VI.
Der Mann der Akulka (Eine Erzählung)
Es war schon spät in der Nacht, wohl in der zwölften Stunde. Ich war schon eingeschlafen, – da erwachte ich plötzlich. Der trübe Schein des fernen Nachtlichts erhellte kaum die nächsten Lagerstätten ... Fast alle schliefen. Sogar Ustjänzeff schlief, und in der Stille hörte man, wie schwer er atmete und wie der Schleim in seinem Halse bei jedem Atemzuge brodelte. Da ertönten draußen auf dem Flur die schweren Schritte der nahenden Ablösung. Ein Gewehrkolben stieß schwer auf den Boden. Die Tür des Krankenzimmers öffnete sich: der Gefreite trat leise ein und zählte die Kranken. Nach einer Minute war die Tür wieder verschlossen, die neue Wache trat an, die Schritte des Wachkommandos entfernten sich, und wieder trat die Stille ein. Nun erst bemerkte ich, daß nicht weit von mir, links von meinem Bett, zweie nicht schliefen und miteinander zu flüstern schienen. Das kam zuweilen vor: es lagen manche monatlang nebeneinander, ohne daß je ein Wort zwischen ihnen gewechselt wurde, und dann plötzlich in einer Nacht, in einer schweren Stunde, fängt der eine zu sprechen an und breitet vor dem anderen, lauschenden, seine ganze Vergangenheit aus.
Offenbar flüsterten sie schon lange miteinander. Den Anfang hatte ich nicht gehört, und auch jetzt konnte ich nicht alles vernehmen, doch allmählich gewöhnte sich mein Ohr daran und so vernahm ich bald auch die einzelnen Worte. Ich konnte nicht schlafen: was sollte ich tun, wenn ich nicht zuhörte? ...
Der eine erzählte, halbliegend im Bett, den Kopf erhoben und vorgestreckt, damit ihn der Genosse besser höre. Augenscheinlich war er erregt, es quälte ihn etwas und er wollte erzählen. Sein Zuhörer saß finster und gleichmütig auf seinem Lager, die Füße ausgestreckt, hin und wieder brummte er etwas als Antwort oder zum Zeichen seines Interesses, was er aber mehr anstandshalber als aus wirklicher Teilnahme zu tun schien, und stopfte fortwährend aus einem Horn Tabak in die Nase. Er war ein Soldat aus der Strafkompagnie, Tscherewin hieß er, ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, ein mürrischer Pedant, ein kalter Raisonneur und selbstgefälliger Dummkopf. Der Erzähler, Schischkoff, war ein junger, noch nicht dreißigjähriger Arrestant unserer Zivilabteilung, der in der Schneiderwerkstätte arbeitete. Bis dahin hatte ich ihm wenig Beachtung geschenkt; und auch später, solange ich im Ostrogg lebte, zog es mich nicht zu ihm. Er war ein leerer, unverständiger Mensch. Zuweilen schwieg er lange Zeit, war mürrisch, unfreundlich, sprach wochenlang kein Wort. Zuweilen aber mischte er sich in Dinge ein, die ihn nichts angingen, verbreitete Klatschgeschichten, regte sich wegen der nichtigsten Sachen auf, trieb sich in allen Kasernen umher, redete unendlich, schien aus der Haut zu fahren. Verprügelte man ihn, so schwieg er wieder. Er war feig und geizig. Alle mißachteten ihn und behandelten ihn auch darnach. Er war klein von Wuchs und mager, mit bald seltsam unruhigem, bald wieder stumpf brütendem Blick. Hatte er etwas zu erzählen, so begann er eifrig und erregt, sogar mit lebhaften Gesten – bis er plötzlich abbrach, oder auf anderes überging, sich von neuen Einzelheiten hinreißen ließ und ganz vergaß, wovon er zuerst gesprochen hatte. Er stritt sehr oft mit den anderen, und wenn er es tat, so warf er dem Gegner unbedingt etwas vor, etwa wie sehr jener ihm Unrecht getan habe und wie groß seine Schuld vor ihm sei, und er sprach mit Gefühl und war sogar den Tränen nahe ... Er spielte nicht schlecht die Balalaika und er spielte sie gern, und an Feiertagen tanzte er sogar, und tanzte gut, wenn man ihn, was auch vorkam, dazu veranlaßte ... Es war sehr leicht, ihn zu etwas zu veranlassen ... Nicht, daß er so gehorsam gewesen wäre, aber er schloß gern Freundschaft und tat dann alles, um dem neuen Freunde gefällig zu sein.
Es dauerte ziemlich lange, bis ich begriff, wovon sie sprachen. Auch schien es mir zuerst, daß er immer abwich vom eigentlichen Thema und sich von Nebensächlichem ablenken ließ. Vielleicht entging es ihm auch nicht, daß Tscherewin für seine ganze Erzählung überhaupt kein Interesse übrig hatte, doch wollte er sich, glaube ich, absichtlich einreden, daß sein Zuhörer ganz Ohr sei. Vielleicht wäre es ihm auch sehr schmerzlich gewesen, sich vom Gegenteil zu überzeugen.
„... Kam er so auf den Markt,“ erzählte er jetzt weiter, „dann grüßten ihn alle, sie fühlten sozusagen, das ist ein Reicher!“
„Er handelte, sagst du?“
„Nun, ja, gewiß doch. Unter den Kleinbürgern bei uns war die Armut groß. Das reine Elend. Die Weiber trugen das Wasser aus dem Fluß das steile Ufer hinauf, um dort die Gemüsegärten zu begießen, im Herbst aber hatten sie für die ganze Plage nicht einmal Kohl zur Suppe. Nichts zu wollen. Nun, er aber hatte ein großes Stück Land, ließ das Feld von Knechten bearbeiten, hielt ihrer ganze drei, und dann hatte er noch einen ganzen Bienengarten, handelte mit Honig und auch mit Vieh, und doch war er in unserem Ort sehr geachtet, mußt du wissen. Alt war er auch schon, an die siebenzig Jahr, die Knochen wurden ihm schon steif, hatte einen grauen langen Bart, war ein großer Mann. Kam er so im Fuchspelz auf den Markt, da wurde er von allen Seiten gegrüßt. Sehr ehrerbietig. – ‚Guten Tag, Väterchen Ankudim Trofimytsch!‘
‚Hab auch du einen guten Tag,‘ sagt er. Keinen, wie du siehst, verachtete er.
‚Laßt’s Euch wohlgehen, Ankudim Trofimytsch!‘
‚Danke, wie geht es Euch?‘ fragt er.
‚Ach, unsere Geschäfte sind weiß wie Ruß,[10] wie aber geht es Euch, Väterchen?‘
‚Auch wir leben,‘ sagt er, ‚trotz unserer Sünden.‘
‚So laßt’s Euch denn wohlgehen, Ankudim Trofimytsch!‘ Niemand also wird von ihm verachtet, und spricht er, so ist jedes Wort einen Rubel wert. Er war auch sehr bibelkundig, verstand zu lesen und zu schreiben, er las aber nur die heilige Schrift. Dann setzte er die Alte, sein Weib, vor sich hin: ‚Jetzt höre, Weib, und begreife!‘ sagt er, und dann fängt er an, auszulegen und alles zu erklären, wie das da gemeint ist. Aber seine Alte war noch gar nicht alt, sie war seine zweite Frau, die er sozusagen der Kinder wegen geheiratet hatte, denn von der ersten hatte er keine. Nun, aber von der zweiten, der Maria Stepanowna, hatte er zwei noch unerwachsene Söhne, von denen der jüngere, Wassjä, ihm noch mit sechzig Jahren geboren worden war, und außerdem hatte er noch eine Tochter, Akulka, das war die älteste und damals achtzehn Jahre alt.“
„Und das war sie, deine Frau?“
„Wart, zuerst kommt noch Filka Morosoff. Du, sagt der Filka dem Ankudim, zahl mir mal jetzt das Geld aus; gib mir alle vierhundert her. Ich will nicht mit dir handeln und deine Akulka, sagt er, will ich auch nicht. Jetzt, sagt er, lebe ich blau. Meine Eltern, sagt er, sind jetzt gestorben, daher werde ich jetzt mein Geld versaufen und dann gehe ich unter die Soldaten und komme nach zehn Jahren als Feldmarschall wieder. Ankudim gab ihm auch richtig das Geld ab, denn sein Vater und Ankudim hatten mit gemeinschaftlichem Kapital gehandelt. – ‚Ein verlorener Mensch bist du,‘ sagt ihm der Alte. Er aber antwortet ihm: ‚Nun, noch weiß man nicht, ob ich verloren bin, bei dir aber, du Graubart, kann man ja nur lernen, mit dem Pfriem Milch zu löffeln. Du,‘ sagt er, ‚willst mit jeder Kopeke reich werden, sammelst noch jeden Schmutz, weil er sich vielleicht doch noch zur Kohlsuppe eignet. Ich aber spucke darauf. Du sammelst und sammelst, bis du des Teufels bist. Ich aber,‘ sagte er, ‚ich habe Charakter! Deine Akulka aber nehme ich trotzdem nicht; ich habe,‘ sagte er, ‚sowieso schon mit ihr geschlafen ...‘
‚Was!‘ schreit Ankudim, ‚wie wagst du es, eines ehrenhaften Vaters ehrenhafte Tochter zu beschimpfen! Wann hast du mit ihr geschlafen, du Schlangenbrut, du Hechtsblut!‘ Und selbst bebt er am ganzen Körper. So erzählte Filka später.
‚Haha, nicht nur keinen Filka Morosoff wird sie jetzt bekommen,‘ sagt er, ‚ich werde dafür sorgen, daß Eure Akulka überhaupt keiner mehr nehmen wird, auch der Mikita Grigorjitsch nicht, denn sie ist ja doch ehrlos. Schon seit dem Herbst haben wir zusammengelebt, jetzt aber gehe ich für keine hundert Krebse mehr darauf ein. Versuch doch: leg mir gleich hundert auf den Tisch, da wirst du sehen, daß ich nicht einwillige ...‘
Und da hub dann das Prassen an, das war was! Die ganze Erde drehte er um, durch die ganze Stadt hörte man seine Gelage. Er hatte sich noch Freunde ausgesucht, einen Haufen Geld besaß er, drei Monate lang wurde gepraßt, bis alles aus war. ‚Ich werde,‘ sagte er bisweilen, ‚wenn das Geld alle ist, das Haus verkaufen, alles verkaufen, und dann gehe ich unter die Landstreicher oder unter die Soldaten!‘ Vom Morgen bis zum Abend praßte er und fuhr mit einem schellengeschmückten Zweispänner durch die Stadt. Aber die Mädels liebten ihn wie keinen anderen, so etwas sieht man gar nicht wieder. Auch verstand er gut zu spielen, und er spielte auf allen Instrumenten.“
„Dann hatte er also mit der Akulka schon vorher die Sache gehabt?“
„Wart nur. Ich hatte damals auch gerade meinen Vater beerdigt, und meine Mutter backte Pfefferkuchen, arbeitete also auch für Ankudim, und davon lebten wir. Wir hatten aber ein schlechtes Leben. Nun, wir hatten auch unser Landstück hinter dem Walde, säten auch unser Korn, aber nach dem Tode des Vaters war es doch aus mit der Herrlichkeit, denn auch ich lebte blau, mußt du wissen. Von der Mutter holte ich das Geld mit Schlägen heraus ...“
„Das ist nicht gut, wenn du sie geschlagen hast. Das ist eine große Sünde.“
„Ich war aber, mußt du wissen, vom Morgen früh bis Abend spät besoffen. Unser Häuschen ging noch an, nichts zu sagen, war es auch verfault, so gehörte es doch uns, aber innen drin da war nichts zu beißen. Da saßen wir denn ohne Essen und kauten manche Woche am Hungertuch. Die Mutter schilt mich, aber was mache ich mir draus! ... Ich, mußt du wissen, wich damals keinen Schritt von Filka Morosoff. Vom Morgen bis zum Abend war ich bei ihm. ‚Spiel,‘ sagte er, ‚auf der Gitarre und tanz, ich aber werde liegen und Geld auf dich werfen, denn ich bin der reichste Mensch.‘ Und was er nicht alles tat! Nur Gestohlenes nahm er nicht. ‚Ich bin kein Dieb,‘ sagt er, ‚sondern ein ehrlicher Mensch.‘ – Und eines Tages sagte er: ‚Kommt, gehen wir und streichen wir der Akulka die Haustür mit Pech an, denn ich will nicht, daß sie Mikita Grigorjitsch heiratet. Das ist mir jetzt wichtiger als alles andere,‘ sagt er.
Ankudim aber hatte schon früher die Absicht gehabt, das Mädchen dem Mikita Grigorjitsch zu geben. Mikita war auch schon alt, ein Witwer mit einer Brille auf der Nase, und er handelte gleichfalls. Als der nun hörte, was für Gerüchte über Akulka umgingen, da sagte er natürlich ab. ‚Mir, Ankudim Trofimytsch,‘ sagt er, ‚mir würde es zur großen Unehre gereichen, und auch will ich in meinen alten Jahren überhaupt nicht mehr heiraten.‘
Und so gingen wir und strichen Akulkas Tür mit Pech an. Sie aber wurde dafür geprügelt, unaufhörlich geprügelt ... Marja Stepanowna schreit: ‚Das überlebe ich nicht!‘ und der Alte sagt: ‚In alter Zeit und unter ehrsamen Patriarchen würde ich sie,‘ sagt er, ‚an dem Scheiterhaufen totgeprügelt haben, heutzutage aber,‘ sagt er, ‚ist in der Welt nichts als Finsternis und Fäulnis.‘ Die Nachbarn in der ganzen Straße hatten die Akulka schreien gehört: sie wurde vom Morgen bis zum Abend geschlagen. Filka aber sagt auf dem Markt, daß es alle hören: ‚Ein prächtiges Mädchen ist die Akulka, meine Freundin. Hübsch gewachsen, rein gekleidet, fragt mal, wen sie liebt! Ich,‘ sagt er, ‚ich habe ihnen dort eins auf die Nase gegeben, das werden sie nicht sobald vergessen.‘ Da traf auch ich einmal die Akulka, als sie mit Wassereimern ging, ich aber schrie ihr nach: ‚Guten Tag, Akulina Kudimowna! ich grüße Euer Gnaden! Sauber bist du, woher kommt das, sag mal, wen du liebst!‘ Sie aber blickte mich nur einmal an, so große Augen hatte sie, selbst aber war sie so mager geworden wie ein Holzspan. Als sie mich anblickte, glaubte ihre Mutter, daß sie mir zulachte, und schrie ihr vom Hoftor zu: ‚Lachst du schon wieder, du Schamlose!‘ Und so wurde sie an diesem Tage wieder geprügelt. Eine ganze geschlagene Stunde. ‚Ich werde sie noch totprügeln, sie ist nicht mehr meine Tochter,‘ schrie die Mutter.“
„Sie war also eine Herumtreiberin?“
„Nein, du, höre nur zu, Freundchen. Als wir so immer noch fortfahren, Filka und ich, zu trinken, da kam eines Tages meine Mutter zu mir, ich aber lag auf dem Rücken. ‚Was liegst du, Elender,‘ sagt sie, ‚du Räuber, du Tagedieb!‘ Schimpft mich also. ‚Heirate doch,‘ sagt sie, ‚die Akulka ist jetzt zu haben, heirate sie. Die Alten werden froh sein, wenn sie noch einen wie du für sie bekommen. Und dreihundert Rubel geben sie allein in barem Geld.‘ Ich aber sage: ‚Aber sie ist doch jetzt,‘ sage ich, ‚vor der ganzen Welt entehrt!‘ – ‚Du Dummkopf,‘ sagt sie, ‚mit dem Kranz ist alles gutgemacht, und für dich ist es doch um so besser, wenn sie schuldig vor dir ist: Wir aber werden das Geld brauchen können. Ich habe schon,‘ sagt sie, ‚mit Marja Stepanowna gesprochen. Sie hörte mir sehr aufmerksam zu.‘ Ich aber sage: ‚Geld, zwanzig Rubel in Silber auf den Tisch, dann heirate ich.‘ – Und was glaubst du wohl: ich war in einem Strich bis zur Hochzeit besoffen. Und da kam noch Filka Morosoff mit seinen Drohungen:
‚Ich werde dir,‘ sagte er, ‚als Akulinas Mann, alle Rippen eindrücken und mit deinem Weibe, wenn ich nur will, jede Nacht zusammenschlafen.‘
Ich aber sage ihm: ‚Das lügst du, du Hund!‘ Da aber hat er mir auf offener Straße solche Schmach angetan, daß ich nach Hause ging und sagte: ‚Ich will nicht heiraten, wenn man mir nicht sofort noch fünfzig Rubel auf den Tisch legt!‘“
„Und man gab sie dir auch wirklich zum Weibe?“
„Mir? Weshalb sollte man nicht? Wir waren doch keine ehrlosen Leute. Mein Vater hatte erst in der letzten Zeit durch eine Feuersbrunst alles verloren, früher aber hatten wir noch reicher als sie gelebt. Ankudim sagte wohl: ‚Du hast nichts.‘ – Ich aber antwortete ihm: ‚Das schon, aber bei Euch hat man die Türpfosten mit Pech beschmiert.‘ – Er aber sagt: ‚Willst du jetzt noch großtun? Beweise du zuerst, daß sie unehrlich ist, allen Menschen kann man nicht den Mund zubinden. Hier ist Gott und dort ist die Tür,‘ sagt er, ‚du brauchst das Geld nicht zu nehmen. Nur mußt du das erhaltene zurückgeben.‘ Da machte ich denn mit Filka Morosoff ein Ende: ich ließ ihm durch Mitrij Bykoff sagen, daß ich ihn jetzt vor der ganzen Welt ehrlos machen würde, aber bis zur Hochzeit, mußt du wissen, war ich in einem Strich besoffen. Erst vor der Trauung erwachte ich. Als wir dann aus der Kirche wieder zurückgekommen waren und man uns hingesetzt hatte, da sagte Mitrofan Stepanytsch, also der Onkel:
‚Wenn es auch nicht ehrenhaft ist, so ist es doch fest, die Sache ist jetzt gemacht, vollzogen, und damit abgetan.‘
Der Alte, der Ankudim, war gleichfalls betrunken und weinte, saß auf seinem Stuhl, und die Tränen rollten ihm über die Backen in den Bart. Nun, ich aber, Freundchen, machte es damals so: ich steckte eine Knute in die Tasche, die ich schon vor der Trauung bereitgelegt hatte, und so beschloß ich denn, mich an der Akulka zu rächen, damit sie wußte, was das heißt, durch ehrlosen Betrug einen Mann zu bekommen, und damit auch die anderen erführen, daß ich sie nicht als Narr geheiratet hatte ...“
„Ganz recht! Damit sie es sich für nächstens merkt ...“
„Nein, Freundchen, du wart noch etwas und hör mich an. In unserer Gegend ist es Sitte, daß man sogleich von der Trauung ins Hochzeitsgemach geht, die anderen aber trinken inzwischen ruhig weiter. Und so ließ man denn uns beide allein im Hochzeitsgemach. Sie sitzt so bleich auf dem Bettrand, kein Blutstropfen im Gesicht. Das war die Angst, mußt du wissen. Ihr Haar war auch ganz wie Flachs so hell. Und ihre Augen waren blau und groß. Und immer schwieg sie, nie hörte man sie, ganz wie eine Stumme im Hause. Ganz wunderbar war sie. Aber was meinst du wohl, Freundchen, kannst du dir das denken: ich hatte doch schon die Knute vorbereitet und hier gleich neben dem Bett hingelegt, sie aber war, Freundchen, sie aber war, wie sich zeigte – vollkommen unschuldig vor mir.“
„Was!?“
„Ganz und gar. Wie jede andere Ehrenwerte aus ehrenwertem Hause. Aber nun sag du mir doch, Freundchen, wofür hatte sie nun nach alledem diese Qualen erduldet! Warum hatte denn der Filka Morosoff sie vor der ganzen Welt entehrt?“
„Hm, ja ...“
„Da kniete ich denn vor ihr nieder, gleich dort vor dem Bett, faltete die Hände: ‚Täubchen,‘ sage ich, ‚Akulina Kudimowna, verzeih mir dummen Menschen, daß ich dich auch für so eine gehalten habe. Verzeih mir,‘ sage ich, ‚mir Elendem!‘ Sie aber sitzt vor mir auf dem Bett, sieht mich an, legt mir beide Hände auf die Schultern, lacht, aber dabei rollen ihr die Tränen über die Wangen; sie lacht und weint ... Wie ich da zu den anderen wieder hinausging, da sagte ich: ‚Begegnet mir jetzt noch einmal Filka Morosoff, so hat er zum längsten auf der Welt gelebt!‘ Die Alten aber wußten gar nicht mehr, wie sie noch beten sollten: die Mutter fiel ihr zu Füßen und schrie fast vor Schluchzen. Der Alte aber sagte: ‚Hätten wir es nur gewußt oder geahnt, so hätten wir dir, meine geliebte Tochter, einen ganz anderen Mann ausgesucht.‘ Und wie wir am nächsten Sonntag in die Kirche gingen, da trug ich eine schmucke Fellmütze, einen Rock aus feinem Tuch und Beinkleider in reichen Falten. Sie trug einen neuen Hasenpelz und ein seidenes Tüchlein. Siehst du, so gingen wir. Die Leute hatten ihre Freude an uns ...“
„Nun, schön.“
„Nun, aber höre nur weiter. Am nächsten Tage nach der Hochzeit lief ich von den Gästen fort, obschon ich betrunken war – riß mich aber los und lief. ‚Gebt ihn her, den Taugenichts Filka Morosoff, gebt ihn nur her, den Schuft!‘ so schrie ich, – schrie es auf dem Markt, mußt du wissen. Nun, ich war ja auch noch betrunken; da wurde ich denn nicht weit von Wlassoffs eingefangen und mit Gewalt von drei Mann nach Haus gebracht. Im ganzen Ort aber weiß man’s schon. Die Mädchen und Weiber auf dem Markt stecken die Köpfe zusammen: ‚Wißt ihr es schon, habt ihr es schon gehört? Die Akulka ist ja ganz unschuldig gewesen!‘ Filka aber sagte mir kurz darauf in Gegenwart von anderen, und sagt mir so: ‚Verkauf deine Frau, – wirst betrunken sein. Bei uns,‘ sagt er, ‚hatte der Soldat Jaschka nur deswegen geheiratet: bei seinem Weibe hat er nie geschlafen, dafür aber war er drei Jahre lang betrunken.‘ Ich sage ihm: ‚Du bist ein Schurke!‘
‚Du aber bist ein Dummkopf,‘ sagt er. ‚Man hat dich doch in betrunkenem Zustande verheiratet, was konntest du dann da beurteilen?‘
Ich kam nach Haus und schrie: ‚Ihr,‘ sage ich, ‚ihr habt mich betrunken mit ihr verheiratet!‘ Die Mutter wollte mich wohl noch bereden, ich aber sagte: ‚Dir sind die Ohren mit Gold vollgestopft, du hörst nichts anderes. Gib mal die Akulka her!‘ Nun, und dann fing das Prügeln an. Ich prügelte sie, mußt du wissen, ich prügelte sie zwei Stunden, bis ich selbst umfiel. Drei Wochen lag sie im Bett, ohne aufzustehen.“
„Es ist ja wahr,“ meinte Tscherewin phlegmatisch, „schlägst du sie nicht, so ... Hattest du sie denn mit einem Liebhaber überrascht?“
„Nein, das nicht,“ sagte nach einigem Schweigen und gleichsam sich überwindend Schischkoff. „Es kränkte mich aber doch gar zu sehr, daß die Menschen mich so beleidigen durften, und der Anstifter von allem war natürlich der Filka. ‚Deine Frau,‘ sagt er, ‚ist für dich nur ein Modell,‘ sagt er, ‚damit die Leute sie ansehen.‘ Und einmal feierte er wieder ein großes Fest und hatte auch mich zu Gast geladen, und da sagte er: ‚Seine Frau,‘ sagt er, ‚ist edelmütig und ehrerbietig, ist hübsch und freundlich, und jedermann beneidet ihn jetzt! Aber hast du schon vergessen, Bursche, wie du selbst ihre Tür mit Pech beschmiert hast?‘
Ich saß dort betrunken auf dem Stuhl, da faßte er mich an den Haaren und schüttelte mich und drückte mich nieder. ‚Tanz,‘ sagt er ‚Akulinas Mann, ich werde dich so an den Haaren halten, du aber tanz zu meiner Belustigung!‘
‚Ein Schurke bist du!‘ schreie ich.
Er aber sagt zu mir: ‚Ich werde mit meiner ganzen Horde zu Akulka fahren, zu deiner Frau, und sie in deiner Gegenwart mit Ruten prügeln, soviel ich will.‘ So fürchtete ich denn, glaub oder glaub mir nicht, einen ganzen Monat, das Haus zu verlassen: wenn er inzwischen kommt, dachte ich, und ihr und meinem Hause die Schande antut, – was dann? Und da fing ich denn an, sie zu prügeln ...“
„Wozu da prügeln! Hände kann man binden, von Zungen aber bindest du keine einzige. Viel schlagen taugt auch nicht. Bestrafe, belehre, dann aber sei auch wieder gut zu ihr. Dafür ist sie doch Weib.“
Schischkoff schwieg eine Zeitlang.
„Es kränkte mich,“ begann er dann von neuem, „und da wurde mir das Prügeln zur Gewohnheit: manchen Tag prügelte ich sie vom Morgen bis zum Abend. Schlage ich sie nicht, so ist es langweilig. Sie saß gewöhnlich am Fenster, sieht hinaus, schweigt, weint ... Immer weinte sie, sie tat mir wirklich leid, aber ich schlug sie. Meine Mutter schalt mich oft genug ihretwegen: ‚Ein Elender bist du,‘ sagt sie, ‚ein Zuchthausknecht!‘ – Ich aber schreie: ‚Ich werde sie totschlagen! und daß mir jetzt niemand was zu sagen wagt, denn man hat mich mit Betrug verheiratet!‘
Zuerst kam noch der alte Ankudim selbst: ‚Du bist doch nicht weiß Gott was für eine Persönlichkeit, daß man mit dir nicht fertig werden könnte, ich werde schon einen Richter finden, der dir anderes beibringen wird!‘ Dann aber ließ er es bleiben und kam nicht wieder. Marja Stepanowna aber war ganz still geworden. Einmal kam sie und bittet unter Tränen: ‚Ich bin mit einer Belästigung zu dir gekommen, Iwan Ssemjonytsch, sie ist nicht groß, aber die Bitte ist um so größer. Schenk uns Sonnenlicht und Freude,‘ sagt sie, verbeugt sich tief vor mir, ‚besänftige dich, verzeihe du ihr! Böse Menschen haben unsere einzige Tochter verleumdet, du aber weißt doch selbst, daß du ein unschuldiges Mädchen zum Weibe bekommen hast ...‘ Und sie verbeugt sich bis zur Erde vor mir, weint. Ich aber mache mich stolz: ‚Ich will euch alle überhaupt nicht anhören! Werde jetzt mit euch allen machen, was ich will, denn ich kann mich jetzt nicht beherrschen. Filka Morosoff aber,‘ sage ich, ‚ist mein Kamerad und bester Freund ...‘“
„Gingt also wieder beide durch?“
„Wo! Bei dem konnte man überhaupt nicht mehr ankommen! Sein eigen Hab und Gut hatte er bis aufs Letzte verpraßt und dann hatte er sich einem reichen Kleinbürger verkauft, um für dessen ältesten Sohn unter die Soldaten zu gehen. In unserer Gegend aber ist ein solcher bis zu dem Tage, wo er fortgeführt wird, der erste Herr im Hause dessen, für den er geht, dann muß dort alles vor ihm im Staube liegen, er aber ist unumschränkter Herr im Hause. Geld erhält er eine Menge, bis zum Abgang aber lebt er im Hause, lebt dort ein halbes Jahr womöglich, und wie er dann die Besitzer behandelt, das ist gar nicht auszureden, – bring nur die Heiligen hinaus! ‚Ich,‘ sagt er, ‚gehe, mußt du wissen, für deinen Sohn unter die Soldaten, folglich müßt ihr mich alle achten, oder sonst sage ich ab!‘ Und so lebte denn auch Filka großartig, schläft mit der Tochter, zieht den Hausherrn jeden Tag nach dem Essen am Bart, – alles nur zu seinem Vergnügen. Jeden Tag muß für ihn die Badestube geheizt werden und für den Dampf muß auf die heißen Ofensteine nicht Wasser, sondern Branntwein gegossen werden, und viel fehlte nicht, so hätte er noch verlangt, von den Badeweibern auf den Händen hineingetragen zu werden. Kommt er von einer Spazierfahrt zurück, so bleibt er auf der Straße stehen: ‚Ich will nicht durch das Hoftor, reißt den Zaun nieder!‘ sagt er, und so wird neben dem Hoftor der Zaun niedergerissen und dann erst spaziert er hinein. Endlich war die Zeit vorüber, er mußte unter die Soldaten. Eine Menge Volks begleitet ihn, die ganze Straße ist voll Menschen: Filka Morosoff fährt fort! Er aber grüßt nach allen Seiten. Akulka aber kam gerade aus dem Gemüsegarten zurück. Wie Filka sie erblickt – es war dicht vor unserem Hoftor, – da schreit er: ‚Halt!‘ springt aus dem Wagen, geht geradenwegs auf sie zu und verbeugt sich bis zur Erde vor ihr! ‚Du meine Seele,‘ sagt er, ‚mein Licht, zwei Jahre liebte ich dich, jetzt aber führt man mich mit Musik zu den Soldaten. Vergib mir,‘ sagt er, ‚du ehrenhafte Tochter eines ehrenhaften Vaters, denn ich Elender bin sündig vor dir, ich allein trage an allem die Schuld!‘ Und er verbeugt sich zum zweitenmal bis zur Erde vor ihr. Die Akulka aber stand zuerst ganz wie erstarrt, dann aber verneigte sie sich tief vor ihm und sagte: ‚Verzeih auch du mir, kühner Jüngling, doch habe ich nichts Böses von dir erfahren.‘
Ich ging ihr nach ins Haus: ‚Was hast du ihm gesagt, du Hündin?‘ Sie aber, glaub oder glaub mir nicht, sie sah mich nur an und sagte: ‚Ich liebe ihn jetzt mehr als mein Leben!‘“
„Sieh mal an! ...“
„Ich sprach an diesem Tage kein Wort zu ihr ... Erst am Abend sagte ich: ‚Akulka! Jetzt werde ich dich totschlagen,‘ sagte ich. In der Nacht fand ich keinen Schlaf, ging in den Flur und trank etwas Kwas. Es zeigte sich schon die Morgenröte am Himmel. Ich ging in die Stube zurück. ‚Akulka,‘ sage ich, ‚steh auf, wir müssen auf das Feld hinaus fahren.‘ Ich hatte auch früher schon davon gesprochen, daß ich hinfahren würde, die Mutter wußte es schon. ‚Das ist gut,‘ hatte sie gesagt, ‚jetzt ist Arbeitszeit, der Knecht aber soll dort schon den dritten Tag faulenzen.‘ Ich schirrte schweigend das Pferd an, sage kein Wort. Wenn man aus unserem Städtchen hinausfährt, so beginnt sogleich ein Fichtenwald, auf fünfzehn Werst zieht er sich hin, und hinter dem Walde lag unser Acker. Als wir so an drei Werst durch den Wald gefahren waren, hielt ich das Pferd an: ‚Steh auf, Akulina,‘ sage ich, ‚dein Ende ist gekommen.‘ Sie sah mich an und erschrak, stieg aus dem Wagen, steht, schweigt. ‚Ich habe dich satt,‘ sage ich, ‚bet zu Gott!‘ Und wie ich sie dann so an den Haaren erfaßte – ihre Zöpfe waren so lang und dick, wickelte sie mir um die Hand, – drückte sie hinterrücks nieder und klemmte sie zwischen die Knie, riß mein Messer hervor, bog ihr den Kopf zurück, und stieß ihr das Messer in die Kehle ... Wie sie da aufschrie und das Blut spritzte, da warf ich das Messer fort, umfing sie mit beiden Armen von vorn, warf mich mit ihr zur Erde, umklammerte sie und schrie über ihr, schrie und schrie; und sie schreit und ich schreie. Sie zittert und schlägt um sich, will sich von meinen Armen befreien, das Blut aber, das Blut – strömt mir über das Gesicht, über die Hände, es sprudelt nur so hervor, sprudelt nur so. Da überkam mich plötzlich Angst, ich ließ sie liegen, ließ das Pferd stehen, selbst aber lief ich, was ich laufen konnte, lief und lief, hinter den Gemüsegarten vorbei, und lief in unsere Badestube, wir hatten noch so eine alte, die nicht mehr benutzt wurde, die stand da am Hause: ich verkroch mich unter die Schwitzbänke und sitze da in einer Ecke. Bis zur Nacht saß ich dort.“
„Und die Akulka? Wie blieb’s denn mit der?“
„Sie aber muß wohl nach mir aufgestanden sein, um gleichfalls nach Haus zu gehen. Wenigstens hat man sie so hundert Schritt von jenem Ort gefunden.“
„Also hattest du nicht ganz durchgeschnitten.“
„Ja ...“ Schischkoff stockte einen Augenblick.
„Da ist so eine Ader,“ bemerkte Tscherewin, „wenn du sie, diese selbe Ader, nicht mit dem ersten Hieb durchschneidest, so lebt der Mensch immer noch weiter, und wieviel Blut auch herausfließt, der Mensch stirbt nicht.“
„Aber sie starb doch. Tot hatte man sie am Abend gefunden. Man machte sofort Anzeige davon, man fing an, mich zu suchen und fand mich noch vor der Nacht in der Badestube ... Jetzt ist es schon das vierte Jahr, daß ich hier lebe,“ fügte er nach kurzem Schweigen hinzu.
„Hm ... Es ist ja ... wahr: schlägt man nicht, – dann kommt auch nichts Gutes heraus,“ meinte ruhig und methodisch Tscherewin, indem er wieder das Horn hervorzog. Langsam und teilweise mit Unterbrechungen begann er seinen Tabak zu schnupfen. „Und andererseits wiederum,“ fuhr er fort, „bist du dabei doch ein großer Dummkopf gewesen, was man dir auch jetzt noch ansieht. Ich traf auch einmal mein Weib mit einem Liebhaber an. Da führte ich sie denn in den Schuppen, legte die Pferdeleine doppelt. ‚Wem,‘ fragte ich, ‚schwörst du nun Treue? Wem?‘ Und dann prügelte ich sie, prügelte, prügelte, mit der Pferdeleine nämlich, anderthalb Stunden, sie aber schrie: ‚Werde deine Füße waschen,‘ schrie sie, ‚und das Wasser nachher trinken.‘ Awdotja hieß sie.“