VII.
Neue Bekanntschaften. Petroff
Doch die Zeit verging und allmählich lebte ich mich ein. Die alltäglichen Erscheinungen in meinem neuen Leben nahm ich mit jedem Tage gleichmütiger hin. Die verschiedenen Ereignisse, die Umgebung, die Menschen – alles wurde dem Auge schließlich zum Überdruß. Sich mit diesem Leben auszusöhnen, war unmöglich, doch es als eine vollendete Tatsache hinzunehmen, war nachgerade Zeit. Alles Nichtverstehenkönnen, das noch in mir geblieben war, verbarg ich so tief als möglich in meinem Innersten. Ich strich nicht mehr wie ein Verlorener im Ostrogg umher und ich bemühte mich, durch nichts meine Qual zu verraten. Die gierig neugierigen Blicke der Arrestanten blieben nicht mehr so oft auf mir haften, sie folgten mir nicht mehr mit einer so absichtlich hervorgekehrten Frechheit. Offenbar hatten auch sie sich an mich gewöhnt, worüber ich mich aufrichtig freute. Im Ostrogg bewegte ich mich bald wie im eigenen Hause, kannte meinen Platz auf den Pritschen und hatte mich allem Anscheine nach selbst an solche Dinge gewöhnt, an die mich zu gewöhnen ich anfänglich für vollkommen ausgeschlossen gehalten hatte.
Regelmäßig einmal in der Woche ließ ich die eine Hälfte meines Kopfes rasieren. Jeden Sonnabend in der Feierabendzeit wurden wir zu dem Zweck der Reihe nach auf die Wachtstube gerufen. Dort seiften uns die Regimentsbarbiere mit kaltem Seifenschaum ein und kratzten uns erbarmungslos mit ihren Rasiermessern, die noch viel stumpfer als stumpf waren, so daß es mir auch jetzt noch bei dem bloßen Gedanken an diese Folter kalt über den Rücken läuft. Wer sich nicht rasieren ließ, trug selbst die Verantwortung. Übrigens fand sich bald ein zweckmäßiges Mittel gegen diese Qual: Akim Akimytsch empfahl mir einen Arrestanten, einen ehemaligen Soldaten, der für eine Kopeke mit seinem eigenen Rasiermesser barbierte und daraus ein Handwerk machte. Viele gingen zu ihm, um nicht den Regimentsbarbieren in die Hände zu kommen, und doch war das Volk sonst nicht verwöhnt.
Unser Arrestantenbarbier wurde „Major“ genannt, – warum, weiß ich nicht, und was gerade an ihm dem Major gleichen sollte, weiß ich gleichfalls nicht zu sagen. Ich erinnere mich seiner noch lebhaft: groß und lang war er, hager, schweigsam, ziemlich dumm, ewig in seine Beschäftigung vertieft und ewig mit dem Riemen in der Hand, auf dem er womöglich Tag und Nacht sein ohnehin schon haarscharfes Rasiermesser strich. Wie es schien, ging er in seiner Tätigkeit ganz und gar auf, die er offenbar für seine ganze Lebensaufgabe hielt. Er war unsagbar zufrieden, wenn sein Messer gut war und jemand zu ihm kam, um sich barbieren zu lassen: sein Seifenschaum war warm, seine Hand geschickt, sein Messer wie Sammet. Er fand wirklich Genuß an seiner Kunst und war stolz auf sein Können. Nachlässig nahm er die verdiente Kopeke in Empfang, ganz als hätte es sich für ihn in der Tat nur um die Kunst und nicht um das Geld gehandelt.
A–ff war es einmal unsäglich schlecht ergangen bei unserem Platzmajor, als er beim üblichen Hinterbringen aller Vorgänge im Ostrogg auch auf diesen Barbier zu sprechen gekommen war und unvorsichtigerweise ihn „Major“ genannt hatte. Der Platzmajor soll geradezu wild geworden sein.
„Schurke, du! Weißt du auch, was ein Major ist!“ soll er mit Geifer vor dem Munde geschrieen und ihn auf seine Weise bearbeitet haben. „Begreifst du überhaupt, was dieses Wort bedeutet! Und da wagst du, Kerl, so ein Arrestantenvieh Major zu nennen, und noch dazu mir ins Gesicht, in meiner Gegenwart!“
Nur ein A–ff konnte es fertigbringen, mit einem solchen Menschen auszukommen.
Schon seit dem ersten Tage im Ostrogg begann ich, von meiner späteren Freiheit zu träumen. Die Berechnung, wann meine Strafzeit zu Ende sein würde, wurde in tausend verschiedenen Arten und mit ebensoviel praktischen Bezugnahmen meine liebste Beschäftigung. An anderes konnte ich überhaupt nicht denken, und ich bin überzeugt, daß es einem jeden so ergeht, der für eine Zeitlang der Freiheit beraubt ist. Ich weiß nicht, ob die anderen Zwangsarbeiter ebenso rechneten und dachten wie ich, jedenfalls aber machte mich ihr wundernehmender Leichtsinn in dieser Beziehung nicht wenig stutzig, und zwar schon vom ersten Augenblick an. Die Hoffnung eines Eingekerkerten, der Freiheit Beraubten ist naturgemäß von ganz anderer Art, als die eines frei und werktätig lebenden Menschen. Der freie Mensch hofft natürlich gleichfalls – zum Beispiel, auf eine Schicksalsveränderung, auf das Gelingen irgend eines Unternehmens –, aber er lebt doch dabei ein lebendiges Leben, er ist beschäftigt, das wirkliche Leben zieht ihn immer wieder in seinen Strudel hinein. Der Gefangene dagegen kennt so etwas nicht. Gewiß lebt auch er ein Leben – ein Ostrogg-, ein Zwangsarbeiterleben; aber wer er auch sein mag, und gleichviel, ob er zu einer langen oder kurzen Strafzeit verurteilt ist, er wird dieses Leben instinktiv und ganz entschieden nicht für etwas Positives, Endgültiges nehmen können, für einen Abschnitt seines wirklichen Lebens. Ein jeder Zwangsarbeiter fühlt, daß er nicht „_bei sich zu Hause_“ ist, sondern gleichsam auf Besuch. Auf zwanzig Jahre sieht er wie auf zwei Jahre und ist dabei fest überzeugt, daß er mit fünfundfünfzig Jahren, bei seinem Austritt aus dem Ostrogg, ein ebenso kräftiger, gewandter Mann sein wird, wie jetzt mit fünfunddreißig.
„Werden schon noch mal leben!“ denkt er und verscheucht eigensinnig alle Zweifel und anderen lästigen Gedanken.
Selbst Verbrecher, die auf unbestimmte Zeit verschickt sind, selbst die rechnen noch darauf, daß plötzlich, sagen wir, aus Piter (Petersburg) ein Befehl kommt: „so und so, nach Nertschinsk in die Erzgruben überzuführen und eine Frist zu bestimmen.“ Was fehlte ihnen dann! Nach Nertschinsk dauert der Marsch etwa ein halbes Jahr und mit einem ganzen Trupp zu marschieren ist doch im Vergleich zum Ostrogg tausendmal besser! Und dann in Nertschinsk die festgesetzte Strafzeit zu beenden, um dann ...
Und so hofft ja noch manch einer mit weißem Haar!
In Tobolsk habe ich an die Wand angeschmiedete Verbrecher gesehen. Die Ketten eines solchen sind etwa zwei Meter lang; und dort hat er auch seine Pritsche. Angeschmiedet hat man ihn für irgend ein ganz unerhörtes Verbrechen, das er bereits in Sibirien begangen hat. Und so sitzt er nun fünf Jahre, sitzt sogar zehn Jahre an der Kette. Größtenteils sind es ehemalige Räuber. Nur ein einziger schien unter denen, die ich sah, besserer Herkunft zu sein: er war, glaube ich, einmal irgendwo ein kleiner Beamter gewesen. Er sprach äußerst sanft, fast flüsternd, und mit einem süßlichen Lächeln. Er zeigte uns seine Ketten und zeigte, wie man sich am bequemsten auf die Pritsche hinlegen konnte. Er war in seiner Art sicherlich ein ganz besonderer Vogel. Alle verhalten sie sich dort völlig friedlich und alle scheinen sie ganz zufrieden zu sein, trotzdem will aber ein jeder von ihnen ungeheuer gern recht bald seine Zeit an der Wand abgesessen haben. Wozu nur, sollte man meinen? – Wozu? Sehr einfach: er wird dann aus dem dumpfen, muffigen Raum mit den niedrigen Backsteingewölben hinausgehen und auf dem Ostrogghof spazieren und ... und das ist alles. Aus dem Ostrogg wird man ihn nie hinauslassen. Er weiß es selbst sehr gut, daß die von der Wandkette Befreiten ewig im Ostrogg bleiben müssen, bis zu ihrem Tode, und auch die Fußketten werden ihnen nicht früher abgenommen. Er weiß alles ganz genau und dennoch will er recht, recht bald seine Zeit an der Wand abgesessen haben. Könnte er es denn ohne diesen Wunsch fünf oder sechs Jahre so angeschmiedet aushalten und nicht sterben und nicht den Verstand verlieren? Wer würde das sonst fertigbringen?
Ich fühlte, daß die Arbeit mich retten, meine Gesundheit, meinen Körper stärken würde. Die fortwährende geistige Unruhe, die nervöse Erschütterung die schlechte Luft in der Kaserne hätten mich gänzlich vernichten können. „Ich muß soviel als möglich in der frischen Luft sein, muß mich jeden Tag müde arbeiten, muß mich gewöhnen, Lasten zu tragen – nur so werde ich mich stärken können und gesund, rüstig, stark und nicht alt geworden in die Freiheit zurückkehren.“ Ich habe mich nicht getäuscht: die Arbeit und die Bewegung in der frischen Luft waren mir sehr zuträglich.
Mit wahrem Entsetzen blickte ich auf einen meiner Kameraden von den Adligen, der im Ostrogg wie ein Licht erlosch. Er war mit mir zusammen hingekommen, ein junger, hübscher, kräftiger Junge, und als er ihn wieder verließ, da war er schon halbtot, ergraut, so gut wie ohne Füße und kurzatmig. Nein, dachte ich bei seinem Anblick, ich will leben und ich werde leben! Dafür aber hatte ich vieles von den Arrestanten hinzunehmen, die mich für meine Liebe zur Arbeit mit Verachtung und Spott bedachten. Doch ich machte mir nichts daraus und begab mich immer frisch drauf los zu jeder Arbeit, und wenn es auch nur das Brennen und Stoßen von Alabaster war – eine der ersten Arbeiten, die ich kennen lernte. Übrigens war das die leichteste. Das Ingenieurkommando war nach Möglichkeit bemüht, den Adligen die Arbeit zu erleichtern, was jedoch durchaus nicht Nachsicht, sondern nur Gerechtigkeit war. Wäre es doch sonderbar gewesen, von einem Menschen, der physisch nie gearbeitet hat, dieselbe Arbeit zu verlangen, wie von einem dreimal so starken richtigen Arbeiter. Doch diese Nachsicht oder „Verwöhnung“ wurde nicht immer durchgeführt, ja es geschah gewöhnlich sogar etwas verstohlen, denn es wurde darauf streng aufgepaßt – von anderer Seite. Sehr oft mußten wir auch schwere Arbeit verrichten und dann hatten wir es natürlich doppelt so schwer, wie die anderen. Zur Alabasterarbeit wurden gewöhnlich nur drei oder vier bestimmt, Greise oder Schwächlinge, nun, und bisweilen auch wir. Außerdem wurde noch mehrere Jahre lang immer ein und derselbe Sträfling mitgeschickt, ein gewisser Almasoff, ein strenger, brünetter, hagerer, nicht mehr junger Mensch, der äußerst wenig mitteilsam und sehr eigensinnig war. Er verachtete uns tief. Übrigens war er sehr wortkarg, was sich bei ihm sogar so weit ausdehnte, daß er selbst zum Anknurren zu faul war.
Der Schuppen, in dem der Alabaster gebrannt und gestoßen wurde, befand sich gleichfalls am öden und steilen Ufer des Flusses. Im Winter, namentlich an trüben, dunklen Tagen, war es langweilig, auf den Fluß und das gegenüberliegende Ufer zu sehen. Es lag etwas Sehnsüchtiges, das Herz Zerreißendes in dieser wilden und öden Landschaft. Doch war es fast noch schwerer, wenn auf der unendlichen weißen Schneedecke grell blendender Sonnenschein lag: dann wäre man am liebsten hinübergeflogen, dorthin in diese Steppe, die sich jenseits des Flusses wie ein einziges großes Tuch auf anderthalbtausend Werst gegen Süden hinzog.
Almasoff machte sich gewöhnlich stumm und finster an die Arbeit. Wir aber schämten uns gewissermaßen, weil wir ihm nicht in der entsprechenden Weise helfen konnten; er jedoch machte alles allein und verlangte absichtlich nicht nach unserer Hilfe, gleichsam als wolle er uns damit unsere ganze Schuld vor ihm zu fühlen geben, auf daß wir über die eigene Nutzlosigkeit Reue empfänden. Die ganze Arbeit bestand aber nur darin, daß man den Ofen anheizte, um den Alabaster brennen zu können, den wiederum wir ihm zuschleppten. Schon am nächsten Tage, wenn der Alabaster genug gebrannt war, mußte er aus dem Ofen wieder herausgeschafft werden. Darauf nahm jeder von uns einen schweren Hammer, stellte seinen besonderen Kasten mit Alabaster vor sich hin und dann begann das Zerstoßen. Das war eine herrliche Arbeit. Der körnige Alabaster verwandelte sich schnell in weißes blitzendes Pulver, so leicht, so schnell zerbröckelte er und ließ er sich feinstoßen. Wir klopften lustig mit den schweren Hämmern und riefen ein solches Getöse hervor, daß es eine wahre Freude war. Und wurden wir schließlich auch müde, so war es uns doch leicht ums Herz: in das Gesicht kam wieder Farbe und das Blut zirkulierte schneller. Dann sah selbst Almasoff gnädiger auf uns herab, etwa wie man auf kleine Kinder sieht, wenn sie eine Beschäftigung gefunden haben. Gnädig rauchte er seine Pfeife, konnte es aber doch nicht unterlassen, uns anzuknurren, wenn er etwas sagen mußte. Übrigens verhielt er sich gegen alle so, im Grunde aber war er, glaube ich, ein guter Mensch.
Eine andere Arbeit, die mir auch noch zugeteilt wurde, war – in der Werkstatt das Schleifrad zu drehen. Das Rad war groß und schwer. Da mußte man sich nicht wenig anstrengen, besonders wenn der Drechsler – einer der Militärhandwerker – etwa Pfosten für Treppengeländer drechselte, oder große Tischfüße für das Meublement irgend eines Beamten, das die Regierung diesem freistellte. Zu solchen Tischfüßen war fast ein ganzer Balken erforderlich. Dann war das Drehen für einen zu schwer und man bestimmte gewöhnlich zwei dazu, mich und noch einen Adligen, B. So wurde diese Arbeit mehrere Jahre lang uns zugewiesen, sobald es nur irgend etwas zu drechseln gab. B. war ein schwacher, kränklicher Mensch, noch jung, aber brustleidend. Er lebte schon seit einem ganzen Jahr im Ostrogg und war mit zwei Gefährten hingekommen: der eine von ihnen, ein Greis, der während der ganzen Zeit seines Ostrogglebens Tag und Nacht betete – wofür ihn die Arrestanten ungemein achteten – starb bald nach meiner Ankunft, und der andere, ein noch sehr junger Mensch, der frisch, gesund, stark und mutig war, hatte unterwegs den schon nach der ersten Hälfte der Etappe völlig erschöpften B. getragen, etwa siebenhundert Werst weit, ununterbrochen, bis zum Ostrogg. Diese Freundschaft hätte man sehen müssen! B. hatte eine vorzügliche Bildung genossen und hatte einen edlen, großzügigen Charakter, doch durch die Krankheit war er reizbar und erbittert geworden. Wir drehten zusammen das Rad und das Drehen war uns beiden eine gute Beschäftigung, für mich besonders war sie eine vorzügliche Bewegung nach den ruhigeren Arbeiten.
Auch das Schneeschaufeln bereitete mir viel Vergnügen, ich tat es sehr gern. Dazu wurden wir gewöhnlich nach großen Schneestürmen angestellt, die ja im Winter nicht selten sind. Nach so einem vierundzwanzigstündigen Schneesturme war manches Haus bis zur halben Fensterhöhe, manches bis zum Dach im Schnee vergraben. Dann, sobald der Sturm aufgehört hatte und die Sonne wieder schien, wurden wir in großen Trupps hinausgeschickt, zuweilen sogar der ganze Ostrogg, um die Schneeberge vor den Staatsgebäuden fortzuschaufeln. Jeder erhielt eine Schaufel und alle zusammen eine Aufgabe, die nicht selten so groß war, daß man sich wundernd fragte, wie man damit fertig werden sollte. Aber siehe da – es ging! Alle machten sich einmütig und flink an die Arbeit. Der lockere, kaum erst sich lagernde und oben nur ein wenig gefrorene Schnee ließ sich leicht auf die Schaufel nehmen, und die großen Stücke oder loseren Haufen flogen in Bogen kreuz und quer durch die Luft und verwandelten sich noch im Fluge in glitzernden Staub. Es war eine Lust, die Schaufel in die weiße, im Sonnenschein blendende Masse hineinzustechen. Bei dieser Arbeit waren die Arrestanten immer lustig und guter Laune. Die frische Winterluft und die Bewegung erwärmten sie, und die Munterkeit war ansteckend: Lachen ertönte, Geschrei und Witze. Man warf sich sogar mit Schneebällen, worüber natürlich die Vernünftigen und über die allgemeine Heiterkeit Ungehaltenen schon im nächsten Augenblick zu schreien hatten, und so endete die anfängliche Fröhlichkeit gewöhnlich mit Schimpf und Streit.
Mit der Zeit fing auch der Kreis meiner Bekannten an, sich zu vergrößern. Übrigens dachte ich selbst nicht daran, neue Bekanntschaften zu suchen, ich war immer noch unruhig, niedergeschlagen und mißtrauisch. Aber die Bekanntschaften ergaben sich ganz von selbst.
Einer der ersten, die mich besuchten, war der Arrestant Petroff. Ich sage „besuchten“ und will dieses Wort noch absichtlich betonen.
Petroff befand sich in der besonderen Abteilung und lebte in der entferntesten Kaserne, die ganz im Hintergrunde des Ostrogg lag, somit konnte es zwischen uns gar keine Berührungspunkte geben, und innerlich Gemeinsames gab es zwischen uns gleichfalls nicht, das war ganz ausgeschlossen. Nichtsdestoweniger schien dieser Petroff in der ersten Zeit es nahezu für seine Pflicht zu erachten, womöglich jeden Tag zu mir in die Kaserne zu kommen oder mich am Feierabend, wenn ich möglichst weit von allen anderen hinter den Gebäuden am Zaun entlang spazierte, aufzusuchen und anzureden. Anfangs war mir das recht unangenehm. Aber er verstand es so zu machen, daß seine „Besuche“ mir bald zu einer angenehmen Zerstreuung wurden, obgleich er durchaus nicht ein sehr mitteilsamer oder gesprächiger Mensch war. Was sein Äußeres anbelangt, so war er nicht hoch von Wuchs, stark gebaut, gewandt, unruhig, mit einem ziemlich sympathischen Gesicht, etwas bleich, mit breiten Backenknochen, dreistem Blick und weißen, dichten, schmalen Zähnen. Ewig hatte er eine Prise Kautabak hinter der Unterlippe. Übrigens hatten ziemlich viele Arrestanten es sich zur Angewohnheit gemacht, Tabak in den Mund zu nehmen. Er sah jünger aus, als er war: man hielt ihn für dreißig, während er schon vierzig zählte. Wenn er mit mir sprach, so tat er es immer ganz ungezwungen, benahm sich wie ein völlig Gleichstehender, das heißt soviel wie äußerst anständig und taktvoll. Bemerkte er zum Beispiel, daß ich die Einsamkeit suchte, so sprach er nur ein paar Worte mit mir und verließ mich sofort, nachdem er mir jedesmal für die Aufmerksamkeit gedankt hatte, was er sonst niemals und mit keinem einzigen in der ganzen Kátorga tat. Auch war noch eines sonderbar, – daß diese Beziehungen zwischen uns nicht etwa nur in der ersten Zeit, sondern mehrere Jahre lang fortdauerten, ohne daß wir uns dabei merklich nähergetreten wären, obschon er mir tatsächlich und aufrichtig zugetan war. Selbst jetzt vermag ich es mir noch nicht zu erklären, was er eigentlich von mir wollte, und weswegen er jeden Tag zu mir kam. Zwar kam es späterhin auch vor, daß er mich bestahl, doch geschah es von ihm immer – gleichsam „aus Versehen“. Um Geld bat er mich fast nie, folglich ist er nicht des Geldes wegen oder aus sonst einer Berechnung gekommen.
Desgleichen vermag ich nicht zu sagen, aus welchem Grunde es mir fortwährend schien, daß er gar nicht im Ostrogg lebte, sondern irgendwo ganz weit von uns in einem anderen Hause, in der Stadt vielleicht, und den Ostrogg nur im Vorübergehen besuchte, etwa um Neuigkeiten zu erfahren, mit mir ein paar Worte zu wechseln, und so ein wenig zu sehen, wie wir alle es eigentlich machten. Er schien es immer eilig zu haben, ganz als hätte er jemand nur auf einen Augenblick verlassen und werde von ihm erwartet, als wäre er irgendwo mit irgend etwas noch nicht fertig geworden und müsse hineilen, um es zu beenden. Dabei aber schien er sich wiederum doch nicht gar zu sehr zu beeilen. Auch sein Blick war eigentümlich: aufmerksam, unbeweglich, mit einem Schimmer von Dreistigkeit und etwas Spott, doch blickte er dabei, wie es schien, gleichsam in die Ferne, gleichsam durch den Gegenstand hindurch: als bemühte er sich, hinter dem Gegenstande, der vor ihm stand, noch einen anderen, weiter gelegenen zu betrachten. Das verlieh ihm ein zerstreutes Aussehen. Zuweilen gab ich absichtlich acht darauf, wohin Petroff ging, wenn er mich verließ, und wo er denn eigentlich so erwartet wurde. Er aber begab sich von mir eilig in irgend eine Kaserne oder in eine Küche, setzte sich dort neben ein paar anderen hin, die sich unterhielten, hörte ihnen aufmerksam zu, trat mitunter sogar selbst in ein Gespräch, sprach sogar sehr eifrig, bis er dann plötzlich wieder abbrach und verstummte. Doch ob er sprach oder ob er stillschweigend saß, man sah es ihm immer an, daß er es nur so im Vorübergehen tat und dort irgendwo etwas zu tun hatte und erwartet wurde. Am sonderbarsten war aber dabei, daß er überhaupt keine Beschäftigung hatte, er lebte in vollständigem Müßiggang – natürlich abgesehen von der Zwangsarbeit. Ein Handwerk verstand er nicht und auch Geld besaß er fast nie. Doch machte er sich um das Geld auch nicht viel Sorgen.
Worüber er mit mir sprach?
Die Gespräche, die er mit mir anknüpfte, waren ebenso seltsam wie er selbst. Sah er, zum Beispiel, daß ich allein hinter den Kasernen war, so wandte er sich plötzlich hastig zu mir um. Er ging stets schnell und machte brüske Wendungen. Kam er auch im Schritt auf einen zu, so schien es doch, als ob er liefe.
„Guten Tag.“
„Guten Tag.“
„Störe ich Sie nicht?“
„Nein.“
„Ich wollte Sie etwas über Napoleon fragen. Er ist doch ein Verwandter von dem, der im Jahre zwölf in Rußland war?“
Petroff war Kantonist gewesen und hatte Lesen und Schreiben gelernt.
„Ja, er ist sein Neffe.“
„Was ist er denn da für ein Präsident?“
Er fragte immer sehr schnell und kurz, als müsse er möglichst bald das Gewünschte erfahren, als müsse er sich in einer sehr wichtigen Sache, die nicht den geringsten Aufschub duldet, eines besonderen Umstandes vergewissern.
Ich erklärte es ihm, was für ein Präsident Napoleon war, und fügte noch hinzu, daß er vielleicht bald Kaiser werden würde.
„Wie denn das?“
Ich erklärte ihm auch dies, so gut ich konnte. Petroff hörte aufmerksam zu, begriff es vollkommen und begriff schnell, und hielt beim Zuhören wie gewöhnlich das Ohr zu mir geneigt.
„Hm ... Ich wollte Sie, Alexander Petrowitsch, fragen, – ist es wahr, daß es solche Affen gibt, deren Hände, wie man sagt, bis zu den Fersen reichen und die so groß sind wie der größte Mensch?“
„Ja, es gibt solche.“
„Was sind denn das für welche?“
Ich beantwortete ihm, so gut ich konnte, auch diese Frage.
„Und wo leben sie denn?“
„In den heißen Ländern. Auf der Insel Sumatra zum Beispiel.“
„Das ist doch in Amerika, nicht wahr? Aber wie ist das, man sagt, dort sollen die Menschen mit dem Kopf nach unten umhergehen?“
„Nicht mit dem Kopf nach unten ... Sie meinen die Antipoden.“
Ich erklärte ihm, was Amerika ist, wo es liegt und nach Möglichkeit auch, was man unter Antipoden versteht. Er hörte wieder ungewöhnlich aufmerksam zu, ganz als wäre er einzig wegen der Antipoden gekommen.
„Ah so! Aber da hab ich im vergangenen Jahr von der Gräfin Lavallière gelesen, von dem Adjutanten Andrejeff hatte ich das Buch mitgebracht. Ist das nun alles wahr, oder nur so – ausgedacht? Von Dumas geschrieben.“
„Selbstverständlich erdacht.“
„Nun, Adieu. Besten Dank.“
Und Petroff verschwand.
Wir haben tatsächlich nie anders gesprochen, als in dieser Weise.
Ich versuchte Erkundigungen über ihn einzuziehen. Als ich M. von meiner neuen Bekanntschaft Mitteilung machte, warnte er mich. Er sagte mir, viele Arrestanten hätten in ihm Furcht erweckt, besonders in den ersten Tagen nach seiner Ankunft im Ostrogg, doch kein einziger von ihnen, nicht einmal Gasin, habe einen so entsetzlichen Eindruck auf ihn gemacht, wie dieser Petroff.
„Er ist der Entschlossenste, der Furchtloseste von ihnen allen,“ sagte M. „Er ist zu allem fähig; er wird vor nichts zurückschrecken, wenn er sich einmal etwas in den Kopf setzt. Er würde auch Sie ermorden, wenn es ihm einmal einfallen sollte, ohne jede Ursache, ganz einfach, weil er eben ermorden will, und er wird dabei weder mit der Wimper zucken noch nachträglich irgend welche Reue darüber empfinden. Ich glaube sogar, daß er nicht bei vollem Verstande ist.“
Diese Auskunft erweckte noch lebhafter mein Interesse. Doch M. wußte selbst nicht zu sagen, warum es ihm so schien. Und sonderbar: noch mehrere Jahre sprach ich mit Petroff fast täglich, und die ganze Zeit war er mir aufrichtig zugetan – obgleich ich entschieden nicht weiß, aus welchem Grunde er es war – und während all dieser Jahre, in denen er übrigens vernünftig und ruhig im Ostrogg lebte und so gut wie nichts Schlechtes beging, überzeugte ich mich doch jedesmal, wenn ich ihn ansah oder mit ihm sprach, daß M. recht hatte und Petroff vielleicht wirklich der entschlossenste und furchtloseste Mensch war, der keine einzige Schranke über sich kannte. Doch warum es mir so schien – darüber vermag ich gleichfalls nicht Rechenschaft zu geben.
Ich muß noch bemerken, daß dieser Petroff es gewesen war, der unseren Platzmajor hatte erstechen wollen, als er bestraft werden sollte: jener wurde nur „durch ein Wunder“, wie die Arrestanten sagten, gerettet, da er gerade noch vor dem kritischen Augenblick davongefahren war. Früher einmal, noch vor der Kátorga, hatte ihn sein Oberst beim Exerzieren geschlagen. Wahrscheinlich war er auch vorher schon geschlagen worden, doch diesmal wollte er es sich nicht wieder gefallen lassen und erstach seinen Oberst mit dem Bajonett, erstach ihn vor der Front, ganz offen, mitten am Tage. Übrigens kenne ich seine ganze Geschichte nicht so genau; er hat sie mir niemals erzählt. Doch das waren natürlich nur kurze Ausbrüche, in denen sich plötzlich seine ganze Natur restlos offenbarte, und diese Ausbrüche waren immerhin sehr selten. Er war sonst wirklich ein verständiger und sogar friedsamer Mensch. Gewiß waren Leidenschaften in ihm, und sogar mächtige, brennende; aber die glühenden Kohlen waren beständig mit Asche bedeckt und glommen unsichtbar. Niemals habe ich auch nur einen Schatten von Prahlerei oder Eitelkeit an ihm wahrgenommen, wie bei den anderen. Selten nur stritt er, doch war er auch mit niemandem besonders befreundet, allenfalls noch mit Ssirotkin, aber auch das nur dann, wenn er seiner bedurfte. Übrigens einmal habe ich ihn doch ernstlich erzürnt gesehen. Man wollte ihm irgend etwas nicht geben, irgend einen Gegenstand, ich glaube, man hatte ihn übervorteilt. Sein Gegner war einer der stärksten Arrestanten, ein großer, händelsüchtiger Spötter und längst kein Feigling, Wassilij Antonoff mit Namen, ein ehemaliger Kleinbürger. Sie hatten schon längere Zeit gestritten und ich fürchtete, daß die Sache kaum mit gewöhnlichen Faustschlägen erledigt werden würde, denn wenn Petroff auch selten stritt und prügelte, so tat er es doch, wenn er es einmal tat, nicht wie die anderen Arrestanten. Diesmal aber kam es anders: Petroff erbleichte plötzlich, seine Lippen erbebten und wurden blau – er atmete schwer. Dann erhob er sich von seinem Platz und näherte sich langsam, ganz langsam, unhörbar mit seinen bloßen Füßen – im Sommer ging er mit Vorliebe barfuß – seinem Widersacher. In der ganzen geräuschvollen Kaserne wurde es still, alles verstummte; selbst das Summen einer Mücke hätte man gehört. Alle warteten darauf, was jetzt geschehen würde. Da sprang Antonoff von seinem Platz auf, sein Gesicht war nicht wiederzuerkennen ... Ich hielt es nicht aus und verließ die Kaserne. Ich glaubte, ich würde kaum über die Schwelle getreten sein ... und der letzte Schrei eines ermordeten Menschen müßte mich erreichen. Doch es kam nicht dazu: Antonoff hatte, noch bevor Petroff an ihn herangekommen war, plötzlich wortlos den Gegenstand ihm zugeworfen. Es handelte sich um ein erbärmliches Stück Zeug, um irgendwelche Fußlappen, wenn ich mich recht entsinne. Natürlich mußte Antonoff ihn jetzt noch etwas ausschimpfen, was er hauptsächlich zur Erleichterung seines Herzens und des Anstandes halber tat, damit die anderen nicht etwa glauben sollten, er habe Angst vor ihm gehabt. Doch Petroff schenkte dem Geschimpfe überhaupt keine Beachtung, ja er antwortete jenem nicht einmal: ihm war es nicht um das Schimpfen zu tun und außerdem war er ja der gewinnende Teil. Er war sehr zufrieden und nahm seine alten Lumpen wieder an sich. Nach einer Viertelstunde strich er schon wie gewöhnlich im Ostrogg umher, mit dem Ausdruck völliger Beschäftigungslosigkeit, und als warte er, ob nicht irgendwo von etwas Interessanterem gesprochen wurde, um dann auch seine Nase hineinzustecken und zuzuhören. Ihn interessierte, wie es schien, alles, doch weiß ich nicht, wie es kam, daß ihn alles im Grunde gleichgültig ließ und er sich nur so umhertrieb, bald hierhin, bald dorthin. Man hätte ihn mit einem Arbeiter vergleichen können, mit einem guten Arbeiter, dem man aber vorläufig keine Arbeit gibt: und da sitzt er denn in Erwartung derselben und spielt mit kleinen Kindern. Auch begriff ich nicht, weshalb er im Ostrogg blieb und nicht entfloh? Er hätte keinen Augenblick gezögert, zu entfliehen, sobald er es nur wirklich gewollt hätte. Solche Menschen, wie Petroff, werden nur solange von der Vernunft regiert, bis sie plötzlich irgend etwas wollen. Dann aber kann sie nichts in der Welt mehr aufhalten. Und ich bin überzeugt, daß er, geschickt und schlau wie er war, zu entfliehen verstanden hätte, und daß es ihm nichts ausgemacht haben würde, eine ganze Woche ohne Brot im Walde oder am Flußufer im Schilf zu verbringen. Augenscheinlich war er jedoch überhaupt noch nicht auf diesen Gedanken gekommen und konnte daher auch nicht so etwas wollen. Eine große Urteilskraft oder ein besonderer Menschenverstand ist mir niemals an ihm aufgefallen. Diese Menschen werden gleichsam mit einer einzigen Idee geboren, die sie ihr ganzes Leben lang bald hierhin, bald dorthin bewegt, und so treiben sie sich ihr ganzes Leben lang umher, bis sie eine Tätigkeit finden, die ihnen vollständig zusagt; dann aber ist es ihnen auch um die Erhaltung ihres Kopfes nicht mehr zu tun. Es wunderte mich, wie ein solcher Mensch, der für gewöhnliche Schläge seinen Oberst aufgespießt hatte, sich bei uns widerspruchslos unter die Ruten legte. Er wurde zuweilen dazu verurteilt, wenn er beim Branntweinschmuggel abgefaßt worden war. Wie alle beschäftigungslosen Arrestanten versuchte auch er es bisweilen, Branntwein durchzuschmuggeln. Doch auch unter die Ruten beugte er sich gleichsam mit seinem vollen Einverständnis, d. h. als hatte er eingesehen, daß es recht war; anderenfalls hätte er es nie und nimmer getan, eher hätte man ihn totschlagen können. Ebenso wunderte es mich, wenn er mich trotz seiner ganzen aufrichtigen Zuneigung bestahl. Er war es auch, der mir meine Bibel stahl, die ich ihm gegeben hatte, damit er sie an ihren alten Aufbewahrungsort bringen sollte. Der Weg war nur wenige Schritte lang, doch trotzdem war es ihm gelungen, unterwegs einen Käufer zu finden, sie zu verkaufen und das Geld sogleich zu vertrinken. Sicherlich muß das Verlangen zu trinken schon gar zu groß in ihm gewesen sein, was er aber _sehr_ wollte, das _mußte_ natürlich getan werden. Ja, das sind solche, die einen Menschen wegen fünfundzwanzig Kopeken ermorden, um für diese Kopeken ein Maß Branntwein trinken zu können, während er zu einer anderen Zeit sich eine Summe von Hunderttausend entgehen läßt. Am Abend desselben Tages meldete er mir noch selbst seinen Diebstahl, tat es aber ohne die geringste Verwirrung oder Reue, vielmehr vollkommen freundlich, als wäre es eine ganz gewöhnliche Mitteilung gewesen. Ich versuchte, ihn gehörig auszuschelten – auch tat mir meine Bibel leid. Er hörte mir in aller Seelenruhe zu, saß ganz friedlich und rührte sich nicht; er gab vollkommen zu, daß die Bibel ein sehr nützliches Buch sei, es tat ihm auch aufrichtig leid, daß ich sie nicht mehr besaß, doch tat es ihm dabei nicht im geringsten leid, daß _er_ sie mir gestohlen hatte. Er sah mich mit einem solchen Selbstbewußtsein an, daß ich sofort aufhörte, ihn zu schelten. Mein Schelten aber nahm er ruhig hin, wahrscheinlich in der Erwägung, daß es doch nicht gut ginge, ihn dafür nicht zu schelten: „folglich mag es nur geschehen“ – mit anderen Worten: „kann er sich ausschimpfen, so beruhigt er sich schneller, also mag er nur; im Grunde aber ist das ja doch nur Unsinn, ein solcher Unsinn, daß ein ernster Mensch sich eigentlich schämen müßte, über so etwas auch noch Worte zu verlieren.“ Ja, es will mir sogar scheinen, daß er mich überhaupt nur für ein Kind gehalten hat, wenn nicht gar für einen noch ganz kleinen Säugling, der nicht einmal die einfachsten Dinge der Welt begreift. Zum Beispiel, wenn ich als erster ihn anredete und nicht von Wissenschaft oder Büchern sprach, so antwortete er mir zwar, doch tat er es gleichsam nur aus Höflichkeit und beschränkte sich auf die kürzesten Erwiderungen. Oft fragte ich mich, wozu er dieser Bücherweisheit bedurfte, in der er sich durch mich gewöhnlich unterrichten ließ. Es kam vor, daß ich ihn während dieser Gespräche nicht selten von der Seite ansah: wollte er sich über mich lustig machen? Doch nein, das war es nicht. Gewöhnlich hörte er mir ernst und aufmerksam zu, aber im Grunde doch nicht allzu aufmerksam, und dieser letztere Umstand verdroß mich nicht selten. Seine Fragen stellte er stets sehr genau, bestimmt, doch über die von mir erhaltene Auskunft schien er sich weiter nicht zu wundern, ja er vernahm sie fast zerstreut. Auch schien es mir, daß er in Bezug auf mich sich überzeugt hatte – und zwar ohne sich lange den Kopf darüber zu zerbrechen –, daß man mit mir nicht wie mit anderen Menschen sprechen könne, daß ich, ausgenommen von Büchern, nichts verstehen würde, ja nicht einmal fähig wäre, zu verstehen, und es sich folglich gar nicht lohne, mich mit anderen Dingen zu beunruhigen.
Und doch bin ich überzeugt, daß er mich sogar wirklich gern hatte, worüber ich nicht wenig erstaunt war. Hielt er mich etwa für einen unausgewachsenen, nicht vollen Menschen, oder hatte er ein besonderes Mitleid mit mir, das jedes starke Wesen instinktiv einem schwächeren gegenüber empfindet, und hatte er mich für ein solches angesehen – ich weiß es nicht. Und wenn ihn alle diese eventuellen Gefühle auch nicht abhielten, mich zu bestehlen, so bin ich doch fest überzeugt, daß er, während er stahl, mich bemitleidete.
„Ach,“ dachte er vielleicht in dem Augenblick, als er sich mein Eigentum aneignete, „was ist denn das für ein Mensch, der nicht einmal für sein Hab und Gut einstehen kann!“
Aber gerade deshalb hatte er mich lieb. Er sagte es mir einmal sogar selbst – wohl halb aus Versehen –, daß ich ein „schon gar zu gutes Herz“ habe, und „Sie sind ein so treuherziger Mensch, so treuherzig, daß man mit Ihnen wirklich nur Mitleid haben kann. Nur müssen Sie das, Alexander Petrowitsch, nicht als Kränkung auffassen,“ fügte er nach einer Minute hinzu, „ich habe es doch nur so gesagt, aus dem Herzen heraus.“
Mit solchen Leuten geschieht es gewöhnlich im Leben, daß sie plötzlich scharf und groß hervortreten und im Augenblick einer großen allgemeinen Aktion oder Revolution ihren vollen Ausdruck finden und mit einem Schlage in ihre eigenste Tätigkeit hineinkommen. Sie sind nicht Männer des Wortes und können nicht die Anstifter oder die Hauptführer der Sache sein, doch dafür sind sie die Hauptvollbringer der Tat und sind die ersten, die anfangen. Sie fangen ganz einfach an, ohne besonderes Aufsehen zu erregen, doch sind sie die ersten, die über das größte Hindernis ohne zu zögern und furchtlos hinübertreten, allen Gefahren entgegen – und siehe, alle stürzen ihnen nach und folgen ihnen blindlings, und so gehen sie bis zur letzten Grenze, bis zur letzten Mauer ... wo sie dann gewöhnlich auch ihre Köpfe niederlegen.
Ich glaube nicht, daß Petroff gut geendet hat. Im Leben dieser Menschen kommt gewöhnlich ein Augenblick, in dem sie mit einemmal alles beenden, und wenn Petroff noch nicht untergegangen war, so sagte das nur, daß sein Augenblick noch nicht gekommen war. Übrigens, was kann man wissen? Vielleicht wird er noch bis zum Silberhaar leben und seelenruhig vor Altersschwäche sterben, bis dahin aber immer noch ziellos hierhin und dorthin schlendern. Aber es scheint mir doch, daß M. recht hatte, als er sagte, Petroff sei der entschlossenste Mensch im ganzen Ostrogg.