Chapter 3 of 21 · 6711 words · ~34 min read

III.

Die ersten Eindrücke, Fortsetzung

Kaum war M–tzkij, der Pole, mit dem ich gesprochen hatte, hinausgegangen, als der betrunkene Gasin in die Küche hereinstürzte.

Mitten am hellen Tage ein berauschter Sträfling, noch dazu am Wochentage, wenn alle zur Arbeit gehen mußten, ein betrunkener Sträfling in einem Ostrogg, dessen Vorgesetzter ein so strenger Major war, der überdies noch jeden Augenblick in eigener Person eintreffen konnte, von dem Unteroffizier, dem nächsten Vorgesetzten, der beständig im Ostrogg lebte, und den Invaliden ganz zu schweigen, – ein betrunkener Sträfling trotz aller Wachen und Aufseher, kurz, trotz aller strengen Maßregeln – der warf alle in mir sich bildenden Begriffe vom Sträflingsleben über den Haufen. Und ich mußte noch lange Zeit im Ostrogg leben, bevor ich die Erklärung fand für Tatsachen, die mir in den ersten Tagen meiner Kátorga so unbegreiflich erschienen waren.

Ich sagte bereits, daß die Sträflinge stets noch eine eigene Arbeit hatten, und daß diese Art von Beschäftigung ein natürliches Bedürfnis im Sträflingsleben sei, daß der Sträfling, ganz abgesehen von diesem Bedürfnis, leidenschaftlich Geld liebte und Geld höher als alles andere schätzte, fast sogar so hoch wie die Freiheit, und daß er bereits getröstet sei, wenn er es in seiner Tasche klingen hörte. Hat er es dagegen nicht, so ist er wehmütig, traurig, unruhig und mutlos, und dann ist er zu allem, zu jedem Diebstahl bereit, wenn er dafür nur Geld erhält. Doch ungeachtet dessen, daß das Geld im Ostrogg so wertvoll war, blieb es nie sehr lange im Besitze des Glücklichen, der es besaß. Erstens war es sehr schwer, dasselbe so aufzubewahren, daß es nicht gestohlen oder bei den Durchsuchungen gefunden werden konnte. Wenn der Major welches aufstöberte, so wurde es ohne weiteres beschlagnahmt. Vielleicht verwandte er es zur Verbesserung der Sträflingskost; wenigstens wurde es jedesmal ihm ausgeliefert. Doch gewöhnlich wurde das Geld gestohlen: es war da auf keinen Einzigen Verlaß. Erst in der Folge fand man bei uns eine Möglichkeit, das Geld mit voller Sicherheit aufzubewahren: man gab es einem alten Mann, einem Altgläubigen, der aus den Dörfern von Starodubowo zu uns gekommen war, die einmal einer Sekte der Abtrünnigen gehört hatten.

Ich kann nicht umhin, einige Worte über ihn zu sagen, wenn es mich auch vom Thema abbringt.

Er war ein Greis von sechzig Jahren, klein von Wuchs und mit grauem Haar. Schon beim ersten Anblick fiel er mir auf. Er glich so wenig den anderen Sträflingen: in seinem Blick war etwas dermaßen Ruhiges und Stilles, daß ich – ich erinnere mich dessen noch deutlich – mit einem ganz besonderen Wohlgefallen in seine klaren hellen Augen blickte, die von vielen, vielen strahlenförmigen kleinen Runzeln umgeben waren. Ich habe oft mit ihm gesprochen und selten nur ist mir in meinem Leben ein so guter, so großmütiger Mensch begegnet. Er war wegen eines sehr schweren Verbrechens verschickt worden. Von den Altgläubigen von Starodubowo hatten sich einige bekehren lassen. Die Regierung hatte dieselben eifrig unterstützt und alles versucht, um noch mehr der Andersgläubigen zu bekehren. Dieser Greis nun hatte, zusammen mit anderen Fanatikern, beschlossen, „für den Glauben einzustehen“, wie er sich ausdrückte. Es war der Bau einer neuen Kirche begonnen worden, sie aber hatten sie niedergebrannt. Und als einer der Anstifter war der Alte zur Zwangsarbeit verschickt worden. Er war ein wohlhabender Bürger gewesen und hatte Handel getrieben; Frau und Kinder hatte er zurückgelassen, war aber trotzdem unbeugsam in die Verbannung gegangen, denn er glaubte, daß sie ein „Kreuztragen für den Glauben“ sei. Jeder, der eine Zeitlang mit ihm zusammengelebt, hätte sich unwillkürlich gefragt, wie dieser stille, kindlich fromme Greis ein Aufrührer sein konnte? Ich habe mehrere Male mit ihm „über den Glauben“ gesprochen. Er gab nicht das Geringste von seinen Überzeugungen auf, doch niemals habe ich irgend eine Mißstimmung oder einen Haß in seinen Entgegnungen wahrnehmen können. Und dennoch hatte er die Kirche in Brand gesteckt, was er ganz ruhig eingestand. Nach seinen Überzeugungen zu urteilen, konnte man glauben, daß er sein Verbrechen und das dafür auf sich genommene „Kreuz“ für eine rühmliche Tat hielt. Doch wie sehr ich ihn auch zu erforschen und zu erkennen suchte, niemals habe ich auch nur das geringste Anzeichen von Stolz oder Ruhmsucht entdecken können. Es waren daselbst auch noch andere Altgläubige, meistenteils Sibirier: sie waren ein ungemein entwickeltes Volk, scharfsinnige Bauern, ungeheuer bibelkundig, furchtbare Buchstabenfresser und, in ihrer Art, große Dialektiker, – kurz, ein von sich eingenommenes, anmaßendes, verschlagenes und im höchsten Grade unduldsames Volk. Der Alte dagegen war ganz anders. Er war vielleicht noch bibelkundiger als sie, vermied aber jeden Disput. Dem Charakter nach war er ein sehr mitteilsamer Mensch. Er hatte ein heiteres Gemüt, lachte häufig – nicht das rohe, zynische Lachen der übrigen Sträflinge, sondern ein helles und ruhiges, in dem viel kindliche Gutmütigkeit lag und das sich so gut zu seinem grauen Haar ausnahm. Vielleicht täuschte ich mich, aber es will mir scheinen, daß man am Lachen den Menschen erkennen kann, und wenn einem bei der ersten Begegnung das Lachen irgend eines fremden Menschen angenehm ist, so kann man ruhig sagen, daß er ein guter Mensch ist. Im Ostrogg hatte der Alte sich bald allgemeine Achtung erworben, warf sich deswegen aber durchaus nicht in die Brust. Die Gefangenen nannten ihn „Großvater“ und taten ihm nie etwas zu Leide. Ich begriff zum Teil, welch einen Einfluß er auf seine Glaubensgenossen gehabt haben mußte. Doch bei all der scheinbaren Festigkeit, mit der er seine Verbannung als Zwangsarbeiter ertrug, verbarg sich in ihm ein tiefer, unheilbarer Schmerz, den er aber vor allen verbarg. Ich lebte mit ihm in derselben Kaserne. Einmal, es war in der Nacht, um etwa drei Uhr, erwachte ich plötzlich und da vernahm ich ein stilles, halb unterdrücktes Schluchzen. Der Alte saß auf dem Ofen (an demselben, wo vor ihm der andere gottesfürchtige Sträfling nachts gesessen und in der Bibel gelesen hatte, jener, von dem das Attentat auf den Major ausgeübt worden war), saß auf dem Ofen und betete nach seinem handgeschriebenen alten Gebetbuch. Er schluchzte verhalten und ich hörte nur, wie er von Zeit zu Zeit betete: „Mein Gott, verlaß mich nicht! Gott, stärke du mich, gib mir Kraft! Meine kleinen Kinderchen, meine lieben Kinderchen, niemals mehr werden wir uns wiedersehn!“ Ich kann nicht sagen, wie traurig mich das stimmte. Diesem Greise nun gaben die Arrestanten mit der Zeit ihr Geld zum Aufbewahren. Im Ostrogg war fast ein jeder ein Dieb, plötzlich aber waren alle aus irgend einem Grunde überzeugt, daß der Greis unmöglich stehlen könne. Man wußte, daß er das ihm eingehändigte Geld irgendwo verbarg, doch geschah das an einem so verborgenen Ort, daß niemand das Versteckte zu finden vermochte. Zuguterletzt deckte er mir und einem Polen sein Geheimnis auf. In einem der Pfähle unseres Gefängniszaunes war ein Astauge, das fest im Baumstamm eingewachsen zu sein schien, in Wirklichkeit sich aber leicht herausnehmen und wieder hineinschieben ließ. Und hinter diesem Aststück war eine große Aushöhlung, in die der Großvater das Geld hineinlegte, während er das Aststück wieder vorschob, so daß es keinem auffallen konnte.

Doch ich bin von meinem Gegenstande abgekommen.

Ich sprach zuletzt von den Gründen, warum der Sträfling das Geld nicht lange in der Tasche behielt. Abgesehen von der Schwierigkeit, dasselbe vor Dieben sicher zu bewahren, gab es im Ostrogg so viel Sehnsucht und Harm, der Gefangene aber ist naturgemäß ein Wesen, das dermaßen nach Freiheit lechzt und seiner gesellschaftlichen Stellung gemäß dermaßen leichtsinnig und unordentlich ist, daß es uns nur zu begreiflich erscheint, wenn ihn plötzlich die Lust packt, einmal zu „spendieren“, glänzend aufzutreten, das ganze Kapital draufgehen zu lassen, mit Spektakel und Musik ein Fest zu feiern, um, wenn auch nur auf einen Augenblick, seine Sehnsucht zu vergessen. Es war seltsam anzusehen, wie manch einer von ihnen mit tief gesenktem Kopf, ohne auch nur einmal den Nacken gerade zu biegen, ganze Monate lang arbeitete, und zwar einzig und allein zu dem Zwecke, um dann eines schönen Tages dies ganze Ersparnis durchzubringen, alles bis aufs letzte und dann von neuem monatelang zu arbeiten – bis zu einem neuen Festtage. Viele liebten es, sich etwas neues zu kaufen und zwar unbedingt etwas ganz Apartes, wie zum Beispiel irgendwelche total unförmige schwarze Beinkleider, oder ein besonderes Wamms, oder einen kurzen sibirischen Pelz. Sehr beliebt waren farbige Kattunhemde und Gürtel mit schönen Kupferplattenbeschlägen. An den Feiertagen zogen sie sich zum erstenmal die erstandenen schönen Sachen an, und der festlich Gekleidete ging dann stolz in alle Kasernen, um sich den anderen zu zeigen. Die Zufriedenheit des gut Gekleideten ging bis ins Kindische, und überhaupt waren die Sträflinge in vielen Dingen die reinen Kinder. Aber alle diese schönen Sachen verschwanden dann ganz plötzlich von ihrem Besitzer, nicht selten wurden sie schon am nämlichen Abend versetzt oder zu einem Spottpreis losgeschlagen. Übrigens nahm bei solchen Gelegenheiten alles seinen bekannten Verlauf. Gewöhnlich wurde das Vergnügen auf die Festtage hinausgeschoben oder auf den Namenstag des Betreffenden. Wenn sich dann der Arrestant an seinem Namenstage erhob, war das erste was er tat, daß er ein Wachslicht vor das Heiligenbild stellte und betete; darauf kleidete er sich festlich an und bestellte sich ein Essen. Er ließ Rindfleisch und Fisch kaufen und sibirische Pasteten backen; darauf aß er sich so voll wie ein Ochse, gewöhnlich aber ganz allein, selten nur forderte er seine Kameraden auf, an seinem Mahle teilzunehmen. Darauf kam der Branntwein an die Reihe: der Feiernde soff sich toll und voll und ging dann wieder in alle Kasernen, diesmal wankend und stolpernd, um allen zu zeigen, daß er betrunken war, daß er „durchging“ und um dafür allgemeine Achtung zu erwerben. Überall sieht man im russischen Volke eine gewisse Sympathie für die Betrunkenen; im Ostrogg aber benahm man sich sogar respektvoll gegen sie.

In der Schlemmerei der Ostroggbewohner lag etwas durchaus Aristokratisches. War der Arrestant schon ein wenig angeheitert, so bestellte er sofort Musik. Es war im Ostrogg ein kleiner Pole, ein entlaufener Soldat, ein elendes Kerlchen, der auf der Geige zu spielen verstand und sein Instrument, das sein ganzes Kapital war, auch dort bei sich hatte. Ein Handwerk verstand er nicht und so war es sein einziger Verdienst, daß er den „Feiernden“ für Geld muntere Tanzstücke aufspielte. Seine Aufgabe bestand in solchem Falle darin, daß er seinem betrunkenen Gönner aus einer Kaserne in die andere folgte und mit aller Ellbogenkraft auf seiner Fiedel feilte. Oft sah ich auf seinem Gesicht Langeweile und Sehnsucht, doch der barsche Befehl: „Spiel, bist bezahlt!“ trieb ihn an, immer weiter zu fiedeln und zu feilen.

Jeder Arrestant, der „durchzugehen“ begann, konnte fest überzeugt sein, daß man ihn, wenn er sich stark angetrunken hatte, gut beaufsichtigen, zur rechten Zeit auf seine Pritsche bringen und sicher irgendwo verstecken würde, falls einer von der „Obrigkeit“ kommen sollte. Alle diese Liebesdienste wurden unentgeltlich verrichtet. Andererseits konnten auch der Unteroffizier und die Invaliden, die der Ordnung halber beständig in der Kaserne lebten, gleichfalls vollkommen beruhigt sein: der Betrunkene vermochte auf keine Weise Unordnung zu verursachen. Die ganze Kaserne bewachte ihn und sobald er laut wurde oder sonstwie die Absicht bekundete, Unfrieden zu stiften, wurde er sogleich gebändigt; ja nötigenfalls hätte man ihn sogar geknebelt. Und so sahen die Wachen und das subalterne Aufsichtspersonal den Betrunkenen gegenüber etwas durch die Finger, oder wollten sie auch gar nicht bemerken. Sie wußten recht wohl, daß ein noch strengeres Verbot des Branntweins die Sache nur schlimmer gemacht hätte. Aber wo bekam man denn den Branntwein her?

Er wurde im Ostrogg selbst verkauft, von den sogenannten Schenkwirten, deren es mehrere bei uns gab. Sie betrieben ihren Handel ununterbrochen und mit gutem Gewinn, obgleich es im allgemeinen nicht viel Trinkende und „Durchgehende“ gab, da dieses Vergnügen Geld erforderte, der Sträfling solches aber nur schwer erwarb.

Der Branntweinhandel wurde in einer recht originellen Weise betrieben, nämlich folgendermaßen:

Nehmen wir an, ein Sträfling hat keine Beschäftigung und will auch kein Handwerk erlernen – solche gab es, – will aber Geld haben, und da er ein ungeduldiger Mensch ist, will er es möglichst schnell verdienen. Um anzufangen, hat er nur wenige Kopeken, aber das genügt, und er beschließt, mit Branntwein zu handeln, – ein gewagtes Unternehmen, bei dem man sich großer Gefahr aussetzt: man kann die Ware und das ganze Kapital verlieren und außerdem muß dann noch der Rücken herhalten. Aber der Sträfling ist auf alles gefaßt. Da er nur ein kleines Betriebskapital hat, so bringt er das erste Mal selbst den Branntwein in den Ostrogg, wo er ihn natürlich vorteilhaft verkauft. Darauf wiederholt er dasselbe noch ein zweites und drittes Mal, und wenn er von der Wache nicht abgefaßt wird, nimmt sein Geschäft in kürzester Zeit einen großen Aufschwung. Dann beginnt er seinen Branntweinhandel auf großem Fuß: er wird Entrepreneur, Kapitalist, hält Agenten und Gehilfen, setzt viel weniger aufs Spiel und verdient immer mehr. Dann riskieren für ihn seine Gehilfen.

In einem Ostrogg gibt es jederzeit eine Menge Leute, die alles bis auf die letzte Kopeke verzettelt, verspielt, durchgebracht haben, Leute ohne Handwerk, armseliges heruntergekommenes Volk, das aber in gewissem Maße doch mit Mut und Entschlossenheit begabt ist. Diesen Leuten ist als einziges Kapital nur noch ihr Rücken verblieben, der aber kann doch noch zu irgend etwas dienen. Und so entschließt sich denn der ruinierte Arrestant, dieses letzte Kapital in Umsatz zu bringen und mit ihm so gut es eben geht zu spekulieren.

Er geht zum „Entrepreneur“ und verdingt sich bei ihm zum Durchschmuggel des Branntweins in den Ostrogg. Ein reicher Branntweinhändler hat mehrere solcher Durchschmuggler. Irgendwo außerhalb des Ostrogg befindet sich ein Mensch – ein Soldat vielleicht, mitunter sogar ein Mädchen oder ein Bauer – der für das Geld des Unternehmers und für eine bestimmte Vergütung, die verhältnismäßig nicht gering ist, in der Schenke Branntwein aufkauft, den er dann an einem geheimen Ort, in der nächsten Nähe der betreffenden Arbeitsstellen eines Arrestantentrupps, sorgfältig versteckt. Gewöhnlich probt der Lieferant zunächst die Güte des Branntweins und ersetzt dann das Ausgetrunkene in unmenschlicher Weise durch Wasser. Der Arrestant darf nicht allzu wählerisch sein, da heißt es: nimm ihn oder nimm ihn nicht, anderer ist nicht zu haben; und auch das ist schon gut, daß er sein Geld nicht ganz verloren hat und immerhin Branntwein zur Stelle geschafft ist, gleichviel was für einer, aber immerhin doch Branntwein. Zu diesem Lieferanten kommen dann die ihm schon früher von dem Branntweinverkäufer bezeichneten Leute, die Ochsendärme mitbringen. Diese Därme werden zuerst gut ausgewaschen und dann mit Wasser gefüllt, damit sie nicht eintrocknen und sich in ihrer ursprünglichen Weichheit und Dehnbarkeit erhalten, um zur Aufnahme des Branntweins geeignet zu sein. Hat der Arrestant den Branntwein in die Därme gefüllt, so wickelt er sie um seinen Körper, nach Möglichkeit an den diskretesten Stellen desselben. Versteht sich, bei diesem Verfahren beweist er die ganze Geschicklichkeit, die ganze diebische Schlauheit des Schmugglers. Es handelt sich um seine Ehre: er muß sowohl die Soldaten der Eskorte wie die Wache betrügen. Und er betrügt sie. Von einem geschickten Diebe wird die Eskorte – bisweilen nur ein einziger Soldat, irgend ein junger Rekrut – immer betrogen. Der betreffende Arrestant ist z. B. Ofensetzer und kriecht auf den Ofen. Wer kann sehen, was er dort macht? Die Wache kann ihm doch nicht nachkriechen. Bei der Rückkehr in den Ostrogg nimmt der Arrestant kurz vor dem Tor ein Silberstück, fünfzehn oder zwanzig Kopeken, auf alle Fälle in die Hand und wartet auf den Gefreiten, der jeden in den Ostrogg zurückkehrenden Arrestanten rundum mustert und befühlt, bevor er ihm das Tor aufschließt. Der Branntweinträger hofft in der Regel, daß der wachhabende Gefreite sich schließlich schämen wird, ihn an gewissen Stellen gar zu gewissenhaft zu befühlen. Mitunter aber dringt der naseweise Gefreite im Befühlen auch bis zu diesen Körperteilen vor und entdeckt den Wein. Dann bleibt dem Arrestanten nur noch ein Rettungsmittel übrig: er drückt dem Gefreiten, unbemerkt von der Eskorte, die bereitgehaltene Münze in die Hand. Nun kommt es zuweilen vor, daß er infolge dieses Manövers glücklich in den Ostrogg hineingelangt und sein Branntwein gerettet ist. Aber es kommt auch vor, daß das Manöver ihm mißlingt, und dann muß sein letztes Kapital herhalten: sein Rücken. Der Vorfall wird sofort dem Major gemeldet, das Kapital wird gedroschen, und zwar schmerzhaft gedroschen, der Branntwein wird konfisziert, und der Schmuggler nimmt alles auf sich, ohne den Branntweinhändler im Ostrogg anzugeben, tut das aber, wohlgemerkt, nicht aus dem Grunde, weil er das Angeben verabscheute, sondern einzig und allein deswegen, weil die Angabe für ihn selbst unvorteilhaft wäre: ihn würde man sowieso durchpeitschen, und der ganze Trost bestände darin, daß sie dann beide durchgepeitscht werden würden. Er aber ist vom anderen abhängig, er braucht ihn, obgleich er, der Schmuggler, nach alter Sitte und vorhergegangener Abmachung für den durchgepeitschten Rücken von dem Händler keine Kopeke erhält.

Sonst aber, so im allgemeinen, kann man sagen, daß die Angeberei geradezu blühte. Im Ostrogg wurde der Angeber nicht im geringsten verachtet. Unwille gegen ihn war sogar undenkbar. Man meidet ihn durchaus nicht, man schließt sogar Freundschaft mit ihm, sodaß man, wollte man im Ostrogg anfangen, die ganze Niedrigkeit der Angeberei zu erklären, überhaupt nicht verstanden werden würde. So pflog z. B. jener ausschweifende, in jeder Beziehung niedrige Arrestant, der früher Edelmann gewesen war, und mit dem ich jeden Umgang abgebrochen hatte, mit Fedjka, dem Burschen des Majors, innige Freundschaft und diente ihm als Spion, während jener alles Gehörte wiederum seinem Herrn hinterbrachte. Das wußten bei uns alle, doch niemand ließ es sich auch nur einfallen, das verächtliche Subjekt zu bestrafen oder ihm seine Handlungsweise auch nur vorzuhalten.

Doch da bin ich schon wieder von meiner Erzählung abgewichen.

So kam es denn nicht selten vor, daß der Branntwein glücklich in den Ostrogg gelangte. Hat der Branntweinhändler die durchgeschmuggelten Därme empfangen und bezahlt, so überschlägt er seine Kosten. Es stellt sich heraus, daß die Ware ihm teuer zu stehen kommt, und darum mischt er den Branntwein noch einmal mit Wasser, fast zur Hälfte, und ist das geschehen, hat er alles vorbereitet, dann erwartet er den Käufer. Am nächsten Feiertage, zuweilen aber auch an einem Wochentage – erscheint der Käufer: ein Arrestant, der mehrere Monate lang wie ein Büffel gearbeitet und jede Kopeke gespart hat, um dann an dem schon früher festgesetzten Tage alles zu vertrinken. Von diesem Tage hat dem Armen schon lange vorher im Schlaf geträumt, und auch in den Stunden der Arbeit hat er von ihm geträumt, um glücklich zu sein, und dieser ferne Tag mit seinem Zauber hat seinen Geist in dem öden Sträflingsleben aufrechterhalten. Endlich, endlich ersteht im Osten die Morgenröte des hellen Tages! Das Geld ist zusammengescharrt, ist nicht gestohlen und nicht konfisziert worden, und er kann es zum Branntweinhändler bringen. Jener gibt ihm anfangs möglichst reinen Branntwein, d. h., der nur zweimal mit Wasser vermischt worden ist, doch je mehr der Inhalt der Flasche abnimmt, um so mehr wird er durch Nachgießen von Wasser ersetzt. Für einen Becher Branntwein wird fünfmal, sechsmal mehr gezahlt, als in der Schenke. Man kann sich nun vorstellen, wie viel solcher Becher man austrinken und wieviel man für sie bezahlen muß, bevor man berauscht ist. Aber infolge der Entwöhnung vom Trunk und der langen Enthaltsamkeit wird der Sträfling verhältnismäßig schnell betrunken, fährt aber im Trinken so lange fort, bis sein letztes Geld alle ist. Dann kommen die neuen Sachen an die Reihe, – der Branntweinverkäufer ist gleichzeitig auch Wucherer. Zuerst werden die neuangeschafften praktischen Sachen versetzt, allmählich geht man vom älteren zum allerältesten über und schließlich zu dem Staatseigentum. Ist alles, auch der letzte Lumpen vertrunken, so legt sich der Berauschte auf die Pritsche und schläft, und am nächsten Morgen, wenn er mit dem unfehlbaren Brummschädel erwacht, bittet er vergeblich seinen „Schenkwirt“, ihm nur einen einzigen Schluck für den Kater zu geben. Traurig trägt er sein Mißgeschick und schon am selben Tage macht er sich von neuem an die Arbeit und arbeitet wieder mehrere Monate, ohne den Nacken grade zu biegen, träumt von dem glücklichen freien Tag, der unwiderruflich in die Vergangenheit versunken ist, bis er mit der Zeit wieder munterer wird und einen neuen ähnlichen Tag zu erwarten anfängt, einen Tag, der noch fern, fern in der Zukunft liegt, aber trotzdem irgend einmal doch anbrechen wird.

Was nun den „Schenkwirt“ anbetrifft, so kauft er, wenn er nach gutem Geschäfte eine große Summe erspart hat, ungefähr einige Zehnrubelscheine, zum letztenmal Branntwein an, gießt dann aber kein Wasser hinzu, da er ihn für sich bestimmt. Er hat genug verdient: es ist Zeit, auch selber einmal zu feiern! Und er beginnt ein Schlemmerleben, es wird getrunken, gegessen, und Musik ist die Hauptbedingung. Die Mittel sind bedeutend und selbst die untere Ostroggbeamtenschaft wird bewirtet. Das zieht sich dann oft durch mehrere Tage hin. Natürlich ist der vorrätige Branntwein bald ausgetrunken: dann geht der Schwelger zu den anderen „Schenkwirten“, die darauf nur warten, und trinkt so lange weiter, bis er nichts mehr hat. Wie sorgfältig nun die übrigen Arrestanten den Durchgänger auch bewachen mögen, er fällt zuweilen doch den höheren Vorgesetzten auf, dem Major oder dem wachhabenden Offizier. Er wird auf die Wache gebracht, sein Geld wird ihm abgenommen, falls man welches bei ihm findet, und dann wird er zum Schluß noch geknutet. Ist das vorüber, schüttelt er sich, kehrt in den Ostrogg zurück und nach ein paar Tagen macht er sich von neuem an seine Tätigkeit als Branntweinverkäufer.

Einige der Prasser – selbstverständlich nur die reicheren – denken auch an das schöne Geschlecht. Für viel Geld gelangen sie bisweilen heimlich, statt zur Arbeit zu gehen, aus der Festung an irgend einen Ort in der Vorstadt, natürlich in Begleitung eines bestochenen Eskortesoldaten. Dort wird dann in irgend so einem kleinen unscheinbaren Häuschen, gewöhnlich ganz am äußersten Rande der Stadt, ein rauschendes Fest gefeiert und werden in der Tat große Summen verjubelt. Für Geld verachtet man selbst einen Arrestanten nicht; der Soldat aber ist wohlweislich ausgesucht und in alles eingeweiht. In der Regel sind solche Soldaten selbst – zukünftige Kandidaten für den Ostrogg. Übrigens kann man für Geld alles tun und ähnliche Vergehen werden fast nie aufgedeckt. Nur muß ich hinzufügen, daß sie sehr selten sind; dazu ist viel Geld erforderlich und die Liebhaber des schönen Geschlechts bedienen sich meistens anderer Mittel, die ganz ungefährlich sind.

Schon in den ersten Tagen meines Ostrogglebens erweckte ein junger Arrestant, ein, ich möchte sagen, ganz reizender kleiner Knabe, besonderes Interesse in mir. Er hieß Ssirotkin und war in vieler Beziehung ein recht rätselhaftes Wesen. Zuerst frappierte mich nur sein außerordentlich schönes Gesicht; er war höchstens dreiundzwanzig Jahre alt. Er war Zwangsarbeiter der „besonderen“ Abteilung, d. h., ein „ewiger“, dessen Strafzeit nicht festgesetzt war, folglich mußte er ein schwerer militärischer Verbrecher sein. Ein stiller, sanfter Junge war es, der wenig sprach und nur sehr selten lachte. Er hatte blaue Augen, regelmäßige Züge, ein zartes ganz sauberes Gesicht und ganz hellbraunes Haar. Selbst der nur zur Hälfte abrasierte Kopf verunstaltete ihn nicht: ein so reizender Junge war er. Ein Handwerk verstand er nicht und er suchte sich auch keine Beschäftigung, Geld aber verschaffte er sich, wenn auch nicht viel, so doch oft. Er war auffallend faul und ging nachlässig und unsauber gekleidet, es sei denn, daß ein anderer ihn einmal hübsch kleidete, womöglich in ein rotes Hemd – dann war Ssirotkin sichtlich froh darüber: ging in die Kasernen und zeigte sich. Er trank weder, noch spielte er Karten, noch fing er mit einem Menschen Streit an. Zuweilen sah man, wie er hinter den Kasernen einherging, die Hände in den Hosentaschen, friedlich, nachdenklich ... Worüber er nachdenken mochte, war schwer sich vorzustellen. Rief jemand, so antwortete er sofort und sogar gewissermaßen ehrerbietig, jedenfalls nicht nach Arrestantenart, aber immer kurz, ungesprächig, nicht mitteilsam wie die anderen; und ansehen tat er einen, als wäre er ein zehnjähriges Kind. Hatte sich etwas Geld bei ihm eingefunden, so kaufte er sich niemals etwas Notwendiges – er würde nie seine Joppe ausbessern lassen oder neue Stiefel sich anschaffen, sondern sich stets ein Semmelchen kaufen, einen Kalatsch oder einen Pfefferkuchen und ihn aufessen, – ganz als wäre er sieben Jahre alt.

„Ach du, Ssirotkin!“ sagten zu ihm nicht selten die Sträflinge, „du Kasaner Waisenknabe!“ In der arbeitsfreien Zeit hielt er sich gewöhnlich in fremden Kasernen auf. Alle waren mit einer eigenen Arbeit beschäftigt, nur er allein hatte nichts zu tun. Sagte man etwas zu ihm, gewöhnlich um sich über ihn lustig zu machen (über ihn lachten selbst seine Freunde), – so kehrte er um und ging, ohne ein Wort zu sagen, in eine andere Kaserne, zuweilen aber, wenn man ihn schon gar zu sehr verspottete, errötete er. Oftmals fragte ich mich: für welches Vergehen mag wohl dieses friedsame, gutmütige Wesen in den Ostrogg gekommen sein?

Einmal lag ich im Hospital, im Arrestantensaal. Ssirotkin war gleichfalls krank und lag neben mir. Gegen Abend kamen wir in ein Gespräch; ich glaube, es kam ganz zufällig: er wurde plötzlich gesprächig und so erzählte er mir auch, wie man ihn unter die Soldaten gesteckt hatte, wie seine Mutter, von der er noch begleitet worden war, geweint habe und wie schwer es unter den Rekruten gewesen sei. Er sagte, er habe das Rekrutenleben auf keine Weise ertragen können, weil alle dort so böse und streng ausgesehen hätten, und die Kommandeure seien mit ihm immer unzufrieden gewesen.

„Wie endete es denn?“ fragte ich. „Weswegen bist du denn hierher geschickt worden? Und noch in die besondere Abteilung ... Ach du Ssirotkin, Ssirotkin!“

„Ja, ich war im ganzen nur ein Jahr im Bataillon, Alexander Petrowitsch; hierher aber kam ich dafür, daß ich Grigorij Petrowitsch, meinen Kompagniechef, getötet habe.“

„Das habe ich schon gehört, Ssirotkin, aber ich glaube es nicht. Nun sag doch, wen hast du wohl zu töten vermocht?“

„Es kam so – Alexander Petrowitsch. Es wurde mir gar zu schwer.“

„Aber wie leben denn die anderen Rekruten? Natürlich – anfangs fällt es schwer, dann aber gewöhnt man sich und ehe du dich dessen versiehst, hast du einen prächtigen Soldaten vor dir. Dich hat wahrscheinlich deine Mutter zu sehr verhätschelt, mit Pfefferkuchen und Milch bis zum achtzehnten Jahre gefüttert.“

„Mein Mutterchen hat mich wohl sehr geliebt, das ist wahr. Als ich unter die Rekruten ging, da hat sie sich hingelegt und wie ich gehört, ist sie nicht mehr aufgestanden ... Bitter wurde es mir zum Schluß bei den Rekruten. Der Kommandeur liebte mich nicht, für alles bestrafte er, – und für was? Ich gehorchte allen, lebte akkurat, trank kein Gläschen, eignete mir nichts Fremdes an, denn das ist eine schlimme Sache, Alexander Petrowitsch, wenn der Mensch etwas Anstößiges tut. Alle um mich herum sind solche Hartherzige, – nirgend etwas, wo man hätte weinen können. Dann geht man einmal hinter eine Ecke und weint sich da aus ... Und einmal stand ich Wache. Es war schon Nacht. Ich hatte den anderen Posten abgelöst und stand neben dem Schildwachhäuschen. Der Wind ging: es war Herbst und die Nacht war so finster, daß du dir die Augen zerreißen konntest, und doch nichts gesehen hättest. Und da wurde mir so traurig ums Herz! Da nahm ich mein Gewehr, nahm das Bajonett ab, legte es neben mich; zog den rechten Stiefel aus, setzte das Gewehr gerade vor mich hin, beugte mich mit der Brust auf die Mündung und drückte mit der großen Zehe auf den Hahn. Was aber sehe ich? – ich bin nicht erschossen! Das Gewehr hat versagt. Ich untersuchte alles ganz genau, reinigte das Zündloch, schüttete neues Pulver dazu, schlug den Feuerstein etwas ab, und setzte die Mündung wieder auf die Brust. Aber was? Das Pulver flammte auf, aber der Schuß versagte wieder! Was ist das, denke ich! Nahm und zog mir den Stiefel an, setzte wieder das Bajonett auf, schweige und gehe wieder auf und ab. Und da beschloß ich denn: einerlei wohin, aber nur heraus aus den Rekruten. Nach einer halben Stunde kommt der Kommandeur; er machte die Runde. Er kommt gerade auf mich zu: ‚Steht man so auf Posten?‘ schreit er. Da nahm ich das Gewehr und stieß ihm das Bajonett bis an den Lauf in die Brust ... Viertausend Spießruten und dann hierher, in die besondere Abteilung ...“

Er log nicht. Aus welchem Grunde wäre er auch sonst in der besonderen Abteilung gewesen? Gewöhnliche Verbrecher werden nicht so schwer bestraft. Ssirotkin war übrigens der einzige unter seinen Schicksalsgenossen, der so hübsch war. Die übrigen, etwa fünfzehn an der Zahl, – die anzusehen war geradezu sonderbar: nur zwei oder drei Gesichter waren erträglich; die anderen dagegen alle so unansehnlich, häßlich, schmutzig; einige unter ihnen waren schon ergraut. Wenn es die Umstände erlauben, werde ich noch einmal bei Gelegenheit ausführlicher auf diese Schar zu sprechen kommen. Ssirotkin stand sich oft sehr gut mit Gasin, – von dem ich zu Anfang dieses Kapitels erzählte, wie er betrunken in die Küche gestürzt kam, was meine anfängliche Vorstellung vom sibirischen Sträflingsleben so gänzlich verwirrte.

Dieser Gasin war eine grauenvolle Kreatur. Auf alle machte er einen entsetzlichen, quälenden Eindruck. Es schien mir immer, daß es nichts geben könne, das tierischer, monströser wäre, als er. Ich habe in Tobolsk den berüchtigten Verbrecher Kamenjeff gesehen und später den entlaufenen Soldaten und Raubmörder Ssokoloff, doch keiner von ihnen hat einen so abstoßenden Eindruck auf mich gemacht, wie Gasin. Es schien mir zuweilen, wenn ich ihn sah, als hätte ich vor mir eine ungeheure Riesenspinne, ein Insekt von Menschengröße.

Er war Tatar, war unheimlich stark, der stärkste von allen im Ostrogg; mittelgroß, von herkulischer Gestalt mit einem scheußlichen, unproportional großen Kopf; er ging gekrümmt und blickte absonderlich unter der Stirn hervor, durch die struppigen Augenbrauen. Im Ostrogg erzählte man seltsame Geschichten über ihn: man wußte, daß er früher Soldat gewesen war, doch die Sträflinge sprachen untereinander – ich weiß nicht, ob es wahr ist –, er sei ein Entsprungener aus Nertschinsk; nach Sibirien sei er nicht nur einmal verschickt worden, entsprungen sei er gleichfalls nicht nur einmal, seinen Namen habe er schon oft gewechselt und zum Schluß war er in unseren Ostrogg, in die besondere Abteilung gekommen, – das war Tatsache. Außerdem erzählte man sich noch, daß er früher mit besonderer Vorliebe kleine Kinder erdrosselt habe, einzig zu seinem Vergnügen: er habe das Kind irgendwohin an einen passenden Ort gelockt, habe es zuerst geängstigt, gequält und erst dann, nachdem er sich genügend an dem Entsetzen und den Qualen seines armen kleinen Opfers geweidet, habe er es ruhig, langsam und mit Hochgenuß ermordet. Ich weiß nicht, ob alle diese Erzählungen auf Wahrheit beruhten oder im Ostrogg unter dem schweren, unheimlichen Eindruck, den er auf alle und jeden machte, erfunden worden waren, jedenfalls aber paßten sie zu ihm und schienen glaubwürdig, wenn man ihn und sein Gesicht kannte. Indessen führte er sich im Ostrogg, wenn er nicht betrunken war, also an allen Tagen mit Ausnahme seiner Trinkzeit oder seines Festes, sehr vernünftig auf. Er war immer sehr still, schimpfte niemals und vermied jeden Streit, tat dies aber gleichsam aus Verachtung der anderen, weil er sich für höher hielt, als alle. Und auch seine Schweigsamkeit war gleichsam vorsätzlich, er schien mit Absicht unmitteilsam zu sein. Alle seine Bewegungen waren langsam, ruhig, selbstbewußt. An seinen Augen sah man, daß er nichts weniger als dumm und obendrein noch ungewöhnlich schlau war; doch stets lag etwas hochmütig Spöttisches und Grausames in seinem Gesicht und in seinem Lächeln. Er handelte mit Branntwein und war einer der reichsten „Schenkwirte“ im Ostrogg. Doch zweimal im Jahre pflegte er sich selbst zu betrinken, und dann erst, wenn er betrunken war, zeigte sich die ganze Bestialität seiner Natur. Sein Rausch nahm nur langsam zu, und das erste war dann, daß er die anderen zu necken anfing, und zwar nach und nach mit den boshaftesten Spötteleien, die alle wohl erwogen und gleichsam schon vorher von ihm erdacht worden waren. Mit der Zeit aber geriet er in furchtbare Wut, die sich mit der zunehmenden Trunkenheit soweit steigerte, daß er plötzlich sein Messer hervorzog und sich auf die Menschen stürzte. Die anderen, die seine ungeheure Kraft kannten, liefen vor ihm fort und versteckten sich, denn er stürzte sich auf jeden, der ihm entgegenkam. Bald aber fand man ein Verfahren, ihn zu bewältigen. Ungefähr zehn Mann stürzten sich alle mit einemmal auf ihn und begannen ihn mit den Fäusten zu bearbeiten. Grausameres als diese Schläge kann man sich nicht gut denken: man schlug ihn auf die Brust, den Kopf, den Magen, in die Herzgrube, man schlug lange und mit aller Kraft und hörte nicht vorher auf, bis er bewußtlos wurde und wie ein Toter am Boden lag. Einen anderen Menschen würde man niemals gewagt haben, so zu schlagen, denn das wäre gleichbedeutend mit totschlagen gewesen – nur bei Gasin war es das nicht. Hatte man es endlich so weit mit ihm gebracht, daß er bewußtlos war, so wurde er in seinen Halbpelz eingewickelt und auf seine Pritsche getragen. – „Wird sich schon ausliegen,“ hieß es, d. h., durch das Liegen wieder erholen. Und in der Tat, am nächsten Morgen erhob er sich so gut wie gesund und begab sich wieder schweigend und mürrisch zur Arbeit. Und jedesmal, wenn Gasin sich betrank, wußte der ganze Ostrogg, daß der Tag für ihn mit Schlägen enden würde. Das wußte er übrigens auch selbst, aber trotzdem betrank er sich.

So vergingen mehrere Jahre; schließlich bemerkte man, daß Gasin etwas zusammensank. Bald klagte er auch über verschiedene Schmerzen und magerte sichtlich ab; immer häufiger kam er ins Lazarett ... „Hat sich endlich ergeben,“ sagten die Arrestanten unter sich.

Jetzt also trat er in die Küche, begleitet von jenem kleinen häßlichen Polen, der von ihm als „Musikkapelle“ gemietet war, um noch das Seine zur Fülle des Genusses beizutragen, – trat ein und blieb mitten in der Küche stehen, während er stumm und aufmerksam alle Anwesenden musterte. Alles verstummte. Da erblickte er mich und meinen Kameraden: er sah uns gehässig und spöttisch an, lächelte selbstzufrieden, schien so etwas wie zu überlegen und plötzlich trat er stark wankend an unseren Tisch:

„Darf ich fragen,“ begann er, – er sprach russisch und sogar gutes Russisch, obgleich er Tatar war – „welche Einkünfte es euch gestatten, hier Tee zu trinken?“

Ich tauschte mit meinem Kameraden schweigend einen Blick aus und verstand ihn sofort: daß es am ratsamsten war, zu schweigen und ihm nichts zu antworten. Schon das erste Wort hätte ihn rasend gemacht.

„Also habt ihr Geld?“ fuhr er fort zu fragen. „Also einen ganzen Haufen Geld – wie? Seid ihr also deswegen in die Kátorga gekommen, um hier Tee zu schlemmen? Ihr seid also nur zum Teetrinken hergekommen? So antwortet doch, daß euch der! ...“

Als er aber begriff, daß wir uns entschlossen hatten, zu schweigen und ihn nicht zu bemerken, wurde er rot vor Wut und erbebte am ganzen Körper. Nicht weit von ihm stand in der Ecke ein großer Brotkasten, etwa in der Form eines Troges, in den das ganze aufgeschnittene Brot für das Mittag- oder Abendessen der Sträflinge hineinkam. Er war so groß, daß das Brot für den halben Ostrogg in ihn hineinpaßte, war aber in dem Augenblick leer. Diesen Kasten ergriff nun Gasin mit beiden Händen und erhob ihn über uns – noch ein Augenblick, und er hätte uns die Schädel zerschmettert.

Doch ungeachtet dessen, daß ein Totschlag, oder der Versuch eines solchen für den ganzen Ostrogg sehr unangenehme Folgen hatte, – Untersuchungen, Durchsuchungen, strengere Aufsicht usw. – und es im Interesse eines jeden lag, ähnliches zu verhüten, blieben diesmal alle stumm und rührten sich nicht. Kein Wort zu unserer Verteidigung! Kein Ruf an Gasin! – so groß war ihr Haß gegen uns. Unsere gefährliche Situation war ihnen offenbar sehr angenehm ... Aber die drohende Gefahr ging noch glücklich vorüber: im Augenblick, da er den Kasten auf uns niederschleudern wollte, schrie plötzlich jemand aus dem Flur ihm zu:

„Gasin! Dein Branntwein ist gestohlen!“

Er schleuderte den Kasten zu Boden und stürzte wie ein Irrsinniger hinaus.

„Nun, diesmal hat Gott selbst euch gerettet!“ sagten die Sträflinge.

Und noch lange sagten sie es immer wieder.

Leider konnte ich es nicht erfahren, ob diese Nachricht von dem gestohlenen Branntwein auf Tatsache beruhte oder rechtzeitig zu unserer Rettung erfunden worden war.

Am Abend, als es bereits dunkel war, ging ich noch, kurz bevor die Kasernen zugeschlossen wurden, am Palissadenzaun umher und eine tiefe Schwermut legte sich auf meine Seele. Niemals wieder habe ich während meines ganzen Gefängnislebens eine so große Schwermut empfunden. Der erste Tag der Gefangenschaft ist überall schwer: gleichviel ob im Ostrogg, in der Kasematte oder in der Kátorga ... Aber – ich erinnere mich – mehr als alles andere beschäftigte mich ein Gedanke, der mich auch später während der ganzen Zeit im Ostrogg unablässig verfolgt hat, – eine teilweise unlösbare Frage, die auch jetzt noch für mich unlösbar ist, und die doch einmal Wirklichkeit werden muß: das ist die notwendige Ungleichheit der Strafen für ein und dasselbe Verbrechen.

In der Regel läßt sich kein einziges Verbrechen mit einem anderen vergleichen, nicht einmal annähernd. Zum Beispiel: dieser und jener haben einen Menschen ermordet; alle Umstände beider Verbrechen sind erwogen worden; und für dieses wie jenes Verbrechen wird fast dieselbe Strafe auferlegt. Indessen aber – sehe man doch nur genauer hin, welch ein Unterschied zwischen diesem und jenem Verbrechen ist. Der eine zum Beispiel hat einen Menschen um nichts und wieder nichts ermordet, sagen wir, um eine Zwiebel: er ging auf die Landstraße, ermordete einen vorüberfahrenden Bauer, der aber hatte im ganzen nur eine Zwiebel bei sich.

„Was nun, Väterchen,“ sagt der Verbrecher zum Geistlichen, „du hast mich zum Erwerb ausgesandt, da habe ich nun einen Bauer erschlagen und dafür nur eine Zwiebel gefunden.“ – „Dummkopf! Eine Zwiebel ist eine Kopeke, hundert Seelen machen hundert Zwiebeln aus – da hast du einen Rubel weg.“ (Eine Ostrogglegende.)

Der andere aber hat gemordet, um die Ehre seiner Braut, seiner Schwester oder seiner Tochter vor einem wollüstigen Schurken zu schützen. Ein dritter hat als Vagabund erschlagen, verfolgt von einer ganzen Schar von Häschern, hat erschlagen, um seine Freiheit, sein Leben zu verteidigen, nicht selten angesichts des Hungertodes. Und ein vierter mordet kleine Kinder aus bloßer Lust am Morden, um ihr warmes Blut über seine Hände fließen zu fühlen, um sich an ihrer Angst, an ihrem Zittern unter dem Messer – zu ergötzen. Und? Dieser wie jener kommen in dieselbe Kátorga.

Allerdings: es gibt Unterschiede in der Zeit der Strafe. Aber diese Unterschiede sind verhältnismäßig gering, – bei ein und derselben Art von Verbrechen dagegen ist der Unterschied oft so groß, daß man sie überhaupt nicht miteinander vergleichen kann. Jeder Charakter enthält schon den Unterschied. Doch nehmen wir an, daß es unmöglich wäre, diesen Unterschied auszugleichen, daß dieser Unterschied in seiner Art eine ebenso unlösbare Aufgabe sei, wie die Quadratur des Kreises – nehmen wir an, daß es so ist. Aber selbst wenn es diesen Unterschied nicht gäbe, – so betrachte man doch den anderen Unterschied – den in den Folgen der auferlegten Strafe ...

Da haben wir einen Menschen, der in der Kátorga hinsiecht, der geradezu wie ein Licht verbrennt; und da haben wir einen anderen, der vor seinem Eintritt in die Kátorga überhaupt nicht gewußt hat, daß es in der Welt ein so lustiges Leben, einen so angenehmen Klub verwegener Gesellen gibt. Ja, auch solche kommen in den Ostrogg ... Da haben wir zum Beispiel einen gebildeten Menschen mit entwickeltem Bewußtsein, Herzen und Gewissen. Schon der Schmerz seines eigenen Herzens bringt ihn bereits vor jeder Strafe durch seine Qualen um. Er wird sich für seine Verbrechen schonungsloser, unbarmherziger selbst verurteilen, als es jedes strafende Gesetz tun könnte. Und neben ihm ein anderer, der während seiner ganzen Zwangsarbeit auch nicht ein einziges Mal an den von ihm begangenen Mord denkt. Er hält sich womöglich noch für völlig schuldlos. Und es gibt auch solche, die absichtlich Verbrechen begehen, nur um in einen Ostrogg zu gelangen, und auf diese Weise von der verhältnismäßig viel größeren Zwangsarbeit in der Freiheit erlöst zu sein. Dort hat er in der größten Erniedrigung gelebt, nie sich sattessen gekonnt und für seinen Arbeitgeber vom Morgen bis zum Abend gearbeitet; im Ostrogg aber ist die Arbeit leichter, zu essen hat er soviel er will, und noch dazu ein Essen, wie er es früher nie gesehen hat; an Feiertagen Rindfleisch, milde Gaben und außerdem die Möglichkeit, sich immer noch ein paar Kopeken zu verdienen.

Und die Gesellschaft, in die er kommt? Ein in allem beschlagenes, gewandtes, alles kennendes und könnendes Volk: er sieht mit der respektvollsten Verwunderung zu seiner neuen Umgebung empor; er hält sie für die allerhöchste Gesellschaft, die es in der Welt nur geben kann!

Sollte nun wirklich die Bestrafung für diese zwei Menschen in gleichem Maße fühlbar sein?

Doch übrigens, wozu sich mit unlösbaren Fragen abgeben! Die Trommel ertönt, es ist Zeit, in die Kaserne zu gehen.