Chapter 1 of 27 · 3999 words · ~20 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1891 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Fußnoten wurden mit römischen Zahlen markiert und direkt nach dem betreffenden Absatz eingefügt, Literaturhinweise als Endnoten dagegen am Ende eines jeden Kapitels, gekennzeichnet mit arabischen Zahlen. Darüberhinaus haben einige der Autoren dort weitere nummerierte Literaturhinweise angefügt, welche durch arabische Zahlen gefolgt von runden Klammern gekennzeichnet werden.

Botanische und zoologische Bezeichnungen werden meist in kursiver Schrift dargestellt, Personennamen meist gesperrt. Dies wird allerdings nicht durchweg konsistent gehandhabt; in der vorliegenden Bearbeitung wurde dies auch nicht harmonisiert.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbolen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ serifenlos: ~Tilden~

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Die

Tier- und Pflanzenwelt

des

Süsswassers.

[Illustration]

Die

Tier- und Pflanzenwelt

des

Süsswassers.

Einführung in das Studium derselben.

Unter Mitwirkung von

=Dr. C. Apstein= (Kiel), =Fr. Borcherding= (Vegesack), =S. Clessin= (Ochsenfurt), =Prof. Dr. F. A. Forel= (Morges, Schweiz), =Prof. Dr. A. Gruber= (Freiburg i. Br.), =Prof. Dr. P. Kramer= (Halle a. d. S.), =Prof. Dr. P. Ludwig= (Greiz), =Dr. W. Migula= (Karlsruhe), =Dr. L. Plate= (Marburg), =Dr. E. Schmidt-Schwedt= (Berlin), =Dr. A. Seligo= (Danzig), =Dr. J. Vosseler= (Tübingen), =Dr. W. Weltner= (Berlin) und =Prof. Dr. F. Zschokke= (Basel)

herausgegeben

von

Dr. Otto Zacharias,

Direktor der Biologischen Station am Grossen Plöner See in Holstein.

Zweiter Band.

Mit 51 in den Text gedruckten Abbildungen.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber

1891

Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort.

Nach der Aufnahme zu urteilen, welche der erste Teil des vorliegenden Werkes in den nächst interessierten Kreisen sowohl als auch in der Tagespresse gefunden hat, ist mit unserer „Einführung in das Studium der Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers“ eine in der biologischen Litteratur wirklich vorhandene Lücke ausgefüllt worden.

Die Absicht des Herausgebers ist demnach vollständig erreicht; aber mit der Befriedigung, die er hierüber empfindet, wird sogleich auch der Wunsch rege, sämtlichen Herren, welche der Aufforderung zur Mitarbeiterschaft an diesem Buche in so freundlicher Weise entsprochen haben, beim Erscheinen des Schlussbandes den verbindlichsten Dank für ihre wertvollen Beiträge abzustatten. Der Unterzeichnete nimmt an, dass er damit nicht nur seinen eigenen Empfindungen Ausdruck giebt, sondern zugleich auch im Namen aller Derjenigen spricht, welche eine umfassende, gemeinverständliche und +sichere+ Unterweisung in betreff der einheimischen Wasserwelt bisher vermisst haben.

=Biologische Station am Plöner See.= Ende September 1891.

=Dr. Otto Zacharias.=

Inhaltsverzeichnis.

Seite

=I. Die Hydrachniden (Wassermilben).= Von Prof. Dr. +P. Kramer+ in Halle.

Geschichtliches. -- Stellung der Süsswassermilben zu den übrigen Milben. -- Beschreibung der äussern Gestalt von _Piona flavescens_. -- Die hauptsächlichsten inneren Organe der _Hydrachnidae_. -- Die typischen Gruppen der Wassermilben, durch Beispiele erläutert. -- Geographische Verbreitung und Lebensweise. -- Entwickelung, erläutert an _Nesaea fuscata_, _Diplodontus filipes_ und _Hydrachna globosa_. -- Anhang: Tabelle zur Bestimmung der bis jetzt unterschiedenen Gattungen 1–50

=II. Kerfe und Kerflarven des süssen Wassers, besonders der stehenden Gewässer.= Von Dr. +E. Schmidt-Schwedt+ in Berlin.

Einleitende Bemerkungen. -- Vergleich mit den Wassersäugetieren. -- Besondere Wichtigkeit von Atmung und Bewegung. -- 1. _Käfer_: a) Taumelkäfer. -- b) Schwimmkäfer. -- c) Kolbenwasserkäfer. -- d) Parnus, Cyphon, Donacia. -- 2. _Zweiflügler_: Larven und Puppen. -- Kennzeichnung derselben: a) Mücken: _Culex_, _Anopheles_, _Dixa_, _Corethra_, _Mochlonyx_, _Chironomus_, _Tanypus_, _Simulia_. -- b) _Phalacrocera._ -- c) Stratiomyden. -- d) _Eristalis._ -- 3. _Schmetterlingslarven_: _Paraponyx_, _Hydrocampa_, _Cataclysta_. -- 4. _Netzflüglerlarven_: a) Frühlingsfliegen: _Limnophilus_, _Polycentropus_, _Hydropsyche_. -- b) _Sialis_, _Sisyra_. -- 5. _Geradflüglerlarven_: a) Libellen: _Agrion_-, _Libellula_-, _Aeschna_-Gruppe, _Calopteryx_, _Gomphus_. -- b) _Eintagsfliegen_: _Chloëon_, _Caenis_. -- c) _Afterfrühlingsfliegen_: _Nemura_. -- Gegensatz der Netzflügler und Geradflügler hinsichtlich des Wasserlebens zu den übrigen Ordnungen. -- 6. _Schnabelkerfe_: a) Hydrometriden. -- b) _Notonecta_, _Plea_. -- c) _Corisa._ -- d) _Nepa_, _Ranatra_, _Naucoris_. -- _Schlussbemerkungen_: Hinweis auf die Kerfe des Meeres. -- _Anhang_: Tabelle zu annähernder Bestimmung der Kerflarven des Süsswassers 51–122

=III. Die Mollusken des Süsswassers.= Von +S. Clessin+ in Ochsenfurt.

Einteilung der Mollusken. -- Wohnorte und Gewohnheiten. -- Entwickelung und Alter der Mollusken. -- Anpassungsfähigkeit der Mollusken. -- Die Mollusken der Tiefenfauna. -- Höhlen-Mollusken. -- Die Perlenmuschel 123–150

=IV. Die deutschen Süsswasserfische und ihre Lebensverhältnisse.= Von Dr. +A. Seligo+ in Heiligenbrunn bei Danzig.

Das Wasser als Lebenselement der Fische. -- Das Süsswasser. -- Ausbreitung der Süsswasserfische. -- Umgrenzung des zu besprechenden Gewässergebietes. -- Der Ursprung der Cypriniden und Salmoniden. -- _Aufzählung_ der im Gebiete vorkommenden Arten der Knochenfische, Ganoidfische und Neunaugen und die Verbreitung derselben. -- Die _Organe_ der Fische und ihre _Verrichtungen_: Haut, Schuppen, Glanz, Farbe. -- Wirbelsäule. -- Körperform. -- Ortsbewegung, Flossen, Muskeln. -- Leibeshöhle, Zwerchfell, Brusthöhle, Herz, Leber, Nieren, Milz. -- Mundhöhle und Bezahnung. -- Kiemen. -- Atmung und Sauerstoffbedürfnis, Fischregionen der Gewässer. -- Darm und Magen. -- Verdauung. -- Körpertemperatur, Einflüsse der Temperatur des Mediums. -- Nahrung, Fütterung, Wachstum. -- Schwimmblase. -- Fortpflanzungsorgane und das Laichen. -- Samenfäden und Eier. -- Fortpflanzung des Aals, des Lachses und der Forellen. -- Künstliche Fischzucht. -- Teichwirtschaft. -- Einführung ausländischer und Ausbreitung einheimischer Fischarten auf künstlichem Wege. -- Brutpflege. -- Gehirn und Sinnesorgane: Auge, Hörorgan, Seitenorgan, Geschmack und Geruch, Tastorgane. -- Fischfang 151–208

=V. Die Parasiten unserer Süsswasserfische.= Von Prof. Dr. +Fr. Zschokke+ in Basel.

Allgemeines über den Parasitismus. -- Verbreitung der parasitischen Würmer der Wanderfische. -- Zahl der Arten in den verschiedenen Organen des Fischkörpers. -- Aufzählung von 29 Fischarten und ihrer Parasiten. -- _Nematoden_ (_Fadenwürmer_): _Cucullanus elegans_, _Ascaris acus_, _Agamonema capsularia_. -- _Echinorhynchen_ (_Kratzer_): _Echin. proteus_, _Echin. angustatus_, _Echin. clavaeceps_. -- _Trematoden_ (_Saugwürmer_): _Distoma laureatum_, _Dist. globiporum_, _Dist. nodulosum_. -- _Diplozoon paradoxum_, _Gyrodactylus elegans_. -- _Cestoden_ (_Bandwürmer_): _Caryophyllaeus mutabilis_, _Cyathocephalus truncatus_, _Triaenophorus nodulosus_, _Ligula simplicissima_, _Schistocephalus dimorphus_, _Bothriocephalus latus_ 209–254

=VI. Die quantitative Bestimmung des Plankton im Süsswasser.= Von Dr. +C. Apstein+ in Kiel.

Einleitung. -- Vertikalnetz. -- Filtrator. -- Konservierung. -- Anwendung der Apparate. -- Volumenbestimmung. -- Vorbereitung zur Zählung. -- Stempelpipetten. -- Das Hensensche Zählmikroskop. -- Zählung und Protokoll derselben. -- Ein Beispiel zur Methodik 255–294

=VII. Die Fauna des Süsswassers in ihren Beziehungen zu der des Meeres.= Von Dr. +Otto Zacharias+ in Plön (Holstein).

Das Vorkommen von marinen Gattungen im Süsswasser. -- Reliktenseen. -- Eine Meduse als Bewohnerin von Strandseen auf Trinidad. -- Einwanderung von Meerestieren in den Ortoire-Fluss. -- Freischwimmende Muschellarven (_Dreyssena polymorpha_) im Süsswasser. -- Die Verbreitung der kleinen Wasserfauna durch „passive Wanderung“. -- Der Süsswasser-_Monotus_. -- Die „_Fauna relegata_“ des Professors Pavesi. -- Der Transport kleiner Wasserorganismen durch Schwimmvögel, Wasserkäfer und strömende Luft. -- Hakenborsten und Klebzellen der Würmer als Anheftungswerkzeuge. -- Das Wandern der Wasserschnecken und Muscheln. -- Spezialisierte Haftorgane bei Protozoen (_Difflugia_) 295–312

=VIII. Über die wissenschaftlichen Aufgaben biologischer Süsswasser-Stationen.= Von Dr. +Otto Zacharias+ in Plön (Holstein).

Die Begründung der „Biologischen Station“ zu Plön. -- Vorteile eines solchen Forschungsinstituts. -- Die pelagischen Organismen des Grossen Plöner Sees. -- Die besonderen Aufgaben von Süsswasserstationen. -- Die Winterfauna unserer Binnenseen. -- Beobachtung der Wasserinsekten und der im Wasser lebenden Larven von Landkerbtieren. -- Erforschung der eigentümlichen Fortpflanzungsverhältnisse mancher Turbellarien und Oligochäten. -- Faunistische Exkursionen und vergleichende Untersuchungen. -- Praktische Gesichtspunkte. -- Beschreibung der Plöner Station. -- Die Erforschung der böhmischen Gewässer durch Prof. Anton Fritsch 313–331

=IX. Das Tierleben auf Flussinseln und am Ufer der Flüsse und Seen.= Von +Fr. Borcherding+ in Vegesack.

Einleitende Bemerkungen. -- Die Säugetiere an und in dem Süsswasser. -- Die Brutvögel. -- Die Gäste auf dem Frühjahrs- und Herbstzuge. -- Die Sumpfschildkröte, _Emys europaea_ Gray. -- Die Anuren und Urodelen des süssen Wassers. -- Die Fischfauna eines Flusses, eines Geest- und eines Moorsees. -- Die Mollusken an und in den Gewässern. -- Die niedere Tierwelt 333–369

Die Hydrachniden (Wassermilben).

Von Prof. Dr. =P. Kramer= in Halle a. d. S.

Die Hydrachniden oder Süsswassermilben gehören mit ihren auf dem Lande lebenden Verwandten jenem unermesslichen Heere spinnenartiger Tiere an, welche im Systeme der Zoologen den Namen Acarida tragen, und deren Formenreichtum bei einem gewissen gemeinsamen Grundzug der Gestalt ein ausserordentlich grosser ist.

Noch bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts waren es im ganzen nur wenige Milben, auf welche sich die Aufmerksamkeit der Beobachter gelenkt hatte. Sie gehörten zumeist den auf dem Menschen und den Haustieren lebenden Schmarotzern an und wurden um der Krankheiten willen, die sie hervorrufen, beachtet und beschrieben. Die erste grössere Arbeit über andere Acarida lieferte erst der sorgfältig beobachtende und scharfblickende dänische Naturforscher O. Fr. Müller+, indem er im Jahre 1781 eine grosse Zahl der in Dänemark einheimischen Süsswassermilben abbildete und die vortrefflichen Abbildungen durch kurze Erklärungen erläuterte. So war es also gerade die uns beschäftigende Milbengruppe, welche zuerst mit einer für lange Zeit unerreichten Vollständigkeit behandelt worden ist.

Manches Jahrzehnt hindurch geschah darnach für die nähere Kenntnis der Acariden wenig Entscheidendes. Erst die Arbeiten +Dugès’+ 1834 und des Forstrats +C. L. Koch+ 1837–1850 bezeichnen einen neuen wesentlichen Fortschritt. So brachte namentlich des ersteren eingehende Darstellung die Kenntnis der Entwickelung von _Hydrachna globosa_, während letzterer durch die grosse Zahl der von ihm beobachteten Milben, unter denen sich auch sehr zahlreiche Süsswassermilben befanden, zuerst überhaupt eine Vorstellung von dem Reichtum der Milbenklasse gab, wenn auch freilich die nicht hinreichende Genauigkeit seiner Abbildungen und Beschreibungen dem Systematiker noch heute viel Mühe bereitet.

In der neuesten Zeit ist den Acariden ein immer grösseres Interesse entgegengebracht worden, wenn auch lange noch nicht in dem Masse, als es die in mehr als einer Hinsicht merkwürdige Lebens- und Entwickelungsgeschichte derselben verdient. Allerdings sind die Beobachtungsobjekte meist sehr klein und schwierig zu behandeln und daraus mag sich der im ganzen langsame Fortschritt unserer Kenntnis über diese Tiergruppe erklären. Die Süsswassermilben bilden aber noch die am wenigsten Schwierigkeiten bietende Gruppe und laden durch ihre zierliche Gestalt und Munterkeit des Wesens, auch durch verhältnismässige Grösse zur Beobachtung ein. Auch sind sie fast überall reichlich zu finden, wo nur irgend fliessendes oder stehendes Wasser Jahr für Jahr vorhanden ist.

Die meisten anderen Milben bleiben unserem Auge in der Regel verborgen, obwohl es kaum einen Ort geben dürfte, wo einem genaueren Beobachter nicht irgend ein charakteristischer Vertreter dieser Tiergruppe begegnete. Zumeist möchte wohl eine feuchte Umgebung dem Leben dieser der Mehrzahl nach zarten Geschöpfe günstig sein, aber doch wird man auch an den kahlen, in trockenster Luft des Sommers am Wege liegenden Steinen nicht umsonst nach einer mit zierlichem Stechapparat versehenen blauroten Acaride (_Bryobia speciosa_) suchen, der sich noch manche Vertreter unserer zierlichen Panzermilben (_Oribatidae_) anschliessen. Milben finden sich unter Laub und Steinen, im Moose und auf den Blättern der Bäume, auf und unter ihrer Rinde und im anbrüchigen Holze, auf und unter der Haut zahlreicher kalt- und warmblütiger Tiere, auf den Federn der Vögel, ja sogar in denselben: wo sich nur überhaupt irgendwelche Nahrung darbieten mag, sei sie natürlichen oder künstlichen Ursprungs, überall begegnen wir Milben, ihre Leibesgestalt oft in wunderbarer Weise dem Aufenthaltsort anpassend und ihre Lebensgewohnheiten einrichtend nach den Bedingungen, die derselbe bietet.

Bei der immer noch vorhandenen sehr unvollständigen Kenntnis auch unserer heimatlichen Milben ist es noch nicht möglich gewesen, eine sogenannte natürliche Anordnung dieser Tiere vorzunehmen, d. h. eine solche, bei welcher die Abstammung, die gegenseitige Verwandtschaft ausschlaggebend ist, doch heben sich schon einige grössere Verwandtschaftskreise aus dem Schwarm der überhaupt hierhergehörigen Tiere ab. So bilden die soeben schon erwähnten Panzermilben, denen jeder Sammler am häufigsten im Moose begegnet, einen in sich völlig abgeschlossenen Stamm. Sie sind reine Landbewohner, und wenn man auch in jüngster Zeit im Meere einige Vertreter gefunden haben will, so ist das doch mit Vorsicht aufzunehmen. Ebenso stellen die _Gamasidae_, diejenigen Milben, zu welchen die auf den Dungkäfern so häufig scharenweise anzutreffenden braunen Acariden gehören, eine wohl abgeschlossene Gruppe dar. So vielgestaltig aber auch die Wohnstätten derselben sind, in das Wasser ist doch keins davon hinabgestiegen. Zwar hat man einen ihrer Vertreter in den wohl gewiss mit Wasser stets und reichlich bespülten Nasengängen einer Seehundsart aufgefunden, auch haben eifrige Naturforscher unter den durch die Flutwelle regelmässig überspülten Steinen des Seestrandes einige Gamasiden entdeckt, aber wirkliche Wassertiere haben wir damit doch nicht vor uns. Nicht besser steht es mit den zahllosen Geschlechtern der die Haut und die Federn der Vögel oder die Haare der kleinen Säugetiere bevölkernden Milben (_Sarcoptidae_) oder denjenigen, welche dem grossen Stamm der durch die Mehlmilbe gekennzeichneten Acariden (_Tyroglyphidae_) angehören. Wenn sie auch meist der Feuchtigkeit als einer notwendigen Voraussetzung ihres Lebens bedürfen, so sind sie doch niemals Bewohner unserer Teiche und Flüsse geworden. Einzig und allein diejenige Gruppe unter den Milben, denen ich die allgemeine Bezeichnung Vorderatmer gegeben habe, weil sie ihre beiden kleinen Luftlöcher ganz vorn an dem kegelförmig hervorspringenden Mundabschnitt führen, bietet uns Beispiele von auch dem Leben im Wasser angepassten Milben dar. Diese Vorderatmer werden am besten durch die so häufig in unseren Gärten am Fusse der Obstbäume anzutreffende Samtmilbe (_Trombidium fuliginosum_) veranschaulicht. Trombidiumartige Milben also sind es, welche in grosser Zahl die süssen Gewässer, nur mit wenigen Arten die See bewohnen.

Eine Naturgeschichte dieser Hydrachniden muss vor allen Dingen ein Bild der äusserlich wahrnehmbaren Gestalt entwerfen und so mag sich denn zunächst darauf die Aufmerksamkeit richten.

Ein Zug mit dem Fangnetz durch das klare Wasser eines Teiches fördert in der Regel ausser zahlreichen kleinen Krustern auch manche undurchsichtige und durchsichtige Hydrachnide zutage. Wir entnehmen eine Milbe der letzteren Sorte, es ist eine _Piona flavescens_, und betrachten sie, nachdem sie in ein Uhrgläschen übergeführt ist, zunächst mit der Lupe.

[Illustration: Fig. 1.

_Piona flavescens_, von der Seite gesehen.]

Der rundliche Rumpf ist, wie wir bald bemerken, ungeteilt, oben hochgewölbt, unten abgeflacht, so wie Fig. 1 es zeigt. Bei den meisten Hydrachniden hat er diese Gestalt, nur ausnahmsweise treffen wir einen flachen Rumpf, einen stark in die Länge gezogenen, oder einen durch besondere Anhänge am hinteren Rande ausgezeichneten. Der vorderen Hälfte der Unterfläche entspringen die acht Füsse.

Wie schlank und zierlich sind diese hellen völlig durchsichtigen Füsschen, die das Tier oft in ganzer Länge von sich streckt und so eine Zeit lang still und unbeweglich liegen bleibt, um mit einem plötzlichen Ruck eine Strecke fortzueilen. Wieder liegt es still da und fängt nach einer kurzen Ruhe an langsam auf dem Grunde fortzukriechen. Jetzt eilt es wieder, sich wie im Wirbel überschlagend, in hastiger Bewegung eine Strecke fort, um bald zu ruhen, bald langsam im Wasser zu wandeln.

Betrachten wir die einzelnen Füsse noch genauer, so fallen besonders an den hinteren Paaren lange, seidenglänzende Haarborsten auf, welche gedrängt stehen und leicht beweglich sind. Die zahlreichsten bemerken wir am vorletzten und drittletzten Gliede der beiden hinteren Fusspaare. Es sind dies die für unsere Süsswassermilben ganz besonders charakteristischen Schwimmborsten, und von ihrer Anzahl, ihrer Breite und Stellung hängt zum grossen Teil die Gewandtheit und Schnelligkeit ab, mit der sich die Tierchen im Wasser bewegen. Als Regel können wir annehmen, dass bei den erwachsenen Milben die vorderen Füsse nur wenige, die hinteren dagegen zahlreiche Schwimmborsten führen, und dass wiederum an jedem Fusse, der überhaupt welche besitzt, das vorletzte Glied die meisten, die dem Körper näheren Glieder immer weniger solche Borsten tragen. Ausnahmen von dieser Regel sind allerdings beobachtet. So bemerkt man, dass bei einer der grössten einheimischen Arten, einer der schnellsten und gewandtesten Schwimmerinnen, _Eylaïs extendens_, welche als tiefrote Jägerin die Wasser durcheilt, das vierte Fusspaar gar keine Schwimmborsten besitzt. Das Tier hat sich daher gewöhnt, den letzten Fuss jeder Körperseite beim Schwimmen ruhig nach hinten gestreckt zu tragen. Diese Haltung giebt ein untrügliches Erkennungsmittel für die soeben namhaft gemachte, in unseren stillstehenden Gewässern häufigere Milbe ab. Einigen Wassermilben fehlen die Schwimmborsten sogar gänzlich. Sie sind dadurch gezwungen, eine durchaus kriechende Lebensweise zu führen, und leben meist im Schlamme verborgen.

Wie wenig übrigens der Besitz oder Mangel von Schwimmborsten eine Verwandtschaft zwischen manchen in diesem einen Punkte übereinstimmenden Milben mit sich bringt, beweisen zwei Gattungen, deren Vertretern die Schwimmborsten fehlen, nämlich _Bradybates_ und _Limnochares_ (die Tiefschreiter und Schlammfreunde). Diese Milben sind in ihrer ganzen Erscheinung ausserordentlich verschieden von einander. Erstere möchte wohl als das Urbild einer, der Lebensweise im Wasser angepassten Samtmilbe angesehen werden können, so vollständig wiederholt sie Zug um Zug die Gestalt dieser Landmilbe. Ganz anders bietet sich _Limnochares_ dem Beobachter dar. Ein unförmlicher linsengrosser roter Klumpen, welcher mühsam von den auffallend kurzen dünnen Füssen fortgeschleppt wird und das langgezogene schnabelförmige Mundstück beim Zurückziehen ganz in sich aufzunehmen vermag, ist sie ganz darauf angewiesen, dass die Tragkraft des Wassers ihre Muskeln bei der Fortbewegung ihres Leibes unterstützt.

Hervorgehoben mag noch werden, dass das Schwimmborstensystem am ausgebildetsten bei den Hartmilben des süssen Wassers, den Hartschwimmern, deren hervorstechendste Gattung _Arrenurus_ (Hartschwanz) ist, gefunden wird. Hier zeigt jeder der beiden Hinterfüsse eine doppelte Reihe solcher Borsten.

Steht es nun auch gewiss fest, dass die Schwimmfertigkeit durch die Schwimmborsten wesentlich bedingt ist, so beweist doch die Beobachtung derjenigen Milben, welche die tiefen Regionen des Genfersees bewohnen, dass damit die Frage nach den Gründen des Schwimmens noch nicht ganz erledigt ist. Dort im Genfersee, und vermutlich auch in anderen sehr tiefen Seen der Schweiz, hat Prof. +Forel+ in den tiefsten Schichten eine Hydrachnide gefunden, welche sich trotz aller vorhandenen Schwimmborsten nicht imstande zeigt, den Boden zu verlassen und schwimmend die Oberfläche zu erreichen. Wird eine solche Milbe in ein noch so flaches Gefäss gethan, so vermag sie nur auf dem Boden zu kriechen. Wird ihr, wenn man sie an die Oberfläche gezogen hat, der Unterstützungspunkt genommen, so sinkt sie trotz allen Fussbewegungen, die sie ausführt, doch auf den Boden zurück. Offenbar hat sie sich unter dem Einfluss des bereits erheblichen Wasserdrucks auf dem Boden des Genfersees entwöhnt, von ihren Schwimmborsten einen richtigen Gebrauch zu machen, sie hat ihre Füsse niemals im Schwimmen geübt und hat so, trotz den vorhandenen Schwimmborsten, die zum Schwimmen notwendigen kräftigen Bewegungen dauernd verlernt. Es scheint also auch ein richtiger Gebrauch der sonst zum Schwimmen hinreichend ausgerüsteten Füsse vorausgesetzt werden zu müssen, damit die Schwimmborsten eine dem Wasser hinreichenden Widerstand entgegensetzende Fläche bilden und so die Fortbewegung bewirken können.

Wir wenden uns nun wieder der Gestalt unserer _Piona_ zu. Während die gewölbte Oberseite derselben dem beobachtenden Blick ausser den deutlich wahrnehmbaren dunklen Augenpunkten wenig bietet, wird er, nachdem man die Milbe auf den Rücken gelegt hat, bei Betrachtung der Unterseite von einigen besonderen Organen gefesselt.

Auf der Bauchfläche bemerkt man nämlich vier von einander getrennt stehende härtere Hautplatten, und an jeder sind zwei Füsse eingelenkt[I]. Bei näherer Betrachtung ergiebt es sich, dass jede der Platten aus zwei mit einander verschmolzenen Plättchen zusammengesetzt ist und dass jedes der acht Plättchen die Gelenkhöhle für das Hüftglied je eines der acht Füsse trägt. Wir nennen die Plättchen die Hüftplatten der Füsse oder die Epimeren. Unsere _Piona flavescens_ lässt erkennen, dass die Hüftplatten für die beiden vierten Füsse, rechts und links, die umfangreichsten sind. Das ist nicht immer der Fall. Überhaupt finden wir in der Ausbildung und gegenseitigen Gruppierung dieser Epimeren eine so ausserordentliche Mannigfaltigkeit, dass nicht mit Unrecht die hieraus sich ergebenden Unterschiede zur schärferen Trennung der Gattungen verwendet worden sind.

[I] Vergleiche auch Fig. 3 _e_ S. 39.

Zwischen den Epimeren der beiden vorderen Füsse befindet sich der Mundapparat, in der Regel gestützt durch eine vermutlich als Unterlippe zu deutende, erhärtete Platte. Diese Platte trägt zunächst die meist fünfgliedrigen Taster.

Dieselben dienen wohl hauptsächlich dem Gefühlssinn, werden aber auch zum Festhalten der Beute benutzt. Die Mundöffnung selbst wird in der Regel in der Tiefe eines oben offenen, eine kurze Halbröhre darstellenden kopfähnlichen Anhangs gefunden, in welchem sich als wesentlichstes Mundwerkzeug die Kaukiefer eingelassen finden. Diese Kiefer bilden einen wichtigen Anhalt zur Unterscheidung grösserer Abteilungen unter den Süsswassermilben, indem sie bei einigen Gattungen eingliedrig sind und die Gestalt eines kräftigen nach vom gerichteten Stachels haben, bei anderen dagegen aus zwei Gliedern bestehen, von denen das zweite einer mit der Spitze nach oben gewendeten Klaue oder Kralle gleicht. Ganz derselben Verschiedenheit begegnet man auch bei derjenigen Gruppe der Landmilben, welche ich bereits oben als die den Süsswassermilben am nächsten stehende bezeichnet habe, bei den Trombididen.

Was für Gliedmassen oder Teile ausserdem noch zu dem Mundapparat gehören, ist noch durch weitere Beobachtungen genauer zu erforschen. Es giebt nach Ansicht einiger Beobachter noch ein zweites Kieferpaar, welches dieselben in gewissen verhärteten Stäbchen entdeckt zu haben glauben, während andere diese Deutung jener Stäbchen leugnen. Es ist daher auch die verwandtschaftliche Stellung der Milben durchaus noch nicht allgemein festgestellt. Die einen, z. B. +G. Haller+, wollen sie zu den krebsartigen Tieren ziehen, indem das Vorhandensein einer grössern Anzahl von Kiefern dafür geltend gemacht wird. Die anderen sind der Meinung, dass die Milben den spinnenartigen Tieren zuzuzählen sind. Sicherlich kann hierüber lediglich aus anatomischen Gründen ein sicheres Urteil nicht gezogen werden, vielmehr muss die Entwickelungsgeschichte ein entscheidendes Wort mitsprechen. Vielleicht gelingt es zunächst aus den an Gamasiden noch anzustellenden Beobachtungen, hierüber mehr Licht zu verbreiten.

Auf der Unterseite unserer Milben begegnen wir nun noch der Geschlechtsöffnung und der Afteröffnung. Umfangreich, wenigstens beim weiblichen Geschlechte, ist die erstere, meist punktförmig klein die zweite, jedoch fehlt letztere nirgends, wie irrtümlich behauptet worden. Die Geschlechtsöffnung ist bei den allermeisten Gattungen von eigentümlichen, entweder napfartigen oder porenartigen Gebilden begleitet, welche meist neben ihr zu Gruppen vereinigt auf besonderen verhärteten Plättchen aufgestellt oder in die weiche Haut eingebettet sind, in einzelnen Fällen aber auch auf der innern Fläche der die Öffnung schliessenden Klappen ihren Platz gefunden haben. Die Abbildung dieser Gebilde, wie sie sich beim Männchen und Weibchen von _Nesaea fuscata_ finden, in Fig. 3 _i_ und _k_, giebt wohl eine hinreichend deutliche Vorstellung davon. Stehen diese sogenannten Haftnäpfe neben der Geschlechtsöffnung, so dürften sie kaum noch ihrem Zweck als Haft- oder Tastorgan genügen, finden sie sich dagegen auf der innern Deckklappenfläche, so ist ihre Funktion noch unbeeinträchtigt.

Die einzelnen Gattungen der Wassermilben zeigen in der Zahl, Anordnung und Grösse dieser Näpfe eine so ausserordentliche Verschiedenheit, dass sie hierdurch häufig mit grosser Leichtigkeit von einander unterschieden werden können. Es gehören diese Haftnäpfe zu einer ganz besonders charakteristischen Eigentümlichkeit gerade unserer Süsswassermilben, so dass es gerechtfertigt erscheint, noch einen Augenblick bei ihnen zu verweilen. Es sind offenbar umgebildete Oberhautporen. Betrachtet man nämlich die Oberfläche einer Süsswassermilbe genauer, so findet man dieselbe mit einer Anzahl regelmässig verteilter grösserer Porenöffnungen versehen, welche meistens zu kleinen, häufig aber auch sehr umfangreichen Hautdrüsen führen. Bei sehr vielen Milben ist die nächste Umgebung einer solchen Pore verhärtet, so dass dort eine kleine Platte in die Haut eingelassen scheint, auch wird die Öffnung regelmässig von einer Haarborste begleitet. Diese Hautdrüsen mögen wohl eine Flüssigkeit absondern, welche anderen Wassertieren Ekel erregt, so dass sie die Wassermilben nicht verspeisen mögen. Hat man doch beobachtet, dass unsere Milben von den Fischen verschmäht werden. Welchen Vorrat an solcher Flüssigkeit diese Hautdrüsen, wenn sie enorm entwickelt sind, enthalten, lässt sich bei den Hartmilben (_Arrenurus_) erkennen. Wird eine solche in Spiritus gelegt, so fährt nach kurzer Zeit der Drüseninhalt wie ein langer sich kräuselnder Faden aus der Pore hervor, so dass die ganze Milbe völlig eingewickelt wird. Nun ist es wohl nicht falsch geurteilt, wie bereits oben angedeutet wurde, wenn wir annehmen, dass die Haftnäpfe auf der Unterseite des Hinterleibes ursprünglich solche Hautdrüsenöffnungen gewesen sind. Die ursprünglichen Drüsengebilde sind aber in Haftorgane umgewandelt und dementsprechend hat sich die Öffnung samt der Platte, in welcher sie steht, umgestaltet. Meistens bemerkt man noch deutlich innerhalb des Umrisses eines solchen Napfes die Porenöffnung. In anderen Fällen ist sie aber auch schon geschwunden, was darauf hindeutet, dass das Organ seine Funktion wieder eingebüsst hat.

Wenn ich soeben bemerkte, dass diese Haftnäpfe eines der wesentlicheren Merkmale unserer Süsswassermilben darstellen, so ist damit dennoch nicht gesagt, dass es unter ihnen nicht auch solche gäbe, die überhaupt dieser Organe entbehrten. Die Mannigfaltigkeit der Formen, die wir allerwärts im Tierreiche finden und die dem ordnenden Zoologen oft so viele Schwierigkeiten entgegenstellt, findet sich auch bei den winzigen, das süsse Wasser belebenden Acariden. Die Kräfte der Natur lassen sich in kein Schema und System zwingen, sondern gestalten die Formen nach den vorhandenen Lebensbedingungen aus. So mag es denn wohl sein, dass die Masse der das süsse Wasser bevölkernden Milben aus mehreren verschiedenen Hauptstämmen erwuchs, deren Ursprung wir nicht mehr deutlich unterscheiden können. Der eine Stamm, der namentlich alle schwimmenden Süsswassermilben umfasst, hat Haftnäpfe auf der Bauchfläche erzeugt, der andere, zu denen einige kriechende Gattungen zu rechnen wären, hat solche Näpfe nicht hervorgebracht. Es ist auch bemerkenswert, dass die ersten Larvenstadien, also die eben dem Ei entschlüpften Jungen, keine Haftnäpfe besitzen.