Part 19
Ein ganzer Fang (aus der Ostsee) vom Februar 1885, der reich an einer Diatomeenart (_Rhizosolenia_) war, enthielt unter 1 _qm_ Oberfläche 1608.3 _ccm_ Plankton. Davon wurden 70 _ccm_ weiter verarbeitet. Diese enthielten 0.18 _gr_ organische Substanz = 42.1% und 0.2575 _gr_ = 57.9% Asche. Der ganze Fang würde also 4.296 _gr_ organische Substanz geliefert haben. Dies ist sehr wenig, aber da die Diatomeen so zahlreich waren, so ist der beträchtliche Aschenanteil durch die Kieselsäureskelette verständlich.
Zu ferneren Analysen wurden einzelne Bestandteile des Plankton verwendet, so die Ceratien und Copepoden. Von ersteren fanden sich in 7.25 _ccm_ Fang 12.45 Millionen. Diese enthielten 0.389 _gr_ organische Substanz = 96.05% und nur 0.016 _gr_ Asche = 3.94%.
Auf 1 Million Ceratien käme also 0.031245 _gr_ organische Substanz.
Von Copepoden wurde einmal _Rhinocalanus gigas_ zur Bestimmung benutzt. 4 _ccm_ davon = 321 Stück ergaben 0.0527 _gr_ = 99.4% organische Substanz und nur 0.0003 _gr_ = 0.6% Asche.
Diese Zahlen benutzt +Hensen+ weiter, wobei hervorzuheben ist, dass alle Angaben nur Minimalzahlen sind. +Hensen+ hat nun nach Versuchen[LXXXII] -- denen er selbst nur einen vorläufigen Wert beimisst -- berechnet, dass ein Copepod zu seiner Ernährung täglich 12 Ceratien, das ist pro Jahr 4370 Ceratien bedarf. Da nun auf 1 _qm_ Oberfläche (also einer Wassersäule, die 1 _qm_ zur Grundfläche und die Tiefe des Wassers[LXXXIII] zur Höhe hat) ungefähr 1 Million Copepoden lebt, so bedürfen diese zur Nahrung 4370 Millionen Ceratien, welche 4370 × 0.031245 = 133.35 _gr_ organische Substanz liefern.
[LXXXII] ibid. S. 95.
[LXXXIII] Hier in der Ostsee etwa 20 _m_.
Die Jahresproduktion an Diatomeen[LXXXIV] berechnet +Hensen+ auf 6570 _ccm_ pro Quadratmeter Oberfläche, diese enthalten 14.8 bis 17.7 _gr_ organische Substanz. Es würden also in Summa pro Jahr von Diatomeen und Ceratien 133 + 17 _gr_ = 150 _gr_ organische Substanz pro Quadratmeter Oberfläche erzeugt werden.
[LXXXIV] ibid. S. 96.
Nach Berechnungen von +Rodewald+ erzeugt 1 _qm_ bebauten Landes (in Form von Heu) 179 _gr_ organische Substanz. Es ist also die Produktion des Plankton nur um 20% geringer als die der gleichen Fläche Ackerlandes[LXXXV]. Da jedoch für die Berechnungen des Wassers nur Minimalzahlen genommen sind, so wäre es möglich, dass in der That die Produktion des Wassers gleich ist der des Landes. Hiermit ist also ein Mass für die Ertragsfähigkeit des Wassers gewonnen und zugleich ein Ausdruck für die belebende Wirkung des Sonnenlichtes.
[LXXXV] Dasselbe erwähnt +Seligo+[107] in seinen „Hydrobiologischen Untersuchungen“. Er sagt: „Wie eine Wiese ist die Wasserfläche gleichmässig bewachsen. Allerdings liegen die Pflänzchen normal nicht dicht an einander, aber dafür beschränkt sich ihre Anwesenheit und ihr Gedeihen nicht auf die Wasseroberfläche, sondern die oberen Wasserschichten bis zu mehreren Metern Tiefe sind davon durchsetzt, sodass die Gesamtmenge der unter einem bestimmten Teil der Oberfläche wachsenden Pflänzchen ungefähr so viel Pflanzenmenge sein dürfte, wie auf einer gleichgrossen Fläche einer dünn bewachsenen Wiese sich findet“.
Die oben gewonnenen Zahlen lassen sich jedoch noch weiterhin benutzen, z. B. für praktische Zwecke der Fischerei, wie +Heincke+[101] dargethan hat. Jedoch würde es uns zu weit führen, auf alle diese interessanten Berechnungen weiter einzugehen, wir müssen auf die Originalwerke verweisen.
Ein Punkt ist jedoch noch von Wichtigkeit, der es klarlegen soll, dass die Planktonmethode zu den vorhin dargelegten Schlüssen berechtigt. Haben wir ein Recht, von der Beobachtung, die wir aus einem kleinen Wasserquantum gewonnen haben, auf die Zusammensetzung des Plankton eines ganzen Wasserbeckens zu schliessen? Da hat sich nun gezeigt bei Untersuchungen in der Ostsee, dass die Verteilung des Plankton eine +ziemlich+[LXXXVI] gleichmässige ist. Diese gleichmässige Verteilung ist von +Hensen+ in seiner Arbeit[102]: „Über das Vorkommen und die Menge der Eier einiger Ostseefische, insbesondere der Scholle, des Flunder und des Dorsch“ so erklärt. Trifft ein Stoss, z. B. eine Welle, ein schwimmendes Ei, so können zwei Fälle in Betracht kommen: erstens, ist der Stoss senkrecht, so wird das Ei in der Richtung des Stosses fortbewegt; zweitens, ist der Stoss unter einem Winkel auf das Ei gelangt, so schiebt eine Komponente des Stosses das Ei weiter, während die andere es dreht. So werden die Eier nach und nach auseinandergetrieben, wenn sie auch an einer Stelle der Oberfläche sich befanden, da ein Stoss nicht alle Eier in derselben Richtung trifft. Was für die Eier gilt, ist auch für die anderen Organismen des Plankton anzuwenden. So wird durch die Wellen, welche wie eine Schüttelbewegung wirken, die Zerstreuung besorgt. Diese Thatsachen hat +Hensen+ auch noch direkt durch Experimente (siehe die gleiche Arbeit) erhärtet, indem er mehrere versilberte Glaskugeln, die so beschwert waren, dass sie gerade noch schwammen, in das Wasser versenkte und nach einiger Zeit wahrnahm, dass sie weit auseinandergetrieben waren.
[LXXXVI] In einer neuen Arbeit +Hensens+[104]: „Einige Ergebnisse der Plankton-Expedition der Humboldt-Stiftung“ heisst es: „... Die Expedition ging von der rein theoretischen Ansicht aus, dass in dem Ozean das Plankton gleichmässig genug verteilt sein müsse, um aus wenigen Fängen über das Verhalten sehr grosser Meeresstrecken sicher unterrichtet zu werden, und diese Voraussetzung hat sich weit vollständiger bewahrheitet, als gehofft werden konnte“.
Nachdem wir gesehen haben, was für weitgehende Schlüsse +Hensen+ mit Hilfe seiner Planktonmethode, d. h. der Art und Weise der Gewinnung und Verarbeitung eines Planktonfanges, zu ziehen imstande war, wollen wir diese Methode[LXXXVII] näher ins Auge fassen.
[LXXXVII] Diese Methode hat in neuester Zeit von +E. Häckel+ eine sehr absprechende Beurteilung erfahren; da jedoch schon von anderer Seite die Missverständnisse und Entstellungen der Häckelschen Schrift richtiggestellt sind, so gehe ich nicht weiter auf dieselbe ein, sondern verweise auf die Arbeiten Brandts[102] und Hensens.
Ich möchte daher den Leser bitten, mich auf einer Exkursion zu begleiten und nachher den Arbeiten am Lande beizuwohnen. Wir besteigen einen Dampfer und haben Zeit, ehe wir an Ort und Stelle anlangen, die Ausrüstung zu der „Planktonfahrt“ in Augenschein zu nehmen.
Vor allem fällt uns das grosse +Vertikalnetz+[LXXXVIII] auf (Fig. 45 S. 262): An ihm können wir drei Teile unterscheiden, erstens das eigentliche konische Netz (_A_), dann den ebenfalls konischen Aufsatz (_B_) und drittens den Blecheimer (Fig. 48 S. 265).
[LXXXVIII] Ich habe in folgendem die Masse des Netzes nach denen von der Plankton-Expedition auf dem Atlantischen Ozean verwendeten Apparaten wiedergegeben. Da, wo auf Süsswasserseen kein Dampfer zur Verfügung steht, müssten die Netze verkleinert werden, denn vom Boote aus ist es unmöglich, mit den fast 2 _m_ hohen Netzen zu fischen.
Das eigentliche Netz ist folgendermassen gebaut:
An einem starken Eisenringe (_S_), der 90 _cm_ Durchmesser hat, ist innen eine 5 _cm_ grosse Falte von Barchent befestigt (_r_), deren äusserer Teil eine grössere Anzahl Knopflöcher trägt. Von hier soll nach dem untern Ringe (_K_) das weiterhin zu beschreibende Netzzeug ausgespannt werden. Dieser untere Ring (_K_) trägt drei gabelartige Vorsprünge, an welchen durch Überfallschrauben der Blecheimer befestigt werden kann. Auf diesem Ringe ist ein zweiter Ring (_K₁_) durch mehrere mit Ösen versehene Schrauben (_m_) befestigt.
[Illustration: Fig. 45.]
Das Gazenetz (_i_) trägt an seinem obern Rande einen Leinwandstreifen (_l_), welcher mit Knöpfen versehen ist, die in die oben erwähnten Knopflöcher der Barchentfalte hineinpassen[LXXXIX], unten ist das Netz an einen Barchentring angenäht, welcher an dem Messingringe (_K_) durch mehrere Schrauben (_n_) befestigt werden kann. Damit das feine Gazenetz nicht allein den Druck der filtrierenden Wassermasse auszuhalten hat, ist an seiner Aussenseite ein einfaches Fischernetz (_f_) ausgespannt, das oben an dem Ringe _S_ mit Bindfaden angebunden ist und unten zwischen die beiden Ringe _K_ und _K__{1} geklemmt wird. Die beiden erwähnten Netze sind aber zu schwach, den an den Ringen _K_ und _K__{1} hängenden Eimer zu tragen, es sind daher zwischen _S_ und den Schraubenösen (_m_) einige starke Schnüre (_g_) ausgespannt.
[LXXXIX] Es ist daher jederzeit möglich, das Netz herabzunehmen und auszuwaschen.
Bei der Wahl des +Netzzeuges+ handelt es sich einerseits darum, dass die Löcher möglichst fein und gleichmässig sind, damit auch die kleineren Organismen nicht hindurchgehen können, anderseits auch darum, dass die Fäden des Gewebes nicht quellen und sich nicht verschieben können. Diese Bedingungen werden allein durch die Müllergaze erfüllt, die in mehreren Sorten in den Handel kommt, und sich durch die Grösse der Löcher unterscheidet. Diese Gaze ist aus Seidenfäden verfertigt und wird in Mühlen zur Trennung des Mehles nach der Korngrösse benutzt. Dieses Gewebe (Müllergaze Nr. 20) ist von solcher Feinheit, dass auf einen Quadratcentimeter Fläche 5926 Löcher kommen[XC], von denen jedes eine Seitenlänge von 0.053 _mm_ hat. Mit diesem Netzzeug werden fast alle Organismen gefangen, nur wenige Diatomeen, die mit ihrer Längsachse auf ein Loch treffen, werden hindurchschlüpfen. Einen grossen Vorzug besitzt dieses Gewebe noch durch seine grosse Glätte, es bleiben einmal wenig Organismen daran hängen, dann auch fasert es nicht aus, so dass der Fang nicht durch Fäden verunreinigt wird.
[XC] Planktonwerk S. 4.
Ein aus diesem Seidengewebe gefertigtes Netz soll nun zwischen den beiden Ringen so ausgespannt werden, dass es keine Falten schlägt. Es ist dazu nötig, ein Muster zu entwerfen[XCI], nach dem das Netzzeug zugeschnitten wird. Bei dem vorliegenden Netze beträgt der Radius des obern Ringes _R_ = 45 _cm_, der des untern _r_ = 10 _cm_, die Mantelhöhe des abgestumpften Kegels _i_ = 150 _cm_.
[XCI] Die Berechnung weicht von der von Hensen im Planktonwerk S. 6 angeführten ab, da statt der Sehnen der Winkel an der Spitze benutzt ist.
Vervollständige ich den abgestumpften Kegel (Fig. 46), so kann ich mit Hilfe der Mantelhöhe des abgeschnittenen Stückes (_x_) den Winkel an der Spitze (α) (Fig. 47) berechnen.
[Illustration: Fig. 46.]
Es ist _x_ : _x_ + _i_ = _r_ : _R_. Daraus folgt
_x_ = _ri_/(_R_ − _r_).
Nach unserem Beispiel erhalten wir für _x_ = 42.9 _cm_.
Denken wir uns jetzt den Kegelmantel aufgerollt (Fig. 47), so ist
_AB_ = _U_ = 2_R_π
und
_CD_ = _u_ = 2_r_π.
[Illustration: Fig. 47.]
Es muss sich verhalten der Umfang des Kreises, den ich mit dem Radius _x_ (= 2_x_π) schlagen kann, zu _u_, wie 360° : α.
Also
2_x_π/(2_r_π) = 360°/α.
Daraus folgt
_x_/_r_ = 360°/α.
In unserem Beispiel erhalten wir für α = 83.9°.
Ebenso wäre die Rechnung, wenn wir für _u_ : _U_ genommen hätten, dann hätten wir statt _x_ aber _x_ + _i_ setzen müssen. Um nun nach vorstehenden Zahlen ein Muster zu zeichnen, verfahren wir so, dass wir uns den Winkel α = 83.9° konstruieren und von dem Scheitelpunkte desselben mit den Radien _x_ = 42.9 _cm_ und (_x_ + _i_) = 192.9 _cm_ Kreisbogen schlagen, dann geben die Strecken dieser Bogen zwischen den Schenkeln des Winkels den obern und untern Umfang des Netzzeuges an. Nach diesem Muster wird dann das Gazenetz ausgeschnitten, wobei berücksichtigt werden muss, dass bei _AC_ und _BD_ das Netz aneinandergenäht wird, zu welchem Zweck eine Einschlagskante bleiben muss. Die Nähte müssen natürlich nach aussen kommen und ausserdem darf nur eine ganz feine Nadel verwendet werden, da jeder Nadelstich dem feinen Netzzeug gegenüber ein grosses Loch darstellt.
[Illustration: Fig. 48.]
Der +Aufsatz+ des Netzes besteht aus einem 1 _cm_ dicken Eisenringe (_a_) von 36 _cm_ Durchmesser, der mit dem obern Netzringe (_S_) durch drei starke 60 _cm_ lange Eisenstangen (_d_) verbunden ist, die oben in Haken (_c_) zur Befestigung des Taues auslaufen. Zwischen den beiden Ringen, jedoch +unter+ den verbindenden Eisenstangen, ist ein Barchentmantel[XCII] ausgespannt. Dieser Aufsatz ist von grosser Wichtigkeit für die Brauchbarkeit des Netzes. Wird das Netz auf den Grund des Wasserbeckens hinabgelassen, so würden, wenn dieser Netzteil fehlen sollte, Schlamm und Organismen von dem +Boden+ in das Netz geraten können. Bei dieser Einrichtung jedoch stösst höchstens der Eisenring (_S_) auf den Schlamm auf, und dieser wird, wenn auch etwas aufgewirbelt, doch nicht die obere Netzöffnung erreichen und den Fang verunreinigen können. Ferner dient dieser Aufsatz auch als Reservoir, wenn bei stürmischem Wetter der Fang aus dem Netz hinaufgespült wird. Dann auch wird durch die Öffnung des Aufsatzes (= 1000 _qcm_) ein nur geringer Wasserstrom in das Netz hineingelangen und durch die gegen 26mal so grosse Netzwand fast vollständig filtriert werden können.
[XCII] Derselbe wird ebenfalls nach den obigen Formeln konstruiert.
Der +Eimer+ (Fig. 48) ist ein cylindrisches Blechgefäss (Eisenblech), dessen Boden nach der Mitte zu abfällt und hier eine durch eine Schraube verschliessbare Öffnung (_u_) trägt. Der obere Rand des Gefässes ist erhaben (_n_) und trägt drei Überfallschrauben (_m_), die in die oben erwähnten drei gabelartigen Fortsätze des untern Netzringes (Fig. 45 _k_) hineinpassen. In der Mitte ist der Blechcylinder noch von einem Reif (_q_) umgeben. Zwischen diesen beiden Reifen (_q_ und _n_) ist die eine Seite der Eimerwand herausgenommen und durch Müllergaze (_o_) verschlossen. Der ganze Eimer steht auf sechs Füssen (_f_), die durch einen Ring (_r_) verbunden sind.
[Illustration: Fig. 49.]
Neben dem Vertikalnetz kommt hauptsächlich der +Filtrator+ (Fig. 49) in Betracht. Dieser stellt einen Metallcylinder dar, dessen Wände durch Müllergaze ersetzt sind mit Ausnahme von einigen Stützen (_s_), die unten durch einen sehr flachen Reif (_K_) verbunden sind. Die Müllergaze wird zwischen dem obern und untern Ringe (_R_ und _K_) und den Stützen (_s_) folgendermassen ausgespannt. In dem obern Ringe (_R_) befindet sich ein zweiter Ring (_R′_), der an den erstern angeschraubt werden kann; zwischen beide wird die Gaze eingeklemmt, ebenso geschieht dies bei dem untern Ringe (_K_), auf den ein zweiter Ring (_K′_) passt, und schliesslich auch bei den Stützen (_s_), an welche von innen die Gaze durch Metallplatten angedrückt wird. Indem man den obern und untern Rand der Gaze zwischen den beiden Ringen einspannt, die seitlichen Ränder aber zwischen einer Stütze und ihrer innern Platte, hat man den Vorteil, dass an dem Netzzeuge des Filtrators kein Nadelstich nötig ist.
Der Filtrator trägt an jeder Seite einen dreikantigen Vorsprung (_v_), der dazu dient, den oben beschriebenen Apparat mit Hilfe eines Bügels (_b_) und einer Überfallschraube (_a_) auf eine Glasplatte (_G_) fest anzudrücken, so dass unter dem Ringe (_K′_) kein Wasser entweichen kann, sondern dasselbe alles durch das Netzzeug filtrieren muss. Da die beiden unteren Ringe (_K_ und _K′_) sehr flach sind, so wird nur sehr wenig Wasser im Apparat zurückbleiben, welches man auch durch vorsichtiges Neigen des Filtrators nach einer Seite zum Ablaufen bringen kann.
Ferner sind wir mit einigen weithalsigen Stöpselgläsern versehen, die mit Konservierungsflüssigkeit gefüllt sind, und von denen jedes zur Aufnahme +eines+ Fanges bestimmt ist. Am bequemsten ist die Anwendung der Pikrinschwefelsäure, die folgende Zusammensetzung hat:
300 Raumteile Wasser, 100 „ einer konzentrierten wässerigen Lösung von Pikrinsäure, 2 „ von konzentrierter Schwefelsäure.
Der Fang kommt, wie weiter unten gezeigt werden soll, in diese Mischung und kann in derselben bleiben, wenn die Bearbeitung sogleich vor sich gehen soll. Muss der Fang jedoch einige Zeit stehen, so empfiehlt es sich, nachdem die Organismen zu Boden gesunken sind, die überschüssige Säure abzugiessen und durch Alkohol von 60% zu ersetzen, der mehrmals gewechselt werden sollte. Jedoch muss das mit der grössten Vorsicht geschehen, da noch zahlreiche Diatomeen in der Flüssigkeit suspendiert sind und sich sehr langsam absetzen. Bleiben die Organismen zu lange in der Säure, so werden die Kalksalze aus einigen ausgezogen und noch anderweitige Veränderungen bewirkt, die Tiere werden schliesslich ganz weich und sind für nachfolgende Bearbeitung wenig geeignet.
Ebenso wirksam ist eine konzentrierte Lösung von Sublimat; bei dieser tritt nur der Übelstand ein, dass man sehr lange mit Wasser[XCIII] auswaschen muss, um eine nachfolgende Ausscheidung nadelförmiger Sublimatkrystalle zu verhindern; natürlich muss das Wasser später durch Alkohol ersetzt werden.
[XCIII] Statt dessen kann man Jodalkohol benutzen, den man so lange wechseln muss, bis die Färbung des Jods nicht mehr verloren geht.
Wie andere Fixierungsmittel sich bewähren, kann ich nicht angeben, glaube aber, dass Osmiumsäure (event. Chromosmiumessigsäure) sehr gut anwendbar ist. Der Fang wird in ein Glas, in dem etwas Wasser sich befindet, gebracht und darauf einige Tropfen Osmiumsäure zugesetzt. Nach einigen Minuten oder sobald alle Organismen getötet sind, wird das Glas mit Wasser gefüllt, dann lässt man die Organismen sich absetzen, decantiert und setzt schliesslich Alkohol zu.
Von kleineren Apparaten sind noch vorhanden ein Spatel, eine Spritzflasche, eine Giesskanne und einige Papierzettelchen, die mit Bemerkungen versehen und in die Fanggläser gelegt werden können.
Unterdessen sind wir an dem Punkte angelangt, an dem wir die Untersuchung auszuführen gedenken. Das Schiff hält still und das +Fischen+ kann beginnen. Das Tau, an dem das Vertikalnetz befestigt ist, wird über eine Rolle, die an einem galgenartigen, eisernen Gestelle angebracht ist, gelegt. Der freie Schenkel dieses sogenannten „David“ ragt über die Schiffswand hinaus und erleichtert, da die ganze Vorrichtung um ihre Achse drehbar ist, das Einholen des Netzes. Das Netz, an dem der Eimer angeschraubt ist, wird in das Wasser hinabgelassen, zuerst langsam, damit das Netzzeug angefeuchtet wird, dann etwas schneller. Die Hand, die das Tau leitet, kann leicht den Zug des sinkenden Netzes spüren und daher auch den Moment wahrnehmen, in welchem der Netzring auf dem Boden aufstösst. Um letzteres jedoch zu verhindern, ist es ratsam, vorher zu loten, dann kennt man die Wassertiefe und auch die Bodenbeschaffenheit, da sich Grundproben an dem unten mit Talg versehenen Lote eindrücken. Das Tau des Vertikalnetzes trägt in Entfernungen von je 1 _m_ bunte Läppchen und alle 10 _m_ anders gefärbte. Man kann also das Tau langsam ablaufen lassen, da man die gelotete Tiefe ablesen kann und kein Aufstossen zu befürchten braucht. Sobald das Netz in der Tiefe angelangt ist, wird es mit mittlerer Geschwindigkeit von ½–¾ _m_ pro Sekunde senkrecht aufgezogen. Die Geschwindigkeit hängt von der Filtrationsgrösse[XCIV] des Netzzeuges ab. War z. B. das Netz 20 _m_ hinabgelassen, so können wir, da die Netzöffnung 0.1 _qm_ beträgt, die Wassermenge, die durch das Netz gegangen sein sollte, berechnen, sie ist 20×0.1 _qm_ = 2 _cbm_ gross. In Wahrheit ist jedoch etwas weniger Wasser filtriert worden, nämlich nur 1.8 _cbm_, wie Versuche von +Hensen+ ergeben haben. 2 _cbm_ würden durch den Netzring gehen, wenn kein Netz daran hinge, so wird aber durch den Widerstand des Netzzeuges jener Bruchteil (10%) über den Netzring abfliessen. Sobald das Netz über dem Wasserspiegel angelangt ist, wird dasselbe von aussen mit Wasser beworfen. Dadurch wird das dem Netze anhaftende Material in den Eimer hinabgespült, durch dessen filtrierende Fläche das überschüssige Wasser abläuft. Nun befinden sich alle Organismen im Eimer und zwar in einer verhältnismässig kleinen Wassermenge, die nun weiter zur Verarbeitung kommt.
[XCIV] Planktonwerk S. 10.
Der Eimer wird vom Netze gelöst, die Schraube, die sich in der Röhre am Boden des Eimers befindet, herausgedreht, so dass der Inhalt in eine darunter gestellte Flasche gelangt. Aus der Flasche kann man dann nach und nach die Masse in den Filtrator giessen. Diese Methode ist sicherer, als wenn man den Fang direkt aus dem Eimer in den Filtrator bringt, da bei schwankendem Schiffe leicht etwas vorbeilaufen kann.
Das Wasser sickert nun allmählich durch die Gazewände des Filtrators durch, und zwar verschieden schnell, je nach der Beschaffenheit des Fanges. Sind viel Diatomeen oder Nostocaceen (Limnochlide) vorhanden, so hat der Fang ein schleimiges Aussehen und filtriert sehr langsam. Sind dagegen Copepoden oder Peridineen am zahlreichsten, so läuft das Wasser sehr schnell ab, da sich die Poren des Netzzeuges nicht verstopfen. Nachdem auf diese Weise die Organismen ziemlich vollständig vom Wasser befreit sind, wird die Glasplatte, denn auf dieser hat sich jetzt der Fang niedergesetzt, unter dem Filtrator hervorgenommen und mit Spatel und Spritzflasche werden die Tiere und Algen in die Konservierungsflüssigkeit gebracht, in der sie bis zur Verarbeitung bleiben oder, wie oben auseinandergesetzt ist, in Alkohol übertragen werden. In jedes Glas wird ein Zettelchen gelegt, auf dem der Fundort, das Datum, die Tiefe des Planktonzuges, die Konservierung, die Temperatur des Wassers und allenfalls noch die Windrichtung angegeben sind.
Die nun folgenden Arbeiten, die die +quantitative Bestimmung+ des Fanges bezwecken, werden ausgeführt, nachdem wir zu Hause angelangt sind. Zuerst wird das +Volumen+ des Fanges festgestellt. Zu dem Zwecke wird der Inhalt eines einen Fang enthaltenden Glases in einen Messcylinder entleert. Nach und nach sinken die Organismen zu Boden, die grösseren schneller, die kleinen langsamer. Unter letzteren sind namentlich die Diatomeen zu erwähnen, diese setzen sich, wenn sie in grösseren Mengen vorkommen, so langsam ab, dass nach tagelangem Stehen noch immer eine Volumenverringerung zu beobachten ist. Befinden sich grosse Tiere im Fange, so muss bei diesen das Volumen besonders bestimmt werden und dieses geschieht am besten und genauesten durch „+Verdrängung+“, d. h. das Tier wird in einen Messcylinder hineingebracht, in dem sich eine bekannte Menge Flüssigkeit (Wasser -- oder Alkohol, wenn der Fang in Alkohol war --) befindet, dann kann man durch das Steigen der Wasseroberfläche das Volumen des Körpers bestimmen. Meist hat sich die Masse in 24 Stunden so weit abgesetzt, dass das Volumen derselben abgelesen werden kann. Da die Volumenbestimmung zum Vergleiche der einzelnen Fänge unter sich dienen soll, so ist es zweckmässig, allen Fängen die gleiche Zeit zum Absetzen zu lassen und zwar genügen dazu 24 Stunden.
Nachdem so das Volumen des Fanges festgestellt ist, wird zur +Zählung+ der Organismen geschritten. Es ist selbstverständlich, dass nicht alle Individuen des Fanges gezählt werden können, das beweisen schon folgende Zahlen, die ich Zählungen +Hensens+[XCV] entnehme: Hensen fand im Oktober 1884 in 1 _cbm_ Ostseewasser (Kieler Bucht) 13 Millionen _Ceratium tripos_, und im März 1885 ebenda 102 Millionen _Rhizosolenia semispina_, und wenn wir gar lesen, dass im September sich im Stettiner Haff in ½ _cbm_ Wasser 9983 Mill. Fäden von Limnochlide[XCVI] fanden, dann ist es klar, dass diese Zahlen auf anderem Wege gewonnen sind, als durch Zählung jedes einzelnen Individuums. Die sinnreich von +Hensen+ erdachte und angewendete Methode ist folgende:
[XCV] +Hensen+, Planktonwerk.
[XCVI] Die letzte Zahl entnehme ich einem Zählungsprotokolle von Herrn Geheimrat +Hensen+, das er mir freundlich für diese Arbeit überliess und das am Ende des Kapitels sich abgedruckt findet. Die folgenden Zahlen sowie Betrachtungen beziehen sich auf dieses Protokoll. Siehe auch +Hensen+ [105].
Von dem Fange wird die überschüssige Pikrinschwefelsäure abgegossen und dann Wasser so viel zugesetzt, bis sich die Masse gut durcheinanderschütteln lässt. Befindet sich der Fang in Alkohol, so muss der Alkohol durch Wasser erst ausgewaschen werden, was mehrere Tage in Anspruch nimmt. Nehmen wir an, dass nach der Verdünnung das Volumen 500 _ccm_ betrage, so ist es klar, dass sich in 1 _ccm_ die verschiedenen Organismen nicht in der gleichen Zahl finden. Während wir vielleicht eine _Leptodora_ finden, befinden sich in demselben Volumen gegen 20 Millionen Limnochlide. Um letztere zählen zu können nehmen wir von dieser ersten Verdünnung 1 _ccm_ ab und verdünnen ihn auf 1000 _ccm_, dann haben wir in dieser zweiten Verdünnung in jedem Kubikcentimeter nur 20000000/1000 = 20000 Fäden der Alge. Von dieser Verdünnung können wir ⅒ _ccm_, der 2000 Fäden enthalten würde, bequem zählen. In dieser Wassermasse würden wir aber keinen einzigen der selteneren Organismen finden, daher dürfen wir, wenn wir diese zählen wollen, die Verdünnung nicht so weit treiben, sondern vielleicht 1 _ccm_ der ersten Verdünnung nur auf 100 oder 10 _ccm_ verdünnen, für die ganz seltenen werden wir aber die erste Verdünnung selbst zur Zählung benutzen.