Chapter 12 of 21 · 6383 words · ~32 min read

I.

Das Lazarett.

Bald nach dem Weihnachtsfest erkrankte ich und kam in unser Militärlazarett. Dasselbe lag ganz einsam draußen im Felde, eine halbe Werst von der Festung entfernt. Es war ein langgestrecktes einstöckiges Gebäude, von außen mit gelber Farbe angestrichen; wenn im Sommer die Anstricharbeit vorgenommen wurde, ging viel Ocker zum Anstrich auf. Auf dem großen Lazaretthof lagen die Wirtschaftsgebäude, die Dienstwohnungen für die Medizinalbehörde und ähnliche nützliche Baulichkeiten. In dem Hauptgebäude befanden sich aber nur die Krankensäle. Dieser Säle gab es im ganzen sehr viele, doch waren von ihnen nur zwei für die Arrestanten abgeteilt, die das ganze Jahr und namentlich im Sommer sehr voll lagen, so daß man nicht selten die Betten zusammenrücken mußte.

Diese beiden Krankensäle der Arrestantenabteilung wurden von aller Art „unglücklichem Volke“ heimgesucht. Es kamen dorthin die erkrankten Sträflinge aus dem Ostrogg, Soldaten, die unter Anklage standen, zu einer Körperstrafe Verurteilte oder bereits Bestrafte, sowie unterwegs Erkrankte, die noch weiter marschieren mußten; ferner gab es dort auch welche aus der Strafkompagnie, aus diesem sonderbaren Institut, in das die nicht ganz zuverlässigen Soldaten zur Besserung hineingesteckt werden und aus dem sie nach Verlauf von zwei oder mehr Jahren gewöhnlich als solche Taugenichtse zurückkehren, wie man sie nur selten findet.

Fühlte sich einer der Arrestanten nicht wohl, so ging er – gewöhnlich früh am Morgen – zum Unteroffizier und meldete sich krank. Er wurde sofort ins Krankenbuch eingeschrieben und mit diesem Buch unter Eskorte ins Lazarett geschickt. Dort untersuchte der Arzt alle Neueingetroffenen aus sämtlichen Militärkommandos, die in der Festung lagen, schrieb jeden, den er für tatsächlich krank befand, ins Lazarettbuch ein und schickte ihn in den Krankensaal seiner Abteilung. Auch ich wurde von dem Unteroffizier in das Buch eingetragen und um zwei Uhr nachmittags, als die anderen schon zur Arbeit abmarschiert waren, ging ich ins Lazarett. Der erkrankte Arrestant nahm in der Regel noch so viel Geld mit, wieviel er nur hatte, außerdem Brot, da er an diesem Tage im Lazarett kein Mittagessen mehr erwarten konnte, und wenn er Raucher war, noch eine möglichst kleine Pfeife, Tabak, Feuerstein und Zündbüchse. Diese letzteren Gegenstände wurden sorgfältig in den Stiefeln verborgen. Ich betrat den Lazaretthof, nicht ohne ein gewisses neugieriges Interesse für diese mir noch unbekannte Abwechselung unseres Arrestantenlebens.

Es war ein warmer, trüber, trauriger Tag – einer jener Tage, an denen Gebäude wie Krankenhäuser immer einen traurigen und griesgrämigen Eindruck machen. Ich trat zusammen mit dem Soldaten in das Empfangszimmer, in dem zwei kupferne Wannen standen und bereits zwei Kranke, unter Anklage Stehende, mit ihren Begleitssoldaten warteten. Der Feldscher trat ein, besah uns mit Faulheit verratendem Vorgesetztenhochmut und begab sich darauf mit noch größerer Faulheit zum diensttuenden Arzt. Dieser erschien sehr bald, untersuchte uns, ging sehr freundlich mit uns um, und stellte einem jeden den Krankenbericht aus. Die weitere Untersuchung, die Bestimmung der Arznei, der Kost usw. war Sache des Arztes, der die Arrestanten-Abteilung unter sich hatte. Ich hatte schon gehört, daß die Sträflinge ihre Ärzte nicht genug loben konnten. „Wie Väter!“ sagten sie mir auf meine Fragen vor meinem Abgang ins Lazarett. Wir kleideten uns um. Die Wäsche und die Kleider, in denen wir gekommen waren, wurden uns abgenommen. Wir erhielten Hospitalwäsche, lange Strümpfe, Pantoffeln, Schlafmützen und Schlafröcke aus dickem, braunem Tuch, die mit einem halb leinwand-, halb pflasterartigen Zeuge gefüttert waren. Der ganze Rock war äußerst schmutzig, doch das bemerkte ich erst, als ich schon in ihm stak. Nach dem Kleiderwechsel wurden wir in die Krankensäle der Arrestantenabteilung geführt, die ganz am Ende eines überaus langen, hohen und sauberen Korridors lagen. Die äußere Sauberkeit war überall sehr zufriedenstellend: alles, was uns auf den ersten Blick ins Auge fiel, glänzte geradezu vor Sauberkeit. Übrigens konnte es mir auch nur so scheinen nach den Kasernen im Ostrogg. Die beiden unter Anklage Stehenden kamen in die Arrestantenkrankenstube links, ich in die Stube rechts. Vor der Tür, die durch einen eisernen Bolzen zugehalten wurde, stand eine Schildwache mit geladenem Gewehr und neben ihm ein anderer Soldat, die Nebenwache, die die Schildwache im Notfall abzulösen hat. Der jüngere Unteroffizier der Lazarettwache befahl, mich in die Stube zu lassen. Ich trat in ein langes und schmales Zimmer, in dem an beiden Längswänden die Betten standen, ich glaube, zweiundzwanzig an der Zahl, und von denen nur drei oder vier nicht besetzt waren. Die Betten waren von Holz, grün angestrichen, Betten, die in Rußland allen und jedem nur zu gut bekannt sind, da sie infolge einer gewissen Vorherbestimmung nie und nimmer ohne Wanzen sind. Ich wählte mir ein Bett in der Ecke an der Wand, in der die Fenster waren.

Wie ich schon bemerkt habe, lagen hier unter den Kranken auch Sträflinge aus unserem Ostrogg. Einige von ihnen kannten mich bereits oder hatten mich wenigstens gesehen. Die Mehrzahl aber bestand aus Gefangenen, denen eine Strafe bevorstand, und aus Soldaten der Strafkompagnie. Schwerkranke oder solche, die das Bett nicht verlassen konnten, gab es nicht viel. Die anderen, nur leicht Erkrankten und die Rekonvaleszenten saßen entweder auf ihren Bettstellen oder sie gingen im Zimmer auf und ab, in dem schmalen Gang zwischen den Bettreihen, der aber noch breit genug zum Durchgehen war. Es war eine drückende, schwüle Krankenzimmerluft im Raum, geschwängert von allen nur möglichen unangenehmen Ausdünstungen der Kranken und den verschiedenen Arzneien, zumal der Ofen in der einen Ecke den ganzen Tag geheizt wurde. Auf meinem Lager war ein gestreifter Überzug, den ich abnahm. Unter dem Überzug war eine Bettdecke von Tuch mit Leinwand gefüttert und Bettwäsche von grober Leinwand und sehr zweifelhafter Sauberkeit. Neben jedem Lager stand ein kleiner Tisch, auf dem sich ein Krug und eine zinnerne Tasse befanden, die beide mit einem ziemlich kleinen Handtuch, das man auch mir ausgehändigt hatte, der Sauberkeit halber überdeckt werden mußten. Unten hatte der Tisch noch ein Brett, auf das die Teetrinker ihre Teekessel, andere wieder Holzkannen mit Kwas und noch verschiedenes Gerät stellten; doch gab es unter den Kranken nur sehr wenige, die Tee tranken. Die Pfeifen und Tabaksbeutel dagegen, die fast ein jeder bei sich hatte, selbst die Schwindsüchtigen nicht ausgenommen, wurden unter den Matratzen versteckt. Die Ärzte und die Krankenwärter durchsuchten dieselben nie nach verbotenen Sachen, und überraschten sie einmal einen mit der Pfeife, so taten sie, als bemerkten sie nichts. Aber auch die Kranken waren immer sehr vorsichtig mit dem Rauchen und gingen dann immer zum Ofen. Höchstens in der Nacht wurde auf den Betten liegend geraucht, aber nachts kam niemand in die Krankenstuben, außer dem wachhabenden Offizier der Hospitalwache, der jedoch nur einmal die Runde machte.

Ich hatte bis dahin noch nie in einem Hospital gelegen und so war mir die ganze Umgebung, die Einrichtung, die Disziplin neu. Auch fiel mir auf, daß ich die Neugier der anderen erregte. Man hatte von mir schon gehört und betrachtete mich sehr ungeniert, sogar mit einer gewissen Überlegenheit, wie in der Schule ein Neueingetretener oder im Sitzungssaal ein Bittsteller betrachtet wird.

Rechts von mir lag ein Schreiber, der uneheliche Sohn eines verabschiedeten Hauptmanns. Er war Falschmünzer gewesen und lag schon ein Jahr lang im Lazarett, ohne, wie ich glaube, überhaupt krank zu sein, doch hatte er den Ärzten versichert, er leide an den Nerven und damit das Gewünschte erreicht: die Zwangsarbeit und die körperliche Züchtigung blieben ihm erspart und nach Verlauf eines weiteren Jahres wurde er nach T–k geschickt, um dort in einem Hospital als Aufwärter untergebracht zu werden. Er war ein vierschrötiger, kräftiger Bursche von achtundzwanzig Jahren, ein großer Spitzbube und Rechtsverdreher vor dem Herrn, nichts weniger als dumm, sehr unterhaltsam und selbstbewußt, und krankhaft selbstgefällig. Er hatte sich allen Ernstes versichert, daß er der ehrlichste und wahrheitsliebendste Mensch der Welt und vollständig unschuldig sei, und in diesem Glauben verblieb er bis an sein Ende in unerschütterlicher Überzeugung. Er war der erste, der ein Gespräch mit mir anknüpfte, mich neugierig auszuforschen suchte und mich ziemlich ausführlich über die äußeren Ordnungsregeln des Hospitals aufklärte. Selbstverständlich hatte er mir schon vorher mitgeteilt, daß er der Sohn eines Hauptmanns sei. Er wollte ungeheuer gern zu den Adligen gezählt werden oder doch wenigstens zu den „Besseren“. Nachdem er verstummt war, kam einer aus der Strafkompagnie zu mir, setzte sich hin und begann zu erzählen, daß er viele von den früher verschickten Adligen gekannt habe, und er nannte sie alle mit dem Taufnamen. Er war ein bereits ergrauter Soldat, auf dessen Gesicht es förmlich geschrieben stand, daß er alles log. Er hieß Tschekunoff. Offenbar wollte er sich bei mir einschmeicheln, da er wahrscheinlich Geld bei mir vermutete. Als er darauf in der Tat bemerkte, daß ich ein Päckchen Tee und Zucker bei mir hatte, bot er mir sofort seine Dienste an: einen Teekessel zu verschaffen und den Tee aufzusetzen. Nun hatte mir aber schon M–tzkij versprochen, am nächsten Tage durch die Arrestanten, die auf den Lazaretthof arbeiteten, aus dem Ostrogg einen Teekessel zu schicken. Doch ungeachtet meiner Einwendung, besorgte Tschekunoff in kürzester Zeit alles, was nötig war. Er brachte ein gußeisernes Gefäß, sogar eine Tasse, ließ das Wasser aufkochen und goß es über die Teeblätter, – kurz, er bediente mich mit ungewöhnlichem Eifer, was ihm sogleich von einem anderen Kranken einige beißend spöttische Bemerkungen eintrug. Dieser Kranke war ein Schwindsüchtiger, der mir gegenüber an der anderen Wand lag, Ustjänzeff mit Namen, ein Soldat – er war derselbe, der in der Angst vor der bevorstehenden Körperstrafe einen Liter Branntwein mit Tabak ausgetrunken und sich durch diesen Trank sein Lungenleiden zugezogen haben sollte. Bis jetzt hatte er schweigend und schweratmend dagelegen, mich unverwandt und mit ernstem Blick beobachtet und unwillig jede Bewegung Tschekunoffs verfolgt. Sein ungeheurer, galliger Ernst verlieh seinem Unwillen etwas überaus Komisches. Endlich hielt er es nicht mehr aus:

„Sieh doch einer diesen Knecht! Da hat er jetzt glücklich einen Herrn gefunden!“ sagte er langsam mit Zwischenpausen und mit einer Stimme, die vor Erregung atemlos zu sein schien. Seine Tage waren bereits gezählt.

Tschekunoff wandte sich unwillig zu ihm.

„Wer ist hier ein Knecht?“ fragte er mit verächtlichem Blick auf ihn.

„Du natürlich!“ antwortete dieser in so überzeugtem Ton, als hätte er das volle Recht gehabt, Tschekunoff zu schimpfen, ja als wäre er einzig zu diesem Zweck angestellt.

„Ich ein Knecht?“

„Gerade du. Hört doch, Kinder, er glaubt’s nicht einmal! Wundert sich noch!“

„Was geht das dich an! Siehst doch, daß er allein ist und sich nicht selbst bedienen kann – und daß er nicht gewohnt ist, ohne Diener zu sein, das weiß man doch! Weshalb soll ich ihm da nicht gefällig sein, du borstige Schnauze!“

„Wer ist eine borstige Schnauze?“

„Du, natürlich!“

„Ich soll eine borstige Schnauze sein?“

„Selbstverständlich du.“

„Und du bist wohl eine Schönheit? Hast selber ein Gesicht wie ein Krähenei ... wenn ich eine borstige Schnauze sein soll.“

„Sei getrost, die bist du! Da hatte ihn doch Gott schon halbtot gemacht. Aber nein, da muß er wieder schwatzen! Was machst du dich denn so breit?“

„Breit! Nein, ich, wißt ihr, verbeuge mich lieber vor einem Stiefel als vor einem Bastschuh. Mein Vater hat es auch nicht getan und auch mir befohlen ... ich ... ich ...“

Er wollte noch mehr sagen, begann aber entsetzlich zu husten. Der Hustenanfall dauerte mehrere Minuten lang an. Er spie sogar Blut. Bald trat auch kalter, quälender Schweiß auf seiner schmalen Stirn hervor. Diese Hustenanfälle verhinderten ihn zu sprechen, sonst würde er ununterbrochen gesprochen haben; man sah es deutlich seinen Augen an, daß er noch gern den anderen geschimpft hätte, aber in der Kraftlosigkeit konnte er nur noch mit der Hand einmal abwinken – doch Tschekunoff hatte ihn fast schon vergessen.

Mein Gefühl sagte mir, daß die Wut des Schwindsüchtigen eher auf mich gerichtet war, als auf Tschekunoff, denn wegen seines Wunsches, mir gefällig zu sein, um eine Kopeke zu verdienen, hätte sich niemand über ihn geärgert oder ihn mit Verachtung behandelt. Und zudem sah doch ein jeder, daß er es nur um des Geldes willen tat. In dieser Hinsicht ist das einfache Volk durchaus nicht so pedantisch und versteht es sehr fein, die Sache vom gesunden Standpunkt aufzufassen. Was Ustjänzeff mißfiel, das war ich, ich und mein Tee, und daß ich selbst in Fesseln als Herr auftrat, der nicht ohne Bedienung auskommen kann, obgleich ich gar nicht um Bedienung gebeten oder überhaupt welche auch nur gewünscht hatte. In der Tat, ich wollte immer alles selbst machen und besonders bemühte ich mich, mir niemals den Anschein zu geben, daß ich ein verzärtelter, anspruchsvoller „Herrensohn“ sei. Darin bestand teilweise sogar mein ganzer Ehrgeiz, was ich ruhig gestehen will, da hier einmal die Rede davon ist. Dennoch konnte ich niemals – ich weiß wirklich nicht, wie das kam – die verschiedenen Dienstgefälligen und Diener, die sich mir ungebeten aufdrängten, ablehnen, und so wurde ich zuguterletzt immer von ihnen beherrscht, anstatt daß ich sie beherrschte – so daß in Wirklichkeit sie meine Herren und ich ihr Diener war. Äußerlich aber hatte es den Anschein, als könne ich nicht ohne Bedienung auskommen, und wolle auch hier, in Ketten, den Herrn spielen. Das war mir natürlich sehr unangenehm. Ustjänzeff aber war ein schwindsüchtiger, reizbarer Mensch, die übrigen Kranken wahrten dabei durchaus den Anschein des Gleichmuts, dem sogar gewisses Gepräge von Hochmut nicht fehlte. Ich entsinne mich noch, daß sie damals alle ein besonderer Umstand beschäftigte: wie ich aus ihren Gesprächen erfuhr, sollte man noch am selben Abend einen bringen, den man gerade jetzt mit Spießruten bestrafte. Die Kranken erwarteten den Betreffenden nicht ohne eine gewisse Neugier. Übrigens sagten sie, daß die Strafe eine geringe sei: im ganzen nur fünfhundert Hiebe.

Inzwischen hielt ich ein wenig Umschau. Soviel ich erkennen konnte, waren die meisten Skorbut- und Augenkranke, – das waren die beiden vorherrschenden Krankheiten in jener Gegend. Von den anderen wirklich Kranken lagen fast alle an Influenza, Fieber, Brustleiden darnieder. Hier in unserer Abteilung war es nicht so wie in den anderen Krankenräumen, hier waren alle Krankheiten in einem Zimmer zusammen, sogar die venerischen. Ich habe „von den _wirklich_ Kranken“ gesagt, da es unter den Kranken auch einige gab, die ohne krank zu sein gekommen waren – einfach um sich zu „erholen“. Die Ärzte ließen sie aus Mitleid gern zu, besonders wenn viele Betten leer standen. In der Strafkompagnie und im Ostrogg war die Verpflegung im Vergleich zum Lazarett so schlecht, daß viele mit Vergnügen kamen und hier lagen, trotz der abgeschlossenen Luft und der Unmöglichkeit, das Zimmer zu verlassen. Es gab sogar besondere Liebhaber des Liegens und überhaupt des Lazarettlebens, die meisten allerdings aus der Strafkompagnie.

Neugierig betrachtete ich meine neuen Kameraden und, ich weiß noch, das größte Interesse erregte in mir ein Schwindsüchtiger aus unserem Ostrogg, der bereits in den letzten Zügen lag, – im zweiten Bett neben Ustjänzeff, also mir fast gegenüber. Er hieß Michailoff und ich hatte ihn noch vor zwei Wochen im Ostrogg gesehen. Er war schon lange krank und hätte schon längst ins Lazarett gehen müssen, er aber bezwang sich mit einer geradezu eigensinnigen und doch völlig nutzlosen Energie, nahm jedenfalls alle seine Kräfte zusammen und ging erst zum Weihnachtsfest ins Lazarett, um dann nach drei Wochen an der Schwindsucht zu sterben. Mir fiel sein entsetzlich verändertes Gesicht auf, – ein Gesicht, das mir bei meinem Eintritt in den Ostrogg als eines der ersten aufgefallen war; ich weiß noch, es stach mir damals geradezu ins Auge. Neben ihm lag ein Soldat aus der Strafkompagnie, ein schon alter Mann, ein grauenvoller, ekelerregender Schmutzfink ... Aber ich kann ja schließlich nicht alle Kranken aufzählen ... Ich habe dieses Alten einzig aus dem Grunde Erwähnung getan, weil er damals einen nicht geringen Eindruck auf mich machte und mir in kürzester Zeit eine recht anschauliche Vorstellung von gewissen Eigenheiten des Arrestantenlazaretts gab. Dieser Alte hatte gerade den stärksten Schnupfen. Er nieste fortwährend, nieste eine ganze Woche hindurch, und sogar im Schlaf in förmlichen Salven fünf bis sechsmal nacheinander, wozu er jedesmal gewissenhaft sagte: „Gott, daß es auch solche Strafen gibt!“ Er saß auf seinem Bett und stopfte sich eifrig die ganze Nase mit Tabak voll, den er einer Papierdüte entnahm, um gründlicher und regelmäßiger niesen zu können. Er nieste in ein karriertes, baumwollenes Schnupftuch – das sein persönliches, schon hundertmal gewaschenes, gänzlich ausgeblichenes Eigentum war, – wobei sich seine kleine Nase eigentümlich kraus zog, in unzählige, feine Runzeln, und die Stummeln seiner schwarzgewordenen, alten Zähne mitsamt dem roten, schleimigen Zahnfleisch sichtbar wurden. Hatte er sich dann ausgeniest und ausgeschnaubt, so breitete er sofort das Tuch auseinander, besah aufmerksam die darin reichlich angesammelte Feuchtigkeit, die er dann an seinem braunen Lazarettschlafrock abwischte, so daß die ganze Feuchtigkeit am „Staatseigentum“ kleben blieb, sein eigenes Taschentuch aber nur feucht wurde. Dasselbe tat er ununterbrochen die ganze Woche, so lange wie sein Schnupfen währte. Dieses mehr als geizige Schonen des eigenen Schnupftuchs zum Nachteil des von der Regierung gelieferten Krankenschlafrocks rief in den übrigen Kranken nicht den geringsten Protest hervor, obgleich doch auch von ihnen jemand in der Folge diesen Rock erhalten konnte. Aber unser einfaches Volk ist eben sehr genügsam und bis zur Sonderbarkeit ekelfrei. Mich aber überlief ein Gruseln in jenem Augenblick, und unwillkürlich begann ich voll Angst, Abscheu und Neugier den soeben von mir angezogenen Schlafrock zu betrachten. Da erst wurde ich gewahr, daß er schon seit längerer Zeit durch seinen ziemlich starken Geruch meine Aufmerksamkeit reizte – ohne daß es mir jedoch zum Bewußtsein gekommen wäre. Er war auf mir inzwischen warm geworden und so roch er immer stärker nach Arzneien, Pflastern und, wie mir schien, einer gewissen Fäulnis, was ja schließlich ganz erklärlich erschien, da er sicherlich seit undenklichen Zeiten von den Schultern der Kranken nicht heruntergekommen war. Vielleicht war das leinwandartige Rückenfutter auch einmal gewaschen worden, genau aber ließ sich so etwas nicht feststellen. Jedenfalls war dieses Futter von allen nur denkbaren unangenehmen Säften durchtränkt, von dem Wasser, das Kompressen, spanischen Fliegen und anderen Umschlägen entfließt. Zudem kamen in diese Arrestantenabteilung des Militärlazaretts sehr oft Bestrafte, deren Rücken von Spießrutenstreichen und Stockschlägen wund waren. Sie wurden mit Kompressen behandelt und daher konnte auch der Schlafrock, der direkt auf das nasse Hemd kam, nicht trocken bleiben, und alle Feuchtigkeit, die er aufsog, trocknete allmählich in ihn hinein. So ist es wohl begreiflich, daß ich jedesmal, wenn ich in all diesen Jahren ins Lazarett kam – und ich kam ziemlich oft dorthin – mit ängstlichem Mißtrauen den Schlafrock in Empfang nahm. Doch am wenigsten gefielen mir die in diesen Schlafröcken sich mitunter vorfindenden Läuse von ganz besonderer Größe und Wohlgenährtheit. Die Arrestanten akzeptierten sie mit schadenfrohem Hochgenuß, und wenn unter dem harten, plumpen Nagel des Arrestantenfingers eines dieser gefangenen Tiere mit einem Knall sein Leben aufgab, so ließ sich sogar am Gesichtsausdruck des Henkers die ganze Größe der von ihm empfundenen Genugtuung ermessen. Ebenso wurden bei uns auch die Wanzen gehaßt, und es kam nicht selten vor, daß an einem langen, langweiligen Winterabend die ganze Mannschaft sich zu einem Vernichtungskampf gegen dieses Ungeziefer zusammentat. Mit einem Wort, äußerlich war im Zimmer alles – abgesehen von der schweren Luft – nach Möglichkeit sauber und gut – nur daß mit der Sauberkeit des Unterfutters, wie gesagt, leider kein Luxus getrieben wurde. Die Kranken hatten sich daran gewöhnt und glaubten wahrscheinlich, daß es gerade so sein müsse, und überdies waren auch keine besonderen Vorkehrungen zur Erhaltung der Sauberkeit getroffen. Doch davon später.

Kaum hatte mir Tschekunoff den Tee gebracht – zu dem er, nebenbei bemerkt, das Wasser aus dem Vorrat unserer Krankenstube genommen hatte, Wasser, das nur einmal in ganzen vierundzwanzig Stunden gebracht wurde und in der stickigen Luft bald verdarb, – als sich mit einem gewissen Geräusch die Tür öffnete und ein soeben mit Spießruten gezüchtigter Soldat unter verstärkter Eskorte hereingeführt wurde. Da sah ich zum erstenmal einen in dieser Weise Bestraften. Sie wurden im allgemeinen sehr oft gebracht oder hereingetragen, wenn es Schwerbestrafte waren, und die Ankunft eines solchen war für die Kranken stets eine große Zerstreuung. Nichtsdestoweniger wurden sie mit sehr strenger Miene und mit einem, ich möchte sagen, forzierten Ernst empfangen. Übrigens hing der Empfang bis zu einem gewissen Grade von der Größe des Vergehens und folglich auch von der Größe der Strafe ab. Ein schwer Bestrafter und seinem Ruf nach großer Verbrecher genoß auch größere Hochachtung und größere Aufmerksamkeit, als irgend so ein entflohener Soldat, wie zum Beispiel der, den man in jenem Augenblick hereinführte. Doch wurden weder in diesem noch in einem anderen Fall mitleidige Worte oder sonst welche diesbezügliche Bemerkungen geäußert. Schweigend halfen sie dem Armen und pflegten ihn, namentlich wenn er nicht ohne Hilfe auskommen konnte. Auch die Feldscher schienen schon zu wissen, daß sie den Gezüchtigten geübten und geschickten Händen übergaben.

Diese Hilfe bestand gewöhnlich in der ziemlich oft erforderlichen Erneuerung der Kompressen, einem Bettuch oder Hemde, das in kaltes Wasser getaucht, nur ein wenig ausgewrungen und auf den zerfleischten Rücken gelegt wurde, wenn der Bestrafte selbst nicht mehr imstande war, auf das Trockenwerden derselben zu achten, – und ferner im geschickten Herausziehen der Splitter aus dem Schorf der Wunden. Diese Splitter rührten von den Stöcken her, die auf dem Rücken des Betreffenden beim Schlage zerbrochen waren. Das Herausziehen derselben ist dem Kranken gewöhnlich sehr unangenehm, doch hat mich immer die ungewöhnliche Standhaftigkeit im Ertragen eines physischen Schmerzes, wie ich sie bei diesen Arrestanten sah, nicht wenig gewundert. Ich habe ihrer viele, sogar grausam Geschlagene gesehen, doch fast kein einziger von ihnen hat gestöhnt. Nur ihr Gesicht sieht dann ganz verändert aus, ist sehr bleich, die Augen brennen wie im Fieber, der Blick ist zerstreut, unruhig, die Lippen zittern, so daß der Arme sie unwillkürlich und nicht selten blutig beißt.

Der hereingeführte Soldat war ein Bursche von dreiundzwanzig Jahren, stark und muskulös gebaut, hoch und schön gewachsen, mit einem hübschen Gesicht und von gebräunter Hautfarbe. Sein Rücken war völlig wundgeschlagen und bis zum Gürtel entblößt. Um die Schultern hatte man ihm ein zusammengefaltetes nasses Bettuch gelegt, das bis zum Kreuz herabreichte und unter dem er an allen Gliedern wie im Fieber zitterte. Anderthalb Stunden ging er ununterbrochen im Zimmer umher. Ich sah ihm ins Gesicht: er schien im Augenblick nichts zu denken, er schaute nur wild und eigentümlich drein, mit unstetem Blick, dem es offenbar schwer fiel, auf einem Gegenstande aufmerksamer haften zu bleiben. Da schien es mir, daß er einmal starr auf meinen Tee geblickt hatte. Der Tee war heiß: der Dampf stieg noch aus der Tasse empor, und der arme Junge zitterte vor Kälte. Ich forderte ihn auf, zu trinken. Schweigend und kurz wandte er sich zu mir, nahm die Tasse, trank sie stehend und ohne Zucker aus, wobei er sich sehr beeilte, und sich augenscheinlich bemühte, mich nicht anzusehen. Nachdem er getrunken hatte, setzte er die Tasse schweigend wieder hin und ging, ohne zu danken oder auch nur mit dem Kopf zu nicken, wieder in den mittleren Gang zurück, um von neuem hin- und herzugehen. Es war ihm nicht um Dankbarkeit und Kopfnicken zu tun! Was aber das Verhalten der übrigen zu ihm anbetrifft, so fiel mir eines auf: sie vermieden sichtlich jedes Gespräch mit ihm. Ja, es wunderte mich sogar, daß sie nach den ersten Hilfeleistungen ihm geradezu absichtlich nicht die geringste Aufmerksamkeit mehr schenkten. Vielleicht taten sie es in dem Wunsch, ihn möglichst in Ruhe zu lassen und ihm nicht mit Ausfragen und „Teilnahme“ lästig zu werden, womit er vollkommen zufrieden zu sein schien.

Inzwischen war es dunkel geworden und man zündete die Nachtlampen an. Einige Kranken besaßen auch ihre eigenen Lichte und Leuchter, doch waren es nur sehr wenige. Endlich, nach dem Abendbesuch des Arztes, kam der Unteroffizier und zählte die Kranken, worauf ein Nachtzuber hereingebracht und unsere Arrestantenabteilung zugeschlossen wurde. Zu meiner Verwunderung erfuhr ich, daß dieser Zuber die ganze Nacht im Zimmer bleiben sollte, während der dazu bestimmte Ort nur zwei Schritt von der Tür direkt am Korridor lag. Aber es war nun einmal so eingeführt. Am Tage durfte der Sträfling zu diesem Zweck das Zimmer verlassen, aber nur auf eine Minute; in der Nacht jedoch wurde es ihm unter keinen Umständen gestattet. Für die Arrestantenabteilung gab es eben eine besondere Vorschrift und ein Kranker aus dieser Abteilung mußte selbst in der Krankheit seine Strafe tragen. Von wem diese Anordnung zum erstenmal getroffen worden war – das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß sie sinnlos war und daß in keiner einzigen anderen die ganze Nutzlosigkeit jeglichen Formalismus greifbarer hervortrat, als gerade in dieser Vorschrift. Selbstverständlich rührte sie nicht von den Ärzten her. Ich sage nochmals, daß die Sträflinge ihre Ärzte nicht genug loben konnten, sie ihre Väter nannten und die größte Hochachtung für sie empfanden. Ein jeder sah sich freundlich von ihnen behandelt, hörte ein gutes Wort, was der Sträfling, der von allen verstoßen war, um so mehr zu schätzen wußte, als er die Unverfälschtheit, die von Herzen kommende Aufrichtigkeit dieses guten Wortes und dieser Freundlichkeit erkannte. Sie hätte ja schließlich nicht zu sein brauchen, es war den Ärzten durchaus nicht vorgeschrieben, freundlich zu sein und niemand kümmerte sich darum, ob sie gut oder schlecht mit den kranken Sträflingen umgingen; folglich waren sie nur aus wahrer Menschenliebe gut. Natürlich wußten die Ärzte, daß jeder Kranke, gleichviel wer er ist, Sträfling oder Potentat, der Sonne und Herzlichkeit bedarf. Die Kranken aus den anderen Sälen, namentlich die Rekonvaleszenten, durften frei auf den Korridoren umhergehen, sich mehr Bewegung machen, frischere Luft atmen, da die Luft in den Krankenräumen abgeschlossen und von den verschiedensten ungesunden Ausdünstungen erfüllt war. Es ist mir selbst jetzt noch furchtbar und ekelhaft, auch nur daran zu denken, in welchem Maße diese ohnehin schon schlechte Luft in unserem Krankenraum verpestet wurde, wenn dieser Zuber die ganze Nacht bei der warmen Temperatur im Zimmer stand – und noch dazu bei gewissen Krankheiten, bei denen ein Beiseitetreten unvermeidlich ist. Wenn ich vorhin sagte, daß der Arrestant auch während der Krankheit seine Strafe trug, so habe ich damit natürlich nicht gemeint, und ich will es auch durchaus nicht so hinstellen, als hätte man diese Anordnung einzig zur Strafe erdacht. Das wäre meinerseits eine überaus sinnlose Verleumdung. Kranke braucht man nicht mehr zu bestrafen, und daher ist es wohl anzunehmen, daß eine unerbittliche Notwendigkeit die Vorgesetzten einmal gezwungen hatte, diese Maßregel zu ergreifen, die in ihren Folgen so überaus verderblich war. Aber welch eine Notwendigkeit mochte es gewesen sein? Das ist nun das Ärgerliche, daß man die Notwendigkeit dieser, und außer ihr noch einer Menge anderer Maßregeln auf keine Weise erklären kann, ja sie sind sogar dermaßen unverständlich, daß man – von Erklärungen schon ganz zu schweigen – nicht einmal eine Veranlassung erraten, sich überhaupt nichts denken kann. Wie soll man eine so zwecklose, unnötige Grausamkeit erklären? Etwa damit, daß der Arrestant ins Lazarett kommen, sich absichtlich krank stellen, die Ärzte betrügen, in der Nacht – glauben Sie das? – an den gewissen Ort gehen und, unter dem Schutz der Dunkelheit, entfliehen könnte? Ich glaube, man kann kaum verlangen, daß man die ganze Ungereimtheit dieser Annahme im Ernst nachweist. Wohin soll er denn entfliehen? Wie entfliehen? Wohin entfliehen? Am Tage werden sie nur einzeln herausgelassen, dieselbe Vorschrift könnte auch für die Nacht gelten. Vor der Tür steht eine Schildwache mit geladenem Gewehr. Der Abort ist von der Schildwache buchstäblich nur zwei Schritte entfernt und außerdem wird der Kranke noch von der Nebenwache hingeführt und während der ganzen Zeit nicht aus dem Auge gelassen. Daselbst ist nur ein einziges kleines Fenster, Sommer und Winter mit Doppelfenstern und mit einem eisernen Gitter versehen. Draußen unter dem Fenster des Aborts und der ganzen Fensterreihe der Arrestantenabteilung des Lazaretts geht wieder eine Schildwache die ganze Nacht auf und ab. Um durch dieses Fenster zu entfliehen, muß man beide Glasscheiben zerschlagen und das eiserne Gitter entfernen. Welche Wache wird so etwas ruhig geschehen lassen? Oder nehmen wir an, er erschlägt vorher die Nebenwache, und zwar so, daß der Soldat keinen Laut mehr von sich geben kann und niemand etwas merkt. Aber selbst wenn wir diese Unmöglichkeit als möglich zulassen, so muß er doch immer noch die Fensterrahmen und das Gitter herausbrechen. Und nicht zu vergessen, daß dicht neben der Schildwache die Krankenwärter schlafen und kaum zehn Schritt weiter steht vor der Tür des anderen Arrestantensaales eine zweite Schildwache mit geladenem Gewehr und bei ihm wiederum ein Soldat als Nebenwache, und etwas weiter schlafen wiederum Krankenwärter. Und wohin kann man im Winter nur in Strümpfen und Pantoffeln, im Schlafrock und in der Nachtmütze entfliehen? Wenn aber so wenig Gefahr einer Flucht vorhanden ist – d. h. genau genommen überhaupt keine –, wozu dann eine so unnütze Qual der Kranken vielleicht in den letzten Tagen und Stunden ihres Lebens, der Kranken, die der frischen Luft noch mehr bedürfen als Gesunde? Wozu, wozu? Das habe ich nie begreifen können.

Doch da ich nun einmal diese Frage gestellt habe und auf die unnützen Qualen zu sprechen gekommen bin, so kann ich nicht umhin, noch auf etwas anderes hinzuweisen, das gleichfalls jahrelang als Problem vor mir gestanden hat. Ich kann es nicht unterlassen, auch dieses zur Sprache zu bringen, bevor ich in meiner Erzählung fortfahre. Ich meine die Fesseln, von denen keine noch so schwere Krankheit den Arrestanten erlöst.

Ich habe Schwindsüchtige gesehen, die vor meinen Augen in den Ketten starben und sich die ganze letzte Zeit vor dem Tode in ihnen quälen mußten. Man schien sich aber dermaßen daran gewöhnt zu haben, daß alle es als etwas Unabänderliches ansahen. Es ist sogar kaum anzunehmen, daß jemand darüber auch nur nachgedacht hat, da selbst die Ärzte nicht ein einziges Mal darauf gekommen waren, die vorgesetzte Behörde um die Erlaubnis zur Abschmiedung eines Kranken, sagen wir eines Schwindsüchtigen, zu bitten. Die Ketten sind ja an sich nicht weiß Gott wie schwer, sie wiegen ungefähr acht bis zwölf Pfund, und zehn Pfund zu tragen, macht einem gesunden Menschen nichts aus. Nun habe ich aber gehört, daß die Füße, wenn man lange Zeit Fesseln trägt, abzehren sollen. Ich weiß freilich nicht, ob es wahr ist, aber es hat doch einige Wahrscheinlichkeit für sich. Jedes Gewicht, mag es auch noch so gering sein – in diesem Fall etwa zehn Pfund –, das für immer an den Fuß befestigt ist, vergrößert das Gewicht des Gliedes in unnatürlicher Weise und kann daher auf die Dauer sehr wohl einen schlechten Einfluß haben ... Doch nehmen wir an, daß es einem Gesunden nichts ausmacht, so handelt es sich doch hier um Kranke, und nicht etwa um vorübergehend Erkrankte, sondern um Schwindsüchtige, bei denen die Arme und Beine ohnehin schon so abgezehrt sind, daß ihnen jeder Strohhalm schwer wird. Wahrlich, hätte die Medizinalbehörde auch nur für die Schwindsüchtigen diese Erleichterung erwirkt, so wäre auch das schon eine große Wohltat gewesen. Man wird vielleicht einwenden, der Arrestant sei ein Verbrecher, ein Bösewicht, und habe Wohltaten nicht verdient. Aber sind wir denn wirklich befugt, die Strafe eines Menschen noch zu verschärfen, den Gottes Finger schon berührt hat? Und es ist ja auch schwer zu glauben, daß solches um der Strafe willen geschah. Der Schwindsüchtige darf ja auch nach dem Gesetz nicht körperlich bestraft werden. Folglich kann man hierin wieder nur eine geheimnisvolle Maßregel auf Grund der weisen, einzig seligmachenden Vorsicht sehen. Doch auf Grund welcher Befürchtungen diese Vorsicht notwendig sein soll – das ist und bleibt unverständlich. Wer wird denn, in der Tat, befürchten, daß ein Schwindsüchtiger entfliehen könnte? Welch ein Schwindsüchtiger wird denn die Dummheit begehen, wenn er bereits Todeskandidat ist, noch einen Fluchtversuch zu machen, er, der sich kaum schleppen kann, und noch dazu mit der Aussicht, sogleich erschossen zu werden oder draußen in Nacht und Nebel, bei Hunger und Kälte wie ein Hund zu verrecken, während er im Lazarett alles hat, was er noch braucht? Und daß einer Schwindsucht vortäuschen, die Ärzte betrügen könnte, um vom Lazarett aus zu entfliehen – ist ausgeschlossen. Schwindsucht ist keine Krankheit, die sich vortäuschen läßt, dem Schwindsüchtigen sieht man seine Krankheit schon auf den ersten Blick an. Und dann noch eines: werden denn dem Menschen wirklich nur zu dem einen Zweck die Fesseln angeschmiedet, damit er nicht entfliehen könne oder auch nur, um ihm die Flucht zu erschweren? Durchaus nicht. Die Fesseln sind nichts als Entehrung, physische wie sittliche Belastung, Schmach und Schande. Als das wenigstens wird dieses Kennzeichen des Sträflings allgemein aufgefaßt. Die Flucht aber können sie nie verhindern: selbst der dümmste, ungeschickteste Arrestant wird es verstehen, ohne besondere Mühe das Eisen zu durchfeilen oder die Niete mit einem Stein zu zerschlagen. Nein, die Fußfesseln sind entschieden kein Hindernis. Wenn dem aber nun einmal so ist, wenn sie dem verurteilten Zwangsarbeiter nur zur Strafe angeschmiedet werden, so frage ich nochmals: soll man denn wirklich auch einen Sterbenden noch bestrafen?

Während ich dieses schreibe, steht wieder deutlich das Bild eines Sterbenden vor mir, eines Schwindsüchtigen, jenes selben Michailoff, der mir fast gegenüberlag, nicht weit von Ustjänzeff, und der, soviel mir erinnerlich ist, am vierten Tage nach meiner Übersiedelung ins Lazarett starb. Vielleicht habe ich auch nur aus diesem Grunde soviel von den Schwindsüchtigen gesprochen, weil dieses Bild unwillkürlich alle Eindrücke und Gedanken in meiner Erinnerung wieder wachrief, die ich damals anläßlich seines Todes hatte. Den Michailoff selbst kannte ich nur wenig. Er war noch sehr jung, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt, hoch gewachsen, schlank und von auffallend edlem Äußerem. Er lebte in der besonderen Abteilung und war bis zur Wunderlichkeit schweigsam, geradezu lautlos und gewissermaßen „ruhig traurig“, wie die Arrestanten sagten. Wie sie nach seinem Tode erzählten, sei er im Ostrogg förmlich „eingetrocknet“. Sie bewahrten ihn in gutem Angedenken. Ich erinnere mich noch, daß er wundervolle Augen hatte ... – ich weiß nicht, warum ich mich gerade dieser Augen so deutlich entsinne ...

Er starb um drei Uhr nachmittags, an einem kalten, klaren Tage. Ich weiß noch, durch die grünlichen, von Eisblumen glitzernden Fensterscheiben fiel das Wintersonnenlicht in schrägen, breiten Strahlenbündeln ins Zimmer. Ein ganzer Strom von Licht ergoß sich über den Unglücklichen. Er war bewußtlos, atmete schwer, und es dauerte mehrere Stunden, bis er endlich erlöst war. Schon am Morgen hatte man seinen Augen angesehen, daß er die anderen nicht mehr erkannte: sie traten an sein Bett und wollten ihm etwas Erleichterung schaffen, denn man sah es deutlich, wie sehr er sich quälte: er atmete schwer, tief, röchelnd; hoch hob sich seine Brust, als könne er nicht genug Luft einziehen. Er hatte bereits die Bettdecke von sich geworfen, die ganze Kleidung, und nun begann er, sein Hemd sich vom Leibe zu reißen: selbst dieses war ihm zu schwer. Man half ihm und zog ihm auch das Hemd aus. Es war entsetzlich, diesen langen, langen, nackten Körper zu sehen, mit den bis auf den Knochen abgezehrten Beinen und Armen, dem eingefallenen Leib und dem gehobenen Brustkorb mit den deutlich wie bei einem Skelett sich abzeichnenden Rippen. Auf seinem ganzen langen Körper lag nur ein kleines Holzkreuz und ein Amulett, und dann noch die Fesseln, durch deren Eisenring er jetzt den abgemagerten Fuß, wie es schien, hätte durchziehen können. Eine halbe Stunde vor seinem Tode verstummten alle oder sie sprachen fast nur flüsternd. Wer gehen mußte, trat leise, kaum hörbar auf. Es wurde nur wenig gesprochen, hin und wieder blickte man auf den Sterbenden, der immer lauter röchelte. Endlich tastete er mit unsicherer, irrender Hand nach seinem Kreuz, das er am Halse trug, und begann es gleichfalls fortzuzerren, als wäre ihm auch dieses zu schwer geworden, als hätte es ihn bedrückt, beunruhigt. Da nahm man ihm auch das Kreuz ab. Nach zehn Minuten verschied er. Man klopfte an die Tür und meldete es der Schildwache. Der Krankenwärter trat ein, sah mit stumpfen Blicken auf den Toten und begab sich zum Feldscher. Dieser erschien ziemlich bald; es war ein junger guter Mensch, der sich nur etwas mehr als nötig mit seinem Äußeren beschäftigte, einem Äußeren, das übrigens ganz glücklich war. Mit schnellen, lauten Schritten ging er durch den stillgewordenen Raum zum Toten, erfaßte mit ganz besonders freundlicher Miene, die er sich gleichsam speziell für diesen Fall ausgedacht hatte, das Handgelenk, um den Puls zu fühlen, befühlte ihn auch noch hier und da, winkte mit der Hand und ging wieder hinaus. Hierauf wurde die Wache benachrichtigt: es war ein schwerer Verbrecher aus der besonderen Abteilung gewesen, folglich mußte auch sein Tod mit besonderen Zeremonien vermerkt werden. Während nun die Wache erwartet wurde, äußerte einer der Sträflinge mit leiser Stimme den Gedanken, daß es wohl gut wäre, dem Toten die Augen zuzudrücken. Ein anderer hörte ihm aufmerksam zu, trat dann zum Leichnam und drückte ihm die Augen zu. Bei der Gelegenheit bemerkte er auch das kleine Holzkreuz auf dem Kissen, nahm es, besah es und legte es dem Toten wieder um den Hals; als es geschehen war, bekreuzte er sich.

Inzwischen erstarrte das Gesicht des Entschlafenen; ein Sonnenstrahl spielte auf ihm. Der Mund war halbgeöffnet: zwei Reihen weißer, junger Zähne glänzten unter den dünnen, am Zahnfleisch klebenden Lippen.

Endlich erschien der Unteroffizier der Wache mit Seitengewehr und im Helm, ihm folgten zwei Wärter. Er näherte sich mit immer langsamer werdendem Schritt, mit verwundertem Blick auf die stummen, ernst und streng ihn ansehenden Sträflinge ringsum. Als er bis auf einen Schritt vor dem Toten angekommen, blieb er plötzlich wie erstarrt stehen: der völlig entblößte, bis auf Haut und Knochen abgemagerte Leichnam, an dem noch die eisernen Fesseln angeschmiedet waren, schien ihn zu erschrecken. Doch schon im nächsten Augenblick löste er die Schuppenkette seines Helmes, nahm den Helm ab, was durchaus nicht notwendig war, und bekreuzte sich langsam und mit tiefer Verneigung. Es war ein strenges Feldwebelgesicht mit einem schon grau untermischten Schnauzbart. Ich weiß noch, im selben Augenblick stand nicht weit von ihm Tschekunoff, ein gleichfalls schon ergrauter Mann. Die ganze Zeit hatte er schweigend und aufmerksam in das Gesicht des Unteroffiziers geblickt, ohne auch nur einmal den Blick abzuwenden, um mit einer ganz eigentümlichen Aufmerksamkeit jede seiner Bewegungen zu verfolgen. Da trafen sich ihre Blicke und bei Tschekunoff erzitterte plötzlich aus einem unbekannten Grunde die Unterlippe: er verzog sie so eigentümlich, öffnete den Mund und sagte, halb ohne zu wollen und mit dem Kopf auf den Toten weisend, hastig und nicht laut zu ihm: „Hat doch auch eine Mutter gehabt!“ und ging fort.

Ich weiß noch, diese Worte durchbohrten mich wie ein Messerstich ... Warum nur hatte er sie gesagt und wie war er überhaupt darauf gekommen? Da schickte man sich an, den Leichnam hinauszutragen: man hob ihn mit dem ganzen Lager auf, das Stroh knisterte, und inmitten der allgemeinen Stille fielen plötzlich die Ketten mit lautem Geklirr zu Boden. Sie wurden aufgehoben ... Bald war die Leiche hinausgeschafft. Plötzlich begannen alle laut zu sprechen. Man hörte nur noch, wie der Unteroffizier im Korridor jemand nach dem Schmied schickte. Der Tote mußte ausgeschmiedet werden ... Doch ich bin vom Thema abgekommen ...