Part 23
Neben den Vögeln spielen aber, wie Dr. +W. Migula+ gezeigt hat, auch die Wasserkäfer eine bedeutsame Rolle bei der Verbreitung der kleinen und zum Teil mikroskopischen Süsswasserorganismen. Der Genannte fand nämlich, dass _Eudorina elegans_, _Pandorina morum_, _Scenedesmus obtusus_ und sonstige Algen durch derartige Käfer verschleppt und in andere Wasserbecken verpflanzt werden. +Migula+ fasst das Ergebnis seiner Untersuchungen in folgendem Passus zusammen[117]: „Da die Wasserkäfer (besonders des Nachts) ihren Aufenthalt häufig wechseln und nachweisbar oft weit entfernte Gewässer aufsuchen, so vermitteln sie gewiss in allen jenen Fällen die Verbreitung der Algen, wo es sich um kleine Lachen und Tümpel handelt, die wohl für Wasserkäfer, aber nicht für Wasservögel von Interesse sind. Das konstante Vorkommen von Algen an den Körperteilen von Wasserkäfern lässt sogar darauf schliessen, dass diesen bei dem Transport von Mitgliedern der niederen Flora eine grössere Rolle zukommt, als den Wasservögeln oder der strömenden Luft. In Wirklichkeit verhält es sich wahrscheinlich so, dass die Luft kleinste und der Austrocknung widerstehende Formen verbreitet, Wasservögel den Transport nach weit entfernten Gegenden vermitteln und Wasserkäfer in ausgedehnter Weise für die Ausbreitung einer Spezies innerhalb enger räumlicher Grenzen thätig sind“. Dass mit den Algen zugleich auch eingekapselte Protozoen, Eier von kleinen Würmern u. s. w. transportiert werden können, wird Niemand als etwas Unwahrscheinliches betrachten.
Auf die ebenfalls weit verbreiteten +Wassermilben+ (Hydrachniden) scheint der Modus einer Überführung derselben von einem Gewässer zum andern überhaupt nicht anwendbar zu sein, weil diese Tiere für das Trockenwerden sehr empfindlich sind und ausserhalb des Wassers schnell zu Grunde gehen. Um so dringlicher erhebt sich hiernach die Frage, auf welche Weise diese spinnenartigen Wesen in die grossen und kleinen Seebecken hineingelangen, wo wir sie vorfinden. Über diesen Punkt hat uns unlängst der französische Naturforscher +Th. Barrois+[118] aufgeklärt. Derselbe entdeckte nämlich, dass es nicht die erwachsenen Individuen, sondern die durch einen dicken Chitinpanzer geschützten Puppen der Wassermilben seien, welche der passiven Wanderung unterworfen werden, insofern sich dieselben an den Leibern verschiedener Wasserwanzen (_Nepa_, _Notonecta_) festheften und so von diesen fliegenden Insekten auf weite Entfernungen hin transportiert werden. +Barrois+ zeigte durch das Experiment, dass Wasserwanzen viele Stunden auf dem Trockenen ausdauern können, ohne dass die Entwickelungsfähigkeit jener Puppen darunter leidet. Letztere werden also auch dann ungefährdet bleiben, wenn die Wasserwanzen, ihrer Gewohnheit folgend, während der Nacht von einem Teiche zum anderen fliegen. Auf solche Art gelangen nun zahlreiche zum Ausschlüpfen reife Larven von Hydrachniden an weit entfernte Wohnplätze und verbleiben dort für immer, nachdem sie die Puppenhülle gesprengt und verlassen haben. Ihr weiteres Wachstum vollzieht sich in dem einen Gewässer so gut wie in dem anderen, und daher kommt es, dass wir selten in einem Graben oder Tümpel vergeblich nach Hydrachniden suchen.
Andere überall vorkommende Tiere, wie z. B. die kleinen +Süsswasser-Oligochäten+ (_Nais_, _Chaetogaster_ etc.), sind mit zahlreichen Büscheln von Hakenborsten ausgerüstet, und dies führt auf den Gedanken, dass sie durch diese Borsten in der Vornahme passiver Wanderungen stark begünstigt werden. Manche +Turbellarien+ besitzen, wie wir früher sahen, sogenannte „Klebzellen“ in der Nähe des hinteren Körperendes, und höchst wahrscheinlich dienen dieselben gelegentlich ebenfalls dazu, ihren Besitzern eine Luftreise zu ermöglichen. Jene Zellen sind einer so energischen Thätigkeit fähig, dass man die betreffenden Strudelwürmer oft eher zerreissen, als von ihrer Befestigungsstelle loslösen kann.
Eine ganz vorzügliche Geeignetheit zur Ausführung passiver Wanderungen müssen wir übrigens auch bei vielen Spezies von +Wasserschnecken+ und +Muscheln+ voraussetzen, denn diese Mollusken sind selbst noch in manchen Gebirgsseen anzutreffen. Fand doch +A. Brandt+ selbst in dem 1904 m hohen Goktschai (Armenien) Limnäen, _Planorbis carinatus_ und Pisidien vor. Das _Pisidium fossarinum_ konstatierte +A. Wierzejsky+ in 21 Seen der Hohen Tatra, und einer Notiz +Imhofs+ zufolge ist die nämliche Muschel sogar noch auf dem Splügen zu finden.
Nach einer wertvollen Beobachtung +Darwins+ scheint hauptsächlich den ganz jungen Schnecken das Vermögen zu weiten Wanderungen beizuwohnen, wie sich aus folgender Stelle des Kapitels über geographische Verbreitung in der „Entstehung der Arten“ ergiebt. +Darwin+ sagt dort: „Wenn eine Ente sich plötzlich aus einem mit Wasserlinsen bedeckten Teiche erhebt, so bleiben oft einige dieser kleinen Pflanzen auf ihrem Rücken hängen, und es ist mir vorgekommen, dass, wenn ich einige Wasserlinsen aus einem Aquarium ins andere versetzte, ich ganz absichtslos das letztere mit Süsswassermollusken des ersteren bevölkerte. Doch ist ein anderer Umstand vielleicht noch wirksamer. Ich hängte einen Entenfuss in einem Aquarium auf, wo viele Eier von Wasserschnecken auszukriechen im Begriffe waren, und fand, dass bald eine grosse Menge der äusserst kleinen Schnecken an dem Fusse umherkrochen und sich so fest an demselben anklebten, dass sie kaum abgeschabt werden konnten, obwohl sie in einem etwas vorgerückten Alter freiwillig davon abgefallen wären. Diese frisch ausgeschlüpften Mollusken lebten an dem Entenfusse in feuchter Luft 12–20 Stunden lang, und während dieser Zeit kann eine Ente oder ein Reiher mindestens 600–700 englische Meilen weit fliegen, um sich dann in einem Sumpfe oder Bache niederzulassen“.
Im Anschluss an diese Mitteilung berichtet +Darwin+ noch über den merkwürdigen Fall, wo ein Wasserkäfer (_Dytiscus_) mit einer ihm anhaftenden Napfschnecke (_Ancylus_) gefangen wurde. Über andere, nicht weniger interessante Vorkommnisse, welche speziell die passiven Wanderungen von Muscheln betreffen, berichtet +Charles Darwin+ in einem Aufsatze der „Nature“ vom Jahre 1882.
Die kosmopolitische Verbreitung vieler Protozoen, hauptsächlich diejenige der +Difflugien+ und +Arcellen+ (die fast nirgends fehlen, wo etwas Feuchtigkeit vorhanden ist), geschieht vorwiegend durch den Wind, wenn er über die Böden ausgetrockneter Tümpel hinfegt. Doch wird es auch vorkommen, dass manche Spezies mit den Schlammklümpchen, die an den Schwimmfüssen wilder Enten u. s. w. hängen bleiben, einen Ortswechsel erfahren. Besondere Anpassungen scheinen bei diesen niederen Organismen sehr selten nachweisbar zu sein.
Doch ist mir gelegentlich eine _Difflugia_ im Riesengebirge zu Gesicht gekommen, welche im Umkreise der weiten Wölbung ihres Gehäuses acht stachelartige Fortsätze besitzt, von denen jeder noch eine gekrümmte Spitze trägt, die sich wie eine winzige Kralle ausnimmt. Jedes Exemplar der von mir in nassen Moospolstern (_Sphagnum_) gesammelten Difflugien (siehe Band I, Fig. 16) zeigt konstant die geschilderte Eigentümlichkeit, während sie im übrigen fast ganz mit der von +Leidy+[119] beschriebenen _Difflugia corona_ übereinstimmt. Ich erblicke in der Riesengebirgs-_Difflugia_ ein interessantes Beispiel dafür, dass auch bei Protozoen gelegentlich spezialisierte Haftorgane zur Ausbildung gelangen, die offenbar dazu dienen können, passive Wanderungen zu erleichtern. --
Nach allen vorausgegangenen Ausführungen und Erörterungen bietet also das Auftreten von marinen Tierformen im Süsswasser gar keine Gewähr dafür, dass diese Wesen an Ort und Stelle selbst den Anpassungsprozess von dem einen Medium ans andere vollzogen haben. Vielmehr ist es, wie einige der mitgeteilten Thatsachen zeigen, in den weitaus meisten Fällen als das Wahrscheinlichere zu betrachten, dass jene Spezies von marinem Habitus durch aktive oder passive Einwanderung in die jetzt von ihnen bewohnten Binnenseen gelangt sind. Nur wenn in überzeugender Weise durch den +geologischen+ Befund erhärtet werden kann, dass die bezüglichen Seen wirkliche (aber im Laufe der Zeit ausgesüsste) Meeresabschnitte sind, kann von der Existenz einer eigentlichen Reliktenfauna in ihnen die Rede sein. Von den mehr als hundert Seen, in denen Tiere von marinem Charakter gefunden worden sind, leisten nur sehr wenige der obigen Bedingung Genüge. Echte Reliktenseen aber sind z. B. zahlreiche Wasserbecken des mittlern und südlichen Schweden.
Litteratur.
[111] =J. v. Kennel=, Biologische und faunistische Notizen aus Trinidad. Arbeiten aus dem Zool.-anatom. Institut in Würzburg, 1883.
[112] =R. Credner=, Die Reliktenseen. Petermanns Mitteilungen 1887.
[113] Vergl. =G. Duplessis-Gouret=, Essay sur la faune profonde des Lacs de la Suisse, 1885.
[114] Vergl. =Fr. Zschokke=, Die Tierwelt der Hochseen. Verhandl. der Deutschen Zoolog. Gesellschaft auf der 1. Jahresversammlung von 1891.
[115] =G. Asper= und =J. Heuscher=, Zur Naturgeschichte der Alpenseen. Jahresbericht der St. Gallisch. Naturw. Gesellschaft, 1885–86.
[116] =J. Vosseler=, Die freilebenden Copepoden Württembergs etc., 1886.
[117] Vergl. =W. Migula=, Die Verbreitungsweise der Algen. Biolog. Zentralblatt, 8. Bd., No. 17, 1888.
[118] =Th. Barrois=, Note sur la dispersion des Hydrachnides. Revue biologique du Nord de la France. T. I. 1888–89.
[119] =Leidy=, Freshwater Rhizopoda of North-America, 1879.
[120] =E. Korschelt=, Die Entwickelung von Dreyssena polymorpha. Sitzungsber. der Gesellsch. naturf. Freunde in Berlin, Jahrg. 1891.
Über die wissenschaftlichen Aufgaben biologischer Süsswasser-Stationen.
Von Dr. =Otto Zacharias= in Plön (Holstein).
Auch ausserhalb der Fachkreise dürfte es ziemlich allgemein bekannt sein, dass ich vor einigen Jahren (1888) die Errichtung einer besonderen Anstalt zum Zwecke eingehender Untersuchungen über die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers angeregt und in ihrer Notwendigkeit begründet habe. Es geschah dies durch einen Aufsatz in No. 269 des „Zoologischen Anzeigers“. Seitdem sind drei Jahre verflossen und in der wissenschaftlichen sowohl wie in der Tagespresse ist der betreffende Vorschlag vielfach erörtert worden. Namhafte Zoologen und Botaniker zollten meinem Plane sogleich Beifall und bestärkten mich in meinem Vorhaben; andere, nicht minder ausgezeichnete Forscher nahmen aber das Projekt mit Zurückhaltung auf. Dies ist der gewöhnliche Gang der Dinge, sobald es sich um eine Neuerung handelt. Meistenteils werden in einem solchen Falle auch noch absprechende Stimmen laut; diese Regel bestätigte sich jedoch meinen Bestrebungen gegenüber nicht. Im Gegenteil gesellte sich zu den beistimmenden Kundgebungen alsbald noch der weitere günstige Umstand, dass wohlhabende Fach- und Privatleute das Projekt in freigebigster Weise durch Geldspenden förderten. Hierdurch und durch das wahrhaft liberale Entgegenkommen des Bürgermeisters[CXVII] und der Stadtgemeinde von Plön ist es mir schliesslich gelungen, meine Pläne zu verwirklichen, und gegenwärtig erhebt sich am Nordufer des Grossen Plöner Sees -- in unmittelbarster Wassernähe -- ein stattliches, villenähnliches Gebäude, welches eine hinlängliche Anzahl von Räumlichkeiten umfasst, in denen wissenschaftliche Untersuchungen mit derselben Bequemlichkeit vorgenommen werden können wie in den biologischen Laboratorien kleinerer Universitäten.
[CXVII] Joh. Kinder.
Von Seiten der Preussischen Staatsregierung wurde dem neubegründeten Institute in der Folge auch eine finanzielle Beihilfe (zunächst auf fünf Jahre) zu teil, sodass ein recht glücklicher Anfang für das lediglich durch Privat-Initiative ins Werk gesetzte Unternehmen zu verzeichnen gewesen ist.
Der Studien-Aufenthalt in dieser ersten „Biologischen Süsswasser-Station“ ist Jedem gestattet, der die zum selbständigen Arbeiten erforderlichen Vorkenntnisse mitbringt. Insbesondere freilich sind die fünf vorhandenen Arbeitsplätze für Naturforscher von Fach bestimmt, welche am Grossen Plöner See zoologische, pflanzenphysiologische oder auf das Fischereiwesen bezügliche Beobachtungen anstellen wollen. Für alle diese Zwecke sind in der Station die geeigneten Hilfsmittel (Fahrzeuge, Fanggerätschaften, Mikroskope, Reagentien und Aquarien) vorhanden.
Wer davon unterrichtet ist, mit welch interessanten Lebensformen uns die letztjährigen Durchforschungen unserer heimatlichen Tümpel, Teiche und Seen bekannt gemacht haben, der wird die Nachricht von der Begründung einer Dauerstation zur näheren Untersuchung jener Organismen mit aufrichtiger Genugthuung begrüssen. Die Umgebung von Plön ist in vorzüglicher Weise für diesen Zweck geeignet, insofern das Thal des Schwentine-Flusses, in welchem das freundliche Städtchen gelegen ist, fast lediglich aus einer Aneinanderreihung von Wasserbecken besteht, von denen die kleinsten so gross sind wie unsere ansehnlichsten mitteldeutschen Seen. Hier ist also ein weites Feld für faunistische und biologische Forschungen eröffnet, d. h. für Studien, welche die Feststellung der verschiedenen Tier- und Pflanzenorganismen des Süsswassers und die Ermittelung von deren Existenzbedingungen zum Ziel haben.
[Illustration: Fig. 51. Die Biologische Station zu Plön.]
Im Hinblick auf den Reichtum an Lebewesen, welchen das Meer in seinem Schosse birgt, waren Viele von der Ansicht beherrscht, dass es sich wohl erst gar nicht verlohne, Zeit und Kraft an die Gewässer des Binnenlandes zu verschwenden. So wurde die Süsswassertierwelt allmählich zum Aschenbrödel der wissenschaftlichen Zoologie degradiert, und wer sich wirklich noch damit abgab, lief Gefahr, von seinen für das Salzwasser schwärmenden Fachgenossen als ein nicht ganz ebenbürtiges Mitglied der Forschergilde betrachtet zu werden. Glücklicherweise giebt es aber zu jeder Zeit Leute, die den Mut haben, allgemeinen Vorurteilen zu trotzen, und so hat auch die Süsswasserfauna in den jüngstverflossenen zwei Jahrzehnten ihre Freunde und Bearbeiter gefunden. Männer wie +F. A. Forel+, +G. Asper+ und +E. Imhof+ in der Schweiz, +P. Pavesi+ in Italien, +A. Fritsch+, +B. Hellich+ und +W. Vavra+ in Österreich, +O. Nordquist+ in Finnland, +Jules Richard+ und +Jules de Guerne+ in Frankreich (zahlreicher anderer nicht zu gedenken) haben mit bewundernswerter Unermüdlichkeit dem Studium der Wassertierwelt obgelegen und Erfolge erzielt, deren wissenschaftliche Bedeutung von Niemand mehr übersehen oder in Abrede gestellt werden kann. Ich selbst habe während des Zeitraumes von 1884 bis 1889 die Fauna der nord- und mitteldeutschen Seen, sowie diejenige der Eifelmaare durch eingehende Untersuchungen festgestellt. Durch eben diese Forschungen sind wir mit vielen neuen Arten von kleinen Krebstieren (Entomostraken) bekannt geworden, haben den Reichtum unserer Gewässer an schwimmenden und schlammbewohnenden Würmern, an Schnecken, Muscheln, Moostieren und einzelligen Lebewesen (Protozoen und niederen Algen) kennen gelernt, sind in die bunte Gesellschaft der Wassermilben und Wasserkerbtiere eingedrungen, deren Gewimmel hauptsächlich die seichtere Uferzone belebt -- kurz, wir haben einen umfassenden Überblick über die mannigfaltige Bewohnerschaft unserer binnenländischen Seebecken erlangt, die bisher nur Fische und „Gewürm“ (als deren Nahrung) zu enthalten schienen. Unsere vermehrte Kenntnis erstreckt sich aber nicht nur auf die einzelnen Gattungen und Arten der äusserlich unscheinbaren Wasserfauna, sondern auch mit auf die Art und Weise, wie jede Spezies ihren besonderen Lebensverhältnissen angepasst ist, wie sie sich ernährt und ihren Platz im Kampfe ums Dasein behauptet, was für Mittel ihr zur räumlichen Ausbreitung verliehen sind und welcher Zusammenhang zwischen der Bevölkerung des Seegrundes und derjenigen der oberflächlichen Wasserschichten (bezw. der Uferzone) besteht. Aber mit Gewinnung dieser Einsicht sind wieder zahlreiche neue Probleme aufgetaucht, welche sich auf die Ursachen der Veränderlichkeit, die Wirkung der Isolierung, den mutmasslichen Einfluss des „äusseren Mediums“ u. dergl. beziehen, sodass es niemals an Arbeit für zahlreiche Forscher auf diesem Gebiete fehlen kann.
Der Hauptvorteil eines dicht am Seeufer gelegenen und mit allen Einrichtungen der modernen Forschungstechnik versehenen Stationsgebäudes besteht augenscheinlich darin, dass man auf solche Weise in den Stand gesetzt wird, alle Chancen des Wetters und der Beleuchtungsverhältnisse beim Einsammeln der Untersuchungsobjekte wahrzunehmen, und dass sich einem in beständiger Wassernähe die Möglichkeit zu zahlreichen Beobachtungen darbietet, welche auf nur gelegentlichen Ausflügen an dieses oder jenes Wasserbecken -- aus Mangel an Zeit und Ruhe -- überhaupt nicht gemacht werden können.
Ich denke da in erster Linie an die Erforschung der Zusammensetzung der sogenannten pelagischen Süsswasserfauna (des Limnoplanktons) in den verschiedenen Jahreszeiten, und an die sehr wünschenswerte Klarstellung der Beziehungen dieser merkwürdigen Tiergesellschaften zu den übrigen Bewohnern des betreffendes Sees, besonders auch ihr Verhältnis zu den Fischen, von denen einige, wie man glaubt, vorwiegend in ihrer Ernährung auf gewisse pelagisch lebende, d. h. beständig im freien Wasser sich aufhaltende Krebstiere angewiesen sind. Im Grossen Plöner See besteht jene _Fauna pelagica_ nach meinen Ermittelungen (von 1886 und 1891) aus folgenden Spezies:
_Crustacea_:
_Leptodora hyalina_ Lilljeb. _Daphnella brachyura_ Liév. _Hyalodaphnia cucullata_ Sars., _var. apicata_ Kurz. _Bosmina coregom_ Baird. _Bosmina cornuta_ Jur. _Cyclops simplex_ Pogg. _Diaptomus gracilis_ Sars.
_Rotatoria_:
_Asplanchna helvetica_ Imhof _Anuraea longispina_ Kellic. _Anuraea cochlearis_ Gosse _Polyarthra platyptera_ Ehrb.
Dazwischen kommt auch noch in grossen Mengen ein zur Flagellaten-Gattung _Dinobryon_ gehöriges Wesen (vergl. Fig. 35 im ersten Bande dieses Werkes) und das ebenfalls zu den Geisselträgern gehörige _Ceratium hirundinella_ vor. Ein feines Schwebnetz aus Müllergaze, mit dem wir vom Boote aus bloss zehn Minuten lang die oberflächlichen Wasserschichten der Seenmitte abfischen, enthält nach Ablauf dieser kurzen Zeit einen förmlichen Brei auf seinem Grunde, welcher lediglich aus den soeben namhaft gemachten Krebs-, Rädertier- und Flagellaten-Spezies besteht.
Die nähere Erforschung der Lebens- und Ernährungsweise dieser pelagischen Tiere, welche in staunenswert grosser Individuenzahl unsere Binnenseen bevölkern, wäre -- wie schon betont -- eine sicher zu wichtigen Aufschlüssen führende Arbeit, welche von einer biologischen Süsswasserstation in Angriff genommen werden könnte. Freilich würden zur Bewältigung einer solchen Aufgabe keineswegs nur Wochen und Monate, sondern zweifellos mehrere Jahre erforderlich sein. Was wir bis jetzt über die Biologie jener rastlos schwimmenden Wesen wissen, ist durch die verschiedensten Forscher bei Gelegenheit von Ferienreisen, in Sommerfrischen u. s. w., wodurch die Betreffenden zufällig in die Nähe grösserer Süsswasseransammlungen gelangten, festgestellt worden. Hin und wieder (ich erinnere nur an die ausgezeichneten Forschungen Prof. +Aug. Weismanns+ über Daphniden) sind solchen Gelegenheitsstudien die schönsten und weittragendsten Resultate zu verdanken gewesen. Aber eben darum, weil sich solche Untersuchungen schon öfters als im hohen Grade lohnend erwiesen haben, erscheint es geboten, dieselben fortzusetzen und sie so zu organisieren, dass wertvolle Ergebnisse nicht bloss vom Zufall abhängen, sondern vielmehr mit einiger Sicherheit erwartet werden können.
Eine andere Frage vom allgemeinsten wissenschaftlichen Interesse wäre die nach der +Winterfauna+ unserer Landseen, d. h. eine Ermittelung derjenigen Tiere, welche während der Kältemonate unter der Eisdecke im Wasser ausdauern und weiter leben, während andere beim Eintritt der niedrigen Temperatur hinsterben, nachdem sie den Fortbestand ihrer Art durch die Produktion und Ablage von +Dauer-Eiern+ (vergl. Bd. I S. 367) gesichert haben. Dass verschiedene Infusorienspezies, Spaltfusskrebschen und mancherlei Würmer in unseren Teichen während des Winters zu finden sind, weiss man schon seit längerer Zeit; aber auf diese wenigen Thatsachen beschränkt sich gegenwärtig unsere Kenntnis, sodass es angezeigt wäre, sich einmal näher darüber zu unterrichten, welche Tiere (bezw. niedere Pflanzen) es denn sind, deren Lebensfunktionen unter der Einwirkung von Kälte so gut wie gar keine Beeinträchtigung erfahren. Diese Aufgabe könnte gleichfalls auf das Programm einer nahe am Seeufer befindlichen Station gesetzt werden, und sie wird wohl auch einer solchen reserviert bleiben, da es vollkommen unthunlich ist, derartige Untersuchungen ausserhalb des Bereichs einer den Forscher sowohl wie das von ihm aufgefischte Material vor Frost schützenden Unterkunft vorzunehmen.
Ein reiches und anziehendes Arbeitsgebiet für den in unmittelbarer Seenähe stationierten Zoologen würde selbstredend auch die Beobachtung der Wasserinsekten und der Larvenzustände von solchen Landkerbtieren sein, welche ihre Eier ins Wasser ablegen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Studien dieser Art, wenn sie auf eine grössere Anzahl verschiedener Objekte ausgedehnt werden, interessante Aufschlüsse in allgemein biologischer Hinsicht zu liefern im stande sind. Ich erinnere hier nur an die schöne Untersuchung, welche Dr. +E. Schmidt-Schwedt+ unlängst (1887) über Atmung der Larven und Puppen des Schilfkäfers (_Donacia crassipes_) veröffentlicht hat[121], und an die auf den Gehäusebau der Phryganiden-Larven (vergl. diesen Band S. 94 und ff.) bezüglichen Beobachtungen der bekannten Naturforscherin Fräul. +Marie v. Chauvin+.
Ein nicht minder grosses Interesse würde die Erforschung jener eigentümlichen Fortpflanzungsverhältnisse darbieten, welche bei einigen unserer verbreitetsten Süsswasserturbellarien (_Stenostoma leucops_, _Microstoma lineare_) abwechselnd in der Form von geschlechtlicher und ungeschlechtlicher Vermehrung auftreten. Man weiss zwar, dass zu Beginn der kalten Jahreszeit die letztere an die Stelle der ersteren tritt, aber man ist noch sehr wenig darüber informiert, durch welche histologischen Vorgänge es zu einer Hervorbildung männlicher und weiblicher Zeugungsorgane in den bis dahin geschlechtslos gewesenen Würmern kommt, die sich nur auf dem Wege der Querteilung (vergl. Bd. I, S. 259) fortpflanzten. Dasselbe Problem liegt auch in betreff gewisser Anneliden, z. B. beim gemeinen Wasserschlängelchen (_Nais_) vor, und es wäre im hohen Grade wertvoll, über den Modus der geschlechtlichen Differenzierung in beiden Würmergruppen genauere Angaben zu erhalten. Dass wir solche noch vermissen, liegt an der Schwierigkeit der Materialbeschaffung. Befindet man sich nicht in nächster Nachbarschaft eines Sees oder grösseren Teiches, so ist es ganz unmöglich, den rechten Moment wahrzunehmen, um die genannten Tiere in den geeigneten Stadien einzusammeln.
In solchen und ähnlichen Fällen hängt der Fortschritt unseres Wissens im wesentlichen nur von der rechtzeitigen und bequemen Erlangung der Beobachtungsobjekte ab. Und das ist der Hauptpunkt, welchen ich bei Motivierung der Notwendigkeit von permanenten Stationen für die Erforschung der Süsswasser-Lebewelt nicht oft genug betonen kann.
Faunistische Exkursionen in irgend einer Seengegend sind ganz gewiss für die Erweiterung unserer Kenntnis der Wasserfauna von Wert; aber wer eine derartige ambulante Forschungsthätigkeit längere Zeit hindurch betrieben hat, wird wissen, dass man dabei eigentlich niemals zur Ruhe kommt. Man schwelgt bei solchen Ausflügen häufig in einer herzerquickenden Fülle von Material, hat aber unterwegs höchst selten so viel Zeit, um sich der Bearbeitung desselben mit der erforderlichen Musse zu widmen. Infolgedessen konserviert man möglichst zahlreiche Objekte und kehrt mit einer grossen Menge von Gläschen nach Hause zurück. Hier findet nun erst die eingehende Besichtigung der verschiedenen Funde statt, wobei man aber in der Regel die wenig erfreuliche Wahrnehmung macht, dass man von der einen Materialsorte viel zu viel, von der anderen aber leider lange nicht genug angesammelt hat. Wäre man an Ort und Stelle in der Lage gewesen, umfassendere Studien vorzunehmen, so würde bei demselben Zeit- und Kraftaufwande ein belangreicheres Resultat zu verzeichnen gewesen sein. Auch diese Erfahrung, mit der ich gewiss nicht ganz allein stehe, spricht klar für die Nützlichkeit von Dauerstationen, wenn es sich um das Studium unserer Süsswasserfauna handelt. Dasselbe gilt natürlich auch im Hinblick auf die lakustrische Pflanzenwelt.
Dass indessen auch faunistische Exkursionen, wenn sie mit Eifer und Gründlichkeit ausgeführt werden, nach verschiedenen Richtungen hin Neues zutagefördern können, dafür legt eine unlängst publizierte Arbeit von Prof. +M. Braun+ („Die Turbellarien Livlands“, 1885) beredtes Zeugnis ab. Ebenso liefert die bekannte Abhandlung Dr. +K. Ecksteins+ über die Rädertiere der Umgebung von Giessen eine schlagende Bestätigung für die beherzigenswerte Mahnung: „Sieh, das Gute liegt so nah’ ....“ Auch durch meine eigenen Arbeiten über die niedere Fauna einheimischer Seebecken und Teiche hoffe ich den Beweis erbracht zu haben, dass in unseren süssen Gewässern noch mancherlei Neues zu entdecken ist. Ich brauche in diesem Bezug nur an die schon erwähnte Auffindung einer den Monotiden nahestehenden Turbellarie in den Hochseen des Riesengebirges zu erinnern, deren Anwesenheit später in verschiedenen schweizerischen Seen und neuerdings (1890) durch Prof. +Fr. Zschokke+ auch im See von Partnun (auf der Rhätikonbergkette) nachgewiesen wurde. Von nicht geringerem Interesse war die Entdeckung mehrerer Vertreter der ausserordentlich merkwürdigen Turbellarien-Gattung _Bothrioplana_, welche sich ebenfalls als Folge der von mir unternommenen Ausflüge an die Riesengebirgsteiche ergab. Hierzu kommt noch die Erbeutung mehrerer neuer Kruster- und Hydrachniden-Arten in den nord- und mitteldeutschen Wasserbecken bei Gelegenheit meiner Studienreisen in den Jahren 1885 und 1886. Besonders weise ich aber auch auf den von Dr. +W. Weltner+ erst kürzlich konstatierten und bisher gar nicht vermuteten Reichtum der Spree an Spongillen (vergl. Bd. I, 6. Kapitel) hin und auf die umfassenden Ermittelungen +W. Vavras+ über die Verbreitung der Ostracoden (Muschelkrebse) in Böhmen[122].
Solche Exkursionen werden auch fernerhin nicht zu entbehren sein, namentlich wenn es sich um +vergleichende+ Untersuchungen über die Fauna verschiedener Landseen handelt. Für Studien dieser Art kann dann eine permanente biologische Süsswasserstation, welche in einem seenreichen Gebiet gelegen ist, ein recht fruchtbarer Mittelpunkt werden. Man wird von einem solchen Zentrum aus vielleicht auch die Frage nach den äusseren physikalischen Ursachen der Veränderlichkeit mancher Organismengruppen in Angriff nehmen können, und möglicherweise mit der Zeit nachzuweisen im stande sein, warum der eine See in dieser, der andere in jener Weise auf die Gestalt der in ihm lebenden Wesen abändernd einwirkt. Augenblicklich wissen wir über die Faktoren, welche hier in Betracht kommen, so gut wie nichts. Und doch ist der Einfluss der jedesmaligen Lokalität auf manche Organismengruppen mit ausreichender Sicherheit erwiesen. +Clessin+ hat diese Thatsache schon vor einem Jahrzehnt für die Mollusken festgestellt, und er nimmt zur Erklärung derselben „die Anpassung an gegebene Verhältnisse“ in Anspruch. Es wird nicht überflüssig sein, in den Zusammenhang dieses Kapitels eine Stelle einzuschalten, die der Leser bereits auf S. 138 dieses Bandes vorgefunden hat. Sie ist aber besonders dazu geeignet, das, was wir hier besprochen, zu illustrieren. +Clessin+ fasst das Resultat seiner reichen Erfahrung in folgenden Zeilen zusammen: „Wer die Wassermollusken längere Zeit im Freien beobachtet, wird sehr bald zu der Überzeugung kommen, dass fast jeder einzelne Fundort eigenartige, mehr oder weniger ausgeprägte Abweichungen vom Typus der bezüglichen Art erzeugt, und dass es geradezu zu den allergrössten Seltenheiten gehört, zwei ziemlich übereinstimmende Formen an verschiedenen Fundorten zu konstatieren. Ja sogar der nämliche Fundort erzeugt bei geänderten Verhältnissen andere Varietäten, und oft genug finden sich verschiedene Formen einer und derselben Art an sich berührenden Stellen desselben Gewässers, wenn die Beschaffenheit des Grundes, die Strömung des Wassers, die Bewachsung u. s. w. sich ändert. So kommen in den grossen Seen der Voralpen Schnecken und Muscheln mit ausgeprägtem Seecharakter und solche, welche nicht oder kaum von jenen zu unterscheiden sind, die in Sümpfen leben, neben einander vor, und zwar jenachdem die bezüglichen Wohnplätze bei seichtem Wasser und mangelnder Bewachsung der vollen Wirkung des Wellenschlags ausgesetzt sind, oder die Ufer in sumpfige Stellen übergehen“.