II.
Die ersten Eindrücke
Der erste Monat und überhaupt die erste Zeit meines Aufenthaltes im Ostrogg stehen selbst jetzt noch wie lebendig vor mir. Alle meine späteren Gefängnisjahre sind mir viel verschwommener, ungenauer in der Erinnerung geblieben. Einiger von ihnen kann ich mich fast gar nicht mehr erinnern, sie haben sich gleichsam mit den anderen vermischt, als wären sie ineinander geflossen, und alles, was mir von ihnen in der Erinnerung geblieben, ist nur eine einzige große Empfindung: die der Schwere, Einförmigkeit, Bedrücktheit.
Aber alles, was ich in den ersten Tagen meiner Kátorga durchlebt habe, ist mir, als wäre es gestern gewesen. Und das ist ja auch ganz verständlich.
Ich erinnere mich deutlich, daß mich schon beim ersten Schritt in dieses Leben vor allem Eines stutzig machte: daß ich, wie es mir schien, nichts besonders Auffallendes, Ungewöhnliches, oder richtiger, Unerwartetes in ihm fand. Ich glaubte alles auch schon früher in der Phantasie so gesehen zu haben, als ich noch auf dem Wege nach Sibirien mein Schicksal im voraus zu erraten suchte. Doch das änderte sich bald: eine Unmenge der allerunerwartetsten Seltsamkeiten, der ungeheuerlichsten Tatsachen machte mich bald bei jedem Schritt von neuem stutzig. Die ganze Eigenart aber, dies ganze Ungeahnte eines solchen Lebens, ging mir erst viel, viel später in seiner vollständigen Neuheit auf, nachdem ich schon lange im Ostrogg gelebt hatte, und dann wunderte ich mich immer mehr darüber. Ich muß gestehen, diese Verwunderung hat mich während der ganzen langen Zeit meiner Verbannung nicht verlassen, ich konnte mich niemals von ihr befreien.
Mein erster Eindruck, nachdem ich den Ostrogg betreten hatte, war im allgemeinen der des Ekels; aber nichtsdestoweniger schien es mir – so seltsam es auch klingen mag –, daß das Leben im Ostrogg viel leichter sei, als ich es mir unterwegs vorgestellt hatte. Die Sträflinge gingen – allerdings in Ketten – frei im ganzen Ostrogg umher, schimpften sich untereinander, sangen Lieder, arbeiteten für sich, rauchten Pfeifen, tranken sogar Branntwein (wenn auch nur verhältnismäßig wenige) und in der Nacht wurde Karten gespielt. Die Arbeit selbst erschien mir durchaus nicht so schwer, durchaus nicht so „sibirisch“, und erst nach ziemlich langer Zeit erriet ich, daß das „Sibirische“ dieser Arbeit nicht so sehr in ihrer Schwere und ununterbrochenen Dauer bestand, als vielmehr darin, daß sie „Zwangs“-Arbeit, befohlene Arbeit, eisernes Muß unter dem Stock war. Ein Bauer arbeitet zu Hause auf dem Felde oder sonstwo unvergleichlich mehr, im Sommer zuweilen sogar noch in der Nacht; aber er arbeitet für sich, er arbeitet zu einem vernünftigen Zweck, und die schwere Arbeit ist ihm unvergleichlich leichter, als dem Zwangsarbeiter die viel geringere, doch erzwungene und für ihn völlig nutzlose Arbeit. Es kam mir einmal folgender Gedanke: wollte man einen Menschen mittels einer Strafe vollständig erdrücken, ihn völlig vernichten, ihm eine so grauenvolle Strafe auferlegen, daß selbst der ruchloseste Mörder vor ihr erbebte und sich im voraus abschrecken ließe, so würde es genügen, seiner Zwangsarbeit den Charakter einer vollkommenen Nutzlosigkeit und Sinnlosigkeit zu geben. Wenn die sonst übliche Zwangsarbeit für den Sträfling auch uninteressant und langweilig ist, so hat sie doch immerhin als Arbeit einen Sinn: der Sträfling muß Ziegel brennen, Erde graben, Maurerarbeit machen, bauen; eine solche Arbeit hat, wie gesagt, Sinn und Zweck. Der Zwangsarbeiter läßt sich zuweilen sogar von ihr fortreißen, er will sie gewandter, fixer, besser verrichten. Würde man ihn dagegen anstellen, zum Beispiel Wasser aus einem Kübel in einen anderen zu gießen, und dann wieder zurück in den ersten, oder Sand zu stoßen, einen Haufen Erde von einem Platz auf einen anderen, und von dort wieder zurückzukarren, – ich glaube, der Sträfling würde sich schon nach wenigen Tagen erwürgen oder tausend Verbrechen begehen, um, wenn nicht anders, lieber zu sterben, als in dieser Erniedrigung, Schande und Qual weiterzuleben. Versteht sich, eine solche Strafe würde zur Folter, zur grauenvollsten Rache werden und wäre sinnlos, denn sie würde kein einziges vernünftiges Ziel erreichen. Da aber ein Teil einer solchen Folter, einer solchen Sinnlosigkeit, Erniedrigung und Schmach unbedingt in jeder erzwungenen Arbeit enthalten ist, so ist auch die sibirische Zwangsarbeit gerade dadurch, daß sie erzwungen ist, unvergleichlich schwerer als jede freiwillige.
Ich kam übrigens im Winter in den Ostrogg, im Dezember, und sah und wußte daher noch nichts von der Sommerarbeit, die fünfmal schwerer ist. Im Winter jedoch gab es in unserer Festung nur wenig Arbeit. Die Sträflinge gingen an das Ufer des Irtysch, um dort alte Barken, die Staatseigentum waren, abzubrechen, arbeiteten in den Werkstätten, schaufelten in der Stadt vor allen Staatsgebäuden den Schnee fort, der von den Stürmen immer wieder aufgeweht wurde, brannten und stießen Alabaster und taten ähnliches mehr.
Der Wintertag war sehr kurz, die Arbeit schnell zu Ende, und so kehrten denn die Sträflinge schon früh in den Ostrogg zurück, wo sie so gut wie nichts zu tun hatten, wenn sie nicht zufällig für sich selbst etwas arbeiten wollten. Doch mit eigener Arbeit beschäftigte sich vielleicht nur ein Drittel aller Gefangenen; die übrigen schlugen die freie Zeit mit Müßiggang tot, schlenderten aus einer Kaserne in die andere, schimpften, stritten, spannen Intrigen, verbreiteten Klatschgeschichten und betranken sich, wenn sie nur irgendwie ein paar Kopeken ergattert hatten; in der Nacht verspielten sie noch ihr letztes Hemd, – und das alles nur aus Langeweile, aus Müßiggang und dem bevorzugten Nichtstun!
Mit der Zeit begriff ich, daß es außer dem Verlust der Freiheit, außer der Zwangsarbeit im Leben des Sträflings noch eine Qual gibt, die fast größer ist, als alle anderen: das ist das _erzwungene allgemeine Zusammenleben_. Allgemeines Zusammenleben gibt es natürlich auch an anderen Orten, in den Ostrogg aber kommen Menschen, mit denen sich nicht ein jeder gern einleben will, und ich bin überzeugt, daß jeder Sträfling diese Qual mehr oder weniger empfunden hat, wenn auch, versteht sich, größtenteils nur unbewußt.
Auch das Essen erschien mir recht reichlich bemessen. Viele versicherten, daß es in den Gefängnissen des europäischen Rußland schlechter sei. Darüber kann ich nicht urteilen: ich bin nicht in ihnen gewesen. Zudem konnten es sich viele leisten, besonderes Essen für sich zu bestellen. Rindfleisch kostete bei uns zwei Kopeken das Pfund, im Sommer drei Kopeken. Trotzdem aßen nur die wenigen, die beständig Geld besaßen, eigenes Essen; die große Mehrzahl begnügte sich mit der Staatskost. Übrigens meinten die Sträflinge, wenn sie ihre Kost lobten, damit nur das Brot und vornehmlich segneten sie den einen Vorzug desselben: daß es uns gemeinsam und nicht pfundweis jedem einzelnen zugeteilt wurde, denn das wäre für sie wahrhaft grauenvoll gewesen. Bei einer Verteilung nach dem Gewicht hätte sich mindestens ein Drittel nicht satt essen können, während es so für alle ausreichte.
Unser Brot war in der Tat ganz besonders schmackhaft und als solches in der ganzen Stadt berühmt. Man schrieb diesen Vorzug dem gelungenen Bau unserer Backöfen zu. Die Kohlsuppe war dagegen sehr mangelhaft. Sie wurde in einem großen Kessel gekocht, mit etwas Graupen versehen, und so war sie, besonders an den Werktagen, wässerig und mager. Mich entsetzte an ihr die große Menge Schaben, die alle ruhig mitgekocht wurden. Die übrigen Sträflinge schenkten ihnen aber überhaupt keine Beachtung.
Die ersten drei Tage wurde ich noch nicht mit den anderen zur Arbeit geschickt; so verfuhr man mit jedem Neuangekommenen: man ließ ihn nach der Reise sich etwas ausruhen. Doch schon am nächsten Tage war ich gezwungen, auf kurze Zeit den Ostrogg zu verlassen, da mir andere Fesseln angeschmiedet werden mußten. Meine Fesseln waren noch nicht die vorschriftsmäßigem sondern aus Ringen bestehende, „Hellklingende“, wie die Gefangenen sie nannten. Die hatte ich über den Kleidern getragen. Die vorschriftsmäßigen Ostroggfesseln, die auch bei der Arbeit nicht hinderlich waren, bestanden nicht aus Ringen, sondern aus vier etwa fingerdicken eisernen Stäben, die durch drei eiserne Ringe miteinander verbunden waren. Diese trug man unter den Beinkleidern. An den mittleren Ring war ein Riemen befestigt, der seinerseits an den Gürtelriemen, den man direkt über dem Hemde tragen mußte, angebracht wurde.
Ich entsinne mich noch deutlich meines ersten Morgens in der Kaserne.
Die Wache vor dem Tore des Ostrogg hatte schon die Trommel geschlagen. Nach ungefähr zehn Minuten kam der wachhabende Unteroffizier und schloß die Türen auf. Wir waren inzwischen schon aufgewacht. Beim glanzlosen Schein eines armseligen Talglichts erhoben sich, zitternd vor Kälte, die Arrestanten von ihren Pritschen. Fast alle waren in der Verschlafenheit schweigsam und mürrisch. Sie gähnten, streckten ihre Glieder und runzelten die gebrandmarkten Stirnen. Einige bekreuzten sich, andere fingen schon an, sich zu streiten. Die Luft war zum Ersticken. Sobald nur die Tür aufgemacht wurde, drang die frische Winterluft wie Dampfwolken herein und verbreitete sich in der Kaserne. An den Wassereimern drängten sich die Sträflinge: sie nahmen der Reihe nach die Schöpfkelle, schöpften Wasser aus den Eimern, nahmen das Wasser in den Mund und wuschen sich Gesicht und Hände mit dem aus dem Munde fließenden Wasser. Die Eimer werden schon am Abend von dem zum „Stubendienst“ bestimmten Sträfling bereitgestellt. In jeder Kaserne gab es einen, der von den anderen zum Stubendienst gewählt war. Er wurde der Reiniger genannt und ging nicht zur Arbeit. Seine Arbeit bestand darin, daß er die Kaserne an jedem Morgen aufräumte und überhaupt für ihre Reinlichkeit sorgte, daß er die Pritschen und den Fußboden scheuerte und abschabte, daß er den Nachtkübel hinaustrug und das Wasser besorgte, zwei Eimer voll – morgens zum Waschen und am Tage zum Trinken. Wegen der Schöpfkelle, wovon wir nur ein Exemplar besaßen, kam es bald zum Streit.
„Wohin kraufst du mit deiner verzierten Fratze!“ brummte mürrisch ein hochgewachsener, hagerer Sträfling von dunkler Gesichtsfarbe, dessen abrasierter Schädel ganz eigentümliche Wölbungen aufwies, einen anderen Sträfling an, der etwas untersetzt und wohlgenährt war und ein heiteres, frisches Gesicht hatte. – „Wart!“
„Was schreist du! Für ‚Wart‘ zahlt man Geld bei uns ... Pack dich lieber selber ... Seht doch, reckt sich hier aus wie ’n Monument! Das heißt, Brüder, deswegen ist er noch lange keins, es ist ja an ihm noch nichts Verstümmeltes zu sehen.“
Die letzte Bemerkung machte einen gewissen Eindruck: viele lachten. Das aber war alles, was der lustige Dicke haben wollte, da er in der Kaserne augenscheinlich so etwas wie ein freiwilliger Possenreißer war. Der hochgewachsene Sträfling blickte ihn mit tiefer Verachtung von oben herab an.
„Sau!“ sagte er gleichsam nur so vor sich hin, – „hat sich am Ostroggbrot so vollgefressen, daß man von ihm zum ersten Fleischtag nach den Fasten zwölf Ferkel erwarten kann.“
Der Dicke wurde wütend.
„Was bist du denn für ein Vogel?“ schrie er plötzlich, puterrot im Gesicht.
„Das ist’s ja, daß ich ’n Vogel bin!“
„Was für einer denn?“
„Solch einer.“
„Was für solch einer?“
„Das ist schon so ’n Wort: solch einer.“
„Aber so sag doch, was für einer?“
Beide sahen sich an, als wollten sie sich mit ihren Blicken ineinander einhaken. Der Dicke wartete gespannt auf die Antwort und ballte die Fäuste, wie wenn er sich sofort auf den anderen zu stürzen beabsichtigte. Ich war überzeugt, daß es zu einer Rauferei kommen würde. Neugierig beobachtete ich sie, denn alles, was ich hier sah, war mir noch so neu. Später erfuhr ich, daß alle derartigen Szenen ganz harmlos waren und nur zur allgemeinen Unterhaltung und zum Ergötzen der anderen vorgespielt und friedlich wieder beigelegt wurden – ganz wie in der Komödie. Bis zum Handgemenge kam es fast nie. Das war ziemlich charakteristisch und bezeichnend für die Sitten und Bräuche des Ostrogg.
Der hochgewachsene Sträfling stand ruhig und stolz da: er wußte, daß alle auf ihn sahen und warteten, ob er sich mit seiner Antwort blamieren würde oder nicht. Er mußte seine Stellung behaupten, mußte beweisen, daß er tatsächlich ein Vogel war, und mußte sagen, was für ein Vogel. Mit unbeschreiblicher Verachtung blickte er über die Schulter auf seinen Gegner, bemüht, zur größeren Beleidigung möglichst schräg, möglichst von oben herab zu sehen, indem er ihn wie einen Käfer unter der Lupe fixierte, und dann erst sagte er ebenso langsam wie deutlich:
„Ein Reiher!“
Das hieß, er selbst sei ein Reiher. Eine laute Lachsalve war die Antwort auf die Findigkeit des Sträflings.
„Ein Spitzbube bist du, aber kein Reiher!“ brüllte ihn der Dicke wutschnaubend an, da er fühlte, daß er in allen Punkten geschlagen war.
Doch kaum nahm der Streit eine gefährlichere Wendung, da wurden die Kampflustigen auch schon zur Ruhe gewiesen.
„Was schreit ihr da! Halt’s Maul!“ rief ihnen die ganze Kaserne zu.
„Haut euch doch lieber, als daß ihr da Zeter schreit!“ rief ihnen einer aus der Ecke zu.
„Halt du sie lieber fest, damit sie sich nicht hauen!“ war die Antwort der anderen. „Wir sind ein flinkes Volk, sind aber auch hitzig. Zu sieben werden wir uns nicht vor einem fürchten und einzeln auch nicht vor sieben ...“
„Sie sind beide gut! ... Der eine ist um ein Pfund Brot in den Ostrogg gekommen, und der andere, der O-beinige Weiberfreund, hat bei einem Weibe saure Milch gefressen und dafür sich die Knute erworben ...“
„Nu–nu–nun, jetzt könnt ihr aufhören!“ unterbrach sie unser Invalide, der zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Kaserne lebte und in der Ecke auf einer besonderen Pritsche schlief.
„Wasser, Kinder! Unser Nevalid Petrowitsch ist erwacht! Wasser für Nevalid Petrowitsch, unseren leiblichen Bruder!“
„Bruder ... Was bin ich dir für ein Bruder? Haben noch keinen Rubel zusammen vertrunken, und schon Bruder!“ brummte der Invalide, indem er gemächlich die Arme in die Ärmel seines Uniformmantels schob und sich ankleidete.
Man bereitete sich zur Kontrolle vor; die Morgendämmerung nahm zu, es begann zu tagen. In der Küche drängte sich die ganze Schar, in Halbpelzen, auf dem Kopf die zweiteiligen Mützen, um das Brot, das von einem der Breiköche geschnitten wurde, in Empfang zu nehmen. Diese Breiköche wurden gleichfalls von der ganzen Abteilung gewählt, für jede Küche zwei. Von ihnen wurde auch das Küchenmesser aufbewahrt, das man zum Fleisch- und Brotschneiden nötig hatte, – das einzige Messer in der ganzen Küche.
In allen Ecken und an allen Tischen setzten sich die Sträflinge nieder, alle in Mützen, Halbpelzen, gegürtet und bereit zum Ausbruch zur Arbeit. Vor mehreren standen schon hölzerne Schüsseln mit Kwas[2], in die Brot hineingebröckelt und die dann ausgeschlürft wurde. Der Lärm und das Geschrei waren unerträglich; doch einige unterhielten sich ganz ruhig und vernünftig in den Ecken.
„Wohl bekomm’s, alter Antonytsch! – laß dich grüßen!“ sagte ein junger Sträfling zu einem mürrischen, zahnlosen Alten, und setzte sich neben ihn hin.
„Nu, schon gut, wenn du nicht spaßt,“ sagte jener, ohne auch nur den Blick zu erheben, und mühte sich, mit seinen zahnlosen Kiefern sein Brot zu zerkauen.
„Denk doch, Antonytsch, ich glaubte, daß du gestorben seiest, wahrhaftig!“
„Nein, stirb du zuerst, dann werd’ ich’s dir nachmachen ...“
Ich setzte mich neben sie hin. Rechts von mir unterhielten sich zwei ernste Männer, die augenscheinlich bestrebt waren, ihre Würde vor einander zu wahren.
„... Mir wird niemand etwas stehlen,“ sagte der eine, „ich, Bruder, ich muß mich selbst in acht nehmen, daß ich nicht anderen etwas stehle.“
„Nun, auch mich versuch nicht mit bloßer Hand zu nehmen: sieh dich vor, verbrennst dich.“
„Was kannst du denn hier verbrennen? Bist doch ebenso ein Zuchthäusler ... Sie nimmt dir alles ab und dankt dir nicht einmal dafür. So sind auch meine Kopeken dahingegangen. Vor kurzem kam sie noch von selbst. Aber wohin sollte ich mit ihr? Ich wollte schon den Henker Fedjka um Unterkunft bitten: er hatte doch noch in der Vorstadt ein Haus stehen, hatte es dem grindigen Salomon, dem Lausejuden, abgekauft, demselben, der sich dann später aufknüpfte ...“
„Ich weiß. Er verkaufte bei uns schon das dritte Jahr Branntwein und wurde Grischka, die dunkle Schenke, genannt. Ich weiß schon.“
„Da sieht man gleich, daß du nichts weißt! Das war doch eine andere dunkle Schenke!“
„Was für eine andere! Du willst immer allein alles wissen! Ich werde dir soviel Zeugen aufstellen ...“
„Wirst aufstellen! Wer bist du, und woher bin ich?“
„Wer! Dich habe ich schon geschlagen, prahle aber gar nicht damit. Du aber fragst noch wer!“
„Du und mich geschlagen! Wer mich schlagen wollte, ist noch nicht geboren und wer mich geschlagen hat, der liegt schon unter der Erde!“
„Daß dich die Pest! ...“
„Daß dich die sibirische Seuche fresse!“
„Daß dich ein Türkensäbel –!“
Und das Schimpfen hub an.
„Nununu! Was reißt ihr eure Mäuler!“ schrie man sie rundum an. „Habt ihr nicht verstanden, in Freiheit zu leben, so dankt Gott, daß man euch hier noch reines Brot gibt ...“
Bei jedem Wortwechsel sorgen die anderen dafür, daß es nicht zu Tätlichkeiten kommt. Schimpfen, mit der Zunge „prügeln“ – das wird erlaubt, das kann man nach Herzenslust, denn teilweise ist so etwas für alle eine kleine Zerstreuung. Bis zum Handgemenge aber ließen sie es nur selten kommen, und nur in einem Ausnahmefall konnten sich zwei Feinde raufen. Von jeder Rauferei muß dem Major Meldung gemacht werden; dann beginnen die Untersuchungen, der Major kommt selbst angefahren – mit einem Wort, das hat für alle sein Unangenehmes, und darum beugt man vor. Und auch die Feinde selbst schimpfen sich mehr der Zerstreuung halber, zur Ausbildung ihrer Redekunst. Nicht selten täuschen sie sich gegenseitig, geraten in furchtbare Hitze, ereifern sich entsetzlich ... man glaubt: jetzt werden sie sofort aufeinander losstürzen – fällt ihnen aber gar nicht ein: sie bringen es bis zu einem gewissen Höhepunkt und gehen dann plötzlich ganz ruhig auseinander. Das setzte mich anfangs nicht wenig in Erstaunen. Ich habe hier absichtlich die alleralltäglichsten Gespräche als Beispiele angeführt. Früher hätte ich es mir nie vorstellen können, daß man sich nur zum Vergnügen schimpfen, darin eine besondere Unterhaltung, eine angenehme Übung, kurz – etwas Angenehmes sehen könnte. Übrigens darf man hierbei auch nicht die Ruhmsucht vergessen. Der schimpfende Dialektiker genoß große Achtung und Bewunderung. Es fehlte nur noch, daß man ihm Beifall klatschte, wie einem guten Schauspieler.
Schon am ersten Abend fiel es mir auf, daß man scheel auf mich blickte. Ich hatte bereits mehrere finstere Blicke aufgefangen. Und andererseits hielten sich einige beständig in meiner Nähe auf, in der Vermutung, ich könne Geld mitgebracht haben. Nach kurzer Zeit suchten sie mir denn auch schon gewisse Dienste zu erweisen: sie zeigten mir, wie man die ungewohnten Fesseln am bequemsten trage, verschafften mir – selbstverständlich für mein Geld – einen kleinen verschließbaren Kasten, damit ich die mir ausgelieferten Kleidungsstücke und meine eigene Wäsche, die ich mitgebracht hatte, sicher unterbringen konnte. Doch schon am nächsten Tage hatten sie mir dieselbe gestohlen und vertrunken. Einer von ihnen wurde später mein ergebener Anhänger, doch hinderte ihn das durchaus nicht, mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu bestehlen. Er tat es ohne das geringste Bedenken, fast sogar unbewußt oder als wäre es geradezu seine Pflicht gewesen, und man konnte ihm unmöglich böse sein.
Unter anderem belehrten sie mich, daß ich meinen eigenen Tee haben müsse, daß es auch nicht schlecht wäre, wenn ich mir gleich eine ganze Teekanne verschaffte, stellten mir aber sogleich eine andere bis dahin als Ersatz zur Verfügung und empfahlen mir besonders den einen Koch, indem sie noch besonders hervorhoben, daß er mir für etwa dreißig Kopeken monatlich alles, was ich nur wollte, zubereiten würde, wenn ich nicht die Festungskost zu genießen und mir eigenes Essen zu kaufen wünschte ... Natürlich liehen sie sofort von mir Geld und ein jeder von ihnen kam allein schon am ersten Tage mindestens dreimal zu mir, um mich anzuborgen.
Auf die ehemaligen Edelleute sieht man in der Kátorga ganz allgemein nur scheel und nichts weniger als wohlwollend. Die Sträflinge erkennen sie, ungeachtet dessen, daß sie aller Rechte beraubt und den übrigen Gefangenen vollständig gleichgestellt sind, niemals als ihre Kameraden und Genossen an. Das geschieht aber von ihnen nicht aus bewußtem Vorurteil, sondern vollkommen aufrichtig, unbewußt. Der Grund hierfür mag wohl in einem bestimmten Gefühl liegen. Sie erkannten uns vollkommen aufrichtig als Edelleute an, verspotteten uns aber ganz gern mit unserem tiefen Fall.
„Nein, wart mal, jetzt hat sich die Sache verändert! Einstmals fuhr Peter stolz durch Moskau, heute dreht Peter kleinlaut das Schiffstau,“ und noch eine Menge ähnlicher Liebenswürdigkeiten gingen an unsere Adresse.
Mit Hochgenuß beobachteten sie unsere Qualen, wie sehr wir uns auch bemühten, sie zu verbergen. Die liebreichsten Bemerkungen bekamen wir in der ersten Zeit bei der Arbeit zu hören: sie wurden uns verabfolgt, weil wir nicht so stark waren wie sie und ihnen infolgedessen nicht genügend helfen konnten. Nichts ist schwerer, als das Zutrauen des Volkes – besonders noch eines solchen Volkes – und seine Liebe zu erringen.
Im Ostrogg gab es mehrere Edelleute. Zunächst fünf Polen. Von diesen werde ich späterhin noch ausführlicher sprechen. Polen wurden von den Sträflingen äußerst wenig geliebt, sie waren ihnen noch viel verhaßter, als die Sträflinge aus dem russischen Adelstande. Die Polen – ich spreche hier nur von den politischen Verbrechern – waren zu ihnen ganz besonders, geradezu raffiniert, beleidigend höflich, hielten sich möglichst fern von ihnen und konnten es auf keine Weise verbergen, daß die Sträflinge sie anekelten, was jene natürlich vorzüglich begriffen und wofür sie mit derselben Münze heimzahlten.
Ich mußte fast ganze zwei Jahre im Ostrogg leben, um mir die Sympathie einiger weniger Sträflinge zu erwerben. Doch zu guterletzt gewann mich ein großer Teil derselben lieb und hielt mich für einen „guten“ Menschen.
Von russischen Edelleuten waren außer mir noch vier im Ostrogg. Einer von ihnen, ein niedriges, gemeines Geschöpf, war entsetzlich ausschweifend, ein geborener Spion und Hinterbringer. Ich hatte von ihm schon vor meinem Eintritt in den Ostrogg gehört und gab ihm daher denn auch bald zu verstehen, daß ich seine nähere Bekanntschaft nicht wünschte. Der zweite war jener Vatermörder, von dem ich schon gesprochen habe. Der dritte war Akim Akimytsch.
Ich weiß nicht, ob ich jemals einen so seltsamen Kauz gesehen habe, wie es dieser Akim Akimytsch war. Er ist mir unvergeßlich in der Erinnerung geblieben, deutlich sehe ich ihn noch vor mir. Er war groß von Wuchs, hager, schwachgeistig, unglaublich ungebildet, ein großer Raisonneur, und gewissenhaft wie ein Deutscher. Die Sträflinge lachten über ihn, viele aber fürchteten sich sogar davor, mit ihm etwas zu tun zu haben, wegen seines streitsüchtigen, anmaßenden und unleidlichen Charakters. Er stellte sich von vornherein wie ein alter Duzbruder zu ihnen, schimpfte und raufte sich womöglich mit allen und jedem. Dabei war er phänomenal ehrlich. Sobald er nur irgendwo eine Ungerechtigkeit bemerkte, mischte er sich ohne weiteres ein, gleichviel, ob ihn die Sache anging oder nicht. Naiv war er bis zur Unglaublichkeit; so warf er den anderen im Streite nicht selten vor, daß sie Diebe seien und suchte sie allen Ernstes zu überreden, nicht mehr zu stehlen.
Er hatte im Kaukasus als Fähnrich gedient. Wir traten uns schon am ersten Tage näher und er erzählte mir ungesäumt seine ganze Lebensgeschichte.
Seinen Dienst hatte er im Kaukasus begonnen, wo er als Junker in ein Linienregiment eingetreten war. Endlich war er befördert und als Oberkommandeur in irgend eine kleine Verschanzung oder Festung versetzt worden. Da hatte aber irgend ein kleiner, Rußland friedlich gesinnter Fürst aus der Nachbarschaft seine Festung in Brand gesteckt und einen nächtlichen Überfall versucht; der war ihm jedoch mißlungen. Akim Akimytsch dachte sich nun folgende List aus: er tat, als habe er keine Ahnung, wer der Feind gewesen war. Der Angriff wurde auf die aufständischen Bergvölker geschoben und bald vergessen. Nach einem Monat aber lud Akim Akimytsch den kleinen Fürsten recht freundschaftlich zu sich zu Gaste. Jener kam natürlich, ohne etwas zu ahnen. Akim Akimytsch ließ seine ganze Mannschaft feierlichst antreten, worauf er den Fürsten öffentlich überführte und ihm die Leviten las, indem er ihm bewies, daß es eine Schande sei, Festungen in Brand zu stecken. Darauf belehrte er ihn ausführlich, wie ein friedlich gesinnter Fürst sich in Zukunft zu verhalten habe und zum Schluß schoß er ihn nieder, wovon er dann selbst seinen Vorgesetzten mit allen Einzelheiten Meldung machte. Zur Belohnung für seine Heldentat wurde er dem Gericht überliefert, zum Tode verurteilt, doch wegen mildernder Umstände auf zwölf Jahre in die zweite Abteilung nach Sibirien zur Festungsarbeit verschickt.
Er sah vollkommen ein, daß er unrechtmäßig gehandelt hatte, er sagte mir, daß er dies auch schon vor der Erschießung des kleinen Fürsten gewußt habe; er habe es ganz genau gewußt, daß ein friedlicher Fürst nur nach dem Gesetz verurteilt werden dürfe; aber wie genau er auch alles wußte, seine Schuld konnte er doch nicht recht einsehen – er begriff sie einfach nicht.
„Aber ich bitt’ Sie! Er hatte mir doch meine _Festung_ in Brand gesteckt! Was, sollte ich ihm dafür noch Dank sagen?“ fragte er mich, – und das war auch seine ganze Antwort auf alle meine Einwendungen.
Ich sagte bereits, daß die Sträflinge sich über Akim Akimytsch lustig machten, doch nichtsdestoweniger achteten sie ihn wegen seiner Gewissenhaftigkeit und seiner Geschicklichkeit.
Es gab kein Handwerk, das Akim Akimytsch nicht verstanden hätte. Er war Tischler, Schuster, Maler, Vergolder, Schlosser – und alles das hatte er erst im Ostrogg gelernt. Er machte alles, ohne daß es ihm besonders gezeigt wurde: er sah nur einmal hin und schon konnte er es selbst machen. Er verfertigte verschiedene kleine Kästchen, Körbchen, Laternen, Kinderspielzeug, und hatte seine Abnehmer in der Stadt. Die natürliche Folge davon war, daß er beständig Geld hatte, für welches er sich alsbald neue Wäsche, ein weicheres Kopfkissen, eine gute zusammenlegbare Matratze erstand. Er schlief in derselben Kaserne mit mir und war mir während der ersten Tage in vieler Beziehung sehr nützlich.
Bevor die Sträflinge den Ostrogg verließen, um zur Arbeit zu gehen, stellten sie sich vor der Wache in zwei Reihen auf; vor und hinter ihnen nahm die militärische Eskorte, unser beständiges Begleitkommando, mit scharf geladenem Gewehr die übliche Stellung ein. Darauf erschienen ein Offizier, der Aufsichtführende und einige subalterne Militärbeamte, die die Arbeit zu beaufsichtigen hatten. Der Aufsichtführende zählte die Sträflinge und schickte sie in Abteilungen an verschiedene Orte zur Arbeit.
Zusammen mit anderen begab ich mich in unsere Werkstätte. Das war ein niedriges Steingebäude mitten auf einem großen Hof, auf dem verschiedenes Rohmaterial lag. Dort gab es eine Schmiede, eine Schlosserei, eine Tischlerei, eine Malerwerkstatt und noch anderes. In dieser Malerwerkstatt arbeitete Akim Akimytsch: er kochte Olivenöl, mischte Farben und strich kunstvoll Tische und Stühle an, so daß sie wie von Nußbaumholz aussahen.
Während ich auf meine Einschmiedung wartete, sprach ich mit Akim Akimytsch über die ersten Eindrücke, die ich im Ostrogg empfangen hatte.
„Ja, das ist schon so, sie mögen die Edelleute nicht,“ bemerkte er, „besonders die politischen nicht; die würden sie am liebsten auffressen. Das ist aber dumm von ihnen. Ihr seid doch ein ganz anderes Volk, das ihnen ganz unähnlich ist, sie aber sind früher alle nur Hörige gewesen oder Soldaten. Urteilen Sie nun selbst, ob sie euch da wohl lieben können. Hier ist es, sage ich Ihnen, schwer zu leben. Aber in den russischen Arrestantenkompagnien ist es noch schwerer ... das ist schon so. Wir haben ja auch welche von dort, die unseren Ostrogg nicht genug loben können, ganz als wären sie aus der Hölle in den Himmel gekommen ... Nicht die Arbeit ist das Schlimme. Man sagt, dort, in der ersten Abteilung, sei das Kommando sozusagen nicht ganz militärisch, wenigstens gehe man dort anders vor, als bei uns. Dort, sagt man, kann der Verbannte in seinem eigenen Häuschen leben. Ich bin nicht dort gewesen, aber es wird so erzählt. Sie werden, wie man hört, auch nicht geschoren und tragen keine Uniform, wenn es auch übrigens besser ist, daß sie bei uns halb abrasiert werden und gleichmäßig gekleidet sind – es ist doch immerhin etwas mehr Ordnung und fürs Auge ist es angenehmer. Den Leuten selbst aber gefällt es nicht. Aber Sie sehen doch, was das hier für ein Gesindel ist! Der eine ist Russe, der andere Tscherkesse, der dritte ist Sektierer, der vierte ein rechtgläubiger Landbauer, hat seine Familie, hat seine lieben Kinderchen in der Heimat zurückgelassen, der fünfte ist Jude, der sechste Zigeuner, der siebente weiß Gott wer, – und sie alle müssen jetzt hier an einem Ort zusammenleben, ob sie wollen oder nicht, aber sie müssen miteinander auskommen, müssen aus derselben Schüssel essen, auf derselben Pritsche schlafen. Und wo ist denn hier Freiheit: selbst einen überflüssigen Bissen kann man nur heimlich essen und jede Kopeke muß man im Stiefel verstecken, und was man sieht und hat, ist immer nur Ostrogg und abermals Ostrogg ... Da kann man ja ganz unwillkürlich dumm werden.“
Doch, was er da sagte, wußte ich bereits. Ich wollte ihn vielmehr über unseren Major etwas ausfragen. Akim Akimytsch war nicht zurückhaltend und ich weiß noch, daß der Eindruck, den ich von seinen Schilderungen empfing, nicht ganz angenehm war.
Noch ganze zwei Jahre war es mir bestimmt, unter dem Kommando dieses Majors zu leben.
Alles, was mir Akim Akimytsch von ihm erzählte, war, wie es sich später zeigte, vollkommen richtig und gerecht, nur mit dem einen Unterschied, daß der Eindruck der Wirklichkeit immer stärker ist, als der, den man aus einer gewöhnlichen Erzählung erhält.
Er war ein furchtbarer Mensch, und furchtbar gerade dadurch, daß er, als dieser Charakter, der er war, fast unumschränkte Macht über zweihundertundfünfzig Seelen besaß. An sich war er nur ein unordentlicher und böser Mensch, und weiter nichts. Auf die Sträflinge sah er wie auf seine natürlichen Feinde, und das war sein erster und größter Fehler. Er besaß in der Tat einige Fähigkeiten, nur war alles an ihm, selbst das Gute, irgendwie entstellt. Zuweilen stürzte er mitten in der Nacht in unseren Ostrogg und wenn er bemerkte, daß ein Sträfling auf der linken Seite oder auf dem Rücken schlief, so bestrafte er ihn am nächsten Morgen: „Du sollst auf der rechten Seite schlafen, wie ich es befohlen habe.“
Im Ostrogg wurde er gehaßt und gefürchtet wie die Pest. Er hatte ein rotes, böses, wildes Gesicht und beherrschen konnte er sich nie. Trotzdem war er, wie alle wußten, ganz und gar in den Händen seines Burschen Fedjka. Doch am meisten auf der ganzen Welt liebte er seinen Pudel Tresorka, und als der einmal erkrankt war, soll er vor Kummer beinahe den Verstand verloren haben. Man sagt, er habe über ihn geweint, als wäre der Hund sein leiblicher Sohn gewesen. Den Tierarzt hatte er alsbald zum Teufel gejagt und es hieß, viel habe nicht gefehlt, daß er ihn seiner Gewohnheit gemäß noch verprügelt hätte. Darauf hätte er von seinem Fedjka gehört, daß im Ostrogg ein Sträfling „selbstgelernter“ Tierarzt sei, ein Bauer, der aus praktischer Erfahrung Tiere mit gutem Erfolg zu heilen wisse. Den mußte Fedjka unverzüglich zur Stelle schaffen.
„Hilf mir! Ich werde dich vergolden, wenn du mir Tresorka rettest!“ schrie er dem Sträfling entgegen.
Das war ein sibirischer Bauer, schlau, klug und in der Tat sehr geschickt als Tierarzt, aber immerhin ein echter Bauer.
„Da blickte ich denn Tresorka an,“ hatte er später den anderen Sträflingen erzählt – übrigens erst nach langer Zeit, als der ganze Vorfall schon vergessen war – „sehe: der Köter liegt auf dem Divan, liegt auf einem weißen Kissen; ich sehe auch deutlich, daß er Fieber hat; ein Aderlaß und er wäre gesund – das wußte ich. Da aber denke ich so bei mir: aber wie, wenn ich ihn nicht kuriere, wenn ich ihn krepieren lasse? Nein, Euer Gnaden, sagte ich, ich bin zu spät gerufen worden, hätte man es gestern oder vorgestern getan, so würde ich den Hund geheilt haben; jetzt aber kann ich es nicht, es ist zu spät ...“
Und so krepierte denn Tresorka.
Auch erzählte man mir ausführlich von einem Anschlag auf das Leben unseres Majors.
Es hatte im Ostrogg mehrere Jahre lang ein Sträfling gelebt, der allen durch seine große Sanftmut auffiel. Desgleichen hatte man bemerkt, daß er fast nie sprach. Daher war er alsbald für etwas geistesschwach gehalten worden. Er verstand zu lesen und zu schreiben, und im ganzen letzten Jahre hatte er beständig die Bibel gelesen, Tag und Nacht. Wenn die anderen alle schon schliefen, erhob er sich um Mitternacht, zündete ein Kirchenwachslicht an, kroch auf den Ofen, schlug die Bibel auf und las bis zum Morgen.
Eines schönen Tages war er zum ältesten Unteroffizier gegangen und hatte ihm gemeldet, daß er nicht mehr zur Arbeit gehen wolle. Der Major wurde sofort benachrichtigt: er schäumte vor Wut und kam unverzüglich angefahren. Da stürzte sich der sanftmütige Sträfling mit einem schon in Bereitschaft gehaltenen Ziegelstein auf ihn, schleuderte den Stein – traf ihn jedoch nicht. Er wurde ergriffen, verurteilt und bestraft. Es ging alles sehr schnell vor sich. Nach drei Tagen starb er im Lazarett. Kurz vor dem Tode soll er noch gesagt haben, daß er keinem Menschen Böses gewollt, er habe nur leiden wollen. Er war übrigens kein Sektierer. Im Ostrogg gedachte man seiner stets mit Achtung.
Endlich wurde ich eingeschmiedet. Inzwischen waren in der Werkstätte mehrere Semmelverkäuferinnen erschienen, eine nach der anderen. Einige von ihnen waren noch ganz kleine Mädchen. Solange sie noch nicht erwachsen sind, gehen sie umher und verkaufen Semmeln, die zu Hause von den Müttern gebacken werden. Sind sie erwachsen, so gehen sie gleichfalls umher, doch dann ohne Semmeln. Das war schon lange so Sitte. Es waren aber auch andere, nicht gerade Mädchen, mit ihnen gekommen. Eine Semmel kostete eine halbe Kopeke, ein Kalatsch zwei Kopeken und von den Sträflingen kaufte sich fast jeder einen.
Bei der Gelegenheit fiel mir besonders ein Sträfling auf, ein Tischler mit schon leicht ergrautem Haar, doch noch recht frischem Gesicht, der lächelnd mit den Semmelverkäuferinnen schäkerte. Kurz bevor sie gekommen waren, hatte er sich noch schnell ein rotes, baumwollenes Halstuch umgeschlungen.
Das eine dicke, pockennarbige Weiblein setzte sich auf seine Hobelbank und zwischen ihnen entspann sich folgendes Gespräch:
„Warum seid Ihr denn gestern nicht dorthin gekommen?“ fragte der Sträfling mit selbstzufriedenem Lächeln.
„Noch was! Ich war doch da, Ihr aber heißt Mitjka,“ entgegnete das schlagfertige Weiblein.
„Man hatte uns nötig, sonst wäre ich bestimmt dagewesen ... Vorgestern waren alle Eure gekommen.“
„Wer denn das?“
„Marjaschka war gekommen, Chawroschka war gekommen, die Tschekunda war gekommen, die Vierkopekige war gekommen ...“
„Was hat denn das zu bedeuten?“ fragte ich Akim Akimytsch, „ist’s möglich? ...“
„Es kommt vor,“ sagte er still, die Augen niederschlagend, denn er war ein äußerst keuscher Mensch.
Das kam tatsächlich auch vor, aber immerhin sehr selten, denn es galt große Schwierigkeiten zu überwinden. Im allgemeinen gab es mehr Liebhaber für Branntwein, als für so etwas, trotz der ganzen und nur zu natürlichen Qual dieses Lebens. Es war schwer, mit einem Frauenzimmer zusammenzukommen. Man mußte die Zeit abpassen, den Ort bestimmen, sich verabreden, die Einsamkeit suchen, was schon schwierig, mußte die betreffende Eskorte sich geneigt machen, was noch viel schwieriger war, und überhaupt mußte man eine Unmenge Geld verschwenden – versteht sich, im Verhältnis gesprochen. Aber nichtsdestoweniger bin ich späterhin selbst Zeuge von Liebesszenen gewesen. Ich erinnere mich noch, wie wir einmal im Sommer zu dreien am Ufer des Irtysch in einem Schuppen waren und dort irgend einen Brennofen anheizten. Die Wachen waren gutmütige Burschen. Endlich erschienen auch die erwarteten „Souffleusen“, wie die Sträflinge sie nannten.
„Nanu, wo seid ihr denn solange kleben geblieben? Wohl wieder bei den Swerkoffs?“ begrüßte sie der Sträfling, zu dem sie kamen und der sie schon lange erwartet hatte.
„Ich sei kleben geblieben? Da sitzt ja selbst eine Elster länger auf dem Zaunpfahl, als wie ich bei ihnen gesessen habe,“ antwortete munter das Mädchen.
Sie war das schmutzigste Mädchen der Welt. Das war die sogenannte Tschekunda. Mit ihr zusammen war auch die Vierkopekige gekommen. Die war aber schon außerhalb jeder Beschreibungsmöglichkeit.
„Und auch Euch haben wir lange nicht gesehen,“ fuhr der Don Juan, sich zur Vierkopekigen wendend, verbindlich fort. „Ihr seid ja, wie mir scheinen will, bedeutend magerer geworden?“
„Kann schon sein. Früher war ich weiß Gott wie dick, jetzt aber, seht, – ganz als hätte ich eine Nadel verschluckt.“
„Und geht’s immer noch mit den Soldaten – hn?“
„Nu nein, das haben Euch nur gemeine Menschen von uns vorgeklatscht. Aber – warum auch nicht! Lieber ohne Rippen sein, als keinen Soldaten frei’n!“
„Ach was, gebt ihnen den Laufpaß und liebt uns ... Wir haben Geld ...“
Zur Vollendung des Bildes denke man sich den Don Juan mit zur Hälfte abrasiertem Kopf, in Ketten, in zweifarbig geteilten Sträflingskleidern und unter der Aufsicht der Eskorte. –
Ich verabschiedete mich von Akim Akimytsch, und als ich hörte, daß ich in den Ostrogg zurückkehren durfte, ging ich mit einem Soldaten wieder heim.
Die Sträflinge kamen auch schon in verschiedenen Trupps von der Arbeit. Früher als alle anderen kommen die auf „Zeit“ arbeitenden in den Ostrogg zurück. Das einzige Mittel, den Sträfling zu strammer Arbeit anzuhalten, ist, ihn „Aufgaben“ abarbeiten zu lassen. Mitunter sind diese „Aufgaben“ riesengroß, und doch wird die Arbeit zweimal so schnell verrichtet, als wenn der Sträfling bis zum Trommelzeichen arbeiten müßte. Hatte er die ihm aufgegebene Arbeit beendet, so kehrte der Sträfling ohne Verzug in den Ostrogg zurück und niemand hielt ihn mehr auf.
Gegessen wird im Ostrogg nicht zu gleicher Zeit, sondern wie man gerade kommt, die einen früher, die anderen später; auch würde die Küche nicht alle auf einmal fassen. Ich versuchte die Kohlsuppe zu essen, vermochte es aber doch nicht, da ich mich noch nicht an sie gewöhnt hatte, und so kochte ich mir Tee. Wir setzten uns an das eine Tischende, ich und ein Gefährte von mir, der gleichfalls dem Adelsstande angehört hatte.
Die Sträflinge kamen und gingen. Die Küche war noch ziemlich leer, da die meisten noch nicht von der Arbeit zurückgekehrt waren. Eine Gruppe von fünf Mann setzte sich etwas abgewendet von uns an den großen Tisch. Der Koch gab ihnen zwei Schüsseln voll Kohlsuppe und stellte dann noch eine ganze tönerne Bratpfanne mit gesottenem und später übergebratenem Fisch vor sie hin. Sie aßen zur Feier irgend einer Begebenheit eigene Kost. Zu uns blickten sie mißtrauisch hinüber. Da trat ein Pole herein und setzte sich neben uns hin.
Ihm folgte bald ein hochgewachsener Sträfling, der mit einem einzigen Blick alle Anwesenden überflog.
„Bin nicht zu Hause gewesen, weiß aber alles!“ rief er mit lauter Stimme. Er schien ungefähr fünfzig Jahre alt zu sein, war muskulös und hager. In seinem Gesicht lag etwas Listiges und gleichzeitig auch Lustiges. Am auffallendsten war an ihm seine dicke, herabhängende Unterlippe. Sie verlieh ihm etwas überaus Komisches.
„Na, so sagt doch, habt ihr gut geschlafen? Warum begrüßt ihr einen denn gar nicht? Gesegnete Mahlzeit unseren Kurskern!“ fügte er hinzu und setzte sich zu den fünf, die ihr Essen verzehrten. „Na, so empfangt doch den Gast!“
„Wir, Bruder, sind ja gar nicht aus Kursk!“
„Ah so, dann also aus Tambowsk?“
„Sind auch nicht aus Tambowsk. Bei uns, Freund, ist nichts zu holen; schieb mal ab zu reichen Leuten, dort kannst du anfragen.“
„In meiner Leibesmitte, Bruder, sitzen heute Iwan Taskun und Maria Ikotischna, sie ist nämlich erbärmlich leer ... Aber wo lebt er denn, der reiche Mann?“
„Geh mal zu Gasin, der ist reich, versuch bei ihm dein Glück.“
„Ach, Bruderherz, mit Gasin fängst du heute nichts mehr an, der lebt heute blau: vertrinkt sein ganzes Kapital.“
„Er hat seine zwanzig Rubel,“ bemerkte ein anderer. „Wie man sieht, ist es kein übles Geschäft, Schankwirt zu sein.“
„Na was, werdet ihr denn wirklich den Gast nicht einladen? Was machst du, Mensch, – gebt mir dann die Staatskost her.“
„So geh doch und bitt’ Tee; da sitzen ja Herren, die welchen trinken.“
„Was für Herren, hier gibt’s keine Herren; sind ganz, was wir jetzt sind,“ brummte mürrisch einer in der Ecke. Bis dahin hatte er noch kein Wort gesprochen.
„Trinken würde ich schon, aber ich schäme mich, zu bitten: wir haben auch so etwas wie ein Ehrgefühl!“ entgegnete der Sträfling mit der dicken Unterlippe und blickte uns gutmütig an.
„Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen gern welchen geben,“ sagte ich auffordernd zu ihm, – „ist es gefällig?“
„Gefällig? Wie soll’s denn nicht gefällig sein!“
Er trat an den Tisch.
„Sieh mal einer an, zu Hause kannte er nichts als Kohl, hier kennt er schon den Tee gar wohl – hier will er schon Herrenessen haben,“ brummte wieder der Mürrische in der Ecke.
„Trinkt denn hier sonst niemand Tee?“ fragte ich, mich speziell an ihn wendend. Er würdigte mich jedoch keiner Antwort.
„Ah, da werden grad auch Kalatschen gebracht! Wenn Ihr schon so gnädig seid, dann spendet mir auch gleich einen Kalatsch dazu!“
Ein junger Sträfling trat mit einem ganzen Bund[3] Kalatschen herein und bot sie zum Verkauf an. Die Aufkäuferin überließ ihm dafür den zehnten; auf diesen Kalatsch nun rechnete er.
„Kalatschi, Kalatschi–i–i!“ schrie er, in die Küche eintretend, „direkt aus Moskau, glühend heiß! Würde sie selbst essen, brauch aber Geld. Nun, Kinder, der letzte ist nachgeblieben: wer hat eine Mutter gehabt?“
Dieser Appell an die Mutterliebe erheiterte alle und man kaufte ihm mehrere ab.
„Aber wißt ihr, Brüder,“ fuhr der Lange fort, „der Gasin, der treibt es heute denn doch schon bis zur Sünde! Bei Gott! Wenn’s dem einmal einfällt, durchzugehen! Wenn heute nur unser Achtäugiger nicht hereinschneit.“
„Dann wird Gasin schon versteckt werden. Was – ist er steif besoffen?“
„Was von steif! Noch längst nicht! Wild ist er geworden, zudringlich, gefährlich.“
„Nun, dann wird er noch an manche Fäuste anrennen ...“
„Von wem sprechen sie?“ fragte ich den Polen, der neben mir saß.
„Von Gasin, einem Arrestanten. Er handelt hier mit Branntwein. Hat er genug verdient, so vertrinkt er sofort das ganze Geld an einem Tage. Er ist grausam und böse, – übrigens in nüchternem Zustande ist er ganz friedlich. Sobald er sich aber angetrunken hat, ist er total verrückt: wirft sich mit dem Messer auf die Menschen ... Dann wird er aber sofort gebändigt.“
„Wie wird denn das angestellt?“
„Etwa zehn Arrestanten stürzen sich zu gleicher Zeit auf ihn und schlagen ihn entsetzlich – so lange, bis er besinnungslos wird, sie schlagen ihn halbtot. Dann wird er auf seine Pritsche gehoben und mit dem Halbpelz zugedeckt.“
„Aber sie könnten ihn doch auf diese Weise völlig totschlagen!“
„Einen anderen gewiß, ihn aber nicht. Er ist unglaublich stark, der stärkste von allen in unserem Ostrogg, und ist herkulisch gebaut. Am nächsten Morgen ist er wieder vollständig gesund.“
„Sagen Sie doch, bitte,“ fuhr ich fort, den Polen auszufragen, „jene dort haben doch auch ihr eigenes Essen, und ich trinke nur Tee, – und doch sehen sie mich alle an, als wenn sie mich deswegen beneideten. Was hat das zu bedeuten?“
„Das ist nicht wegen des Tees,“ sagte der Pole. „Sie ärgern sich über Sie vielmehr deswegen, weil Sie Edelmann sind und nicht ihnen gleichen. Viele würden gern mit Ihnen anbinden: sie hätten gar zu große Lust, Sie zu beleidigen und zu erniedrigen. Sie werden hier noch viel Unangenehmes erleben. Es ist hier für uns alle entsetzlich schwer. Wir haben es in jeder Beziehung am schwersten von allen. Man muß viel Gleichmut haben, um sich daran zu gewöhnen. Sie werden noch oft Unannehmlichkeiten wegen Tee oder eigenem Essen haben, wenn auch von den anderen sehr viele und sogar sehr oft sich eigenes Essen leisten und einige sogar beständig ihren Tee trinken. Sie dürfen es, wir aber dürfen es nicht.“
Darauf erhob er sich und ging hinaus. Schon nach wenigen Minuten geschah, was er gesagt hatte.