V.
Die Sommerzeit
Doch schon ist es Frühling, wir sind im April und Ostern steht vor der Tür. Allmählich beginnen auch die Sommerarbeiten. Die Sonne wird mit jedem Tage wärmer und heller, die Luft duftet nach Frühling und hat eine starke Wirkung auf Körper und Seele. Die anbrechenden schönen Tage erregen auch den gefesselten Menschen und erwecken in ihm ein Wünschen, Streben und Sehnen. Ich glaube, bei hellem Sonnenschein verlangt es den Menschen noch viel mehr nach Freiheit, als an einem trüben Winter- oder Herbsttage, er trauert viel tiefer um das Verlorene: das ist mir an allen Gefangenen aufgefallen. Es ist, als freuten sie sich über die hellen Tage, gleichzeitig aber verstärkt sich in ihnen auch eine gewisse Ungeduld und Reizbarkeit. Ich habe bemerkt, daß es im Frühling viel öfter Streit im Ostrogg gab. Häufig hörte man Geschrei, Lärm, Gejohle, viel öfter kam es zu ausgelassenen Jugendstreichen. Dann aber bemerkte man bisweilen bei der Arbeit einen nachdenklichen, unverwandten Blick in die bläuliche Ferne, hinüber zum anderen Ufer des Irtysch, wo sich wie ein ausgebreitetes Tuch die freie kirgisische Steppe auf anderthalbtausend Werst hinzog; dann hörte man, wie jemand aufseufzte, tief, aus voller Brust, ganz als ziehe es ihn unwiderstehlich, diese ferne, freie Luft einzuatmen und dadurch seine bedrückte, gefesselte Seele zu erleichtern.
„Ach!“ seufzt dann plötzlich der Arrestant und macht sich, als hätte er mit einem energischen Entschluß das Träumen und Sehnen abgeschüttelt, ungeduldig und mürrisch wieder an die Arbeit, greift nach dem Spaten oder nach den Ziegeln, die von dem einen Ort nach dem andern zu tragen sind. Nach einer Minute hat er seine plötzliche Empfindung schon vergessen und lacht oder schimpft bereits, je nach seinem Charakter; oder er macht sich plötzlich mit ungewöhnlichem, ganz unpassendem Eifer an seine Arbeitsaufgabe, wenn er eine solche erhalten hat, und arbeitet mit Anstrengung aller Kräfte, ganz als wolle er durch die schwere Arbeit irgend etwas in sich erdrücken, was ihn von innen quält und beengt. Dieses ganze gefesselte, starke Volk stand größtenteils in der Blüte seiner Jahre und Kräfte ... Schwer sind die Fesseln in dieser Zeit! Ich will nichts übertreiben, ich will nur die Wahrheit sagen. Ganz abgesehen davon, daß in der Wärme, in der sonnigen Frühlingsluft – wenn man mit ganzer Seele, mit seinem ganzen Wesen die rings um einen mit unermeßlicher Kraft auferstehende Natur fühlt und sieht – das verschlossene Gefängnis, die ewige Eskorte und das beständige Leben nach fremdem Willen noch viel schwerer zu ertragen sind, – ganz abgesehen davon, beginnt doch in dieser Frühlingszeit schon mit der ersten Lerche in ganz Sibirien und ganz Rußland das Vagabundieren: dann entflieht auch so manch einer aus den Gefängnissen und flüchtet in den Wald. Dann schweifen sie, nach den dumpfen, engen Stuben, nach Strafen, Ketten und Stöcken, in der größten Freiheit überall umher, wo es ihnen besser gefällt und wo das Leben angenehmer ist. Sie essen und trinken, was sich gerade findet, was Gott schickt, und in der Nacht schlafen sie zufrieden irgendwo im Walde ein, oder auf freiem Felde, sorglos, frei, ohne die quälende Sehnsucht des Gefangenen, – wie die Waldvögel, nachdem sie nur den Sternen des Himmels gute Nacht gesagt haben, während Gottes Auge allein über sie wacht. Gewiß hat es mitunter auch sein Unangenehmes, bei „General Kukuschkin zu dienen“, da heißt es oft Hunger und Müdigkeit ertragen, oft sieht man in ganzen vierundzwanzig Stunden nichts Eßbares, vor jedem Menschen muß man sich verstecken, man muß stehlen und plündern und mitunter auch ermorden. „Der Ansiedler ist wie ein Kind, was er nur sieht, das nimmt er,“ sagt man in Sibirien. Dasselbe Sprichwort kann auch auf den Landstreicher angewandt werden. Selten ist er kein Räuber und fast immer ein Dieb. Allerdings stiehlt er mehr aus Notwendigkeit, als aus Beruf. Es gibt geradezu eingefleischte Landstreicher. Manch einer entläuft noch als Kolonist, wenn er die Ostroggjahre schon hinter sich hat. Man sollte meinen, er sei zufrieden und sichergestellt als Kolonist, aber nein! – es zieht ihn irgendwohin, es ruft ihn fort. Das Leben in den Wäldern, das arm und schwer, dafür aber frei und voll Abenteuer ist, hat etwas Bezauberndes, einen gleichsam geheimnisvollen Reiz für diejenigen, die ihn einmal empfunden haben. Und plötzlich ist ein Mensch fortgelaufen, nicht selten ein bescheidener, gewissenhafter Mann, der ein guter ansässiger Bürger und ein tüchtiger Arbeitsmann zu werden versprach. Manch einer heiratet sogar und zeugt Kinder, lebt seine fünf Jahre ruhig an ein und demselben Ort, bis er eines schönen Morgens, ganz plötzlich, verschwunden ist, Weib, Kinder und die ganze Gemeinde in Staunen und Verwunderung versetzend. Im Ostrogg machte man mich auf einen ähnlichen Flüchtling aufmerksam. Er hatte kein einziges namhaftes Verbrechen begangen, wenigstens hatte nie jemand etwas derartiges von ihm gehört, er war aber sein ganzes Leben lang Landstreicher gewesen. Er hatte im Süden Rußlands gelebt, war bis zur Donau gekommen, war im Kaukasus, in der kirgisischen Steppe und im Osten Sibiriens gewesen – überall. Wer weiß, vielleicht wäre aus ihm unter anderen Verhältnissen bei seiner Abenteuerlust ein zweiter Robinson Crusoe geworden. Übrigens wurde alles das von anderen über ihn erzählt, er selbst aber sprach wenig im Ostrogg, eigentlich nur das durchaus Notwendige. Es war das ein äußerst kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren, mit friedlichem Charakter, ungewöhnlich ruhigem und sogar stumpfem Gesichtsausdruck – stumpf bis zur Idiotie. Im Sommer saß er mit Vorliebe in der Sonne, um sich braten zu lassen, und unfehlbar summte er dann ein Liedchen vor sich hin, gewöhnlich aber so leise, daß es auf fünf Schritt nicht mehr zu hören war. Seine Gesichtszüge waren gleichsam hölzern, er aß wenig und fast nur Brot. Niemals kaufte er sich einen Kalatsch oder einen Schluck Branntwein, aber es ist auch kaum anzunehmen, daß er jemals Geld besaß und kaum dürfte er verstanden haben, zu zählen. Zu allem verhielt er sich unerschütterlich ruhig. Die kleinen Ostrogghunde fütterte er zuweilen aus der Hand, was sonst niemand bei uns tat ... Denn der Russe liebt es nicht, Hunde aus der Hand zu füttern. Es hieß, daß er verheiratet gewesen sei, sogar zweimal, daß er irgendwo auch Kinder habe ... Für welches Vergehen er in unseren Ostrogg gekommen war, vermag ich nicht zu sagen. Die anderen Sträflinge erwarteten immer, daß er entfliehen würde, aber entweder war seine Zeit noch nicht gekommen, oder er war schon zu alt geworden; jedenfalls lebte er beschaulich dahin, und verhielt sich etwas stumpf zu dieser ganzen sonderbaren Umgebung, in die er hineingeraten war. Übrigens kann man nicht dafür bürgen, daß er im Ostrogg blieb, obschon, sollte man meinen, keinerlei Berechnung für ihn darin gelegen hätte, zu entfliehen. Dennoch ist, im großen ganzen genommen, das freie Vagabundenleben im Walde und auf Wiesen im Vergleich zum Ostroggleben ein Paradies. Der Unterschied liegt ja so auf der Hand, daß von einem Vergleich überhaupt keine Rede sein kann. Wenn dieses Leben auch noch so schwer ist, so lebt der Mensch doch nach seinem eigenen freien Willen. Daher kommt es, daß in Rußland jeder Gefangene, wo er auch sein mag, im Frühling, sobald die ersten Lerchen erscheinen und die Tage wärmer werden, unruhig wird. Wenn auch längst nicht jeder von ihnen zu entfliehen beabsichtigt – ja man kann wohl sagen, daß infolge der vielen Schwierigkeiten und Gefahren nur einer vom Hundert sich dazu entschließt – so werden die neunundneunzig andern doch wenigstens davon träumen, wie und wohin man wohl entfliehen könnte, und sie trösten sich mit dem Wunsch, mit der bloßen Vorstellung der Möglichkeit. Manch einer erinnert sich vielleicht auch nur einer früher von ihm ausgeführten Flucht ... Ich rede jetzt nur von den bereits Verurteilten; die noch unter Anklage Stehenden entschließen sich viel eher, zu entfliehen, – die auf bestimmte Zeit Verurteilten dagegen höchstens zu Anfang ihrer Strafzeit. Denn hat der Arrestant schon zwei bis drei Jahre abgedient, so beschließt er bei sich, doch lieber die Strafzeit „gesetzlich abzuleben“ und zu den Ansiedlern geschickt zu werden, als daß er sich zu einem solchen Wagnis entschließt; er weiß, daß es ihm, wenn die Flucht mißlingt, bitter schlecht ergeht. Und das Mißlingen ist so leicht möglich. Höchstens einem von zehn gelingt es tatsächlich, „sein Schicksal zu wechseln“. Auch von den zu festgesetzter Strafzeit Verurteilten entschließen sich am ehesten diejenigen dazu, denen eine gar zu lange Strafzeit bevorsteht. Fünfzehn bis zwanzig Jahre erscheinen als Ewigkeit und daher ist der Betreffende immer geneigt, an eine Veränderung seines Geschickes zu denken, selbst wenn er auch schon zehn Jahre in der Kátorga gewesen ist und ihm nur noch die kleinere Hälfte bevorsteht. Hinzu kommt, daß auch die Brandmäler die Flucht teilweise noch aussichtsloser machen. Der technische Ausdruck für Flucht ist: „sein Schicksal wechseln“. So antwortet auch der auf der Flucht wieder eingefangene Sträfling, – daß er nur sein Schicksal habe wechseln wollen. Dieser etwas literarische Ausdruck ist tatsächlich die stehende Bezeichnung dafür. Jeder Flüchtling hat nicht so sehr im Auge, sich vollständig zu befreien – er weiß sehr wohl, daß das nicht so leicht ist –, als eben nur eine Veränderung seines Lebens herbeizuführen, gleichviel, ob er in ein anderes Gefängnis kommt, oder zu den Kolonisten, oder ob er wegen eines neuen Verbrechens – das er während des Vagabundierens begangen hat – von neuem verurteilt wird. Mit einem Wort: gleichviel wohin, nur fort aus dem Alten, Überdrüssigen, nur fort aus _diesem_ Ostrogg.
Alle diese Flüchtlinge erscheinen, wenn sie im Laufe des Sommers nicht irgend einen geeigneten Aufenthaltsort zum Überwintern finden – wenn sie zum Beispiel nicht auf Jemanden stoßen, der einen Vorteil darin findet, sie zu beherbergen, oder schließlich, wenn sie sich keinen Paß verschaffen können, was nicht selten durch Mord geschieht – alle diese Entlaufenen erscheinen dann im Herbst, wenn sie nicht schon früher eingefangen sind, gewöhnlich in ganzen Scharen als Landstreicher in den Städten oder Festungen und Gefängnissen und kommen zum Überwintern in den Ostrogg, selbstverständlich in der Hoffnung, im Frühling wieder entfliehen zu können.
Der Frühling hatte auch auf mich seinen Einfluß. Ich weiß noch, wie sehnsüchtig ich durch die Spalten des Palissadenzaunes spähte und lange Zeit so stand, die Stirn an einen Pfahl gepreßt, und unverwandt, unersättlich auf unseren Festungswall schaute, wie dort das Gras grünte und wie der weite, weite Himmel mit jedem Tage ein tieferes Blau zeigte. Unruhe und Sehnen wuchs mit jedem neuen Tage in meiner Brust und der Ostrogg wurde mir immer verhaßter. Die Feindseligkeit der anderen, die ich als Adliger in diesen ersten Jahren ununterbrochen fühlen mußte, wurde mir unerträglich, sie vergiftete geradezu mein Leben. In diesen ersten Jahren ging ich oft, ohne krank zu sein, ins Lazarett, nur um nicht im Ostrogg zu bleiben, nur um mich von dieser ewigen, durch nichts aufzuhebenden allgemeinen Feindschaft zu erlösen. „Ihr Geier, ihr habt uns totgehackt,“ sagten die Arrestanten zu uns. Wie beneidete ich oftmals die Verbrecher aus dem Volke, die in den Ostrogg kamen! Diese waren im Augenblick mit allen befreundet. Und darum machte mich der Frühling traurig und reizbar.
Kurz vor Ostern – ich glaube, es war in der sechsten Fastenwoche – nahm ich das Abendmahl. Zu Beginn der Fasten war der ganze Ostrogg vom älteren Unteroffizier in sieben Abteilungen geteilt worden, nach der Zahl der Fastenwochen. In jeder Abteilung waren etwa dreißig Menschen. Die sechste Woche, in der ich zum Abendmahl ging, gefiel mir sehr. Die ganze Abteilung war dann von der Arbeit befreit, und wir gingen täglich zwei- oder dreimal in die Kirche, die nicht sehr weit vom Ostrogg lag. Lange war ich nicht mehr in einer Kirche gewesen. Der feierliche Gottesdienst, der einem noch aus der fernen Kindheit im Elternhause so gut erinnerlich war, die ernsten Gebete, die Hinknieenden, – alles das rief in meiner Seele längst, längst Vergangenes wach, erinnerte mich an Eindrücke der Kinderjahre, und ich weiß noch, wie wir uns freuten, wenn wir unter Eskorte mit geladenem Gewehr am Morgen über den vom Nachtfrost hartgefrorenen Boden ins Gotteshaus gingen. Die Eskorte ging übrigens nicht mit in die Kirche. Wir standen dort zusammengedrängt dicht bei der Tür, auf dem letzten Platz, von wo aus man nur die tiefe Stimme des Diakons hörte und hin und wieder den schwarzen Talar und das Silberhaar des Geistlichen sah. Ich dachte daran, wie ich früher als Kind zuweilen auf das am Eingang der Kirche zusammengedrängte Volk geschaut hatte, das vor dicken Epauletten zur Seite trat, oder vor einem wohlgenährten Herrn oder einer aufgeputzten, doch sehr frommen Dame, die alle unbedingt zur ersten Reihe strebten und auch dort noch jeden Augenblick bereit waren, um einen besseren Platz zu streiten. Damals hatte es mir geschienen, daß dort am Eingang anders gebetet wurde, als bei uns: dort betete man so still und andächtig, mit so aufrichtiger innerer Demut.
Jetzt stand ich selbst auf diesem Platze, ja nicht einmal auf diesem! Wir waren gefesselt und gebrandmarkt, uns mieden alle, und man fürchtete uns sogar. Jedesmal gab man uns Almosen, und ich weiß noch, wie mir das sogar gewissermaßen angenehm war, es lag eine gewisse verfeinerte, ganz besondere Empfindung in diesem eigenartigen Freudegefühl. „Mag es nur, mag es denn sein, wenn es einmal so ist!“ dachte ich. Die Sträflinge beteten andächtig und ein jeder von ihnen brachte jedesmal seine armselige Kopeke mit, sei es für ein Licht oder sei es für die Sammelbüchse. „Auch ich bin doch ein Mensch,“ dachte oder fühlte er vielleicht, wenn er seine kleine Münze hineinwarf, – „vor Gott sind alle gleich ...“ Das Abendmahl nahmen wir nach dem Frühgottesdienst. Als der Geistliche mit dem Kelch in der Hand die Worte sprach: „... und nimm mich auf wie den sündigen Verbrecher,“ – da knieten alle mit einemmal nieder, während die Ketten aufklirrten, denn ein jeder schien die Worte buchstäblich auf sich zu beziehen.
Und dann kam die heilige Osterwoche. Wir erhielten jeder ein Ei und ein Stück Weizenbrot. Aus der Stadt wurden wieder reiche Gaben geschickt. Wieder kam der Geistliche mit dem Kreuz, wieder erschienen die höchsten Vorgesetzten, wieder gab es fette Kohlsuppe und nachher Schlemmerei und Trunkenheit, ganz genau so wie am Weihnachtsfeste, nur mit dem einen Unterschied, daß man jetzt bereits auf dem Hof spazieren und sich im Sonnenschein wärmen konnte. Es war heller, freier, als im Winter, gleichzeitig aber auch wehmütiger. Wenn die Sehnsucht nur nicht so gequält hätte! Der lange, endlose Sommertag wurde als Feiertag noch ganz besonders lang und unerträglich. An den Werktagen wurde die Zeit doch wenigstens durch die Arbeit verkürzt.
Die Sommerarbeiten waren allerdings viel schwerer als die Winterarbeiten. Wir waren größtenteils bei den Militärbauten beschäftigt. Die Sträflinge bauten, gruben, mauerten; andere wiederum erhielten die Schlosser-, Tischler- und Malerarbeiten zugewiesen, oder was sonst bei den Aufbesserungsarbeiten erforderlich war. Wieder andere gingen in die Ziegelbrennerei, um Ziegel zu formen. Diese letztere Arbeit wurde bei uns für die schwerste gehalten. Die Ziegelei lag von der Festung drei bis vier Werst entfernt. Im Sommer begab sich täglich ein Trupp von nahe fünfzig Mann schon um sechs Uhr morgens dorthin. Zu dieser Arbeit wurden die sogenannten „Schwarzarbeiter“ bestimmt, d. h. die Nichthandwerker, die nicht in den Werkstätten beschäftigt waren. Sie nahmen ihr Brot mit, da sie wegen der größeren Entfernung zum Mittagessen nicht in den Ostrogg zurückkehrten, was einen Marsch von acht Werst erforderte, und so erhielten sie ihr Mittagessen erst am Abend. Die Aufgaben aber wurden für den ganzen Tag gegeben, und zwar waren sie gewöhnlich so groß, daß der Arbeiter kaum mit ihnen fertig werden konnte, selbst wenn er ununterbrochen arbeitete. Zuerst mußte man den Lehm graben und aus der Grube herauskarren, dann mußte das Wasser herangeschleppt, der Lehm getreten werden, und dann hatte ein jeder, wenn ich nicht irre, noch ganze zweihundert oder gar zweihundertundfünfzig Ziegel zu formen. Ich bin im Ganzen nur zweimal in der Ziegelei gewesen. Die Ziegler kehrten erst am Abend zurück, müde, abgequält, und den ganzen Sommer warfen sie den anderen vor, daß sie die schwerste Arbeit hatten. Das schien noch ihr Trost zu sein und sie einigermaßen zu beruhigen. Nichtsdestoweniger gingen viele ganz gern dorthin: die Ziegelei lag hinter der Stadt, dicht am Irtysch, man konnte freie Landschaft sehen, Wälder und Menschen. Es war dort doch immerhin freundlicher, freier, – nicht ewig Festung und Beamte! Man konnte sogar freier rauchen und schließlich auch ein halbes Stündchen liegen und sich erholen. Ich aber wurde nach wie vor in die Werkstätten geschickt, oder zur Alabasterhütte, oder man brauchte mich als Ziegelträger bei den Bauten. Einmal mußten wir die Ziegel vom Ufer des Irtysch bis zu einer Kaserne, die neu aufgebaut wurde, etwa siebzig Faden weit und dann noch über den Festungswall schleppen, und diese Arbeit dauerte ununterbrochen zwei ganze Monate. Mir aber gefiel sie, obgleich die fingerdicke Schnur, mit der man die Steine trug, mir immer die Schultern wund rieb. Aber trotzdem gefiel sie mir, denn ich fühlte, wie meine Kräfte sich entwickelten. Zuerst konnte ich kaum acht Ziegel tragen, von denen jeder bis zwölf Pfund wog, zuguterletzt aber trug ich zwölf bis fünfzehn Ziegel, und das freute mich nicht wenig. In der Kátorga bedurfte man der physischen Kraft nicht weniger als der moralischen, um alle materiellen Unannehmlichkeiten dieses Lebens ertragen zu können.
Und ich wollte doch auch _nach_ dem Ostrogg noch leben ...
Übrigens schleppte ich die Ziegel nicht nur aus dem Grunde gern, weil ich dadurch meinen Körper stärkte, sondern auch noch deshalb, weil man dann an das Ufer des Irtysch kam. Ich komme so oft auf dieses Ufer zu sprechen, weil wir einzig von ihm aus die freie Welt Gottes sehen konnten, die reine, klare Ferne, die sauberen, freien Steppen, die durch ihre Öde einen eigentümlichen Eindruck auf mich machten. Am Flußufer brauchte man nur den Rücken zur Festung zu kehren, und man sah sie nicht mehr, man konnte sie gänzlich vergessen. Alle übrigen Arbeitsplätze lagen dagegen in der Festung oder in ihrer nächsten Nähe. Ich aber haßte diese Festung schon vom ersten Tage an und besonders einige Gebäude. Das Haus unseres Platzmajors schien mir geradezu verflucht und ekelhaft, und jedesmal überkam mich wilder Haß, wenn ich an ihm vorüberging. Am Flußufer aber konnte man die ganze Gegenwart vergessen: da bleibt man denn zuweilen stehen und schaut in die unermeßliche Weite, und Gefühle bewegen die Brust, wie sie nur ein Gefangener empfinden kann, der durch das vergitterte Fenster seiner Zelle in die Freiheit hinausschaut. Hier war mir alles teuer und lieb: die helle heiße Sonne am bodenlosen blauen Himmel, das ferne Lied eines Kirgisen, das vom kirgisischen Ufer herübertönt. Da sieht man dann wohl schärfer hin, bis man endlich ein kleines, verräuchertes Nomadenzelt entdeckt, aus dem ein dünner, kaum wahrnehmbarer Rauch emporsteigt, und neben ihm eine Kirgisin, die dort bei ihren zwei Schafen arbeitet. Alles ist arm und wild, aber es ist frei! Oder man erblickt einen Vogel in der blauen, klaren Luft und lange, lange folgt mein Blick seinem Fluge: da fliegt er niedrig über dem Wasser, da – ein paar stärkere Flügelschläge, und er schwingt sich empor, hoch in die Luft, bald sieht man ihn nur noch wie einen Punkt am blauen Himmel, bald verschwindet er ganz, dann ist er wieder wie ein Punkt im Blau ... Selbst die armselige, verkümmerte Feldblume, die ich an einem Frühlingstage in einem Spalt des steinigten Ufers fand, selbst die erregte in fast krankhafter Weise meine Aufmerksamkeit. Die Qual des ganzen ersten Jahres meiner Kátorga war unerträglich und wirkte aufreibend auf Geist und Körper, – sie war zu bitter. So kam es denn auch, daß ich in diesem ersten Jahr infolge der eigenen Schmerzen vieles nicht wahrnahm, was um mich herum war. Ich schloß die Augen und wollte mich nicht hineinsehen in die Dinge. Daher bemerkte ich auch unter den bösen, gehässigen Arbeitsgenossen nicht die guten Menschen, – Menschen, die sogar fähig waren, zu denken und zu fühlen, trotz der ganzen abstoßenden Schale, die ihr Inneres verbarg. Unter all den boshaften Bemerkungen überhörte ich ganz die freundlichen und guten Worte, die um so wertvoller waren, als hier ohne alle äußeren Rücksichten gesprochen wurde, und nicht selten direkt aus der Seele heraus, – aus einer Seele, die vielleicht viel mehr als ich gelitten und durchgemacht hatte. Doch wozu sich darüber so ausführlich verbreiten.
Es freute mich sehr, wenn die Arbeit mich recht müde machte: dann konnte ich hoffen, am Abend bald einzuschlafen. Das Schlafen war im Sommer eine wahre Qual, fast noch schlimmer, als im Winter. Die Abende waren zuweilen wundervoll. Die Sonne, die den ganzen Tag grell auf den Ostrogghof schien, ging dann endlich unter. Es kam die Abendkühle und bald darauf die – im Verhältnis zum Tage – fast kalte Steppennacht. Die Arrestanten gingen gewöhnlich, bevor sie eingeschlossen wurden, in großen Scharen auf dem Hof umher. Die meisten wurden allerdings von der Küche angezogen. Dort gibt es immer eine besondere, höchst aktuelle Ostroggfrage zu besprechen, da wird über dies und jenes diskutiert, nicht selten wird ein vages Gerücht kritisch auf seine Wahrheitsmöglichkeit hin untersucht, wenn es auch nicht selten die größte Ungereimtheit ist, doch nichtsdestoweniger erregt sie mächtig das Interesse dieser von der Welt abgeschiedenen Menschen. So zum Beispiel verbreitete sich einmal das Gerücht, daß unser Platzmajor abgesetzt werden würde. Die Sträflinge sind natürlich leichtgläubig wie Kinder. Sie wissen ja alle, daß die Nachricht völlig aus der Luft gegriffen, daß sie von einem bekannten Schwätzer und „unsinnigen“ Menschen verbreitet worden ist, – von dem Sträfling Kwassoff, dem nie mehr zu glauben man schon nach längst gefaßtem Beschluß sich vorgenommen hat, da er außer Lügen überhaupt nichts zu sprechen versteht. Doch ungeachtet aller guten Vorsätze, ist doch ein jeder ganz Ohr, man spricht hin und her, meint dieses und jenes, schmückt die Sache noch aus, – kurz, man ist damit beschäftigt, und es endet damit, daß alle sich über sich selbst ärgern, denn im Grunde schämt man sich, daß man dem Kwassoff doch wieder geglaubt hat.
„Wer wird denn den fortjagen!“ meint einer, „der hat einen festen Nacken, wird schon standhalten!“
„Als ob er nicht auch Vorgesetzte hat, die über ihm stehen!“ mischt sich ein anderer ein, ein hitziger und nicht dummer Bursche, der in der Welt schon etwas gesehen hat, dabei aber streitsüchtig ist, wie selten einer.
„Ein Rabe wird dem anderen nicht die Augen aushacken!“ bemerkt mürrisch, gleichsam nur für sich, ein dritter, ein älterer, bereits ergrauter Mann, der einsam in der Ecke seine Kohlsuppe löffelt.
„Und diese Vorgesetzten werden gerade kommen, um dich um Rat zu fragen, ob sie ihn absetzen sollen oder nicht?“ fragt gleichmütig ein vierter den zweiten, während er leicht mit den Fingerspitzen über die Saiten seiner Balalaika fährt.
„Und warum sollten sie mich denn nicht fragen?“ greift hitzig der zweite auf, „das heißt doch soviel, daß wir alle darum bitten, nur müssen dann auch alle das Maul auftun, wenn man uns zu fragen beginnt. Gewöhnlich wird aber bei uns nur vorher geschrien, und wenn es dann zur Tat kommt, dann hat keiner einen Ton!“
„Was erwartest du denn eigentlich?“ fragt der Balalaikaspieler. „Dafür sind wir hier in der Kátorga.“
„Vor kurzem aber,“ fährt der Streitsüchtige fort, ohne auf den anderen zu hören, „vor kurzem war noch beim Brotbacken etwas Mehl nachgeblieben, man kratzte noch alles zusammen, was hier und da verstreut war, und schickte es fort zum Verkauf. Aber nein! Er erfuhr es, der Markthelfer hatte es erfahren, ihm sofort hinterbracht, und das Mehl wurde weggenommen! Das ist nun Ökonomie, wie man sagt. Ist es aber auch Gerechtigkeit?“
„Aber bei wem willst du dich denn beklagen?“
„Bei wem? Beim Levisor selber, der da kommt!“ – Im Ostrogg sagte man allgemein Levisor statt Revisor.
„Was für einen Levisor?“
„Ja, das ist wahr, ich habe es auch gehört, daß ein Levisor kommt,“ bemerkte ein junger aufgeweckter Bursche, der einmal „die Herzogin von Lavallière“ oder so etwas Ähnliches gelesen hatte und früher Schreiber gewesen war. Er ist stets heiter und ein echter Spaßvogel, und wird vor allem wegen seiner Kenntnisse geachtet. Ohne das allgemein lebhaft erweckte Interesse für den verheißenen Revisor auch nur im Geringsten zu beachten, geht er seelenruhig zur Köchin, oder vielmehr zum Koch, und sagt ihm, er möge ihm ein Stück Leber geben. Unsere Köchinnen handelten oft mit solchen Sachen. Sie kauften für ihr Geld ein großes Stück Fleisch oder Leber, brieten es regelrecht und verkauften es dann den Sträflingen in kleinen Stücken.
„Für zwei oder vier Kopeken?“ fragt die Köchin.
„Schneid mal für vier: mögen einen die Leute beneiden,“ antwortet der junge Sträfling. „Ja, was ich sagen wollte ... es kommt nämlich wirklich ein General aus Petersburg hergefahren, der ganz Sibirien besichtigen wird. Das ist wahr. Man sprach davon beim Kommandeur in der Vorstube, habe selbst gehört.“
Die Nachricht verursachte ungeheuere Aufregung. Wohl eine Viertelstunde dauert das Fragen an: wer das, was für ein General, welchen Ranges, ob er über dem hiesigen stehe? Überhaupt sprechen die Sträflinge mit besonderer Vorliebe über die verschiedenen Rangstufen der Vorgesetzten: wer von ihnen der höhere ist, wer dem anderen befehlen kann, und wem er selbst gehorchen muß, ja sie streiten sogar und beschimpfen sich gegenseitig wegen irgend eines Generals, und viel fehlt nicht, so würden sie sich noch seinetwegen prügeln. Man fragt sich wohl verwundert, was sie davon haben? Nun, die Sache ist die, daß nach der Kenntnis von Generälen und überhaupt der höheren Vorgesetzten der Bildungs- und Verstandsgrad, sowie die ganze Bedeutung und Stellung des Menschen in seinem früheren Leben, bevor er in den Ostrogg kam, beurteilt wird. Tatsächlich werden im Ostrogg Gespräche über die höheren Vorgesetzten für die vornehmste und bedeutendste Unterhaltung angesehen.
„Da seht ihr jetzt, Brüder, daß ich euch die wahrste Wahrheit gesagt habe, daß man hergefahren kommt, um unseren Platzmajor zu wirbeln!“ triumphiert Kwassoff, ein kleines, rotwangiges, lebhaftes und äußerst unverständiges Kerlchen.
„Der wird ihn schon mit Schmiergeldern weich schmieren, da sei du unbesorgt!“ meint der mürrische alte Sträfling, der inzwischen seine Kohlsuppe verzehrt hat.
„Na, versteht sich!“ meint ein anderer. „Als ob der hier wenig Geld zusammengeräubert hätte! Als ich herkam, war er erst noch Bataillonschef. Und vor kurzem wollte er ja noch die Tochter des Popen heiraten.“
„Aber er hat sie doch nicht geheiratet: man hat ihn einfach vor die Tür gesetzt – zu arm. Und was ist er denn für ein Bräutigam! Zu Ostern hat er alles verspielt. Fedjka erzählte es selbst.“
„Ja, der Junge ist zwar kein Verschwender, aber das Geld wird doch nicht warm bei ihm.“
„Ach, Bruder, auch ich war mal verheiratet. Schlimm genug ist es für einen Armen, zu heiraten: eh du dich dessen versiehst, ist die Nacht vergangen!“ mischt sich nun auch Skuratoff ein, der bis dahin nur zugehört hat.
„Glaub’s schon! Von dir ist ja hier gerade die Rede,“ bemerkte der lustige Bursch, der früher Schreiber gewesen war. „Du aber, Kwassoff, bist ein großer Dummkopf, das laß dir gesagt sein. Glaubst du denn wirklich, daß unser Major einen solchen General bestechen könnte, und daß ein General extra deswegen herkommen wird, um unseren Major zu wirbeln? Dumm bist du, mein Lieber.“
„Wieso? Glaubst du, daß ein General nicht mehr nimmt?“ fragt skeptisch jemand aus der Gruppe.
„Selbstverständlich nimmt er nicht, wenn er aber nimmt, dann nimmt er nicht wenig.“
„Na natürlich nicht wenig! Immer dem Rang gemäß.“
„Ein General nimmt immer!“ behauptet Kwassoff entschieden.
„Hast du ihm denn schon einmal was gegeben?“ fragt verächtlich der soeben eingetretene Bakluschin. „Du hast wohl höchstwahrscheinlich einen General überhaupt noch nicht gesehen!“
„Doch! Gewiß habe ich gesehen!“
„Das lügst du natürlich.“
„Du lügst selber.“
„Kinder, wenn er einen gesehen hat, so soll er sofort sagen, welch einen General er gesehen hat! Nun, sag mal jetzt, denn ich kenne alle Generäle.“
„Ich habe den General Siebert gesehen,“ antwortet Kwassoff etwas unsicher.
„Siebert? Einen solchen General gibt es überhaupt nicht. Den hast du wohl nur einmal von hinten gesehen, diesen Siebert, als er vielleicht erst Oberstleutnant war, und da schien dir vor Schreck, daß es ein General wäre.“
„Nein, ihr, hört mich an,“ schreit Skuratoff dazwischen, „denn seht, ich bin doch ein verheirateter Mensch. Es gab nämlich wirklich solch einen General in Moskau, Siebert, einer von den Deutschen, aber von russischer Mutter. Der ging jedes Jahr zum russischen Popen, um seine Sünden bezüglich der Damen zu beichten, und immer, wißt ihr, trank er Wasser, ganz wie eine Ente. Jeden Herrgottstag vierzig Glas echtes Moskauer Flußwasser soff er aus. Man sagte, daß er sich durch Wasser von irgend einer Krankheit da kurierte. Sein Kammerdiener hat es mir selbst erzählt.“
„Der hat dann wohl im Magen Karauschen in Flußwasser gezüchtet?“ meint der Sträfling mit der Balalaika.
„Na, hört jetzt auf! Hier handelt es sich um eine ernste Sache, ihr aber ... Was ist denn das für ein Levisor, Brüder?“ fragt besorgt Martynoff, ein alter, stets sehr beschäftigter Arrestant, – ein ehemaliger Husar.
„Weiß Gott, die Bande kann mal was zusammenlügen!“ meint ein alter Skeptiker. „Und woher sie alles das nur nehmen, und was sie daraus herausdrehen! Daß sie das gar nicht müde macht! – dieser ewige Unsinn!“
„Nein, diesmal ist es kein Unsinn,“ sagt dogmatisch ein gewisser Kulikoff, der bis dahin geschwiegen hat. Er ist ein gewichtiger Mann von nahezu fünfzig Jahren, mit einem auffallend wohlgeformten Gesicht und einem gewissermaßen verächtlich erhabenen Auftreten, dessen er sich vollkommen bewußt und auf das er sogar stolz ist. Er hat zum Teil Zigeunerblut in den Adern, ist „Tierarzt“ und verdient sich als solcher in der Stadt gutes Geld. Im Ostrogg handelt er mit Branntwein. Er ist ein kluger Kopf und hat viel gesehen. Jedes Wort spricht er, als würde er damit etwas Großes verschenken.
„Es ist wirklich wahr,“ fährt er ruhig fort, „ich habe es schon in der vorigen Woche gehört: ein General kommt her, einer der höchsten, und wird ganz Sibirien besichtigen. Gewiß wird man auch ihn bestechen, nur wird es nicht unser Achtäugiger tun: der darf überhaupt nicht wagen, ihm viel unter die Augen zu kommen. Aber auch zwischen General und General ist ein Unterschied. Es gibt ihrer sehr verschiedene. Nur sage ich euch, daß unser Major jedenfalls auf seinem Platz bleiben wird. Das ist sicher. Wir sind ein stummgemachtes Volk und von den Vorgesetzten kann man annehmen, daß der eine nicht den anderen angeben wird. Der Revisor wird nur einen Blick in den Ostrogg werfen und später melden, daß alles sehr gut gewesen sei ...“
„Das kann schon wahr sein, Brüder, denn der Major scheint Angst gekriegt zu haben, ist seit dem Morgen besoffen.“
„Und am Abend kommt die zweite Fuhre. Fedjka sagte so vorhin.“
„Einen Mohr wirst du nicht weiß waschen. Ist es denn das erstemal, daß er besoffen ist?“
„Nein, aber ... was soll denn das heißen, wenn auch der General nichts kann!“ – „Nein, das müßte doch endlich aufhören, daß man ewig ihre Dummheiten mitmacht!“ hört man die Sträflinge erregt untereinander sprechen.
Die Nachricht von dem Revisor verbreitet sich mit Blitzesschnelle im ganzen Ostrogg. Der Hof wimmelt von Menschen, die erregt einander die Neuigkeit mitteilen. Andere wiederum schweigen absichtlich und bewahren ihre Kaltblütigkeit, wodurch sie sich augenscheinlich größere Würde zu verleihen glauben. Wieder andere verhalten sich völlig gleichgültig. Auf den Treppenstufen vor den Kasernentüren setzen sich die Balalaikaspieler hin. Einige fahren noch fort zu reden, einige stimmen Lieder an, doch alle sind sie an diesem Abend in äußerst angeregter Stimmung.
Um zehn Uhr fand gewöhnlich die Zählung statt, dann wurden wir in die Kasernen getrieben und für die Nacht eingeschlossen. Die Nächte waren kurz: um fünf Uhr wurden wir geweckt, schliefen aber nie vor elf ein. Bis dahin wurde immer noch gesprochen und geschwatzt und zuweilen wurde in einer Ecke ganz wie im Winter Karten gespielt. In der Nacht nun wurde die schwüle Hitze unerträglich. Trotz der halboffenen Fenster, durch die die Nachtkühle hereindrang, wälzten sich doch alle schlaflos auf den Pritschen, als hätten sie Fieber gehabt. Die Flöhe wimmelten in Myriaden. Wir hatten sie auch im Winter gehabt, und zwar in genügender Anzahl, seit dem Frühling aber vermehrten sie sich in einem Maße, wie ich es trotz aller Versicherungen nicht glauben würde, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Und je mehr der Sommer vorrückte, um so schlimmer wurde die Plage. Es ist wahr, man kann sich auch an Flöhe gewöhnen, das habe ich an mir selbst erfahren, aber es ist doch schwer, es soweit zu bringen. Sie können einen dermaßen peinigen, daß man schließlich wie im Fieber liegt und fühlt, daß man ja doch nicht schläft, sondern nur deliriert. Wenn dann endlich kurz vor Tagesanbruch die Flöhe sich etwas beruhigen und man in der Morgenkühle, wie man meint, tatsächlich einschläft – da ertönt dann plötzlich erbarmungslos der Trommelwirbel vom Tore her. Mit einem Fluch hört man, sich fester in seinen Halbpelz wickelnd, die deutlichen, fast einzelnen Schläge, ja man scheint sie förmlich zu zählen, während noch im Halbschlaf der unerträgliche Gedanke einem in den Sinn schleicht, daß es auch morgen und auch übermorgen, und noch viele Jahre so sein wird, bis endlich, endlich die Freiheit kommt. Aber wann wird das sein, denkt man unwillkürlich, wann kommt diese Freiheit und wo ist sie? ... Doch jetzt heißt es erwachen und aufstehen! Wieder beginnt das tägliche Gedränge, Waschen, Gehen ... Die Sträflinge kleiden sich an, eilen zur Arbeit. Schließlich tröstet man sich damit, daß man ja noch zur Mittagszeit etwas schlafen kann.
Was man von dem Revisor erzählt hatte, beruhte tatsächlich auf Wahrheit. Mit jedem Tage bestätigten sich die Gerüchte immer mehr, bis man schließlich mit Sicherheit erfuhr, daß ein „bedeutender“ General aus Petersburg abgefahren war, um ganz Sibirien zu inspizieren, und es hieß sogar, daß er bereits in Tobolsk angekommen sei. Täglich verbreiteten sich neue Gerüchte im Ostrogg. So hörten wir aus der Stadt, daß sämtliche Beamte von Furcht befallen und eifrig bemüht seien, alles in bestem Zustande zu präsentieren. Es hieß, daß man in den höheren Kreisen Vorbereitungen treffe zu Empfangsdiners, Bällen und Festen. Die Sträflinge wurden in Scharen ausgesandt, um die Wege in der Festung zu ebnen, Erdhaufen abzutragen, Zäune und Wegpfosten anzustreichen, hier und da schadhafte Stellen auszuflicken, – mit einem Wort, man wollte alles, was er besichtigen könnte, im Augenblick verbessern. Die Sträflinge begriffen sehr wohl, um was es sich handelte, und diskutierten immer eifriger und hitziger über das Bevorstehende. Ihre Phantasie wuchs ins Kolossale. Sie beschlossen sogar „Ansprüche zu erheben“, wie sie sagten, falls der General fragen sollte, ob sie mit allem zufrieden wären. Sie stritten beständig unter sich und schimpften sich gegenseitig wegen der zu erwartenden Dinge. Unser Platzmajor befand sich in großer Aufregung. Er kam öfter in den Ostrogg, schrie noch mehr, stürzte häufiger auf die Einzelnen los, versammelte die Sträflinge vor der Hauptwache und hielt jetzt streng auf Sauberkeit und Ordnung.
Wie mit Absicht sollte es im Ostrogg gerade in dieser Zeit zu einem kleinen Zwischenfall kommen, der aber den Major nicht, wie man meinen sollte, ärgerte, sondern im Gegenteil, er schien ihm sogar ein gewisses Vergnügen zu bereiten: Bei einer Prügelei stieß ein Sträfling dem anderen seinen Pfriem in die Brust, ein wenig unterhalb des Herzens.
Der Sträfling, der gestochen hatte, hieß Lomoff; der Gestochene wurde bei uns Gawrilka genannt und war ein eingefleischter Landstreicher. Ich weiß nicht, ob er überhaupt einen Familiennamen besaß.
Lomoff war früher ein wohlhabender t–scher Bauer im K–schen Kreise gewesen. Alle Lomoffs hatten zusammengelebt, wie eine einzige Familie: der alte Vater, seine drei Söhne und deren Onkel, gleichfalls ein Lomoff. Sie waren reiche Bauern gewesen; man hatte im ganzen Gouvernement davon gesprochen, daß sie an dreihunderttausend Rubel in Papieren besaßen. Sie hatten Ackerbau getrieben, Felle bearbeitet, gehandelt, doch die Haupteinnahme soll ihnen ihr Wuchergeschäft, ferner das Verstecken und Verhehlen von gestohlenem Eigentum eingetragen haben. Ungefähr die Hälfte der Bauern des ganzen Kreises schuldete ihnen und war von ihnen abhängig. Sie waren als kluge und schlaue Leute bekannt, schließlich aber wurden sie hochmütig, besonders nachdem eine daselbst sehr angesehene, hochgestellte Persönlichkeit auf der Reise bei ihnen abgestiegen, mit dem Alten persönlich bekannt geworden war und wegen seines Scharfsinns und seines Verständnisses für Alles Gefallen an ihm gefunden hatte. Da glaubten sie plötzlich, daß ihnen niemand mehr etwas anhaben könne und wagten immer mehr in ihren verschiedenen, gesetzwidrigen Unternehmungen. Alle murrten über sie und wünschten, daß sie von ihrer Höhe herabstürzten, sie aber trugen ihre Nasen immer noch höher. Kreisrichter und Assessoren wurden von ihnen bald überhaupt nicht mehr angesehen. Endlich aber kam es doch zum Sturz, doch nicht wegen ihrer heimlichen Gesetzwidrigkeiten, sondern wegen einer Sache, an der sie völlig unschuldig waren. Zehn Werst von ihrem Dorf besaßen sie einen großen Meierhof und dort lebten einmal im Herbst ihre sechs kirgisischen Arbeiter, denen sie noch den Lohn schuldeten. In einer Nacht nun waren alle sechs Kirgisen erdrosselt worden. Jetzt begann die Untersuchung, die sich lange hinzog, und im Verlauf derselben wurden noch viele schlimme Sachen aufgedeckt. Man klagte die Lomoffs der Ermordung ihrer sechs Arbeiter an. So erzählten es die Lomoffs selbst und der ganze Ostrogg wußte es schon. Es lag der Verdacht vor, daß sie ihren Arbeitern eine gar zu große Summe schuldig gewesen waren: und bei ihrem Geiz und ihrer Geldgier – zwei Dinge, die man ihnen trotz ihres großen Vermögens mit Recht vorwerfen konnte – hätten sie die Kirgisen beseitigt, um den Arbeitslohn zu sparen. Während ihrer Untersuchungshaft verloren sie ihr ganzes Vermögen. Der Alte starb, die Söhne wurden verschickt. Der eine Sohn und der Onkel waren auf zwölf Jahre in unseren Ostrogg gekommen. Was aber stellte sich schließlich heraus? Sie waren am Tode der Kirgisen vollkommen unschuldig. Hier bei uns nämlich gab es einen Gawrilka, einen bekannten Spitzbuben und Landstreicher – er war ein gewandter, lustiger Bursch –, der ruhig seine Täterschaft eingestand. Übrigens weiß ich nicht, ob er es wirklich selbst einmal zugegeben, jedenfalls aber war der ganze Ostrogg fest überzeugt, daß er die Kirgisen auf dem Gewissen hatte. Gawrilka war bereits als Landstreicher auf die Lomoffs nicht gut zu sprechen gewesen, und später war er nur auf kurze Zeit in den Ostrogg gekommen, als entlaufener Soldat und Vagabund. Die sechs Kirgisen hatte er in Gemeinschaft mit drei anderen Landstreichern umgebracht. Sie hatten gehofft, auf dem Meierhof gut leben und viel rauben zu können.
Die Lomoffs wurden bei uns nicht geliebt; einen Grund hierfür vermag ich nicht anzugeben. Der eine von ihnen war ein kluger junger Bursche mit gutem Charakter, sein Onkel aber, der den Gawrilka mit dem Pfriem gestochen hatte, war ein dummer und einfältiger Bauer. Er hatte schon oft mit anderen Streit gehabt und man hatte ihn auch genug dafür geprügelt. Gawrilka dagegen hatten alle wegen seines heiteren und ausgeglichenen Charakters gern. Zwar wußten die Lomoffs, daß sie für sein Verbrechen verurteilt waren, lebten aber trotzdem in Frieden mit ihm. Freilich kamen sie nicht viel in Berührung miteinander. Gawrilka aber beachtete sie gar nicht. Und da war es nun plötzlich zwischen ihm und dem Onkel Lomoff wegen eines äußerst widerlichen Mädchens zu einem Streit gekommen. Gawrilka hatte sich mit ihrer Gunst gebrüstet, der Alte war eifersüchtig geworden und an einem wunderschönen Tage um die Mittagszeit stach er ihn mit dem Pfriem.
Obschon die Lomoffs während des Prozesses ihr Vermögen verloren hatten, lebten sie im Ostrogg doch als reiche Leute. Sie hatten offenbar Geld, besaßen einen Ssamowar, tranken Tee. Unser Major wußte, daß sie Mittel hatten, und haßte sie über alle Maßen. Es fiel allen auf, daß er ihnen bei jeder Gelegenheit etwas anzuhaken suchte und sie gern auf einem Vergehen ertappt hätte, was die Lomoffs damit erklärten, daß er von ihnen Geld zur Beschwichtigung erwarte, sie aber ihm nichts gaben.
Hätte Lomoff den Pfriem tief hineingestoßen, so wäre Gawrilka gestorben, so aber hatte er ihn nur leicht verletzt, es war nur eine kleine Schramme zu sehen. Der Major wurde benachrichtigt. Ich entsinne mich noch, wie erregt und sichtlich erfreut er angefahren kam. Er wandte sich ungemein freundlich an Gawrilka, fast als wäre dieser sein leiblicher Sohn gewesen.
„Nun, mein Lieber, kannst du dich noch zu Fuß ins Lazarett begeben, oder geht’s nicht? Nein, nein, wir wollen lieber das Pferd anspannen lassen. – Sofort das Pferd anspannen!“ schrie er voll Eifer dem Unteroffizier zu.
„Aber ich, Euer Gnaden, ich fühle ja nichts. Er hat ja nur ein wenig gekratzt, Euer Gnaden.“
„Das weißt du nicht, das kannst du selbst nicht beurteilen, mein Lieber, du wirst schon sehen ... Es ist eine sehr gefährliche Stelle, und alles hängt von der Stelle ab ... Gerade in das Herz hat er gestochen, der Räuber! Dich aber, dich,“ brüllte er plötzlich wild den alten Lomoff an, „dich habe ich jetzt endlich! ... Auf die Wache mit ihm!“
Und er rächte sich tatsächlich! Lomoff wurde, obgleich die Verletzung nur eine ganz ungefährliche Stichwunde war, auf Grund der „bösen Absicht“ zu längerer Zwangsarbeit und zu tausend Spießruten verurteilt. Dem Major war das Urteil eine große Genugtuung.
Endlich traf der Revisor ein.
Am zweiten Tage nach seiner Ankunft in der Stadt – es war gerade ein Feiertag – kam er auch zu uns in den Ostrogg. Schon mehrere Tage vorher war bei uns alles reingewaschen und reingefegt worden, alle Sträflinge waren frisch rasiert, alle staken in weißen, reinen Anzügen. Im Sommer gingen vorschriftsmäßig alle in Leinwandjacken und ebensolchen Beinkleidern. Auf dem Rücken eines jeden war ein schwarzer Kreis von ungefähr zehn Zentimeter im Durchmesser eingenäht. Eine ganze Stunde wurden die Sträflinge unterrichtet, wie sie zu antworten hatten, falls der hohe Gast sie anreden sollte. Das Beigebrachte wurde solange wiederholt, bis alle die Antwort auswendig kannten. Der Major war wie besessen vor Aufregung. Eine Stunde vor dem Erscheinen des Generals standen sämtliche Sträflinge wie Götzenbilder in einer Front und hielten stramm die Hände an den Hosennähten. Endlich, um ein Uhr mittags, erschien der General. Er war ein großes Tier und in Petersburg so einflußreich, daß die Herzen aller Vorgesetzten in ganz West-Sibirien bei seiner Ankunft erzittern mußten. Er trat mit strenger, ernster Miene ein. Ihm folgte eine zahlreiche Suite, die zum größten Teil aus den höheren Persönlichkeiten der Stadt, sowie mehreren Obersten und Generälen bestand. Unter ihnen fiel besonders ein Herr in eleganter Zivilkleidung auf, eine vorzügliche Erscheinung im Frack und in Halbstiefeln, der gleichfalls aus Petersburg gekommen war und ein ungewöhnlich sicheres, weltmännisches Auftreten hatte. Der General wandte sich sehr oft und sehr höflich an ihn, was die Sträflinge ganz besonders interessierte: ein Herr, der nicht Militär war, und dem wurde solche Ehre erwiesen und noch dazu von einem solchen General! Späterhin erfuhren sie auch seinen Familiennamen und wer er war, doch wurden vorher unendlich viele Mutmaßungen über ihn geäußert. Unser Major, der eingeschnürt, in orangegelbem Uniformkragen, mit roten Augen und himbeerfarbenem, finnigem Gesicht wie ein Pfosten dastand, schien auf den General keinen besonders angenehmen Eindruck zu machen. Aus besonderer Ehrerbietung vor dem hohen Besuch trug er keine Brille. Er stand etwas abseits, stand wie auf Draht gezogen, und schien mit seiner ganzen Seele fieberhaft nur den einen Augenblick zu erwarten, in dem er sich nützlich machen könnte, um dann den Wunsch Seiner Exzellenz in einer Sekunde zu erfüllen. Leider aber kam man ohne ihn aus. Schweigend schritt der General durch die Kasernen, warf auch einen Blick in die Küche, und kostete sogar, wenn ich nicht irre, die Kohlsuppe. Da machte man ihn auf mich aufmerksam: so und so, ein ehemaliger Adliger.
„Ah! Und wie führt er sich jetzt?“ erkundigte sich der General.
„Bisher befriedigend, Ew. Exzellenz,“ war die Antwort.
Der General nickte mit dem Kopfe, und nach zwei Minuten verließ er den Ostrogg. Die Sträflinge waren natürlich völlig geblendet und verblüfft, gleichzeitig aber doch auch nicht wenig enttäuscht: von einem „Ansprüche zu erheben“, wie sie sagten, konnte selbstverständlich nicht die Rede sein, was der Major auch schon im voraus gewußt zu haben schien.