Chapter 8 of 21 · 2860 words · ~14 min read

VIII.

Entschlossene Menschen. Lutschka

Von den entschlossenen Menschen ist schwer etwas Bestimmtes zu sagen. In der Kátorga gab es ihrer, wie überall, ziemlich wenig. Dem Ansehen nach allerdings ist manch einer ein furchterweckender Mensch, und denkt man daran, was von ihm erzählt wird, so geht man im Bogen um ihn herum. Irgend ein unbestimmbares Gefühl veranlaßte mich anfänglich, diese Menschen soviel als möglich zu meiden. Späterhin dagegen habe ich meine Ansicht selbst über die furchtbarsten Mörder geändert. Manch einer, der überhaupt nicht gemordet hatte, war tausendmal furchtbarer, als einer, der wegen sechs Mordtaten verschickt war. Es gab auch Verbrechen, die man sich überhaupt nicht erklären konnte, dermaßen seltsam waren sie. Ich sage dieses hauptsächlich aus dem Grunde, weil bei uns unter dem einfachen Volke viele Verbrechen aus den wunderlichsten Veranlassungen begangen werden. So findet man zum Beispiel sehr häufig folgenden Mördertyp: Der Mensch lebt irgendwo ganz ruhig und friedlich. Er hat es schwer, – er leidet. Nehmen wir an, er ist ein Landbauer, oder ein Höriger, oder ein Bürger, oder auch ein Soldat. Plötzlich ist ihm irgend etwas in die Quere gekommen: er hat es nicht mehr ausgehalten und seinen Feind und Bedrücker erstochen. Nun aber beginnt das Seltsame: der Mensch scheint für eine Zeitlang völlig aus Rand und Band zu sein. Der erste, den er ermordet hat, war sein Feind gewesen; der Mord ist, wenn auch ein Verbrechen, so doch begreiflich, es war eine Veranlassung zu dieser Tat vorhanden. Dann aber tötet er nicht nur seine Feinde, sondern den ersten Besten, tötet nur zu seinem Vergnügen, tötet wegen eines groben Wortes, wegen eines Blickes, oder einfach –: „Aus dem Wege, sollst mir nicht entgegenkommen, ich gehe!“ Als wäre der Mensch plötzlich trunken oder als täte er es halb bewußtlos im Fieber. Ganz als fände er, der schon einmal über die Grenze des heiligen Gebots hinübergesprungen ist, bereits Gefallen daran, daß es für ihn nichts Heiliges mehr gibt; ganz als triebe es ihn, mit einemmal über alle Gesetze und alle Macht hinwegzutreten und in der zügellosesten, unbegrenztesten Freiheit zu schwelgen, zu schwelgen in diesem Ersterben des Herzens vor einem Entsetzen, das er unmöglich vor sich selbst nicht empfinden kann. Zudem weiß er nur zu gut, daß eine furchtbare Strafe ihn erwartet. Sein ganzer Zustand ließe sich vielleicht mit demjenigen eines Menschen auf einem hohen, hohen Turm vergleichen, der sich unwillkürlich in die Tiefe, die er vor seinen Füßen sieht, hinabgezogen fühlt, so daß er selbst schließlich froh wäre, sich mit dem Kopf voran hinunterstürzen zu können: nur hinab, und dann ist es geschehen! Und das findet man sogar bei den friedlichsten und bis dahin unauffälligsten Menschen. Einige von ihnen brüsten sich noch in diesem Zustande: je verschüchterter er früher war, umsomehr will er jetzt anderen Furcht einflößen. Diese Furcht der anderen vor ihm wird ihm fast ein Genuß, und selbst den Ekel, den er in ihnen erweckt, selbst den liebt er geradezu. Er gibt sich den Anschein einer gewissen Tollkühnheit, doch solch ein „Tollkühner“ wünscht mitunter selbst seine Strafe schneller herbei, wünscht, daß man ihn bald „erledige“, denn seine vorgespielte Tollkühnheit wird ihm selbst zuguterletzt schwer zu tragen. Interessant ist dabei gleichfalls, daß diese ganze Großtuerei größtenteils nur genau bis zum Schafott vorhält, dann aber ist sie plötzlich wie abgeschnitten: als wäre diese Frist durch ihre eigenen Gesetze bestimmt. Plötzlich ist der Mensch wie zerschmettert, wie in einen Lappen verwandelt. Auf dem Schafott greint er und bettelt um Verzeihung. Und im Ostrogg kann man sich nur über ihn wundern, wenn man ihn sieht: so ein kleinlautes Kerlchen mit einer schmutzigen Nase, daß man sich ganz erstaunt fragt: „Ist denn das wirklich derselbe, der fünf oder sechs Menschen ermordet hat?“

Natürlich, viele beruhigen sich auch im Ostrogg nicht so bald. Sie behalten immer noch eine gewisse Prahlsucht bei; ihr Gehaben ist, als wollten sie sagen: „Ich bin doch nicht das, was ihr glaubt, ich stehe ‚für sechse‘!“ Aber schließlich ergeben sie sich dennoch. Nur manches Mal erfreut er sich noch an seinen tollen Streichen, am wüsten Treiben, das „einmal in seinem Leben war“, als er noch zu den „Tollkühnen“ gehörte, und wenn er nur einen Neuling findet, erzählt er ihm gern mit der üblichen Wichtigkeit oder Würde von seinen früheren Heldentaten und macht sich mit Vergnügen breit vor ihm, – übrigens ohne es sich auch nur im geringsten anmerken zu lassen, wie gern er sie erzählt. „Seht doch, sozusagen, was ich für ein Mensch bin!“

Und mit welchem Raffinement diese eitle Vorsicht beobachtet wird, wie nachlässig und gleichgültig zuweilen solch eine Erzählung ist! Welch eine geschulte Geckenhaftigkeit sich in dem ganzen Ton und in jedem kleinsten Wort des Erzählers zeigt! Und wo hat dieses Volk das gelernt?

Einmal hörte ich – es war in den ersten Tagen an einem endlosen Abend –, als ich müßig und in quälenden Gedanken auf der Pritsche lag, eine von solchen Erzählungen mit an, und hielt in meiner Unerfahrenheit den Erzähler für einen außergewöhnlichen, schrecklichen Bösewicht, für einen eisernen Charakter, und war nahe daran, in Petroff nur ein Kind im Vergleich zu ihm zu sehen.

Das Thema der Erzählung war, wie er, Luka Kusmitsch, für Null und Nichts, d. h. einzig zu seinem persönlichen Vergnügen, einen Major „niedergemacht“ hatte. Dieser Luka Kusmitsch war dasselbe kleine, magere Männlein mit der spitzen Nase, ein junger Arrestant unserer Kaserne, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Er war Kleinrusse, oder vielmehr Großrusse und nur im Süden geboren, als Höriger oder Leibeigener, glaube ich. In dem ganzen Kerlchen war etwas Spitzes, Anmaßendes: „Klein ist das Vöglein, doch scharf sind die Krallen.“ Die Arrestanten aber durchschauen den Menschen instinktiv. Er wurde wenig geachtet, oder wie man in der Kátorga sagte: „Seiner wurde wenig geachtet.“ Er war ungeheuer selbstgefällig.

An jenem Abend saß er auf der Pritsche und nähte an einem Hemd. Das Wäschenähen war sein Handwerk. Neben ihm saß ein stumpfsinniger beschränkter Bursche, der aber sonst ein gutmütiger und freundlicher, großer und starker Junge war, Luka Kusmitschs Nachbar auf der Pritsche, der Arrestant Kobylin. Infolge ihrer Nachbarschaft stritt Lutschka sehr oft mit ihm und behandelte ihn überhaupt von oben herab, spöttisch und despotisch, was Kobylin in seiner Einfalt teilweise überhaupt nicht bemerkte. Er strickte einen wollenen Strumpf und hörte seinem Nachbar Lutschka gleichmütig zu. Dieser aber erzählte ziemlich laut und deutlich. Ersichtlich wünschte er, von allen gehört zu werden, obgleich er sich den Anschein zu geben bemühte, als erzähle er nur seinem Kobylin.

„So, mein Lieber, wurde ich fortgeschickt aus unserer Gegend,“ begann er und zog seine Nähnadel durch das Zeug, „nach Tsch–ff, wegen Landstreicherei, sozusagen.“

„Wann war denn das, – schon lange?“ fragte Kobylin.

„So wenn die Erbsen reif werden, wird es immer schon das zweite Jahr sein ... Nu und wie wir nach K. ankamen, wurde ich auf kurze Zeit dort selbentlich in den Ostrogg eingesperrt. Ich sehe, was sitzt denn da mit mir? Es waren aber nur so zwölf Stück, alles Kleinrussen, groß, gesund, kräftig, wie die Ochsen. Und dabei so artig. Das Essen war schlecht, und ihr Major, der macht mit ihnen, was er will, wie es seiner Gnaden _vorgefällt_ (Lutschka verdrehte das Wort mit Absicht, er wußte sehr gut, wie es richtig war). Sitze da einen Tag, sitze noch einen, sehe: gar keine Courage in dem Volk. – ‚Warum laßt ihr euch von diesem Esel alles gefallen?‘ frage ich sie.

‚Geh doch du mit ihm sprechen!‘ Und sie lachen noch über mich. Ich schweige. Unter ihnen aber war ein spaßiger Kleinrusse, – ja, von dem muß ich euch doch noch erzählen!“ unterbrach er sich plötzlich, diesmal an alle sich wendend, und nicht mehr wie vorher, als er scheinbar nur zu Kobylin allein sprach. „Er erzählte uns, wie er verurteilt worden war und wie er mit dem Gericht gesprochen hatte, selbst aber weinte er nur so dabei; Kinder und Weib, sagte er, habe er zurückgelassen. Selbst ist er so ein Stämmiger, ganz grau schon und dick. ‚Ich,‘ sagte er, ‚sage ihm: nein! bin unschuldig! Er aber, das Teufelskind, er schreibt und schreibt. Da schreie ich: daß der krepiert, bin unschuldig! Er aber schreibt und schreibt und schreibt noch mehr! ... Und da war es aus mit mir!‘ – Wasjka, gib mir da mal einen Faden her: diese verfluchten sind alle verfault.“

„Vom Markt gekauft,“ brummte Wasjka und gab ihm einen Faden.

„Unser Rollgarn, das wir in der Werkstatt haben, ist viel besser. Von hier aber wurde wieder der Nevalid geschickt, wer kann wissen, von was für einem Schandweibe er da immer kauft!“ fuhr Lutschka fort, indem er die Nadel gegen das Licht hielt und den Faden einzufädeln suchte.

„Bei seiner Gevatterin natürlich.“

„Natürlich bei seiner Gevatterin.“

„Aber wie blieb es denn mit dem Major?“ fragte nach einiger Zeit Kobylin.

Darauf hatte Lutschka nur gewartet. Einstweilen aber setzte er seine Erzählung nicht sobald fort, ja er schien Kobylin nicht einmal seiner Beachtung zu würdigen. Ruhig machte er seinen Faden zurecht, ruhig und gleichsam faul änderte er ein wenig die Stellung seiner Schneiderbeine unter sich und dann erst fuhr er endlich fort:

„Es gelang mir zu guterletzt doch noch, meine Kleinrussen etwas aufzuwiegeln, der Major wurde hinverlangt. Ich hatte mir schon am Morgen von einem anderen ein Messer verschafft und im Stiefelschaft versteckt, sozusagen für alle Fälle. Der Major war über unsere Forderung in helle Wut geraten. Er kommt. Nu, sage ich, verliert nicht den Mut! Aber denen war das Herz schon in die Hosen gefallen, sie zittern alle nur so. Da kommt der Major hereingestürzt, betrunken, wie ich sehe, und schreit: ‚Wer ist hier! Wie ist es hier! Hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!‘

Wie er so gesagt hatte: ‚hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!‘ trat ich etwas vor,“ fuhr Lutschka fort, „das Messer hatte ich im Ärmel.

‚Nein,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden,‘ selbst aber schiebe ich mich langsam immer näher und näher, ‚nein, wie kann denn das sein,‘ sage ich, ‚daß Euer Gnaden bei uns Zar und Gott sind?‘

‚Ah, so bist du es, also du bist es,‘ schrie der Major, ‚du bist der Anstifter!‘

‚Nein,‘ sage ich und dabei komme ich ihm immer näher, ‚nein,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden wissen doch selbst, daß unser allmächtiger und allgegenwärtiger Gott nur einer ist,‘ sage ich. ‚Und unser einziger Zar ist über uns alle von Gott selbst eingesetzt. Er ist, Euer Gnaden,‘ sage ich, ‚ein Monarch. Euer Gnaden aber,‘ sage ich, ‚sind nur ein Major – unser Vorgesetzter durch des Zaren Gnade,‘ sage ich, ‚und Eurer Gnaden eigene Verdienste.‘

‚Was, was, was wie?‘ gackerte er nur noch, sprechen konnte er nicht mehr, die Luft ging ihm aus. Er war doch gar zu erstaunt.

‚Ja, das ist schon so,‘ sage ich, und wie ich mich auf ihn stürzte, stieß ich ihm das Messer gleich bis an den Griff in den Bauch. Es war gewandt geschehen. Er fiel hin wie gemäht und zappelte nur noch einmal mit den Beinen. Ich warf das Messer fort.

‚So,‘ sagte ich, ‚jetzt hebt ihn auf!‘“

* * * * *

Hier muß ich meinerseits eine Erklärung hinzufügen. Leider waren solche Ausdrücke wie: „Hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!“ und noch viele andere ähnliche in früheren Zeiten bei vielen Kommandeuren in häufigem Gebrauch. Doch muß ich bemerken, daß es solcher Kommandeure heute nur noch sehr wenige gibt, vielleicht sind sie auch schon alle ausgestorben. Zudem waren die Kommandeure, die sich dieser Ausdrücke mit Vorliebe bedienten, meistens Leute aus niedrigerem Stande und Range, die sich später emporgedient hatten. Der Offiziersrang schien gleichsam ihren ganzen Menschen umzukehren, den Kopf natürlich gleichfalls. Nachdem sie lange unter der Fuchtel gedient haben, werden sie eines Tages selbst Offiziere, Vorgesetzte, Kommandeure, sie werden geadelt, und so vergrößern sie, da sie an eine solche Ehre gar nicht gewöhnt waren, im ersten Rausch ganz unwillkürlich die Vorstellung von ihrer Macht und Bedeutung, doch selbstverständlich nur in Bezug auf ihre Untergebenen. Vor ihren Vorgesetzten sind diese Leute stets von ungewöhnlicher Unterwürfigkeit, die jetzt durchaus nicht mehr angebracht und vielen Kommandeuren höchst widerlich ist. Manche treiben es sogar so weit, daß sie sich mit einer ganz besonderen Rührung beeilen, ihrem hohen Vorgesetzten baldmöglichst zu versichern, daß sie, die ja doch aus Subalternen hervorgegangen sind, ihren früheren Rang nicht vergessen werden und sich auch als Offiziere nicht den anderen Offizieren gleichstellen wollen. Anders ist ihr Verhalten zu ihren Untergebenen: diesen gegenüber sind sie die größten Tyrannen. Doch heute gibt es, wie gesagt, wohl kaum noch solche Kommandeure, und schwerlich dürfte sich einer finden, der noch sagen könnte: „Ich bin Zar, ich bin Gott.“ Nichtsdestoweniger will ich doch darauf aufmerksam machen, daß nichts einen Arrestanten oder überhaupt einen Untergebenen so reizt und empört, wie derartige Äußerungen Vorgesetzter. Diese Unverschämtheit in der Selbsterhöhung, diese übertriebene Meinung von seiner Unbestrafbarkeit erweckt selbst im gefügigsten Menschen Haß und Wut und bringt ihn um seine letzte Geduld. Zum Glück gehören diese Zustände schon der Vergangenheit an und selbst damals sind solche Fälle streng geahndet worden, was ich selbst früher miterlebt habe.

Überhaupt kann man sagen, daß jede verächtliche Nachlässigkeit, jede unangebrachte Überhebung die niedrigeren Klassen viel tiefer kränkt und viel mehr aufreizt, als man glaubt. Viele sind der Meinung, daß die Obrigkeit, wenn sie einen Sträfling nur gut ernährt, gut hält und in allem das Gesetz beobachtet, damit alles tut. Das ist aber ein großer Irrtum. Ein jeder Mensch, wer er auch sei und wie tief er auch erniedrigt wäre, verlangt doch – wenn auch instinktiv, unbewußt – Achtung vor seiner Menschenwürde. Der Arrestant weiß es selbst, daß er ein Arrestant ist, ein Ausgestoßener, und kennt seine Stellung seinem Vorgesetzten gegenüber; doch gibt es weder solche Brandmale noch solche Fesseln, mit denen man ihn vergessen machen könnte, daß er ein Mensch ist. Und da er in der Tat ein Mensch ist, so muß man ihn auch danach behandeln. Mein Gott! – kann man doch mit einer _menschlichen_ Behandlung auch solche noch zu Menschen machen, in denen jeder Funke Gottes bereits längst erloschen ist. Gerade mit diesen „Unglücklichen“ muß man am menschlichsten umgehen. Das ist ihre Rettung und Freude. Ich habe gute, edle Kommandeure gesehen, ich habe auch den Eindruck gesehen, den sie auf diese Erniedrigten machten. Nur ein paar freundliche Worte – und die Arrestanten waren fast wie sittlich auferstanden. Sie freuten sich wie Kinder und wie Kinder fingen sie an zu lieben. Doch will ich zum Schluß noch eine recht auffallende Erscheinung erwähnen: eine familiäre, eine _allzu_ gute Behandlung seitens der Vorgesetzten gefällt dem Arrestanten durchaus nicht. Er will seinen Vorgesetzten achten, in diesem Falle kann er ihn aber unwillkürlich nicht mehr achten. Der Arrestant hat es sehr gern, wenn sein Vorgesetzter Orden besitzt, wenn er eine gute Erscheinung ist, wenn er bei einer hohen Persönlichkeit, einem hohen Kommandierenden in Gunst steht, wenn er streng und ernst ist und gerecht, und auch seine Würde bewahrt. Solche Vorgesetzte liebt der Sträfling am meisten: er weiß also, was er sich schuldig ist, und hat der andere auch ihn, den Arrestanten, nicht verletzt, so ist alles gut und schön.

* * * * *

„Dafür haben sie dich dann auch gründlich gebraten, was?“ fragte ruhig Kobylin.

„Hm! Gebraten ... Gebraten haben sie mich schon. Alei, gib mir mal die Schere her! Wie kommt es denn, daß es heute keine Spielhölle gibt?“

„Sie haben heute ihr Vermögen versoffen,“ bemerkte Wassjä. „Wenn sie es nicht versoffen hätten, dann würden sie jetzt wohl Karten klopfen.“

„Wenn! Für das ‚wenn‘ gibt man auch in Moskau hundert Rubel,“ meinte Lutschka.

„Aber wieviel gab man denn dir, Lutschka, alles in allem?“ fragte Kobylin, wieder auf das alte Thema zurückkommend.

„Mir gab man, lieber Freund, hundertundfünf. Und was ich euch noch sagen wollte,“ fuhr Lutschka plötzlich wieder zu allen gewandt fort, „– man hätte mich ja damals beinahe totgeschlagen. Nachdem ich zu den Hundertundfünf verurteilt worden war, wurde ich in voller Parade hingebracht. Bis dahin hatte ich aber Hiebe noch niemals kennen gelernt. Volks war eine Menge hingelaufen, die ganze Stadt war da: ein Verbrecher wird bestraft, ein Mörder, sozusagen. Denn wie dumm doch so’n Volk ist, das weiß ich wirklich gar nicht mehr zu sagen. Timoschka[4] zog mir die Kleider ab, legte mich hin, – plötzlich schreit er: ‚Halt dich fest, es brennt.‘ Ich warte: was wird nun kommen? Wie er mir das erstemal überzog, – ich wollte wohl schreien, ich machte wohl den Mund auf, aber es war kein Schrei in mir drin. Die Stimme war, sozusagen, stecken geblieben. Wie er das zweitemal überzog, nun, glaub oder glaub nicht, aber ich hörte gar nicht mehr, wie ‚zwei‘ gezählt wurde. Als ich aber wieder aufwachte, hörte ich, wie gezählt wird: siebzehn! Und so werde ich viermal von der Bank heruntergenommen, auf eine halbe Stunde zur Erholung: wurde mit Wasser begossen. Da glotzte ich sie nun alle an mit aufgerissenen Augen und denke so: ‚jetzt stirbst du‘ ...“

„Und bist doch nicht gestorben?“ fragte Kobylin naiv.

Lutschka besah ihn sich einmal mit unbeschreiblich verächtlichem Blick. Man lachte.

„Das war ’n Spaß!“

„In seiner Dachstube scheint’s nicht ganz richtig zu sein,“ bemerkte Lutschka, als bereue er es, mit diesem Menschen überhaupt gesprochen zu haben.

„Der hat eins weg,“ stimmte auch Wassjä bei.

Lutschka hatte zwar sechs Menschen umgebracht, doch im Ostrogg fürchtete ihn niemand, obschon es vielleicht sein größter Wunsch war, als „fürchterlicher“ Mensch zu gelten ...