Chapter 6 of 21 · 5666 words · ~28 min read

VI.

Der erste Monat, Fortsetzung

Bei meinem Eintritt in den Ostrogg besaß ich einiges Geld; bei mir aber, in der Tasche, hatte ich nur wenig, aus Furcht, es könnte mir abgenommen werden, doch auf alle Fälle waren im Einband meiner Bibel einige Rubel verborgen, d. h. einfach eingeklebt. Dieses Buch mit dem eingeklebten Gelde war mir in Tobolsk von Leuten geschenkt worden, die gleichfalls in der Verbannung litten, die bereits seit Jahrzehnten dort leben mußten und die schon längst in jedem Unglücklichen einen Bruder zu sehen gewohnt waren. Es gibt dort in Sibirien fast überall solche Menschen, die, wie es scheint, ihre Lebensaufgabe darin sehen, den „Unglücklichen“ brüderliche Pflege angedeihen zu lassen, mit ihnen zu leiden und sie wie eigene Kinder zu lieben – mit einer uneigennützigen, heiligen Liebe.

Ich kann es nicht unterlassen, von einer Begegnung zu erzählen, die jetzt wieder so deutlich vor mir steht, als hätte sie erst gestern stattgefunden.

In der Stadt, in der sich unser Ostrogg befand, lebte eine Witwe, Nastaßja Iwanowna. Natürlich konnte niemand von uns, solange wir im Ostrogg waren, persönlich mit ihr bekannt werden. Sie hatte es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, für die Verschickten zu sorgen, doch am meisten sorgte sie für uns. Vielleicht war in ihrer Familie ein ähnliches Unglück vorgekommen, oder es hatte ein Mensch, der ihrem Herzen besonders teuer gewesen und nahegestanden, unter demselben Schicksal zu leiden gehabt – das weiß ich nicht. Jedenfalls aber war sie glücklich, alles für uns zu tun, was sie nur konnte. Viel tun konnte sie freilich nicht, denn sie war selbst sehr arm. Wir aber, die wir im Ostrogg saßen, fühlten und wußten, daß wir dort jenseits der Palissaden einen treuen Freund hatten. Unter anderem ließ sie uns oft Nachrichten zukommen, nach denen wir uns fast krank sehnten. Als ich dann den Ostrogg verließ und in eine andere Stadt zur Ansiedlung geschickt wurde, fand ich noch Gelegenheit, zu ihr zu gehen und sie persönlich kennen zu lernen. Sie lebte bei einem ihrer nahen Verwandten. Sie war weder alt noch jung, weder hübsch noch häßlich; ja man konnte nicht einmal feststellen, ob sie klug, ob sie gebildet war? Man sah in ihr nur auf jedem Schritt und Tritt eine unendliche Güte, den unbezwingbaren Wunsch zu helfen, zu erleichtern, einem etwas Angenehmes zu tun. Alle ihre Gefühle lagen in ihrem stillen, guten Blick. Ich verbrachte zusammen mit einem meiner Ostroggkameraden einen ganzen Abend bei ihr. Sie sah uns nur an, lachte, wenn wir lachten, beeilte sich, allem zuzustimmen, was wir auch sagen mochten. Sie bewirtete uns, womit sie nur konnte: sie reichte Tee, einen kleinen Imbiß, eingemachte Früchte, und wenn sie Tausende besessen hätte – sie würde sich über das Geld nur aus dem einen Grunde gefreut haben, weil sie dann uns und unseren im Ostrogg zurückgebliebenen Kameraden noch mehr hätte helfen können. Beim Abschied brachte sie noch mir und meinem Kameraden je ein Zigarettenetui zum Andenken. Diese Etuis klebte sie eigenhändig für uns – Gott weiß, wie sie geklebt waren! Sie bestanden aus Pappe und waren mit buntem Glanzpapier überzogen, genau demselben, in das die kurzgefaßten Rechenbücher der kleinen Schulen eingebunden sind (vielleicht bestanden sie auch tatsächlich aus den Deckeln eines solchen Arithmetikbuches). An den Rändern aber waren beide Hälften des Etuis zur Verzierung mit einer schmalen Bordüre von Goldpapier eingefaßt, die sie wahrscheinlich lange in den Läden gesucht hatte.

„Sie rauchen doch Zigaretten, vielleicht können Sie dann dieses hier gebrauchen,“ sagte sie schüchtern, als wolle sie sich ihres Geschenkes wegen entschuldigen.

Es gibt Menschen, die da sagen – ich selbst habe es gehört und gelesen, – daß die größte Liebe zum Nächsten zu gleicher Zeit der größte Egoismus sei. Worin nun hier Egoismus gewesen sein sollte, werde ich nie verstehen.

Wenn ich nun auch bei meinem Eintritt in den Ostrogg durchaus nicht viel Geld besaß, so vermochte ich es doch nicht, über jene ungehalten zu sein, die schon in den ersten Stunden von mir Geld geborgt und mich natürlich betrogen hatten, und dann höchst naiv zum zweiten, dritten und sogar fünften Male zu mir kamen, um noch weiteres Geld zu borgen. Eines aber muß ich ganz offen gestehen: es ärgerte mich nicht wenig, daß alle diese Banditen mit ihrer naiven Schlauheit mich unbedingt, wie es mir schien, für einen echten rechten Einfaltspinsel, für einen dummen Jungen hielten und sich über mich lustig machten, weil ich ihnen auch zum fünften Male das Geld gab. So mußte es ihnen unbedingt scheinen, daß ich mich von ihrer Schlauheit und Gewandtheit betrügen ließ, während sie, wenn ich ihnen nichts gegeben und sie fortgejagt hätte, – davon war ich überzeugt – mich unvergleichlich mehr geachtet haben würden. Aber wie sehr ich mich auch ärgerte, abschlagen konnte ich es ihnen doch nicht. Und ich ärgerte mich, weil ich in diesen ersten Tagen ernstlich und besorgt darüber nachdachte, wie ich mich im Ostrogg verhalten, oder richtiger, auf welchen Fuß ich mich mit ihnen stellen sollte. Ich fühlte und begriff, daß diese ganze Umgebung für mich völlig neu war, daß ich völlig im Dunkel saß, in demselben aber unmöglich so lange Jahre sitzen bleiben konnte. Folglich hieß es, sich vorbereiten. Versteht sich, ich kam mit mir überein, daß man vor allen Dingen offen sein und offen handeln müsse, wie es das innere Gefühl und das Gewissen befahlen. Andererseits aber wußte ich, daß dieses nur Theorie war und vor mir jedenfalls noch die unerwartetste Praxis erscheinen würde.

Und darum quälte mich, ungeachtet all der kleinen Sorgen um meine Einrichtung in der Kaserne (von denen ich schon erzählt habe und in die mich der vorsorgliche Akim Akimytsch hineinzog) und ungeachtet dessen, daß sie mich immerhin ein wenig zerstreuten, – trotzdem quälte mich eine nagende Sehnsucht immer unerträglicher.

„Ein Totenhaus!“ sagte ich zu mir, wenn ich zuweilen in der Dämmerung von der kleinen Treppe unserer Kaserne auf die Arrestanten blickte, die schon von der Arbeit heimkehrten und faul über den Hof in die Küchen schlenderten und aus den Küchen wieder zurück in die Kasernen. Ich betrachtete sie, betrachtete jeden einzelnen, und bemühte mich, an ihren Gesichtern und ihren Bewegungen zu erkennen, was für Menschen sie waren und was für Charaktere sie hatten. Sie aber schlenderten vor mir mit finster gerunzelten Stirnen, oder aber in sorgloser Heiterkeit – diese beiden Erscheinungen trifft man am häufigsten, sie sind zugleich die Charakteristik der Kátorga, – sie schimpften sich gegenseitig oder sie sprachen ganz gewöhnlich miteinander, oder sie gingen einzeln umher, gleichsam in Gedanken versunken, langsam, gleichmütig, einige müde und teilnahmslos, andere wiederum – selbst hier! – mit einem Ausdruck anmaßender Überlegenheit, die Mützen auf einem Ohr, die Halbpelze nur über die Schultern geworfen, mit frechem, listigem Blick und frechem, spöttischem Lächeln.

„Das ist jetzt meine Umgebung, meine neue Welt,“ dachte ich, „in der ich, ob ich will oder nicht, leben muß ...“

Ich machte auch wiederholt den Versuch, von Akim Akimytsch etwas über sie zu erfahren, wenn ich mit ihm Tee trank, um nicht allein trinken zu müssen. Tee war in dieser ersten Zeit so gut wie meine einzige Nahrung. Akim Akimytsch sagte nie ab, wenn ich ihn aufforderte, was ich gerne tat, und stellte selbst unseren, d. h. von M. geliehenen selbstverfertigten kleinen Blechssamowar auf, der spaßig anzusehen war. Akim Akimytsch trank nie mehr als ein Glas, – er besaß sogar Gläser – trank schweigend und würdevoll, reichte es mir mit einem Dank zurück und machte sich dann sofort an meine Schlafdecke, die er, wie ich schon sagte, aus alten Zeugstücken zusammennähte. Das aber, was ich von ihm erfahren wollte, – das erfuhr ich nicht, ja er schien es nicht einmal begreifen zu können, weshalb ich mich so besonders für die Charaktere der uns umgebenden und am nächsten stehenden Sträflinge interessierte. Er hörte mir nur mit einem seltsam schlauen, verschlagenen Lächeln zu, das ich noch lebhaft vor mir sehe. Nein, wie man sieht, muß man hier selbst alles erfahren und nicht durch andere zu erfahren suchen, dachte ich bei mir.

Am Morgen des vierten Tages stellten sich die Arrestanten wieder so auf, wie damals, als ich mit ihnen zur Schmiede gegangen war: auf dem Platz vor der Wache in zwei Reihen. An der Spitze, mit dem Gesicht zu ihnen, und hinter ihnen standen die Soldaten mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett. Der Soldat hat das Recht, auf den Gefangenen zu schießen, wenn dieser den Versuch macht, seiner Eskorte zu entfliehen; andererseits aber ist er auch verantwortlich für den Schuß, wenn er ihn nicht im äußersten Notfall abgefeuert hat; dasselbe galt auch für den Fall einer allgemeinen Empörung der Gefangenen. Aber wem wäre es wohl eingefallen, an eine offene Flucht zu denken!

Darauf kamen ein Offizier, die Unteroffiziere, Soldaten und die Arbeitsaufseher. Alle Namen wurden aufgerufen. Der Teil der Arrestanten, der in den Schneiderwerkstätten arbeitete, ging ganz zuerst ab; dieser hatte mit den Aufsehern nichts zu tun. Dort wurde hauptsächlich für den Ostrogg gearbeitet, für den die verschiedenen Kleidungsstücke herzustellen waren. Dann ging ein Teil in die anderen Werkstätten ab, und dann erst kamen die sogenannten „Schwarzarbeiter“ an die Reihe, die für die gewöhnlichen schweren Arbeiten bestimmt waren. Mit etwa zwanzig anderen marschierte auch ich ab.

Hinter der Festung lagen am Ufer des zugefrorenen Flusses zwei alte Barken, beide Staatseigentum, die wegen Untauglichkeit auseinandergenommen werden sollten, damit wenigstens das Holz nicht unnütz verfaulte. Übrigens war dieses ganze alte Material nur sehr wenig wert, vielleicht überhaupt nichts, denn Holz wurde in der Stadt spottbillig verkauft, da es Wald ringsum ungeheuer viel gab. Die Arrestanten wurden aber hingeschickt, damit sie eine Arbeit hatten, was sie natürlich selbst sehr gut begriffen. An eine solche Arbeit machten sie sich denn auch faul und ungern, während es etwas ganz anderes war, wenn sie eine zweckmäßige und interessante Arbeit bekamen, und besonders wenn sie sich eine „Aufgabe“ ausbitten konnten. Dann waren sie plötzlich alle wie begeistert und wenn sie auch selbst nichts davon hatten, so plagten sie sich doch im Schweiße ihres Angesichts und mit wahrhaft erstaunlichem Eifer, um sie so schnell und so gut als möglich zu beenden – dann war gleichsam ihr Ehrgeiz mit im Spiel. Bei einer solchen Arbeit dagegen, wie diese Barken abzubrechen, die mehr nur ^pro forma^ gemacht werden mußte, als aus Notwendigkeit, war es schwer, eine „Aufgabe“ zu erbitten, da mußte man bis zum Trommelschlage arbeiten, der um elf Uhr vormittags zur Heimkehr rief.

Es war ein warmer, nebliger Wintertag, es fehlte nicht viel, und wir hätten Tauwetter gehabt. Unsere ganze Abteilung begab sich hinter die Festung zum Ufer, leise mit den Ketten klirrend, die, obwohl sie unter den Kleidern verborgen waren, dennoch bei jedem Schritt einen feinen, hellen metallischen Klang gaben. Zwei oder drei von uns wurden ins Zeughaus nach den erforderlichen Werkzeugen geschickt. Ich ging mit den anderen weiter, während ich mich innerlich gewissermaßen belebte: ich sollte sehen und erfahren, was unsere Arbeit sein würde. Worin bestand die sibirische Zwangsarbeit? Und wie würde ich selbst zum erstenmal in meinem Leben arbeiten?

Ich erinnere mich noch des ganzen Tages bis in die kleinsten Einzelheiten.

Unterwegs begegnete uns ein bärtiger Kleinbürger: er blieb stehen und schob die Hand in die Tasche. Aus unserem Trupp löste sich sogleich ein Arrestant, trat ihm entgegen, nahm die Mütze ab, empfing ein Almosen, – fünf Kopeken, und kehrte schnell wieder zurück. Diese fünf Kopeken wurden noch am selben Morgen in Kalatschen verzehrt, die für alle in gleiche Stücke geteilt wurden.

In diesem ganzen Trupp waren einige wie gewöhnlich düster und schweigsam, andere teilnahmslos und trüge, und wieder gab es einige, die eigentlich nur aus Gewohnheit schwatzten. Einer von ihnen war ganz besonders guter Laune, er sang und hätte unterwegs beinahe getanzt, jedenfalls hopste er hin und her, wozu seine Ketten lauter klirrten. Das war jener selbe mittelgroße, etwas dicke Arrestant, der am ersten Morgen nach meiner Ankunft mit dem Hochgewachsenen beim Wassereimer gestritten hatte, weil jener von sich ohne Bedenken zu behaupten gewagt hatte, er sei ein Reiher. Dieser kleine lustige Bursche hieß Skuratoff. Jetzt stimmte er plötzlich ein loses Lied an, von dem ich nur noch einen Refrain behalten habe:

„Ohne mich ward ich vermählt Mit der schönen Müllerin!“

Es fehlte nur noch eine Balalaika dazu.

Seine ungewöhnlich heitere Gemütsverfassung erweckte selbstverständlich in einigen anderen ernsten Unwillen, ja sie faßten seine Heiterkeit fast als persönliche Beleidigung auf.

„Da brüllt er nun!“ brummte unwirsch einer, den die Sache übrigens nichts anging.

„Tas war ein Walfslied, tu aber hast’s umketreht, Grützkopf!“ bemerkte einer der Mürrischen mit starkem kleinrussischen Akzent.

„Gut, ich bin meinetwegen auch ein Grützkopf, ihr aber habt euch dort in Poltawa alle mit euren Mehlklümpchen ‚umkepracht‘ und seid Mehlwürmer geworden,“ foppte Skuratoff nicht maulfaul.

„Tu lügst! Was hast tu selbst gefressen? Hast mit deinen Beinen Kohl gelöffelt.“

„Und hier scheint ihn der Teufel mit Kanonenkugeln zu stopfen,“ bemerkte ein anderer.

„Ja, es ist wahr, Bruderherz, ich bin ein verzärtelter Mensch,“ antwortete Skuratoff mit einem leichten Seufzer, ganz als bereue er die nicht zu verändernde Tatsache, doch sprach er es mehr zu allen gewandt, als zu einem einzigen. „Von Kindesbeinen an bin ich mit schwarzen Pflaumen und weißen Semmeln aufgereckt worden“ (d. h. aufgezogen. Skuratoff verdrehte die Worte absichtlich). „Meine leiblichen Brüder haben auch jetzt noch in Moskau ihre Handlung, sie handeln nämlich in der Durchgangsstraße mit Wind, sind die reichsten Kaufleute.“

„Und womit hast du gehandelt?“

„Hm, auch ich bin aus verschiedenen Eigenschaften hervorgegangen. Und damals, Freundchen, bekam ich die ersten Zweihundert ...“

„Rubel doch nicht??“ fiel hastig ein Neugieriger ein, der sich sogleich zu beleben schien, als er von so großem Gelde hörte.

„Nein, lieber Mensch, nicht Rubel, sondern Hiebe. Luka, heda! Hör mal, Luka!“

„Luka bin ich für manchen schon, für dich aber bin ich Luka Kusmitsch ...“ brummte unwillig ein kleiner Mann mit einem spitzen Näschen, der gleichfalls aus Kleinrußland stammte.

„Nun, dann Luka Kusmitsch, hol dich der Teufel, mag’s denn meinetwegen so sein.“

„Für manchen Luka Kusmitsch, für dich aber Onkelchen.“

„Ach, zum Teufel mit dir samt dem Onkelchen, so lohnt sich’s ja gar nicht, zu reden! Wollte aber ein hübsches Geschichtchen erzählen ... Nun und so kam’s denn, daß ich nicht lange in Moskau auflebte; man gab mir dort noch aufs Geleit fünfzehn Hiebe und dann – adjes Madrid! Und jetzt bin ich hier ...“

„Aber für was kriegtest du denn die fünfzehn?“ fragte einer, der aufmerksam zuhörte.

„Für was! Geh nicht in die Quarantäne, trink nicht direkt vom Spund, spiel nicht den Spaßvogel, – so daß ich, Freundchen, keine Zeit hatte, in der richtigen Weise in Moskau reich zu werden. Das aber wollte ich gewaltig, gewaltig, ganz gewaltig, sag ich dir, nämlich reich werden. Das wollte ich aber so, daß ich es dir selbst nicht zu sagen weiß, wie.“

Man lachte. Skuratoff war offenbar einer der freiwilligen Spaßmacher, oder richtiger, Narren, die es sich gleichsam zur Aufgabe gemacht hatten, ihre düsteren Genossen zu erheitern, und dafür, versteht sich, nichts als Schimpf und Spott ernteten. Er gehörte zu einem besonderen und sogar auffallenden Typus, auf den ich vielleicht noch einmal zu sprechen kommen werde.

„Dich kann man ja auch jetzt statt des Pöbels schlagen,“ bemerkte Luka Kusmitsch. „Sieh mal einer, seine Kleider sind ja allein schon an hundert Rubel wert.“

Skuratoff hatte den ältesten oder vielmehr abgetragensten Schafspelz, an dem auf allen Seiten Flicken hingen. Aufmerksam, doch ziemlich gleichmütig besah er sich von oben bis unten.

„Dafür ist der Kopf teuer, Freundchen, der Kopf!“ antwortete er. „Das tröstete mich auch damals, als ich Moskau verließ, nämlich daß mein Kopf mit mir ging. Leb wohl, Moskau, ich danke dir für das Bad, für den freien Geist, prächtig hat man mich dort mit Streifen versehen! Aber auf meinen Pelz, Freundchen, hast du keine Ursach zu sehen ...“

„Ich soll wohl nur nach deinem Kopf blicken?“

„Auch der Kopf gehört ihm ja gar nicht mehr,“ mischte sich wieder Luka ein, „der ist nur noch eine milde Gabe, die man ihm unterwegs um Christi willen geschenkt hat, als er mit seinem Trupp durchzog.“

„Du, Skuratoff, du hast doch sicher auch ein Handwerk gelernt?“

„Was Handwerk! Führer war er ... hat bei ihnen Kieselsteine geschleppt,“ meinte einer der Mürrischen, „das ist sein ganzes Handwerk!“

„Ich habe einmal vorversucht, Stiebel zusammenzunähen,“ sagte Skuratoff, als hätte er die spitze Bemerkung des anderen ganz überhört. „Aber es blieb beim ersten Paar.“

„Na was, wurde es dir auch abgekauft?“

„Ja, es kam so einer, der weder Gott gefürchtet noch Vater und Mutter geachtet hatte: da bestrafte ihn der Herr, – er kaufte das Paar.“

Alle um Skuratoff brachen in schallendes Gelächter aus: der Ton, in dem er es sagte, war gar zu spaßig.

„Und dann habe ich noch einmal gearbeitet, das war aber schon hier,“ fuhr Skuratoff mit merkwürdiger Kaltblütigkeit fort, „für den Leutnant Stepan Fedorowitsch Pomorzeff ein Paar Stiefel vorgeschuht.“

„Und war er zufrieden?“

„Nein, Freundchen, das war er gerade nicht. Hat mich für tausend Jahre ausgeschimpft und mich noch von hinten getreten. Hatte sich gar zu gewaltig geärgert. – Ach, gelogen hat mein Leben, das hat es, das verfluchte!

Da kehrte schon nach kleiner Weile Ak–kulinas Mann nach Haus ...,“

sang er plötzlich wieder schmetternd und begann von neuem einen Tanzschritt im Viervierteltakt.

„Sieh einer, solch ’n blödsinniger Mensch!“ knurrte der neben mir gehende Kleinrusse, der ihn mit boshafter Verachtung von der Seite ansah.

„Ein unnützer Mensch!“ bemerkte ein anderer in einem so ernsten Ton, daß jeder Widerspruch ausgeschlossen war.

Mir war es unbegreiflich, aus welchem Grunde sie sich über diesen Skuratoff ärgerten, und überhaupt warum alle heiteren Charaktere, wie ich schon in den ersten Tagen bemerkt hatte, gewissermaßen verachtet wurden. Den Ärger des Kleinrussen und der anderen schrieb ich persönlicher Abneigung zu, doch das war nicht der Grund. Sie haßten und verachteten ihn, weil er keine Ausdauer hatte, keine äußerlich zur Schau getragene persönliche Würde besaß, mit der der ganze Ostrogg bis zur Pedanterie geladen war, – mit einem Wort, weil er, nach ihrem Ausdruck, ein „nutzloser“ Mensch war. Indessen wurden nicht alle Spaßvögel so behandelt wie Skuratoff und seinesgleichen. Es kam dabei nur darauf an, wie ein jeder mit sich umspringen ließ: ein gutmütiger Mensch wurde, auch ohne Spaßvogel zu sein, von den anderen erniedrigt. Das wunderte mich anfangs nicht wenig. Es gab aber auch andere Spaßvögel, die niemandem etwas schuldig blieben: solche wurden unwillkürlich geachtet. Einer von dieser Sorte befand sich auch unter uns, ein Haariger, wie man ihn nannte, der aber im Grunde genommen ein heiterer und sehr netter Mensch war, obwohl ich ihn von dieser Seite erst viel später kennen lernen sollte, ein hübschgewachsener Bursche mit einer großen Warze auf der Wange und einem äußerst komischen Gesichtsausdruck, sonst aber nett und aufgeweckt! Er wurde auch der Pionier genannt, weil er früher einmal als Pionier gedient hatte; im Ostrogg jedoch war er in der besonderen Abteilung. Auch von ihm werde ich noch zu berichten haben.

Übrigens waren nicht alle „Ernsten“ so streng, wie der über jede Heiterkeit unwillige Kleinrusse. Es gab in der Kátorga gewisse Leute, die es auf den Vorrang in jeder Beziehung abgesehen hatten: sie wollten in allem die ersten sein, im Wissen, in der Findigkeit, im Charakter, in der Klugheit ... Viele von ihnen waren auch tatsächlich klug, hatten Charakter und erreichten, was sie erstrebten: Vorrang und sittlichen Einfluß auf ihre Umgebung. Unter sich waren diese Klugen nicht selten die größten Feinde und ein jeder von ihnen wurde von den anderen beneidet und gehaßt. Zu den übrigen Sträflingen verhielten sie sich würdig und herablassend, ließen sich nie in einen nutzlosen Streit ein, mit den Vorgesetzten standen sie sich gut, bei der Arbeit waren sie gewissermaßen die Anordner, doch keiner von ihnen hätte zum Beispiel wegen eines Liedes so viel Aufhebens gemacht. Mit solchen Kleinigkeiten befaßten sie sich nicht, so etwas hätte sie erniedrigt. Gegen mich waren diese Leute während der ganzen Zeit meines Ostrogglebens auffallend höflich, nur waren sie nicht sehr gesprächig – gewissermaßen als verbiete es ihnen ihre persönliche Würde, zu sprechen. Auch von ihnen werde ich noch ausführlicher erzählen müssen.

Wir kamen ans Ufer des Irtysch. Unten, auf dem Fluß, lag im Eise die alte Barke, die wir abbrechen sollten. Jenseits des Flusses lag wie in bläulichem Licht die Steppe: sie sah unheimlich und öde aus. Ich erwartete, daß alle sich sofort an die Arbeit machen würden, aber daran schien niemand zu denken. Einige setzten sich am Ufer auf verstreut liegende Balken und fast alle zogen aus dem Stiefelschaft einen Tabaksbeutel hervor, der einheimischen, d. h. sibirischen Tabak enthielt, den man auf dem Markt in Blättern zu drei Kopeken das Pfund kaufen konnte, sowie kurze Pfeifenrohre und kleine selbstgeschnitzte Holzpfeifen. Die Pfeifen wurden angeraucht, während die Soldaten die Kette um uns bildeten und sich mit dem gelangweiltsten Gesichtsausdruck uns zu bewachen anschickten.

„Wer nur darauf gekommen sein mag, diese Barke abbrechen zu lassen?“ fragte einer halblaut so vor sich hin, ohne sich an jemanden zu wenden. „Der muß wohl Späne brauchen.“

„Wer uns nicht fürchtet, der ist darauf gekommen,“ bemerkte ein anderer.

„Wo mag dort dieses Bauernpack hinwollen?“ fragte nach kurzem Schweigen wieder der erste, der die Antwort auf seine vorhergehende Frage selbstverständlich nicht beachtet hatte, und wies auf eine ganze Reihe Bauern, die in der Ferne im Gänsemarsch durch den Schnee stampfte.

Die Sträflinge wandten sich auch nach jener Seite und begannen aus Langeweile über die Bauern zu spotten. Einer der Bauern, der letzte, ging ganz absonderlich komisch, die Arme schlenkerten weit ab vom Körper, und auf dem Kopf, der fast zur Seite hing, saß eine hohe Bauernmütze von der Form eines abgestumpften Kegels. Seine ganze Gestalt hob sich deutlich vom weißen Schnee ab.

„Sieh mal an, Gevatter Petrowitsch, wie du dich aber eingemummt hast!“ sagte einer, der die Bauern mit dem Ausdruck Gevatter verspotten wollte. Es war sogar sehr auffallend, daß die Arrestanten im allgemeinen von oben herab auf den Bauern sahen, während doch die Hälfte von ihnen gleichfalls aus dem Bauernstande war.

„Seht doch den letzten, Kinder, der geht ja, als wenn er Rettich pflanzte.“

„Das ist ein harter Schädel, der hat sicherlich viel Geld,“ meinte ein anderer.

Alle lachten, doch selbst in ihrem Lachen lag eine gewisse Faulheit.

Da kam eine Kalatschenverkäuferin, ein munteres und rüstiges Weiblein, zu uns. Von ihr wurden für die geschenkten fünf Kopeken Kalatschen gekauft und sogleich gewissenhaft verteilt; ein jeder erhielt sein Stück.

Der junge Bursche, der im Ostrogg mit den Kalatschen handelte, kaufte von ihr an zwanzig Stück, begann aber dann eifrig zu streiten, um drei, statt der üblichen zwei Kalatschen auf den Kauf zu erhalten, aber die Händlerin gab nicht nach.

„Nun, aber das andere – gibst du nicht?“

„Was denn noch?“

„Na das, was die Mäuse nicht fressen.“

„Ach, daß du selbst gefressen wirst!“ kreischte das Weiblein und ging lachend fort.

Endlich erschien auch der Arbeitsaufseher, ein Unteroffizier, mit einem Stock.

„Heda, ihr, was sitzt ihr! An die Arbeit!“

„Was, Iwan Matwejitsch, gebt uns doch eine Aufgabe,“ sagte einer der „ersten“, indem er sich langsam erhob.

„Warum habt ihr denn neulich nicht gefragt? Schleppt die Barke auseinander, da habt ihr eine Aufgabe.“

Man erhob sich langsam und ging zum Fluß hinunter, – kaum die Füße vom Fleck bewegend.

Es fanden sich auch alsbald „Anordner“, wenigstens waren sie es den großen Worten nach. Es zeigte sich, daß man die Barke nicht so blindlings zerhauen durfte, sondern nach Möglichkeit die Balken und namentlich die Kniehölzer heil herausnehmen mußte. Diese Kniehölzer waren aber ihrer ganzen Länge nach mittels Holznägeln an den Boden der Barke befestigt und diese Holznägel galt es jetzt herauszunehmen, – eine langweilige und mühsame Arbeit.

„Da müssen wir nun ganz zuerst diesen Balken hier abkriegen. Faßt mal an, Kinderchen!“ sagte einer, der weder „Anordner“ noch sonst ein „erster“ war, sondern ein gewöhnlicher „Schwarzarbeiter“, ein stilles, ruhiges Männlein, das bis dahin noch kein Wort gesprochen hatte. Er beugte sich nieder, erfaßte einen dicken Balken und wartete auf Hilfe. Es fiel aber keinem einzigen ein, ihm zu helfen.

„Ja, den wirst du gerade loskriegen! Da kannst du auch noch deinen Urgroßvater, der wohl ein Bär gewesen ist, herbeiholen, so wirst du ihn auch noch nicht loskriegen!“ brummte jemand durch die Zähne.

„Ja wie denn, wie soll man denn anfangen? Ich weiß nicht ...“ sagte der andere etwas ratlos und richtete sich wieder auf.

„Du wirst doch nicht die ganze Arbeit allein machen ... was stopfst du dich dann vor?“

„Der versteht nicht einmal Hühner zu füttern, hier aber will er der erste sein ... So’n Zwerg!“

„Ich ... ich wollte nur,“ stotterte der Arme, – „nichts, ich meinte nur so ...“

„Zum Teufel, soll ich euch, Kerls, in Futterale stecken lassen? oder für den Winter vielleicht einsalzen?“ schrie wieder der Arbeitsaufseher, der verwundert die zwanzigköpfige Arbeiterschar betrachtete, die die Arbeit nicht anzufassen verstand. „Anfangen! Schneller!“

„Schneller als schnell kann man nichts machen, Iwan Matwejitsch.“

„Du machst ja sowieso nichts! He, Ssaweljeff! Petrowitsch! was stehst du da und glotzt, als wolltest du deine Augen ausspeien! ... Anfangen, sage ich!“

„Was kann denn ich da machen, ganz allein? ...“

„Gebt uns doch lieber eine Aufgabe, Iwan Matwejitsch.“

„Ich habe gesagt – es gibt keine! Reiß die Barke ab, und um Punkt elf geht’s zurück. An die Arbeit! Angefangen!“

Träge, unwillig, ungeschickt machte man sich endlich an das Abreißen. Es war fast unangenehm, diese Schar gesunder, stämmiger Arbeiter zu sehen, die, wie es schien, absolut nicht wußten, wie sie die Arbeit anfassen sollten. Kaum hatten sie sich daran gemacht, das erste, kleinste Knieholz herauszunehmen – da zeigte es sich, daß das Holz zerbrach, „ganz von selbst“, wie es dem Arbeitsaufseher zur eigenen Rechtfertigung gemeldet wurde. Folglich konnte man so nicht ans Werk gehen, man mußte es eben anders versuchen. Es folgte eine lange Beratung, wie es richtig wäre und was zu tun sei. Selbstverständlich kam es bald zum Wortwechsel, darauf folgte Geschimpf und die Sache drohte, noch weiterzugehen ... Der Aufseher schrie sie wieder an und fuchtelte mit seinem Stock; aber auch das zweite Knieholz brach. Es stellte sich nun heraus, daß zu wenig Äxte da waren und daß man noch irgend ein besonderes Werkzeug bedurfte. Sogleich wurden zwei jüngere Burschen mit einer Eskorte in die Festung zurückgeschickt, um die nötigen Gerätschaften zu bringen, die anderen aber setzten sich inzwischen seelenruhig auf der Barke hin, zogen ihre Pfeifen hervor und rauchten schon wieder.

Der Beamte spie schließlich aus.

„Weiß Gott, von euch kann man wahrlich keine Arbeit erwarten! Ich hab’s ja immer gesagt: Pack bleibt Pack!“ schimpfte er wütend, winkte mit der Hand ab – zum Zeichen unserer Untauglichkeit – und kehrte, den Stock in der Luft schwingend, in die Festung zurück.

Nach einer Stunde erschien der Aufseher. Ruhig hörte er die Ausführungen der Arrestanten an und erklärte darauf ohne zu zögern, daß er als Aufgabe gäbe, vier Kniehölzer herauszunehmen, aber nicht so, daß sie brächen, sondern heil, und dann noch einen bedeutenden Teil der Barke abzubrechen; wenn das aber geschehen wäre, könnten sie alle nach Hause gehen. Die Aufgabe war groß, aber – Himmel! – wie sie sich jetzt an die Arbeit machten! Wo war jetzt noch Faulheit oder Unwissenheit zu sehen! Die Äxte hämmerten, die Holznägel wurden herausgedreht. Die anderen schoben wiederum dicke Stangen unter die Kniehölzer, zwanzig Hände stemmten sich auf die Stangen und meisterhaft gewandt wurden die Kniehölzer herausgebrochen, die jetzt zu meiner Verwunderung sämtlich heil blieben und unversehrt. Die Arbeit kochte geradezu. Alle waren plötzlich auffallend klüger geworden. Weder gab es überflüssige Worte, noch einen Streit, ein jeder wußte, was er zu sagen, zu tun, wo er zu helfen und was er zu raten hatte.

Genau eine halbe Stunde vor dem Trommelzeichen war die vorgeschriebene Arbeit beendet und die Arrestanten kehrten müde, doch vollkommen zufrieden in den Ostrogg zurück, obgleich sie doch nur eine halbe Stunde gewonnen hatten. In Bezug auf mich aber war mir etwas Eigentümliches aufgefallen: wo und wie immer ich ihnen bei der Arbeit auch helfen wollte, überall war ich nicht am Platz, überall störte ich, überall wurde ich beinahe mit Geschimpf fortgeschickt.

Selbst der letzte von ihnen, der schlechteste Arbeiter, der vor den anderen nicht mucken durfte, selbst der glaubte sich im Rechte, mich anschreien zu dürfen, wenn ich mich neben ihn stellte, unter dem Vorwand, ich hindere ihn bei der Arbeit.

Das sagte mir einer der Gewandten ganz offen und grob ins Gesicht:

„Wohin stopfen Sie sich wieder vor, gehn Sie zum Teufel! Wo man nicht gebraucht wird, dorthin soll man auch nicht seine Nase stecken.“

„Der ist der richtige!“ bemerkte sofort ein anderer.

„Nimm lieber eine Blechbüchse,“ sagte ein dritter, „und ‚sammle Geld zum Kirchenbau und der Branntweinschenken Niederhau‘, hier aber hast du nichts zu suchen.“

So hätte ich also abseits stehen und zusehen müssen, während die anderen arbeiteten. Zuzusehen aber schämt man sich unwillkürlich. Als ich aber tatsächlich fortging und mich an das andere Ende der Barke stellte, da war es ihnen wieder nicht recht:

„Schöne Arbeiter schickt man uns her!“ hieß es sofort. „Was fängt man mit solchen Leutchen an!“

„Nichts fängt man mit ihnen an!“

Das wurde natürlich absichtlich gesagt, denn man mußte doch die Gelegenheit benutzen, über einen ehemaligen Adligen herziehen zu können – und man freute sich über die Gelegenheit.

Jetzt wird man auch begreifen, warum meine erste Frage nach dem Eintritt in den Ostrogg, wie ich schon erwähnte, gerade diese war: wie ich mich hier verhalten, wie ich mich zu diesen Menschen stellen sollte. Ich fühlte es schon im voraus, daß ich noch oft solche Zusammenstöße mit ihnen haben würde, wie an diesem ersten Arbeitstage. Doch ungeachtet aller Zusammenstöße, entschloß ich mich, meinen Verhaltungsplan nicht zu ändern, den ich mir inzwischen im großen ganzen schon ausgedacht hatte; ich wußte, daß er richtig war. Ich hatte eingesehen, daß man sich nach Möglichkeit natürlich und frei bewegen mußte, ohne sich besonders um eine Annäherung zu bemühen. Andererseits aber mußte man sie auch nicht vor den Kopf stoßen, wenn sie von sich aus eine Annäherung wünschten. Ich beschloß, ihre Drohungen und ihren Haß nicht zu fürchten und nach Möglichkeit mir den Anschein zu geben, als bemerke ich so etwas überhaupt nicht. Ferner, in gewissen Dingen sie sich immer fernzuhalten und niemals einige ihrer Angewohnheiten und Sitten zu billigen oder gegen sie auch nur nachsichtig zu sein; mit einem Wort – nicht mich ihnen aufzudrängen und nicht ihre intime Freundschaft zu suchen. Ich erriet schon auf den ersten Blick, daß sie mich anfangs dafür verachten würden, mußte ich doch gerade ihrer Meinung nach, wie ich es auch später aus unzweifelhaften Anzeichen ersah, in erster Linie meine adlige Herkunft wahren und hochhalten, nämlich: den Verzärtelten spielen, sie verabscheuen, wichtig tun, bei jedem Schritt zusammenklappen und die Hände pflegen. Das war ihre Vorstellung von einem Adligen. Sie hätten mich deswegen natürlich verspottet, innerlich aber doch dafür geachtet. Nein, eine solche Rolle sagte mir nicht zu. In diesem Sinne, wie sie den Adel auffaßten, bin ich nie ein Adliger gewesen. Dafür aber gab ich mir mein Wort, durch keine einzige Konzession weder meine Bildung noch meine Denkweise vor ihnen zu erniedrigen. Hätte ich angefangen, um ihnen zu gefallen, mich bei ihnen einzuschmeicheln, in allem ihrer Meinung zu sein, familiär mit ihnen umzugehen, und ihre „Eigenschaften“ mir anzueignen – nur um ihre Wohlgeneigtheit zu erwerben – so würden sie sofort geglaubt haben, ich täte es aus Furcht und Feigheit und sie hätten mich nur mit Verachtung behandelt. A–ff war kein Beispiel für das Gegenteil: er ging zum Major und daher fürchteten sie ihn, nicht er sie.

Andererseits wollte ich mich vor ihnen auch nicht hinter kalter und unnahbarer Höflichkeit verschanzen, wie es die Polen taten.

Ich sah es recht gut ein, daß sie mich verachteten, weil ich ebenso arbeiten wollte, wie sie, und mich vor ihnen nicht zierte und verstellte; und wenn ich auch genau wußte, daß sie späterhin gezwungen sein würden, ihre Meinung über mich zu ändern, so war mir doch der Gedanke, daß sie glauben mußten, ich wolle mich durch meine Arbeitswilligkeit bei ihnen einschmeicheln, geradezu eine Pein.

Als ich am Abend nach Beendigung der Nachmittagsarbeit müde und zerschlagen in den Ostrogg zurückkehrte, überkam mich wieder unerträgliche Sehnsucht.

„Wieviel Tausende solcher Tage stehen mir noch bevor,“ dachte ich, „alle ein und dieselben, alle ein und dieselben!“

Als die Dämmerung sich bereits dem Abend näherte, strich ich allein hinter den Kasernen umher. Da sah ich plötzlich unseren Scharik, wie er in gestrecktem Galopp auf mich zugerannt kam. Scharik war unser Ostrogghund, so wie es Kompagnie-, Bataillons- und Regimentshunde gibt. Er lebte schon seit langer, langer Zeit im Ostrogg, gehörte niemand und allen, hielt einen jeden für seinen Herrn und nährte sich von dem, was ihm aus der Küche zugeworfen wurde. Er war ein ziemlich großer Hund, schwarz mit weißen Flecken, ein echter Hofhund, nicht sehr alt, mit klugen Augen und buschiger Rute. Niemals hatte jemand das Tier gestreichelt, niemand auch nur die geringste Beachtung dem Tiere geschenkt. Schon am ersten Tage hatte ich Scharik gestreichelt und ihm Brot aus der Hand zu fressen gegeben. Als ich ihn streichelte, hatte er ganz still gestanden, freundlich mich angesehen und zum Zeichen seines Wohlbehagens langsam mit der Rute gewedelt. Jetzt aber, nachdem er mich, den ersten Menschen, dem es während seines ganzen Lebens eingefallen war, ihn zu streicheln, solange nicht gesehen hatte, war er überall herumgelaufen, um mich unter den anderen zu suchen – und als er mich nun hinter den Kasernen gefunden hatte, kam er heulend auf mich zugerannt. Ich weiß nicht mehr, was mit mir in jenem Augenblick geschah: ich umfaßte seinen Kopf und küßte ihn. Er setzte seine Vorderpfoten auf meine Schultern und leckte mir das Gesicht.

„Da habe ich jetzt einen Freund, den mir das Schicksal gesandt hat!“ dachte ich, und jedesmal, wenn ich in dieser ersten schweren Zeit von der Arbeit zurückkehrte, eilte ich, noch bevor ich in die Küche ging, hinter die Kasernen, um dort den an mir emporspringenden, vor Freude heulenden Scharik zu umfassen und immer wieder seinen Kopf zu küssen, während ein süßes und doch zugleich quälend bitteres Gefühl mein Herz bedrückte. Und ich entsinne mich noch, es war mir sogar angenehm, zu denken, gleichsam als wäre ich vor mir selbst auf meine Qual stolz gewesen, daß mir in der ganzen Welt nur noch ein einziges lebendes Wesen geblieben war, das mich liebte und mir zugetan war, – mein Freund, mein einziger Freund, mein treuer Hund Scharik.