Chapter 13 of 21 · 6095 words · ~30 min read

II.

Das Lazarett, Fortsetzung

Der Besuch der Ärzte fand täglich am Morgen statt. Ungefähr um elf Uhr erschienen sie alle zusammen, ihnen voran schritt der Oberarzt, und anderthalb Stunden vor ihnen kam unser Abteilungsarzt. Damals war es ein junger Mediziner, der seine Sache verstand, freundlich und sympathisch im Umgang und bei den Arrestanten sehr beliebt war, doch entdeckten sie auch an ihm einen Fehler: „Er ist doch schon gar zu gut,“ sagten sie. Er war allerdings ein sehr guter Mensch, wenig gesprächig, schien sogar verlegen zu sein, wenn er bei uns war, errötete beinahe, wenn man ihn um etwas bat, änderte die Rationen womöglich schon nach der ersten Bitte und war vielleicht sogar bereit, auch die Medizin nach dem Wunsch des Kranken zu bestimmen. Übrigens war er wirklich ein prächtiger Junge. Man wird mir zugeben, daß in Rußland viele Ärzte die Liebe und Achtung des einfachen Volkes genießen – es ist Tatsache. Ich weiß, meine Worte werden zunächst paradox erscheinen, besonders wenn man das allgemeine Mißtrauen des russischen Volkes zu den Medizinern und den ausländischen Arzneien in Betracht zieht. Und es ist ja wahr, der einfache Mann, der sich mit einer Krankheit, und nicht selten einer schweren Krankheit, womöglich jahrelang plagt, wird sich eher von einem alten Kräuterweibe behandeln lassen, oder sich mit Hausmitteln – die durchaus nicht zu verachten sind – zu heilen versuchen, als daß er zum Arzt geht oder ins Hospital, um dort zu liegen. Doch gibt es hierfür einen Grund, der sogar sehr wichtig ist, jedoch nichts mit der Medizin zu tun hat: das ist, wie ich bereits angedeutet habe, das Mißtrauen des Volkes zu allem, was den Stempel des Administrativen, Formellen trägt. Hinzu kommt, daß das Volk durch verschiedene grauenvolle Geschichten, die meist frei erfunden sind, mitunter aber zum Teil auch auf Wahrheit beruhen, ein großes Vorurteil gegen die Hospitäler gefaßt hat und die Ärzte fürchtet. Doch am meisten schrecken es die deutschen Einrichtungen, die fremden Menschen ringsum während der ganzen Krankheit, die strengen Vorschriften inbetreff des Essens, Erzählungen von Beispielen schonungsloser Roheit der Feldscher und auch Ärzte, vom Aufschneiden der Leichen und Ausnehmen des Eingeweides, und ähnliches mehr. Und dann denkt das Volk, da die Ärzte doch den oberen Gesellschaftsklassen angehören: wie sollen wir uns denn von den vornehmen Herren bedienen und kurieren lassen? Aber schon nach etwas näherer Bekanntschaft mit den Ärzten verschwinden – Ausnahmen natürlich zugegeben – alle diese Befürchtungen sehr schnell, was meiner Meinung nach unseren Ärzten, namentlich den jüngeren, nur zur Ehre gereicht. Die Mehrzahl von ihnen versteht es, sich die Achtung und sogar die Liebe des Volkes zu erwerben. Wenigstens behaupte ich es nach dem, was ich selbst oft genug und an verschiedenen Orten gesehen und erfahren habe. Und ebenso habe ich keine Veranlassung, vorauszusetzen, daß es an anderen Orten gar so oft anders sei. Gewiß gibt es in manchen Winkeln Ärzte, die ihr Hospital nur als Kapitalanlage betrachten und die Kranken wie die Medizin so gut wie gänzlich vergessen. Gewiß gibt es auch heute noch solche Ärzte; ich aber rede von der Mehrzahl oder richtiger, von der Richtung und dem Geist, der sich heute in der Medizin kundtut und entwickelt. Jene anderen, jene Verräter der Sache, sind Wölfe in der Schafherde, was sie auch zu ihrer Rechtfertigung vorbringen werden, wie zum Beispiel die Ausrede von dem „Milieu“, das sie verschlungen habe, – sie werden doch immer im Unrecht bleiben, besonders wenn sie inzwischen auch die Nächstenliebe verloren haben. Nächstenliebe, Freundlichkeit, brüderliches Mitleid mit dem Leidenden ist für diesen oft viel notwendiger, als alle Arzneien. Es wäre wirklich Zeit, endlich aufzuhören, die Schuld apathisch auf das „Milieu“ abzuwälzen, mit der Begründung, daß es uns erstickt habe. Es ist allerdings wahr, daß es vieles erstickt, alles aber kann es uns doch niemals nehmen. Und wie oft hat ein geriebener und sachverständiger Schurke nicht nur seine Schwächen, sondern selbst seine größten Gemeinheiten mit dem Einfluß des „Milieu“ äußerst gewandt zu verdecken oder sogar zu rechtfertigen gewußt, besonders wenn er schön zu reden und schön zu schreiben verstand. ... Übrigens bin ich wieder vom Thema abgewichen.

Ich wollte nur sagen, daß das einfache Volk sich mehr zur medizinischen Administration mißtrauisch verhält, als zu den Ärzten selbst. Hat es sie einmal näher kennen gelernt und gesehen, wie sie in Wirklichkeit sind, so verliert es schnell viele seiner Vorurteile. Die übliche Einrichtung unserer Heilanstalten entspricht bis jetzt noch in vielen Dingen nicht dem Volksgeist, steht mit ihren Vorschriften den Angewohnheiten des einfachen Menschen feindlich gegenüber und kann daher auch nicht sein volles Vertrauen und seine volle Achtung erwerben. Wenigstens will es mir so scheinen, nach dem, was ich selbst gesehen habe und nach den verschiedenen empfangenen Eindrücken.

Unser Abteilungsarzt blieb gewöhnlich bei jedem Kranken stehen, untersuchte ihn ernst und äußerst gewissenhaft, richtete verschiedene Fragen an ihn, verschrieb die Medizin, bestimmte das Essen, die Portion. Zuweilen bemerkte er sehr gut, daß dem angeblich „Kranken“ überhaupt nichts fehlte, da aber der betreffende Arrestant gekommen war, um sich von der schweren Arbeit zu erholen oder einige Zeit in einem weichen Bett zu liegen, anstatt auf nackten Pritschenbrettern, oder immerhin in einem warmen Zimmer und nicht im feuchten Haftlokal der Hauptwache, wo in engem Raum die bleichen, elenden Untersuchungsgefangenen – die fast immer bleich und elend sind (ein Zeichen, daß ihre Verpflegung schlecht und ihr Seelenzustand bedrückter ist, als der der bereits Verurteilten) – in dichten Haufen zusammengepfercht gehalten werden, so schrieb er auf seinen Krankenzettel irgend ein ^febris catarrhalis^ und ließ ihn nicht selten eine ganze Woche liegen. Über ^febris catarrhalis^ lachten wir alle. Man wußte ja schon, daß es die in beiderseitigem Einverständnis zwischen dem Arzt und dem Kranken gewählte Formel für Faulfieber oder für eine vorgetäuschte Krankheit war, oder „vorrätiges Bauchgrimmen“, wie die Arrestanten ^febris catarrhalis^ frei nach ihrer Auffassung übersetzten. Natürlich kam es auch vor, daß der Kranke die Güte des Arztes ausnutzte und so lange liegen blieb, bis er mit Gewalt fortgeschickt werden mußte. Dann hätte man unsern jungen Arzt sehen sollen: er schien ganz zaghaft zu werden, schien sich förmlich zu schämen, dem „Kranken“ zu sagen, daß er gesund sei und sich bald ausschreiben lassen müsse, obgleich er doch als Arzt das volle Recht hatte, ihn ohne alle Redewendungen und Versuche einfach zu verabschieden, indem er auf sein Krankenzeugnis nur „geheilt“ zu schreiben brauchte. Er deutete ihm zuerst nur an, dann versuchte er ihn zu überreden oder gar zu bitten: „hm, so und so, was meinst du, wird es nicht bald Zeit sein? Du bist ja doch schon gesund, hier ist es jetzt sehr eng“ usw., usw., bis dem Sträfling schließlich doch das Gewissen schlug und er selbst um seine Entlassung bat. Der Oberarzt dagegen war, wenn auch ein nicht minder menschenfreundlicher und ehrenhafter alter Herr – die Kranken liebten ihn gleichfalls sehr – in dieser Beziehung unvergleichlich strenger und entschlossener, ja er konnte sogar unerbittlich streng sein, und gerade deswegen wurde er bei uns ganz besonders geachtet. Er erschien bald nach dem Abteilungsarzt, begleitet von allen anderen Ärzten des Hospitals, untersuchte gleichfalls jeden einzeln, namentlich die Schwerkranken, wußte ihnen stets etwas Gutes, Ermunterndes zu sagen, häufig sogar ein herzliches Wort, und überhaupt machte er einen guten Eindruck. Die Patienten mit „vorrätigem Bauchgrimmen“ wies er nie zurück, nur wenn der Bursche gar nicht wieder fortgehen wollte, so ließ er ihn ohne viel zu fragen „ausschreiben“. „Nun, wie steht’s, mein Junge, hast genug gelegen und dich ausgeruht, geh mal jetzt, ein Mensch muß Ehre im Leibe haben.“ Diese nicht freiwillig Gehenden waren in der Regel die Faulen, die sich in der Arbeitszeit, also im Sommer, gern um die Arbeit drückten, oder die eines Vergehens Schuldigen, die einer Bestrafung entgegensahen. Ich entsinne mich noch, wie man gegen einen von ihnen zu einem ganz besonders strengen, ja sogar grausamen Mittel griff, um ihn zum Fortgehen zu bewegen. Er war mit einer Augenkrankheit gekommen: seine Augen waren rot und er klagte über starken, stechenden Schmerz in ihnen. Man behandelte ihn mit spanischen Fliegen, Blutegeln, mit Einspritzungen einer besonderen Flüssigkeit in die Augen und noch verschiedenen anderen Mitteln, doch die Krankheit wurde nicht gehoben, die Augen waren und blieben entzündet. Allmählich aber errieten die Ärzte, daß die Krankheit nicht echt war: die Entzündung war nicht gerade sehr stark, wurde weder schlimmer noch besser, – sie blieb immer im selben Stadium. Das war verdächtig. Die Sträflinge wußten schon lange, daß der Betreffende die Ärzte betrog, obwohl er es ihnen nicht verraten hatte. Er war ein noch junger Bursche, sogar hübsch zu nennen, machte aber auf uns alle einen recht unangenehmen Eindruck: er war verschlossen, mißtrauisch, mürrisch, sprach mit keinem ein Wort, blickte unter der Stirn hervor, zog sich von allen zurück, ganz als hätte er einen jeden schlimmer Absichten verdächtigt. Ich weiß noch, einige befürchteten ernstlich, daß er irgend etwas Schlimmes anstiften könnte. Er war Soldat aus der Strafkompagnie, hatte viel gestohlen, war ertappt und zu tausend Stockschlägen und zur Zwangsarbeit verurteilt worden. Ich habe schon gesagt, daß die Verurteilten sich bisweilen zu den schlimmsten Ausfällen entschließen, nur um den Augenblick der Strafe hinauszuschieben: sie werfen sich mit dem Messer auf einen Offizier oder einen ihrer Schicksalsgenossen, sie kommen von neuem in Untersuchungshaft, ein neues Verfahren wird gegen sie eingeleitet und die erste Strafe vorläufig noch hinausgeschoben, nicht selten auf ganze zwei Monate – das aber ist alles, was sie wollen. Der Betreffende denkt nicht daran, daß man ihn nach zwei Monaten zweimal, dreimal so streng bestrafen wird: wenn nur der grauenvolle Augenblick nicht gleich kam, wenn man ihn nur noch auf ein paar Tage hinausschieben konnte, mag dann kommen, was kommt! – so mutlos sind zuweilen diese Unglücklichen. Einige flüsterten sogar unter sich, daß man sich in acht nehmen müsse, er könne einen in der Nacht noch erstechen. Übrigens wurde nur so gesprochen, wirkliche Vorkehrungen traf niemand, selbst die nicht, deren Bett dem seinen zunächst stand. Man hatte schon bemerkt, daß er in der Nacht seine Augen mit einem Stückchen Kalk von dem Stück Stubenwand und noch irgend etwas anderem rieb, damit sie am nächsten Morgen wieder rot wären. Endlich drohte ihm der Oberarzt ein schmerzhaftes Verfahren an: das Haarseil. Bei hartnäckiger Augenkrankheit, die lange andauert und durch alle anderen medizinischen Mittel nicht gehoben werden kann, entschließen sich die Ärzte, um dem Kranken die Sehkraft zu erhalten, zu einem starken und qualvollen Mittel zu greifen: sie ziehen ihm einen – Leinwandstreifen durch die Haut, als wäre er ein Pferd. Unserer nun konnte sich selbst jetzt noch nicht entschließen, gesund zu werden. Ich weiß nicht, was in diesem Menschen größer war: Eigensinn oder Feigheit. Zwar war das „Haarseil“ nicht Stockschläge, doch viel stand es ihnen in der Qual nicht nach. Dem Kranken wurde hinten am Halse soviel Haut, wieviel man mit der Hand nur fassen konnte, zusammengenommen; durch diese Haut wurde ein Messer durchgestochen, wodurch eine breite und lange Wunde über den ganzen Nacken entstand, und durch diese Wunde wurde dann ein Leinwandstreifen etwa von der Breite eines Fingers durchgezogen. Nun wurde dieser Leinwandstreifen täglich hin und her gezogen und folglich die Wunde immer von neuem wieder aufgerissen, damit sie beständig eitere. Der arme Teufel ertrug auch diese Marter unter den größten Qualen eigensinnig noch mehrere Tage, bis er sich dann doch endlich entschloß, die Sache aufzugeben. Seine Augen wurden an einem Tage vollkommen gesund, und nachdem auch sein Hals geheilt war, ging er auf die Hauptwache, um die tausend Stockschläge zu erhalten.

Natürlich ist der Augenblick vor der Bestrafung schwer, dermaßen schwer, daß ich vielleicht unrecht tue, wenn ich diese Angst vor ihr Kleinmut und Feigheit nenne. Muß sie denn nicht tatsächlich furchtbar sein, wenn man eine doppelte, dreifache Bestrafung heraufbeschwört, nur um diesen Augenblick um ein weniges hinauszuschieben! Aber es gibt auch andere – von denen ich übrigens auch schon gesprochen habe, – die sich mit noch nicht ganz geheiltem Rücken bereits ausschreiben lassen, nur um schneller auch den Rest der Strafe zu empfangen und so bald als möglich das Haftlokal verlassen zu können, denn das Leben auf der Hauptwache ist natürlich unvergleichlich langweiliger als jede Zwangsarbeit. Doch außer dem Unterschied in den Temperamenten spielte in der Entschlossenheit oder Unentschlossenheit die Gewohnheit an Schläge und Strafen eine große Rolle. Ein oft Geschlagener festigt sich gleichsam geistig wie körperlich und sieht schließlich ziemlich skeptisch auf die Strafen, beinahe wie auf eine nur kleine Unannehmlichkeit, die er kaum noch fürchtet! Im allgemeinen gesprochen, ist das durchaus wahr. So erzählte mir einer der Sträflinge aus der besonderen Abteilung, es war ein getaufter Kalmück, Alexander – oder Alexandra, wie er bei uns genannt wurde, ein eigenartiges, durchtriebenes, furchtbares Männlein, das gleichzeitig überaus gutherzig war – wie er viertausend Schläge erhalten hatte, erzählte es lachend und scherzend, schwor aber gleich darauf, daß er, wenn er nicht von Kindheit auf, schon vom zartesten Alter an, nur unter der Knute ausgewachsen wäre, von der sein Rücken während seines ganzen Lebens in der Horde buchstäblich nie ohne Schorfstreifen gewesen sei, diese viertausend Hiebe in keinem Fall überlebt hätte. Während er es mir erzählte, schien er seine Erziehung unter der Knute geradezu zu segnen.

„Ich wurde für alles geprügelt, Alexander Petrowitsch,“ sagte er einmal zu mir, als er am Abend, noch bevor das Nachtlicht angezündet wurde, auf meinem Bettrand saß. „Für alles und jedes, für was es auch sein mochte, runde fünfzehn Jahre, schon seit jenem ersten Tage, dessen ich mich nach meiner Geburt erinnern kann, und jeden Tag ein paarmal. Nur wer grad keine Lust dazu hatte, der schlug mich nicht. So kam’s, daß ich mich zum Schluß ganz und gar daran gewöhnt hatte.“

Wie er unter die Soldaten gekommen war, weiß ich nicht. Vielleicht hat er es mir auch erzählt, dann habe ich es aber vergessen. Er war ein echter Landstreicher und Nomade. Ich erinnere mich nur noch einer Erzählung, wie ihn entsetzliche Angst erfaßt hatte, als er wegen der Ermordung seines Vorgesetzten zu viertausend Hieben verurteilt worden war.

„Ich wußte,“ erzählte er, „daß man mich hart bestrafen und mich, kann sein, überhaupt nicht mit dem Leben davonkommen lassen würde, wenn ich auch von Jugend auf an Hiebe gewöhnt war, aber viertausend Hiebe, das ist doch, hn, – Spaß! Und dazu waren noch alle Vorgesetzten wütend auf mich! Ich wußte, wußte ganz genau, daß ich nicht durchkommen würde, daß man mich nicht lebendig wieder losließ. Ich versuchte es zuerst mit der Taufe, dachte, was kann man wissen, vielleicht vergibt man mir, und obschon mir die Meinigen genug sagten, daß deswegen nichts davon geschehen werde, nichts von verzeihen, so dachte ich doch bei mir: ich will’s doch versuchen, schaden kann’s ja nicht und ihnen wird es doch um einen Getauften etwas mehr leid tun. Und ich wurde auch wirklich getauft und bei der heiligen Taufe erhielt ich den Namen Alexander. Nun, aber die Viertausend blieben immer Viertausend. Wenn man mir auch nur einen einzigen Hieb abgelassen hätte! Ich fühlte mich wirklich gekränkt. Da denke ich so bei mir: also so, na wartet, ich werde euch jetzt alle samt und sonders betrügen! Und was glaubt Ihr, Alexander Petrowitsch, ich habe sie doch wirklich betrogen! Ich verstand es mehr als fein, mich so zu stellen, als wäre ich tot, das heißt, nicht ganz fertig, aber immer so, daß nur noch ein Zipfelchen von der Seele im Körper drin ist und auch dieses noch jeden Augenblick hinausgehen kann. Man führte mich; erstes Tausend: brennt wie Feuer, ich schreie; zweites Tausend, – nun, denke ich, jetzt ist mein Ende gekommen, die Füße trugen nicht mehr, Verstand zum Teufel. Ich schnell entschlossen – plumps, falle hin, auf die Erde, mache tote Augen, mein Gesicht wird blau, Atem stockt, Schaum vor dem Munde. Der Arzt kommt: ‚Wird sogleich,‘ sagt er, ‚sterben.‘ Man trug mich ins Hospital, ich aber wurde im Handumdrehen wieder lebendig. So wurde ich dann noch zweimal hinausgeführt, aber erbittert waren sie auf mich, das waren sie, ich aber betrog sie noch ganze zwei Mal. Als ich das zweitemal vorkam, nahm ich nur ein Tausend hin, das dritte an der Zahl, – starb. Als aber das vierte an die Reihe kam, da ging mir jeder Hieb wie ’n Messer übers Herz, da zählte jeder Hieb für drei, so schmerzhaft schlugen sie! Sie waren aber auch wütend auf mich! Dieses verfluchte letzte Tausend – das es der! ... – war all die anderen drei wert, und wenn ich nicht kurz vor Schluß gestorben wäre – nur zweihundert blieben noch – so hätten sie mich wahrhaftig mausetot geprügelt, nun, ich aber gab mich nicht dazu her: ich pfiff ihnen was und starb wieder. Wieder glaubten sie, und wie sollten sie denn nicht: der Arzt glaubte doch! Aber bei den letzten zweihundert, da rissen sie, was sie nur reißen konnten, aus voller Wut, so daß ein andermal selbst zweitausend leichter sind, aber tot kriegten sie mich doch nicht, da konnten sie sich die Nase abwischen! Und warum hatten sie mich nicht totgekriegt? Weil ich eben von Kindesbeinen an unter der Knute aufgewachsen war. Darum lebe ich auch heute noch. Ja, ich sag wohl, was man mich geschlagen hat in meinem Leben, was man mich geschlagen hat!“ fügte er zum Schluß der Erzählung hinzu, wie in ernstes Nachdenken versunken, als bemühe er sich, ungefähr zu berechnen, wieviel Mal und wie stark man ihn wohl geschlagen haben mochte. „Ach was,“ sagte er dann nach kurzem Schweigen, „wo soll das einer auszählen, soviel Zahlen gibt es ja überhaupt nicht!“

Er sah mich an und lachte, aber so gutmütig, daß auch ich nicht ernst bleiben konnte und ihm als Antwort zulächelte.

„Aber wißt Ihr auch, Alexander Petrowitsch, daß ich, wenn mir nachts manchmal träumt, dann nichts anderes sehe, als daß ich geprügelt werde. Andere Träume habe ich überhaupt nicht.“

Er schrie allerdings nicht selten in der Nacht aus voller Kehle, sodaß ihn die anderen Sträflinge mit Püffen zur Besinnung brachten: „Na, Teufel, was schreist du denn!“ Er war ein gesunder Bursch, nicht groß von Wuchs, ein unruhiger Geist, von Charakter äußerst heiter, fünfundvierzig Jahre alt, stand mit allen auf gutem Fuß, und wenn er auch eine große Vorliebe für das Stehlen hatte und von den anderen sehr oft dafür verprügelt wurde, so war das schließlich nichts Ungewöhnliches, denn wer stahl bei uns nicht und wer wurde nicht dafür verprügelt?

Hier muß ich noch eines hinzufügen: ich habe mich oft gewundert über die ungewöhnliche Gutmütigkeit und Arglosigkeit, mit der alle diese Gezüchtigten von der Züchtigung und von denen, die sie gezüchtigt hatten, erzählten. Häufig habe ich nicht einmal eine Spur von Groll oder Haß in einer solchen Erzählung entdecken können, bei der mir nicht selten das Herz stehen blieb oder laut und stark klopfte. Sie aber erzählten ganz gleichmütig und lachten wie Kinder. Nur M–tzkij war eine Ausnahme, er war nicht adlig und man hatte ihn zu fünfhundert verurteilt. Ich erfuhr es von anderen und fragte ihn einmal, ob es wahr sei, und wie er es ausgehalten habe. Er antwortete mir merkwürdig kurz – wie unter einem inneren Schmerz – und bemühte sich, mich nicht anzusehen, sein Gesicht aber wurde auffallend rot. Erst nach einer halben Minute sah er mich wieder an und in seinen Augen glühte Haß, seine Lippen zitterten vor Unwillen. Da fühlte ich, daß er niemals diese Stunde aus seiner Vergangenheit würde vergessen können. Von den übrigen jedoch sahen alle – ich bürge allerdings nicht dafür, daß es keine Ausnahmen gab, – sahen alle ganz anders auf die Sache. Es kann doch nicht sein, dachte ich zuweilen, daß sie sich für schuldig und ihre Strafe für durchaus verdient halten, besonders noch wenn sie sich nicht gegen die ihrigen, sondern gegen ihre Feinde, die Vorgesetzten, vergangen haben? Die Mehrzahl von ihnen klagte sich niemals an. Ich habe schon gesagt, daß ich Gewissensbisse nie gesehen, selbst dann nicht, wenn das Verbrechen an einem aus ihrer eigenen Gesellschaftsklasse begangen war, von den Verbrechen an den Vorgesetzten ganz zu schweigen. Ja es schien mir, daß in diesem Falle die vollendete Tatsache mit einem ganz besonderen, sozusagen praktischen Blick betrachtet wurde: man dachte an die Macht des Schicksals, an das Unabänderliche des Geschehenen, – tat es aber nicht etwa aus Berechnung, sondern gleichsam unbewußt, wie in einem einmal angenommenen alten Glauben. Wenn aber der Arrestant geneigt ist, sich in seinen Vergehen gegen die Vorgesetzten für durchaus gerechtfertigt zu halten, ja, diese Frage für ihn überhaupt nicht existiert, so erkennt er praktisch doch vollkommen an, daß die Vorgesetzten mit einem ganz anderen Blick auf sein Verbrechen sehen, und ihn folglich bestrafen mußten. Hier war es ein richtiger Kampf. Der Verbrecher weiß und zweifelt nicht daran, daß das Urteil seiner Umgebung, seiner Gesellschaftsklasse ihn freispricht, dasselbe einfache Volk, unter dem er aufgewachsen ist, das ihn niemals – und das weiß er ebenso gut – niemals endgültig verurteilen wird, meistenteils ihn aber vollkommen freispricht, wenn nur das Verbrechen nicht an den eigenen, an seinen Brüdern, an den ihm Verwandtesten des Volkes begangen ist. Sein _Gewissen_ ist ruhig, hierin ist er stark, und niemals wird er sich sittlich verwirren lassen, das aber ist die Hauptsache. Er fühlt gewissermaßen, daß er etwas hat, worauf er sich stützen kann, und darum haßt er nicht, sondern faßt das mit ihm Geschehene als ein Ergebnis der unvermeidlichen Tatsache auf, die nicht durch ihn eingeführt ist und auch nicht durch ihn beendet werden kann, und noch lange, lange fortdauern wird in dem nun einmal bestehenden passiven, doch hartnäckigen Kampfe. Welch ein Soldat wird im Kriege den Feind, den einzelnen Soldaten des Feindes persönlich hassen? Und doch kann jener nach ihm schießen, ihn niederschlagen, ihn erstechen ...

Übrigens waren nicht alle Erzählungen so kaltblütig und gleichmütig. Von dem Leutnant Sherebätnikoff zum Beispiel erzählte man sogar mit einem gewissen Unwillen, der aber übrigens bei vielen nicht sehr groß war.

Diesen Leutnant Sherebätnikoff lernte ich schon in den ersten Tagen, die ich im Lazarett verbrachte, kennen – natürlich nicht persönlich, sondern nur aus den Erzählungen der Sträflinge. Später sah ich ihn einmal auch in Wirklichkeit, als er gerade auf der Wache war. Er war ein Mann von nahezu dreißig Jahren, groß, dick, beinahe fett, mit roten, dicken Wangen, mit weißen Zähnen, und einem Lachen, wie Gogol es zuweilen schildert. Seinem Gesicht sah man es sofort an, daß er der unbedachtsamste Mensch der Welt war. Seine Liebe zum Bestrafen und Peitschenlassen, wenn er einmal zum Exekutor bestimmt wurde, grenzte förmlich an Leidenschaft. Ich muß vorausschicken, daß ich diesen Leutnant schon damals für ein Ungeheuer unter seinesgleichen hielt, und ungefähr ebenso sahen auch die anderen Sträflinge auf ihn. Es gab auch außer ihm Exekutoren, in alten Zeiten, versteht sich, – d. h., in jenen jüngst vergangenen Zeiten, die „kaum vorüber und doch kaum glaublich sind,“ wie Gribojedoff sagt – Exekutoren, die ihre Pflicht in dieser Sache peinlich genau und mit Eifer zu erfüllen pflegten. Gewöhnlich aber ging die Bestrafung von Seiten des dazu abkommandierten Leutnants ganz naiv und ohne jede besondere Begeisterung vor sich. Sherebätnikoff dagegen war in dieser Beziehung von der Art eines raffinierten Gastronomen. Er liebte, liebte leidenschaftlich die Kunst des Bestrafens, und liebte sie nur um der Kunst willen. Er fand einen Genuß darin und gleich einem in Genüssen gar zu verwöhnten, blasierten Patrizier des römischen Imperiums erfand er noch verschiedene Verfeinerungen, sogar die widernatürlichsten, um seine in Fett erstickende Seele noch ein wenig angenehm zu kitzeln und zu erregen.

Man führt einen Verurteilten zur Bestrafung, Sherebätnikoff ist zur Leitung der Exekution kommandiert. Allein schon der Anblick der langen Reihe Soldaten mit den dicken Stöcken begeistert ihn. Zufrieden schreitet er die Front ab und schärft den Leuten nachdrücklich ein, daß ein jeder gut und gewissenhaft seine Pflicht erfüllen soll, sonst ... Die Soldaten wissen schon, was dieses „sonst“ bedeutet. Da wird der Verbrecher herangeführt, und hat er ihn bisher noch nicht kennen gelernt und noch nichts näheres über ihn gehört, so konnte Sherebätnikoff mit ihm zum Beispiel folgendes Stückchen spielen. – Doch ist selbstverständlich dieses, das ich hier anführe, nur eines von hunderten, denn der Leutnant war unerschöpflich in solchen Erfindungen.

Jeder Verurteilte wird in dem Augenblick, wenn man seinen Oberkörper entblößt und seine Hände an die Gewehrkolben gebunden hat, um an ihnen von den Unteroffizieren durch die ganze „grüne Gasse“ gezogen zu werden, – in dem Augenblick wird jeder Arrestant, der Sitte getreu, mit weinerlicher, kläglicher Stimme den Leiter der Exekution zu bitten anfangen, ihn nicht gar so hart bestrafen zu lassen, wenigstens nicht mit übermäßiger Strenge.

„Euer Gnaden,“ fleht der Unglückliche, „erbarmt Euch, seid wie unser himmlischer Vater, tut, daß ewig für Euer Wohlergehen gebetet werde, bringt mich nicht um, erbarmt Euch!“

Sherebätnikoff hat nur darauf gewartet: er hält sogleich den Vorgang auf und beginnt – gleichfalls mit gerührter Stimme – folgendes Gespräch:

„Aber, mein Freund,“ sagt er, „was soll ich denn mit dir anfangen! Nicht ich bestrafe dich, sondern das Gesetz!“

„Euer Gnaden, alles ist in Euren Händen, wolltet Ihr Euch nur erbarmen!“

„Glaubst du denn, daß du mir nicht leid tust? Du glaubst wohl, daß es mir Vergnügen macht, zu sehen, wie man dich schlägt? Ich bin doch auch ein Mensch! Bin ich ein Mensch oder nicht, deiner Meinung nach?“

„Ach, Euer Gnaden, wir wissen doch, – Ihr seid unsere Väter und wir Eure Kinder. Handelt an mir wie ein leiblicher Vater!“ bittet der Arrestant, der schon zu hoffen anfängt.

„Aber, mein Freund, bedenke doch selbst, du hast doch einen Verstand, kannst doch selbst urteilen: ich weiß es doch selbst, daß ich aus Menschlichkeit auch auf dich Sünder nachsichtig und barmherzig blicken soll ...“

„Ach, Euer Gnaden sagt die reinste Wahrheit!“

„Ja, barmherzig blicken soll, wie sündig du auch bist. Aber hier handelt es sich doch nicht um mich, sondern um das Gesetz! Denk doch nur nach! Ich diene doch Gott und dem Vaterlande! Ich nehme doch eine schwere Sünde auf mich, wenn ich das Gesetz abschwäche, bedenke doch nur das!“

„Euer Gnaden!“

„Nun, aber was! Mag es denn so sein, für dich! Ich weiß, daß ich sündige, aber mag es denn sein ... Ich werde diesmal noch Gnade vor Recht walten lassen, werde dich nur leicht bestrafen. Aber wie, wenn ich dir damit nur schade? Lasse ich dich jetzt nur leicht bestrafen, so hoffst du, daß es das nächste Mal ebenso sein werde und wirst wieder ein Verbrechen begehen, – was dann? Ruht doch auf mir, auf meiner Seele die ...“

„Euer Gnaden! Freund und Feind sollen es wissen! Wie vor dem Richterstuhle des himmlischen Schöpfers ...“

„Nun, schon gut, schon gut! Aber wirst du mir schwören, daß du dich hinfort gut aufführen willst?“

„Daß mich der Herr zermalme, daß ich in jener Welt ...“

„Schwöre nicht, das ist Sünde. Ich werde auch deinem Wort glauben, – versprichst du es mir?“

„Euer Gnaden!!!“

„Nun, dann höre mich: ich habe nur wegen deiner Waisentränen Mitleid mit dir ... Du bist doch Waise?“

„Waise, Euer Gnaden, einsam wie ein Daumen, weder Vater noch Mutter ...“

„Nun, also dann um deiner Waisentränen willen, – aber sieh dich vor, es ist zum letztenmal ... Führt ihn,“ fügt er mit einer so milden Stimme hinzu, daß der Arrestant kaum weiß, mit welchen Gebeten er Gott für einen so barmherzigen Menschen danken soll.

Man führt ihn hin, der Trommelwirbel ertönt, die ersten Stöcke heben sich.

„Zieht ihn!“ schreit plötzlich aus vollem Halse Sherebätnikoff. „Schlagt zu, schlagt zu! Prügelt ihn! Noch mehr, noch mehr! Stärker der Waise, stärker dem Spitzbuben! Tränkt es ihm ein, kräftig, schlagt zu!“

Und die Soldaten schlagen zu aus aller Kraft, Funken sprühen aus den Augen des Armen, er sperrt den Mund auf und schreit. Sherebätnikoff aber läuft die Front entlang und lacht, lacht, hält sich die Seiten vor Lachen, kann sich nicht gerade halten, kann sich nicht aufrichten vor Lachen, so daß der Herzensjunge einem zum Schluß geradezu leid tut. Und er freut sich und es amüsiert ihn, und nur von Zeit zu Zeit unterbricht er sein helles, gesundes Lachen und dann hört man wieder:

„Schlagt zu, schlagt zu! Gebt’s dem Spitzbuben, gebt’s der Waise! ...“

Oder er ersann ein anderes amüsantes Verfahren: man bringt den Verurteilten, der legt sich wieder auf das Bitten. Sherebätnikoff verstellt sich diesmal nicht, er spielt den Aufrichtigen.

„Hör mal, mein Lieber,“ sagt er, „ich werde dich wie es sich gehört bestrafen, denn das hast du verdient. Aber eines kann ich für dich in Gottes Namen noch tun: ich werde dich nicht an die Gewehrkolben anbinden lassen. Du wirst allein gehen, aber nach einer neuen Art. Lauf selbst so schnell du kannst durch die ganze Gasse! Wenn auch jeder Stock dich deswegen nicht minder trifft, so wird die Sache doch kürzer sein, was meinst du? Willst du es versuchen?“

Der Sträfling hört ihn verwundert an, mißtrauisch, denkt aber nach:

„Was kann man wissen,“ meint er bei sich selbst, „vielleicht werde ich dabei tatsächlich besser abschneiden: ich laufe was ich laufen kann, und die Sache ist fünfmal schneller abgetan, und vielleicht wird nicht einmal jeder Stock treffen.“

„Gut, Euer Gnaden, ich bin einverstanden.“

„Nun, ich gleichfalls. Los! Gebt acht, aufgepaßt!“ schreit er den Soldaten zu, da er schon weiß, daß kein einziger Stock den schuldigen Rücken verfehlen wird, denn auch der fehlschlagende Soldat weiß nur zu gut, was ihm bevorsteht.

Der Sträfling läuft so schnell er kann, durch die „grüne Gasse“, kommt aber natürlich kaum bis zum fünfzehnten: die Stöcke fallen wie Blitze, wie ein Trommelwirbel, von beiden Seiten gleichzeitig auf ihn nieder, und der Arme stürzt wie gemäht, wie von einer Kugel getroffen zu Boden.

„Nein, Euer Gnaden, lieber schon nach dem Gesetz,“ sagte er, langsam von der Erde sich erhebend, bleich und erschrocken.

Sherebätnikoff aber, der den Verlauf der Sache schon im Voraus gewußt hat, schüttelt sich vor Lachen. Doch ich kann ja nicht alle seine Erfindungen wiedergeben und alles, was man sonst noch über ihn bei uns erzählte ...

In etwas anderem Ton und Geist sprach man bei uns über einen Leutnant Ssmekaloff, der vor unserem Platzmajor gewissermaßen den Posten eines Kommandeurs unseres Ostrogg bekleidet hatte. Erzählte man auch von Sherebätnikoff bisweilen ziemlich gleichmütig, ohne besonderen Groll, so freute man sich doch nicht über seine Heldentaten und lobte ihn nicht, sondern verabscheute ihn offenbar. Ja, man schien ihn sogar mit einem eigentümlichen Stolz zu verachten. Doch des Leutnants Ssmekaloff erinnerte man sich bei uns mit Vergnügen. Er war nämlich durchaus nicht ein besonderer Liebhaber der Prügelstrafe gewesen, und rein Sherebätnikoffsches Empfinden hatte er überhaupt nicht besessen. Anderseits aber war auch er gar nicht abgeneigt, auch einmal prügeln zu lassen. Doch das war ja gerade das Auffallende, daß man sich selbst seiner Prügelstrafen lächelnd und fast liebevoll erinnerte, – dermaßen hatte er das Herz der Leute gewonnen! Und wodurch nur? Durch welche Taten hatte er eine solche Popularität erworben? Es ist wahr, unser Ostroggvolk wie überhaupt das ganze russische Volk, ist fähig, selbst Qualen für ein freundliches Wort zu vergessen. Ich spreche davon, wie von einer Tatsache, ohne sie diesmal von dieser und jener Seite zu untersuchen. Es war nicht schwer, diesen Ausgestoßenen zu gefallen und unter ihnen populär zu werden. Der Leutnant Ssmekaloff aber hatte sich eine ganz _besondere_ Popularität erworben, so daß man sich sogar seiner Strafen fast mit Rührung erinnerte. „Einen Vater brauchten wir nicht mehr,“ sagten die Sträflinge und seufzten ordentlich, in Gedanken ihren früheren zeitweiligen Vorgesetzten, Ssmekaloff, mit dem gegenwärtigen Platzmajor vergleichend. „Eine Seele war der Mann!“

Er war eigentlich ein einfacher Mensch, in seiner Art vielleicht sogar gut. Aber es kommt ja nicht selten vor, daß man nicht nur einen durchschnittlich guten, sondern sogar äußerst guten Menschen zum Vorgesetzten hat, und doch lieben ihn alle nicht, ja, manch einer wird noch verspottet. Ssmekaloff verstand es aber, sich so zu geben, daß ein jeder ihn für einen von den Seinen hielt – „oh, der ist unser!“ – das aber ist mehr ein Talent, richtiger vielleicht, eine angeborene Eigenschaft, über die selbst der Besitzer derselben nicht einmal nachzudenken pflegt. Wie seltsam es auch klingen mag, aber es gibt unter solchen sehr oft nichts weniger als gute Menschen, und dennoch erfreuen sie sich sogar großer Beliebtheit. Sie sind nicht launisch, nicht hochmütig, zeigen dem untergebenen Volke keine Verachtung – und das ist, wie es mir scheint, der ganze Grund, warum man sie liebt. Da sieht man nichts vom verzärtelten Herrensöhnchen, da spürt man nichts von Herrenhochmut, wohl aber ist in ihnen ein ganz besonderer Hauch von Volklichkeit, der ihnen angeboren zu sein scheint, – Gott! – und wie fein versteht das Volk diesen Hauch wahrzunehmen! Was gibt das Volk dafür nicht hin! Selbst den gutmütigsten Menschen ist es bereit, sogar gegen den strengsten einzutauschen, wenn diesem nur etwas von seinem eigenen hanfleinenen Geruch anhaftet. Und wenn dieser Mensch nun noch tatsächlich gutmütig ist, und wär’s auch nur in seiner Weise? Dann ist er ja völlig unschätzbar, dann wird er bis in den Himmel erhoben.

Der Leutnant Ssmekaloff konnte, wie ich schon gesagt habe, mitunter auch sehr schmerzhaft bestrafen, aber er verstand es irgendwie so zu machen, daß man gegen ihn nicht nur keinen Groll hegte, sondern noch zu meiner Zeit, als schon alles längst vergessen war, sich vergnügt und mit Wohlgefallen seiner „Stückchen“ bei der Exekution erinnerte. Übrigens waren diese Stückchen nicht sehr verschiedenartig: die künstlerisch schöpferische Phantasie des Leutnants langte nicht zu großer Mannigfaltigkeit. Das heißt, wenn man die Wahrheit sagen soll; so hatte er nur ein einziges Stückchen in Bereitschaft, mit dem er sich ein ganzes Jahr lang amüsierte, vielleicht aber war es ihm gerade deswegen um so lieber, weil es sein einziges war. Es lag viel Naivität in ihm.

Man bringt zum Beispiel den schuldigen Arrestanten. Ssmekaloff erscheint in eigener Person, mit einem Lächeln, einem Scherzwort, tritt sogleich an den Arrestanten heran, fragt ihn dies und das, etwas Nebensächliches, vielleicht über seine persönlichen, häuslichen oder Ostroggangelegenheiten, fragt es aber durchaus nicht in irgend einer bestimmten Absicht, und auch nicht um der Phrasen willen, sondern ganz einfach, – _eben weil er tatsächlich das wissen will, wonach er fragt_. Man bringt die Ruten und für Ssmekaloff einen Stuhl. Er setzt sich, raucht seine Pfeife an, so eine lange, lange Pfeife. Der Verurteilte hält den Augenblick für günstig und fängt zu bitten an ...

„Nein, nein, mein Freund, streck dich mal hin, da ist nichts zu wollen ...“ sagt Ssmekaloff.

Der Arrestant seufzt und legt sich hin.

„Nun, mein Bester, kannst du nicht das Vaterunser auswendig hersagen?“

„Wie denn nicht, Euer Gnaden, ich bin doch auch getauft, habe schon als Kind Gebete gelernt.“

„Nun, dann sag es mal her.“

Der Sträfling weiß bereits ganz genau, was er herzusagen hat, er weiß auch schon im Voraus, was die Folge davon sein wird, da derselbe Scherz sich mindestens schon dreißigmal mit anderen wiederholt hat. Auch Ssmekaloff weiß, daß es dem Sträfling nichts neues ist; ja, er weiß sogar, daß selbst die Soldaten, die mit erhobenen Ruten vor dem liegenden Opfer stehen, den Scherz schon lange kennen, und dennoch wiederholt er ihn – dermaßen hat er ihm ein für allemal gefallen, vielleicht gerade aus dem Grunde, weil er ihn selbst erdacht hat, wahrscheinlich sogar aus literarischem Ehrgeiz.

Der Sträfling beginnt also mit dem Gebet und kommt schließlich auch zu den Worten: „Dein Wille geschehe ...“

„Halt!“ schreit sofort belebt der Leutnant, und zu den Soldaten mit den erhobenen Ruten gewandt, fügt er hinzu: „Haut ihn, aber wehe!“ worauf er in helles Lachen ausbricht.

Die ringsum stehenden Soldaten lächeln gleichfalls; auch der Schlagende lächelt und viel fehlt nicht, so lächelte auch der Geschlagene, ungeachtet dessen, daß die Rute schon durch die Luft pfeift, um im nächsten Augenblick wie ein Rasiermesser über den schuldigen Rücken zu schneiden. Und Ssmekaloff freut sich, – freut sich namentlich darüber, daß er es selbst und so gut – sogar im Reim! – ausgedacht hat.

Und Ssmekaloff verläßt den Schauplatz der Exekution vollauf zufrieden mit sich selbst, und sogar der Bestrafte kehrt nach der Züchtigung fast ebenso zufrieden mit sich wie mit Ssmekaloff zur Wache zurück, und siehe da – schon nach einer halben Stunde gibt er im Ostrogg, ganz wie er es auch jetzt noch tut, zum einunddreißigstenmal zum besten, wie das schon dreißigmal vorher wiederholte Stückchen auch mit ihm wiederholt worden war.

„Ja, eine Seele war der Mensch! Und ein seltener Spaßvogel!“

Mitunter war die Begeisterung für den „besten aller Leutnants“ etwas unverständlich.

„Ja, ging man so an seiner Wohnung vorüber,“ erzählte zuweilen einer, und sein ganzes Gesicht lächelte in der Erinnerung, „ging ganz ruhig, er aber saß schon bei sich zu Hause am Fenster, saß im Hausrock, trank Tee, rauchte sein Pfeifchen. Nun, man grüßte natürlich, nahm die Mütze ab. –

‚Wohin gehst du denn, Akssenoff?‘

‚Zur Arbeit, Michail Wassiljitsch, zuerst geht es nach der Werkstätte, wir sind dort vonnöten.‘

Da lachte er so vor sich hin ... Ja, wie gesagt, eine Seele war der Mensch! Eine Seele! – da ist kein Wort zu reden!“

Und pessimistisch meint einer von den Zuhörern:

„Heutzutage kann man solche mit der Laterne suchen.“