V.
Der erste Monat
Am vierten Tage nach meiner Ankunft im Ostrogg wurde ich zur Arbeit befohlen. Dieser erste Arbeitstag ist mir noch deutlich in der Erinnerung, wenn auch im Verlauf gerade dieses Tages nichts gar zu Ungewöhnliches mit mir geschah – abgesehen von dem ohnehin schon Ungewöhnlichen meiner Lage. Aber die Zwangsarbeit war doch etwas neues für mich und ich blickte immer noch mit der größten Neugier um mich.
Diese ersten drei Tage hatte ich mit den schwersten Empfindungen verbracht. „Das ist jetzt das Ende meines Lebens: ich bin im Ostrogg!“ dachte ich immer und immer wieder, „das ist nun mein Hafen für viele lange Jahre, mein Winkel, den ich mit so mißtrauischem, krankhaftem Empfinden betrete ... Doch wer weiß? Vielleicht werde ich, wenn ich ihn nach vielen Jahren verlasse, noch mit Bedauern von ihm scheiden? ...“ fügte ich hinzu, nicht ohne eine Beimischung jenes Gefühls der Schadenfreude, das zuweilen zu dem Bedürfnis wird, absichtlich in seiner Wunde zu wühlen, ganz als wollte man sich an seinem Schmerz ergötzen, ganz als wäre in der Erkenntnis der ganzen Größe des Unglücks tatsächlich ein Genuß. Der Gedanke, daß ich einmal mit Bedauern diesen Winkel verlassen könnte, erfüllte mich mit Entsetzen: schon damals fühlte ich voraus, bis zu welch einer Ungeheuerlichkeit der Mensch sich an alles gewöhnen kann. Aber all das lag noch in der Zukunft, vorläufig war alles um mich herum fremd, feindlich und – furchtbar ... oder wenn auch nicht alles so war, so mußte mir doch selbstverständlich alles so erscheinen. Diese gierige Neugier, mit der mich meine neuen Lebensgefährten betrachteten, ihre doppelte Kälte zu dem Neuling aus dem Adelstande, der plötzlich in ihre Gemeinschaft eindrang, diese sichtbare Abneigung, die mitunter fast an Haß grenzte, – all das quälte mich dermaßen, daß ich selbst so bald als möglich zur Arbeit geschickt zu werden wünschte, nur um schneller mein ganzes Elend ermessen zu können, nur um dasselbe Leben zu führen, das sie alle führten, um möglichst bald mit den anderen am gleichen Strang zu ziehen.
Natürlich bemerkte und vermutete ich damals vieles nicht, was dicht vor meinen Augen lag: unter dem Feindlichen hatte ich das Freundliche noch nicht entdeckt. Übrigens richteten mich schon die wenigen freundlichen, zutraulichen Menschen, die mir in diesen drei Tagen entgegengetreten waren, bedeutend auf. Am freundlichsten und wohlwollendsten zu mir war Akim Akimytsch. Ich konnte nicht umhin, unter den übrigen düsteren und gehässigen Gesichtern der Sträflinge auch einige gute und heitere wahrzunehmen.
„Überall gibt es schlechte Menschen, und unter den schlechten auch gute,“ beeilte ich mich zu meiner Beruhigung zu denken, – „und, wer weiß, diese Menschen sind vielleicht gar nicht so viel schlechter als jene, die _übrigen_, die dort _zurückgeblieben_ sind, hinter den Palissaden.“
Und während ich das dachte, schüttelte ich selbst mein Haupt ob meines Gedankens, und doch, – mein Gott! – wenn ich damals nur geahnt hätte, wie, wie richtig dieser Gedanke war!
Da habe ich zum Beispiel einen Menschen, der während der ganzen Zeit meiner Kátorga beständig bei mir war, erst nach vielen, vielen Jahren völlig kennen gelernt. Das war der Arrestant Ssuschiloff. Als ich soeben von den Arrestanten sprach, die _nicht schlechter_ wären, als die anderen Menschen, tauchte er unwillkürlich sofort wieder in meiner Erinnerung auf. Er bediente mich. Aber außer ihm hatte ich noch einen anderen Diener. Akim Akimytsch hatte mir gleich in den ersten Tagen einen Arrestanten, Ossip mit Namen, ganz besonders empfohlen, und gesagt, er würde mir für dreißig Kopeken Monatsgehalt täglich besonderes Essen zubereiten, falls mir die Staatskost so zuwider sei und ich die Mittel zu diesem Luxus hätte. Ossip war einer von den vier Köchen, die von den Arrestanten für unsere zwei Küchen gewählt wurden, wobei es diesen vollkommen frei stand, die Wahl anzunehmen oder nicht; und hatte man sie angenommen, so konnte man, wenn man wollte, schon am nächsten Tage sein Amt und seine Würde wieder niederlegen. Die Köche gingen nicht zur Zwangsarbeit und ihre ganze Aufgabe bestand darin, daß sie Brot backten und die Kohlsuppe kochten. Sie wurden aber nicht Köche genannt, sondern weiblich – Köchinnen, doch geschah das nicht etwa aus Verachtung zu ihnen – um so weniger, als für die Küche geschickte und nach Möglichkeit ehrliche Leute gewählt wurden, – sondern einfach nur so zum Scherz, was unsere Köche denn auch durchaus nicht übel nahmen. Ossip wurde bei jeder neuen Wahl wiedergewählt, er war mehrere Jahre lang Köchin und sagte sich nur bisweilen auf kurze Zeit vom Amte los, wenn ihn die Sehnsucht gar zu sehr ergriff und er die Lust zu schmuggeln nicht mehr bewältigen konnte. Er war ein selten ehrlicher und sanfter Mensch, war aber wegen Schmuggel verurteilt worden. Dieser Ossip war jener große, gesunde, leidenschaftliche Kontrabandist, von dem ich bereits gesprochen habe, ein Hasenfuß in jeder Beziehung, besonders was Ruten anbelangt, sonst aber, friedsam, und widerspruchslos und freundlich gegen jedermann, hatte er noch niemals mit einem anderen einen Streit gehabt. Aber trotz seiner ganzen Ehrlichkeit und Ängstlichkeit konnte er sich doch nicht bezwingen, zu schmuggeln, – das war seine Leidenschaft. Er handelte, wie’s auch die übrigen „Köchinnen“ taten, mit Branntwein, allerdings nicht in dem Maßstabe, wie zum Beispiel Gasin, denn er hatte nicht den Mut, so viel zu wagen.
Mit diesem Ossip stand ich mich immer sehr gut. Was jedoch die Mittel zur eigenen Beköstigung betrifft, so brauchte man dazu nur sehr wenig. Ich irre nicht, wenn ich sage, daß meine Beköstigung mir monatlich nur auf einen Rubel Silber zu stehen kam, ohne Brot natürlich, das zur Staatskost gehörte und von dem jeder nach Herzenslust essen konnte, und hin und wieder eine Portion Kohlsuppe, die ich trotz meines Widerwillens – der übrigens mit der Zeit ganz verging – zuweilen aß, wenn ich gar zu hungrig war. Gewöhnlich ließ ich mir ein Stück Rindfleisch kaufen, pro Tag ein Pfund, das im Winter nur zwei Kopeken kostete. Nach dem Rindfleisch ging täglich einer der Invaliden auf den Markt. Diese Invaliden lebten zu je einem in jeder Kaserne und hatten nach der Ordnung zu sehen. Sie nahmen es freiwillig auf sich, täglich auf den Markt zu gehen und die nötigen Einkäufe für die Sträflinge zu besorgen, wofür sie jedoch keinerlei Entschädigung oder Zahlung annahmen, abgesehen vielleicht von irgend welchen Kleinigkeiten. Sie taten es um ihrer eigenen Ruhe willen, denn anders wäre es ihnen schwer gefallen, sich im Ostrogg mit den Arrestanten einzuleben. Und so brachten sie denn Rindfleisch, Tabak, Tee, Kalatschen usw., nur Branntwein besorgten sie nicht. Aber darum bat man sie auch gar nicht, wohl aber bot man ihnen bisweilen welchen an. Ossip briet mir mehrere Jahre lang immer ein und dasselbe Stück Rindfleisch. Wie er es briet, das ist eine andere Frage, aber das war ja auch nebensächlich. Auffallend ist dabei nur, daß ich im Verlauf von mehreren Jahren mit meiner Köchin Ossip kaum ein paar Worte gewechselt habe. Oft machte ich den Versuch, mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen, aber kein einziges Mal gelang es mir, eine eingehendere Antwort von ihm zu erhalten: er lächelte, sagte je nach der Frage „nein“ oder „ja“, und das war denn auch alles. Mitunter war es ganz sonderbar, diesen anscheinend siebenjährigen Herkules anzusehen.
Doch außer Ossip bediente mich noch Ssuschiloff. Ich hatte ihn weder darum gebeten noch überhaupt einen solchen Diener gesucht. Er hatte mich gewissermaßen selbst gefunden und war ungefragt in meinen Dienst getreten. Ich entsinne mich heute nicht einmal mehr, wie es damals kam. Ich glaube, zuerst fing er an, meine Wäsche zu waschen. Hinter den Kasernen war zu diesem Zweck eine große Waschgrube und über dieser Grube wurde in großen Trögen, die der Regierung gehörten, die Wäsche der Sträflinge gewaschen. Außerdem erfand er selbst noch tausend andere kleine Pflichten, um sich mir nützlich zu machen: er setzte meinen Tee auf, erfüllte verschiedene kleine Aufträge, suchte etwas für mich auf, trug meine Jacke zum Schneider, um sie ausbessern zu lassen, schmierte meine Stiefel etwa viermal im Monat. Alles tat er geschäftig und gewissenhaft, ganz als hätten auf ihm weiß Gott was für Pflichten gelegen. Kurz, er verknüpfte seine ganze Existenz mit der meinigen und nahm alle meine Obliegenheiten auf sich. Zum Beispiel sagte er niemals: „Sie haben so und soviel Hemden, Ihre Jacke ist zerrissen,“ und ähnliches mehr, sondern stets: „_Wir_ haben so und soviel Hemden, _unsere_ Jacke ist zerrissen.“ Er sah mir dabei stramm in die Augen, und nahm, glaube ich, diesen Dienst für die Hauptbestimmung seines Lebens. Ein Handwerk, oder wie die Arrestanten sagten, eine Werkschaft, hatte er nicht und so verdiente er sich nur von mir allein ein paar Kopeken. Ich zahlte ihm, wieviel ich konnte, d. h. nur einige Kopeken, und er war jedesmal widerspruchslos mit allem zufrieden, was ich ihm gab. Er konnte einfach nicht anders, er mußte jemandem dienen und allem Anschein nach hatte er mich nur deshalb erwählt, weil ich umgänglicher war als die anderen und ehrlicher im Zahlen. Er gehörte zu denen, die nie reich werden oder sich emporarbeiten konnten, und die von den Kartenspielern gemietet wurden, um für fünf Kopeken in Silber fast die ganze Nacht im Flur bei der größten Kälte auf Posten zu stehen, auf jedes Geräusch zu achten, und wenn sie sich dennoch vom Platzmajor überraschen ließen, nichts bezahlt, wohl aber ungezählte Hiebe zu erhalten. Ich habe schon von ihnen gesprochen. Die Charakteristik dieser Menschen ist – die eigene Persönlichkeit immer, überall und fast vor einem jeden zu erniedrigen und in gemeinsamen Angelegenheiten eine Rolle nicht nur zweiten, sondern dritten Ranges zu spielen. Das ist bei ihnen schon von Natur so eingerichtet.
Ssuschiloff war ein armer kleiner Teufel, vollkommen wortverschüchtert und erniedrigt, sogar verprügelt, wenn man will, obgleich er bei uns niemals geschlagen wurde, sondern einfach „von Natur“ verprügelt. Er tat mir immer sehr leid. Ich konnte ihn nicht einmal ansehen ohne Mitleid, warum aber nicht, – das hätte ich selbst nicht zu sagen gewußt. Unterhalten konnte man sich mit ihm ebensowenig wie mit Ossip: er verstand nicht zu sprechen und man sah es ihm an, daß das Sprechen ihm eine Qual war, und er belebte sich erst dann, wenn man ihm, um das Gespräch abzubrechen, irgend einen Auftrag gab. Zuletzt überzeugte ich mich, daß ich ihm mit dieser Beschäftigung sogar ein Vergnügen bereitete. Er war weder groß noch klein von Wuchs, weder hübsch noch häßlich, weder dumm noch klug, weder alt noch jung, ein wenig pockennarbig und von Haar blond zu nennen. Gar zu viel Bezeichnendes kann man von ihm in keiner Beziehung sagen. Ach doch, eines, aber das ist auch das einzige: wie es mir schien und nach dem, was ich selbst erraten habe, gehörte er zur selben Gesellschaft, zu der auch Ssirotkin gehörte, und zwar einzig wegen seiner Schutzlosigkeit und Schüchternheit. Die anderen Arrestanten lachten zuweilen über ihn, doch hauptsächlich taten sie es, weil er unterwegs _getauscht_ hatte, und zwar im ganzen für einen Rubel Silber und ein rotes Hemd. Wegen dieses geringen Preises wurde er denn auch ausgelacht. Dieses „Tauschen“ bedeutet, mit einem anderen Sträfling in seinem Trupp den Namen und folglich auch die Strafe tauschen. Wie sonderbar einem das auch scheinen mag, so ist es doch Tatsache; und zu meiner Zeit stand diese Art Tauschhandel unter den Gefangenen auf dem Transport nach Sibirien in voller Blüte, und war durch die Überlieferung und gewisse Formalitäten sogar geheiligt. Anfangs konnte ich es unmöglich glauben, später aber mußte ich es wohl oder übel, da ich es selbst miterlebte.
Das „Tauschen“ geschieht folgendermaßen:
Es wird zum Beispiel ein Trupp Gefangener nach Sibirien transportiert. Unter ihnen gibt es verschieden Verurteilte: die einen zur Zwangsarbeit, die anderen in ein Hüttenwerk, die dritten zur Ansiedlung; alle marschieren zusammen. Irgendwo nun unterwegs, sagen wir im Permschen Gouvernement, wünscht einer der Gefangenen, mit einem anderen zu tauschen. Nehmen wir ein Beispiel: irgend ein Michailoff, der wegen Mordes oder sonst eines schweren Verbrechens verurteilt ist, findet es nicht vorteilhaft für sich, auf lange Jahre in die Zwangsarbeit zu marschieren. Nehmen wir an, er ist ein schlauer, geriebener Junge, der eine Sache richtig anzufassen weiß. Und so sucht er sich denn einen aus seinen Marschgenossen aus, der möglichst schüchtern, harmlos, schutzlos und ahnungslos ist und im Vergleich zu ihm einer leichten Strafe entgegengeht: entweder auf kurze Zeit in ein Hüttenwerk, oder zur Ansiedlung, oder selbst in die Kátorga, aber nur auf kürzere Zeit als er. Endlich findet er einen Ssuschiloff. Dieser ist ein gewöhnlicher Gutsbauer und nur zur Ansiedlung verschickt. Er hat schon an tausendfünfhundert Werst abmarschiert, natürlich ohne eine Kopeke in der Tasche, denn Ssuschiloff kann nie Geld haben, – er schleppt sich aber weiter, ausgehungert, müde, nur in den vom Staat gelieferten Kleidern, nährt sich nur von der Staatskost, ohne jeden schmackhaften Bissen, – so gut es eben schmecken will –, dient allen anderen für armselige Kopeken. Da kommt nun Michailoff und redet den Ssuschiloff an, spricht mit ihm des öfteren, schließt sogar Freundschaft mit ihm, und eines Tages, auf irgend einer Etappe, setzt er ihm Branntwein vor. Dann erst rückt er mit seinem Plan heraus: er schlägt dem anderen vor, mit ihm zu tauschen. So und so, ich, Michailoff, gehe in die Kátorga, aber andererseits auch wieder nicht in die Kátorga, sondern in eine gewisse „besondere Abteilung“. Wenn das auch Kátorga ist, so ist es doch immerhin eine besondere, d. h. so viel wie in eine bessere. – Von dieser besonderen Abteilung wußten zur Zeit ihres Bestehens selbst die zugehörigen Beamten, sagen wir, in Petersburg, kaum etwas. Das war ein so abgesonderter, weltferner Winkel in einem der Winkel Sibiriens, und überdies so wenig bevölkert – zu meiner Zeit gab es in ihm nicht mehr als etwa siebzehn Menschen –, daß es nicht jedermanns Sache und außerdem sehr schwer war, auf seine Spur zu kommen. In meinem späteren Leben habe ich Menschen getroffen, die in Sibirien lange Jahre gedient hatten und Sibirien kannten, von dieser besonderen Abteilung aber zum ersten Mal von mir hörten. Im Gesetzbuch steht über dieselbe nur eine Bemerkung von vier Zeilen:
„Bei dem und dem Ostrogg wird eine besondere Abteilung für die schwersten Verbrecher eingerichtet, bis zur Einführung der schwersten Zwangsarbeit in Sibirien.“
Selbst die Sträflinge dieser „Abteilung“ wußten nicht, ob sie auf ewig dort waren oder nur für eine bestimmte Zeit.
Auch im Gesetzbuch war kein Termin vorgesehen, es hieß nur: „bis zur Einführung der schwersten Zwangsarbeit“, und das war alles; – folglich „ewig in der Kátorga“, wie die Zwangsarbeiter sagten. So ist es denn auch nicht weiter wunderlich, wenn weder ein Ssuschiloff noch sonst jemand von den mit ihm marschierenden Gefangenen etwas davon weiß, selbst Michailoff nicht ausgenommen, der sich aber von der „besonderen Abteilung“ nur insofern eine zutreffendere Vorstellung macht, als er nach seinem schweren Verbrechen, für das er schon seine drei- bis viertausend Hiebe erhalten hat, urteilen kann, daß man ihn nicht gerade nach einem angenehmen Ort schickt.
Ssuschiloff dagegen ist zur Ansiedlung verschickt: was ist nun besser? – „Willst du nicht mit mir tauschen?“ – Ssuschiloff ist halbbetrunken, ist eine einfache Seele, ist seinem Gönner Michailoff voll Dankbarkeit ergeben und so wagt er nicht recht abzuschlagen. Hinzu kommt, daß er unterwegs von solchen Tauschgeschäften schon gehört hat, daß andere es gleichfalls tun, und folglich nichts Unerhörtes dabei ist. Man einigt sich. Der gewissenlose Michailoff benutzt die gutherzige Einfalt Ssuschiloffs und kauft ihm seinen Namen für ein rotes Hemd und einen Silberrubel ab, was er ihm sogleich in Gegenwart von Zeugen einhändigt. Am nächsten Tage ist Ssuschiloff nicht mehr betrunken, er wird aber von neuem bewirtet, und dann, nun ja, jetzt geht es nicht mehr gut, noch abzusagen: der erhaltene Silberrubel ist schon vertrunken, das rote Hemd nach einiger Zeit – gleichfalls. Willst du nicht, so gib das Geld und das Hemd zurück. Wo aber soll ein Ssuschiloff einen ganzen Silberrubel hernehmen? Und gibt er ihn nicht zurück, so wird ihn die Sträflingsgenossenschaft dazu zwingen, seinen Namen dem anderen abzutreten: darauf wird streng geachtet. Zudem, hast du versprochen, so erfülle auch – das ist die Moral der Genossenschaft. Sonst wird er aufgefressen. Man verprügelt ihn unendlich oder schlägt ihn einfach tot, oder wenigstens wird er damit geschreckt.
In der Tat, würde die Genossenschaft nur in einem einzigen Fall Nachsicht üben, so wäre der Handel mit dem Namentausch ein- für allemal beendet. Wenn man sich von dem Versprechen lossagen und einen abgeschlossenen Handel rückgängig machen kann, nachdem man das Geld schon genommen hat, und ohne das Geld zurückzugeben – wer wird dann noch so dumm sein und noch einmal auf diesen Handel eingehen? Mit einem Wort, so etwas geht die ganze Genossenschaft an und darum ist sie unerbittlich in diesen Dingen. Schließlich sieht denn auch Ssuschiloff ein, daß ihm kein Beten und Singen mehr hilft und fügt sich stillschweigend endgültig drein. Sofort wird es dem ganzen Trupp mitgeteilt, und wenn’s nötig ist, wird noch diesem und jenem guten Freunde Branntwein oder ein Geschenk gegeben. Jenen ist es im Grunde natürlich völlig gleichgültig, ob Michailoff oder Ssuschiloff in des Teufels Horn kriecht, der Branntwein ist aber ausgetrunken: sie sind doch bewirtet worden, und so halten sie reinen Mund. Auf der nächsten Etappe werden die Gefangenen revidiert. Die Namen werden nach dem Alphabet ausgerufen, man kommt zu M. – „Michailoff!“ – „Hier!“ antwortet Ssuschiloff. Man kommt zu S. – „Ssuschiloff!“ – „Hier!“ schreit wiederum Michailoff, und so geht man weiter. Niemand verliert darüber noch ein Wort. In Tobolsk werden die Gefangenen sortiert: Michailoff kommt zu den Ansiedlern und Ssuschiloff wandert unter doppelter Eskorte in die „besondere Abteilung“. Weiterhin ist jeder Protest unmöglich. Und wie sollte man es beweisen? Durch wieviel Jahre würde sich die Untersuchung hinschleppen? Und was kann es dafür noch alles setzen? Und dann – wo sind die Zeugen? Selbst wenn man sie zur Hand hätte, sie würden ja doch die Tatsache leugnen. Und somit ist das Resultat, daß Ssuschiloff für einen Silberrubel und ein rotes Hemd in die „besondere Abteilung“ gerät.
Die Arrestanten lachten über Ssuschiloff, – nicht seines Tausches wegen, obgleich man auf jeden, der eine leichtere Arbeit gegen eine schwerere eingetauscht hat, mit einer gewissen Verachtung herabsieht, wie eben auf einen hereingefallenen Dummkopf, sondern weil er dafür nur ein rotes Hemd und einen einzigen Silberrubel genommen hatte. Das war denn doch ein gar zu geringer Preis. Gewöhnlich tauscht man nur für große Summen, im Verhältnis gesprochen. Man nimmt etwa mehrere Zehnrubelscheine dafür. Ssuschiloff war aber so schutzlos, so hilflos, so unterwürfig und so armselig, daß man eigentlich kaum noch über ihn lachen wollte.
Es vergingen die Jahre und Ssuschiloff diente mir gewissenhaft. Mit der Zeit wurde er mir sehr zugetan, was ich zu bemerken nicht umhin konnte; und auch ich hatte mich sehr an ihn gewöhnt. Einmal aber – das werde ich mir nie verzeihen – hatte er irgend etwas, um das ich ihn gebeten, nicht getan, kurz vorher aber hatte er noch von mir Geld geborgt, und ich war so grausam, zu ihm zu sagen: „Seht mal, Ssuschiloff, Geld versteht Ihr zu nehmen, aber um was man Euch bittet, versteht Ihr nicht auszuführen.“ Ssuschiloff sagte kein Wort, lief sofort hin und verrichtete die Sache, wurde aber seit dem Augenblick immer trauriger. Es vergingen zwei Tage. Ich dachte: es kann doch nicht sein, daß er wegen dieser Worte so traurig ist? Ich wußte, daß ihn ein Arrestant, Anton Wassiljeff, beständig wegen einer kleinen Kopekenschuld plagte. Sicherlich hat er kein Geld, dachte ich, und nun fürchtet er sich, von mir welches zu erbitten. Am dritten Tage sagte ich zu ihm: „Ssuschiloff, Ihr wolltet mich, glaube ich, um Geld bitten, um Eure Schuld an Anton Wassiljeff zu bezahlen? Da habt Ihr.“ Ich saß damals auf der Pritsche; Ssuschiloff stand vor mir. Er war, wie es schien, sehr erschrocken, denn das hatte er offenbar nicht erwartet, daß ich ihm ungefragt Geld anbieten und ihn an seine mißliche Lage erinnern könnte, umsoweniger, als er in der letzten Zeit seiner Meinung nach schon gar zu viel von mir bekommen hatte und folglich kaum darauf hoffen konnte, noch welches zu erhalten. Er sah das Geld an, sah mich an, drehte sich plötzlich um und ging hinaus. Das wunderte mich. Ich ging ihm nach und fand ihn hinter den Kasernen. Er stand am Palissadenzaun und hatte den Kopf an einen Pfahl gestützt.
„Ssuschiloff, was ist mit Euch?“ fragte ich ihn.
Er sah mich nicht an, doch gewahrte ich zu meinem größten Erstaunen, daß er bereit war, in Tränen auszubrechen.
„Ihr Alexander Petrowitsch ... denkt ...“ begann er mit versagender Stimme und krampfhaft nur zur Seite gewandtem Blick, „daß ich Euch ... für Geld ... ich aber ... ich! ...“ Und er wandte sich wieder zu den Palissaden, so daß er bei der plötzlichen Bewegung mit der Stirn sogar heftig anstieß, – und schluchzte! ... Es war das erste Mal, daß ich im Ostrogg einen weinenden Menschen sah. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn zu trösten, und wenn er auch seit dem Tage womöglich noch eifriger mir zu dienen und zu „gehorchen“ suchte, so bemerkte ich dennoch an einigen fast unmerklichen, unerhaschbaren Anzeichen, daß er im Herzen mir doch niemals meinen Vorwurf verzeihen konnte. Die anderen aber lachten fortwährend über ihn, zogen ihn bei jeder passenden Gelegenheit unbarmherzig auf, schimpften ihn sogar unbeschreiblich, – er jedoch nahm jenen nie etwas übel und lebte friedlich und in gutem Einvernehmen mit ihnen.
Ja, es ist sehr schwer, einen Menschen von Grund auf kennen zu lernen, selbst lange Jahre beständigen Zusammenseins genügen nicht einmal!
Das war auch der Grund, warum mir der ganze Ostrogg in der ersten Zeit nicht so erschien, wie in der letzten. Und so kam es denn auch, daß ich, wie ich schon sagte, trotz meiner ganzen Neugier und verdoppelten Aufmerksamkeit, doch vieles nicht sah, was dicht vor meinen Augen geschah. Natürlich waren es anfangs nur die auffallenden, grell beleuchteten Erscheinungen, die ich bemerkte, aber auch diese faßte ich falsch auf und sie hinterließen in meiner Seele nur einen schweren, hoffnungslos traurigen Eindruck. Viel trug dazu auch noch meine Begegnung mit A–ff bei, einem Sträfling, der gleichfalls kurz vor mir in den Ostrogg gekommen war und mich in den ersten Tagen durch seinen besonders qualvollen Eindruck peinigte. Übrigens hatte ich schon vorher erfahren, daß ich ihn im Ostrogg vorfinden würde. Er vergiftete mir geradezu diese erste schwere Zeit und machte meine seelischen Qualen nahezu unerträglich. Ich kann es nicht unterlassen, auch von ihm Näheres zu erzählen:
Er war das widerlichste Beispiel dafür, bis zu welchem Grade der Mensch sich erniedrigen und sinken, in welchem Maße er jedes sittliche Gefühl in sich ertöten kann, ohne daß es ihm Mühe oder Reue kostet.
A–ff war ein junger Mensch aus dem Adelsstande. Ich habe hier schon einmal von ihm gesprochen: ich sagte, daß er unserem Platzmajor alles hinterbrachte, was im Ostrogg geschah, und daß er sich mit dessen Burschen Fedjka angefreundet hatte.
Seine Lebensgeschichte ist kurz folgende: Ohne auch nur eine einzige Lehranstalt zu absolvieren, war er, nachdem er sich in Moskau mit seinen Verwandten entzweit hatte – er hatte sie durch sein ausschweifendes Leben nicht wenig bekümmert, – nach Petersburg gegangen, wo er sich um des Geldes willen zu einem niederträchtigen Verrat entschlossen hatte: er überantwortete zehn Menschen dem Tode, nur um seinen rohen und verderbten Leidenschaften frönen zu können – so daß er denn, da ihm Petersburg, seine Lokale und großen Straßen zu Kopf gestiegen waren, obgleich er sonst kein dummer Mensch war, sich auf ein so sinnloses und häßliches Unternehmen einließ. Er wurde aber bald überführt: er hatte unschuldige Menschen angegeben, hatte viele betrogen, und war dafür nach Sibirien in unseren Ostrogg auf zehn Jahre verschickt worden. Er war noch sehr jung, sein Leben hatte erst begonnen. Man sollte meinen, daß eine so furchtbare Veränderung seines Schicksals ihn zum Nachdenken hätte bringen, seine Natur zu einem Widerstand hätte zusammenreißen müssen. Doch es war nichts davon geschehen. Er nahm sein neues Leben ohne die geringste Verwirrung entgegen, ohne den geringsten Ekel, er fühlte sich nicht einmal sittlich davon abgestoßen, es schreckte ihn nichts ab, außer vielleicht die Notwendigkeit zu arbeiten und Petersburg mit allem für ihn Schönen zu verlassen. Es hatte sogar den Anschein, als habe der Rang eines sibirischen Sträflings ihm erst recht die Hände befreit, als sei er jetzt seiner Meinung nach zu noch größeren Gemeinheiten und Schändlichkeiten berechtigt: „Ist man Sträfling, dann muß man eben Sträfling sein; ist man Sträfling, so kann man alles begehen, es wird nicht schändlich sein.“ Das war buchstäblich seine Meinung. Ich erinnere mich dieser scheußlichen Kreatur geradezu wie eines Phänomens. Ich habe lange Jahre unter Mördern, Wollüstlingen und den abgefeimtesten Spitzbuben gelebt, doch kann ich ruhig sagen, daß ich eine so absolute sittliche Verkommenheit, eine so scheußliche Verderbnis und so niedrige Gemeinheit wie bei A–ff niemals angetroffen habe. Bei uns im Ostrogg gab es noch einen Vatermörder, gleichfalls adliger Herkunft – es ist einmal schon von ihm die Rede gewesen –, doch konnte ich mich an vielen Dingen überzeugen, daß selbst dieser unvergleichlich menschlicher und edler war als A–ff. In meinen Augen war A–ff während der ganzen Zeit meines Ostrogglebens ein Stück Fleisch mit Zähnen und einem Magen und mit unstillbarem Verlangen nach rohesten, tierischsten physischen Genüssen, und für die Befriedigung selbst der kleinsten dieser Verlangen wäre er fähig gewesen, in der kaltblütigsten Weise zu ermorden, zu erdrosseln, mit einem Wort, zu allem, vorausgesetzt nur, daß die Sache nicht herauskäme und er keine Strafe zu fürchten hatte. Ich übertreibe durchaus nicht, ich habe ihn nur zu gut erkannt. Er war ein Beispiel dafür, wie weit die physische Seite des Menschen, sobald sie innerlich von keiner Norm, keinem Gesetz zusammengehalten wird, sinken kann. Und wie ekelhaft war es mir, sein ewig höhnisches Lächeln zu sehen. Er war ein Monstrum, ein sittliches Ungeheuer. Dazu war er noch schlau und klug, hübsch, sogar gewissermaßen gebildet, nicht unbegabt. Nein, dann wäre es doch besser, eine Feuersbrunst käme über die Welt, oder Pest und Hungersnot, als daß solch ein Mensch in der Gesellschaft bliebe!
Ich habe schon davon gesprochen, daß im Ostrogg alles so verrottet war, daß Spionage und heimliche Anzeigen geradezu blühten, die Arrestanten aber über die Spione oder Hinterbringer nicht den geringsten Unwillen bekundeten. Im Gegenteil, mit A–ff z. B. standen sie sich sogar sehr gut und verkehrten mit ihm unvergleichlich freundschaftlicher als mit uns übrigen. Das Wohlwollen, das unser Major in trunkenem Zustande für ihn an den Tag legte, gab ihm in den Augen der anderen Bedeutung und Gewicht. Unter anderem hatte er auch den Major versichert, daß er Porträts malen könne – den Arrestanten hatte er gesagt, er sei Gardeleutnant gewesen –, worauf jener ihn zu sich ins Haus zur Arbeit kommen ließ, um ihn, den Major, zu porträtieren. Bei der Gelegenheit war er denn auch mit Fedjka zusammengekommen, der auf seinen Herrn und folglich auch auf alle und alles im Ostrogg einen großen Einfluß hatte. A–ff spionierte im Ostrogg auf Verlangen des Majors, dieser aber schimpfte ihn deswegen, wenn er ihm in betrunkenem Zustande Ohrfeigen gab, nannte ihn einen Ohrenbläser, gemeinen Hinterbringer und Spion. Es kam vor, und sogar sehr oft, daß der Major sich im nächsten Augenblick nach den Ohrfeigen wieder auf seinen Stuhl setzte und ihm weiterzumalen befahl. Unser Major schien in der Tat zu glauben, daß A–ff ein bedeutender Künstler sei, womöglich ein zweiter Brüloff, von dem auch er einmal gehört haben mochte, doch ungeachtet aller Genialität, glaubte er, der Major, sich doch berechtigt, den anderen links und rechts zu schlagen, denn wenn jener auch ein noch so großer Künstler und selbst ein doppelter Brüloff gewesen wäre, so war er, der Major, ihm doch noch über, nämlich als sein Vorgesetzter, und folglich konnte er mit jenem machen, was er wollte. Übrigens ließ er sich von A–ff auch die Stiefeln ausziehen, verschiedene Gefäße aus dem Schlafzimmer hinaustragen, konnte sich aber trotz allem lange Zeit noch nicht von dem Gedanken lossagen, daß A–ff ein großer Künstler sei. Mit dem Porträtieren ging es unendlich langsam vorwärts, fast ein ganzes Jahr lang zog sich das Malen hin, bis der Major dann doch endlich erriet, daß er betrogen worden war. Da sah er denn auch bald ein, daß das Bild ihm mit jedem Tage unähnlicher wurde und seine Vollendung noch weit im Felde lag: er verprügelte den Künstler und schickte ihn zur Strafe in den Ostrogg zur schwersten Arbeit. A–ff bedauerte diese Schicksalswendung natürlich sehr, und es fiel ihm schwer, auf die schönen müßigen Tage, die Abfälle von der Majorstafel, seinen Freund Fedjka und auf alle schönen Dinge, die sie sich in der Küche zu bereiten gewußt hatten, ein für allemal Verzicht zu leisten. Jedenfalls hörte der Major nach der Entfernung A–ffs auf, einen gewissen M. zu verfolgen, einen Sträfling, den A–ff unaufhörlich bei ihm verleumdet hatte, und zwar aus folgendem Grunde: Dieser M. war vor der Ankunft A–ffs im Ostrogg völlig allein gewesen. Er hatte große Sehnsucht nach einem Menschen, mit dem er hätte sprechen können, hatte aber für die übrigen Arrestanten nur Entsetzen und Widerwillen übrig, und bemerkte natürlich nichts von all dem, was ihn hätte aussöhnen und sie ihm näherbringen können. Die Arrestanten zahlten ihm mit derselben Münze heim. Überhaupt ist im Ostrogg die Stellung solcher Leute wie M. einfach grauenvoll. Der Grund, warum man A–ff verschickt hatte, war ihm unbekannt. A–ff dagegen, der bald erriet, mit wem er es zu tun hatte, versicherte ihn, er, A–ff, sei so gut wie für das Gegenteil einer Denunziation verschickt worden, also fast für dasselbe Vergehen, aufgrund dessen auch M. in den Ostrogg gekommen war. M. war glückselig über den Schicksalsgenossen und Freund, pflegte, tröstete ihn in den ersten Tagen, da er glaubte, jener müsse sehr leiden, gab ihm sein letztes Geld, gab ihm zu essen, teilte mit ihm seine ganze Habe. A–ff aber fing sofort an, ihn zu hassen, vor allem deshalb, weil jener ein edler Mensch war und mit solchem Entsetzen auf jede niedrige Handlung sah, und hauptsächlich, weil er selbst diesem M. so unähnlich war. Und schon bei der ersten Gelegenheit beeilte sich A–ff, alles dem Major mitzuteilen, was M. ihm in den Gesprächen über den Ostrogg und den Major gesagt hatte.
Der Major schwor dafür Rache, haßte M. und versuchte ihm zu schaden, wo er nur konnte, und wenn nicht der Kommandeur noch mit seiner Autorität dagewesen wäre, hätte der Major es richtig noch zu etwas Schlimmerem gebracht. Doch all das verwirrte A–ff nicht im geringsten, als M. von seiner Schändlichkeit erfuhr; es behagte ihm sogar, jenem zu begegnen und ihn mit höhnischem Lächeln anzusehen. Das schien ihm geradezu ein Genuß zu sein. M. wies mich mehr als einmal selbst darauf hin. Dieses verkommene Subjekt floh später mit einem anderen Arrestanten und einem Eskortesoldaten, aber von dieser Flucht werde ich später ausführlicher erzählen. Anfangs versuchte er, auch bei mir sich einzuschmeicheln, da er im Glauben war, ich wüßte nichts von seiner Vergangenheit. Ich wiederhole es, dieses Subjekt machte mir die erste Zeit im Ostrogg noch schwerer, als sie ohnehin gewesen wäre. Mich entsetzte diese furchtbare Gemeinheit und Niedrigkeit, in die ich mich mitten hineinversetzt sah, als ich wieder zu mir kam und erwachte. Ich glaubte, daß hier im Ostrogg alle so schändlich und gemein wären. Aber ich hatte mich getäuscht: ich hatte nach A–ff auf alle geschlossen.
In diesen drei arbeitslosen Tagen schlenderte ich in meiner gedrückten, qualvollen Stimmung im Ostrogg umher, lag auf der Pritsche und gab einem zuverlässigen Arrestanten, den Akim Akimytsch mir empfohlen hatte, die mir ausgelieferte Leinwand ab, um mir Hemden nähen zu lassen, – natürlich für Bezahlung, das Hemd kostete nur wenige Kopeken –, schaffte mir auf den dringenden Rat Akim Akimytschs hin eine zusammenlegbare Matratze an, die aus Filz bestand, mit Leinwand überzogen und dünn wie ein Pfannenkuchen war, und außerdem noch ein Kopfkissen, das mit Wolle ausgestopft war und mir entsetzlich hart vorkam, da ich mich an so etwas noch nicht gewöhnt hatte. Akim Akimytsch bemühte sich eifrig um die Herstellung all dieser Sachen und nähte mir noch eigenhändig eine Decke aus alten Tuchstücken, alten Beinkleidern und Jacken, die ich von den anderen Arrestanten aufgekauft hatte.
Die ausgelieferten Kleidungsstücke wurden, wenn sie ihre vorschriftsmäßige Zeit vorgehalten hatten, Eigentum des Arrestanten, der sie dann sofort verkaufte; wie abgetragen das Ding auch sein mochte – im Ostrogg hatte es immer noch einen Wert. Überhaupt kam ich anfangs aus der Verwunderung gar nicht heraus; war es doch meine erste unmittelbare Berührung mit dem Volke. Ich selbst wurde plötzlich ganz ebenso Volk, ebenso ein sibirischer Arrestant, wie sie. Ihre Angewohnheiten, Begriffe, Meinungen, Sitten – wurden gleichsam auch die meinen, wenigstens der Form, dem Gesetz nach, wenn es auch in Wirklichkeit nicht der Fall war. Ich war erstaunt und verwirrt, als hätte ich vorher noch nichts von alledem geahnt oder gehört, obgleich ich schon vieles gewußt und gehört hatte. Aber die Wirklichkeit bringt immer einen ganz anderen Eindruck hervor, als das Wissen und Hören. Wie hätte ich zum Beispiel früher denken können, daß solche Sachen, solche Lumpen auch noch als Gegenstände oder gar als kaufkräftige Ware angesehen werden könnten. – Und da nähte ich mir nun aus ihnen noch eine Schlafdecke! Auch ist es schwer, sich vorzustellen, von welcher Art der Stoff war, der dem Arrestanten für die Kleider ausgeliefert wurde. Dem Ansehen nach schien er tatsächlich dickes Militärtuch zu sein; kaum aber war er getragen, so verwandelte er sich förmlich in ein Netz und zerriß empörend leicht. Übrigens mußte man mit dem Tuchanzug nur ein Jahr auskommen, aber selbst das war schwer. Ein Zwangsarbeiter muß naturgemäß arbeiten, er muß schwere Lasten tragen; seine Kleider werden abgerieben und zerreißen bald. Mit dem Pelze dagegen mußte man drei Jahre lang auskommen und diese Pelze dienten in der Regel noch als Schlafdecken und als Unterlage, da nur wenige Matratzen besaßen. Doch die Pelze sind stark. Trotzdem aber sah man nicht selten jemand, dessen Pelz zu Ende des dritten Jahres mit gewöhnlicher Leinwand geflickt war. Nichtsdestoweniger wurden sie, wenn sie auch noch so abgetragen waren, nach Ablauf der Tragefrist für fünfzig Kopeken in Silber verkauft. Für besser erhaltene wurden sogar sechzig bis siebzig Kopeken gezahlt, das aber ist in der Kátorga viel Geld.
Das Geld selbst hatte dort, wie ich schon mehrmals erwähnt habe, eine ungeheure Bedeutung, ja sogar Macht. Man kann ohne weiteres behaupten, daß ein Sträfling, der Geld hatte – und wenn es auch noch so wenig war – zehnmal weniger litt, als einer, der gar keines besaß, obwohl auch für diesen vom Staat gesorgt wurde. Wozu braucht ein Sträfling Geld? Das war etwas, was unsere „Obrigkeit“ nicht begreifen konnte. Ich aber sage nochmals: hätten die Sträflinge keine Möglichkeit gehabt, ihr eigenes Geld zu besitzen, so wären sie entweder irrsinnig geworden, oder sie wären wie die Fliegen gestorben – ungeachtet dessen, daß für sie in allem gesorgt war – oder, schließlich, sie hätten unerhörte Verbrechen begangen, die einen aus Sehnsucht, die anderen, um irgendwie so schnell als möglich vernichtet, hingerichtet zu werden, oder einfach irgendwie „sein Schicksal zu verändern“, wie der technische Ausdruck lautete. Wenn nun der Arrestant die Kopeken, die er im Schweiße seines Angesichts erworben hat, oder zu deren Erwerb er sich das Schlaueste ersonnen, was zugleich mit Diebstahl und Schurkereien verknüpft ist, wenn er sich für dieses Geld in die größte Gefahr begeben hat, dann aber dieses sauer erworbene Geld in einem Augenblick und so unklug, mit solchem kindischen Leichtsinn verschleudert, so beweist das noch lange nicht, daß er das Geld nicht schätzte, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Geldgierig ist er bis zur Krampfhaftigkeit, bis zum vollkommenen Verlust jeglicher Vernunft, und wenn er es beim „Durchgehen“ auch tausendmal wie Hobelspäne verschleudert, so verschleudert er es doch nur für das, was er noch höher hält als das Geld.
Was aber ist denn für den gefesselten Arrestanten noch höher als Geld?
Die Freiheit oder auch nur ein Traum, eine Vortäuschung von Freiheit.
Die sibirischen Zwangsarbeiter sind große Träumer. Doch davon werde ich später erzählen. Nur will ich, da ich soeben darauf zu sprechen gekommen bin, noch ein Beispiel anführen, ich weiß aber nicht, ob man es mir glauben wird: ich habe von den schwersten Verbrechern, die zu _zwanzig_ Jahren verurteilt waren, gehört – sie haben es mir selbst gesagt: „Nur ein bißchen Geduld, wenn Gott will, erledige ich hier noch meine Strafzeit, und dann ...“
Die ganze Bedeutung des Wortes „Arrestant“ bezeichnet einen Menschen ohne Willen, verschwendet er aber Geld, so handelt er nach _eigenem Willen_. Ungeachtet aller Brandmale, Ketten und des verhaßten Palissadenzauns, der ihm Gottes Welt abschließt, und ihn wie ein Tier im Käfige gefangen hält – kann er sich doch Branntwein verschaffen, d. h. soviel wie einen strengstens verbotenen Genuß, für Geld kann er sogar Frauenzimmer besuchen, kann er zuweilen sogar – wenn auch nur sehr selten – seine nächsten Vorgesetzten bestechen, die Invaliden und selbst den Unteroffizier, die dann ein Auge halb zudrücken, wenn er gegen das Gesetz und die Disziplin verstößt und ihm in manchen Dingen durch die Finger sehen, und obendrein kann er sich sogar ihnen gegenüber in die Brust werfen – das aber tut er ganz außerordentlich gern, – kann er sich vor den Kameraden den Anschein geben und sogar sich selbst überzeugen – wenn auch nur _auf kurze Zeit_, – daß er weit mehr Willen und Macht besitze, als es scheine. Mit einem Wort, er kann prassen und Lärm schlagen, kann sogar einen anderen unter die Füße treten und ihm beweisen, daß er alles das wirklich _kann_, daß es _in seiner Macht_ liegt, d. h., er kann sich im Besitz einer Sache glauben, an die der arme Teufel nicht einmal denken darf. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man bei den Arrestanten, selbst wenn sie nüchtern sind, eine so allgemeine Neigung zur Prahlerei findet, zu mutigem Auftreten, zu einer oft lächerlichen und naiven Erhebung der eigenen Persönlichkeit, wenn auch nur einer scheinbaren. Endlich kommt noch hinzu, daß diese ganze Prasserei nicht so ungefährlich ist, – folglich ist das Ganze immerhin eine gewisse Lebensvortäuschung, ein gewisser Schimmer von Freiheit. Und was gibt man nicht für die Freiheit! Welcher Millionär würde nicht, wenn der Strang seinen Hals schon schnürte, alle seine Millionen für einen einzigen Atemzug hingeben?
Da wundern sich zuweilen die Vorgesetzten, daß ein Arrestant, der lange Jahre so musterhaft sich aufgeführt hat, und womöglich zum Aufseher erhoben worden ist, ganz plötzlich und ohne jede Veranlassung – als wäre er rein des Teufels geworden – es plötzlich so toll treibt, wie man es von ihm nie und nimmer erwartet hätte, mitunter läßt er es sogar auf ein Kriminalverbrechen ankommen, oder er zeigt sich offenkundig unehrerbietig gegen die höchsten Vorgesetzten, oder er erschlägt oder überfällt irgend einen. Man sieht ihn an und wundert sich. Indessen ist die ganze Ursache dieses plötzlichen Ausbruchs in dem bis dahin friedlichsten Menschen, von dem man Ähnliches nie erwartet hätte – der plötzliche Durchbruch der Persönlichkeit, die instinktive Sehnsucht nach seinem eigenen Menschen, das Verlangen, diesen Menschen zu beweisen, seine erniedrigte Persönlichkeit hervorzukehren, und dieses Bedürfnis erwacht nun plötzlich mit einer Wucht in ihm, die zur Raserei, zur Tollwut, zu völliger Besinnungslosigkeit, zu einem Anfall, einem Krampf wird. So mag vielleicht ein lebendig Begrabener, wenn er unter der Erde erwacht, an seinen Sargdeckel schlagen und sich anstrengen, ihn aufzubrechen, obgleich ihm doch seine Vernunft sagen müßte, daß alle seine Anstrengungen vergeblich sind. Aber das ist es ja eben, daß es sich hier nicht um Vernunft handelt, sondern gewissermaßen um – Krämpfe. Jetzt bedenke man noch, daß jede eigenwillige Äußerung der Persönlichkeit beim Arrestanten für Verbrechen angesehen wird, in dem Falle aber ist es ihm natürlich gleichgültig, ob es ein größerer oder kleinerer Ausbruch ist. Geht er durch, dann geht er durch, wagt er einmal, dann wagt er eben – dann kommt es ihm auch auf einen Totschlag nicht an. Und die Hauptsache ist ja nur der Anfang: ist er erst einmal betrunken, dann läßt er sich nicht mehr halten. Daher ist es wohl besser, es nicht so weit kommen zu lassen. Alle hätten es besser.
Ja, aber wie läßt sich das machen?