VII.
Der Streik
Vor dem Beginn dieses Kapitels hält es der Herausgeber der Aufzeichnungen des verstorbenen Alexander Petrowitsch Goräntschikoff für seine Pflicht, den Lesern folgende Mitteilung zu machen.
Im ersten Kapitel der „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“ ist unter anderem auch von einem Vatermörder, einem der vier russischen Adligen, die Rede. Der Verfasser stellt ihn als Beispiel dafür hin, mit welchem Gleichmut die Sträflinge zuweilen von ihren Mordtaten erzählen konnten. Es heißt dort ferner, daß dieser Vatermörder seine Schuld nicht gestanden habe, daß aber nach den Erzählungen einiger Sträflinge aus seiner Stadt, die alle Einzelheiten des Falles kannten, die Tatsachen dermaßen überzeugend gewesen waren, daß man unmöglich an seiner Täterschaft habe zweifeln können. Dieselben Leute hatten dem Verfasser der „Aufzeichnungen“ erzählt, daß der Mörder ein zügelloses Leben geführt, Schulden gemacht und seinen Vater nur um der Erbschaft willen ermordet habe. Übrigens erzählte die ganze Stadt, in der er früher gelebt hatte, die Geschichte seines Verbrechens durchaus übereinstimmend, wovon der Verfasser aus zuverlässiger Quelle unterrichtet ist. In jenem Kapitel der Aufzeichnungen ist noch gesagt, daß der Mörder im Ostrogg sich beständig in der besten und heitersten Gemütsstimmung befunden habe: daß er ein unvernünftiger, leichtsinniger, verdrehter, aber durchaus kein dummer Mensch gewesen sei, und daß der Verfasser niemals eine besondere Grausamkeit an ihm habe wahrnehmen können. Zum Schluß jedoch sind noch die Worte hinzugefügt: „Zuerst glaubte ich es nämlich nicht, daß er ihn ermordet habe.“
Nun hat der Herausgeber dieser „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“ vor kurzem die Nachricht aus Sibirien erhalten, daß der junge Sträfling tatsächlich unschuldig gewesen sei und zehn Jahre umsonst in der Kátorga verbracht habe; seine Schuldlosigkeit soll vom Gericht offiziell anerkannt worden sein, da man die wahren Schuldigen entdeckt habe und sie ein volles Geständnis abgelegt hätten. Jedenfalls ist der Unglückliche aus dem Ostrogg bereits entlassen. Der Herausgeber vermag an der Richtigkeit dieser Nachricht nicht zu zweifeln ...
Es dürfte wohl weiter nichts hinzuzufügen sein. Was könnte man auch über die ganze Tiefe der Tragik dieses unter so grauenvoller Anklage vernichteten jungen Lebens sagen ... Es liegt ja alles auf der Hand und spricht laut genug für sich selbst.
Auch glauben wir, daß, wenn eine solche Tatsache möglich gewesen ist, diese Möglichkeit allein schon einen neuen und deutlich hervortretenden Pinselstrich zur Vollendung und Charakteristik des Bildes vom Totenhause darstellt.
Fahren wir jetzt fort.
* * * * *
Wie ich schon gesagt habe, lebte ich mich endlich ein im Ostrogg. Aber dieses „endlich“ vollzog sich doch nur mühsam und qualvoll, und gar zu langsam. Genau genommen brauchte ich fast ein ganzes Jahr dazu, und das war die schwerste Zeit meines Lebens. Deswegen hat sie sich mir auch so deutlich eingeprägt. Ich glaube sogar, daß ich mich jeder Stunde dieses Jahres in der richtigen Reihenfolge erinnern kann. Auch viele andere Sträflinge konnten sich an dieses Leben nicht gewöhnen. Ich weiß noch, wie oft ich mich in der ersten Zeit fragte: „Wie mag es in ihnen wohl aussehen? Sollten sie wirklich ruhig sein?“ Und diese Fragen beschäftigten mich fortwährend. Ich begriff, daß sie alle sich hier nicht zu Hause fühlten, sondern wie etwa auf einem Posthof, wie in einem Biwak, oder auf einer Etappe. Selbst die zu lebenslänglicher Zwangsarbeit Verurteilten, selbst die fühlten sich hier wie auf der Durchreise und sehnten sich fort, und sicherlich träumte ein jeder von ihnen von etwas für ihn fast Unmöglichem. Diese beständige Unruhe, die sich, wenn auch stumm, so doch sichtbar äußerte, diese seltsame Heftigkeit und Ungeduld, die manchmal ganz unwillkürlich geäußerten Hoffnungen, die mitunter so unbegründet waren, daß sie fast einem Produkt der Fieberphantasie glichen, und – was am auffälligsten war – nicht selten bei den anscheinend praktischsten Charakteren zutage traten, – alles das verlieh diesem Ort ein so ungewöhnliches Aussehen, ein so seltsames Gepräge, daß vielleicht gerade dieser Zug seine charakteristischste Eigenheit darstellte. Man fühlte es eben schon auf den ersten Blick, daß es außerhalb des Ostrogg etwas Ähnliches nicht gab. Hier waren alle Phantasten, und das fiel einem sofort auf: Phantasten bis zur Krankhaftigkeit – das fühlte man und gerade diese Verschwärmtheit gab dem Ostrogg ein düsteres, mürrisches Aussehen, so ein ungesundes Aussehen. Die übergroße Mehrzahl war schweigsam, bösartig bis zu einem fast auf alles sich erstreckenden Haß, und liebte es nicht, ihre Hoffnungen zur Schau zu tragen. Einfachheit und Offenherzigkeit wurden verachtet. Je aussichtsloser die Hoffnungen waren, und je mehr der betreffende selbst diese Aussichtslosigkeit fühlte, um so hartnäckiger und verschämter verbarg er sie in seinem Innersten, sich lossagen aber von ihnen und auf sie verzichten, das vermochte er doch nicht. Wer weiß, vielleicht schämte sich innerlich so mancher seiner Träume. Im russischen Charakter liegt soviel Positivität und Nüchternheit des Blicks, soviel innerer Spott, in erster Linie über sich selbst ... Vielleicht nun war gerade diese beständige, verborgene Unzufriedenheit mit sich selbst die Ursache der gereizten Unduldsamkeit dieser Menschen in ihrer täglichen Berührung miteinander, dieser Unversöhnlichkeit und dieser Spottlust in ihrem Verkehr untereinander. Und wenn zum Beispiel einer von den Naiveren und Unbeherrschteren aus ihrer eigenen Mitte einmal etwas laut aussprach, was sie heimlich alle dachten, wenn er seine Hoffnungen und Gedanken ausmalte, so wurde er sofort grob zurechtgewiesen und verspottet. Mich däucht aber, daß die heftigsten Verfolger in solchen Fällen stets diejenigen waren, die in ihren eigenen Träumen und Hoffnungen vielleicht noch viel weiter gingen. Auf die Naiven und Offenherzigen sah man bei uns allgemein wie auf die flachsten Dummköpfe herab und behandelte sie geringschätzig. Ein jeder war dermaßen mürrisch, eigenliebig und ehrgeizig, daß er einen gutmütigen Menschen, der keinen Ehrgeiz besaß, einfach verachtete.
Außer diesen naiven und etwas einfältigen Schwätzern teilten sich die anderen, d. h. die Schweigsamen, in Gute und Böse oder in Finstere und Heitere. Der Finsteren und Bösen gab es natürlich unvergleichlich mehr, und wenn sich unter ihnen auch einige befanden, die von Natur Schwätzer waren, so waren sie dann ausnahmslos ruhelose Klatschbasen und gehässige Neider. Sie hatten sich in alle fremden Angelegenheiten zu mischen, von ihren eigenen Geheimnissen dagegen verrieten sie den anderen nichts. Das war eben nicht Mode, nicht „angenommen“. Die Guten – nur eine kleine Schar – waren still, hegten stumm ihre Hoffnungen und waren natürlich weit mehr als die Finsteren zum Glauben an die Erfüllung ihrer Wünsche geneigt. Übrigens fällt es mir soeben ein, daß es im Ostrogg noch eine Abteilung von völlig Verzweifelten gab. Zu denen gehörte auch der Alte aus dem Dorf Starodubowo, doch gab es solcher im ganzen nur sehr wenige. Äußerlich war der Alte anscheinend ruhig – ich habe schon von ihm gesprochen –, doch glaube ich, nach einigen Anzeichen, daß sein Seelenzustand furchtbar war. Aber er hatte schließlich doch seine Rettung gefunden: das war das Gebet und der Glaube an sein Märtyrertum. Der andere alte Sträfling, von dem ich gleichfalls schon gesprochen habe, der über dem Bibellesen wahnsinnig geworden war und sich mit einem Ziegelstein auf den Major gestürzt hatte, gehörte wahrscheinlich gleichfalls zu den Verzweifelten, zu denen, die die letzte Hoffnung verlassen hatte – und da man ganz ohne Hoffnung nicht leben kann, so hatte er sich als Rettung ein freiwilliges, fast künstliches Märtyrertum erdacht. Nach seiner Erklärung habe er sich ohne jeglichen Groll oder Haß auf den Major gestürzt, einzig in dem Wunsch, Qualen zu erdulden. Wer kann es wissen, welch ein psychologischer Vorgang sich in seiner Seele vollzogen hatte! Ohne ein bestimmtes Ziel, ohne nach diesem Ziel ständig zu streben, lebt kein einziger „lebendiger“ Mensch. Verliert der Mensch Ziel und Hoffnung, so verwandelt er sich nicht selten vor lauter Langeweile in ein Ungeheuer ... Bei uns war das Ziel aller aber: die Freiheit und die Entlassung aus der Kátorga.
Da bemühe ich mich nun, die ganze Einwohnerschaft unseres Ostrogg in verschiedene Klassen einzuteilen, doch ist denn das überhaupt möglich? Die Wirklichkeit ist so unendlich verschiedenartig, im Vergleich mit allen, selbst den raffiniertesten Ergebnissen des abstrakten Denkens, und duldet keine verallgemeinernden und scharf begrenzenden Unterschiede. Die Wirklichkeit strebt zur Auflösung in Einern. Auch bei uns war das Leben ein besonderes, gleichviel welch eines, aber es war doch eines für sich, und nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ein besonderes Leben.
In der ersten Zeit meines Ostrogglebens war es mir ganz unmöglich, und ich hätte es auch gar nicht verstanden, die ganze innere Tiefe dieses Lebens zu erfassen, und so quälten mich alle seine äußeren Erscheinungen mit unsäglicher Last. Zuweilen begann ich, diese Menschen, die doch nicht weniger litten, als ich, förmlich zu hassen. Ich beneidete sie sogar, und zwar beneidete ich sie deshalb, weil sie doch immerhin unter ihresgleichen waren, sich gegenseitig verstanden, und in ihrer Sträflingsgenossenschaft lebten, obwohl im Grunde diese Genossenschaft unter Stock und Spießrute, dieses gewaltsame Zusammenleben mich nicht mehr als alle anderen anekelte. Genau genommen sah ein jeder vom anderen fort, irgendwohin zur Seite. Ich sage nochmals, daß dieser Neid, der mich in trüben Augenblicken erfaßte, seinen guten Grund hatte. Man sagt allerdings, daß der Adlige, der Gebildete, es in unseren Gefängnissen ebenso schwer habe, wie jeder einfache Bauer, nur ist das leider durchaus nicht der Fall. Ich habe diese Behauptung oder Annahme oft genug gehört und in letzter Zeit sogar gelesen. Der Grundgedanke ist ja schließlich richtig und human: alle sind Menschen. Nur ist diese Auffassung gar zu theoretisch. Hier sind viele praktischen Bedingungen aus dem Auge gelassen, deren Bedeutung man nur in der Wirklichkeit ermessen kann. Ich sage es nicht deshalb, weil der Adlige und Gebildete, wie man annimmt, empfindlicher, zartfühlender und entwickelter ist. Die Seele und ihre Empfindsamkeit läßt sich nicht in Klassen einteilen oder auf ein gleichmäßiges Niveau bringen. Selbst die sogenannte Bildung ist in diesem Fall kein Maßstab. Ich bin als erster zu bezeugen bereit, daß ich in der allerungebildetsten und niedergedrücktesten Umgebung, gerade unter diesen Leidenden, Züge von zartester seelischer Entwicklung wahrgenommen habe. Im Ostrogg kannte man einen Menschen bisweilen jahrelang und glaubte von ihm, er sei ein Tier und kein Mensch, und man verachtete ihn. Und plötzlich kommt dann ein zufälliger Augenblick, in dem sein Inneres in ungewolltem Ausbruch sich aufdeckt – und dann sieht man in ihm einen solchen Reichtum, soviel Gefühl und Herz, ein so scharfes Verständnis und ein so persönliches Leiden, daß man erst jetzt sehend zu werden meint, nachdem man im ersten Augenblick seinen eigenen Ohren und Augen nicht getraut hat. Und andererseits, wie oft findet man das Umgekehrte: da sieht man Bildung mit unendlich niedriger Gesinnung vereint, mit einem Zynismus, daß es einem übel wird, und wie nahe dieser Mensch einem auch stehen mag, man findet dafür doch keine Entschuldigung, doch keine Rechtfertigung im Herzen.
Ich will nicht einmal auf den Unterschied der Lebensbedürfnisse eingehen, auf die Lebensweise überhaupt, die Nahrung u. s. w., einen Unterschied, der für den Menschen aus der oberen Gesellschaftsschicht natürlich größer und folglich schwerer zu verwinden ist, als für den einfachen Landbauer oder Leibeigenen, der nicht selten in der Freiheit gehungert hat, im Ostrogg dagegen sich täglich sattessen kann. Ich will zugeben, daß einem Menschen mit nur etwas stärkerem Willen alles das nichts ausmacht im Vergleich mit anderen Unannehmlichkeiten, obschon das Abgewöhnen der Lebensangewohnheiten durchaus keine so nebensächliche Kleinigkeit und längst nicht das Leichteste ist. Es gibt aber Dinge, vor denen alle diese äußeren Unannehmlichkeiten völlig in den Hintergrund treten und man weder den Schmutz ringsum, weder die Enge, noch die einförmige, unsaubere Kost beachtet. Selbst der größte Feinschmecker, das verzärteltste Muttersöhnchen wird, wenn er im Schweiße seines Angesichts gearbeitet hat, wie noch nie zuvor in der Freiheit, auch Schwarzbrot und seinen Kohl mit Schaben essen. An so etwas kann man sich noch gewöhnen, wie es ja auch im humoristischen Arrestantenliede von dem einmal reich gewesenen Herrn heißt, der in den Ostrogg geraten war:
„Gibt man mir auch nur Kraut mit heißem Wasser, So fresse ich doch alles auf mit Haut und Haar.“
Nein, wichtiger als alles andere ist, daß von den einfachen Leuten jeder Neuangekommene bereits nach den ersten zwei Stunden dasselbe wird, was alle anderen sind: ein mit allen Gleichberechtigter in der Ostrogggenossenschaft, der sich hier wie jeder andere „_bei sich zu Hause_“ fühlt. Er wird von allen verstanden und versteht selbst alle, er ist mit allen bekannt und alle halten ihn für den _Ihrigen_, der zu ihnen gehört. Ganz anders ist es dagegen mit dem _Adligen_, dem Gebildeten. Wie gerecht, gut und klug er auch sein mag, er wird dennoch jahrelang von allen anderen gehaßt und verachtet werden. Man versteht ihn nicht, und vor allen Dingen – man glaubt ihm nicht. Er ist weder Freund noch Kamerad, und wenn er es auch schließlich – nach Jahren – erreicht, daß man ihn nicht mehr beleidigt, so ist er ihnen doch nie ein Kamerad und wird ewig qualvoll seine Einsamkeit und Fremdheit empfinden. Diese Ausscheidung als Fremder geschieht von seiten der Arrestanten zuweilen ohne jedes böse Gefühl, völlig unbewußt. Du bist eben nicht einer von uns – und das ist alles. Es gibt nichts Schlimmeres, als nicht in der eigenen Gesellschaftsklasse leben zu können. Der Bauer oder der Tagelöhner, der von Taganrog nach der Hafenstadt Petropawlowsk geschickt wird, findet dort sogleich einen ebensolchen russischen Bauern oder Arbeiter, mit dem er sich schon nach zwei Stunden vorzüglich versteht, und in kürzester Zeit haben sie sich friedlich in derselben Strohhütte eingelebt. Nicht so der Vornehme. Ihn trennt die größte Kluft vom einfachen Volk, und das zeigt sich erst dann in seinem ganzen Umfange, sobald der Vornehme plötzlich selbst infolge äußerer Umstände seine früheren Vorrechte verliert und gleichfalls „einfaches Volk“ wird. Mag man auch sonst täglich mit dem Volk in Berührung gekommen sein, vierzig Jahre lang womöglich, – gleichviel ob im Dienst, amtlich, oder ganz einfach freundschaftlich, als Wohltäter, oder in gewissem Sinne Vater des Volkes – das Wesen dieses Unterschiedes wird man so nicht kennen lernen: es wird immer nur eine optische Täuschung sein und weiter nichts.
Ich weiß es sehr gut, daß alle, aber auch alle, die diese meine Behauptung lesen, sagen werden, ich übertreibe. Ich aber bin überzeugt, daß ich die Wahrheit sage, denn nicht aus Büchern und nicht spekulativ habe ich mich davon überzeugt, sondern in der Wirklichkeit, und ich habe mehr als genug Zeit gehabt, meine Beobachtungen auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen. Vielleicht wird manch einer in der Folge erfahren, wie richtig sie sind.
Die Ereignisse bestätigen außerdem noch meine Beobachtungen schon vom ersten Schritt an, was mich nicht wenig erregte und nachträglich krankhaft auf mich einwirkte. In dieser ersten Zeit schlenderte ich ganz allein auf dem Hof umher. Ich befand mich damals in einem solchen Zustande, daß ich nicht fähig war, selbst jene unter den übrigen wahrzunehmen, die mich in der Folge sogar lieb gewannen, wenn sie sich auch nie mit mir auf die gleiche Stufe stellten. Gewiß fand auch ich Kameraden unter den übrigen Adligen, aber diese Kameradschaft vermochte doch nicht, mich von dem quälenden Druck zu befreien.
Ich will hier einen von jenen Fällen angeben, die mir meine Fremdheit und die Eigentümlichkeit meiner Stellung im Ostrogg am deutlichsten zeigten.
Einst – es war im ersten Sommer, schon im August – in der ersten Nachmittagsstunde eines klaren, heißen Tages, als wir wie gewöhnlich vor der Nachmittagsarbeit ein wenig ruhten, erhob sich plötzlich die ganze Kátorga wie ein Mann und stellte sich auf dem Ostrogghof auf. Ich war bis dahin völlig ahnungslos gewesen. In dieser ganzen Zeit hatte ich mich dermaßen in mich selbst vertieft, daß ich kaum noch bemerkte, was um mich her vorging. Im Ostrogg indes hatte es schon seit drei Tagen dumpf gegärt. Vielleicht aber hatte diese Gärung schon viel früher begonnen, wie ich es mir später überlegte, als mir unwillkürlich wieder einiges aus den Gesprächen der Sträflinge einfiel, das ich nur mit halbem Ohr gehört und weiter nicht beachtet hatte. Desgleichen erinnerte ich mich, daß die Sträflinge in der letzten Zeit besonders mürrisch, finster und erbost gewesen waren. Ich schrieb es anfangs der schweren Arbeit, den langweiligen, endlosen Sommertagen, den unwillkürlichen Gedanken an Wälder und „Freiheit“ zu, und den kurzen Nächten, in denen man sich kaum ausschlafen konnte. Vielleicht hatte jetzt alles das zu einem Ausbruch geführt, doch der einzige Grund desselben, den die Sträflinge angaben, war – die Kost. Schon seit mehreren Tagen hatte man sich laut über das Essen beklagt, man war ungehalten gewesen, namentlich wenn man zum Mittag- und zum Abendessen in der Küche zusammenkam. Man war unzufrieden mit den Köchinnen, versuchte es sogar mit einer Veränderung des Küchenpersonals: man wählte einen neuen Koch, doch wurde dieser sogleich wieder „gewirbelt“ und der alte zurückgerufen. Kurz, alle Geister befanden sich in einer gewissen Unruhe.
„Die Arbeit ist zum Knochenbrechen und dabei werden wir nur mit Fell und Fett gefüttert,“ brummt jemand in der Küche.
„Wenn dir das nicht behagt, so bestell doch Kuchen für dich,“ bemerkt ein anderer, dem Kuchen das schönste zu sein scheint.
„Ach was, Kohl mit Schweinespeck liebe ich sehr, Brüder,“ meint ein dritter, „denn ... was ich sagen wollte – es schmeckt mir.“
„Aber wenn du dein Lebtag nichts als Schweinespeck zwischen die Zähne kriegst, wird es dir dann auch noch schmecken?“
„Es ist jetzt doch Fleischzeit,“ sagt ein vierter, „wir dort in der Ziegelei müssen uns quälen und plagen, nachher aber will man doch was essen! Was aber ist denn dieses Zeugs für ein Fraß!“
„Ist das überhaupt genießbar, frage ich euch! Hab ich nicht recht?“
„Ja, das Futter ist schlecht.“
„Und der Achtäugige stopft sich dabei natürlich die Taschen.“
„Das ist nicht deine Sache.“
„So–o? Mein Bauch ist doch wohl meine Sache, denke ich! ... Seht, wenn wir uns allesamt zusammentäten und unsere Forderung vorbrächten, dann wäre die Sache im Nu erledigt.“
„Forderung?“
„Jawohl!“
„Dann bist du wohl für solche Forderungen noch wenig gedroschen worden.“
„Es ist schon wahr,“ fügt brummig ein anderer hinzu, der bis dahin geschwiegen hat, „aber sag du uns mal zuerst, was du denn bei der Gelegenheit eigentlich sagen willst?“
„Ich werde schon sagen! Wenn alle mithalten würden, dann würde ich schon mit allen zusammen sagen! Einfach Hunger und nichts weiter! Bei uns hat der eine seine eigene Kost, ein anderer aber hat nichts als Staatsverpflegung.“
„Seht doch diesen Neidhammel! Dir scheint ja fremdes Gut merklich in die Augen zu stechen!“
„Laß dich nicht nach Fremdem gelüsten, steh früher auf und verschaffe dir Eigenes.“
„Verschaffe! Wo soll man sich denn was verschaffen, wo nichts zu verschaffen ist!“
„Nein, wirklich, Brüder, wozu sitzen wir hier? Sie haben uns doch lange genug geschunden, werden uns noch das Fell ganz und gar abziehen. Warum sollen wir nicht einmal auftreten?“
„Warum? Für dich muß man alles immer noch durchkauen, bevor man es dir in den Mund stopft, selbst durchzukauen scheinst du nicht zu können! Weil wir in der Kátorga sind – hast du nun kapiert?“
„Und der Achtäugige hat den Nutzen davon. Hat sich noch ein Paar Graue gekauft.“
„Und den Wein, den spart er auch gerade!“
„Vor kurzem hat er sich mit dem Veterinär beim Kartenspiel geprügelt. Haben die ganze Nacht gespielt. Fedjka erzählte.“
„Daher schmeckt auch der Kohl nicht mehr.“
„Ach, ihr Schafsköpfe! ... Daraus wird grade was!“
„Wir müssen eben alle Mann vortreten, sehen wir doch zu, was er dann zu seiner Rechtfertigung sagen wird. Wir müssen alle nur darauf bestehen!“
„Rechtfertigung! Noch was! Er wird dir nur dein Gebiß in die Gurgel schlagen und damit ist es für ihn erledigt.“
„Und dann kommt man doch vors Gericht ...“
Mit einem Wort, alle waren erregt. Wir hatten in der letzten Zeit allerdings sehr schlechtes Essen erhalten, und nun kam noch all das andere hinzu. Die Hauptveranlassung war aber entschieden die allgemeine wehmütige Stimmung und die beständige geheime Qual. Die Zwangsarbeiter sind schon ihrer Natur gemäß streitsüchtig und empörerisch, doch kommt es sehr selten vor, daß sie sich gemeinsam in größerer Anzahl oder gar alle Mann erheben. Der Grund ist ihre beständige Meinungsverschiedenheit. Das fühlt auch ein jeder von ihnen – und daher kam es, daß es bei uns in der Kátorga mehr Streit als Taten gab. Diesmal aber sollte die allgemeine Aufregung nicht im Sande verlaufen.
Es begann damit, daß man sich in Gruppen versammelte, in den Kasernen stritt, schimpfte, das ganze Sündenregister unseres Majors vortrug, und nichts vergaß, was ihn noch verhaßter machen könnte. Einige waren ganz besonders wütend. Bei allen ähnlichen Gelegenheiten treten stets Hetzer und Rädelsführer auf, die an sich, nicht nur im Ostrogg allein, sondern überall ein und dieselben sind. Sie sind ein ganz besonderer Typ, ein hitziger Menschenschlag, den es nach unbedingter Gerechtigkeit verlangt und der in der naivsten und ehrlichsten Weise von der bedingungslosen, unbeschränkten und vor allem sofortigen Erfüllung derselben überzeugt ist. Sie sind nicht dümmer als andere, es gibt sogar sehr Kluge unter ihnen, nur sind sie zu feurig, um schlau und berechnend zu sein. Gewiß gibt es auch bei derartigen Aufständen mitunter Führer, die die Masse geschickt zu lenken und die Sache zu gewinnen verstehen, doch bilden diese bereits einen anderen Typ. Der Volksführer, das ist der geborene Führer des Volkes – ein Typus, der bei uns ziemlich selten ist. Diese dagegen, von denen ich hier rede, diese Schürer und Rädelsführer der kleinen Aufstände, die verspielen fast stets ihre Sache und bevölkern dafür später die Gefängnisse. Sie verspielen durch ihre Hitzigkeit, doch haben sie gerade durch diese Hitzigkeit ihren Einfluß auf die Masse. Und schließlich – man folgt ihnen gern. Ihr Feuer und ihr ehrlicher Unwille wirken auf alle, und zu guterletzt schließen sich ihnen auch die Unentschlossensten an. Ihr blinder Glaube an das Gelingen verführt selbst die eingefleischtesten Skeptiker, obgleich dieser Glaube zuweilen so unbegründet, so kindisch naiv ist, daß man sich nur darüber wundern kann, wie die Menschen ihnen haben folgen können. Die Hauptsache ist aber, daß sie als Erste vorangehen, und ohne Furcht zu verspüren ... Sie stürmen wie die Stiere mit gesenkten Hörnern darauf los, oft sogar ohne Kenntnis der Sache, ohne Vorsicht, vor allem ohne jenen praktischen Jesuitismus, mittels dessen nicht selten der niedrigste und schmutzigste Mensch die Sache durchführt, das Ziel erreicht und trocken aus dem Wasser kommt. Sie jedoch stürzen geradeaus drauflos und brechen sich unfehlbar die Hörner. Im gewöhnlichen Leben sind sie gallige, launige, reizbare und unduldsame Leute. Am häufigsten sind es entsetzlich beschränkte Menschen, was übrigens zum Teil ihre Kraft ausmacht. Das ärgerlichste an ihnen ist jedoch, daß sie, anstatt geradeaus auf das Ziel loszusteuern, oft auf Nebenwege rennen, und anstatt die Hauptsache im Auge zu behalten, sich von Nebensachen ablenken lassen. Das ist es, woran sie scheitern. Aber sie sind der Masse verständlich und darin liegt ihre Kraft ... Übrigens muß ich noch kurz erklären, was ein solcher „Streik“ eigentlich ist.
* * * * *
In unserem Ostrogg gab es mehrere, die wegen eines solchen „Streiks“ verschickt worden waren. Sie nun ereiferten sich auch jetzt am meisten von allen. Namentlich einer von ihnen, ein gewisser Martynoff, der früher Husar gewesen war, ein hitziger, unruhiger und mißtrauischer Mensch, sonst aber sehr ehrlich und sehr wahrheitsliebend. Der andere war Wassilij Antonoff, ein gewissermaßen kaltblütig sich erregender Mensch mit dreistem Blick und hochmütigem, sarkastischem Lächeln, auffallend entwickelt und gleichfalls ehrlich und wahrheitsliebend. Doch, ich kann sie ja nicht alle aufzählen. Es gab ihrer eine ganze Menge. Petroff war überall, blieb bei jeder kleinen Gruppe stehen, hörte gespannt zu, sprach selbst wenig, war aber sichtlich erregt und als erster zur Stelle, als man sich auf dem Hof aufzustellen begann.
Unser Ostroggunteroffizier, der bei uns den Dienst eines Feldwebels hatte, erschien sofort und war nicht wenig erschrocken. Als die Leute sich alle in Reih und Glied aufgestellt hatten, baten sie ihn höflich, den Major zu benachrichtigen, daß die Kátorga ihn bezüglich einiger Punkte persönlich zu sprechen und um etwas zu bitten wünsche. Gleich nach dem älteren Unteroffizier erschienen auch alle Invaliden, die sich den Sträflingen gegenüber, auf der anderen Seite des Hofes, aufstellten. Der Auftrag, der dem Unteroffizier zuteil wurde, war allerdings unerhört, und entsetzte diesen geradezu. Doch die Meldung verweigern, das durfte er nicht. Erstens konnte, wenn die „ganze Kátorga“ sich erhoben hatte, weiß der Teufel was noch alles daraus entstehen. Alle unsere Vorgesetzten waren bezüglich der Kátorga vom ersten bis zum letzten auffallend ängstlich. Und zweitens, selbst, wenn sich alle sofort wieder besonnen hätten und bis auf den letzten auseinandergegangen wären, selbst dann hätte der Unteroffizier von dem Geschehenen den Vorgesetzten benachrichtigen müssen. Bleich und fast zitternd begab er sich sofort eilig zum Major, ohne auch nur einen Versuch gemacht zu haben, die Sträflinge vorher auszufragen oder sie zu ermahnen. Er sah vielleicht auch ein, daß man mit ihm jetzt überhaupt nicht geredet hätte.
Völlig ahnungslos war auch ich hinausgegangen und hatte mich gleichfalls in Reih und Glied gestellt. Alle Einzelheiten der Sache erfuhr ich erst später. In jenem Augenblick aber glaubte ich, daß es sich um nichts anderes als um eine Zählung handelte. Da ich aber keine Wachen sah, wunderte ich mich und blickte um mich. Alle Gesichter waren erregt und alle sahen gereizt aus. Einige waren sogar bleich, alle waren besorgt und schweigsam in der Erwartung dessen, was und wie man mit dem Major reden würde. Auch bemerkte ich, daß viele mich sehr verwundert ansahen, doch wandten sie sich schweigend wieder von mir ab. Es schien sie ersichtlich zu befremden, daß ich mich mit ihnen zusammen aufgestellt hatte. Offenbar glaubten sie nicht, daß ich gleichfalls, zusammen mit ihnen, „Streik machen“ wolle. Bald aber wandten sich alle fast gleichzeitig wieder nach mir um und blickten mich fragend an.
„Wozu bist du denn hier?“ fragte mich plötzlich grob und laut Wassilij Antonoff, der etwas weiter von mir stand und mich sonst immer höflich mit „Sie“ angeredet hatte.
Ich sah ihn verständnislos an, immer noch bemüht zu begreifen, was das alles zu bedeuten hatte; doch begann ich schon zu erraten, daß etwas Besonderes vor sich ging.
„Ja, was hast du denn hier zu stehen? Pack dich in die Kaserne,“ sagte ein junger Bursch der Militärabteilung, mit dem ich bis dahin noch nie gesprochen hatte, ein sonst stiller und guter Junge. „Das hier ist nicht deine Sache.“
„Aber es stellen sich doch alle auf,“ entgegnete ich, „ich glaubte, daß man eine Zählung vornehmen wolle.“
„Also der ist auch herausgekrochen!“ rief jemand.
„Ei seh, na seh!“ ein anderer.
„Fliegenknacker!“ sagte ein dritter mit unbeschreiblicher Verachtung. Diese neue Bezeichnung für uns Adlige rief allgemeines Lachen hervor.
„Den geht doch die Küche nichts an,“ meinte jemand.
„Die sind überall im Paradies. Hier ist Kátorga, sie aber stopfen sich mit Weißbrot und kaufen noch ihre Spanferkel dazu. Du futterst doch eigene Kost, was hast du hier zu suchen?“
„Es ist dies hier kein Platz für Sie in diesem Augenblick,“ sagte plötzlich Kulikoff, freundlich auf mich zutretend; er erfaßte meinen Arm und führte mich aus den Reihen.
Er selbst war bleich, seine dunklen Augen blitzten und er biß sich die Unterlippe. Augenscheinlich erwartete er nicht gerade kaltblütig den Major. Ich beobachtete Kulikoff gern in solchen Augenblicken, d. h. in allen Fällen, wo er sich zeigen mußte. Er war dabei entsetzlich eitel, aber er brachte doch immer etwas zustande. Ich glaube, selbst zu seiner Hinrichtung wäre er mit einem gewissen Chik, mit Eleganz gegangen. Jetzt, als mich alle mit „du“ anredeten und schimpften, verdoppelte er offenbar absichtlich seine Höflichkeit mir gegenüber, und gleichzeitig waren seine Worte von einer ganz besonderen Färbung, etwa überlegen-bestimmt; jedenfalls duldeten sie keinen Widerspruch.
„Wir sind hier in einer eigenen Angelegenheit, Alexander Petrowitsch, Sie aber sind hier diesmal überflüssig. Gehen Sie jetzt fort und warten Sie ab ... Sehen Sie, dort in der Küche sind die Ihrigen, gehen Sie dorthin.“
Durch das offene Fenster erblickte ich in der Küche tatsächlich unsere Polen. Aber außer ihnen schienen dort noch andere zu sein. Nicht wenig verwundert begab ich mich zur Küche. Lachen, Schimpfworte und Schnalzen – das im Ostrogg statt des Auspfeifens üblich war – tönte mir nach.
„Das paßt ihm nicht, glaub’s schon!“ ... „Seht mal, da geht er hin!“ ... „Putz Katz!“ ...
So hatte man sich bis dahin noch nie zu mir verhalten und daher war es mir in diesem Augenblick sehr schwer zumut. Im Flur vor der Küche traf ich T. Er war ein junger Adliger, ohne große Bildung, doch ein fester und großzügiger Charakter, – derselbe, der B. unterwegs auf dem Rücken getragen hatte und ihm rührend zugetan war. Er war der einzige von uns Adligen, mit dem die Sträflinge eine Ausnahme machten: sie hatten ihn aufrichtig gern, ja sie liebten ihn sogar. Er war kühn, männlich und stark, und das äußerte sich in jeder seiner Bewegungen.
„Was tun Sie, Goräntschikoff,“ rief er mir zu, „kommen Sie doch her!“
„Aber was ist denn dort los?“
„Sie wollen ihre Ansprüche geltend machen, sehen Sie denn das nicht? Natürlich werden sie damit nichts erreichen: wer wird denn Arrestanten Glauben schenken? Man wird die Anstifter suchen und wenn wir unter ihnen sind, selbstverständlich uns die ganze Schuld in die Schuhe schieben. Vergessen Sie nicht, wofür wir hierher gekommen sind. Die anderen würde man nur gelinde prügeln, wir aber kämen sofort vor Gericht. Der Major haßt uns und es würde ihn freuen, wenn er uns etwas anhaben könnte. Damit würde er die eigene Schuld auf uns abwälzen.“
„Und von den übrigen würde doch keiner für uns einstehen,“ sagte M–tzkij, als wir in die Küche eintraten.
„Ja, denen würden wir nicht leid tun!“ meinte auch T.
In der Küche waren außer den Adligen noch viele andere Sträflinge, im ganzen vielleicht dreißig an der Zahl. Sie alle wollten von dem Vorhaben der übrigen nichts wissen, oder wenigstens nichts damit zu tun haben – die einen aus Feigheit, die anderen, weil sie von der völligen Nutzlosigkeit jedes Ansprucherhebens fest überzeugt waren. Unter ihnen bemerkte ich auch Akim Akimytsch, den gebotenen Feind aller ähnlichen Demonstrationen, die dem regelmäßigen Gang des Dienstes und wohl auch der Sittsamkeit störend entgegentraten. Schweigend und seelenruhig wartete er den Ausgang der Sache ab, regte sich nicht im mindesten auf, sondern war im Gegenteil vollkommen überzeugt von dem unfehlbaren Triumph der Ordnung und des obrigkeitlichen Willens. Auch Issai Fomitsch war hier; er stand in völliger Verständnislosigkeit da, ließ die Nase hängen und hörte gierig und ängstlich unserem Gespräch zu. Ihm war ersichtlich äußerst bänglich zumut. Und auch die übrigen polnischen Sträflinge hatten sich zu ihren Adligen gesellt. Ferner sah ich daselbst einige ängstliche Russen, jene, die stets schweigsam waren und gewissermaßen verprügelt aussahen. Sie wagten nicht, es mit den anderen zu halten, und warteten traurig ab, womit es enden würde. Endlich waren dort noch einige von den finsteren und schroffen Charakteren, die sonst keine schüchternen Menschen waren. Sie hielten aus Eigensinn nicht mit, und natürlich auch infolge ihrer Überzeugung, daß der ganze Streik nur ein Unsinn sei und nichts als Schlechtes zur Folge haben könne. Doch wollte es mir trotzdem scheinen, daß sie sich hier nicht ganz behaglich fühlten und nicht gerade sehr selbstbewußt dreinschauten. Zwar wußten sie, daß sie bezüglich des Streiks im Recht waren, was auch die Folge bestätigte, aber sie empfanden sich doch gleichsam als Abtrünnige, als Verräter der Genossen, als hätten sie diese dem Platzmajor ausgeliefert. Unter ihnen befand sich auch Jolkin, jener selbe sibirische Bauer, der als Falschmünzer in die Kátorga gekommen war und Kulikoff die ganze Veterinärpraxis abspenstig gemacht hatte. Der Alte aus Starodubowo war gleichfalls hier und von den Köchinnen waren alle in der Küche geblieben, – wahrscheinlich in der Erwägung, daß auch sie einen Teil der Verwaltung ausmachten und es ihnen folglich nicht zustand, gegen die „Eigenen“ aufzutreten.
„Aber wie,“ begann ich etwas unsicher, mich an M–tzkij wendend, „außer diesen hier sind doch alle gegangen.“
„Was geht das uns an?“ brummte B. unwirsch.
„Wir würden hundertmal mehr riskieren als sie, wenn wir gingen, und wozu schließlich? ^Je hais ces brigands.^ Und können Sie denn auch nur einen Augenblick glauben, daß eine Demonstration zustande kommen wird? Ich habe keine Lust, auf solchen Blödsinn hereinzufallen.“
„Es wird ja doch nichts draus werden!“ meinte verächtlich ein starrköpfiger und verbitterter Alter. Almasoff, der neben ihm stand, pflichtete ihm sofort bei:
„Man wird einem jeden nur so an fünfhundert aufzählen und das wird alles sein.“
„Der Major ist gekommen!“ rief plötzlich jemand und alle drängten zum Fenster.
Der Major stürzte in den Ostrogg, wütend, aufgebracht, purpurrot im Gesicht, die Brille auf der Nase. Schweigend, aber durchaus entschlossen trat er vor die Front. In solchen Fällen war er stets mutig und verlor nicht die Geistesgegenwart. Übrigens war er dann aber auch stets halbbetrunken. Selbst seine schmierige Offiziersmütze mit dem orangegelben Streifen und die schmutzigen silbernen Epauletten hatten in diesem Augenblick etwas Unheilverkündendes. Ihm folgte der Schreiber Djätloff, eine im Ostrogg sehr wichtige Persönlichkeit, denn eigentlich bestimmte er allein alles, und außerdem hatte er sogar auf den Major großen Einfluß, – ein schlauer Bursch, der immer nach seinem eigenen Kopf handelte, doch sonst kein schlechter Mensch war. Die Sträflinge waren mit ihm zufrieden. Nach ihm kam der Unteroffizier, über dessen Haupt sich allem Anscheine nach bereits ein Hagelwetter ergossen hatte und der ein noch zehnmal größeres erwartete, und nach diesem drei oder vier Wachen, nicht mehr.
Die Sträflinge, die ohne Kopfbedeckung dastanden – wenn ich nicht irre, seit dem Augenblick, in dem sie nach dem Major geschickt hatten – richteten sich jetzt alle gerader auf und ordneten sich: ein jeder trat von einem Fuß auf den anderen, und dann schien alles auf dem Platz zu erstarren, in der Erwartung des ersten Wortes oder ersten Schreies des Vorgesetzten.
Der ließ nicht lange auf sich warten: schon nach dem zweiten Wort gröhlte der Major aus voller Kehle, ja er schien diesmal förmlich zu kreischen, denn er war gar zu wütend. Durch das Fenster sahen wir nur, wie er vor der Front hin- und herraste, auf einzelne losstürzte, ausfragte, schrie. Übrigens konnten wir bei der großen Entfernung weder seine Fragen noch die Antworten der Sträflinge vernehmen. Nur die einzelnen Schreie drangen bis zu uns hin:
„Verschwörer! ... Spießruten! ... Aufwiegler! ... Du bist der Aufwiegler, du, gerade du!“ – Damit stürzte er plötzlich auf einen von ihnen los.
Eine Antwort hörten wir nicht. Nach einer Minute sahen wir, wie ein Sträfling vortrat und sich zur Hauptwache entfernte. Nach Verlauf einer weiteren Minute sahen wir einen zweiten ihm folgen, darauf einen dritten.
„Alle vors Gericht! Ich werde euch! Wer ist dort in der Küche?“ schrie er plötzlich gellend, als er uns im Fenster erblickte. „Alle her! Jagt sie alle her!“
Der Schreiber Djätloff kam in die Küche, wo ihm erklärt wurde, daß man hier keine Ansprüche mache. Er kehrte sofort zurück und meldete es dem Major.
„Ah, also die machen keine!“ sagte er um zwei Töne tiefer und sichtlich erfreut. „Gleichviel, alle her!“
Wir gingen hinaus. Ich fühlte, daß wir uns im Grunde alle schämten, so herauszutreten. Und wir gingen auch alle mit gesenkten Köpfen.
„Ah, Prokoffjeff! Jolkin gleichfalls, und auch du, Almasoff ... Stellt euch, stellt euch alle hierher, so, in eine Gruppe,“ sagte der Major geschäftig, aber mit auffallend milder, weicher Stimme und mit freundlichem Blick auf uns. „Ah, und auch du, M–tzkij, bist also hier ... Alle aufschreiben. Djätloff! Sofort alle Namen aufschreiben, die Zufriedenen separat und die Unzufriedenen separat, alle bis auf den letzten, und das Protokoll sofort mir zuzuschicken! – Ich werde euch alle ... vors Gericht bringen! Ich werde euch! – ihr Spitzbuben! ...“
Die Drohung mit dem Protokoll verfehlte ihre Wirkung nicht.
„Wir sind ja zufrieden!“ rief plötzlich eine Stimme aus der Gruppe der Unzufriedenen, doch klang sie nicht sehr entschlossen.
„Ah, also zufrieden! Wer ist zufrieden? Wer zufrieden ist, der trete vor.“
„Sind zufrieden, alle sind zufrieden!“ hörte man mehrere Stimmen.
„So–o! Also zufrieden! Dann hat euch jemand aufgehetzt? Dann gibt es hier also Aufwiegler, Empörer? Um so schlimmer für sie! ...“
„Gott, was ist denn das!“ hörte man da plötzlich eine Stimme aus der Menge.
„Wie, was, wer hat da geschrien?“ brüllte sofort der Major los, und er stürzte fort in die Richtung, woher dieser Ausruf gekommen war. „Das warst du, Rastorgujeff! Hast du soeben geschrien? Nach der Wache!“
Rastorgujeff, ein etwas pausbackiger, großer, junger Bursch, trat vor und begab sich langsam zum Tor. Er war es nicht gewesen, der geschrien hatte, da aber der Major ihn beschuldigte, widersprach er nicht und ging.
„Nur das Wohlleben macht euch unzufrieden!“ schrie ihm der Major noch nach. „Du dicke Fratze, hast in drei Tagen nicht ... Ich werde euch schon! Die Zufriedenen sollen alle vortreten!“
„Wir sind ja doch zufrieden, Euer Gnaden,“ hörte man finster einige zehn Stimmen sagen; die übrigen schwiegen hartnäckig.
Der Major hatte nur darauf gewartet. Auch er schien die Sache bald erledigen zu wollen, und zwar diesmal möglichst einträchtig.
„Ah, jetzt sind plötzlich _alle_ zufrieden!“ sagte er, sich beeilend. „Das sah ich ja voraus ... das wußte ich! Es stecken natürlich Aufwiegler dahinter! Ja, es gibt unter ihnen offenbar Hetzer!“ fuhr er, sich an Djätloff wendend, fort. „Das muß man genauer untersuchen. Jetzt aber ... jetzt ist es Zeit, zur Arbeit zu gehen. Sofort zum Abmarsch trommeln!“
Er wohnte selbst dem Abmarsch der Arrestanten bei, die schweigend und traurig zur Arbeit aufbrachen, schließlich noch zufrieden damit, daß sie wenigstens ihm aus den Augen kamen.
Gleich darauf begab sich der Major auf die Hauptwache und „erledigte“ die Anstifter, war aber nicht allzustreng. Er beeilte sich ersichtlich dabei. Einer von ihnen hatte schon um Verzeihung gebeten, erzählten später die anderen, und da habe er sofort verziehen. Jedenfalls merkte man es ihm an, daß er nicht ganz so sorglos war und sich vielleicht sogar seine Schuld eingestand. Eine derartige Demonstration ist immerhin eine kitzlige Sache, und wenn man auch dieses Ungehaltensein der Sträflinge kaum eine Demonstration nennen konnte, so war es doch nichtsdestoweniger ungemütlich, unangenehm. Am peinlichsten war dabei, daß sich alle zusammen erhoben hatten. Jetzt hieß es, die Sache so schnell als möglich vertuschen, was es auch koste. Die „Aufwiegler“ wurden bald wieder entlassen. Am nächsten Tage war das Essen besser, doch leider nicht auf lange Zeit. Der Major kam öfter in den Ostrogg und fand immer häufiger Unordnung. Unser Unteroffizier ging mit besorgter Miene und gänzlich aus dem Konzept gebracht umher, als könne er sich vor Verwunderung immer noch nicht fassen. Was nun die Arrestanten anbetrifft, so konnten sie sich noch lange nicht beruhigen, nur regten sie sich nicht mehr in derselben Weise auf, sondern schienen gleichsam stumm erregt zu sein, gewissermaßen verblüfft und befremdet. Einige ließen sogar die Köpfe hängen. Andere brummten, wenn sie auch sonst nicht viel über den ganzen Vorfall sprachen. Manche wiederum verspotteten sich selbst, taten es in seltsam gereiztem Ton, ganz als wollten sie sich selbst für ihren „Streik“ strafen.
„Da hast du’s jetzt, Freundchen, beiß jetzt zu!“ sagt einer.
„Deine Scherze mußt du mit Arbeit bezahlen!“ sagt ein anderer.
„Unsereinem wirst du doch nicht ohne Stock was erklären, das weiß man doch. Dankt Gott, daß er nicht alle durchgeprügelt hat.“
„Nächstens denk mehr und schwatz weniger, das wird besser sein!“ knurrt jemand bissig den anderen an.
„Was stellst du denn für Lehren hier auf, willst wohl unser Schulmeister sein?“
„Warum soll ich nicht lehren?“
„Wer bist du denn überhaupt?“
„Ich bin vorläufig noch ein Mensch, aber wer bist du denn, wenn man fragen darf?“
„Ein Hundeknochen bist du, aber kein Mensch!“
„Na, na, genug geschimpft! Was gackert ihr da wieder!“ schreit man den Streitenden von allen Seiten zu ...
Am Abend desselben Tages, an dem die Demonstration stattgefunden hatte, traf ich nach der Rückkehr von der Arbeit Petroff hinter den Kasernen. Er suchte mich bereits. Als er mir entgegentrat, murmelte er etwas, das wie ein unbestimmter Ausruf klang, verstummte aber zerstreut und ging mechanisch neben mir her. Mir lag der ganze Vorfall noch schmerzlich auf der Seele, und da schien es mir plötzlich, daß Petroff mir einiges erklären könnte.
„Sagen Sie, Petroff, ärgern sich denn die Ihrigen nicht über uns?“ fragte ich ihn.
„Wer?“ fragte er.
„Die Sträflinge über uns ... uns Adlige?“
„Weswegen sollten sie sich über euch ärgern?“
„Nun, weil wir doch nicht mithielten, als sie die Demonstration veranstalteten?“
„Ja, aber warum hätten Sie denn mithalten sollen?“ fragte er, als bemühe er sich, mich zu verstehen. „Sie haben doch eigenes Essen.“
„Ach Gott! Es gibt ja doch auch unter den anderen welche, die eigene Kost essen, und doch waren sie mitgegangen. Nun, und so hätten auch wir gehen sollen ... aus Kameradschaft.“
„Ja ... aber was sind Sie uns denn für ein Kamerad?“ fragte er verwundert.
Ich blickte ihn schnell an: er verstand mich tatsächlich nicht, er begriff nicht, was ich meinte. Dafür aber verstand ich ihn in diesem Augenblick vollkommen. Zum erstenmal wurde mir jetzt ein Gedanke klar, der sich schon lange dunkel in mir geregt und mich verfolgt hatte, ich begriff mit einem Mal, was ich bis dahin nur unklar geahnt. Ich begriff, daß man mich niemals als Kamerad anerkennen würde, und wenn ich auch doppelt und dreifach sibirischer Sträfling wäre, und wenn ich mich auch in der besonderen Abteilung befunden hätte, zu ewiger Zwangsarbeit verurteilt. Ich entsinne mich noch lebhaft, welch einen Ausdruck Petroffs Gesicht in diesem Augenblick hatte. In seiner Frage: „Aber was sind Sie uns denn für ein Kamerad?“ lag soviel unverfälschte Naivität, ein so offenherziges Nichtverstehenkönnen! Ich fragte mich: liegt in diesen Worten nicht Ironie, Bitterkeit, Spott? Doch nein, es war nichts davon in ihnen: du bist uns einfach kein Kamerad, und das ist alles. Geh du deines Weges, wir gehen unseres Weges; du hast deine Interessen und wir unsere.
Und in der Tat, so war es auch. Ich glaubte zuerst, daß man uns jetzt völlig totmachen würde, daß wir von nun an überhaupt kein Leben mehr im Ostrogg haben würden. Doch nichts von alledem geschah: nicht den geringsten Vorwurf, nicht die leiseste Andeutung eines Tadels hörten wir und es verstärkte sich ihre Feindschaft gegen uns nicht im mindesten. Bei Gelegenheit wurden wir nur wie gewöhnlich verspottet, so wie wir auch früher verspottet worden waren, nicht mehr und nicht weniger. Übrigens waren sie ebensowenig auch über die anderen ungehalten, die sich an der Demonstration gleichfalls nicht beteiligt und sich in die Küche zurückgezogen hatten, sowie auch über die nicht, die zuerst gesagt hatten, daß sie mit allem zufrieden seien. Man verlor darüber nicht einmal ein Wort. Namentlich letzteres konnte ich nicht begreifen.