X.
Das Weihnachtsfest
Endlich kam das Fest heran. Schon am Weihnachtstage wurde kaum mehr gearbeitet. Nur in die Schneiderstuben und in die Werkstätten wurde ein Teil der Sträflinge geschickt, die übrigen gingen wohl auch angeblich zur Arbeit, doch kamen sie alle, einzeln oder in kleinen Trupps, sehr bald wieder zurück, und nach dem Mittagessen verließ niemand mehr den Ostrogg. Auch am Morgen war man mehr in eigenen Angelegenheiten ausgezogen, als zur Zwangsarbeit: die einen um Branntwein durchzuschmuggeln und neuen zu bestellen, andere um ihre Freunde und Freundinnen zu besuchen oder das Ausstehende für früher gelieferte Arbeiten zum Feste einzutreiben; Bakluschin und die übrigen in der Ausführung mitwirkenden Schauspieler, um einige Bekannte, vornehmlich aus der Zunft der Offiziersburschen, aufzusuchen und die nötigen Kostüme zu erlangen. Einige gingen wiederum nur deshalb mit besorgter und beschäftigter Miene umher, weil auch die anderen geschäftig und in Anspruch genommen waren. Und wieder andere, die, zum Beispiel, von niemand Geld zu erwarten hatten, sahen dabei doch aus, als würden auch sie unfehlbar welches erhalten. Mit einem Wort, alles erwartete für den nächsten Tag irgend eine Veränderung, irgend etwas Ungewöhnliches. Am Abend brachten die Invaliden, die von den Arrestanten auf den Markt geschickt worden waren, eine Menge Eßbares in den Ostrogg: Rindfleisch, Spanferkel, sogar Gänse. Viele Arrestanten, selbst die genügsamsten und geizigsten, die das ganze runde Jahr hindurch jede Kopeke sparten, hielten es für ihre Pflicht, ihren Beutel aufzutun und in angemessener Weise den ersten Fleischtag nach ihrer langen Fastenzeit zu feiern. Der fünfundzwanzigste Dezember war auch für den Arrestanten ein echter rechter Feiertag, den ihm niemand nehmen konnte, da er ihm durch das Gesetz formell zuerkannt wurde. An diesem Tage durfte der Arrestant nicht zur Arbeit geschickt werden, und solcher Tage gab es im Jahr nur drei.
Und schließlich, wer weiß, wieviel Erinnerungen in den Seelen dieser Ausgestoßenen beim Herannahen dieses Tages wieder erwachten! Dem Gedächtnis des einfachen Volkes prägen sich die hohen Festtage viel schärfer ein, als demjenigen der reichen Leute. Es sind die Tage der Erholung, die Tage, an denen die ganze Familie versammelt ist. Im Ostrogg nun mußten sie sich unwillkürlich mit Qual und Sehnsucht ihrer erinnern. Die Achtung vor dem großen Festtage schien in ihnen ein gewisses Pflichtgefühl zu erwecken: nur sehr wenige waren müßig, alle waren ernst und scheinbar sehr beschäftigt, obgleich viele überhaupt nichts zu tun hatten. Doch sowohl die Müßigen als die Geschäftigen waren bemüht, eine gewisse Würde zu bewahren ... Das Lachen schien förmlich verboten zu sein. Überhaupt grenzte die Stimmung geradezu an kleinliche und reizbare Unduldsamkeit, und wer diese allgemeine Stimmung störte, wenn es auch ganz unbeabsichtigt geschah, der wurde barsch zur Ruhe verwiesen und man ärgerte sich über ihn, als hätte er den Feiertag selbst nicht geachtet. Diese Stimmung der Arrestanten war wirklich auffallend und rührend. Außer der angeborenen Hochachtung vor dem großen Tage, empfand der Ausgestoßene unbewußt, daß er durch diese Hochhaltung des Festes gewissermaßen mit der ganzen Welt dort draußen in Berührung kam, daß er folglich nicht ein gänzlich Ausgestoßener, Verlorener war, ein abgeschnittenes und fortgeworfenes Stück Leben; er sagte sich, daß auch im Ostrogg dasselbe gilt, was draußen bei den Menschen gefeiert wird. So fühlten sie alle; das sah und verstand man sofort.
Akim Akimytsch traf gleichfalls seine Vorbereitungen zum Fest. Für ihn gab es weder Familienerinnerungen, denn er war als Waisenkind bei fremden Leuten aufgewachsen und schon mit fünfzehn Jahren in schweren Dienst getreten, – noch hatte es in seinem Leben besondere Freuden gegeben, denn sein ganzes Leben hatte er regelmäßig, einförmig und in der beständigen Furcht verbracht, vielleicht doch irgendwie aus Versehen über die ihm auferlegten Verpflichtungen auch nur um Haaresbreite hinauszugehen. Er war auch nicht besonders religiös, da seine Sittsamkeit, wie es schien, alle übrigen menschlichen Gaben und Eigenheiten in ihm verschlungen hatte, alle Leidenschaften und Wünsche, sowohl die guten wie die schlechten. Infolge dessen schickte er sich an, den feierlichen Tag ohne alle Sorgen und Aufregungen zu verbringen, ohne sich von traurigen und völlig nutzlosen Erinnerungen verwirren zu lassen, sondern in ruhiger, methodischer Sittsamkeit, von der er genau soviel besaß, wieviel zur Erfüllung der Pflichten und des ein für allemal vorgeschriebenen Ritus gerade erforderlich ist. Und überhaupt war Nachdenken nicht gerade seine Liebhaberei. Die Bedeutung eines Faktums schien ihn niemals etwas anzugehen, dafür aber erfüllte er die ihm einmal vorgeschriebenen Gesetze mit heiliger Gewissenhaftigkeit. Hätte man ihm am nächsten Tage befohlen, etwas dem direkt Entgegengesetztes zu tun, was er Tags zuvor getan, – er hätte auch dieses mit ganz derselben Gehorsamkeit und Sorgfalt verrichtet, wie das andere. Einmal, nur ein einziges Mal im Leben hatte er versucht, nach seinem Verstande zu handeln und – kam dafür in die Kátorga. Die Lehre war für ihn nicht umsonst gewesen. Und wenn es ihm auch vom Schicksal nicht bestimmt war, jemals zu begreifen, worin sein Vergehen „eigentlich und im Grunde“ bestanden hatte, so zog er doch aus seinem Erlebnis die heilsame Folgerung, die er fortan zum Grundsatz erhob: niemals und unter keinen Umständen selbst zu denken, da das Denken nun einmal „nicht seine Verstandessache war“, wie die Arrestanten unter sich sagten. Blind dem Brauch ergeben, sah er sogar auf sein Spanferkel, das er – da er natürlich auch zu kochen verstand – eigenhändig mit Brei zubereitete, mit einer gewissen Hochachtung, ganz als wäre es nicht ein gewöhnliches Spanferkel gewesen, das man zu jeder Zeit kaufen und braten kann, sondern ein ganz besonderes, festtägliches. Vielleicht war er von Kindheit an gewöhnt, an diesem Tage ein gebratenes Spanferkel auf dem Tisch zu sehen, und so folgerte er, daß ein Spanferkel zum Feiertage unerläßlich sei. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß er, falls er an diesem Tage keinen Ferkelbraten gegessen hätte, sein ganzes Leben lang von Gewissensbissen wegen der unerfüllten Pflicht gemartert worden wäre. Bis zum Feiertage ging er in seiner alten Jacke und in alten Beinkleidern, die zwar tadellos gemacht, gestopft und geflickt waren, doch trotzdem recht abgetragen aussahen. Jetzt zeigte es sich, daß er den neuen Anzug, den er schon vor vier Monaten erhalten hatte, sorgfältig in seinem Kasten aufbewahrte, ohne ihn ein einziges Mal hervorzuholen, und sich mit schmunzelndem Gedanken vorbereitete, seine Kleider erst am Festtage zu wechseln. So tat er denn auch. Am Abend vorher holte er sie hervor, breitete sie aus, besah sie, glättete sie mit der Hand, zupfte hie und da ein Fädchen ab, beblies sie, und nachdem er das alles getan, zog er sie zur Probe an. Die Hose wie die Jacke saßen tadellos; alles war gut genäht, ließ sich bis oben zuknöpfen und der Kragen stützte wie ein Karton das Kinn; in der Taille zeigte sich noch obendrein so etwas, wie ein militärischer Schnitt. Akim Akimytsch lächelte vor Wonne und drehte sich nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein vor seinem kleinen Spiegel, den er in einer freien Stunde mit einer Bordüre von Goldpapier beklebt hatte. Nur ein einziges kleines Häkchen oben am Kragen der Jacke schien nicht ganz richtig zu sitzen. Nachdem Akim Akimytsch das eingesehen hatte, beschloß er, den Haken umzunähen: und kaum gedacht, war’s auch schon getan. Dann machte er noch einmal eine Anprobe und siehe, es war alles gut. Hierauf faltete er den ganzen Anzug kunstgerecht zusammen und bettete ihn für die Nacht vollbefriedigt wieder in seinen kleinen Kleiderkasten. Am nächsten Morgen sollte er nagelneu angezogen werden. Sein Haar war vorschriftsmäßig und vor kurzem erst rasiert: doch das Ergebnis einer längeren Untersuchung vor dem Spiegel war, daß sein Kopf ihm doch noch nicht so ganz glatt erschien, denn es waren bereits kaum sichtbare Spitzen neuer Sprößlinge zu sehen. Er begab sich daher unverzüglich zum „Major“, um sich tadellos rasieren zu lassen, obgleich es morgen niemand einfallen würde, seinen Kopf unter die Lupe zu nehmen, – einzig zur Beruhigung seines Gewissens, um in Anbetracht des hohen Festtages alle seine Pflichten erfüllt zu haben. Seine Andacht vor jedem Knopf, jeder Hakenöse, jedem Knopfloch hatte schon in der Kindheit einen Einfluß auf seinen Charakter gehabt und war seinem Verstande als unumstrittene Pflicht, seinem Herzen als letzte Schönheit erschienen, die ein anständiger Mensch nur erreichen kann. Als er endlich alles Persönliche erledigt hatte, ordnete er als Kasernenältester an, Heu hereinzubringen, und überwachte gewissenhaft, wie es auf dem Fußboden der Kaserne ausgebreitet wurde. Dasselbe geschah auch in den übrigen Kasernen. Ich weiß nicht, warum, aber zu Weihnachten wurde bei uns immer Heu auf den Fußboden gestreut. Nachdem nun Akim Akimytsch alle seine Pflichten erfüllt hatte, betete er zu Gott, legte sich auf die Pritsche hin und schlief im Augenblick den Schlaf eines unschuldigen Kindleins, um dann am nächsten Morgen möglichst früh aufzustehen. Das taten übrigens auch alle anderen. In allen Kasernen ging man viel früher zur Ruh, als es sonst üblich war. Die Abendarbeit war ganz vergessen und von Spielhöllen konnte überhaupt nicht die Rede sein. Alles erwartete den nächsten Morgen.
Endlich brach er an. Schon früh, noch vor Sonnenaufgang, wurde die Reveille getrommelt, wurde die Kaserne aufgeschlossen und der wachhabende Unteroffizier, der zum Nachzählen der Arrestanten eintrat, beglückwünschte uns zum Feste. Man wünschte ihm gleichfalls alles Gute und sagte es höflich und freundlich. Nach einem kurzen Gebet ging Akim Akimytsch, und gingen noch viele andere, die ihre Gänse und Spanferkel in der Küche hatten, eilig hinaus, um nachzusehen, was mit ihnen inzwischen geschehen war, wie sie gebraten wurden, wie es mit diesem, jenem und sonst noch etwas stand, u. a. m. Durch die kleinen, von Schnee und Eis blinden Fensterscheiben unserer Kaserne konnte man in der Dunkelheit erkennen, daß in beiden Küchen, in allen sechs Öfen, helles Feuer lohte, das schon vor Tagesanbruch angemacht worden war. Über den Hof gingen bereits die Arrestanten hin und her, alle in ihren Halbpelzen, die teils ganz angezogen, teils nur über die Schultern geworfen waren: ein jeder strebte zur Küche. Einige aber, übrigens nur sehr wenige, hatten schon die Branntweinhändler aufgesucht. Das waren die Ungeduldigsten, die niemals warten konnten. Im allgemeinen aber führten sich alle sehr anständig auf, ruhig und ganz ungewöhnlich würdig. Von den sonst üblichen Schimpfereien und Streitigkeiten war nichts zu hören und zu sehen. Alle begriffen und fühlten, daß es ein großer Tag, ein hohes Fest war. Es gab auch manche, die in die anderen Kasernen gingen, um diesen oder jenen von ihren näheren Bekannten zum Fest zu beglückwünschen. Es zeigte sich bei allen so etwas wie Freundschaft. Hier muß ich bemerken, daß man unter den Arrestanten sonst fast überhaupt nichts von Freundschaft sah – ich rede nicht von allgemeiner Kameradschaft, die war sogar in hohem Maße vorhanden, sondern von Freundschaft zwischen zwei einzelnen. So etwas gab es so gut wie überhaupt nicht. Alle waren im Verkehr miteinander trocken und hart, abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen, und das war ein formell anerkannter, einmal eingeführter und angenommener Ton.
Ich trat gleichfalls aus der Kaserne hinaus, es begann kaum, kaum zu tagen, die Sterne flimmerten noch am Himmel, ein kalter, feiner Dampf erhob sich langsam von der Erde und verschwand. Aus den Küchenschornsteinen wälzte sich der Rauch in dicken Säulen. Einige mir begegnende Arrestanten beglückwünschten mich aus eigenem Antriebe freundlich zum Fest. Ich dankte ihnen und antwortete ebenso. Mit manchen von ihnen hatte ich in diesem ganzen Monat noch kein Wort gesprochen.
Wenige Schritt vor der Küche holte mich plötzlich ein Arrestant aus der Militärkaserne ein, der seinen Halbpelz sich nur über die Schultern geworfen hatte. Schon von weitem hatte er mich erblickt und über den halben Hof angerufen: „Alexander Petrowitsch! Alexander Petrowitsch!“ und er eilte mir nach zur Küche hin. Ich blieb stehen und erwartete ihn. Es war ein junger Bursche mit rundem Gesicht, mit stillem Ausdruck in den Augen, sehr wenig gesprächig: mit mir hatte er noch kein Wort gewechselt und meiner Person bis dahin überhaupt noch keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich wußte nicht einmal, wie er hieß. Er kam ganz atemlos herangelaufen, blieb direkt vor mir stehen und starrte mich mit eigentümlich stumpfem, gleichzeitig aber auch seligem Lächeln an.
„Was wünscht Ihr von mir?“ fragte ich ihn nicht ganz ohne Verwunderung, als ich sah, daß er nur lächelte, stand und mich groß ansah, ein Gespräch aber nicht begann.
„Ja, wie denn, es ist doch Feiertag ...“ murmelte er verdutzt, und da er selbst gewahr wurde, daß er sonst nichts zu sagen hatte, verließ er mich und trat eiligst in die Küche. Ich will hier gleich bemerken, daß wir auch nachher nie miteinander ein Wort gewechselt haben, so lange wie ich im Ostrogg blieb.
In der Küche ging es lebhaft zu: ein ganzer Haufe drängte, stieß und quetschte sich vor den glühend heißen Backöfen. Ein jeder wollte sein Eigentum bewachen und dessen Kochprozeß beobachten. Die „Köchinnen“ schickten sich bereits an, die Herstellung der Staatskost in Angriff zu nehmen, da das Essen an diesem Tage früher angesagt war. Übrigens begann noch niemand zu essen, obgleich nicht wenige große Lust dazu verspürten, doch wahrten sie heldenmütig den Anstand. Man erwartete den Geistlichen und erst nachher sollte das Fleischessen nach der Fastenzeit beginnen.
Inzwischen begannen – noch war es kaum Tag geworden – von der Wache her die Rufe zu erschallen: „Köche her!“ – die sich im Laufe von mindestens zwei Stunden fast in jeder Minute wiederholten. Der Gefreite rief die Köche, damit sie die Spenden, die von allen Enden der Stadt dargebracht wurden, entgegennahmen. Sie bestanden in ungeheuren Mengen von Kalatschen, Broten, Käsekuchen, Pfannkuchen, süßen Broten, – kurz, in allen Sorten des Festtagsgebäcks. Ich glaube, es gab da wohl keine einzige Hausfrau in den Kaufmanns- und Bürgerkreisen, die nicht etwas aus ihrer Küche geschickt hätte, um den „Unglücklichen“ zum Feste eine Freude zu machen. Es gab viel reiche Spenden, schönes Gebäck von Butterteig, vom feinsten Mehl und in großen Mengen geschickt; es gab aber auch sehr arme Gaben – irgend ein Kalatsch zu zwei Kopeken und zwei gewöhnliche, kaum sichtbar mit Sahne bestrichene Pfannkuchen: das war eine Gabe des Armen an den Armen, vom wenigen, das er selbst besaß. Alles wurde mit gleicher Dankbarkeit entgegengenommen: nicht der geringste Unterschied wurde zwischen den Gaben und den Gebern gemacht. Die in Empfang nehmenden Arrestanten nahmen ihre Mützen ab, verbeugten sich, dankten, beglückwünschten zum Fest, und trugen dann das Geschenk in die Küche. Als sich nach einiger Zeit ganze Berge von solchen Broten angehäuft hatten, wurden die Ältesten jeder Kaserne gerufen und sie teilten dann das ganze in gleiche Teile. Es gab weder Streit noch Schelten: alles wurde ehrlich und gewissenhaft geteilt. Was unserer Kaserne zufiel, wurde dann bei uns verteilt. Akim Akimytsch und noch ein anderer Arrestant besorgten das: sie zerschnitten das Gebäck eigenhändig und reichten eigenhändig einem jeden, was ihm zukam. Nicht der geringste Einspruch wurde laut, nicht der geringste Neid machte sich bemerkbar: alle waren mit dem zufrieden, was sie erhielten; es war nicht einmal ein Schimmer von einem Verdacht zu bemerken, daß die Gaben unterschlagen oder ungerecht verteilt werden könnten.
Nachdem Akim Akimytsch seine Arbeit in der Küche beendet hatte, kleidete er sich mit allem Anstand und aller Feierlichkeit an, vergaß kein einziges noch so kleines Häkchen, und nachdem er damit fertig war, schritt er unverzüglich zum Gebet. Er betete ziemlich lange. Außer ihm beteten noch viele andere, doch waren es meistens bejahrtere Männer. Die jungen dachten kaum daran, höchstens daß einer sich beim Aufstehen flüchtig bekreuzigte. Nach dem Gebet trat Akim Akimytsch auf mich zu und beglückwünschte mich nicht ohne Feierlichkeit zum Fest. Ich lud ihn sogleich zu meinem Tee ein und er darauf mich zu seinem Ferkelbraten. Kurz darauf kam Petroff, um mir gleichfalls Glück zu wünschen. Wie mir schien, hatte er bereits ein wenig getrunken und obschon er sehr eilig gekommen war, so hatte er doch nicht viel zu sagen, sondern stand nur kurze Zeit gewissermaßen erwartungsvoll vor mir und eilte dann bald wieder in die Küche.
Inzwischen war in der Militärkaserne alles Nötige zum Empfang des Geistlichen vorbereitet worden. Diese Kaserne war nicht so eingerichtet, wie die anderen: in ihr zogen sich die Pritschen an den Wänden hin und nicht in der Mitte des Zimmers, so daß sie im ganzen Ostrogg der einzige Raum war, in dem man, falls nötig, die Arrestanten versammeln konnte. Wahrscheinlich war sie sogar gerade zu diesem Zweck so gebaut worden. In die Mitte der Kaserne hatte man einen kleinen Tisch hingestellt, mit einem reinen Handtuch bedeckt, ein Heiligenbild aufgestellt und das Lämpchen davor angezündet. Endlich kam auch der Geistliche mit einem Kreuz und dem Weihwasser. Nachdem er vor dem Heiligenbilde gebetet und gesungen hatte, stellte er sich vor die versammelten Arrestanten hin, die dann in aufrichtiger Andacht einzeln zu ihm traten und das Kreuz küßten. Hierauf ging der Geistliche in alle Kasernen und besprengte sie mit Weihwasser. In der Küche segnete und lobte er auch unser Ostroggbrot, das wegen seiner Schmackhaftigkeit in der ganzen Stadt bekannt war, und die Arrestanten beschlossen sofort, ihm zwei frische, soeben aus dem Ofen gekommene Brote zu schicken, die ohne weiteres einem Invaliden eingehändigt wurden, damit er sie in die Wohnung des Geistlichen trug. Das Kreuz wurde mit derselben Ehrfurcht begleitet, wie es zuerst empfangen worden war, und gleich darauf kamen der Platzmajor und der Kommandeur angefahren. Letzterer wurde bei uns sehr geachtet und sogar geliebt. Er durchschritt in Begleitung des Platzmajors sämtliche Kasernen und beglückwünschte uns alle zum Feste. Hierauf begab er sich auch in die Küche, wo er die Festtagskohlsuppe kostete, die diesmal vorzüglich zubereitet war: es war für jeden Sträfling ungefähr ein Pfund Rindfleisch mitgekocht worden. Außerdem gab es noch Grützbrei, zu dem man nach Herzenslust Butter hinzutun durfte. Der Platzmajor begleitete den Kommandeur zum Wagen und dann befahl er, daß mit dem Essen begonnen werde. Die Arrestanten bemühten sich, ihm nicht unter die Augen zu kommen. Man haßte bei uns seinen bösen Blick hinter den Brillengläsern hervor, mit dem er auch jetzt noch nach links und rechts ausschaute, ob er nicht irgendwo Unordnung entdecken, irgendwo einen Sündenbock finden könne.
Dann kam das Essen. Akim Akimytsch hatte sein Spanferkel vorzüglich zubereitet. Doch eines vermag ich nicht zu erklären, wie das kam: kaum war der Platzmajor fortgefahren, als sich schon sehr viel angeheitertes Volk zeigte, während noch vor kaum fünf Minuten alle nüchtern gewesen waren. Man sah überall bereits sich rötende und strahlende Gesichter, und bald waren auch Balalaiken zur Stelle. Der kleine Pole folgte schon mit seiner Geige irgend einem „Feiernden“, der ihn für den ganzen Tag gemietet hatte, und spielte und fiedelte ihm lustige Tänze vor. Die Unterhaltung wurde lauter, wurde trunken und geräuschvoll. Doch das Essen verlief noch ohne große Störungen. Alle waren satt. Viele von den Älteren und Soliden begaben sich sofort nach dem Mahl in ihre Kasernen und machten ein Schläfchen, was auch Akim Akimytsch tat, da er wahrscheinlich der Meinung war, daß man an einem Feiertage nach dem Mittag unbedingt schlafen müsse. Der altgläubige Greis aus Starodubowo kroch, nachdem er eine Zeitlang gestumpft hatte, auf den Ofen, schlug sein Buch auf und betete, so gut wie ohne jede Unterbrechung bis tief in die Nacht hinein. Es war ihm schwer, diese „Schmachhaftigkeit“, wie er sagte, mit anzusehen. Die Tscherkessen hatten sich auf die kleine Treppenstufe vor der Tür hingesetzt und blickten neugierig und doch mit einem gewissen Ekel auf das betrunkene Volk. Zufällig begegnete mir Nurra: „Jamán, jamán!“[6] sagte er kopfschüttelnd und mit ehrlichem Unwillen, „ach, jamán! Allah wird bös sein!“ Issai Fomitsch zündete eigensinnig und hochmütig seine Kerze an und machte sich an eine Arbeit, augenscheinlich in der Absicht, zu zeigen, daß er diesen Feiertag überhaupt nicht achte. Hier und da in den Ecken gab’s schon Spielhöllen. Die Invaliden fürchtete man nicht und für den Unteroffizier, der sich übrigens selbst bemühte, nichts zu bemerken, wurden Wächter aufgestellt. Der wachhabende Offizier steckte im Verlauf des Tages dreimal seine Nase in den Ostrogg, doch die Spielhöllen, und die Betrunkenen verschwanden noch eh man’s gedacht mit wundernehmender Geschwindigkeit, und auch er schien sich entschlossen zu haben, kleine Unordnungen diesmal nicht zu beachten. Zu diesen kleinen Unordnungen gehörten auch die Angeheiterten. Allmählich aber wurde man freier, berauschter, und es begannen Hader und Streit. Doch die Nüchternen waren in der Überzahl, so daß es immer noch welche gab, die die anderen bewachen konnten. Dafür aber tranken die „Feiernden“ diesmal ohne jedes Maß. Gasin triumphierte. Vor seinem Platz auf der Pritsche spazierte er hin und her, und war mit sich und mit der Welt zufrieden. Seinen Branntweinvorrat, der von ihm sonst draußen hinter den Kasernen irgendwo im Schnee verborgen gehalten wurde, hatte er dreist unter die Pritsche geschoben. Er lächelte verschlagen, wenn ein Käufer zu ihm kam. Selbst war er vollkommen nüchtern und trank keinen Tropfen. Er beabsichtigte, erst nach den Feiertagen zu schlemmen, wenn er den übrigen bereits alles aus der Tasche geholt hatte. In den Kasernen ertönten Lieder, doch die Trunkenheit wurde bei einzelnen mit der Zeit zu einer Betäubung, wie von Kohlendunst, und von den Liedern war es nicht weit bis zu den Tränen. Mehrere gingen mit selbstgefertigten Balalaiken, den Halbpelz über die Schultern geworfen, in fideler Stimmung umher und strichen gewandt und sicher mit den Fingerspitzen über die Saiten. In der „besonderen Abteilung“ hatte sich sogar ein Chor gebildet aus acht Mann, die prächtig zur Begleitung von Balalaiken und Gitarren sangen. Rein volkliche Lieder wurden wenig gesungen. Ich entsinne mich nur noch des einen munter vorgetragenen Liedes:
Als ich jung war, ging ich abends Wohl zu manchem heitren Fest ...
Und hier hörte ich auch eine neue Variante dieses Liedes, die ich früher noch nicht gekannt hatte. Zum Schluß des Liedes wurden noch einige Strophen hinzugefügt, die die Tätigkeit der jungen Frau schilderten. Gewöhnlich aber wurden bei uns die sogenannten Arrestantenlieder gesungen, die ja wohl alle bekannt sind. Nur eines von ihnen, ein humoristisches, war mir neu. Es beschrieb in heiterem Ton, wie ein Mensch früher als Herr in der Freiheit vergnügt gelebt hatte, jetzt aber im Ostrogg die Ketten schleppen mußte. Es hieß, früher habe er Champagner getrunken und Süßes gegessen, jetzt aber müsse er mit schlechter Kohlsuppe zufrieden sein,
„Und gibt man auch nur Kraut in heißem Wasser, Ich fresse alles auf mit Haut und Haar.“
Sehr beliebt war auch der bekannte Gassenhauer:
„Einstmals lebt’ ich, ein Knabe, flott und fröhlich, Und sogar ein Kapital war mein. Doch das Kapital, mein Knabe, ging zum Teufel Und ich kam in den Ostrogg hinein.“
Nur wurde bei uns nicht „Kapital“ gesagt, sondern „Kapetal“.
Auch wurden oft melancholische und ernste Lieder gesungen. Eines war ein echtes Kátorgalied, das wohl gleichfalls bekannt sein dürfte:
„Steigt die Morgenröte erst empor, Hört man schon den Trommelwirbel rufen ...“
usw. Ferner das bekannte:
„Wer aber weiß dort in der großen Welt, Wie wir hinter unsren Wänden hausen ...“
Ein anderes Lied war noch melancholischer und hatte eine wundervolle Melodie. Wahrscheinlich war das Lied von einem Arrestanten gedichtet. Ich entsinne mich nur noch einiger Strophen aus demselben:
„Nie mehr sieht mein Auge jenes Land, Das mir Heimat war. Schuldlos muß ich Qualen leiden Wohl an tausend Jahr.
Auf dem Dach der Uhu schreit zur Nacht, Weithin tönt es durch den Wald. Sehnsucht will das Herz mir brechen ... Nie mehr sieht mein Auge jenes Land.“
Dieses Lied wurde oft bei uns gesungen, aber nicht im Chor. Es ging bisweilen einer zur Feierabendzeit zufällig hinaus in die Dämmerung, setzte sich auf die kleine Treppenstufe vor der Kasernentür, stützte gedankenverloren die Wange in die Hand und sang es zuerst nur leise, dann immer lauter mit hoher Stimme. Man hörte zu und das Herz fing an zu schlagen. Wir hatten gute Stimmen im Ostrogg.
Inzwischen begann es zu dunkeln. Trauer, Sehnsucht und dumpfe Gefühle blickten schwer durch die Trunkenheit und das Gejohle hindurch. Manch einer, der noch vor einer Stunde gelacht hatte, weinte bereits in irgend einer Ecke, maßlos betrunken. Andere hatten schon mehr als einmal zu raufen begonnen. Wieder andere wankten, bleich und kaum auf den Füßen sich haltend, durch die Kasernen und stifteten Streit. Manche, die der Rausch nicht händelsüchtig machte, suchten vergeblich Freunde, denen sie ihr Herz hätten ausschütten können, um bei der Gelegenheit auch ihr trunkenes Leid auszuweinen. Dieses ganze arme Volk hatte fröhlich und heiter den großen Festtag verbringen wollen – und nun, mein Gott! – wie schwer und traurig war dieser Tag fast für einen jeden. Ein jeder verbrachte ihn mit einem Gefühl, als hätte er in einer großen Hoffnung eine große Enttäuschung erfahren. Petroff kam im ganzen zweimal zu mir. Er hatte nur sehr wenig getrunken und war fast ganz nüchtern. Aber er erwartete noch bis zum letzten Augenblick irgend etwas, das seiner Meinung nach unbedingt geschehen mußte, etwas Ungewöhnliches, Festtägliches, Belustigendes. Wenn er es auch nicht aussprach, so sah man es doch deutlich seinen Augen an. Er strich unermüdlich umher, aus einer Kaserne in die andere. Doch es geschah nichts Besonderes und er fand nichts, als betrunkene Gestalten, sinnlos trunkenes Gerede, Geschimpf und im Rausch gerötete Gesichter. Ssirotkin schlenderte gleichfalls umher, sah in seinem neuen roten Hemd, reingewaschen und glatt gekämmt, allerliebst aus, ging durch alle Kasernen und schien gleichfalls, still und naiv, irgend etwas zu erwarten.
Mit der Zeit wurde es unerträglich und ekelhaft in den Kasernen. Natürlich gab es auch viel Spaßiges, aber diese armen Menschen taten mir – ich weiß nicht warum – doch alle leid, und es war mir unter ihnen schwer und traurig zumute. Dort streiten sich zwei über das Problem, wer den anderen bewirten soll. Man sieht es ihnen an, daß sie schon lange streiten und sich auch schon mehrmals deswegen entzweit haben. Der eine besonders scheint den anderen schon von früher her auf dem Kerbholz zu haben. Er klagt ihn an und bemüht sich, mit merklich steifer Zunge zu beweisen, daß jener unrecht an ihm gehandelt habe: es war irgend einmal ein Halbpelz verkauft und irgend einmal irgend welches Geld unterschlagen worden, und alles in allem war es im letzten Jahr in der Butterwoche geschehen. Außerdem hatte es noch etwas zwischen ihnen gegeben ... Kurz, es war ihm Unrecht getan worden. Der Ankläger ist ein großer, stämmiger Bursche, nicht dumm, kein Raufbold, doch wenn er betrunken ist, hat er das Verlangen, Freundschaft zu schließen und dem Freunde sein Leid zu klagen. Wohl schilt er den anderen, gleichzeitig aber sieht man es ihm doch an, daß er es nur aus dem Wunsche heraus tut, nachher noch festere Freundschaft mit dem Feinde zu schließen.
Der andere ist untersetzt und mittelgroß mit einem runden Gesicht, schlau und hinterlistig. Er hat vielleicht mehr als sein Freund getrunken, hat aber nur einen leichten Rausch. Er ist ein Mann von Charakter und gilt für reich, doch scheint es ihm aus unbekanntem Grunde diesmal vorteilhaft, seinen mitteilsamen Freund nicht zu reizen, und er führt ihn zum Branntweinhändler. Der Freund behauptet, daß jener ihn freihalten müsse, – „wenn du nur ein ehrlicher Mensch bist.“
Der Branntweinverkäufer holt mit einer gewissen Hochachtung vor dem Käufer und einem Schimmer von Verachtung für dessen mitteilsamen Freund – da dieser nicht für sein eigenes Geld trinkt, sondern freigehalten wird – seinen Branntweinschlauch hervor und schenkt ein.
„Nein, Stepka, das bist du mir schuldig,“ sagt der mitteilsame Freund, „denn sieh, das bist du mir schuldig!“
„Schwatz nicht so viel dummes Zeug! Ich werd mir deinethalben auch keine Hühneraugen an die Zunge reden!“ ist Stepkas Antwort.
„Nein, Stepka, das lügst du,“ behauptet der erste und empfängt die Branntweintasse, „denn du bist mir Geld schuldig, Gewissen hast du nicht und deine Augen gehören ja gar nicht dir, die hast du einfach gestohlen! Ein Gauner bist du, Stepka, damit du’s weißt, ein echter Gauner, das sage ich dir rund!“
„Was plärrst du, sieh, daß du den Branntwein nicht verschülperst! Tut man dir die Ehre an, dir Branntwein zu kaufen, so trink!“ schreit der „Schenkwirt“ den mitteilsamen Freund an, „oder soll ich bis morgen auf meine Tasse warten?“
„Ich ... ich trink’ doch schon, was schreist du! Prost Fest, Stepan Dorofejitsch!“ wandte er sich plötzlich, die Tasse in der Hand, höflich und mit leichter Verbeugung zu Stepka, den er noch vor einer halben Minute einen Gauner genannt hatte. „Bleib gesund auf hundert Jahr, – was du schon verlebt hast, zählt nicht mit!“ Er trank, räusperte sich und wischte sich mit dem Handrücken den Mund. „Früher, Freunde, konnte ich viel Branntwein saufen, o–ohne was zu merken,“ fuhr er mit ernster Wichtigkeit fort, diesmal gleichsam an alle sich wendend, „jetzt aber ist die Zeit für mich schon vorüber. Ich danke, Stepan Dorofejitsch!“
„Keine Veranlassung.“
„Und so werde ich dir, Stepka, immer dasselbe sagen und außerdem noch, daß du vor mir als großer Gauner dastehst, das sage ich dir noch außerdem ...“
„Ich aber werde dir, besoffene Fratze, noch etwas anderes sagen,“ unterbricht ihn Stepka, den die Geduld verläßt. „Höre und behalte jedes meiner Worte: da hast du die halbe Welt, wir teilen sie uns mitten durch, dir die eine Hälfte, mir die andere. Und jetzt mach, daß du mir nicht mehr unter die Augen kommst! Hab dich satt!“
„Du gibst mir also das Geld nicht zurück?“
„Was für ein Geld willst du noch haben, du besoffene Unke?“
„Wart, in jener Welt wirst du von selber kommen, um es mir abzugeben – werd aber dann nicht nehmen! Unser Geld ist schwer verdient, an ihm sind Schweiß und Schwielen. Wirst dort noch um meinen Fünfer vor Schulden umkommen, in jener Welt, meine ich.“
„Hol dich der Teufel, fahr ab zu ihr!“
„Wohin treibst du mich, ich bin doch kein Pferd.“
„Mach, daß du fortkommst! Pack dich!“
„Gauner!“
„Zuchthäusler!“
Und das Schimpfen hub von neuem an, diesmal noch stärker als vor der spendierten Tasse Branntwein.
Dort sitzen auf der Pritsche ganz abgesondert zwei Freunde: der eine groß, stark, fleischig, dick, so ein echter Fleischer mit rotem Gesicht: er ist den Tränen nahe, denn er ist sehr gerührt. Der andere ein schwächliches, hageres, mageres Kerlchen mit einer langen, spitzen Nase, an der beständig ein Tropfen hängt und manchmal auch niederfällt, mit kleinen Schweinsaugen, die zu Boden blicken. Das ist ein aufgeklärter und gebildeter Mensch, der einmal Schreiber gewesen ist und seinen Freund ein wenig von obenherab behandelt, was diesem im geheimen sehr unangenehm ist. Sie haben den ganzen Tag zusammen getrunken.
„Er hat sich unterstanden!“ schreit der fleischige Freund und schüttelt kräftig den Schreiber, den er mit der linken Tatze um die Schultern gefaßt hat, sodaß dessen Kopf lose hin und her pendelt. „Er hat sich unterstanden“ bedeutet „Er hat mich geschlagen“. Der fleischige Freund, der selbst ehemaliger Unteroffizier ist, beneidet im Geheimen mächtig seinen hageren Freund um dessen Bildung, und so geben sie sich beide große Mühe, nur in gewähltem Stil zu einander zu reden.
„Ich aber sage dir, daß du im Unrecht bist,“ beginnt dogmatisch der Schreiber, der hartnäckig seine Augen nicht zum anderen erhebt und wichtig fortfährt, den Boden zu fixieren.
„Er hat sich unterstanden! – hörst du, was ich sage!“ unterbricht ihn der Dicke und schüttelt seinen lieben Freund noch heftiger. „Du allein bist mir jetzt noch in der ganzen Welt geblieben – hörst du, was ich sage! Darum sage ich dir das eine: er hat sich unterstanden! ...“
„Und ich sage dir wiederum: eine so saure Rechtfertigung, teurer Freund, macht deinem Gehirn nur Schande,“ entgegnet mit dünnem und geschütteltem Stimmchen der Schreiber, „also gib lieber zu, teurer Freund, daß diese ganze Trunkenheit nur eine Folge deiner Unbeständigkeit ist.“
Der Oberkörper des teuren Freundes wankt etwas zurück, stumpf blickt er mit seinen betrunkenen Augen auf das zufriedene Schreiberlein, und plötzlich, ganz unerwartet, knallt er ihm aus aller Kraft mit seiner riesigen Tatze eine schallende Ohrfeige auf die kleine Backe. Und damit hat ihre Freundschaft für diesen Tag aufgehört. Der liebe Freund fliegt besinnungslos unter die Pritschen ...
Da tritt in unsere Kaserne einer meiner Bekannten aus der besonderen Abteilung ein – ein unendlich gutmütiger und lustiger Bursch, nicht gerade dumm, unverletzend spottlustig und von Ansehen ungemein gewöhnlich. Es ist derselbe, der am ersten Tage nach meiner Ankunft in der Küche den „reichen Mann“ gesucht und schließlich von mir ein Glas Tee angenommen hatte. Er ist vierzig Jahre alt, hat eine ungewöhnlich dicke Unterlippe und eine fleischige Nase, die mit Hitzbläschen und Finnen übersät ist. Er hat eine Balalaika, auf der er nachlässig mit den Fingern hin und wieder ein paar Töne spielt. Ihm folgt, als wäre er am Schlepptau, ein kleiner Arrestant mit einem großen Kopf, den ich bis dahin nur flüchtig gekannt hatte. Ihm wurde übrigens auch von niemand besondere Beachtung geschenkt. Er war etwas absonderlich, mißtrauisch, ewig schweigsam und sehr ernst. Er arbeitete in der Schneiderstube und war sichtlich bemüht, als Sonderling zu leben und niemandem näherzutreten. Jetzt aber, in der Trunkenheit, hatte er sich wie ein Schatten an Warlamoff geheftet. Er folgte ihm in unglaublicher Erregung, fuchtelte mit den Armen, schlug mit der Faust an die Wand, auf die Pritsche, und es fehlte nicht viel, so hätte er geweint. Warlamoff schenkte ihm, wie es wohl scheinen konnte, nicht die geringste Beachtung, als wäre er überhaupt nicht dagewesen. Bemerkenswert ist ferner, daß diese zwei früher so gut wie nie miteinander in Berührung gekommen waren. Sie hatten weder in der Beschäftigung noch im Charakter etwas Gemeinsames. Sie gehörten sogar verschiedenen Abteilungen an und wohnten in verschiedenen Kasernen. Der Kleine mit dem großen Kopf hieß Bulkin.
Als Warlamoff mich erblickte, lächelte er übers ganze Gesicht. Ich saß auf meinem Pritschenplatz am Ofen. Er blieb nicht weit von der Tür stehen, schien etwas zu überlegen, wankte dann und kam mit ungleichmäßigen Schritten auf mich zu, um sich breitbeinig und eigenartig keck mit seinem schweren Körper vor mir aufzupflanzen. Nach einem leichten Schlag über die Saiten begann er ein Rezitativ, zu dem er kaum merklich mit der Stiefelspitze den Takt schlug:
„Blondlockig, rotwangig, Singt wie die Nachtigall Meine Herzliebste: Ist in dem prachtvoll Bestickten Atlaskleid Die Allerschönste.“
Dieses Lied machte auf Bulkin, wie es schien, einen solchen Eindruck, daß er außer sich geriet: er fuchtelte mit den Armen und schrie uns allen zu:
„Alles lügt er, Brüder, alles lügt er! Nicht ein Wort kann er in Wahrheit sagen, alles lügt er!“
„Dem alten Alexander Petrowitsch!“ grüßte Warlamoff, mit verschmitztem Lächeln, mir in die Augen blickend, und womöglich geneigt, mich abzuküssen. Er hatte einen guten Rausch. Der Ausdruck „dem Alten“ – d. h. „dem Alten so und so mein Gruß“ – wird in ganz Sibirien von dem einfachen Volke gebraucht, selbst einem Zwanzigjährigen gegenüber. Das Wort „der Alte“ hat etwas Ehrwürdiges, Ehrfürchtiges, sogar Schmeichelhaftes.
„Nun, Warlamoff, wie geht’s?“
„Immer von einem Tage zum andern. Aber wer sich über den Feiertag freut, der ist seit dem Morgen berauscht. Ihr müßt mich schon entschuldigen!“ Warlamoff sprach ein wenig gedehnt.
„Und immer, immer muß er wieder lügen!“ schrie Bulkin und hämmerte geradezu verzweifelt mit der Hand auf die Pritschen. Warlamoff aber schien sich geschworen zu haben, dem anderen nicht die geringste Beachtung zu schenken, und darin lag eine unbeschreibliche Komik, denn Bulkin hatte sich dem Warlamoff seit dem Morgen ohne jede Veranlassung angehängt, – vielleicht, weil Warlamoff „alles lügt“, wie es ihm plötzlich aus irgend einem Grunde schien. Er folgte ihm wie ein Schatten, fiel über jedes seiner Worte her, rang die Hände, hämmerte sie an den Wänden und Pritschen fast blutig und litt, litt aufrichtig unter der Überzeugung, daß Warlamoff „alles lügt“! Hätte er Haare auf dem Kopf gehabt, ich glaube, er hätte sie sich ausgerauft vor lauter Verzweiflung. Es war, als hätte er es auf sich genommen, für jedes Wort Warlamoffs zu verantworten, als lägen alle Mängel Warlamoffs auf seinem Gewissen. Und zu alledem kam noch, daß jener ihn nicht einmal ansah! Das war entschieden zu viel.
„Alles lügt er, alles lügt er, alles lügt er! Kein einziges Wort ist wahr, alles lügt er!“ schrie Bulkin.
„Was geht denn dich das an?“ fragten lachend die anderen.
„Ich werde Euch, Alexander Petrowitsch, gehorsamst vermelden, daß ich von mir aus einmal sehr hübsch war und die Mädels mich sehr geliebt haben ...“ begann plötzlich Warlamoff, ohne jede Veranlassung zu diesem Bekenntnis.
„Er lügt! Lügt schon wieder!“ schreit Bulkin in heller Verzweiflung.
Alles lacht.
„Ich aber mache mich rar. Habe ein rotes Hemd und weite Pluderhosen; liege lang ausgestreckt wie so ’n Graf Butylkin, das heißt, voll wie ein Schwede, mit einem Wort – was will man mehr!“
„Er lügt!“ bestätigte Bulkin überzeugt.
„Dazumal aber besaß ich noch ein zweistöckiges Haus von meinem Vater, ein steinernes. Na ja, in zwei Jahren war ich mit zwei Stockwerken fertig, es blieb mir nur noch das Hoftor, die Pfosten abgerechnet. Was, Geld! Geld ist wie – Tauben: es kommt angeflogen und fliegt wieder weg! Wisch noch den Mund ab, wenn du willst.“
„Er lügt!“ bestätigte Bulkin noch beharrlicher.
„Und so schickte ich denn neulich meinen Anverwandten von hier aus einen Tränenbrief: was kann man wissen, vielleicht schicken sie mir etwas. Sie sagten zwar immer, ich sei gegen meine Eltern gewesen, unehrerbietig, sozusagen. Jetzt werden es schon sieben Jahre her sein, als ich schickte.“
„Wie, und noch keine Antwort erhalten?“ fragte ich lachend.
„Na ja, selbstverständlich keine!“ antwortete er und lachte dann selbst mit, näherte aber seine Nase immer mehr meinem Gesicht. „Aber dafür habe ich hier, Alexander Petrowitsch, eine Geliebte ...“
„Ihr? Eine Geliebte?“
„Onufrijeff sagte mir noch vorhin, mag die Meine auch pockennarbig sein, so hat sie doch viel Kleider, deine aber ist wohl hübsch, dafür aber bettelarm, geht wie eine Maus im Sack.“
„Ist denn das wahr?“
„Wahrhaftig bettelarm!“ beteuerte er und brach in lautloses Lachen aus. Die anderen lachten gleichfalls. Alle wußten, daß er tatsächlich mit einer ganz Armen angebändelt und ihr in einem halben Jahre nur zehn Kopeken gegeben hatte.
„Nun und was weiter?“ fragte ich mit dem Wunsch, ihn loszuwerden.
Er schwieg, blickte mich gerührt an und sagte schließlich geradezu zärtlich:
„Würdet Ihr mich denn nicht im Hinblick auf diese Tatsache mit einem Viertelliter Branntwein beglücken? Ich habe doch, glaubt mir, Alexander Petrowitsch, heut den ganzen Tag nur Tee und immer wieder Tee gesoffen,“ fügte er melancholisch hinzu, indem er das Geld empfing, „und davon bin ich jetzt so voll, daß ich gar nicht mehr atmen kann, und im Magen schaukelt’s, wie in einer Flasche ...“
Während er nun das Geld nahm, erreichte die sittliche Entrüstung Bulkins ihre letzte Grenze. Er gestikulierte wie ein Verzweifelter und war dem Weinen beängstigend nahe.
„Kinder Gottes!“ schrie er wie wahnsinnig, sich an alle wendend, „seht ihn an! Alles lügt er! Was er auch sagt, alles, alles, alles, aber auch alles lügt er!“
„Aber was geht denn dich das an?“ rufen ihm die Arrestanten von allen Seiten zu, erstaunt über seinen Eifer. „Dummer Kerl!“
„Ich lasse nich lügen!“ schreit Bulkin mit blitzenden Augen und schlägt aus aller Kraft mit der Faust auf die Pritschen, – „ich will nicht, daß er lügt!“
Alles lacht. Warlamoff nimmt das Geld, dankt, verbeugt sich vor mir und verläßt darauf die Kaserne, selbstverständlich um zu einem Branntweinverkäufer zu gehen. Und da erst scheint er Bulkin zu bemerken.
„Na, gehen wir!“ sagt er zu ihm, auf der Schwelle stehen bleibend, ganz als hätte er jenen wirklich zu irgend etwas nötig. „So’n Stockknopf!“ fügt er hinzu, während er mit verächtlicher Miene den betrübten Bulkin zuerst über die Schwelle treten läßt und von neuem anfängt, auf der Balalaika zu spielen.
Doch wozu soll ich noch weiter dieses Treiben schildern! Endlich ist dieser bedrückende Tag zu Ende. Schwer schlafen sie alle auf den Pritschen ein. Im Traum sprechen und phantasieren sie noch mehr als sonst. Hier und da sitzen noch ein paar Kartenspieler. Der langersehnte Tag ist vorüber. Morgen beginnt wieder das alte Leben, wieder die alte Arbeit.