stattfand, war ungefähr fünfzehn Schritt lang. Vom Hof trat man zuerst auf die Treppe, von der Treppe in den Flur und aus dem Flur in die Kaserne. Dieser längliche Raum war, wie ich schon erwähnte, anders eingerichtet, als die übrigen Kasernen: die Pritschen waren direkt an den Wänden angebracht, so daß die Mitte des Raumes frei blieb. Die Hälfte dieser Kaserne, die dem Eingang und dem Flur zunächst lag, war den Zuschauern überlassen; die andere Hälfte, die mit der zweiten Kaserne in Verbindung stand, war von der Bühne eingenommen. Mein erstes Staunen erregte vor allen anderen Dingen – der Vorhang. Er zog sich, etwa zehn Schritt lang, quer durch die ganze Kaserne hin. Ja, dieser Vorhang war so wundervoll, daß man wirklich Ursache hatte, erstaunt zu sein. Ganz abgesehen davon, daß er mit richtiger Ölfarbe gemalt war, sah man auf ihm noch so etwas wie Bäume, Lauben, Teiche und Sterne dargestellt. Er bestand aus alten und neueren Leinwandstücken, soviel wie ein jeder gegeben und gestiftet hatte, aus alten Fußlappen und Hemden der Arrestanten, die irgendwie zu einem großen Ganzen zusammengenäht waren, und außerdem bestand noch ein Teil desselben, zu dem das Zeug nicht mehr gereicht hatte, einfach aus Papier, das gleichfalls, blatt- und bogenweise, in allen nur möglichen Kanzleien und Schreiberstuben, erbettelt worden war. Unsere Maler aber, unter denen sich auch A–ff, unser Brüloff 2, auszeichnete, hatten das Meisterwerk der Bemalung übernommen. Die Wirkung war erstaunlich. Eine solche Pracht freute selbst unsere düstersten und pedantischsten Misanthropen, die aber sonderbarerweise, als es nun zur Aufführung kam, sich ausnahmslos als dieselben kleinen Kinder zeigten, wie die Jüngsten und Ungeduldigsten. Alle waren ungemein zufrieden mit dem ersten Eindruck, sogar ungeheuer, sogar bis zum Eigendünkel zufrieden. Die Beleuchtung bestand aus Talglichten, die in Stücke geschnitten waren. Vor dem Vorhang standen zwei Bänke aus der Küche und vor diesen Bänken noch drei oder vier Stühle, die man in der Stube des Unteroffiziers gefunden hatte. Die Stühle waren für den Fall hingestellt, daß die höchsten Gäste erschienen, wie zum Beispiel der Wachhabende, einer der Verwaltungsbeamten, und vielleicht noch andere desselben Ranges. Die Bänke aber waren für die Unteroffiziere bestimmt, für die Schreiber der Verwaltungsstube, die Aufseher und die übrigen Beamten, die wohl noch zu den Vorgesetzten gehörten, doch nicht etwa von Offiziersrang waren – für den Fall, daß auch sie zufällig in den Ostrogg kämen. Und so war es auch: zu keiner Aufführung fehlte es uns an fremden Besuchern, an einem Abend kamen mehr, am anderen weniger, doch zur letzten Aufführung war tatsächlich kein einziger Platz auf den Bänken unbesetzt. Hinter den Bänken endlich kamen die Arrestanten, alle stehend und aus Achtung vor den Gästen ohne Kopfbedeckung, in Joppen oder Halbpelzen, trotz der drückenden, schwülen Luft in der Kaserne. Natürlich war dieser Raum für die ganze Masse der Arrestanten gar zu eng bemessen, denn obschon der eine buchstäblich auf dem anderen saß, namentlich in den letzten Reihen, waren auch noch alle Pritschen besetzt, alle Kulissen, und schließlich fanden sich noch Liebhaber, die beständig hinter die Bühne gingen, in den anstoßenden Kasernenraum, und von dort aus, also hinter den Kulissen hervor, zusahen. Die Enge in der vorderen Hälfte der Kaserne war unbeschreiblich, ähnlich wie ich sie vorher nur einmal in der Badestube erlebt hatte. Die Tür zum Flur stand weit offen; im Flur, wo eine Kälte von 20 Grad herrschte, drängten sich gleichfalls Kopf an und über Kopf die Zuschauer. Wir beide, Petroff und ich, wurden aber sofort durchgelassen, fast bis dicht an die Bänke, wo man natürlich viel besser sehen und hören konnte, als in den hinteren Reihen. In mir sah man gewissermaßen einen Kenner und Kritikfähigen, der schon ganz andere Aufführungen gesehen hatte. Sie wußten, daß Bakluschin mich mehr als einmal um Rat gefragt hatte und sich stets ehrerbietig zu mir verhielt, folglich gebührte mir jetzt Ehre und ein guter Platz. Die Arrestanten waren gewiß ein ruhmsüchtiges und im höchsten Grade eingebildetes Volk, – aber das war doch nur äußerlich. Sie konnten wohl über mich lachen, wenn ich ihnen bei der Arbeit nur schlecht zu helfen vermochte, Almasoff konnte auf uns Adlige mit Verachtung herabblicken, weil wir nicht Alabaster zu brennen verstanden, doch zu all ihren Spötteleien und ihrer ganzen Verachtung gesellte sich doch noch etwas anderes: wir waren einmal Adlige gewesen, wir hatten einmal zu der Klasse ihrer früheren Herren gehört, die ihnen vielleicht Unrecht getan und an die sie nicht mit guten Gefühlen zurückdenken konnten. Hier aber, im Theater, machten sie mir freiwillig Platz. Sie erkannten es an, daß ich davon mehr verstand, als sie, daß ich mehr gesehen und besser zu urteilen vermochte. Selbst diejenigen, die mir am wenigsten gewogen waren – das wußte ich sehr wohl, – hätten jetzt gern von mir ein Lob ihres Theaters gehört und gaben mir ohne jede Selbsterniedrigung den guten Platz. So urteile ich jetzt darüber in der Erinnerung an meinen damaligen Eindruck. Und es schien mir auch an jenem ersten Theaterabend – dessen entsinne ich mich genau –, daß in ihrem richtigen Urteil über sich nicht etwa eine Selbsterniedrigung, sondern nur das Gefühl der eigenen Würde lag. Der größte und schärfste Charakterzug unseres Volkes ist das Gefühl für die Gerechtigkeit und das unbedingte Verlangen nach derselben. Das Großsprechen und Großtun und _um jeden Preis_ immer auf dem ersten Platz sein wollen, gleichviel, ob er es wert ist oder nicht – das wird man in unserem Volk nie finden. Man braucht nur die äußere, oft nur angenommene Schale zu entfernen und den Kern sich etwas aufmerksamer anzusehen, etwas näher und vorurteilsloser, und man wird in dem Volke Dinge entdecken, von denen man sich auch nicht einmal hat träumen lassen. Ja, unsere Gelehrten können unser Volk nur noch sehr weniges lehren. Und ich sage sogar mit voller Überzeugung – im Gegenteil: sie müssen selbst noch von ihm lernen.

Petroff hatte mir ganz naiv gesagt, noch bevor wir uns aufgemacht hatten, man würde mich auch noch aus dem anderen Grunde, weil ich mehr zahlen würde, nach vorn lassen. Einen festen Preis gab es nicht: ein jeder gab, wieviel er konnte und wollte. Fast alle gaben etwas, wenn es auch nur ein Zweikopekenstück war, als man mit dem Teller einsammelte. Doch wenn man mich zum Teil auch des Geldes wegen nach vorn ließ, in der Voraussetzung, daß ich mehr geben würde, als die anderen – so lag doch auch darin wiederum das Gefühl der eigenen Würde, das sie so handeln ließ. „Du bist reicher als ich, geh du nach vorn, wenn wir hier auch alle gleich sind, aber du wirst mehr geben und daher ist ein Gast wie du den Schauspielern angenehmer, – folglich gebührt dir auch der bessere Platz, denn wir alle sind hier nicht für Geld, sondern aus Achtung vor etwas Höherem, daher müssen wir uns schon selbst die richtigen Plätze anweisen.“ Wieviel echter, edler Stolz doch darin liegt! Das ist nicht Achtung vor dem Gelde, sondern Achtung vor sich selbst. Überhaupt hatte man im Ostrogg vor dem Gelde, dem Reichtum keine große Achtung, besonders wenn man die Arrestanten als Masse nimmt. Ja, selbst wenn man sie einzeln nehmen wollte, so kann ich mich wirklich nicht eines einzigen entsinnen, der sich im Ernst für Geld erniedrigt hätte. Wohl gab es welche, die von einem jeden, auch von mir, beständig Geld borgten, doch dieses Betteln war mehr Unart, Mutwille, Schlauheit, als gerade Bettelei, – es war mehr Humor, mehr Naivität. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke ... Aber ich habe ja ganz das Theater vergessen! Also zur Sache.

Bis zum Aufgang des Vorhangs bot der Anblick des ganzen Raumes ein seltsames und belebtes Bild. Die ganze große Schar der halbwegs schon plattgedrückten, von allen Seiten erbarmungslos eingeengten Zuschauer erwartete mit wahrer Seligkeit in den Gesichtern den Anfang der wunderbaren Dinge, die da kommen sollten. In den hinteren Reihen hockte der eine auf dem anderen. Viele hatten sich aus der Küche Holzscheite mitgebracht. Diese wurden an der Wand aufgestellt und dann kletterte sein Besitzer, so gut es ging, mit den Beinen auf sie hinauf, oder auch nur mit den Knieen, stemmte sich mit beiden Händen auf die Schultern des vor ihm Stehenden und verharrte in dieser Stellung, ohne sich zu rühren, geschlagene zwei Stunden in unerschütterlicher Zufriedenheit mit sich und seinem Platz. Andere hatten sich, weiß Gott wie, mit den Beinen auf die unteren Abstufungen des Ofens erhoben und standen gleichfalls die ganze Zeit auf den Vordermann gestützt. Das war in den letzten Reihen ganz an der Wand. An der einen Seitenwand stand eine ganze Mauer auf den Pritschen, dicht neben den Musikanten. Das waren gute Plätze. Fünf Mann hatten sich ganz nach oben auf den Ofen begeben, und schauten, platt auf dem Bauch liegend, lächelnd nach unten. Wer deren Seligkeit nachempfinden könnte! Auf den Fensterbrettern an der anderen Wand türmten sich gleichfalls ganze Berge von zu spät Gekommenen oder solchen, die eben keinen besseren Platz gefunden hatten. Alle verhielten sich ruhig und sittsam. Alle wollten sich dem hohen Besuch, ihren Vorgesetzten, von der besten Seite zeigen. Auf allen Gesichtern drückte sich die naivste Erwartung aus. Alle Gesichter waren rot und von der Hitze schweißbedeckt. Welch ein seltsamer Widerschein kindlicher Freude, reinen, erquickenden Vergnügens glänzte auf diesen verunstalteten, gebrandmarkten Stirnen und Wangen, in diesen Blicken bisher mürrischer, finsterer Menschen, in diesen Augen, in denen ein so unheimliches Feuer aufblitzen konnte! Alle hatten ihre Mützen abgenommen, und sah man sie von der rechten Seite, so erschienen alle Köpfe rasiert. Da hört man von der Bühne her verschiedene Geräusche, Schritte, Stuhlrücken ... Sogleich muß der Vorhang sich erheben. Da setzt schon das Orchester ein ... Dieses Orchester verdient wahrlich, gleichfalls erwähnt zu werden. Seitlich, auf den Pritschen, hatten sich acht Musikanten niedergelassen: zwei Geigen – die eine aus dem Ostrogg, die andere hatte man aus der Festung geliehen, der dazugehörige Künstler fand sich aber unter uns –, drei Balalaiken, alle selbstgefertigte, zwei Gitarren, und anstatt eines Kontrabasses eine Handtrommel. Die Geigen wimmerten nur und krietschten, die Gitarren taugten nicht viel, dafür aber waren die Balalaiken einfach großartig. Die Fingergewandtheit in der Behandlung der Saiten kam entschieden dem größten Taschenspielerkunststück gleich. Es wurden nur Tanzstücke gespielt, und bei den temperamentvollsten Stellen schlugen die Künstler mit den Fingerknöcheln auf die Decke der Balalaika: der ganze Ton, der Geschmack, der Rhythmus, der Vortrag, die Behandlung des Instruments, der ganze Charakter der Wiedergabe des Motivs – alles war eigen, originell, von den Arrestanten selbst erfunden. Auch einer der Gitarrespieler spielte sein Instrument vorzüglich. Das war jener Adlige, der seinen Vater erschlagen hatte. Was nun den Handtrommelschläger betrifft, so tat er einfach Wunder: bald machte er eine Pirouette mit einem einzigen Finger, bald fuhr er mit dem Daumen wie Donnergrollen über das Trommelfell; bald hörte man, einzeln aufeinanderfolgend, laute, klare, volle Töne, bald wiederum zerstäubte dieser Ton in einem wahren Erbsenhagel unzähliger feiner, kleiner, fast trillernder, heller Perlentöne. Und dazu kam noch eine Harmonika, und zum Schluß noch eine zweite. Mein Ehrenwort, ich hatte bis dahin keine Ahnung davon gehabt, was man aus ganz einfachen Volksinstrumenten hervorholen konnte. Die Harmonie, der Rhythmus, das Spiel, und vor allem der Geist, der Charakter der Auffassung und Wiedergabe des Motivs, verdienten wirklich Bewunderung. An jenem Abend begriff ich zum erstenmal vollkommen, was das eigentlich grenzenlos Unbändige und Kühne in den unbändigen und kühnen russischen Tanzweisen ist.

Da, endlich, ging der Vorhang auf. Alles rührte sich, alle traten von einem Fuß auf den anderen, in den hinteren Reihen hob man sich auf die Fußspitzen, einer fiel von seinem Holzscheit herunter, alle bis auf den letzten sperrten die Mäuler auf und starrten mit weit aufgerissenen Augen auf die Bühne, und vollständige Stille trat ein ... Die Vorstellung begann.

Neben mir stand Alei in einer Gruppe mit seinen Brüdern und den Tscherkessen. Sie alle hingen leidenschaftlich am Theater und besuchten es später jeden Abend. Alle Muselmänner, Tataren u. s. w. sind, wie ich mehr als einmal bemerkt habe, leidenschaftliche Liebhaber für alles, was Schaustück ist. Neben ihnen hatte sich Issai Fomitsch hingehockt, der, wie es schien, seit dem Augenblick, in dem der Vorhang aufging, sich in nichts als Gehör und Sehkraft verwandelt hatte und in gierige Erwartung aller Wunder und Genüsse. Er hätte einem sogar aufrichtig leid getan, wenn er in seinen Erwartungen enttäuscht worden wäre. Aleis liebes Gesicht strahlte in so herzerquickender kindlicher Freude, daß es mir – ich muß gestehen – ein großes Vergnügen bereitete, ihn anzusehen, und ich weiß noch, wie ich mich jedesmal nach einem spaßigen ‚Stichwort‘ auf der Bühne, dem gewöhnlich eine Lachsalve folgte, sogleich zu Alei wandte, um sein Gesicht zu sehen. Er sah mich nicht – oh, ihm war es jetzt nicht um mich zu tun! Nicht weit von mir, auf der linken Seite, stand ein älterer, immer finsterer, unzufriedener und brummiger Arrestant: ihm war Alei gleichfalls aufgefallen, und wie ich bemerkte, wandte auch er sich ein paar Mal mit einem halben Lächeln zu ihm, um ihn anzusehen, – er war gar zu reizend. „Alei Ssemjonytsch“ nannte er ihn, warum „Ssemjonytsch“, das weiß ich nicht.

Man begann mit „Filatka und Miroschka“. Filatka, den Bakluschin mimte, war einfach großartig! Er spielte seine Rolle erstaunlich naturgetreu. Man sah sofort, daß er sich in jeden Satz, in jede seiner Bewegungen hineingedacht hatte. Jedem nichtssagenden Wort, jeder Geste wußte er Sinn und Bedeutung zu verleihen, die dem Charakter seiner Rolle vollkommen entsprachen. Jetzt stelle man sich noch vor, daß zu seinem ganzen Aufgehen in der Rolle und seinem ganzen Verständnis für sie eine bewundernswerte, angeborene Heiterkeit, Natürlichkeit und sein ganzer Mutterwitz hinzukamen. Ich glaube, ein jeder, der Bakluschin gesehen hätte, würde unbedingt zugegeben haben, daß er ein echter, ein geborener und hochtalentvoller Schauspieler war. Den Filatka habe ich oft genug in Moskauer und Petersburger Theatern gesehen, doch kann ich mit voller Überzeugung sagen: die großstädtischen Schauspieler spielten ihn schlechter als Bakluschin. Im Vergleich zu ihm waren sie Paysans, aber keine echten Bauern. Sie wollten zu sehr den Bauer spielen. Hinzu kam außerdem noch, daß Bakluschin durch die Konkurrenz angefeuert wurde: alle wußten, daß im zweiten Stück die Rolle des Kedrill der Arrestant Pozeikin spielen würde, der von allen aus irgend einem Grunde für talentvoller als Bakluschin gehalten wurde, Bakluschin aber litt darunter wie ein Kind. Wie oft war er in den letzten Tagen zu mir gekommen, um sein Herz auszuschütten. Zwei Stunden vor der Aufführung hatte er geradezu Lampenfieber. Wenn das Publikum nun lachte und man ihm zuschrie: „Bravo, Bakluschin! Bist ’n Deuwelskerl!“ – so strahlte sein ganzes Gesicht vor Glück und mitreißende Begeisterung blitzte aus seinen Augen. Die Kußszene Miroschkas mit der Braut (Ssirotkin), in der Filatka ihm vorher zuschreit: „Wisch dir den Mund ab!“ und dabei sich selbst den Mund abwischt, war zum Sterben komisch. Alles wälzte sich vor Lachen. Aber am interessantesten waren für mich doch die Zuschauer. Niemand dachte mehr an „Anstand“, alle gaben sie sich, ohne Schranken zu kennen, ihrem Entzücken hin. Die Beifallsrufe ertönten immer häufiger. Hier versetzt ein Freund dem anderen einen leichten Rippenstoß und teilt ihm eilig flüsternd seine Eindrücke mit, ohne sich darum zu kümmern oder auch nur zu bemerken, wer neben ihm steht; dort wendet sich plötzlich ein anderer nach einer komischen Szene begeistert an die Menge mit einem Blick, als wolle er alle auffordern, zu lachen, schüttelt einmal kurz den Kopf und winkt mit der Hand ab („was soll man da noch reden!“), um sich sofort wieder gierig der Szene zuzuwenden. Ein dritter schnalzt nur mit der Zunge und schnippt mit den Fingern vor Begeisterung, und da er sonst keine Bewegungsmöglichkeit hat, tritt er nur von einem Fuß auf den anderen. Zum Schluß des Stückes hatte die Begeisterung den höchsten Grad erreicht. Ich will nichts übertreiben. Man denke sich jedoch nur den Ostrogg, die Ketten an den Füßen, die Unfreiheit, die langen trostlosen Jahre, die noch vor einem liegen, das ewig einförmige Leben, in dem jeder Tag dem nächsten wie an trüben Spätherbsttagen ein Regentropfen dem anderen gleicht, – und nun plötzlich wird allen diesen unterdrückten und gefangenen Arrestanten erlaubt, eine Stunde lang sich zu freuen, sich unbeengt zu fühlen, sich frei zu glauben und den schweren Traum zu vergessen, ein ganzes Theater aufzuführen, – und dazu noch was für eines! – zum eigenen Stolz und zur Verwunderung der ganzen Stadt: seht, was wir Arrestanten können! Sie waren natürlich für alles begeistert. Auch die Kostüme beschäftigten sie sehr. Es war ihnen ungeheuer interessant, zum Beispiel einen Wanjka Otpetyj, oder einen Nezwetajeff oder Bakluschin in ganz anderen Kleidern zu sehen, als in dem üblichen Arrestantenkostüm, in dem sie ihn schon soviel Jahre jeden Tag gesehen hatten.

„Er ist doch ein Arrestant, derselbe, der er war! – wenn er geht, hört man ja noch seine Ketten klirren und da kommt er nun im Überzieher, im runden Hut und im Mantel! – wie ein Staatsrat! Hat sich sogar einen Schnurrbart angeklebt und Haar auf den halben Kopf! Sieh, da hat er noch ein rotes Schnupftuch aus der Tasche hervorgezogen! – sieh, wie er sich zufächelt und den Herrn spielt, ganz als wäre er ohne weiteres selber einer!“ Und alle sind entzückt.

Der „wohltätige Gutsbesitzer“ erschien im Uniformrock mit Achselschnüren, und in einer Mütze, auf der man eine Kokarde befestigt hatte, und machte einen vortrefflichen Eindruck. Daß alles alt und abgetragen war, tat absolut nichts zur Sache. Für diese Rolle hatte es zwei Liebhaber gegeben und – wird man es glauben? – beide hatten sich deswegen wie die kleinen Kinder gestritten, wer sie spielen sollte: beide wollten sich gar zu gern im Offiziersrock mit Achselschnüren zeigen! Da waren denn die anderen Schauspieler gezwungen gewesen, einzugreifen und dem Streit ein Ende zu machen: die Stimmenmehrheit hatte die Rolle Nezwetajeff zugesprochen, und zwar nicht etwa, weil dieser hübscher und stattlicher gewesen wäre als der andere und daher den Herrn besser darstellen konnte, sondern weil Nezwetajeff allen versichert hatte, daß er mit einem Spazierstöckchen erscheinen und dasselbe so geschickt schwingen würde, wie ein wirklicher Herr und erstklassiger Modekenner, was Wanjka Otpetyj nie und nimmer fertigstellen könne, da er wirkliche Herren überhaupt noch nicht gesehen habe. Und in der Tat: als Nezwetajeff mit seiner wohltätigen Gutsbesitzerin auftrat, tat er nichts anderes, als daß er gewandt das Stöckchen, das er sich weiß Gott woher verschafft hatte, in der Luft schwang oder Figuren auf den Fußboden zeichnete. Offenbar sah er darin alle Anzeichen der größten Vornehmheit und der feinsten Stutzerhaftigkeit. Wahrscheinlich hatte er einmal in jungen Jahren, als er noch barfüßig auf dem Gutshof umherlief, einen gutgekleideten Herrn mit einem spanischen Rohrstock gesehen und war von dessen Geschicklichkeit, mit dem Stöckchen zu spielen, dermaßen gefesselt worden, daß der Eindruck sich auf ewig, unauslöschlich in seine Seele eingegraben hatte, und er sich noch nach dreißig Jahren des Verfahrens zur Bezauberung und zum Entzücken des ganzen Ostrogg entsann. Nezwetajeff war in seine Beschäftigung dermaßen vertieft, daß er überhaupt niemand und nichts mehr ansah, ja selbst seine Antworten gab er, ohne die Augen zu erheben, er zeichnete nur und zeichnete und sein Blick schien an das Ende seines Stöckchens gleichsam angebunden zu sein.

Die wohltätige Gutsbesitzerin war in ihrer Art nicht weniger bemerkenswert: sie erschien in einem alten, abgetragenen Musselinkleide, das einem Scheuerlappen nicht unähnlich war, mit nackten Armen und nacktem Hals, mit entsetzlich gepudertem und geschminktem Gesicht, mit einer weißen Nachthaube auf dem Kopf, die unter dem Kinn zugebunden war, mit einem Sonnenschirm in der einen, und einem Fächer aus bemaltem Papier, mit dem sie fortwährend fächelte, in der anderen Hand. Eine Lachsalve begrüßte sie. Aber auch die Dame konnte sich nicht ganz beherrschen und platzte mehrmals aus. Der Arrestant Iwanoff spielte diese Rolle. Ssirotkin, den man als Mädchen verkleidet hatte, war allerliebst. Die Couplets waren vorzüglich. Kurz, das Stück war für alle ein wahrer Hochgenuß. Eine Kritik gab es nicht und konnte es auch gar nicht geben.

Hierauf spielte man nochmals die Ouvertüre und der Vorhang erhob sich von neuem. Jetzt kam „Kedrill der Vielfraß“ an die Reihe.

Kedrill scheint eine Abart vom Don Juan zu sein, wenigstens wird sowohl der Herr wie der Diener zum Schluß des Stückes von Teufeln in die Hölle geschleppt. Von dem ganzen Lustspiel wurde aber nur ein Aufzug gespielt, offenbar ein Bruchstück, denn ein Anfang und ein Ende fehlten, – die waren verloren. Die Handlung spielt in Rußland, irgendwo auf einer Poststation. Der Wirt führt einen Herrn in einem Mantel und einem runden, mit Beulen versehenen Hut ins Zimmer. Ihm folgt sein Diener Kedrill mit dem Reisekoffer und einem, in blaues Papier eingewickelten, gebratenen Huhn. Kedrill ist im Halbpelz und hat nur eine Lakaienmütze auf dem Kopf. Er ist der Vielfraß. Der Arrestant Pozeikin, der Gegner Bakluschins, spielt ihn; den Herrn spielt derselbe Iwanoff, der im ersten Stück die wohltätige Gutsbesitzerin dargestellt hatte. Der Wirt, Nezwetajeff, fühlt sich aber verpflichtet, dem Herrn mitzuteilen, daß es im Zimmer böse Geister gäbe, worauf er sich zurückzieht. Der Herr, der finster und besorgt ist, brummt vor sich hin, daß er es schon lange wisse, und befiehlt seinem Diener Kedrill, die Sachen auszupacken und das Abendessen herzurichten. Kedrill ist ein Feigling und Vielfraß zugleich: wie er von den bösen Geistern hört, erbleicht und zittert er wie ein Espenblatt; er würde gern fortlaufen, fürchtet aber den Herrn. Und hinzu kommt noch, daß er Hunger hat und essen will. Er ist ein Leckermaul, ist dumm und schlau in seiner Art, betrügt seinen Herrn auf Schritt und Tritt und hat doch Angst vor ihm. Er ist ein vorzüglicher Dienertyp, in dem sich entfernt und etwas undeutlich Züge von Leporello wiederfinden, und wird von Pozeikin vorzüglich wiedergegeben. Pozeikin hat entschieden ein großes Talent und ist, meiner Ansicht nach, ein noch besserer Schauspieler als Bakluschin. Als ich am nächsten Tage Bakluschin traf, sagte ich ihm natürlich nicht ganz rückhaltlos meine Meinung: ich hätte ihn gar zu sehr betrübt. Der Arrestant, der den Herrn darstellte, war gleichfalls kein schlechter Spieler. Er sprach den größten Unsinn zusammen, doch war seine Diktion richtig und gewandt, die Gesten dementsprechend. Während Kedrill mit dem Koffer beschäftigt ist, geht der Herr in tiefen Gedanken hin und her, und spricht vor sich hin – laut genug, um von allen gehört zu werden –, daß an diesem Abend alle seine Irrfahrten ihr Ende erreicht hätten. Kedrill horcht interessiert auf, hört zu, schneidet Gesichter, spricht beiseite und bringt mit jeder Bemerkung die Zuschauer zum Lachen. Ihm tut der Herr nicht leid, aber er hat etwas von den bösen Geistern gehört und er will nun herausbekommen, was man sich darunter zu denken habe. Er fragt seinen Herrn und es entspinnt sich ein Gespräch. Schließlich erklärt ihm der Herr, daß er einmal im Augenblick einer großen Gefahr die Hölle um Hilfe angerufen habe und die Teufel ihm daraufhin geholfen hätten; heute aber sei die Frist um und vielleicht würden sie, eingedenk der Abmachung, heute noch kommen, um seine Seele abzuholen. Kedrill fällt sogleich das Herz in die Hosen. Sein Herr jedoch verliert den Mut nicht und befiehlt ihm, das Abendessen herzurichten. Bei dem Wort Abendessen belebt sich Kedrill, er entnimmt das Huhn den Papierhüllen, dem Reisekoffer eine Flasche Wein – und, und – eh er sich’s versieht – hat er selbst schon ein Stück vom Huhn in den Mund geschoben und hinuntergeschluckt. Das Publikum lacht. Da kreischt die Tür ein wenig und der Wind rüttelt an den Fensterläden. Kedrill erzittert und schiebt, halb unbewußt, ein zweites Stück Fleisch in den Mund, diesmal ein so großes, daß er fast daran erstickt. Wiederum Gelächter. „Ist es fertig?“ fragt der Herr, der immer noch auf- und abgeht. „Sofort, Herr ... ich will es Euch nur ... zubereiten,“ antwortet Kedrill, setzt sich selbst an den Tisch und schickt sich an, das Essen seines Herrn zu verschlingen. Das Publikum freut sich über die Schlauheit und Geschicklichkeit des Dieners, sowie auch darüber, daß der Herr der Dumme ist. Ich muß gestehen, daß auch Pozeikins meisterhafte Darstellung viel zur Komik beitrug: Die Worte: „Sofort, Herr ... ich will es Euch nur ... zubereiten,“ sagte er unübertrefflich. Nachdem er sich also an den Tisch gesetzt hat, macht er sich gierig ans Essen, zuckt aber bei jedem Schritt des Herrn zusammen, in der Angst, jener könne plötzlich aufblicken und ihn bemerken. Kaum hat sich jener umgedreht, da kriecht er auch schon unter den Tisch und vergißt nicht, das Huhn mitzunehmen. Endlich hat er seinen größten Heißhunger gestillt und es wird Zeit, auch an den Herrn zu denken.

„Kedrill, bist du noch immer nicht fertig?“ schreit der Herr.

„Bin fertig!“ ist Kedrills prompte Antwort, da er plötzlich gewahr wird, daß für den Herrn fast nichts mehr übriggeblieben ist. Auf dem Teller liegt nur noch ein Hühnerbein. Der Herr setzt sich finster und besorgt an den Tisch und bemerkt natürlich nichts. Kedrill steht mit der Serviette hinter seinem Tisch. Jedes Wort, jede Handbewegung, jede Grimasse Kedrills, wenn er, zum Publikum gewandt, mit dem Kopf auf den dummen Herren weist, ruft bei den Zuschauern unbändiges Gelächter hervor. Doch siehe, kaum will der Herr zu essen anfangen, da erscheinen die bösen Geister auf der Bildfläche. Von hier an wird die Sache unverständlich, und auch die Geister erscheinen nicht in der Gestalt, wie das Volk sie sich vorstellt: in der Seitenkulisse öffnet sich eine Tür und es erscheint eine weiße Gestalt, die an Stelle des Kopfes eine Laterne mit einem Talglicht hat. Ein zweites Phantom, gleichfalls mit einer Laterne als Kopf, hat eine Sense in der Hand. Warum die Laterne, warum die Sense und warum sind die Geister in Weiß? Das kann sich niemand erklären. Übrigens denkt aber auch niemand lange darüber nach. Es muß wahrscheinlich wohl so sein, wenn es so ist. Der Herr wendet sich ziemlich mutig gegen die Gespenster und schreit ihnen zu, daß er bereit sei: sie sollten ihn nur nehmen. Kedrill aber ist erschrocken wie ein Hase: er kriecht unter den Tisch, doch siehe da, wie groß sein Schreck auch ist, er vergißt doch nicht, die Flasche vom Tisch mitzunehmen. Die Geister verschwinden auf ein Weilchen; Kedrill kriecht unter dem Tisch hervor, doch kaum hat sich der Herr wieder hingesetzt, da kommen plötzlich wieder drei weiße Gestalten, die den Herrn hinterrücks ergreifen und in die Hölle schleppen.

„Kedrill! Rette mich!“ schreit der Herr. Aber Kedrill ist es nicht um ihn zu tun. Diesmal hat er sowohl die Flasche als den Teller mit dem Hühnerbein und sogar das Brot mit unter den Tisch genommen. Jetzt ist er allein, die Teufel sind fort, der Herr gleichfalls. Kedrill kriecht unter dem Tisch hervor, besieht sich und ein Lächeln breitet sich über sein Angesicht. Er blinzelt verschmitzt, setzt sich auf den Platz des Herrn und sagt, dem Publikum zunickend, halblaut:

„Jetzt bin ich allein ... ohne Herrn! ...“

Alles lacht darüber, daß er ohne Herrn ist – er aber fügt noch flüsternd hinzu, vertrauensvoll sich an die Zuschauer wendend und indem er immer lustiger mit dem einen Auge blinzelt:

„Den Herrn haben ja die Teufel fortgeschleppt! ...“

Das Entzücken der Zuschauer ist grenzenlos! Ganz abgesehen davon, daß den Herrn die Teufel fortgeschleppt haben, war das von Kedrill so gesagt, mit einer so verschlagenen, höhnisch-triumphierenden Grimasse, daß es in der Tat unmöglich war, nicht zu applaudieren. Doch das Glück Kedrills währt nicht lange. Kaum hat er die Flasche entkorkt, sich eingeschenkt und das Glas an die Lippen gesetzt, da kehren die Teufel plötzlich zurück, schleichen sich leise an ihn heran und packen ihn eins, zwei, drei um den Leib. Kedrill schreit aus voller Kehle, wagt aber in der Angst nicht, sich auch nur einmal umzusehen. Verteidigen kann er sich auch nicht: in seinen Armen hält er krampfhaft die Flasche und das Glas, von denen er sich nicht zu trennen vermag. Mund und Augen vor Entsetzen weit aufgerissen, sitzt und starrt er mit einem so maßlos komischen Ausdruck feiger Angst ins Publikum, daß man ihn am liebsten gemalt hätte, um diesen Gesichtsausdruck festzuhalten. Endlich wird er hinausgeschleppt, mitsamt der Flasche und dem Glas: er zappelt mit den Beinen und schreit, was er nur schreien kann. Sein Geschrei tönt auch noch hinter der Kulisse fort. Doch der Vorhang fällt und alles lacht, lacht, alle sind hingerissen ... Das Orchester setzt von neuem ein und spielt jetzt die Kamarinskaja. Leise, kaum hörbar, beginnt die Musik, dann aber wird sie immer lauter, das Tempo verschnellert sich, rhythmisch und flott klingen die Schläge auf den Deckel der Balalaiken dazwischen ... Das ist die Kamarinskaja mit ihrem ganzen Temperament, und es wäre wirklich gut, wenn Glinka sie zufällig einmal bei uns im Ostrogg gehört hätte.

Jetzt beginnt die Pantomime ... die Kamarinskaja wird weitergespielt, denn es ist ja „Pantomime mit Musik“.

Die Bühne stellt das Innere einer Bauernwohnung dar. Auf der Szene sitzt ein Müller mit seiner Frau. Der Müller sitzt in der einen Ecke und setzt das Pferdegeschirr instand, das Weib sitzt in der anderen Ecke und spinnt Flachs. Das Weib spielt Ssirotkin, den Mann Nezwetajeff.

Ich muß bemerken, daß unsere Dekorationen sehr dürftig waren. In diesem wie auch in den beiden vorhergehenden Stücken mußte man sich mehr hinzudenken, als man mit den Augen sah. Die Rückwand bildete eine Art Teppich oder Pferdedecke, die rechte Seitenwand wurde durch einen alten Bettschirm ersetzt. Links ist nichts vorgebaut, so daß man die Kasernenwand und die Pritschen sieht. Aber die Zuschauer sind nicht anspruchsvoll und gern bereit, die Wirklichkeit mit ihrer Einbildungskraft zu vervollständigen, um so mehr, als die Arrestanten äußerst fähig dazu sind. „Hat man dir gesagt, daß es ein Garten ist, so hast du es für einen Garten zu halten, soll es ein Zimmer sein, dann ist es eben ein Zimmer, eine Hütte, dann eine Hütte, – das bleibt sich ja doch ganz gleich und viel gefragt wird nicht.“

Ssirotkin sieht in dem Kostüm des jungen Weibes ganz vorzüglich aus. Unter den Zuschauern werden einige halblaute Komplimente an seine Adresse laut. Der Müller hat seine Arbeit beendet, nimmt seine Mütze vom Nagel, nimmt seine Peitsche, tritt zu seinem Weibe und gibt ihr durch Zeichen zu verstehen, daß er jetzt gehen müsse, falls aber sie in seiner Abwesenheit sich einfallen ließe, jemand zu empfangen, so – er zeigt ihr vielsagend die Peitsche. Das Weib hört ihm aufmerksam zu und nickt verständnisinnig mit dem Kopf: sie scheint die Peitsche bereits zu kennen – ist sie doch schon des öfteren auf Abwege geraten. Der Mann geht fort. Kaum hat sich die Tür hinter ihm geschlossen, so droht sie ihm auch schon mit der Faust nach. Es vergeht eine Weile, – da wird plötzlich leise geklopft: die Tür öffnet sich und herein tritt der Nachbar, ein Mann in einem Kittel und mit langem Bart. In der Hand hat er ein Geschenk: ein rotes Tuch. Das Weib lächelt erfreut. Doch bevor noch der Nachbar sie umarmen kann, wird von neuem an die Tür geklopft. Wohin mit ihm? Sie schiebt ihn eilig unter den Tisch und setzt sich schnell an ihr Spinnrad. Ein zweiter Verehrer erscheint: er ist Schreiber und steckt in einem Uniformrock. Bis dahin war die Pantomime tadellos gewesen, jede Bewegung bis ins kleinste richtig. Man konnte sich wirklich nur wundern, wenn man auf diese improvisierten Künstler sah, und unwillkürlich dachte man: wieviel Kraft und Talent geht bei uns in Rußland nutzlos verloren und wieviel Menschen gehen unter in Unfreiheit und Zwangsarbeit! ... Doch der Arrestant, der den Schreiber spielte, hatte wahrscheinlich ein Provinz- oder Liebhabertheater gesehen, und so war er wohl der Meinung, daß alle unsere Schauspieler von der ganzen Kunst nichts verstünden und nicht so gingen, wie man auf der Bühne gehen müsse. Und da trat er nun selbst auf und schritt einher, wie, nach dem Hörensagen, in alten Zeiten die klassischen Helden über die Bühne geschritten sind: er macht einen langen Schritt und bleibt stehen, noch bevor er das andere Bein aufhebt, wirft er den Kopf zurück, biegt die Brust heraus, umfaßt, was im Halbkreise vor ihm ist, mit stolzem Blick, und – macht den zweiten Schritt. Ist eine solche Gangart schon bei dem klassischen Helden auf einer klassischen Bühne lächerlich, um wieviel mehr war sie es dann bei einem Militärschreiberlein in einer Pantomime. Unser Publikum jedoch glaubte, daß es sicherlich so sein müsse und nahm die langen Schritte des Schreibers mit vollem Ernst auf, ohne an eine Kritik auch nur zu denken. Doch noch war der Schreiber nicht bis zur Mitte des Zimmers gekommen, da hört man schon wieder klopfen. Die Müllerin ist völlig ratlos. Wohin mit dem Schreiber? – Schnell in die Truhe, die zum Glück nicht verschlossen ist. Der Schreiber kriecht in die Truhe und sie drückt den Deckel zu. Diesmal erscheint ein besonderer Gast, der zwar gleichfalls verliebt ist, aber sich doch von den anderen unterscheidet: es ist ein Brahmine und er erscheint sogar in einem echten Kostüm. Unbändiges Gelächter begrüßt ihn von Seiten der Zuschauer. Den Brahminen spielt der Arrestant Koschkin, und er spielt ihn vortrefflich. Er hat ein echtes Brahminengesicht. Mittels verschiedener Gesten erklärt er ihr den Grad seiner Verliebtheit: er erhebt die Hände zum Himmel, preßt sie auf die Brust, auf das Herz: doch kaum ist er so recht zärtlich geworden, – da ertönt ein starker Schlag gegen die Tür. Bereits am Schlage hört man, daß es der Hausherr ist. Die entsetzte Müllerin verliert vor Schreck gänzlich den Kopf, und der Brahmine ringt jetzt vor Verzweiflung die Hände, läuft im Kreise herum und fleht, ihn zu verstecken. Sie schiebt ihn schnell hinter den Schrank und eilt dann selbst, ohne die Tür zu öffnen, wieder zu ihrem Spinnrocken und spinnt und spinnt, ohne auf die Schläge ihres Mannes gegen die Tür zu achten, und in der Aufregung spinnt sie einen Faden, den sie gar nicht in der Hand hat, und dreht die Spindel, die sie vom Fußboden aufzuheben vergißt. Ssirotkin wußte den Schreck und die Kopflosigkeit vorzüglich darzustellen.

Doch da schlägt der Mann die Tür mit dem Fuß ein und tritt mit der Knute in der Faust zu seiner Frau. Er weiß alles, denn er ist die ganze Zeit auf der Lauer gewesen, und zeigt ihr mit den Fingern, daß drei bei ihr versteckt sind. Nun beginnt das Suchen nach den Versteckten. Zuerst findet er den Nachbar, den er mit Püffen zur Tür hinausstößt. Der erschrockene Schreiber würde gern entfliehen, hebt aber, um Ausschau zu halten, zu früh den Kopf und mit ihm den Deckel auf und verrät sich auf diese Weise selbst. Der Hausherr peitscht ihn tüchtig mit der Knute und diesmal springt der verliebte Schreiber durchaus nicht mehr klassisch umher. Jetzt bleibt noch der Brahmine. Der Hausherr sucht ihn lange, bis er ihn schließlich hinter der Schrankecke entdeckt: er macht ihm zuerst eine höfliche Verbeugung, erfaßt dann seinen Bart und zieht ihn bis in die Mitte der Stube. Der Brahmine versucht sich zu verteidigen, schreit: „Du Verfluchter, du Verfluchter!“ (die einzigen Worte, die in der ganzen Pantomime gesagt werden), aber der Müller achtet nicht darauf und verfährt mit ihm nach eigenem Gutdünken. Die Müllerin, die da sieht, daß nun die Reihe an sie kommt, läßt ihre Arbeit im Stich und läuft fort: der Spinnrocken fällt polternd hin, die Spindel rollt über den Fußboden und die Zuschauer wiehern vor Vergnügen. Alei zerrt mich an der Hand und ruft mir, ohne mich anzusehen, begeistert zu: „Sieh, der Brahmine, der Brahmine!“ kann sich aber selbst vor Lachen kaum halten. Der Vorhang fällt. Eine neue Pantomime beginnt.

Doch wozu alle Szenen beschreiben. Es gab ihrer noch zwei oder drei, alle von unverfälschter Komik und vorzüglich gespielt. Wenn die Arrestanten sie auch nicht selbst erfunden hatten, so legten sie doch in jedes Stück einen Teil von sich hinein. Jeder einzelne Schauspieler improvisierte noch von sich aus hinzu, und so wurde ein und dieselbe Rolle an jedem Abend anders gespielt. Die letzte Pantomime, mehr phantastischen Inhalts, endete mit einem Ballett, das zugleich den Abschluß der ganzen Theateraufführung bildete. Ein Toter sollte begraben werden. Der Brahmine macht mit zahlreicher Dienerschaft verschiedene Gesten über dem Sarge, um den Toten zu erwecken, aber es hilft nichts. Endlich ertönt der Ruf: „Die Sonne geht unter!“ und siehe da, der Tote erwacht und die Leidtragenden fangen vor Freude an zu tanzen. Der Brahmine tanzt mit der Leiche und zwar auf ganz besondere Art, nämlich brahminisch. Und damit schließt das Theater bis zum nächsten Abend. Die Zuschauer gingen lachend und vollauf befriedigt auseinander, lobten die Schauspieler und dankten dem Offizier. Von Streit oder Wortwechsel ist nichts zu hören. Alle sind ganz ungewöhnlich zufrieden, ja sie scheinen sogar glücklich zu sein und sie schlafen auch ganz anders ein, als sonst, als wäre ihr unruhiger Geist diesmal beruhigt. Und was war die Veranlassung dazu? Es ist kein eingebildeter Trugschluß von mir, sondern volle Wahrheit, wenn ich sage: weil man diesen armen Menschen einmal nach ihrer Art zu leben erlaubt hatte, einmal sich menschlich des Lebens zu freuen, einmal, und wenn’s auch nur eine Stunde lang war, nicht nach der Ostroggvorschrift leben zu müssen – der ganze Mensch veränderte sich sichtlich, wenn diese Veränderung auch nur von kurzer Dauer war ... Inzwischen ist es schon Nacht geworden, Mitternacht. Ich zucke zusammen und erwache zufällig: der Alte betet immer noch auf dem Ofen und wird wohl noch bis zum Morgenrot beten. Alei schläft still und ruhig neben mir. Ich denke daran, wie er noch vor dem Einschlafen lachte und mit den Brüdern über das Theater sprach, und ich betrachtete unwillkürlich sein liebes Kindergesicht. Allmählich steigen in mir die Bilder der jüngst vergangenen Zeit auf: der letzte Tag, das Weihnachtsfest, dieser ganze Monat ... erschrocken hebe ich den Kopf und betrachte beim trüben, zitternden Schein der Talgkerze meine schlafenden Genossen. Ich sehe ihre armen Gesichter, sehe ihre armseligen Lagerstätten, sehe diese ganze trostlose Armut und Nacktheit – ich sehe und sehe, als wollte ich mich überzeugen, daß es nicht nur die Fortsetzung eines greulichen Traumes ist, sondern Wahrheit, Wirklichkeit. Aber es ist, es ist Wahrheit! Da höre ich ein Stöhnen im Schlaf; dort hat einer den Arm schwer hinter den Kopf geworfen, die Kette klirrt. Ein anderer zuckt im Schlaf zusammen und phantasiert ein paar Worte. Der Greis aber auf dem Ofen betet für alle rechtgläubigen Christen, und ich vernehme wieder sein gleichmäßiges, ruhiges, stilles: „Herr Jesus Christ, erbarme dich unser! ...“

„Aber ich bin ja doch nicht auf ewig hier, ich bin hier ja nur auf ein paar Jahre!“ denke ich und mein Kopf sinkt wieder auf das Kissen zurück.

Zweiter Teil