Chapter 9 of 21 · 7123 words · ~36 min read

IX.

Issai Fomitsch. – Das Bad. – Die Erzählung Bakluschins

Das Weihnachtsfest rückte heran. Die Arrestanten erwarteten es geradezu mit einer gewissen Feierlichkeit, und angesichts dieser Feierlichkeit begann auch ich etwas Ungewöhnliches zu erwarten. Vier Tage vor dem Fest wurden wir ins Bad geführt. Zu meiner Zeit, namentlich in den ersten Jahren, die ich im Ostrogg verbrachte, wurden die Sträflinge nur selten ins Bad geführt. Alles freute sich und ein jeder traf seine Vorkehrungen. Wir sollten nach dem Essen aufbrechen, und an diesem Nachmittage wurde nicht mehr gearbeitet. Am meisten aber freute sich in der ganzen Kaserne – Issai Fomitsch Bummstein, unser Jude, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Er nahm seine Dampfbäder bis zur Abstumpfung jedes Lebensgefühls, bis zur halben Bewußtlosigkeit, und jedesmal, wenn ich jetzt noch die alten Erinnerungen durchlebe und bei der Gelegenheit auch an dieses Arrestantenbad denke (das aber auch wirklich wert ist, nicht vergessen zu werden), so tritt unwillkürlich als erstes die Gestalt meines unvergeßlichen Kátorga- und Kasernengenossen Issai Fomitsch aus dem ganzen Bilde hervor. Gott, wie unsäglich komisch und spaßig dieser Mensch war! Über sein Äußeres habe ich schon einiges gesagt: fünfzig Jahre alt, schwächlich und verrunzelt, mit den fürchterlichsten Brandmälern auf den Wangen und der Stirn, mager, ausgemergelt und mit einem weißen Hühnerkörper. Sein Gesichtsausdruck war – durch nichts zu erschütternde Selbstzufriedenheit, ja sogar Seligkeit, wenn man will. Ich glaube, er bedauerte es nicht im geringsten, in die Kátorga geraten zu sein. Da er Juwelier war und es in der Stadt keinen Juwelier gab, so arbeitete er beständig für die Herrschaft und die Beamtenschaft in der Stadt in seinem Handwerk. Dafür wurde ihm immerhin etwas gezahlt. Jedenfalls litt er nicht Not, ja er lebte nach Ostroggbegriffen sogar „reich“, doch sparte er sein Geld und lieh es auf Pfänder dem ganzen Ostrogg, selbstverständlich gegen sehr hohe Prozente. Er besaß einen eigenen Ssamowar, eine gute Matratze, Tassen und ein ganzes Eßgeschirr. Die Juden der Stadt verließen ihn auch nicht mit ihrer Bekanntschaft und Gönnerschaft. Jeden Sonnabend ging er mit einer Eskorte in das städtische Bethaus – was vom Gesetz den Gefangenen erlaubt ist – und lebte glücklich und zufrieden, und erwartete nur mit Ungeduld die Beendigung seiner zwölfjährigen Strafzeit, um dann zu „aheiraten“. Es war in ihm eine unsäglich komische Mischung von Naivität, Dummheit, Schlauheit, Frechheit, Gutmütigkeit, Zaghaftigkeit, Prahlsucht und offenbarer Gemeinheit. Es wunderte mich, daß die Arrestanten ihn gar nicht verspotteten, höchstens ihn einmal zur Belustigung etwas neckten. Issai Fomitsch diente augenscheinlich der ganzen Gesellschaft zur Zerstreuung und ewigen Erheiterung. „Laßt unseren Issai Fomitsch in Ruh, er ist unser einziger!“ sagten sie lachend, und Issai Fomitsch, der sehr gut begriff, um was es sich handelte, war ersichtlich stolz auf seine Bedeutung, was die Arrestanten nicht wenig belustigte. Seine Ankunft im Ostrogg, noch vor mir, muß zum Sterben komisch gewesen sein. Man hat sie mir später geschildert.

Eines schönen Tages verbreitete sich im Ostrogg kurz nach der Rückkunft der Arrestanten von der Nachmittagsarbeit das Gerücht, daß man einen Juden gebracht habe, ihn in der Wachstube soeben rasiere, und daß er sofort erscheinen würde. Bis dahin hatte es in unserem Ostrogg noch keinen Juden gegeben. Die Arrestanten erwarteten ihn in größter Ungeduld und umringten ihn sofort, kaum daß er durch das Tor eingetreten war. Der Unteroffizier führte ihn in die Kaserne und wies ihm einen Platz auf der Pritsche an. Im Arm hielt Issai Fomitsch einen Sack, in dem er die ihm eingehändigten Arrestantenkleider und seine eigenen Habseligkeiten untergebracht hatte. Zaghaft stellte er den Sack hin, kletterte behende auf die Pritsche, setzte sich und zog geschwind die Beine unter, ohne dabei in seiner Angst zu wagen, auch nur einmal aufzublicken. Rings um ihn standen die Arrestanten, lachten und machten ihre Witze über das Häufchen Unglück und namentlich über seine hebräischen Vorzüge. Plötzlich drängte sich durch den dichten Haufen ein junger Arrestant, mit seinen ältesten, schmutzigen und zerrissenen Sommerhosen und einem Paar alter Fußlappen unterm Arm, die zum Überfluß noch Staatseigentum waren. Er setzte sich neben Issai Fomitsch auf die Pritsche und schlug ihn auf die Schulter:

„Na, alter Freund, dich hab ich ja grad schon sechs Jahre lang erwartet. Sieh mal, hier – was gibst du dafür?“

Und er hielt ihm die mitgebrachten Lumpen hin.

Issai Fomitsch, der seit dem Eintritt in den Ostrogg dermaßen verschüchtert war, daß er nicht einmal seinen Blick bis zu diesen höhnischen, verunstalteten, entsetzlichen Gesichtern der ihn wie eine Mauer umringenden furchtbaren Gesellen zu erheben und in seiner Angst noch keinen Laut von sich zu geben gewagt hatte, – fuhr beim Anblick eines Pfandes wie neubelebt auf und begann gewandt die Lumpen zu untersuchen: er hielt sie prüfend gegen das Licht und befühlte sie geschäftig von allen Seiten. Alle warteten, was er sagen würde.

„Na, einen Rubel in Silber wirst du wohl nicht geben? Und doch sind sie ja noch mindestens soviel wert!“ fuhr der Arrestant fort und blinzelte dem Issai Fomitsch zu.

„Einen Ssilberrubel kann ich nich, aber ich werd geben sieben Kopeken.“

Das waren die ersten Worte, die Issai Fomitsch im Ostrogg gesprochen hatte. Alles wälzte sich vor Lachen.

„Sieben! Na, dann gib die sieben meinetwegen her. Hast du aber heute Glück! Sieh nur zu, daß du das Pfand gut aufbewahrst, du haftest mir mit deinem Kopf dafür!“

„Und Perzent noch drei Kopeken, macht zehn Kopeken,“ fuhr das Jüdchen mit zitternder Stimme fort, indem er die Hand in die Tasche versenkte und ängstlich nach allen Seiten lugte. Groß war seine Angst, aber noch größer war die Lust, das Geschäftchen abzuwickeln.

„Wie, für das ganze Jahr drei Kopeken Prozent?“

„Nein, nicht fir ’n ganzen Jahr, fir ’n Monat wird’s sein.“

„Du bist ein Knicker, Israel. Übrigens, wie heißt du?“

„Issai Fomitz.“

„Na, Issai Fomitsch, du wirst es bei uns noch weit bringen. Leb wohl.“

Issai Fomitsch besah noch einmal das Pfand, faltete es dann sorgfältig zusammen und schob es in seinen Sack, – unter dem anhaltenden Gelächter der übrigen.

Man hatte ihn tatsächlich gewissermaßen gern und niemand tat ihm etwas zuleide, obgleich sie ihm alle schuldeten.

Friedfertig war er wie ein Huhn, und da er die allgemeine Zuneigung zu sich sehr wohl bemerkte, schöpfte er bald Mut, tat es aber mit so einfältiger Komik, daß ihm sofort alles verziehen wurde. Lutschka, der in seinem Leben viele Juden gekannt hatte, zog ihn nicht selten auf, doch tat er es ohne jede Bosheit, einfach nur so, zur Zerstreuung, ungefähr wie man mit einem Hündchen spielt, mit einem Papagei, mit abgerichteten Tieren, oder ähnlichen Dingen, was Issai Fomitsch sehr wohl merkte, weshalb er sich auch nie gekränkt fühlte, und worauf er sogar sehr schlagfertig zu entgegnen wußte.

„Ei, Jude, sieh dich vor, ich werde dich noch durchhauen!“

„Sslägst du mir einmal, so sslag ich dir zehnmal,“ versetzte Issai Fomitsch kreuzfidel.

„Du Lausbub!“

„Meinetwegen auch e Lausbub, kann nicht schaden.“

„Grindiger Jude!“

„Warum soll mir nicht sein auch grindig? Wenn auch grindig, so doch reich! Wenn man nur Kopekens hat.“

„Hast Christus verkauft!“

„Meinetwegen. Warum auch nicht.“

„Bravo, Issai Fomitsch, du hast den Mund auf dem rechten Fleck! Laßt unseren Issai Fomitsch in Ruh, er ist unser einziger!“ schreien lachend die Arrestanten.

„Ei, Jude, wirst dir noch die Peitsche verdienen, nach Sibirien kommen.“

„Fir was, da sein mir schon.“

„Wirst noch weiter fortgeschickt werden.“

„Warum nich. Is Gott der Herr auch dort ssu Haus?“

„Zu Haus ist er dort schon ...“

„Nu, is gutt. Hat man nur Gott den Herrn und Kopekens, so wird sein iberall gutt ssu leben.“

„Bravo, Issai Fomitsch, da sieht man, daß du ein wackerer Bursch bist!“ riefen ihm die anderen lachend zu – und wenn Issai Fomitsch auch sieht, daß über ihn gelacht wird, so ist er doch mutig und stolz.

Das allgemeine Lob bereitet ihm offenbar Vergnügen und hebt seine Lebensgeister dermaßen, daß er plötzlich mit seiner dünnen Falsettstimme aus der höchsten Fistel zu singen beginnt: lä lä lä lä lä! – irgend ein verrücktes und urkomisches Motiv, das einzige Lied – ohne Worte, – das er während der ganzen Dauer seiner Kátorga gesungen hat. Als er mit mir späterhin etwas näher bekannt wurde, versicherte er mir hoch und heilig, ja er schwor sogar, daß dieses Lied jenes selbe sei, das alle sechsmalhunderttausend Juden, der kleinste wie der größte, beim Durchmarsch durch das rote Meer gesungen hätten, und daß das Gesetz jedem Israeliten befehle, dieses Lied im Augenblick des Triumphes über die besiegten Feinde mit lauter Stimme zu singen.

An jedem Freitagabend kamen viele in unsere Kaserne zum Besuch, um zu sehen, wie Issai Fomitsch betete. Issai Fomitsch war dermaßen naiv eitel und ruhmsüchtig, daß diese allgemeine Neugier ihm gleichfalls Vergnügen bereitete. Mit pedantischer und übertriebener Wichtigkeit deckte er in der Ecke sein winzig kleines Tischchen, schlug sein Gebetbuch auf, zündete zwei Talglichte an und begann dann, unter dem Gemurmel von irgendwelchen geheimnisvollen Worten, sich in sein Betgewand einzuhüllen. Das war eine Art Überwurf aus buntem Wollenstoff, den er sorgfältig in seinem Kasten aufbewahrte. Er versah seine beiden Hände mit Handfesseln und auf dem Kopf, mitten auf der Stirn, befestigte er mittels eines Bandes ein kleines hölzernes Kästchen, so daß es aussah, als wüchse aus der Stirn Issai Fomitschs ein sonderbares Horn hervor.

Darauf begann das Beten. Er las in singendem Ton, schrie, spie, drehte sich um seine eigene Achse, machte wilde und sehr komische Gesten. Natürlich war das alles nach dem Ritus des Gebets vorgeschrieben und es wäre auch nichts Lächerliches oder Seltsames dabei gewesen: es war nur das bewußte Spiel Issai Fomitschs, der geschmeichelt uns freudig seine Vorstellung gab, und daß er auf seinen ganzen Ritus so stolz war, was so unsäglich komisch wirkte. Entweder bedeckt er plötzlich seinen Kopf mit beiden Händen und liest wie eine Maschine; das Schluchzen wird immer stärker, bis er schließlich, wie in Schmerz vergehend, aufheulend mit dem horngeschmückten Kopf auf sein Buch niederfällt. Doch mitten in der größten Verzweiflung, im stärksten Geheul – bricht er plötzlich in frohlockendes Gelächter aus und halb singend liest er weiter mit einer in übergroßer Seligkeit gleichsam vergehenden Stimme.

„Dem geht es aber nah!“ meinten dann die Arrestanten unter sich.

Einmal fragte ich Issai Fomitsch, was dieses Schluchzen und dieser plötzliche Übergang zu Glück und Seligkeit zu bedeuten hatten. Solche Fragen von mir waren ihm äußerst angenehm und er erklärte mir sofort, daß das Weinen und Heulen den Gedanken an den Verlust Jerusalems bedeute und daß ihr Gesetz ihnen vorschreibe, bei diesem Gedanken so laut als möglich zu schluchzen und sich vor die Brust zu schlagen. Im Augenblick des größten Schmerzes aber müsse er sich gleichsam unwillkürlich und ganz _plötzlich_ – diese Plötzlichkeit sei gleichfalls durch das Gesetz vorgeschrieben, – erinnern, daß es eine Prophezeiung von der Rückkehr aller Juden nach Jerusalem gebe. Dann müsse er _sofort_ in Freudegeschrei, Lieder und frohlockendes Gelächter ausbrechen und die Gebete mit einer Stimme, die möglichst viel Glück, und mit einem Gesicht, das möglichst viel Feierlichkeit und Edelmut ausdrückt, weiterlesen. Dieser plötzliche Übergang und das unbedingte Muß dieses Überganges gefielen Issai Fomitsch ungeheuer: er sah darin ein ganz besonders kniffliches Kunststück und teilte mir mit auffallend selbstbewußter Miene diese außerordentliche geistliche Vorschrift seines Gesetzes mit.

Einmal aber geschah es, daß der Major mit dem Offizier ^du jour^ und seiner Begleitmannschaft genau in dem Augenblick die Kaserne betrat, als Issai Fomitschs Beteifer den Gipfelpunkt erreicht hatte. Alle Arrestanten bildeten sofort Front vor ihren Pritschen und standen unbeweglich, nur Issai Fomitsch Bummstein schrie und fuchtelte wie besessen mit den Armen. Er wußte, daß das Gebet erlaubt war und nicht unterbrochen werden durfte und daß folglich er, Issai Fomitsch, nichts zu fürchten hatte, wenn er vor dem Major auch noch so toll sich gebärdete. Und außerdem war es ihm sehr angenehm, sich in seinem ganzen Glanze dem Herrn Major und zugleich auch uns zeigen zu können. Der Major trat bis auf einen Schritt an ihn heran: Issai Fomitsch drehte seine Rückseite zum Tisch und begann dem Major ins Gesicht, fuchtelnd und halb singend, seine feierliche Prophezeiung vorzulesen. Da es nun seine Pflicht war, während dieses Teiles des Gebets möglichst viel Glückseligkeit und Stolz auszudrücken, so ließ er es sich sofort angelegen sein, das Gebet tadellos zu erfüllen: er strahlte förmlich, er blinzelte, lachte und nickte dem Major verheißungsvoll zu.

Der Major war baff – dann wunderte er sich und schließlich brach er in schallendes Gelächter aus, nannte ihn einen Esel und verließ die Kaserne, begleitet von Issai Fomitschs noch größerem Geschrei.

Nach einer Stunde, als er bereits bei seinem Abendessen saß, fragte ich ihn, was er getan hätte, wenn unser Platzmajor in seiner Dummheit über sein Gebet in Wut geraten wäre.

„Was fir ’n Platzmajor?“

„Wieso – was für einer? – Habt Ihr ihn denn nicht gesehen?“

„Nein.“

„Aber er stand ja dicht vor Euch, gerade vor Euren Augen.“

Doch Issai Fomitsch beteuerte mit dem ernstesten Gesicht, er habe unseren Platzmajor tatsächlich nicht gesehen, er gerate während des Gebets in eine solche Ekstase, daß er dann nichts mehr von dem sehe oder höre, was um ihn her vorgehe.

Als stände er vor mir, so lebhaft erinnere ich mich Issai Fomitschs, wie er Sonnabends beschäftigungslos im ganzen Ostrogg umherstrich, aus allen Kräften bemüht, nichts zu tun, wie es das Gesetz für den Sabbath vorschreibt. Welche unerhörten Geschichten erzählte er mir jedesmal, wenn er aus seinem Bethaus zurückkehrte, welche überphantastischen Gerüchte aus Petersburg teilte er mir flüsternd mit, unter der dreifachen Versicherung, er habe es von „seine Leut“ gehört und jene wiederum hätten es aus der sichersten Quelle!

Doch ich rede schon allzuviel von Issai Fomitsch.

In der ganzen Stadt gab es nur zwei öffentliche Bäder. Das erste, das ein Jude unterhielt, war in einzelne Baderäume eingeteilt und jede Nummer kostete fünfzig Kopeken, – war also nur für die besseren Stände bestimmt. Das andere dagegen war nur für das einfache Volk, eine alte, schmutzige, enge „Badestube“, – und dorthin wurden auch die Arrestanten geführt.

Der Tag war kalt und sonnig, die Arrestanten freuten sich schon darüber, daß sie einmal aus der Festung herauskommen und die Stadt sehen würden. Scherze und Lachen hörten unterwegs nicht auf. Ein ganzer Zug Soldaten begleitete uns mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett, zum staunenden Entzücken der ganzen Stadt. Beim Bade angelangt, wurden wir sogleich in zwei Abteilungen getrennt: die zweite mußte solange im kalten Vorzimmer der Badestube warten, bis die erste sich gewaschen hatte, anders war es infolge des engen Raumes nicht zu machen. Doch dessen ungeachtet war die Stube noch viel zu klein, so daß man sich überhaupt nicht vorstellen konnte, wie selbst die Hälfte von uns in ihr Platz finden sollte. Aber Petroff verließ mich nicht: er half mir, ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, mich zu entkleiden und erbot sich sogar, mich zu waschen. Zusammen mit Petroff erbot sich auch Bakluschin, mir behilflich zu sein. Das war jener Arrestant aus der besonderen Abteilung, der bei uns der „Pionier“ genannt wurde und dessen ich schon Erwähnung getan habe als des lustigsten und sympathischsten unter ihnen allen, der er auch wirklich war. Ich war mit ihm schon ein wenig bekannt geworden.

Petroff half mir also, mich zu entkleiden, denn ich hatte noch keine Übung darin und so ging es denn sehr langsam. In der Vorstube aber war es kalt, – fast ebenso kalt wie draußen. Ich muß hier bemerken, daß das An- und Auskleiden einem darin ungeübten Arrestanten sogar sehr schwer fällt. Erstens mußte man verstehen, die sogenannten Fußschoner schnell aufzuschnüren. Diese Fußschoner waren aus Leder gemacht, etwa zwanzig Zentimeter lang und wurden über der Wäsche getragen, und gerade unter dem breiten Eisenring, der den Fuß umfaßte. Ein Paar solcher Fußschoner kostete nicht weniger als sechzig Kopeken in Silber und dennoch schaffte sie sich ein jeder Arrestant an, natürlich aus eigenen Mitteln, denn ohne sie wäre es für ihn nicht möglich gewesen, zu gehen. Der eiserne Fußring der Fesseln umfaßt das Gelenk nicht so eng, daß eine Reibung vermieden werden könnte: zwischen dem Ring und dem Fuß kann man noch einen Finger durchschieben, folglich reibt der Ring beim Gehen, und so hätte der Arrestant ohne lederne Fußschoner schon nach einem Tage wundgeriebene Füße gehabt. Aber das Aufschnüren dieser Fußschoner ist noch nicht das schlimmste! Viel schwieriger ist es, zu lernen, die Wäsche unter den Fesseln gewandt abzustreifen. Das war ein regelrechtes Kunststück. Machte man sich an das Ausziehen der Unterbeinkleider, so mußte man zuerst das eine Hosenbein, sagen wir das linke, zwischen Fesselring und Fuß gänzlich durchziehen, nach unten, und dann, nachdem der Fuß daraus befreit war, das leere Hosenbein seitlich wieder zwischen Fesselring und Fuß nach oben zurückziehen; hierauf mußte man alles, was vom linken Fuß abgestreift war, durch den Fesselring am rechten Fuß nach unten durchziehen, und wenn dann auch der rechte Fuß vom Hosenbein befreit war, alles wieder durch denselben Ring nach oben zurückziehen. Dasselbe Verfahren galt auch für das Anziehen der Wäsche. Einem Neuling wäre es schwer gewesen, auf diese Kniffe auch nur zu verfallen. Der erste, der mir dieses Verfahren gezeigt hatte, war der Arrestant Koreneff in Tobolsk, ein ehemaliger Räuberhauptmann, der bereits fünf Jahre lang an der Wand angekettet gesessen hatte. Die Arrestanten hatten sich aber schon daran gewöhnt und entkleideten sich ohne die geringsten Schwierigkeiten.

Ich gab Petroff einige Kopeken für Seife und einen Lindenbast. Freilich wurde uns Seife auch unentgeltlich gegeben, aber davon erhielt jeder nur ein kleines Stück von der Dicke einer Käsescheibe, wie man sie wohl am Abend als Zugabe zum Tee ißt, und von der Größe eines Zweikopekenstückes. Die Seife wurde daselbst in der Vorstube verkauft, sowie Sbitenj[5], Kalatschen und heißes Wasser. Jeder Arrestant erhielt, nach der Abmachung mit dem Besitzer der Badestube, nur eine Schale heißes Wasser; wer sich aber etwas gründlicher reinwaschen wollte, der konnte für zwei Kopeken noch eine Schale kaufen, die ihm aus der Vorstube durch ein eigens dazu bestimmtes Fenster gereicht wurde.

Nachdem Petroff mich entkleidet hatte, führte er mich am Arme in die eigentliche Badestube, da es ihm nicht entgangen war, daß mir das Gehen mit den Ketten sehr schwer fiel.

„Ziehen Sie sie nach oben, auf die Waden,“ sagte er, mich stützend, ganz als wäre er meine Kinderfrau gewesen, „hier aber vorsichtig, hier ist die Schwelle.“

Offen gestanden, ich schämte mich ein wenig und wollte ihn überzeugen, daß ich auch allein gehen könne, aber er hätte es mir ja doch nicht geglaubt. Er behandelte mich buchstäblich wie ein kleines Kind oder mindestens wie einen unmündigen, unerfahrenen Knaben, dem ein jeder verpflichtet ist, zu helfen. Petroff war unter keinen Umständen ein „Diener“: hätte ich ihn beleidigt, so würde er sofort gewußt haben, wie er mich zu behandeln hatte. Auch hatte ich ihm durchaus nicht etwa Geld für seine Dienste versprochen, und erst recht hatte er keines von mir verlangt. Was aber veranlaßte ihn dann, mich so zu bemuttern?

Als wir die Tür zur eigentlichen Badestube aufmachten, glaubte ich, die Hölle vor mir zu sehen. Man stelle sich eine Stube von ungefähr zwölf Schritt Länge und gleicher Breite vor, in der vielleicht an hundert Menschen eingesperrt sind, oder doch mindestens achtzig, denn wir waren nur in zwei Abteilungen geschieden worden, im ganzen aber waren wir an zweihundert Mann ins Bad gezogen. Ein Dampf war in dem Raume, daß es einem dunkel vor den Augen ward, dazu Qualm, Schmutz und eine Enge, die keinen Fuß breit Platz zeigte, wo man hätte hintreten können. Ich erschrak und wollte zurück, doch Petroff ermutigte mich und zog mich schnell hinein. Ich weiß selbst nicht wie, aber jedenfalls mit den größten Schwierigkeiten gelangten wir endlich zu den Bänken, nachdem wir über unzählige Köpfe der auf dem Boden Sitzenden hinübergetreten waren, immer wieder mit der Bitte, sich ein wenig zu beugen, damit wir mit unseren Ketten bequemer hinüberkönnten. Auf den Bänken waren alle Plätze besetzt. Petroff erklärte mir, daß ich einen Platz kaufen müsse und trat für mich sofort in Unterhandlung mit einem, der sich am Fenster niedergelassen hatte. Der Sträfling überließ mir für eine Kopeke seinen Platz, erhielt von Petroff das Geld, – das dieser vorsorglich mitgenommen hatte und die ganze Zeit in der Hand hielt – und tauchte ohne weiteres unter die Bank, gerade unter meinen Platz, wo es dunkel und schmutzig war und eine glatte Feuchtigkeit fast einen halben Finger dick auf dem Boden lag. Doch selbst diese Plätze unter den Bänken waren alle besetzt, auch dort wimmelte es von nackten Körpern und Gliedern. Auf dem ganzen Fußboden gab es auch nicht eine Hand breit freien Platz, überall saßen gekrümmt und sich reibend die Arrestanten und begossen sich mit dem Wasser aus ihren Waschschalen. Andere standen aufrecht zwischen ihnen und wuschen sich stehend, während das schmutzige Wasser auf die halbrasierten Köpfe der am Boden Sitzenden herabfloß. Auf der Schwitzbank und auf allen Stufen, die zu ihr emporführten, saßen gekrümmt und gedrängt, fast einer auf dem anderen, sich waschende Gestalten. Genau genommen wuschen sie sich nicht allzu sehr. Die einfachen Leute waschen sich nur ein wenig mit Seife und heißem Wasser, sie lassen aber gehörig Dampf geben und schwitzen, was sie nur schwitzen können, um sich dann mit kaltem Wasser zu übergießen, – das ist ihr ganzes Bad. Wohl mit fünfzig Badequästen wurde oben auf der Schwitzbank gedroschen: alle quästeten sich bis zur Bewußtlosigkeit. Dampf wurde allaugenblicklich von neuem gegeben. Das war nicht mehr Hitze, sondern Glut. Und alles schrie dazu, gröhlte und schnatterte beim Klirren von hundert Ketten, die auf dem Boden herumgeschleift wurden ... Viele, die sich irgend wohin durchdrängen wollten, verwickelten sich in fremden Ketten oder zogen mit ihren eigenen Ketten die Köpfe der unter ihnen Sitzenden mit, stolperten, fielen, schimpften oder schleiften die anderen nach. Von allen Seiten floß schmutziges Wasser herab. Alle waren wie halbtrunken und dabei ungewöhnlich erregt: sie kreischten und schrieen, wie ich es noch nie zuvor gehört hatte. Das Fenster, durch welches man aus dem Vorraum das Wasser hereinreichte, wurde von einem drängendem schimpfenden, sich raufenden und stoßenden Haufen belagert. Das erhaltene heiße Wasser wurde über den Köpfen der anderen früher verspritzt, bevor es an seinem Bestimmungsort ankam. Hin und wieder erschien auf eine Sekunde in der offenen Tür oder im Fenster neben einem Bajonett das schnauzbärtige Gesicht eines Unteroffiziers oder eines Soldaten, um nach der Ordnung zu sehen. Die halbrasierten Köpfe und die von der Hitze geröteten Körper erschienen mir noch entsetzlicher als sonst. Auf den gequollenen Rücken zeichneten sich jetzt deutlich die Narben der früher einmal erhaltenen Spießruten oder Stockhiebe ab, so daß alle diese dunkelrot gestreiften Rücken aufs neue wundgepeitscht aussahen. Grauenvoll waren diese Narben! Mich überlief es kalt, als ich sie sah. Wieder wird Wasser auf die glühenden Steine im heißen Ofen geworfen und wieder steigt aus der oberen Ofentür eine heiße, undurchdringliche Dampfwolke empor und erfüllt den ganzen Raum – alles schnattert und schreit. Allmählich sieht man dann wieder in der grauweißen Dampfwolke die zerhauenen Rücken, die halbrasierten Schädel, die gekrümmten Beine und Arme, und zur Vollendung des ganzen singt oben auf der höchsten Schwitzbank Issai Fomitsch aus voller Kehle. Er läßt sich bis zur Bewußtlosigkeit dämpfen, doch ist ihm, wie es scheint, keine einzige Glut heiß genug: für eine Kopeke dingt er einen Bader unter den Arrestanten, doch selbst dieser hält es schließlich nicht mehr aus: er wirft den Quast hin und läuft fort, um sich mit kaltem Wasser zu begießen. Aber Issai Fomitsch dingt einen zweiten, einen dritten Bader, – er hat beschlossen, die Gelegenheit zu benutzen und diesmal nicht an die Ausgaben zu denken, und überlebt noch einen vierten und fünften Bader, die es alle nicht aushalten und fortstürzen.

„Tut nichts, ein Dampfbad ist gesund, bravo, Issai Fomitsch!“ schreien ihm von weitem die Arrestanten zu. Issai Fomitsch fühlt, daß er in diesem Augenblick alle überragt, – er triumphiert und singt mit schriller, irrsinniger Stimme seine Arie: lä lä lä lä lä, die alle anderen Stimmen übertönt. Mir kam unwillkürlich der Gedanke, daß, wenn wir einmal alle zusammen irgendwo in einer Hölle sein sollten, sie dieser Badestube auffallend ähnlich sein müsse. Ich konnte es nicht unterlassen, meinen Gedanken Petroff mitzuteilen: er blickte sich nur einmal um, sagte aber nichts.

Ich wollte ihm gleichfalls einen Platz neben mir kaufen, er aber setzte sich schnell zu meinen Füßen nieder und behauptete, er habe es sehr bequem. Bakluschin kaufte und brachte uns das Wasser, sobald wir wieder welches brauchten. Petroff erklärte ohne weiteres, daß er mich vom Hacken bis zum Nacken reinwaschen würde, „so daß Sie dann ganz sauber sein werden,“ und beredete mich eifrig zu einem „Dampfbad“, was ich aber doch nicht zu versuchen wagte. Petroff seifte mich sorgfältig ein.

„Und jetzt werde ich Ihnen noch Ihre _Füßchen_ waschen,“ erklärte er zu guterletzt. Ich wollte protestieren und sagen, meine Füße könne ich selbst waschen, aber ich sah ein, daß es besser war, ihm nicht zu widersprechen und ihm seinen Willen zu lassen. In dem Diminutiv „Füßchen“ lag übrigens nicht der leiseste Schimmer von einem Schmeichelnwollen oder von knechtischer Ergebenheit. Petroff konnte wahrscheinlich meine Füße deswegen nicht „Füße“ nennen, weil die anderen, wirklichen Menschen Füße hatten, ich aber eben nur erst Füßchen.

Nachdem er mich dann „ganz sauber“ gewaschen hatte, führte er mich unter denselben Zeremonien, d. h. indem er mich stützte und warnte und alle möglichen Vorsichtsmaßregeln ergriff – ganz als wäre ich aus Porzellan gewesen – wieder in die Vorstube zurück, und half mir wieder in die Wäsche, und erst hierauf, als er mit mir fertig geworden war, ging er eilig zurück ins Bad, um nun selbst noch zu schwitzen.

Als wir wieder im Ostrogg waren, bot ich ihm ein Glas Tee an. Er wies es nicht zurück, trank es gern und dankte mir. Da kam es mir in den Sinn, meinen Beutel aufzutun und ihm einen Viertelliter Branntwein zu spendieren. Branntwein fand sich, wie immer, in der Kaserne. Petroff war sehr zufrieden, stürzte ihn hinab, krächzte einmal, und ging, nachdem er mir gesagt, ich hätte ihn wieder neubelebt, eilig in die Küche, als könne man dort ohne ihn ganz unmöglich über irgend etwas ins reine kommen. An seiner Stelle kam darauf mein anderer Freund, Bakluschin, der „Pionier“, zu mir, den ich schon im Bade zu einem Glas Tee aufgefordert hatte.

Ich kenne keinen Charakter, der liebenswürdiger gewesen wäre, als derjenige Bakluschins. Gewiß stritt er sogar sehr oft, gab den anderen nichts nach und litt es nicht, daß man sich in seine Angelegenheiten einmischte, – kurz, er verstand es, seinen Mann zu stehen. Aber sein Streiten dauerte nie lange, nie trug er etwas nach oder hegte er Groll, und ich glaube, alle hatten ihn gern. Wohin er auch gehen mochte, überall war er gern gesehen und man freute sich über ihn. Sogar in der Stadt war er als der lustigste Mensch der Welt, der nie seinen Humor verlor, bekannt. Er war ein hochgewachsener Bursche von ungefähr dreißig Jahren, mit einem lebhaften und gutmütigen, recht hübschen Gesicht, auf dem noch eine Warze saß. Dieses Gesicht konnte er zuweilen so urkomisch verziehen, und mit ihm konnte er jeden beliebigen so nachahmen, daß die ganze Umgebung unmöglich ernst zu bleiben vermochte: man mußte lachen, ob man wollte oder nicht. Er gehörte gleichfalls zu den Spaßmachern, doch machte er unseren mürrischen Feinden des Frohsinns keine Konzession, so daß diese ihn niemals einen „leeren und unnützen“ Menschen schalten. Er war voll Feuer und Leben. Bereits in den ersten Tagen machte er sich mit mir bekannt und erzählte mir, daß er vormals Bediensteter gewesen sei, darauf als Pionier gedient habe und sogar von einigen höheren Offizieren bemerkt und gern gesehen worden sei, worauf er noch in der Erinnerung sehr stolz war. Mich begann er ohne weiteres über Petersburg auszufragen. Er hatte sogar Bücher gelesen.

Als er zu mir zum Tee kam, erheiterte er sofort die ganze Kaserne, indem er nachmachte, wie der Leutnant Sch. unseren Platzmajor am Morgen „abgeblitzt“ hatte. Hierauf setzte er sich zu mir und teilte mir höchst zufrieden mit, daß die Theatervorstellung diesmal aller Wahrscheinlichkeit nach zustande kommen würde. Im Ostrogg wurde nämlich an den Festtagen Theater gespielt. Die Schauspieler wurden gewählt und allmählich auch die Dekorationen angeschafft. Aus der Stadt hatten einige versprochen, Kleider, sogar Frauenkleider für die Mimen zu verschaffen; ja man hoffte sogar, durch einen Burschen eine Offiziersuniform mit Achselschnüren zu erhalten. Wenn es nur dem Platzmajor nicht wieder einfiel, das Schauspiel zu verbieten, wie er es im vorhergehenden Jahre getan hatte! Doch damals war er gerade zum Weihnachtsfest sehr schlechter Laune gewesen: hatte im Kartenspiel verloren und außerdem hatte man sich auch im Ostrogg nicht zum besten aufgeführt – und so hatte er denn einfach verboten. Diesmal aber würde er wohl nicht die Freude verderben!? Mit einem Wort, Bakluschin befand sich in sehr angeregter Stimmung. Man sah ihm sofort an, daß er einer der Hauptbeteiligten war, und ich gab ihm mein Wort, unbedingt der Vorstellung beiwohnen zu wollen. Die kindliche Freude Bakluschins am Zustandekommen der Aufführung hatte sofort mein Herz gewonnen. Ein Wort gab das andere und wir gerieten in ein Gespräch. Unter anderem erzählte er mir auch, daß er nicht die ganze Zeit in Petersburg gedient hatte: daß er sich dort etwas habe zuschulden kommen lassen und nach R. als Unteroffizier in ein Garnisonbataillon versetzt worden sei.

„Und erst von dort wurde ich hierher geschickt,“ bemerkte er zum Schluß.

„Aber weshalb denn das?“ fragte ich.

„Weshalb? Was glauben Sie wohl, Alexander Petrowitsch, weshalb? – Einfach weil ich mich verliebt hatte!“

„Nun, deshalb wird man doch noch nicht nach Sibirien verschickt,“ entgegnete ich lachend.

„Das ist ja wahr,“ meinte Bakluschin, „aber ich hatte bei der Gelegenheit einen dort ansässigen Deutschen mit der Pistole erschossen. Aber, sagen Sie doch selbst, lohnt es sich denn, einen wegen eines Deutschen in die Kátorga zu schicken!“

„Wie ging denn das zu? Erzählen Sie doch, es interessiert mich.“

„Das war eine sehr spaßige Geschichte, Alexander Petrowitsch.“

„Um so besser. Erzählen Sie nur.“

„Soll ich wirklich? Na, dann hören Sie zu ...“

Ich vernahm eine, wenn auch nicht spaßige, so doch recht eigenartige Geschichte eines Mordes ...

„Die Sache war nämlich die ...“ hub Bakluschin an. – „Als man mich nach R. versetzt hatte, war ja alles ganz wunderschön, sehe – es ist eine schöne Stadt, groß, nur viel Deutsche waren da. Nun, ich, versteht sich, war noch ein junger Mensch, bei den Vorgesetzten gut angeschrieben, gehe, die Mütze schief auf einem Ohr, zum Zeitvertreib, wie man sagt, in der Stadt spazieren. Nun, kommt einem so ein deutsches Mädchen entgegen, versteht sich, Blicke hin, Blicke her ... Da gefiel mir eine ganz besonders, Luisa hieß sie. Beide waren sie Wäscherinnen, für die feinste Wäsche, die man sich nur denken kann, sie und ihre Tante. Die Tante war schon alt, so eine richtige Harke, lebten aber dabei ganz gut. Anfangs pendelte ich nur vor den Fenstern auf und ab, dann aber schloß ich eine richtige Freundschaft mit ihr. Luisa sprach gut russisch, nur schnarrte sie ein wenig, – so ein, nun ja, herziges Ding war sie, wie ich noch keine gesehen. Nun, versteht sich, anfangs redete ich so und so, sie aber sagte mir sofort: ‚Nein, Ssascha, das sollst du nicht, denn ich will meine ganze Unschuld bewahren, um dir ein würdiges Weib zu sein,‘ und schmeichelt nur so, und lacht so hell ... Ja, so ein sauberes Geschöpfchen war sie, ich habe nie wieder so eine gesehen. Selbst beredete ich mich, sie zu heiraten. Nun, wie sollte ich denn nicht heiraten, bedenken Sie doch nur! Und so bereitete ich mich denn auch schon vor, mit meinem Heiratsgesuch zum Oberstleutnant zu gehen ... Plötzlich, was sehe ich – Luisa kommt nicht zum Stelldichein, zum zweitenmal wieder nicht, zum dritten wieder nicht ... Ich schreibe einen Brief: keine Antwort. Was soll denn das bedeuten, denke ich! Sollte sie mich betrügen wollen, so würde sie geantwortet haben und wäre auch zum Stelldichein gekommen, – mit einem Wort, sie hätte sich verstellt. Sie aber verstand nicht, zu lügen, sie hatte kurz und einfach abgebrochen. Dahinter steckt die Tante, denke ich. Zur Tante durfte ich nicht gehen; wenn sie es auch wußte, so sahen wir uns doch nur heimlich. Ich gehe wie ein Halbwahnsinniger umher – schließlich schreibe ich ihr den letzten Brief: ‚kommst du nicht, so gehe ich zur Tante.‘ Sie erschrak, kam. Weinte, sagte, ein Deutscher, Schulz, ihr entfernter Verwandter, ein Uhrmacher, ein reicher und schon bejahrter Mann, habe den Wunsch ausgesprochen, sie zu heiraten, – um mich, sagte sie, glücklich zu machen und selbst im Alter nicht ohne Frau zu bleiben; und er liebt mich auch, sagt sie, und hat schon lange die Absicht gehabt, mich zu heiraten, hat aber vorläufig noch geschwiegen und sich vorbereitet. – ‚Nun sieh, Ssascha,‘ sagt sie, ‚er ist reich und das ist doch mein Glück; willst du mir nun mein Glück nicht gönnen?‘ Ich sehe sie an: sie weint, umarmt mich ... Was, denke ich, es ist ja wahr, was sie sagt! Was hat es denn für einen Sinn, mich, einen Soldaten, zu heiraten, selbst wenn ich auch Unteroffizier bin? – ‚Nun dann, Luisa,‘ sage ich, ‚leb wohl, Gott behüt dich, warum sollte ich dein Glück zerstören? Aber wie ist er, – ist er hübsch?‘ – ‚Nein,‘ sagt sie, ‚er ist schon alt und hat eine so lange Nase ...‘ und sie lacht sogar. Ich ging. Nun was, denke ich, es ist mir nicht bestimmt. Am nächsten Morgen begab ich mich zu seinem Uhrgeschäft, sie hatte mir die Straße genannt. Ich sehe durch das Fenster hinein: da sitzt ein Deutscher, tiftelt an einer Uhr, hat reichlich seine fünfundvierzig auf dem Buckel, die Nase lang, die Augen stehen hervor, dabei sitzt er im alten Gehrock und im Stehkragen, in solch einem Vatermörder mit langen Enden, macht so eine wichtige Miene. Ich spie nur aus. Wollte ihm schon seine ganze Fensterscheibe einschlagen ... Doch wozu, denke ich, ist es verloren, so ist es verloren. In der Dämmerung kehrte ich in die Kaserne zurück, legte mich auf mein Lager hin und da, – glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht, Alexander Petrowitsch – ich weinte wie ein Kind ...

„Nun, es vergeht ein Tag, noch ein Tag und noch einer. Luisa sah ich nicht mehr. Inzwischen aber erfuhr ich durch eine Gevatterin – ein altes Weib, gleichfalls Wäscherin, zu der Luisa zuweilen ging –, durch die nun erfuhr ich, daß der Deutsche um unsere Liebe wisse und aus diesem Grunde sich auch entschlossen habe, schneller anzusprechen. Sonst hätte er noch ganze zwei Jahre gewartet. Luisa aber soll er, so sagt sie, den Schwur abgenommen haben, daß sie mich nicht mehr kennen werde, und daß er sie beide, die Tante und Luisa, vorläufig noch arg unter dem Daumen halte und daß er sich vielleicht noch anders bedenken würde, also noch immer nicht ganz entschlossen sei. Zum Schluß erzählte sie mir noch, daß er sie beide zu übermorgen, zum Sonntag vormittag, zum Kaffee eingeladen habe und daß außer ihnen noch ein Verwandter zu ihm kommen würde, ein alter Mann, der früher Kaufmann gewesen, jetzt aber bettelarm sei und irgendwo in einem Kellerlager als Aufseher sein Brot verdiene. Als ich erfuhr, daß sie am Sonntag vielleicht alles beschließen würden, da packte mich die Wut, so daß ich mich kaum noch beherrschen konnte. Und an diesem ganzen Tage und auch am folgenden Tage war alles, was ich tat, daß ich beständig an diese eine Möglichkeit dachte. Ich glaube, ich hätte diesen Deutschen aufgefressen, wenn er mir nur zwischen die Zähne gekommen wäre.

„Noch am Sonntag morgen wußte ich nichts und hatte mir auch nichts vorgenommen, als aber der Frühgottesdienst beendet war und wir wieder in der Kaserne saßen, – da sprang ich plötzlich auf, ergriff meinen Mantel und begab mich zum Deutschen. Ich hoffte, sie alle bei ihm anzutreffen. Aber warum ich ging und was ich dort sagen wollte – das wußte ich selbst nicht. Doch steckte ich für alle Fälle eine Pistole in die Tasche. Es war ein altes Ding mit einem altmodischen Schloß; schon als Knabe hatte ich aus ihr geschossen. Eigentlich konnte man aus ihr überhaupt nicht mehr schießen. Aber ich lud sie trotzdem mit einer Kugel und denke noch so im stillen: wollen sie mich vor die Tür setzen oder kommen sie mir grob, so werde ich die Pistole hervorziehen und ihnen allen einen Schrecken einjagen. Ich komme also hin. In der Werkstatt ist niemand zu sehen, alle sitzen im hinteren Zimmer. Außer ihnen ist keine Seele im ganzen Hause. Von Dienstboten hatte er nur eine Deutsche, die ihm auch das Essen kochte. Ich gehe durch den Laden, sehe, die Tür ins andere Zimmer ist verschlossen, so eine alte Tür mit einer Fallklinke. Mein Herz klopft, ich warte, lausche: sie sprechen deutsch. Wie ich da einmal mit dem Fuß an die Tür schlug, sprang sie sofort auf. Was sehe ich: der Tisch ist gedeckt. Auf dem Tisch steht eine große Kaffeemaschine und der Kaffee kocht auf Spiritus. Daneben Zwieback; auf einem anderen Untersetzer eine Karaffe mit Branntwein, Hering und Wurst und dann noch eine Flasche mit irgend welchem Wein. Luisa und die Tante saßen, beide aufgeputzt, auf dem Sofa. Ihnen gegenüber auf einem Stuhl der Deutsche, der Bräutigam, im Gehrock und Vatermörder, dessen Enden wie die Hörner vorstehen. An der einen Seite des Tisches sitzt noch ein Deutscher, ein alter, dicker, schon ergrauter, und schweigt. Wie ich eintrat, war Luisa plötzlich erblaßt. Die Tante sprang auf, sank aber wieder zurück, und der Deutsche verfinsterte sich. So böse sah er aus, stand auf und trat mir entgegen.

‚Was wünschen Sie?‘ fragt er.

Ich war schon im Begriff, mich verwirren zu lassen, aber da geriet ich wieder in Wut.

‚Was ich wünsche!‘ sage ich. ‚Empfange deinen Gast, bewirte ihn mit Branntwein. Ich bin zu dir zu Gast gekommen.‘

Der Deutsche überlegte einen Augenblick.

‚Setzen Sie sich,‘ sagte er.

Ich setzte mich.

‚Gib doch,‘ sage ich, ‚Branntwein her.‘

‚Da ist Branntwein,‘ sagt er, ‚trinken Sie, wenn Sie wollen.‘

‚Gib mir guten Branntwein,‘ sage ich. Die Wut, wie man sagt, ergriff mich schon gar zu heiß.

‚Das ist guter Branntwein.‘

Es kränkte mich, daß er mich so niedrig stellte. Am meisten aber, daß Luisa alles sah. Ich trank also und darauf sagte ich:

‚Warum bist du denn so grob zu mir, Deutscher! Du solltest dich mit mir anfreunden. Ich bin in aller Freundschaft zu dir gekommen.‘

‚Ich kann nicht Ihr Freund sein,‘ sagt er, ‚Sie sind ein einfacher Soldat.‘

Nun, da geriet ich aber in Wut.

‚Du Erbsenscheuche,‘ sage ich, ‚du Wurstmacher! Weißt du auch, daß ich alles mit dir machen kann, was ich will? Wenn du willst, schieße ich dich einfach mausetot!‘

Ich zog meine Pistole hervor, stand auf und hielt ihm die Mündung direkt vor den Kopf. Jene saßen mehr tot als lebendig, wagten keinen Laut zu sagen. Der Alte, der ehemalige Kaufmann, zittert wie ein Espenblatt, schweigt, ist kreideweiß.

Der Deutsche erschrak zuerst, besann sich aber bald.

‚Ich fürchte Sie nicht,‘ sagt er, ‚und bitte Sie, als anständigen Menschen, Ihren Scherz sofort zu unterlassen, aber ich fürchte Sie nicht.‘

‚Oho,‘ sage ich, ‚du lügst, du fürchtest dich! Seht doch! Er wagt ja nicht einmal, den Kopf fortzukehren, sitzt wie angewurzelt!‘

‚Nein,‘ sagt er, ‚Sie dürfen so etwas auf keine Weise ...‘

‚So–o, warum darf ich es denn nicht?‘

‚Ganz einfach,‘ sagt er, ‚weil Ihnen so etwas strengstens verboten ist und Sie streng bestraft werden würden.‘

Der Teufel sollte klug werden aus diesem deutschen Dummkopf! Hätte er mich damals nicht selbst aufgereizt, so würde er heute noch leben. Nur der Streit war an allem schuld.

‚Also, ich darf es nicht,‘ sage ich, ‚deiner Meinung nach?‘

‚Nein!‘

‚Nicht?‘

‚Nein, das dürfen Sie in keinem Fall mit mir ...‘

‚Da hast du’s, alte Wurst!‘ und wie ich abdrücke, da fällt er auch schon vom Stuhl. Jene schrieen natürlich auf.

Ich steckte meine Pistole in die Tasche und eilte hinaus, als ich aber am Tor unserer Festung anlangte, zog ich meine Pistole wieder hervor und warf sie in die Nesseln am Grabenrand.

Ich ging in die Kaserne, legte mich auf mein Lager hin und denke: jetzt wird man sofort kommen und dich verhaften. Eine Stunde vergeht, noch eine – man kommt nicht. Und so, kurz vor der Dämmerung, da überkam mich eine solche Seelenangst; ich ging wieder hinaus; ich wollte unbedingt Luisa sehen. Ich ging wieder an dem Uhrgeschäft vorüber: viel Volks, Polizei. Ich zur Gevatterin: ‚Ruf Luisa her!‘ Ich wartete kaum einen Augenblick, da sehe ich: Luisa kommt schon herausgelaufen; sie fällt mir um den Hals und weint: ‚Ich allein bin an allem schuld,‘ sagt sie, ‚weil ich darauf gehört habe, was die Tante sagte.‘ Und sie erzählte mir, daß die Tante sofort nach Hause zurückgekehrt und vor Angst erkrankt sei, sie würde nichts verraten: selbst fürchte sie sich, etwas zu sagen und auch ihr, Luisa, habe sie verboten, irgend etwas über den Täter verlauten zu lassen: sie fürchte sich – möge man dort machen, was man will. ‚Niemand hat uns vorhin gesehen,‘ sagte Luisa. Er hätte auch seine Dienstmagd fortgeschickt, da er Angst vor ihr habe. Die würde ihm die Augen ausgekratzt haben, wenn sie erfahren hätte, daß er heiraten wolle. Von den Gesellen sei auch niemand im Hause gewesen, er habe sie alle zu entfernen gewußt. Den Kaffee habe er selbst zubereitet und eigenhändig den Tisch gedeckt. Der Verwandte aber habe schon sein ganzes Leben lang geschwiegen, und als die Sache geschehen war, habe er seine Mütze genommen und sei als erster aus der Wohnung gegangen. Und in Zukunft würde er sicherlich ebenso schweigen, sagte Luisa. So war es auch. Zwei Wochen lang kam niemand, um mich zu verhaften, und es ruhte nicht der geringste Verdacht auf mir. In diesen zwei Wochen aber, glauben Sie mir oder glauben Sie nicht, Alexander Petrowitsch, – in diesen zwei Wochen habe ich mein ganzes Glück durchlebt. Jeden Tag war ich mit Luisa zusammen und wie, wie hat sie mich geliebt! Weinte, sagte: ‚Ich werde mit dir gehen, wohin man dich auch verschicken sollte, alles werde ich für dich verlassen!‘ Ich glaubte zu vergehen, so hatte sie mich gerührt. Nun, und nach zwei Wochen kamen sie dann und nahmen mich. Der Alte und die Tante waren überein gekommen und hatten mich angezeigt.“

„Aber wie,“ unterbrach ich Bakluschin, „dafür hätte man Sie doch nur zu zehn Jahren verurteilen können, höchstens zu zwölf, und zu unserer Abteilung, Sie aber sind doch in der besonderen. Wie ist das möglich gewesen?“

„Ja, sehen Sie,“ sagte Bakluschin, „es kam noch eine andere Sache hinzu. Als man mich vor die Kriminalkommission brachte, da fing der Hauptmann an, mich vor dem ganzen Gericht mit schändlichen Worten zu schimpfen. Da hielt ich es nicht aus: ‚Was schimpfst du,‘ sagte ich, ‚siehst du denn nicht, Elender, daß du vor einem Spiegel sitzt?‘ Nun, hierauf nahm die Sache einen anderen Gang, ich kam vor ein anderes Gericht und wurde für alles zusammen verurteilt: viertausend und dann hierher in die besondere Abteilung. Als man mich aber zur Bestrafung führte, führte man auch den Hauptmann ab: mich durch die grüne Gasse, ihn aber aller Titel beraubt in den Kaukasus als einfachen Soldaten ... Auf Wiedersehen, Alexander Petrowitsch. Kommen Sie aber auch bestimmt zu unserer Aufführung.“