VIII.
Die Kameraden
Mich zog es natürlich mehr zu Meinesgleichen, d. h. zu den übrigen „Adligen“, besonders in der ersten Zeit. Doch von den drei ehemaligen russischen Adligen, die im Ostrogg lebten – Akim Akimytsch, dem Spion A–ff und jenem, den man für einen Vatermörder hielt – war Akim Akimytsch der einzige, den ich näher kannte und mit dem ich mich zuweilen unterhielt. Um die Wahrheit zu sagen, muß ich gestehen, daß ich mich an diesen sozusagen nur in der Verzweiflung wandte, in Stunden der größten Langeweile, und wenn ich außer ihm niemanden sah, an den ich mich hätte wenden können. Im vorhergehenden Kapitel machte ich zwar den Versuch, die ganze Ostroggbevölkerung zu klassifizieren, jetzt aber, da ich auf Akim Akimytsch zu sprechen gekommen bin, jetzt fällt es mir ein, daß man zu den bereits genannten noch eine Klasse hinzufügen muß. Allerdings hatte sie nur einen einzigen Vertreter. Das war die Klasse der – vollkommen gleichgültigen Sträflinge. Vollkommen Gleichgültige, d. h. solche, denen es ganz gleich war, ob sie in der Freiheit oder in der Kátorga lebten, konnte es bei uns natürlich überhaupt nicht geben – Akim Akimytsch aber stellte, glaube ich, eine Ausnahme dar. Er hatte sich im Ostrogg so eingerichtet, als hätte er beabsichtigt, bis an sein Lebensende dort zu wohnen: alles, was er besaß, angefangen von der Matratze, den Kopfkissen, ferner alle seine Küchengeräte, kurz, sein ganzer Besitz, – alles war so ordentlich, so tadellos aufgebaut, war so fest und dauerhaft, und schien für eine lange Zeit berechnet. Von Biwakmäßigem, nur Zeitweiligem war an ihm keine Spur zu bemerken. Ihm stand noch eine ganze Reihe von Jahren im Ostrogg bevor, doch ist es nicht anzunehmen, daß er jemals an seine Entlassung aus der Kátorga auch nur gedacht hätte. Indes – wenn er sich auch mit der Wirklichkeit ausgesöhnt hatte, so hatte er es doch nicht auf Wunsch seines Herzens getan, sondern allenfalls aus Subordination, – was bei ihm allerdings ein und dasselbe war.
Er war ein guter Mensch und half mir auch zuweilen mit Rat und Tat, namentlich in der ersten Zeit, mitunter aber – es tut mir herzlich leid, daß es so war –, mitunter aber erweckte er in mir eine so beispiellose Langeweile, die meine Stimmung noch um ein Erhebliches verschlechterte. Hatte ich doch sowieso nur aus Langeweile ein Gespräch mit ihm angeknüpft! Zuweilen lechzte man geradezu nach einem lebendigen Wort, gleichviel ob es nun bitterböse, gereizt, freundlich oder wütend war: wir hätten uns dann doch wenigstens gemeinschaftlich über unser Schicksal geärgert! Er aber schweigt, klebt seine Laternen, oder erzählt, wie in dem und dem Jahre die Parade verlaufen war, wer sein Divisionskommandeur gewesen, wie er geheißen, nennt ihn zweimal mit Namen, Taufnamen, Vaternamen und Familiennamen, und ob er mit der Truppenschau zufrieden gewesen war oder nicht, erzählt wie die Schützensignale eine gewisse Veränderung erfahren hatten ... und ähnliches in Mengen. Und alles das wird mit einer so gleichmäßigen, so würdevollen Stimme vorgetragen, ganz wie Wasser aus der Regenröhre tropft. Nie habe ich bemerkt, daß er sich auch begeistert hätte, selbst dann kaum, wenn er mir erzählte, daß er für die Teilnahme an irgend einer militärischen Operation im Kaukasus des Ordens der „heiligen Anna“ gewürdigt worden war. Nur seine Stimme nahm bei dieser Mitteilung etwas ganz ungemein Wichtiges und Solides an; er senkte sie ein wenig, was sie geradezu geheimnisvoll machte, namentlich wenn er „der heiligen Anna“ aussprach, und etwa drei Minuten darauf wurde er ganz besonders stumm und würdevoll ... In diesem ersten Jahr hatte ich oft Augenblicke – sie kamen immer ganz plötzlich –, in denen ich diesen Akim Akimytsch förmlich zu hassen begann, ohne im Grunde zu wissen weshalb, und in denen ich mein Schicksal dafür verfluchte, daß es mich gerade mit ihm Kopf an Kopf auf der Arrestantenpritsche plaziert hatte. Gewöhnlich machte ich mir bereits nach Verlauf einer Stunde Vorwürfe deswegen ... Aber das war nur im ersten Jahr – späterhin söhnte ich mich im Herzen vollkommen mit ihm aus und schämte mich meiner anfänglichen Dummheiten. Äußerlich haben wir beide stets in Frieden gelebt.
Außer diesen drei Russen waren zu meiner Zeit noch einige polnische Adlige in unserem Ostrogg. Mit einigen von ihnen verkehrte ich recht freundschaftlich und sogar sehr gern; aber leider war mir ein Verkehr nicht mit allen möglich. Die Besseren von ihnen waren – ich weiß nicht, was! Allenfalls könnte man sie krank nennen und im höchsten Grade reserviert und unduldsam. Mit zweien von ihnen sprach ich späterhin überhaupt nicht mehr. Gebildet waren nur drei: B., M. und der alte Sh., der früher irgendwo Professor der Mathematik gewesen war, – ein guter, freundlicher Mensch, ein großer Sonderling, doch trotz der Bildung ein äußerst beschränkter Geist. Ganz anders waren M. und B. Mit M. stand ich mich stets sehr gut. Niemals stritten wir uns, ich achtete ihn, aber ihn zu lieben, mich ihm anzuschließen – das hätte ich nie vermocht. Er war ein unendlich mißtrauischer und verbitterter Mensch, der sich jedoch erstaunlich zu beherrschen wußte. Diese gar zu große Selbstbeherrschung nun war es gerade, was mir nicht gefiel: man fühlte unwillkürlich, daß er niemals und vor keinem einzigen Menschen seine Seele ganz aufdecken würde. Vielleicht irrte ich mich auch. Sonst war er eine starke und durchaus edle Natur. Diese außergewöhnliche, sogar ein wenig jesuitische Gewandtheit und Vorsicht im Umgang mit Menschen verriet natürlich seinen heimlichen, großen Skeptizismus. Und dennoch litt diese Seele gerade unter ihrer Zweiheit: dem Skeptizismus und dem tiefen, unerschütterlichen Glauben an einige seiner Überzeugungen und Hoffnungen. Doch ungeachtet seiner großen Lebenskunst verharrte er die ganze Zeit in unversöhnlicher Feindschaft mit B. und mit dessen Freunde T. B. war ein kranker Mensch, jedenfalls zur Schwindsucht geneigt, reizbar und nervös, doch im Grunde selten gut und sogar großzügig. Seine Reizbarkeit stieg zuweilen bis zur größten Unduldsamkeit und Launenhaftigkeit. Ich ertrug seinen Charakter zuletzt nicht mehr und brach meinen Verkehr mit ihm ab, hörte aber nie auf, ihn zu lieben, während ich M., mit dem ich mich nie stritt, nie zu lieben vermochte. Als ich B. die Freundschaft gekündigt hatte, mußte ich auch auf seinen Freund T. verzichten. (Ich habe von ihm schon im vorhergehenden Kapitel gesprochen, – er war derselbe, der mich am Tage der Demonstration in die Küche zurückrief.) Das tat mir nun sehr leid. Dieser T. war freilich ein ungebildeter Mensch, doch dafür unglaublich gut, mutig, ehrlich – mit einem Wort, ein prächtiger junger Mann. Der Grund für unser Zerwürfnis lag einfach darin, daß er seinen Freund B. dermaßen liebte und hochschätzte, daß er alle, die mit B. die Freundschaft brachen, sogleich für seine eigenen Feinde hielt. Auch mit M. brach er später B.s wegen. Übrigens waren sie alle psychisch krank, verbittert, reizbar, mißtrauisch. Aber das ist ja auch begreiflich – sie hatten es dort sehr schwer, viel schwerer als wir Russen. Sie waren weit entfernt von ihrer Heimat und einige von ihnen waren zu langer Zeit verurteilt, zu zehn, zu zwanzig Jahren. Doch der Hauptgrund ihres Unglücks war, daß sie unendlich voreingenommen auf ihre ganze Umgebung blickten, in den übrigen Sträflingen nichts als tierische Roheit sahen und in ihnen keinen einzigen guten Zug, nichts Menschliches wahrnehmen konnten und nicht einmal wollten – auf diesen unglücklichen Gesichtspunkt waren sie durch die Macht der Verhältnisse verwiesen worden. Da ist es denn auch begreiflich, daß die Qual sie zu ersticken drohte. Zu den Tscherkessen, den Tataren und Issai Fomitsch waren sie sehr freundlich und liebenswürdig, alle anderen aber wurden mit Ekel von ihnen gemieden. Nur der eine Greis aus Starodubowo hatte ihre Achtung erworben. Bemerkenswert ist dabei, daß kein einziger der russischen Sträflinge während dieser ganzen Zeit, die ich im Ostrogg verbrachte, sich über ihre Nation, ihren Glauben oder ihre Denkweise absprechend geäußert hätte, wie es in unserem einfachen Volk zuweilen bezüglich der Ausländer, namentlich der Deutschen, vorkommt, allerdings nur äußerst selten. Übrigens macht man sich auch über die Deutschen bisweilen nur etwas lustig: der deutsche biedere Bürger hat für den einfachen Russen etwas überaus Komisches. Mit den polnischen Adligen gingen dagegen die Sträflinge viel besser um, als mit uns russischen Adligen. Jene aber schienen das nie bemerken und zugeben zu wollen.
Ich sprach von T. Er hatte, als sie aus ihrem früheren Verbannungsort in unseren Ostrogg marschiert waren, den schwächlichen, bald völlig erschöpften B. fast die ganze Zeit getragen. Zuerst waren sie nach U. verbannt gewesen, wo sie es, nach ihren Worten, gut gehabt hatten, d. h. viel besser als in unserem Ostrogg. Da hatten sie aber mit anderen Verbannten, die in einer anderen Stadt lebten, eine Korrespondenz angeknüpft – eine ganz unschuldige –, worauf die Vorgesetzten es für nötig befunden hatten, sie unter die scharfen Augen der höheren Vorgesetzten in unsere Festung zu schicken. Ihr dritter Kamerad war Sh. Bis zu ihrer Ankunft war M. allein im Ostrogg gewesen. Der wird nicht wenig in seinem ersten Gefängnisjahr gelitten haben.
Dieser Sh. war derselbe ewig betende Greis, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Alle unsere politischen Verbrecher waren junge Leute, einige sogar sehr jung; nur Sh. allein hatte die fünfzig bereits überschritten. Er war ein durchaus ehrlicher, aber doch etwas eigentümlicher Mensch. B. und T. mochten ihn äußerst wenig, ja sie sprachen nicht einmal mit ihm, was sie damit begründeten, daß er eigensinnig und albern sei. Ich weiß nicht, inwieweit sie in diesem Fall recht hatten. In einem Ostrogg, wo soviel Menschen gegen ihren Willen zusammengepfercht leben müssen, kann man sich, wie ich glaube, leichter entzweien und sich gegenseitig hassen, als in der Freiheit. Es kommt hier gar zu vieles noch hinzu. Freilich war Sh. in der Tat ein ziemlich stumpfer und vielleicht sogar unangenehmer Mensch. Alle seine anderen Kameraden waren gleichfalls nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen. Ich stritt mich zwar nie mit ihm, doch trat ich ihm auch nie näher. Sein Fach, die Mathematik, schien er allerdings zu kennen. Ich erinnere mich noch, wie er sich in seiner halbrussischen Sprache vergeblich bemühte, ein ganz besonderes, von ihm selbst erfundenes astronomisches System zu erklären. Die anderen Polen hatten mir aber schon gesagt, daß er es auch einmal veröffentlicht habe, von der wissenschaftlichen Welt jedoch nur ausgelacht worden sei. Eigentlich glaube ich, daß er geistig nicht ganz normal war. Er konnte tagelang ununterbrochen knieend beten, wodurch er sich unter den Sträflingen allgemeine Achtung erworben hatte, die man ihm noch bis an sein Ende zollte. Er starb an einer schweren Krankheit in unserem Lazarett – vor meinen Augen. Die Achtung der Sträflinge hatte er übrigens sogleich nach seiner Ankunft im Ostrogg erworben.
Auf dem Marsch von U. bis in unsere Festung hatte man die Sträflinge nicht rasiert, sie waren mit struppigen Bärten angekommen, so daß unser Platzmajor, als man sie ihm so vorgeführt hatte, ob solcher Mißachtung der Subordination in rasende Wut geraten war.
„Was sind das für Sträflinge?“ soll der Major sofort losgebrüllt haben, „das sind ja Landstreicher, Räuber!“
Sh., der damals noch schlecht Russisch verstand und geglaubt hatte, daß man sie frage, was sie sind, Landstreicher oder Räuber, hatte darauf geantwortet:
„Wir sind keine Landstreicher, wir sind politische Verbrecher.“
„Wa–a–as! Du wirst noch grob! Wirst noch grob?“ brüllte der Major. „Auf die Hauptwache! Hundert Rutenhiebe, sofort, unverzüglich!!“
Der Greis wurde gezüchtigt. Er streckte sich widerspruchslos hin, biß die Zähne in den Arm und ertrug die Strafe ohne einen Schrei oder ein Gestöhn, ohne sich zu rühren. B. und T. hatten inzwischen den Ostrogg betreten, wo M., der sie beim Tor erwartet hatte, ihnen sogleich um den Hals gefallen war, obschon er sie bis dahin noch niemals gesehen. Erregt durch den Empfang auf der Wache, hatten sie ihm von Sh. erzählt. Ich entsinne mich noch, wie M. mir diesen Augenblick schilderte:
„Ich war außer mir,“ sagte er, „ich wußte nicht, was mit mir geschah, ich zitterte wie im Fieber, während ich Sh. vor dem Tor erwartete. Er mußte von der Wache, wo er bestraft wurde, direkt in den Ostrogg kommen. Da öffnete sich plötzlich das Tor: Sh. trat ein und ging, bleich, mit blutleeren, bebenden Lippen, ohne den Blick zu erheben, durch die versammelte Schar der ihn erwartenden Sträflinge, die bereits erfahren hatten, daß ein Adliger gezüchtigt wurde, – er ging geradeaus in die Kaserne, ging zu seinem Pritschenplatz, kniete, ohne ein Wort zu sagen, nieder und begann zu beten. Die Sträflinge waren verwundert und sogar gerührt ... Als ich diesen Greis sah,“ fuhr M. fort, „der in der Heimat Weib und Kind zurückgelassen hatte, als ich diesen Greis im Silberhaar, schmachvoll gezüchtigt, im Gebet auf den Knien sah, – da hielt ich es nicht aus, ich stürzte hinter die Kaserne und war zwei Stunden lang wie bewußtlos, ich war wie wahnsinnig ... Die Sträflinge achten ihn seit der Zeit sogar sehr und gehen stets ehrerbietig mit ihm um. Besonders gefiel ihnen, daß er während der Züchtigung nicht geschrien hatte.“
Hier muß ich aber, um die Wahrheit nicht in ein schiefes Licht zu rücken, eine Bemerkung machen: nach diesem einen Fall darf man sich über die Behandlung der verschickten Adligen, gleichviel ob sie Russen oder Polen oder sonst wer sind, von seiten der sibirischen Vorgesetzten keine Vorstellung machen. Dieses Beispiel zeigt nur, daß man bisweilen auch auf einen schändlichen Menschen stoßen kann, und wenn nun zufällig dieser Mensch an einem Ostrogg Kommandeur ist, so wird das Leben des Verbannten, falls dieser ihm aus irgend einem Grunde nicht gewogen ist, allerdings ein entsetzliches sein. Andererseits aber läßt es sich auch nicht leugnen, daß in Sibirien die höchsten Vorgesetzten, von denen der Ton und die ganze Stimmung aller übrigen Kommandeure abhängt, bezüglich der verbannten Adligen sehr feinfühlig sind, und daß diese gewöhnlich viel nachsichtiger behandelt werden, als die anderen Sträflinge. Die Gründe hierfür sind leicht erklärlich: diese höheren Vorgesetzten sind erstens selbst Adlige, zweitens ist es schon früher oft vorgekommen, daß ein Adliger sich nicht gutwillig unter die Ruten gestreckt und sich auf die Exekutoren gestürzt hat. Und drittens – und dieses scheint der Hauptgrund zu sein – kam schon vor langer Zeit, vor etwa fünfunddreißig Jahren, eine große Anzahl Adliger nach Sibirien, und diese Verbannten hatten sich in den dreißig Jahren so zu verhalten gewußt, daß sie die Sympathie ganz Sibiriens erwarben, und daher blickte denn auch die Obrigkeit zu meiner Zeit gleichsam aus alter Gewohnheit ganz unwillkürlich mit anderen Augen auf die adligen Verbannten, als auf die Sträflinge aus den unteren Volksschichten. Nach ihrem Beispiel hatten sich auch die niedrigeren Kommandeure mit denselben Augen zu sehen gewöhnt, da sie eben Auffassung und Ton stets von oben annahmen, ihm gewissermaßen gehorchten und sich ihm unterordneten. Freilich gab es auch unter den Kommandeuren welche, die im Geheimen die höheren Verhaltungsmaßregeln bekrittelten und äußerst zufrieden gewesen wären, wenn man ihnen erlaubt hätte, nach eigenem Gutdünken zu handeln, was man denn doch nicht so ganz tat. Ich habe allen Grund, dieses anzunehmen, und zwar glaube ich es aus folgendem zu ersehen.
Die zweite Klasse der Kátorga, in der auch ich mich befand und die aus den Festungsgefangenen unter militärischem Kommando gebildet wurde, war unvergleichlich schwerer, als die beiden anderen Klassen, die dritte (die Fabrikklasse) und die erste (die Bergwerkklasse). Nicht nur für die Adligen war sie schwerer, sondern auch für alle anderen Arrestanten: eben aus dem Grunde, weil das Oberkommando und die ganze Ordnung dieser Klasse – ausschließlich militärisch und daher den Arrestanten-Strafkompagnien in Rußland sehr ähnlich war. Das militärische Oberkommando ist viel strenger, alles ist enger begrenzt, man ist beständig in Ketten, beständig unter Eskorte, beständig unter Schloß und Riegel. In den zwei anderen Klassen dagegen ist das alles nicht so streng. Wenigstens erzählten das unsere Sträflinge, von denen mehrere die Dinge aus eigener Erfahrung kannten. Sie wären stets mit Freuden in die erste Klasse eingetreten, die sonst für die schwerste gehalten wird, und sogar sehr oft gaben sie diesem Wunsch Ausdruck. Von den Arrestanten-Strafkompagnien in Rußland aber sprachen alle, die in ihnen gewesen waren, mit wahrem Entsetzen und versicherten uns, daß es in ganz Rußland keine schwerere Strafe gebe, als in diese Arrestanten-Strafkompagnien, wie sie in einigen unserer Festungen bestehen, zu kommen, und daß unser Leben in Sibirien im Vergleich mit jenem dort geradezu ein Paradies sei. Daher glaube ich mit Recht annehmen zu dürfen, daß man (wenn man bereits in unserem Ostrogg – trotz des militärischen Oberkommandos, unter den Augen des Generalgouverneurs und schließlich angesichts solcher, zuweilen vorkommender Fälle, daß einige unbeteiligte, doch immerhin offiziöse Personen aus Neid oder aus Diensteifer heimlich an Ort und Stelle zu denunzieren bereit waren – die Verbrecher besseren Standes nachsichtiger behandelt, als die gewöhnlichen) in der ersten und dritten Arrestantenklasse die Adligen noch viel milder behandelt wird und daß ich nach unserem Ostrogg auch sehr wohl über das ganze übrige Sibirien urteilen kann. Alle Gerüchte und Erzählungen, die ich über die Sträflinge der zwei anderen Klassen gehört habe, bestätigen meine Annahme. In der Tat gingen die Vorgesetzten mit uns Adligen aufmerksamer und vorsichtiger um. Erleichterungen in der Arbeit oder Vorzüge in der Verpflegung kamen natürlich nie vor: wir hatten dieselben Arbeiten, dieselben Fesseln, dieselben Ketten, – mit einem Wort, äußerlich war alles genau so wie bei den übrigen. Und es war ja auch nicht gut möglich, Erleichterungen zu verschaffen. In dieser Stadt gab es damals – in jener _kaum vergangenen alten_ Zeit – soviel Denunziationen, soviel Intrigen, soviel einander Gruben grabende Freunde, daß es nur zu begreiflich war, wenn das Oberkommando Angaben fürchtete. Welch eine Beschuldigung wäre aber damals furchtbarer gewesen, als daß man mit den Sträflingen adliger Herkunft Nachsicht übe! So kam es denn, daß jeder Vorgesetzte solche Nachsicht zu zeigen sich fürchtete und wir ebenso gehalten wurden, wie alle anderen, – nur die Körperstrafe bildete eine Ausnahme. Man hätte uns ohne Weiteres züchtigen können, wenn wir es verdient hätten. Das verlangte die Pflicht und die allgemeine Gleichheit der Sträflinge. Aber nichtsdestoweniger hätte man uns doch nicht so mir nichts dir nichts durchgeprügelt. Den anderen dagegen wurde eine solche Behandlung zuweilen zuteil, namentlich von seiten einiger geringeren Vorgesetzten, die mit Vorliebe aus eigener Macht Anordnungen trafen und gern sich als Bevollmächtigte wichtig taten. Wir wußten, daß unser Festungskommandant, als er den Vorfall mit dem bejahrten Sh. erfahren, sich ernstlich über den Major geärgert hatte. Man erzählte bei uns, er habe ihm anempfohlen, sich mit seinen Händen etwas mehr in acht zu nehmen. Ferner wußte man bei uns auch, daß selbst der Generalgouverneur (der sonst ziemliches Zutrauen zum Major besaß und ihm vielleicht sogar wohlgeneigt war, da er in ihm einen guten Befehlsvollstrecker und nicht unbegabten Menschen sah), nachdem ihm nun dieses eigenmächtige Verfahren zu Ohren gekommen war, gleichfalls einen Verweis erteilt hatte. Der Major schrieb sich die Lehre hinter die Ohren. Wie gern er auch zum Beispiel M. etwas angetan hätte, den er auf Grund der Verleumdungen A–ffs haßte, – so konnte er ihn doch auf keine Weise züchtigen lassen, obschon er krampfhaft einen Vorwand suchte. Von der Bestrafung Sh.s erfuhr bald die ganze Stadt, und die öffentliche Meinung wandte sich scharf gegen den Major. Viele hatten ihn zur Rede gestellt und ihm sehr unangenehme Vorwürfe gemacht. Ich entsinne mich jetzt auch wieder meiner ersten Begegnung mit dem Platzmajor. Uns, d. h. mich und noch einen anderen Adligen, der mit mir marschierte, hatte man bereits in Tobolsk vor diesem unangenehmen Menschen gewarnt. Die damals dort angesiedelten Adligen, die schon seit fünfundzwanzig Jahren in der Verbannung lebten, uns mit großer Herzlichkeit empfingen, und mit denen wir während der ganzen Zeit, die wir dort auf dem Transporthof verbrachten, in Beziehung standen, warnten uns dringlich vor unserem zukünftigen Vorgesetzten und versprachen alles zu tun, was sie nur könnten, um uns vor seinen Verfolgungen zu sichern. Und in der Tat, die drei Töchter des Generalgouverneurs, die aus Rußland hingekommen und damals beim Vater zum Besuch waren, hatten von ihnen Briefe erhalten und, wie ich glaube, zu unseren Gunsten mit dem Vater gesprochen. Aber was konnte schließlich der Generalgouverneur tun? Er hat dem Major vielleicht nur gesagt, er möge etwas rücksichtsvoller mit uns umgehen. – Ungefähr um drei Uhr nachmittags kamen wir beide in der Stadt an und die Eskorte führte uns sofort zu unserem Major. Während wir im Vorzimmer auf ihn warteten, wurde nach dem Unteroffizier in den Ostrogg geschickt. Kaum war dieser erschienen, als auch der Platzmajor heraustrat. Sein rotes, finniges und böses Gesicht machte auf uns einen äußerst unangenehmen Eindruck, – ganz als wäre eine wütende Spinne auf eine arme Fliege losgestürzt, die sich in ihrem Netz gefangen hat.
„Wie heißt du?“ fragte er meinen Kameraden. Er sprach schnell, schroff, wie gehackt und wollte augenscheinlich auf uns Eindruck machen.
Mein Freund nannte seinen Namen.
„Und du?“ fuhr er fort, zu mir gewandt. Seine Brillengläser glänzten.
Ich antwortete.
„Unteroffizier! Sofort in den Ostrogg führen, in der Wache nach Zivil rasieren, unverzüglich, den halben Kopf. Morgen andere Fesseln anschmieden. Was sind das für Mäntel? Woher habt ihr die erhalten?“ fragte er plötzlich, jetzt erst unsere grauen Kapots mit dem gelben Kreise auf dem Rücken bemerkend, die man uns in Tobolsk gegeben hatte und in denen wir vor seinen erlauchten Augen erschienen waren. – „Das ist eine neue Art! Das ist sicher eine neu eingeführte Form ... die vorläufig noch projektiert wird ... aus Petersburg ...“ sprach er halb vor sich hin, indem er zuerst mich, dann meinen Freund hin- und herdrehte. „Haben sie sonst nichts mitgebracht?“ fragte er plötzlich den Gendarmen, der mit uns gekommen war.
„Nur eigene Kleider, Euer Gnaden,“ meldete der Gendarm, der sich im Nu stramm aufgerichtet hatte, fast zusammenzuckend vor Schreck. Alle kannten den Major, oder hatten von ihm gehört, allen flößte er Furcht ein.
„Alles ihnen abnehmen. Nur die Wäsche können sie behalten, aber auch nur die weiße; bunte, falls sie welche haben, konfiszieren. Alles übrige in der Auktion verkaufen. Das Geld in die Kasse. Der Arrestant hat kein Eigentum,“ fügte er mit strengem Blick auf uns hinzu. „Nehmt euch in acht, daß ihr euch gut führt! Daß mir nichts von euch zu Ohren kommt! Sonst – kör–per–liche Züch–tigung! Für das geringste Vergehen – Hie–be! ...“
Dieser Empfang machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich an jenem ganzen Abend fast krank war. Allerdings kam auch das noch hinzu, was ich im Ostrogg sah. Aber von meinem Eintritt habe ich ja schon gesprochen.
Ich sagte vorhin, daß man uns Adligen vor den anderen Sträflingen nicht die geringste Vergünstigung oder Arbeitserleichterung gewährte oder zu gewähren wagte. Einmal aber versuchte man es dennoch: B. und ich wurden ganze drei Monate täglich als Schreiber in die Verwaltungskanzlei geschickt. Doch das geschah heimlich und war von der Militärverwaltung veranlaßt worden. Das heißt, es wußten darum freilich auch noch andere, die es gerade wissen mußten, doch taten sie, als waren sie völlig ahnungslos. Das geschah noch unter dem Kommandeur G–ff.
Dieser Oberstleutnant G–ff kam uns wie vom Himmel geschickt, blieb aber nur kurze Zeit bei uns – ein halbes Jahr, wenn ich mich nicht irre, oder noch weniger – dann kehrte er nach Rußland zurück. Er machte auf alle Sträflinge einen mächtigen Eindruck: man liebte ihn nicht nur, man vergötterte ihn förmlich. Wie er es fertigbrachte, vermag ich nicht zu sagen, aber er eroberte alle Herzen in einem Augenblick. „Ein Vater ist er uns, ein leiblicher Vater! Jetzt brauchen wir keinen anderen Vater mehr!“ sagten die Sträflinge von ihm, solange er die Militärabteilung befehligte. Ich glaube, er war ein großer Damenfreund und echter Lebemann; als Erscheinung nicht groß von Wuchs, mit dreistem, selbstbewußtem Blick. Gleichzeitig jedoch war er sehr freundlich gegen die Sträflinge, fast sogar liebevoll, und er hatte sie auch wirklich wie ein Vater gern. Weshalb er sie so liebte, weiß ich nicht, jedenfalls aber konnte er keinen Sträfling sehen oder an sich vorübergehen lassen, ohne ihm ein freundliches, ermunterndes Wort zu sagen, ohne mit ihm zu scherzen; und, was die Hauptsache war, es war dabei nicht die leiseste Spur von Vorgesetztenfreundlichkeit zu sehen, oder auch nur etwas, das ihre Ungleichheit angedeutet hätte. Er war wie der beste Freund. Doch trotz dieses instinktiven Demokratismus in ihm, hat sich kein einziger Sträfling jemals vor ihm etwas zu schulden kommen lassen, sei es durch Unehrerbietigkeit oder gar Familiarität. Im Gegenteil. Wenn der Sträfling ihm begegnete, verklärte sich nur sein ganzes Gesicht, und, die Mütze in der Hand, wartete er lächelnd, bis jener sich ihm näherte. Und wenn er nun gar mit ihm sprach – so war das ja weit mehr, als wenn ein anderer ihn reich beschenkt hätte! Es gibt zuweilen so volkstümliche Leute. Er schaute wie ein kühner Bursche drein und hatte etwas Aufrichtiges und Mutiges in seinem Gang. „Unser Adler!“ nannten ihn bisweilen die Sträflinge.
Große Arbeitserleichterungen konnte er ihnen zwar nicht gewähren: er hatte nur die allgemeinen Arbeiten zu bestimmen, die sowohl unter ihm wie unter all seinen Vorgängern und Nachfolgern immer ein und dieselben blieben, und nach der einmal gegebenen Vorschrift ausgeführt werden mußten. Nur wenn er mitunter einen Trupp bei der Arbeit antraf und sah, daß die Arbeit bereits beendet war, so schickte er sie früher als vor dem Trommelzeichen nach Hause. Vor allem gefiel sein Zutrauen zu den Leuten, das Fehlen kleinlicher Pedanterie und namentlich einiger kränkender Behandlungsformen, wie sie an manchen Vorgesetzten so unangenehm waren. Hätte er tausend Rubel verloren, und hätte ein Sträfling sie gefunden, – so würde er sie ihm unfehlbar wiedergebracht haben, und wenn er auch der größte Dieb von allen gewesen wäre. Ja, ich bin überzeugt, daß er es getan hatte. Nun kann man sich denken, wie sehr es die Sträflinge erregte, als sie eines Tages erfuhren, daß ihr „Adler-Kommandeur“ sich mit unserem verhaßten Platzmajor tödlich entzweit hatte. Das war noch im ersten Monat nach seiner Ankunft bei uns. Unser Major hatte einmal mit ihm im selben Regiment gestanden. Jetzt hatten sie nach langer Trennung als alte Freunde ihr Wiedersehen gefeiert und gehörig gezecht. Plötzlich aber waren sie aneinander geraten. Es war zu einem Streit gekommen und G–ff wurde sein Todfeind. Es hieß sogar, daß sie bei der Gelegenheit handgemein geworden wären, was bei dem Major weiter nicht erstaunlich war, da er in der Betrunkenheit sehr oft tätlich wurde. Als die Sträflinge dieses erfuhren, kannte ihre Freude keine Grenzen.
„Wie könnte wohl der Achtäugige mit einem solchen Mann in Frieden leben! Jener ist ein Adler, unser Major aber ist ...“ es folgte gewöhnlich ein Wort, das für die Wiedergabe nicht ganz geeignet ist. Geradezu fieberhaft interessierte man sich für den Ausgang der Prügelei, und ich glaube, wenn das Gerücht von dem stattgefundenen Kampfe sich als unwahr erwiesen hätte – was es vielleicht auch war –, so hätte dies den Sträflingen großen Verdruß bereitet.
„Nein, sicherlich hat der Kommandeur ihn verhauen, – er ist kleiner und gewandter, jener aber soll sich, wie man hört, aus Angst vor ihm unter das Bett verkrochen haben.“
Bald aber fuhr G–koff fort und der Ostrogg versank wieder in Trübsinn. Doch waren unsere Offiziere alle sehr sympathisch. Solange ich im Ostrogg war, erhielten wir drei- oder viermal neue Kommandeure der Militärabteilung, – „aber solch einen, wie unser Oberstleutnant G–koff war, werden wir nie wiedersehen; – der war ein Adler, ein Adler und Verteidiger!“ sagten die Sträflinge.
Dieser G–koff hatte uns Adlige sichtlich gern, und auf ihn war es auch zurückzuführen, daß man B. und mir in der Kanzlei Arbeit verschaffte. Nach seiner Abreise arbeiteten wir dort regelmäßig weiter; die Offiziere verhielten sich alle sehr sympathisch zu uns, namentlich einer von ihnen. Wir gingen täglich hin, schrieben Aktenstücke ab, unsere Handschrift verbesserte sich sogar, als plötzlich von oben der Befehl kam, uns sofort wieder zu unserer früheren Zwangsarbeit zu verwenden: es hatte jemand bereits Gelegenheit gehabt, zu denunzieren! Übrigens waren wir ganz froh darüber: diese Kanzleiarbeit war uns beiden mittlerweile entsetzlich langweilig geworden! Hierauf gingen wir etwa zwei ganze Jahre fast stets zusammen zu derselben Arbeit, größtenteils in die Werkstätte. Bei der Arbeit schwatzten wir gewöhnlich; wir sprachen von unseren Hoffnungen, Überzeugungen ... B. war ein prächtiger Mensch, nur waren seine Ansichten mitunter recht wunderlich und eigenartig. Es kommt oft vor, daß bei einer gewissen Art Menschen, sogar sehr klugen Menschen, vollkommen paradoxe Begriffe sich entwickeln, von denen sie nicht abzubringen sind. Für diese Begriffe aber hat der Mensch soviel im Leben gelitten, er hat sie so teuer erkauft, daß es ihm gar zu schmerzlich, wenn nicht fast unmöglich wäre, sich von ihnen loszureißen. B. hörte wie unter Schmerzen jeden meiner Widersprüche an und antwortete mir beißend scharf. Vielleicht war er auch mehr im Recht, als ich – ich weiß es nicht. Zum Schluß aber gingen wir auseinander, was mir sehr leid tat und sehr naheging: wir hatten schon soviel miteinander geteilt.
M. wurde mit den Jahren immer finsterer und verschlossener. Der Schmerz verzehrte ihn. Früher, in der ersten Zeit, die ich im Ostrogg verbrachte, war er viel mitteilsamer, seine Seele trat doch immerhin öfter und mehr hervor. Damals, als ich kam, lebte er schon das dritte Jahr im Ostrogg. Anfangs interessierte er sich für vieles von dem, was während dieser Jahre in der Welt geschehen war, und von dem er keine Ahnung hatte. Er fragte mich aus, hörte gespannt zu, regte sich auf. Mit der Zeit aber fing er an, sich gleichsam zu konzentrieren, sich in sein Innerstes zurückzuziehen. Die Kohlen bedeckten sich von selbst mit Asche, seine Verbitterung wuchs.
„^Je hais ces brigands!^“ sagte er oft zu mir mit haßerfülltem Blick auf die Sträflinge, die ich bereits näher kennen gelernt hatte, und alles was ich zu deren Gunsten vorbrachte, war vollkommen in den Wind gesprochen. Er begriff überhaupt nicht, was ich sprach, mitunter aber gab er mir auch zerstreut recht, doch schon am nächsten Tage sagte er dann wieder: „^Je hais ces brigands.^“
Mit ihm sprach ich ziemlich oft französisch, was jedoch einen der Arbeitsaufseher, den Pionier Dranischnikoff, aus unbekanntem Gedankengang veranlaßte, uns Grützköpfe und Spitzbuben zu nennen. Nur in einem Fall belebte sich M.: wenn er von seiner Mutter sprach.
„Sie ist alt ... sie ist krank,“ sagte er, „sie liebte mich mehr als alles auf der Welt, ich aber weiß hier nicht einmal, ob sie lebt oder tot ist. Wird es doch schon genug für sie gewesen sein, als sie erfahren mußte, daß ich Spießruten gelaufen bin ...“ M. war nicht adlig und so hatte man ihn vor seinem Abgang in die Verbannung körperlich bestraft. Wenn er sich dieser Bestrafung erinnerte, biß er die Zähne zusammen und blickte angestrengt zur Seite. In der letzten Zeit suchte er immer häufiger die Einsamkeit. An einem Vormittag kurz vor zwölf wurde er plötzlich zum Kommandanten unserer Festung befohlen. Dieser trat ihm mit einem heiteren Lächeln entgegen.
„Nun, M., was hat dir denn heute Nacht geträumt?“ fragte er ihn.
„Ich erschrak,“ erzählte M. später im Ostrogg, „es war mir, als hätte man mein Herz durchbohrt.“
„Daß ich einen Brief von meiner Mutter erhielt,“ antwortete er.
„Das ist noch zu wenig!“ entgegnete der Kommandant. „Du bist frei! Deine Mutter hat für dich gebeten ... ihre Bitte ist erhört worden. Hier ist ihr Brief, und hier ist auch der Entlassungsbefehl. Du wirst den Ostrogg sofort verlassen.“
Bleich und noch halb besinnungslos kehrte M. zu uns zurück. Wir beglückwünschten ihn alle. Mit bebenden Händen drückte er unsere Hände. Auch von den übrigen Sträflingen kamen sehr viele, um ihn zu beglückwünschen und sie freuten sich über sein Glück.
Er kam in die Kolonie und blieb in unserer Stadt, wo er bald eine Anstellung erhielt. In der ersten Zeit kam er oft zum Ostrogg und brachte uns Nachrichten, von denen ihn und uns besonders die politischen interessierten.
Von den übrigen vier Adligen, also außer M., T., B. und Sh., waren zwei noch sehr junge Leute, beide nur auf kurze Zeit verschickt, beide wenig gebildet, dafür aber ehrlich, einfach und offenherzig. Der dritte, A–tschukoffskij, war beinahe einfältig, an ihm war jedenfalls nichts weiter bemerkenswert. Und der vierte, ein gewisser B–m, ein schon bejahrter Mann, machte auf uns alle einen sehr schlechten Eindruck. Ich weiß nicht, wie er unter die „Politischen“ gekommen war; er selbst leugnete es, daß er zu ihnen gehöre. Das war ein roher, kleinlicher Charakter, mit den Angewohnheiten und der Lebensauffassung eines Krämers, der durch erfeilschte Kopeken reich geworden war. Er war gänzlich ungebildet und interessierte sich für nichts, außer für sein Handwerk. Er war nämlich Maler, aber kein gewöhnlicher, sondern ein unvergleichlicher, unübertroffener! Bald hatten sich auch die Vorgesetzten von seinem Talent überzeugt, und verwendeten ihn nur noch zum Anstreichen und „Bemalen“ der Zimmerwände und -decken. In zwei Jahren hatte er fast alle Dienstwohnungen neu angestrichen. Die Einwohner zahlten ihm natürlich auch ein Überflüssiges für seine Mühe, und so lebte er nicht schlecht. Das beste dabei war, daß man mit ihm zusammen auch seine anderen Kameraden zur selben Arbeit schickte. Von diesen, die beständig mit ihm zur Arbeit gingen, erlernten zwei das Handwerk tadellos. Ja, der eine, T–schewskij, malte bald nicht schlechter als er. Da befahl auch unser Platzmajor, der vom Staate gleichfalls freie Wohnung hatte, diesen B–m zu sich und trug ihm auf, alle Wände und Zimmerdecken schön anzumalen. Hier nun gab sich B–m ganz besondere Mühe; selbst beim Generalgouverneur sollen die Wände nicht so schön gewesen sein. Das Haus, das der Major bewohnte, war ein einstöckiges Gebäude, von Holz natürlich, sehr alt, sehr schäbig von außen; von innen aber wurde es wie ein Palais angestrichen, worüber der Major entzückt war ... Er rieb sich die Hände vor Vergnügen und sagte immer wieder, daß er jetzt unbedingt heiraten müsse.
„Wenn man eine solche Wohnung hat, dann geht es nicht anders, dann muß man heiraten!“ sagte er in allem Ernst.
Mit B–m war er jetzt überaus zufrieden und durch B–m auch mit den beiden anderen Adligen, die mit diesem bei ihm arbeiteten. Die Arbeit dauerte einen ganzen Monat. In dieser Zeit änderte der Major seine Meinung über uns vollständig und verhielt sich von da an sehr gönnerhaft zu allen Adligen. Ja, eines Tages ging er sogar so weit, daß er plötzlich den alten Sh. zu sich rufen ließ.
„Sh–kij,“ sagte er, „ich habe dich beleidigt. Ich habe dich unnütz prügeln lassen, ich weiß es. Jetzt bereue ich es. Begreifst du, was das heißt? _Ich, ich, ich_ – bereue es!“
Sh. antwortete, daß er es begreife.
„Begreifst du, daß _ich, ich_, dein Vorgesetzter, dich zu mir habe rufen lassen, um dich um Verzeihung zu bitten! Fühlst du auch die ganze Große dieser Tat? Wer bist du vor mir? – Ein Wurm! Sogar noch weniger als ein Wurm: du bist ein Arrestant! Ich aber bin – von Gottes Gnaden[11] ein Major! Ein Major! Begreifst du auch, was das heißt?“
Sh. antwortete, daß er auch dieses begreife.
„Nun, dann will ich mich jetzt mit dir aussöhnen. Aber fühlst du auch, fühlst du es auch vollständig, ganz und gar? Bist du überhaupt fähig, zu begreifen und zu fühlen? Bedenk doch nur: ich, ich, der Major! ...“ u. s. w.
Sh. erzählte mir selbst die ganze Szene. So schlummerte denn vielleicht auch in diesem ewig betrunkenen, unsinnigen und unordentlichen Menschen noch ein menschliches Empfinden. Wenn man seine Begriffe und seine Entwicklung in Betracht zieht, so kann man ja eine solche Handlung fast für eine großmütige Tat ansehen. Übrigens wird wohl auch sein betrunkener Zustand mit die Veranlassung dazu gewesen sein.
Doch sein schöner Traum verwirklichte sich nicht: es kam nicht zur Heirat, obschon er sich bis zur Beendung des Anstriches völlig dazu entschlossen hatte. Anstatt vor den Altar kam er vor ein Gericht und erhielt den Wink, seinen Abschied zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit wurden dann alle seine alten Sünden aufgedeckt. Früher war er in der Stadt, wenn ich mich nicht täusche, Polizeimeister gewesen ... Der Schicksalsschlag traf ihn vollkommen unerwartet. Im Ostrogg freute man sich unbeschreiblich über seinen Abgang: als die Nachricht kam, wurde der Tag sofort zum Fest, zum Triumphtage! Man erzählte, der Major habe wie ein altes Weib geweint und geschrien, doch war jetzt nichts mehr zu ändern. Er trat aus dem Dienst, verkaufte seine beiden Schimmel und mit der Zeit sein ganzes Hab und Gut und soll später in Armut gelebt haben. Wir begegneten ihm einmal: er trug einen schäbigen Überzieher und eine Mütze mit einer Kokarde. Haßerfüllt blickte er auf den Arrestantentrupp. Mit seiner ganzen Zaubermacht war es vorüber, seitdem er den Waffenrock abgelegt hatte: in diesem war er ein Gewitter, ein Gott gewesen; im Überzieher aber wurde er plötzlich ganz nichtssagend und erinnerte an einen alten Diener. Es ist wirklich sonderbar, wieviel bei solchen Menschen die Uniform ausmacht.