III.
Das Lazarett, Fortsetzung
Ich bin erst jetzt auf die Bestrafungen wie auch auf verschiedene Vollstrecker dieser angenehmen Urteile nach dem einmal anerkannten Gesetz zu sprechen gekommen, da ich erst nach meiner Übersiedelung ins Lazarett einen anschaulichen Begriff von diesen Dingen erhielt. Bis dahin hatte ich nur aus den Erzählungen der anderen eine Vorstellung hiervon erhalten.[7]
In die beiden Krankensäle unserer Abteilung kamen alle mit Spießruten Gezüchtigten aus den verschiedenen Bataillonen, Arrestantenkompagnien und übrigen Militärkommandos, die in unserer Stadt und ihrer ganzen Umgebung lagen. In dieser ersten Zeit, als ich noch alles, was um mich herum geschah, wißbegierig verfolgte, machten alle diese Gezüchtigten und zur Züchtigung Verurteilten einen mächtigen Eindruck auf mich, was ja schließlich ganz natürlich war. Ich war erregt, verwirrt, erschreckt. Ich weiß noch, daß ich damals mit einemmal anfing, ungeduldig alle Einzelheiten dieser mir neuen Tatsachen zu erforschen, ich hörte aufmerksam den Erzählungen der anderen zu, fragte sie nach verschiedenen Dingen, und wollte mir unbedingte Klarheit verschaffen. Unter anderem wollte ich um jeden Preis alle Abstufungen der Verurteilungen und Strafen, alle Abarten der Vollstreckung des Urteils und die Auffassung der Sträflinge selbst kennen lernen; ich bemühte mich, mir den psychologischen Zustand des zur Züchtigung Geführten vorzustellen. Ich habe schon gesagt, daß vor der Bestrafung selten jemand kaltblütig ist, selbst diejenigen nicht ausgenommen, die bereits wiederholt und sogar sehr streng gezüchtigt worden sind. Da überfällt den Verurteilten gewöhnlich eine, ich möchte sagen – stechende, aber rein physische Angst, die ihn unwillkürlich erfaßt und sich nicht abschütteln läßt, und die alles Sittliche im Menschen erdrückt. Ich habe auch später noch, in all den Jahren meines Ostrogglebens, unwillkürlich die vor der Bestrafung Stehenden beobachtet, vor allen anderen aber diejenigen im Lazarett, die nach dem Empfang der ersten Hälfte der ihnen zugedachten Anzahl Hiebe und sobald ihr Rücken zugeheilt war, das Lazarett wieder verließen, um am nächsten Tage die zweite Hälfte in Empfang zu nehmen. Diese Teilung der Strafe in zwei Hälften geschieht stets nach dem Ausspruch des Arztes, der bei jeder Exekution anwesend sein muß. Ist die Zahl der Schläge sehr hoch, und glaubt man, daß der Verurteilte sie nicht mit einemmal empfangen kann, so wird sie in zwei oder drei Teile geteilt, je nachdem was der Arzt während der Bestrafung sagt, ob der Betreffende noch mehr erhalten kann, oder ob eine Fortsetzung mit Lebensgefahr für ihn verknüpft ist. Gewöhnlich werden fünfhundert, tausend, ja sogar tausendfünfhundert Hiebe auf einmal gegeben, ist er aber zu zwei-, zu dreitausend verurteilt, so wird die Strafe in zwei oder drei „Serien“ geteilt.
Es fiel mir auf, daß alle, deren Rücken nach der ersten Serie schon zugeheilt war und die nun das Lazarett verließen, um sich der übrigen Strafe zu unterziehen, am Tage des Ausschreibens und auch schon vorher begreiflicherweise düster, mürrisch und auffallend wortkarg waren. Man sah ihnen eine gewisse geistige Stumpfheit an, eine unnatürliche Zerstreutheit: sie sprachen kaum ein Wort und schwiegen die ganze Zeit. Merkwürdig ist, daß auch die anderen Sträflinge fast nie mit ihnen sprechen und mit keinem Wort dessen Erwähnung tun, was ihnen bevorsteht. Kein überflüssiges Wort, kein Trost; ja man ist sogar offenbar bemüht, sie möglichst wenig zu beachten, was den Armen natürlich am angenehmsten ist. Es gibt ja auch Ausnahmen, wie zum Beispiel ein Orloff, von dem ich auch schon gesprochen habe. Nach der ersten Hälfte der Strafe war er nur über eines verdrießlich, nämlich daß sein Rücken nicht zuheilen wollte und er nicht schnell genug das Lazarett verlassen konnte, um sich dann sofort der zweiten Hälfte der Strafe zu unterziehen und dann mit dem nächsten Transport nach Nertschinsk zu wandern – und unterwegs zu entfliehen. Doch diesen Ausnahmemenschen belebte sein Vorhaben und weiß Gott, was er sonst noch im Sinn hatte. Er war eine leidenschaftliche, zähe Natur, war jetzt sehr zufrieden mit sich und der Welt und in sehr angeregter Stimmung, was er jedoch zu verbergen suchte. Doch hier lag die Sache noch etwas anders: er hatte vor der ersten Hälfte geglaubt, man wolle nicht, daß er mit dem Leben davonkomme und daß er sterben müsse. Ihm waren verschiedene Gerüchte schon während seiner Untersuchungshaft zu Ohren gekommen, und so hatte er sich bereits auf seinen Tod gefaßt gemacht. Doch nachdem er nun die erste Hälfte überlebt hatte, war er sogleich wieder oben auf. Er war halbtot ins Lazarett getragen worden; ich hatte noch niemals solche Wunden gesehen. Er aber kam mit Freude im Herzen, mit der Hoffnung, am Leben zu bleiben. Jetzt glaubte er, daß die Gerüchte offenbar unwahr gewesen und man ihm, wenn man ihn diesmal am Leben gelassen hatte, folglich auch bei der zweiten Hälfte nicht totschlagen würde. Und so begann er denn nach der langen Untersuchungshaft schon von der Überführung in den Osten, von der Flucht und Freiheit, von Wäldern und Feldern zu träumen ... Aber schon am zweiten Tage nach der Entlassung aus dem Lazarett starb er in demselben Krankensaal, auf demselben Lager: die zweite Hälfte der Strafe war zu viel für ihn gewesen. Übrigens habe ich davon schon gesprochen.
Indessen ertrugen diese Sträflinge, die vor ihrer Bestrafung so schwere Nächte und Tage durchgemacht hatten, die Bestrafung selbst durchaus mannhaft, sogar die Kleinmütigsten nicht ausgenommen. Selten habe ich sie stöhnen gehört, nicht einmal in der ersten Nacht, nicht einmal die ungewöhnlich hart Bestraften. Überhaupt versteht das Volk Schmerz zu ertragen. In Betreff des Schmerzes habe ich mich ausführlich erkundigt. Ich wollte ganz genau wissen, wie groß der Schmerz denn eigentlich war, womit man ihn vergleichen könnte. Aus welchem Grunde ich darnach fragte, vermag ich selbst nicht zu sagen, ich weiß nur, daß es von mir nicht aus müßiger Neugier geschah; ich war aufgeregt, ich war erschüttert. Aber wen ich auch fragte, niemand konnte mir eine befriedigende Antwort geben. Es brennt, wie Feuer brennt es – das war alles, was ich erfahren konnte und zwar war dieses die einzig gleichlautende Antwort aller. „Es brennt“ – und mehr vermochte niemand zu sagen. Als ich in dieser ersten Zeit mit M–tzkij näher bekannt wurde, fragte ich auch ihn.
„Es schmerzt,“ sagte er. „... Sehr. Und das Gefühl – es brennt ... wie Feuer. Als ob der Rücken im stärksten Feuer gebrannt werde.“
Kurz, alle hatten dafür nur die eine Bezeichnung. Übrigens machte ich gerade damals – ich entsinne mich dessen noch recht genau – eine Beobachtung, für deren Richtigkeit ich jedoch nicht stehe, die aber von den übereinstimmenden Aussagen der Sträflinge selbst stark unterstützt wird. Es ist das die Ansicht, daß die Rutenstreiche, wenn sie in großer Anzahl gegeben werden, die schwerste Strafe von allen bei uns üblichen Strafen sind. Man sollte meinen, daß diese Behauptung auf den ersten Blick unsinnig erscheinen muß. Einstweilen ist es aber Tatsache, daß man mit fünfhundert, ja sogar mit vierhundert Rutenstreichen einen Menschen totschlagen kann, mit über fünfhundert ganz sicher. Tausend Streiche würde selbst der stärkste Mann nicht aushalten, während er fünfhundert Stockschläge ohne jede Lebensgefahr erträgt. Tausend Stockschläge kann sogar ein nur mittelstarker Mann ohne Lebensgefahr ertragen. Selbst mit zweitausend Stockschlägen kann man noch keinen Menschen von mittlerer Starke und gesunder Konstitution totschlagen. Alle Sträflinge stimmten darin überein, daß Rutenhiebe schlimmer seien als Stockschläge. „Die Ruten reißen mehr,“ sagten sie, „es ist ein viel größerer Schmerz.“ Natürlich sind Ruten schmerzhafter als Stöcke. Sie reizen mehr, sie wirken stärker auf die Nerven, sie erschüttern sie unmäßig, weit mehr als man ertragen kann. Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, aber in der erst kürzlich vergangenen „alten Zeit“ gab es bei uns gewisse Gentlemen, bei denen die Möglichkeit, einen Leibeigenen peitschen zu können, Gefühle hervorrief, die an den Marquis de Sade und die Marquise de Brinvilliers erinnern. Ich glaube, in diesen Gefühlen ist etwas, das jenen Gentlemen das Herz ersterben machte, das schmerzhaft und doch süß war. Es gibt Menschen, die wie Tiger blutdürstig sind. Wer einmal diese Macht, die unbegrenzte Herrschaft über einen menschlichen Körper, über das Fleisch und den Geist eines Menschen, wie man selbst einer ist, der geschaffen wie wir und nach der Lehre Christi ein Bruder von uns ist, – wer einmal die Macht und die Freiheit hat, ein anderes Wesen, das gleichfalls ein Ebenbild Gottes ist, bis zur tiefsten Erniedrigung zu erniedrigen, – der wird gleichsam unwillkürlich machtlos in seinen eigenen Gefühlen. Tyrannei ist nichts als Angewohnheit; sie ist mit Entwicklungsfähigkeit begabt und schließlich artet sie zur Krankheit aus. Ich bin der Meinung, daß selbst der beste Mensch aus Gewohnheit bis zum Tierischen verrohen und abstumpfen kann. Blut und Macht berauschen, sie machen den Menschen trunken: Roheit und Lüsternheit entwickeln sich, dem Gefühl wie auch dem Verstande wird sogar das Anormalste zugänglich und schließlich ein Genuß. Der Mensch und Bürger erstirbt im Tyrannen auf ewig, und eine Rückkehr zur Menschenwürde, zur Reue, – zur Wiedergeburt ist für ihn fast ausgeschlossen. Zudem wirkt das Beispiel, die Möglichkeit eines solchen Eigenwillens auf die ganze Gesellschaft ansteckend: eine solche Macht ist verführerisch. Eine Gesellschaft, die sich zu derartigen Erscheinungen gleichgültig verhält, ist bereits selbst in ihrer Grundlage vergiftet. Kurz, das Recht zur Körperstrafe, das dem einen über den anderen verliehen ist, ist eine der Pestbeulen der Gesellschaft, ist eines der stärksten Mittel zur Vernichtung jedes Keimes, jedes Versuches zu einer höheren Menschlichkeit, und die breiteste Grundlage zur unfehlbaren, unaufhaltsamen Auflösung der menschlichen Gesellschaft.
Der gewöhnliche Henker wird von der Gesellschaft allgemein verabscheut, der Henker als Gentleman aber nicht. Erst vor kurzem hat sich die entgegengesetzte Meinung kundgetan, nur ist sie vorläufig noch in Büchern abstrakt zum Ausdruck gekommen. Und selbst diejenigen, die sie aussprechen, haben das Bedürfnis nach Eigenmacht noch nicht ganz in sich zu ersticken vermocht. Sogar jeder Fabrikbesitzer, jeder Unternehmer muß zweifellos ein gewisses erregendes Behagen bei dem Gedanken empfinden, daß sein Arbeiter zuweilen vollkommen nur von ihm allein abhängt, nicht selten sogar mit seiner ganzen Familie. Das ist Tatsache. Ja, eine Generation kann sich, wie man sieht, nicht so schnell von dem losreißen, was sie ererbt hat; nicht so leicht kann der Mensch davon ablassen, was ihm ins Blut übergegangen ist, was er mit der Muttermilch eingesogen hat. So schnelle Wandlungen gibt es nicht im Völkerleben. Die Schuld und die Erbsünde bloß zu erkennen ist noch wenig, sehr wenig: man muß sich gänzlich von ihr entwöhnen. Das aber geht nicht so schnell.
Ich kam auf den Henker zu sprechen. Die Eigenschaften eines Henkers finden sich – allerdings nur im Keim – fast in jedem Menschen unserer Zeit, doch entwickeln sich diese tierischen Eigenschaften nicht in allen gleich stark. Wenn sie in einem Menschen alle seine anderen Eigenschaften mit ihrer Entwicklung ersticken, so wird derselbe natürlich zu einem Ungeheuer. Es gibt zwei Arten von Henkern: die einen sind freiwillige, die anderen unfreiwillige, verpflichtete. Der freiwillige Henker steht selbstverständlich in jeder Beziehung noch tiefer als der unfreiwillige, den jedoch das Volk bis zum Entsetzen verabscheut, bis zum Ekel, bis zur sinnlosen, beinahe schon mystischen Angst. Woher kommt nun diese abergläubische Angst vor dem einen Henker und dieser Gleichmut, dieses Gutheißen, möchte man fast sagen, dem anderen gegenüber? Es gibt wirklich sonderbare Beispiele hierfür: ich habe Menschen gekannt, die gut und ehrenhaft und geachtet waren, und dabei konnten sie es nicht ruhig ertragen, wenn der Gezüchtigte unter den Rutenstreichen nicht schrie, nicht um Vergebung, um Erbarmen flehte: er mußte unbedingt schreien und betteln, so war es einmal angenommen, so mußte es sein. Das galt für notwendig und „anständig“, und als das Opfer einmal nicht schreien wollte, da hielt sich der Befehlshaber, den ich persönlich kannte und der sonst zu den, nun ja, zu den guten Menschen gerechnet werden konnte, fast für persönlich beleidigt. Er hatte anfangs beabsichtigt, nur leicht zu bestrafen, als er aber das übliche „Euer Gnaden, unser Vater, erbarmt Euch, laßt mich ewig Gott für Euch bitten,“ und ähnliches nicht vernahm, da geriet er förmlich in Wut und ließ noch fünfzig überflüssige Streiche hinzugeben, nur um ihn doch noch zum Schreien und Bitten zu bringen – was ihm dann auch glücklich gelang. „Das darf man nicht zulassen, es ist eine Frechheit von ihm,“ antwortete er mir durchaus ernst. Was nun den anderen Henker anbetrifft, den unfreiwilligen, verpflichteten, so weiß man ja, wer er ist: ein zur Zwangsarbeit verurteilter Verbrecher, der zum Henkerdienst begnadigt worden ist, und der, nachdem er zuerst bei einem anderen Henker das Handwerk erlernt hat, auf Lebenszeit in einem Ostrogg untergebracht wird. Dort hat er, abgesondert von den anderen, sein eigenes Zimmer, sogar seine eigene Wirtschaft, befindet sich jedoch stets unter Aufsicht. Ein lebender Mensch ist natürlich keine Maschine: freilich schlägt der Henker, nur weil er dazu verpflichtet ist, aber zuweilen gerät er doch in Eifer; doch wenn er auch nicht ohne eigenes Vergnügen schlägt, so hat er doch nicht den geringsten persönlichen Haß gegen sein Opfer. Die Sicherheit des Schlages, die Kenntnis seiner Kunst, der Wunsch, sich vor seinen Genossen und dem Volke zu zeigen, spornt seinen Ehrgeiz an. Es ist ihm nur um die Kunst zu tun. Außerdem weiß er, daß er ein von allen Ausgestoßener ist, daß ihn eine abergläubische Angst überall empfängt und begleitet, und wer kann es wissen, ob dieses Bewußtsein keinen Einfluß auf ihn hat, seinen Eifer, seine tierischen Neigungen nicht anfacht. Sogar jedes Kind weiß, daß Vater und Mutter sich von ihm lossagen. Eigentümlich, soviel ich Henker zu sehen Gelegenheit gehabt habe, waren sie ausnahmslos entwickelte Leute, verständig und klug, und es steckte ungewöhnliche Eigenliebe, sogar offenbar Stolz in ihnen. Möglich, daß dieser Stolz sich in ihnen als Gegengewicht zur allgemeinen Verachtung herausbildet, im Bewußtsein des Entsetzens, das sie ihrem Opfer einflößen, und aus dem Gefühl der Herrschaft über ihn, – ich weiß es nicht. Vielleicht trug auch das ganze schauspielhafte Drum und Dran, mit dem er vor dem Volke erscheint, zur Entwicklung eines gewissen Hochmuts bei. Ich hatte eine Zeitlang Gelegenheit, oft und aus der nächsten Nähe einem Henker zu begegnen und ihn zu beobachten. Er war mittelgroß, muskulös, dabei aber hager, vierzig Jahre alt, mit einem recht sympathischen, klugen Gesicht und lockigem Haar. Er war stets ungewöhnlich vornehm, ruhig; äußerlich hielt er sich wie ein Gentleman, antwortete immer kurz, verständig und sogar freundlich, aber doch etwas hochmütig freundlich, als wäre er wirklich stolz gewesen. Die wachhabenden Offiziere redeten ihn nicht selten an und – mein Wort! – sie taten es mit einer gewissen Achtung seiner Person. Er aber merkte dies sehr wohl, und verdoppelte im Gespräch mit Vorgesetzten absichtlich seine Höflichkeit, Trockenheit und die eigene Würde. Je freundlicher der Vorgesetzte mit ihm sprach, um so zurückhaltender wurde er, und wenn er auch nie die feinste Höflichkeit vergaß, so bin ich doch überzeugt, daß er sich selbst viel vornehmer fühlte, als der mit ihm sprechende Vorgesetzte. Das stand förmlich auf seinem Gesicht geschrieben. Es kam vor, daß er zuweilen an sehr heißen Sommertagen mit einem sehr langen, dünnen Stock – natürlich unter Eskorte – ausgeschickt wurde, um die herrenlosen Hunde in der Stadt zu töten. In unserem Städtchen gab es ungeheuer viel Hunde, die absolut niemand gehörten, und sie vermehrten sich erschreckend schnell. Im Sommer, namentlich in der Ferienzeit, waren sie gefährlich, und so wurde denn auf Befehl der Obrigkeit der Henker zu ihrer Vernichtung ausgesandt. Doch selbst diese erniedrigende Tätigkeit vermochte ihn dem Anschein nach nicht im geringsten zu erniedrigen. Man hätte sehen müssen, mit welch einer Würde er durch die Straßen schritt, in Begleitung des ermüdeten Soldaten, und allein schon durch sein Erscheinen die ihn erblickenden Frauen und Kinder erschreckte, und wie ruhig, ja sogar hochmütig er auf alle ihm Begegnenden herabsah. Übrigens haben die Henker ein bequemes Leben. Sie haben Geld, essen gut, können sogar Wein trinken. Das Geld erhalten sie in Gestalt von „Sporteln“, die die Verurteilten ihnen zahlen. Jeder bürgerliche Verbrecher, dem eine Bestrafung bevorsteht, wird dem Henker unbedingt etwas schenken, und wenn es auch das letzte ist, was er hat. Von den Reicheren aber verlangen sie Geld und bestimmen selbst die Höhe der Summe, entsprechend ihren mutmaßlichen Mitteln, sogar bis zu dreißig Rubeln, zuweilen aber noch höher. Mit sehr Reichen handeln sie lange. Natürlich kann der Henker nicht allzu milde bestrafen, da er dafür mit dem eigenen Rücken haftet. Doch verspricht er für eine bestimmte Entschädigung, nicht gar zu schmerzhaft zu schlagen. Fast ausnahmslos geht man auf seinen Vorschlag ein, denn tut man es nicht, so bestraft er allerdings barbarisch, was ja ganz in seiner Macht liegt. Mitunter fordert er auch von einem Unbemittelten eine hohe Summe; dann kommen die Verwandten und versuchen mit ihm zu handeln, machen ihm viele Bücklinge, doch wehe, wenn sie seinen Forderungen nicht nachkommen. In solchen Fällen hilft ihm viel die abergläubische Angst, die er den Leuten einflößt. Es ist kaum auszudenken, was von den Henkern alles erzählt wird! Übrigens versicherten die Sträflinge, daß der Henker mit einem einzigen Schlage einen Menschen totschlagen könne. Wann aber war das erprobt worden? Doch schließlich, warum nicht? Man sprach davon gar zu überzeugt und der Henker selbst bürgte mir dafür, daß er es tatsächlich könne. Auch wurde erzählt, daß er weit ausholen und aus aller Kraft über den Rücken des Schuldigen schlagen könne, und daß trotzdem nicht die kleinste Wunde entstehe, nicht einmal ein roter Streifen, und der Geschlagene nicht den geringsten Schmerz verspüre. Aber von all diesen Tricks sind ja viele nur zu bekannt. Doch selbst wenn der Henker eine Bestechung nimmt und milde zu strafen verspricht, so gehört der erste Schlag trotz allem _ihm_, den gibt er stets aus voller Kraft, den schenkt er für kein Geld. Es ist dies bei ihnen gewissermaßen schon so Sitte. Die folgenden Hiebe mildert er, namentlich, wenn man ihm vorher gezahlt hat. Der erste Streich aber, gleichviel ob man ihm gezahlt hat oder nicht, – der gehört ihm. Ich weiß wirklich nicht, warum es bei ihnen so angenommen ist. Vielleicht um das Opfer sogleich an die anderen Schläge zu gewöhnen, in der Erwägung, daß nach einem sehr schweren Schlage die leichteren nicht mehr so qualvoll erscheinen, oder auch nur, um dem Opfer zu imponieren, dem Jungen Angst einzuflößen, ihn zu erschrecken, damit er begreife, mit wem er es zu tun hat, oder einfach – um sich und seine Macht zu zeigen. Jedenfalls befindet sich der Henker vor der Exekution in angeregter Stimmung, er ist sich seiner Kraft und Macht bewußt, er fühlt sich als Herrscher, er ist gleichsam Schauspieler: die ganze Volksmenge bewundert ihn, allen flößt er Entsetzen ein, und selbstverständlich ruft er seinem Opfer nicht ohne Genugtuung zu: „Halt dich fest, es brennt!“ – die üblichen erschreckenden Worte bei dieser Gelegenheit. Es ist schwer, sich vorzustellen, bis zu welchem Grade die menschliche Natur sich entstellen läßt.
In der ersten Zeit meines Aufenthaltes im Lazarett hörte ich stets wißbegierig diesen Erzählungen der Arrestanten zu. Das Liegen war uns allen entsetzlich langweilig. Jeder Tag dem anderen so ähnlich! Am Morgen zerstreute uns noch der Besuch der Ärzte und dann bald nach ihnen das Essen. Ja, das Essen bildete in dieser Monotonie begreiflicherweise sogar eine bedeutende Zerstreuung. Die Portionen waren sehr verschieden, je nach der Krankheit der einzelnen. Die einen erhielten nur Suppe mit Graupen, andere nur Brei, wieder andere nur Griesmehlbrei, für den es sehr viele Liebhaber gab. Die Sträflinge waren vom langen Liegen verweichlicht und liebten Leckerbissen. Die Rekonvaleszenten und auch die erst halbwegs Gesunden erhielten ein Stück gekochtes Rindfleisch, einen „Ochsen“, wie man bei uns sagte. Das beste Essen erhielten die Skorbutkranken: Rindfleisch mit Zwiebeln oder mit Meerrettich und ähnliches mehr, zuweilen sogar ein Glas Branntwein. Auch das Brot wurde je nach der Krankheit gegeben, aus Roggenmehl oder Weizenmehl oder aus beidem gemischt, und gut durchgebacken. Diese Bestimmung der Größe und Art der Portionen erheiterte die Sträflinge nur. Manche Kranken mochten nämlich nichts essen, und aßen auch nichts. Dafür aber aßen diejenigen, die Appetit verspürten, was sie nur wollten. Viele tauschten ihre Portionen unter einander, so daß Portionen, die nur für den einen Kranken bestimmt waren, von einem anderen verzehrt wurden. Viele, die Diät halten mußten, kauften Rindfleisch oder die ganze Portion eines Skorbutkranken, tranken Kwas oder Branntwein, den sie Skorbutkranken abkauften, für die er bestimmt war. Einige verzehrten sogar zwei Portionen. Diese Portionen wurden für Geld gekauft und wieder verkauft. Das Rindfleisch stand sogar ziemlich hoch im Preise: es kostete nichts weniger als fünf Kopeken in bar. War in unserem Raum keines zu haben, so schickte man den Wärter in den anderen Sträflingssaal, und gab es dort auch keines, dann in die Soldatensäle, in die „freien“, wie man bei uns sagte. Doch fand sich stets ein Verkäufer. Die Armut war natürlich allgemein, dafür aber schickten die wenigen, die Geld besaßen, bis hin auf den Markt nach Kalatschen, sogar nach Naschwerk und ähnlichen Dingen. Unsere Wärter erfüllten alle diese Aufträge ohne jede Entschädigung.
Nach dem Mittagessen begann die langweiligste Zeit: alles was getan wurde, geschah buchstäblich nur aus Langeweile: der eine schlief, der andere schwatzte, der dritte stritt, der vierte erzählte irgend etwas, doch so, daß ihn alle hören konnten. Kamen keine neuen Kranken, so war es noch langweiliger. Dagegen brachte die Ankunft eines Neuen stets einen gewissen Eindruck hervor, namentlich wenn ihn niemand kannte. Er wurde eingehend betrachtet, und man mühte sich, herauszubekommen, wer er war und wie, woher, und für welches Vergehen verschickt. Am meisten interessierte man sich für die auf dem Transport befindlichen: sie wußten immer etwas zu erzählen, übrigens niemals von ihren persönlichen Angelegenheiten; und wenn einer nicht unaufgefordert davon sprach, so fiel es auch keinem ein, ihn danach zu fragen. Man erkundigte sich nur, woher der Trupp kam, mit wem er marschiert war, wohin es ging, wie die Wege sind, usw. Einige, die die neue Erzählung hörten, erinnerten sich dann auch des einen oder anderen, das sie selbst auf dem Marsch gesehen oder erlebt hatten. Die mit Spießruten Bestraften erschienen gleichfalls um diese Zeit – gegen Abend. Sie machten gewöhnlich einen ziemlich starken Eindruck auf uns alle, wie ich das ja schon erwähnt habe. Aber die kamen doch nicht jeden Tag, und so war es an den Tagen, wenn niemand kam, ganz entsetzlich langweilig: alle schienen gleichsam schlaff zu werden, alle schienen der Gesichter der übrigen unendlich überdrüssig zu sein, und bald kam es zu Zank und Streit. Man freute sich bei uns sogar über die Wahnsinnigen, die zur Untersuchung zu uns gebracht wurden. Hin und wieder stellte sich auch wohl ein Sträfling, um der Bestrafung zu entgehen, irrsinnig; einige von ihnen wurden bald überführt, oder richtiger, sie entschlossen sich selbst, ihre Politik zu ändern, so daß der Sträfling, nachdem er zwei oder drei Tage lang den Verrückten gespielt hatte, ganz plötzlich, mir nichts dir nichts, wieder vernünftig wurde, verstummte und dann mit finsterer Miene um seine Entlassung bat. Weder die Ärzte noch die anderen Sträflinge tadelten oder beschämten ihn, oder erinnerten ihn an seine verdrehten Possen: schweigend wurde er entlassen, schweigend begleitet, und nach zwei oder drei Tagen kam er bestraft zurück. Doch solche Fälle waren im allgemeinen recht selten. Aber die tatsächlich Verrückten – die waren eine wahrhaftige Heimsuchung Gottes für das ganze Lazarett. Einige von ihnen, die lachend und schreiend, tanzend und singend hereintraten, wurden von den Sträflingen fast mit Entzücken empfangen: „Das ist doch mal eine Unterhaltung!“ meinten sie, beim Anblick eines solchen Grimassenschneiders. Mir aber war es unsäglich schwer, diese Unglücklichen zu sehen. Ich habe es nie vermocht, beim Anblick eines Irrsinnigen gleichmütig zu bleiben.
Gleichwohl wurden bald alle der ununterbrochenen Grimassen und des ewig unruhigen Gebarens des anfänglich so erfreut begrüßten Irrsinnigen entsetzlich überdrüssig und schon nach zwei Tagen waren sämtliche Zimmergenossen um den Rest ihrer Geduld gebracht. Einmal strafte uns die Vorsehung mit einem solchen ganze drei Wochen lang, und es war wirklich um auf die Wände zu kriechen – hatte man bis dahin noch nie an Flucht aus dem Lazarett gedacht, so wurde einem dieser Gedanke jetzt unheimlich nahe gelegt. Und da schickte uns das Schicksal in derselben Zeit noch einen zweiten Wahnsinnigen! Dieser machte auf mich einen grauenvollen Eindruck. Es war das im dritten Jahr meines Ostrogglebens. Im ersten Jahr, oder richtiger, in den ersten Monaten ging ich im Frühling mit Ofensetzern als Handlanger in eine zwei Werst entfernte Ziegelbrennerei. Die Brennöfen mußten für den Sommer, wenn das Ziegelbrennen wieder begann, instand gesetzt werden. Am ersten Morgen machten mich M–tzkij und B. mit dem in der Brennerei als Aufseher lebenden Unteroffizier Ostroshskij bekannt. Er war Pole, etwa sechzig Jahre alt, groß von Wuchs, hager, von angenehmem und sogar imponierendem Äußeren. In Sibirien lebte er schon seit langer Zeit und wenn er auch aus dem einfachen Volke stammte und als Soldat nicht sehr gebildet war, so wurde er doch von M–tzkij und B. geliebt und geachtet. Er las beständig in der katholischen Bibel. Ich unterhielt mich mit ihm und er sprach so freundlich, verständig, wußte so interessant zu erzählen und blickte einen so gutmütig und ehrlich an. Seit der Zeit hatte ich ihn ganze zwei Jahre nicht gesehen, nur einmal hatte ich gehört, daß er sich in Untersuchungshaft befinde. Und nun plötzlich wurde er als Irrsinniger zu uns hereingeführt. Lachend, kreischend trat er ein und begann sofort mit den unanständigsten Gesten einen Tanz, ähnlich wie die Kamarinskaja, zu tanzen. Die Sträflinge waren entzückt, begeistert, mir aber wurde sehr traurig zumut ... Nach drei Tagen wußten wir nicht mehr, was wir mit ihm anfangen sollten. Er stritt, schimpfte sich mit allen und jedem herum, raufte, schrie, gröhlte, sang Lieder, sogar in der Nacht, machte in jedem Augenblick so ekelhafte Bewegungen, daß uns allen geradezu übel wurde. Er fürchtete sich vor nichts und niemand. Schließlich wurde ihm eine Zwangsjacke angezogen, zumal er ohne sie auf jeden losging und sich mit ihm prügelte und balgte. In diesen drei Wochen erhoben sich zuweilen alle Kranken wie ein Mann und baten den Oberarzt, unseren Friedensstörer zum Teufel oder in den anderen Arrestantenkrankensaal überführen zu lassen. Dort aber wurde der Arzt schon nach zwei Tagen gebeten, ihn wieder zu uns zurückzuschicken. Da es aber zu gleicher Zeit zwei Verrückte gab, die beide rabiate Schreihälse und Raufbolde waren, so tauschten die Arrestantensäle immer abwechselnd mit ihren „Landplagen“. Aber der eine war nicht besser als der andere. Alle atmeten auf, als man sie endlich irgendwohin fortschickte ...
Auch erinnere ich mich noch eines anderen seltsamen Geisteskranken. Einmal im Sommer brachte man einen Verurteilten, einen dem Anscheine nach gesunden, nur etwas eigentümlichen Mann von fünfundvierzig Jahren, mit einem von Blatternarben völlig verunstalteten Gesicht, kleinen roten, eingekniffenen Augen und mürrischer, finsterer Miene. Ihm wurde das Bett neben mir zugewiesen. Er war, wie sich zeigte, ein friedlicher, ruhiger Mensch, der mit niemand sprach und beständig wie in Nachdenken versunken dasaß. Es dunkelte bereits, – da wandte er sich plötzlich an mich: ohne jede Einleitung begann er mir sofort zu erzählen, und zwar mit einem Gesichtsausdruck, als teile er mir ein ungeheures Geheimnis mit, daß er zu zweitausend Hieben verurteilt sei, doch werde ihm jetzt nichts geschehen, da die Tochter des Obersten G. sich für ihn verwende. Ich blickte ihn verwundert an und äußerte meine Meinung, daß in diesem Falle die Tochter eines Obersten nichts zu tun vermöge. Ich ahnte noch nichts, denn er war nicht als Irrsinniger, sondern als gewöhnlicher Kranker gebracht worden. Ich fragte ihn, woran er denn leide, er aber sagte, er wisse es selbst nicht, – daß man ihn aus irgend einem Grunde hergeschickt habe, er aber vollkommen gesund sei, und die Tochter des Obersten sich in ihn verliebt habe. Sie sei einmal, etwa vor einer Woche, an der Hauptwache vorübergefahren, als er gerade zum vergitterten Fensterchen hinausgesehen habe: sie hätte ihn erblickt und sich sofort in ihn verliebt. Daraufhin sei sie unter verschiedenen Vorwänden bereits dreimal auf der Hauptwache gewesen, das erstemal zusammen mit dem Vater, um den Bruder, der dort Dienst hatte, zu sprechen, das zweitemal mit der Mutter, um Almosen zu geben, und bei der Gelegenheit habe sie ihm im Vorübergehen zugeflüstert, daß sie ihn liebe und die Aufhebung der Strafe erwirken werde. Es war auffallend, mit wie feinen Einzelheiten er mir diese ganze Ungereimtheit erzählte, die natürlich bis aufs Letzte in seinem armen kranken Kopf entstanden war. An die Aufhebung seiner Strafe glaubte er unerschütterlich. Von der leidenschaftlichen Liebe dieser Dame zu ihm sprach er ruhig und überzeugt. Es war, ganz abgesehen von der Unsinnigkeit des Ganzen, so unglaublich, eine derartig romantische Liebesgeschichte eines jungen Mädchens von einem nahezu fünfzigjährigen Greise zu hören, dessen Gesicht mürrisch, finster und von Blatternarben völlig verunstaltet war. Da sieht man, was die Angst vor der Strafe mit einer schüchternen, zaghaften Seele machen kann. Vielleicht hatte er in dem beginnenden Irrsinn, der mit der wachsenden Angst von Stunde zu Stunde zunahm, tatsächlich jemand durch das Fenster erblickt und – da hatte dann seine Phantasie einen Ausweg gefunden. Dieser arme Soldat, der wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch kein einziges Mal an vornehme Damen gedacht, erfand plötzlich einen ganzen Roman, an den er sich instinktiv wie an den letzten Strohhalm anklammerte. Ich hörte ihm schweigend zu und teilte meine Vermutung den anderen Sträflingen mit. Als aber diese ihn auszufragen suchten, da verstummte er aus Schamgefühl. Am nächsten Tage untersuchte und befragte ihn der Oberarzt lange Zeit, und da er ihm sagte, daß er ganz gesund sei, wie es sich auch bei der Untersuchung gezeigt, so wurde er als gesund ausgeschrieben, was wir jedoch erst nach dem Fortgang der Ärzte erfuhren. So konnten wir sie denn nicht mehr über den wahren Sachverhalt aufklären. Und zudem waren wir auch selbst noch nicht ganz sicher in unserer Annahme. Die Schuld an dem Mißverständnis trug jedenfalls der Vorgesetzte, vielleicht der Unteroffizier der Wache, der ihn ins Lazarett geschickt hatte, ohne zu erklären, weswegen. Wahrscheinlich war es eine Nachlässigkeit von ihm gewesen. Vielleicht aber hatten auch die Absender nur mehr Irrsinn vermutet, als daß sie genau gewußt hätten, was ihm fehlte, und ihn nur zur Untersuchung ins Lazarett geschickt. Aber wie dem auch gewesen sein mag, jedenfalls wurde der Arme nach zwei Tagen zur Züchtigung hinausgeführt, die ihn, wie es schien, infolge seiner Unvorbereitetheit nicht wenig erschreckt haben mußte. Er glaubte es nicht, daß man ihn bestrafen würde, glaubte es bis zum letzten Augenblick nicht, und als man ihn wirklich durch die grüne Gasse zog, da soll er nach der Polizei geschrieen haben. Im Lazarett wurde er diesmal, da bei uns alle Betten besetzt waren, in das andere Arrestantenzimmer gebracht. Ich erkundigte mich nach ihm und erfuhr, daß er in ganzen acht Tagen mit keinem einzigen ein Wort gewechselt habe, anscheinend sehr verwirrt und dabei auffallend traurig gewesen sei ... Bald darauf wurde er irgend wohin fortgeschickt, nachdem sein Rücken zugeheilt war. Wenigstens habe ich nie mehr etwas von ihm gehört.
Was nun die Medizin und das Einhalten der Diät anbetrifft, so befolgten, soweit ich beobachtet habe, die Leichtkranken fast überhaupt nicht die Anordnungen der Ärzte und nahmen gar keine Medizin ein. Die Schwerkranken dagegen und überhaupt die wirklich Kranken liebten es sehr, das Verordnete gewissenhaft zu erfüllen: pünktlich nahmen sie ihre Mixturen und Pülverchen, doch zogen sie ihnen eigentlich äußere Mittel vor. Schröpfköpfe, Blutegel, heiße Umschläge und Aderlassungen, die das einfache Volk so gern hat und denen es so hingebend glaubt, waren eine gern geduldete Behandlung, die ihnen sogar ein gewisses Vergnügen zu bereiten schien. Unter anderem interessierte mich auch eine sehr sonderbare Erscheinung. Dieselben Menschen, die im Ertragen der größten Schmerzen von Stockhieben und Spießruten so überaus standhaft waren, klagten nicht selten und jammerten stöhnend über irgendwelche kleinen Schröpfköpfe. Waren sie nun durch das Liegen und das gute Essen so verweichlicht oder stellten sie sich nur so – ich weiß es nicht zu erklären. Freilich waren unsere Schröpfköpfe etwas anderer Art, als die sonst üblichen. Das Instrument, mit dem die Haut zu diesem Zwecke durchgeschnitten werden muß, hatte der Feldscher einmal, wohl schon vor undenklichen Zeiten, verloren oder verdorben – infolgedessen war er gezwungen, die notwendigen Einschnitte mit der Lanzette zu machen. Für jeden Schröpfkopf sind bis zwölf solcher Einschnitte erforderlich, die mit dem Instrument schnell und schmerzlos gemacht werden können: zwölf kleine Messerchen schlagen alle zu gleicher Zeit ein, in einer Viertelsekunde, und ein Schmerz ist kaum zu spüren. Die Lanzette dagegen schneidet verhältnismäßig sehr langsam, der Schmerz wird fühlbar, und da man zum Beispiel für zehn Schröpfköpfe hundertundzwanzig solcher Einschnitte machen mußte, so war es alles in allem nicht angenehm. Auch ich habe es am eigenen Körper erfahren – aber wenn es auch schmerzhaft und nervenreizend ist, so ist es doch immerhin nicht so schmerzhaft, daß man sich nicht hätte bezwingen können. Mitunter war es wirklich lächerlich, zu sehen, wie so ein langer, gesunder Tölpel sich hin und her wand und jammerte. Es erinnerte einen oft daran, wie mancher Mensch, der in einer ernsten Angelegenheit fest und ruhig bleibt, zu Hause aber wegen nichts und wieder nichts launisch ist, das vorgesetzte Essen nicht anrührt, an allem mäkelt und über alles ungehalten ist: nichts ist ihm recht, alle regen ihn auf, alle sind unhöflich zu ihm, alle quälen ihn, – mit einem Wort, er ärgert sich vor lauter Fett, wie man zu sagen pflegt, d. h. vor lauter Wohlergehen. Solche Menschen trifft man unter Reichen nicht selten an, doch gibt es sie auch unter dem Volk. In unserem Ostrogg nun waren sie, infolge des gezwungenen Zusammenlebens mit anderen, keine Seltenheit. Zuweilen ließen die anderen es sich angelegen sein, den verweichlichten Bauernsohn zu necken, oder der eine oder andere schalt ihn gehörig: dann verstummte er sofort, ganz als hätte er tatsächlich nur darauf gewartet, daß man ihn schimpfte, um dann mit dem Jammern aufzuhören. Am wenigsten mochte Ustjänzeff dieses Stöhnen leiden und so ließ er sich auch keine Gelegenheit entgehen, den Betreffenden zu schimpfen. Überhaupt nahm er jede Schimpfgelegenheit wahr. Das Schimpfen war ihm zum Vergnügen, zum Bedürfnis geworden, woran natürlich seine Krankheit die Schuld trug, teilweise aber auch seine Beschränktheit. Zuerst schaute er den Betreffenden ernst und aufmerksam an, und dann erst begann er plötzlich, mit ruhiger, überzeugungsvoller Stimme, ihm die Leviten zu lesen. Er hatte sich in alles einzumischen, ganz als wäre er bei uns zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der allgemeinen Sittlichkeit eingesetzt gewesen.
„Den geht alles etwas an,“ sagten die anderen lachend. Übrigens ging man vorsichtig mit ihm um und vermied auch jeden Streit mit ihm, nur wurde über ihn zuweilen gelacht.
„Der schwatzt dir aber was zusammen! Das können drei Fuhren nicht fortschaffen.“
„Was, darf ich es denn nicht? Vor einem Narren zieht man nicht den Hut, das ist doch bekannt. Warum schreit er denn unter der Lanzette? Wer Honig liebt, darf auch über Bienenstiche nicht klagen, jetzt hast du auszuhalten!“
„Was geht das dich an?“
„Nein, wißt ihr,“ unterbrach einer unserer Arrestanten aus dem Ostrogg, „diese Schröpfköpfe, das ist noch nichts, – ich habe sie ausprobiert; aber seht, der vermaledeiteste Schmerz ist, wenn einer einen lange am Ohr zieht.“
Alle lachten.
„Hat man dich denn schon so gezogen?“
„Du dachtest wohl nicht? Selbstverständlich hat man.“
„Das merkt man. Deine Ohren stehen ja wie Scheuklappen ab.“
Der Arrestant, Schapkin hieß er, hatte allerdings sehr abstehende Ohren. Er war ein Landstreicher, noch jung an Jahren, ein geschickter, stiller Junge, der immer mit einem gewissen ernsten, versteckten Humor sprach, der seinen Erzählungen viel Komik verlieh.
„Warum soll ich denn annehmen, daß man dich am Ohr gezogen hat, wie soll ich darauf kommen, du vernagelter Mensch?“ mischte sich wieder Ustjänzeff ein, sich unwillig an Schapkin wendend, obgleich jener durchaus nicht zu ihm, sondern zu allen gesprochen hatte; doch Schapkin schenkte ihm nicht einmal einen Blick.
„Aber wer hat dich denn so schmerzhaft am Ohr gezogen?“ fragte jemand.
„Wer? Das läßt sich doch wohl denken. Der Richter, natürlich. Das war nämlich, müßt ihr wissen, wegen Landstreicherei. Wir kamen damals selbander nach K., ich und noch ein Landstreicher, Jefins mit Namen, aber ohne weitere Benennung. Unterwegs hatten wir im Dorfe Tolmina unseren Besitzstand ein wenig aufgefrischt. Das war dort so ein Dorf, Tolmina mit Namen. Nun, wir kamen also hin, sahen uns um: nicht zu verachten. Im Felde gibt es vier Freiheiten, in der Stadt aber keine einzige, wie bekannt. Nun, ganz zuerst ging es ins Wirtshaus, hielten Umschau. Da kommt zu uns einer, so ’n Abgebrannter, die Ellenbogen zerrissen, im deutschen Rock. Nun, dies und das.
‚Aber wie geht ihr denn,‘ fragt er, ‚erlaubt, daß ich mich erkundige, – mit Dokumenten?‘[8]
‚Nein,‘ sagen wir, ‚ohne Dokumente.‘
‚So. Wir gleichfalls. Ich habe hier noch zwei Kollegen,‘ sagt er, ‚die gleichfalls bei General Kukuschkin dienen.[9] Darf ich nun fragen, ob ich mich zu Gaste laden kann? Ein halbes Maß werdet ihr doch für uns haben?‘
‚Mit Vergnügen,‘ sagen wir. Nun wir tranken also. Bei der Gelegenheit kamen wir auch auf ein Unternehmen zu sprechen, das in unser Fach schlug. Dort außerhalb der Stadt stand ein Haus, das einem reichen Bürger gehörte. Und so beschlossen wir, in der Nacht dort einen Besuch zu machen. Und so kam es denn, daß wir in selbiger Nacht noch alle fünf bei dem reichen Bürger in die Falle gingen. Man führte uns in Nummer Sicher und von dort direkt zum Richter. ‚Ich werde sie selbst verhören,‘ sagt er. Er erscheint mit einer Pfeife, ein Glas Tee wird ihm nachgetragen, so ein gesunder Mann mit Backenbart. Er setzte sich. Aber da wurden noch drei außer uns hereingeführt, gleichfalls Landstreicher. Ein ulkiger Mensch ist und bleibt doch so ein Landstreicher: nichts weiß er, und wenn du ihm auch einen Knüppel an den Kopf schlägst, alles hat er vergessen, nichts weiß er! Der Richter wendet sich geradeaus an mich. ‚Wer bist du?‘ brummte er mich an wie aus einer Tonne. Nun, versteht sich, sage wie gewöhnlich: ‚Weiß nicht, Euer Gnaden, habe alles vergessen.‘
‚Wart mal,‘ sagt er, ‚mit dir werde ich noch reden, deine Visage ist mir schon bekannt,‘ und dabei glotzt er mich an wie ein Frosch. Ich aber hatte ihn vorher noch nie gesehn. Darauf fragt er den anderen: ‚Wie heißt du?‘
‚Mach dich aus dem Staube, Euer Gnaden.‘
‚Was, du heißt – Mach dich aus dem Staube?‘
‚Genau so, Euer Gnaden.‘
‚Nun gut, du heißt Mach dich aus dem Staube, aber du?‘ das fragt er den dritten.
‚Ich Ebenso, Euer Gnaden.‘
‚Aber wie ist denn dein Name?‘
‚Das ist ja mein Name: Ich Ebenso, Euer Gnaden.‘
‚Aber wer hat dich Schuft denn so getauft?‘
‚Gute Menschen, Euer Gnaden. In der Welt geht es bekanntlich nicht ohne gute Menschen, Euer Gnaden.‘
‚Wer aber sind denn diese guten Menschen gewesen?‘
‚Das habe ich nicht behalten, Euer Gnaden werden es mir schon gnädig verzeihen müssen.‘
‚Hast du alle vergessen?‘
‚Alle vergessen, Euer Gnaden.‘
‚Aber du hast doch Vater und Mutter gehabt? ... Dieser entsinnst du dich doch noch?‘
‚Es ist wohl anzunehmen, Euer Gnaden, daß ich welche gehabt habe, aber auch ihrer erinnere ich mich nicht mehr, Euer Gnaden.‘
‚Aber wo hast du denn bis jetzt gelebt?‘
‚Im Walde, Euer Gnaden.‘
‚Immer im Walde?‘
‚Immer im Walde.‘
‚Nun, aber im Winter?‘
‚Den Winter habe ich nicht gesehen, Euer Gnaden.‘
‚Nun, und du, wie heißt du?‘
‚Beil, Euer Gnaden.‘
‚Und du?‘
‚Friß und gähne nicht, Euer Gnaden.‘
‚Und du?‘
‚Sei nachsichtig, Euer Gnaden.‘
‚Und alle könnt ihr euch nicht mehr eurer Namen entsinnen?‘
‚Nein, Euer Gnaden.‘
Da steht er, lacht, und die anderen lächeln gleichfalls. Nun, aber ein andermal schlägt er einem auch mit der Faust zwischen die Zähne, wenn das Lachen ihm ungelegen ist: ‚Die Burschen alle so gesund, wohlgenährt,‘ sagt er ...
‚Führt sie ins Gefängnis,‘ sagt er, ‚ich werde noch später mit ihnen reden. Du aber bleib hier‘ – das sagt er also zu mir. ‚Komm her, setz dich!‘
Was sehe ich: vor mir steht ein Tisch mit Tinte, Feder und Papier. Ich denke: was wird er nun mit mir anfangen?
‚Setz dich,‘ sagt er, ‚auf den Stuhl, nimm die Feder, schreibe!‘ Selbst aber erfaßt er mein Ohr und zieht es auch schon. Ich sehe ihn an wie der Teufel den Pastor. ‚Verstehe nicht,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden.‘
‚Schreib!‘
‚Erbarmen, Euer Gnaden!‘
‚Schreib! Schreib wie du es verstehst!‘ Selbst aber zieht er mich dabei immer am Ohr, zieht und zieht, und wie er es dabei noch drehte! Nein, Brüder, ich sage euch, mir wären dreihundert Hiebe lieber gewesen, als dieses ‚schreib!‘ und weiter nicht als ‚schreib!‘ Von dem mir grün und blau vor den Augen wurde.“
„Was war denn mit ihm los? – übergeschnappt?“
„Fiel ihm nicht ein. Aber in T–sk hatte ein Schreiberlein vor kurzer Zeit ein Stückchen losgeschossen: hatte die Kasse unterschlagen und sich mit dem Inhalt aus dem Staube gemacht, und der hatte gleichfalls abstehende Ohren gehabt. Nun, es war überall hin gemeldet worden. Ich aber war den Anzeichen nach so wie er, und da fühlte er mir auf den Zahn: verstand ich zu schreiben? und wie?“
„So ein Pech! Schmerzte es?“
„Das habe ich dir doch schon gesagt: sogar verteufelt!“
Alles lachte.
„Na, und hast du denn geschrieben?“
„Was geschrieben! Fing wohl an, die Feder zu führen, zu führen, führte, führte, auf dem Papier nämlich, – da gab er’s auf. Gab mir noch so an zehn Ohrfeigen mit auf den Weg und damit entließ er mich dann, wollte sagen, in den Ostrogg.“
„Aber verstehst du denn zu schreiben?“
„Früher verstand ich’s, seitdem man aber mit den Federn schreibt, habe ich es verlernt ...“
Mit derartigen Erzählungen oder, richtiger gesagt, Schwätzereien wurde die langweilige Zeit totgeschlagen. Herrgott, war das eine Langeweile! Die Tage so lang, so lang, so schwül, der eine bis aufs Tüttelchen genau so wie der andere. Wenn man doch wenigstens irgend ein Buch gehabt hätte! Und dabei ging ich, namentlich in der ersten Zeit, oft ins Lazarett, zuweilen weil ich krank war, zuweilen nur, um dort zu liegen. Nur fort aus dem Ostrogg! Schwer war es im Ostrogg, noch schwerer als hier: moralisch schwerer. Die Bosheit, Feindschaft, der Neid, Hader, die fortwährenden Angriffe auf uns Edelleute, die bösen, drohenden Gesichter! Hier dagegen, im Lazarett, waren alle mehr gleichgestellt, und lebten freundschaftlicher. Die bedrückendsten Stunden im Laufe des ganzen Tages kamen abends, wenn das Licht schon angezündet war, und zu Anfang der Nacht. Früh schon ging man zur Ruh. Das trübe Nachtlicht leuchtet fern an der Tür als einziger heller Punkt; in unserer Ecke, in unserer ganzen Hälfte herrscht Halbdunkel. Die Zimmerluft ist schwül und voll Gestank. Manch einer findet keinen Schlaf, er erhebt sich und sitzt wohl anderthalb Stunden auf dem Bett, den Kopf mit der Nachtmütze gesenkt, als dächte er über etwas nach. Da sieht man eine ganze Stunde zu ihm hinüber und bemüht sich, zu erraten, was er denkt, nur um gleichfalls auf irgend eine Weise die Zeit totzuschlagen. Oder man ergibt sich dem Träumen, erinnert sich des Vergangenen, große, helle Bilder malt die Phantasie. Man erinnert sich so kleiner Einzelheiten, an die man sonst nie denken und die man wohl nie so durchfühlen würde, wie hier im Arrestantenlazarett. Oder man denkt an die Zukunft: wie wird es sein, wenn du aus dem Ostrogg entlassen wirst? Wohin wirst du dann gehen? Wann wird das sein? Wirst du überhaupt jemals in die Heimat zurückkehren? Und du denkst und denkst und Hoffnung rührt sich in deiner Seele ... Ein anderes Mal beginnt man einfach zu zählen: eins, zwei, drei, vier usw., nur um während des Zählens einzuschlafen. Ich zählte oft bis dreitausend und schlief doch nicht ein. Dort dreht sich einer auf die andere Seite, der Strohsack knistert. Ustjänzeff hustet seinen trockenen, schwindsüchtigen Husten und stöhnt dann schwach, worauf er jedesmal vor sich hin murmelt: „Gott, ich habe gesündigt!“ So sonderbar klingt diese kranke, gesprungene, gequälte Stimme inmitten der tiefen Stille und Nacht ringsum. Auch dort irgendwo in der Ecke schläft man nicht und es sprechen zwei miteinander von Bett zu Bett. Der eine erzählt etwas von seinem Leben, von längst, längst Vergangenem, Vergessenem, von Landstreicherei, von seinen Kindern, seinem Weibe, von früheren Verhältnissen. Allein schon aus dem fernen, undeutlichen, murmelnden Geflüster fühlt man, daß alles, wovon er erzählt, niemals mehr zu ihm wiederkehren wird, und daß er selbst, der Erzähler, nichts als ein abgeschnittenes, fortgeworfenes Stück von dem Übrigen ist. Der andere hört zu. Zu mir dringt nur ein ruhiges, gleichmäßiges Gemurmel, gleich wie wenn fallendes Wasser erzählte, irgendwo fern ... Ich entsinne mich noch, wie ich einmal in einer langen Winternacht eine solche Erzählung mit anhörte. Zuerst glaubte ich fast, daß sie mein eigener Fiebertraum war, und es schien mir, als vernahm und sah ich alles nur in meiner kranken Phantasie ...