Chapter 25 of 27 · 3965 words · ~20 min read

Part 25

An den Gewässern der gebirgigen Gegenden unseres Vaterlandes finden wir aus der Familie der Wasseramseln den +Wasserstaar+, auch Wasseramsel oder Wasserschmätzer genannt, _Cinclus aquaticus_ Bechst. Ich hatte zu verschiedenen Malen Gelegenheit, diesen munteren halb Wasser- halb Singvogel in seinem Elemente zu beobachten, so unter anderen an den Berlebecker Quellen, an den Ilsefällen u. a. m. Bald watet er bis an den Hals durchs Wasser, bald steht er regungslos auf einem erhöhten Steine, um im folgenden Augenblicke ins Wasser zu stürzen; bald läuft er am Boden des Gewässers hurtig dahin, bald fliegt er durch herabstürzende Wasserfälle, wobei ihm sein dichtes Gefieder von grossem Vorteil ist. Das einzige Nest, welches der Verfasser Gelegenheit hatte näher zu betrachten, befand sich hinter einem Wasserfalle in einer kleinen Felshöhle; obwohl auch seitlich dahin zu gelangen war, nahm das kecke Tierchen jedesmal seinen Weg durch die herabströmende Wassermenge. In dem Neste befinden sich im April vier bis fünf weisse Eier.

Der schönste Vogel, welcher unsere Flussufer und Inseln bewohnt, ist unstreitig das +Blaukehlchen+, _Cyanecula suecica_ Brehm. Wo dichtes Weidengebüsch an unserm Weserufer oder auf den Platen[CXX] vorhanden ist, da findet man auch dieses prächtige Tierchen, jedoch halten sie sich meistens sehr verborgen und laufen zwischen dem dichten Gestrüpp einher, aber ein klares, reines „fied, fied“ oder ein kurzes „täck, täck“ verrät bald ihr Vorhandensein. Das Nest dieses schönen Sängers ist immer recht versteckt angelegt und es gehört zu den grössten Seltenheiten, ein solches aufzufinden, da es auf unseren Weserplaten immer im dichtesten Gestrüpp, oft hart am Ufer in Weidenstümpfen sich befindet. Selten fliegt der Vogel vom Neste, um dadurch seinen Brutplatz zu verraten, sondern gewöhnlich springt er unbemerkt auf den Boden und läuft, ohne einen Laut von sich zu geben, im Gestrüpp davon. Es ist mir erst zweimal geglückt, ein solches Nest aufzufinden; dasselbe ist ziemlich kunstvoll gebaut und sitzt gewöhnlich in einer kleinen Vertiefung; es besteht aussen meist aus trockenen Grashalmen, innen dagegen vorwiegend aus der Wolle der Salix-Arten. In dem schön gerundeten tiefen Neste liegen gegen Ende April fünf schön grüngraue Eier, welche mit einzelnen zierlichen rotbraunen Tüpfelchen und Pünktchen bedeckt sind. Das Blaukehlchen erscheint schon Ende März mit dem Hausrotschwänzchen zusammen und verlässt seinen Brutplatz Ende August, streicht aber dann noch bis Ende September umher. In den letzten Tagen des September oder Anfang Oktober verlässt es uns; einzelne Nachzügler dagegen verweilen oft bis Ende Oktober in unserm Gebiete.

[CXX] „Platen“ heissen in Norddeutschland die kleinen mit Rohr und Weiden bewachsenen Flussinseln.

Mit dem Blaukehlchen zusammen an fast denselben Lokalitäten treffen wir das +Braunkehlchen+, _Pratincola rubetra_ Koch, und einzeln auch die +Braunelle+, _Accentor modularis_ Cuv., an. Beide haben mit ihm die versteckte Lebensweise sowie die Art des Nestbaues gemein; beide verlassen auch lautlos ihre Nester und eilen unter dem Gesträuch davon. Nur wenn die Vögel ihre Brut gefährdet sehen, lassen sie ihre Klagetöne hören und verraten allerdings dadurch dem aufmerksamen Beobachter, dass man sich unmittelbar beim Neste befindet, und trotzdem hält es manchmal recht schwer, dasselbe zu entdecken. Verfasser dieses Kapitels, welcher sich am 23. Mai 1891 unmittelbar bei einem solchen Neste befand, gebrauchte über eine halbe Stunde, um dasselbe endlich in einem dichten Grasbüschel, kaum einen halben Meter von ihm entfernt, zu gewahren. In dem sauber mit Tierhaaren ausgepolsterten Neste befanden sich vier grünlich blaue, fein rot punktierte Eier. Das Nest der Braunelle aufzufinden ist mir, trotz eifrigen Suchens, bislang noch nicht gelungen. Das Braunkehlchen erscheint Mitte April und verlässt uns Ende September. Die Braunelle dagegen kommt oft schon Mitte März und verschwindet erst gegen Mitte Oktober.

Die „+Kuckucksamme+“, _Curruca cinerea_ Lath., ist ebenfalls nicht selten auf den Flussinseln anzutreffen. Die +Dorngrasmücke+ führt den oben genannten Namen daher, weil der Kuckuck sehr gern sein Ei in ihr Nest legt und ihr auch die Erziehung seines Sprösslings überlässt Schon am frühen Morgen mit Sonnenaufgang lässt die Dorngrasmücke ihr munteres Lied ertönen, und sie ist einer von denjenigen Vögeln, welche am längsten singen, ja oft vernimmt man noch Anfang August ihren fröhlichen Gesang. Mitte April trifft dieser Vogel bei uns ein und verlässt uns wieder Mitte September.

An den Flussufern und auf den Inseln beobachtet man ziemlich häufig den +Fitis-Laubvogel+, Weidenzeisig, _Phyllopneuste trochilus_ Bp. Sehr bald verrät sich dieses zutrauliche Vögelchen durch sein angenehm klingendes „hüid, hüid, hoid, hoid“. Es lässt sich auch ganz in der Nähe beschauen, aber desto schwieriger ist es, sein Nest aufzufinden. Dasselbe befindet sich am Boden, meist im dichten Gestrüpp oder Gewirr; es ist vollständig überwölbt und man sieht nur ein kleines seitliches Loch. Anfang Mai findet man in demselben fünf bis sieben kleine, weisse, rötlich gefleckte Eier, an deren stumpfen Ende sich die Makeln und Pünktchen dichter als am spitzen Ende gruppieren. Dieser niedliche Sänger verweilt bei uns von Anfang April bis Ende September.

War das Vorkommen der bis jetzt angeführten Sänger an den Flussufern und auf den Inseln kein ausschliessliches -- auch ausserhalb dieser Gebiete werden dieselben angetroffen --, so wollen wir jetzt eine Gruppe kennen lernen, welche ausschliesslich ihre Heimat an den Ufern der Flüsse, auf den Inseln und Groden haben. (Unter „Groden“ versteht man die mit Weiden und anderm Gestrüpp bewachsenen Aussendeichsländereien, welche auch stellenweise Grasflächen haben.) Es ist dies die Gattung der Rohrsänger. Schon ihr Name sagt uns deutlich genug, wo wir diese Bewohner aufzusuchen haben. Nicht weniger als sechs Arten dieser Gattung bewohnen das in Frage kommende Gebiet unseres Vaterlandes. Ausserdem giebt es davon noch eine Reihe Spezies, welche mehr dem südlichen Europa angehören. Für uns kommen in erster Linie unsere heimatlichen Sänger in Betracht. Es sind folgende: Der +Schilfsänger+, _Calamoherpe phragmitis_ Bp.; der +Binsen-Rohrsänger+, _Calamoherpe aquatica_ Degland; der +Sumpf-Rohrsänger+, _Calamoherpe palustris_ Boie; der +Heuschrecken-Rohrsänger+, _Calamoherpe locustella_ Penn.; der +Teich-Rohrsänger+, _Calamoherpe arundinacea_ Boie, und endlich der +Drossel-Rohrsänger+, _Calamoherpe turdoides_ Meyer. Erstere werden im Volksmunde gewöhnlich „Reitmeeschen“, auch „Rohrsperlinge“ genannt; der letztere heisst gewöhnlich die „Rohrdrossel“. Fast alle erscheinen bei uns Anfang Mai und bleiben bis Anfang September. Nicht alle sind gleich häufig anzutreffen; einzelne dagegen, wie die Rohrdrossel, der Schilfsänger, der Sumpf- und Teich-Rohrsänger, sind sogar ziemlich häufig. Sie entziehen sich aber durch ihre versteckte Lebensweise im Röhricht und durch die Lokalitäten, an denen sie leben, sehr oft dem Auge des Beobachters und daher ist manche Spezies vielleicht viel häufiger als an manchen Orten allgemein angenommen wird. Der Drossel-Rohrsänger ist sofort durch seinen weit vernehmbaren Gesang, der etwa: „düi, düi, düi, karre, karre, karre, kei, kei, kei, kerr, kerr, kerr, karra, karra, kied“ klingt, zu erkennen. Der Gesang von _Calamoherpe palustris_ Boie ist dem flötenden Gesange des Spottvogels, _Ficedula hypolais_ Schlegel, nicht unähnlich und daher ein sicheres Erkennungszeichen des Sumpf-Rohrsängers, da der Spottvogel in den Gebieten, wo die Sumpf-Rohrsänger leben, nicht zu Hause ist. Beim +Schilfsänger+, _C. phragmitis_ Bp., besteht der Gesang fast ausschliesslich aus einem langen, wohlklingenden, flötenartigen Triller. Der Gesang beim Teich-Rohrsänger, _C. arundinacea_ Boie, gleicht mehr einem Geplapper der sehr rasch hinter einander ausgesprochenen Silben „terr, terr, terr, tri, tri, tri, zerrr, zerrr, zerrr, zäck, zäck, zäck“ u. a. m. Eine annähernde Ähnlichkeit hat der Gesang des Binsen-Rohrsängers, _C. aquatica_ Degland, mit dem des Schilfsängers; doch kommen in dem melodischen Triller sehr häufig Töne wie „jüpp, jüpp, jüpp, jüpp, tütt, tütt, tütt, tütt“ vor. Den eigentümlichsten Gesang, wohl richtiger Geschwirre genannt, hat der Heuschreckensänger, _C. locustella_ Penn. Mit aufgeblasener Kehle, am Boden zwischen den Rohr- und Weidenstengeln dahinlaufend, bringt er nur einen wie „sirrrrrrrirrr“ klingenden lange anhaltenden Ton hervor. Für einen aufmerksamen Beobachter ist es nicht allzu schwer, das Vorkommen der einen oder andern Art nach dem Gesange festzustellen, und um so bequemer, als das Eindringen in die im und am Wasser belegenen Rohrfelder sowie auf die mit Schlick bedeckten Groden, in welchen sich die Rohrsänger ebenfalls gern aufhalten, mit grossen Schwierigkeiten und Anstrengungen verknüpft ist. Auch im Nestbau gleichen sich unsere Rohrsänger mehr oder weniger. Zwischen drei bis vier bei einander stehenden Rohrstengeln an oder über der Wasserfläche, zwischen Nesselpflanzen oder zarten Weidenruten, zwischen starken Grashalmen oder anderen Pflanzenstengeln befestigen sie kunstvoll ihr Nest und zwar so, dass immer zwei oder drei Stengel durch die Seitenwandungen des Nestes hindurch gehen. Das schön gebaute Nest wächst mit den Pflanzen in die Höhe und ist so bei Hochwasser vor dem Überschwemmtwerden geschützt.

Aus der Familie der _Motacillidae_ halten sich am Gewässer und in der Nähe desselben die drei bekannten +Bachstelzenarten+ auf. _Motacilla alba_ L., die weisse Bachstelze, auch Quäksteert oder Wippsteert genannt; die graue Bachstelze, _Motacilla sulphurea_ Bechst., und die gelbe Bachstelze oder Kuhstelze „gäle Quäksteert“, _Motacilla flava_ Cuv. Obwohl man die erstere auch entfernt vom Wasser antrifft, so schlägt sie doch mit Vorliebe ihre Wohnung unter Brücken, an Mühlen und auf den in der Nähe des Wassers stehenden Weidenstümpfen auf. Die im nördlichen Deutschland seltene graue Bachstelze hält sich fast ausschliesslich an Bächen, Quellen, überhaupt an fliessenden Gewässern auf und baut auch ihr Nest stets in die Nähe des Wassers, in Höhlen, unter Brücken, in Felslöchern u. dgl. m. Die gelbe Bachstelze dagegen bewohnt die freien, von menschlichen Wohnungen fern liegenden Weiden auf den Inseln und an den Flussufern; mit Vorliebe diejenigen Weiden, auf welchen Vieh weidet. Das Nest derselben findet man nicht selten in Carices-Büscheln. Die weisse Bachstelze erscheint in unserm Nordwesten oft schon im Februar -- nach dem verflossenen harten Winter 90/91 wurden die ersten Bachstelzen erst am 16. März 91 beobachtet -- und verlässt uns Oktober. Die weisse Bachstelze ist nach dem Staar unser erster Frühlingsbote. Die gelbe Bachstelze trifft bei uns Anfang April ein und verweilt bis Mitte September.

In Gemeinschaft mit den gelben Bachstelzen trifft man ziemlich häufig den +Wiesenpieper+, _Anthus pratensis_ L. Er wählt zu seinem Brutplatze dieselben Lokalitäten wie die Bachstelzen. Gewöhnlich erscheint er bei uns im März und bleibt oft bis November. Einzelne bleiben sogar in gelinden Wintern ganz bei uns. Charakteristisch und dabei ein sicheres Erkennungszeichen der Art ist ihr Verhalten beim Gesange, welcher etwa „witje, witje, witje, zick, zick, zick, jück, jück, jück, tirrrirrr“ lautet. Plötzlich erhebt sich der Pieper singend einige Meter in die Höhe und fällt ebenso rasch wieder zur Erde, um auf einem Carex- oder Scirpus-Büschel den Gesang fortzusetzen oder zu vollenden.

Von den +Lerchen+ kommt für unser Gebiet nur die durch ihren jubilierenden herrlichen Gesang bekannte Feldlerche, _Alauda arvensis_ L., insoweit in Betracht, als sie ziemlich häufig als Brutvogel auf den Flussinseln anzutreffen ist. Sie erscheint oft schon Mitte Februar und verkündet dann durch ihre schmetternden Lieder das Neuerwachen des Frühlings. Sie verlässt uns Ende Oktober oder zu Beginn des November.

Von den +Ammern+ suchen auch einige zu ihrem Brutplatze die Nähe der Gewässer auf. So findet sich auf den Weserinseln gar nicht selten die Grauammer, _Emberiza miliaria_ Bp. Ihr Nest ist meist tief versteckt in den Grasbüscheln angelegt; auf dem Festlande dagegen wählt sie mit Vorliebe die Getreidefelder zu ihrem Nistplatze. Wenn man im Frühjahre die grösste unserer Ammern auf irgend einem Weidenstumpfe sitzen sieht und das ziemlich eintönige „zick, zick, zick, sirrrr“ hört, so kann man sicher sein, dass in gar nicht zu grosser Entfernung sich das Nest befindet. Fast ausschliesslich an Gräbenufern nistet die bekannte +Goldammer+, „Gälgöschen“, _Emberiza citrinella_ L. Der Gesang „si, si, si, si, siiiih“ unterscheidet sie sofort, ohne dass man den Vogel zu sehen braucht, von der Grauammer. Stets schlägt ihren Wohnsitz die +Rohrammer+, Rohrsperling oder Reithlüning, _Emberiza schoeniclus_ L., in der Nähe der Gewässer auf. Das sehr verborgene Nest findet man in Carex-Büscheln. In demselben trifft man Anfang Mai fünf bis sechs rötlich weisse Eier, deren ganze Schale mit braunroten Strichen und grösseren Flecken bedeckt ist. Während die beiden erstgenannten Ammern den Winter über bei uns bleiben und uns nur einzeln bei sehr strenger Kälte verlassen, wohl auch nur etwas südlicher streichen, um bei der nächsten gelinden Witterung sich wieder bei uns einzustellen, verlässt uns die Rohrammer gewöhnlich schon Ende September, erscheint aber im März wieder auf der Bildfläche. In gelinden Wintern bleiben dann und wann auch wohl einzelne Pärchen hier.

Ganz einzeln trifft man auch den +Hänfling+, „Grauiserken“, _Fringilla cannabina_ Bp., auf den Flussinseln an, welche viel hohes Gestrüpp haben. Auch der +Feldsperling+, Weidenspatz, _Passer montanus_ Koch, ist als Brutvogel auf den Inseln zu finden, wo alte Weidenstümpfe, die er zu seinem Nistplatze wählt, stehen. Der Hänfling ist den ganzen Winter hindurch auf den Inseln, Platen und an den Flüssen anzutreffen, wenn kein Schnee fällt; ein Teil derselben verlässt uns im September und kehrt im ersten Frühjahre, im März, zurück. Der Feldspatz ist im ganzen Gebiete Standvogel.

Selbst die Ordnung der Hühner ist auf den grösseren, mit langem Grase bewachsenen Platen durch das +Rebhuhn+, _Perdix cinerea_ Briss., vertreten. Wenn man am frühen Morgen oder gegen Abend in einem Boote an einer solchen Insel entlang fährt, so vernimmt man bald aus der nächsten Nähe, bald wieder aus weiterer Ferne den wohlbekannten Ruf des Rebhahnes „girrräk“. Noch häufiger hört man des Abends von den Inseln und Groden das „röärp, röärp“, den gewöhnlichsten Ruf des +Wachtelkönigs+, _Crex pratensis_ Bechst., herübertönen. Obgleich dieser Vogel an den Flussufern und auf den Inseln ziemlich häufig ist -- man kann an warmen Abenden oft drei, vier und mehr zu gleicher Zeit rufen hören --, bekommt man denselben doch sehr selten zu Gesicht, da er gewöhnlich im Grase rasch fortläuft, ohne aufzufliegen. Selbst vor dem suchenden Hunde fliegt er nicht eher auf, bis er in die Enge, etwa an einen Graben, getrieben wird. Das Nest findet man sehr selten und schwer. Die prächtigsten Gelege -- zehn bis zwölf Eier von schöner graugelber Farbe mit vielen rötlich braunen Flecken --, die in meinen Besitz gekommen sind, verdanke ich ausschliesslich den Grasmähern. Der „Snarrentar“, wie er im Volksmunde nach seinem Rufe genannt wird, erscheint bei uns gewöhnlich Anfang Mai und verschwindet Anfang September.

Von den _Gallinulidae_ treffen wir weiter auf den Inseln und an den Flussufern als Brutvögel das punktierte +Rohrhuhn+, _Rallus porzana_ L.; die +Wasserralle+, _Rallus aquaticus_ L.; das +grünfüssige Rohrhuhn+, _Gallinula chloropus_ Lath., und das schöne, grosse +Blässhuhn+, _Fulica atra_ L., an. Diese echten Wasserbewohner sind in unserm ganzen Nordwesten an und auf den grossen Flussinseln, in den undurchdringlichen Rohr- und Schilffeldern der Groden an den grösseren und kleineren Seen fast überall anzutreffen, aber äusserst schwer zu beobachten, da sie dem Auge des Naturbeobachters durch geschicktes Tauchen oder durch Verschwinden zwischen dem dichten Schilf und Rohr auszuweichen wissen. Es ist interessant, diese gewandten Schwimmer und Taucher in ihrem nassen Elemente beobachten zu können. Hat man sich unbemerkt mit dem Boote in irgend eine gedeckte Bucht oder in ein Rohrfeld gelegt, so erscheint oft, wenn das Glück günstig ist, in unmittelbarer Nähe des Bootes einer dieser munteren Vögel, aber im nächsten Augenblicke, kaum dass wir Zeit hatten, ihn auch nur halbwegs ins Auge zu fassen, verschwindet er in der kühlen Flut, schwimmt eine grosse Strecke unter der Wasserfläche fort, um oft in ganz entgegengesetzter Richtung wieder zu erscheinen; oft nimmt er sogar seinen Weg unter dem Boote durch, und im nächsten Augenblicke ist er auch schon wieder fort. Glaubt er sich erst in sicherer Entfernung, dann kann man ihn auch längere Zeit auf der Wasserfläche beobachten. Oft sieht man dann die ganze Familie, Alt und Jung, im bunten Durcheinander, bald ruhig dahinschwimmend, bald Tauchübungen anstellend, bald über die glatte Wasserfläche dahinlaufend; aber nie lassen sie dabei die nötige Vorsicht ausser Acht; bei dem geringsten verdächtigen Geräusch verschwindet die ganze Gesellschaft im nächsten Rohrfelde und lässt sich für lange Zeit nicht wieder blicken. Auch im Bau ihrer Nester, welche sehr versteckt und meist nach dem Wasser hin in den Rohr- und Binsenfeldern angebracht sind, gleichen sie sich. Auf niedergebogenem Rohr, oft auf halb schwimmendem Gestrüpp sind die ziemlich kunstlosen Nester angelegt. Die Zahl der Eier beträgt gewöhnlich acht bis zwölf. Die _Gallinulidae_ erscheinen in unserm Gebiete Anfang Mai und verlassen uns Mitte September.

Von den _Charadriidae_ bewohnt die Flussinseln und Groden als Brutvogel der allen bekannte +Kiebitz+, _Vanellus cristatus_ Meyer und Wolf, welcher leider von Jahr zu Jahr an Zahl bedenklich abnimmt. Die Ursache dieser von Jahr zu Jahr sich steigernden Abnahme dieses nützlichen Vogels liegt in dem leidigen, unvernünftigen Eiersammeln, welches einzig den Zweck hat, den Gaumen des Gourmands zu kitzeln. Allerdings tragen auch ein gut Teil Schuld die Entwässerungsanstalten, welche in jedem Frühjahre die nassen und sumpfigen Wiesen trocken pumpen und es dadurch den Eiersammlern ermöglichen, auf die Poller und höher gelegenen Stellen, die Brutplätze des Kiebitzes, zu gelangen, um auch dort ihr Zerstörungswerk mit Erfolg zu betreiben. Der Kiebitz gehört zu unseren ersten Frühlingsboten; er erscheint gewöhnlich Mitte März und verlässt uns Ende September oder Anfang Oktober. In milden Jahren erscheint er oft schon im Februar und bleibt einzeln bis in den November. Manchmal aber, wenn sie sich zu früh hergewagt haben und Kälte und Schnee zurückkehren, müssen sie wieder flüchten und auch dabei gehen viele zu Grunde. Am 23. Februar dieses Jahres beobachtete Verfasser einen Trupp von etwa 50 Stück, welche sich trotz des vergangenen strengen Winters in unserm Nordwesten eingefunden hatten; als aber nach einigen Tagen von neuem Kälte eintrat und ziemlicher Schnee fiel, zogen sie auf einige Zeit wieder südlicher.

Mit dem Kiebitz erscheint und verschwindet fast zur selben Zeit der +Flussregenpfeifer+, _Charadrius fluviatilis_ Bechst. Dieser hurtige, behende Geselle bewohnt mit Vorliebe die kahlen, kiesigen Ufer der Inseln und Flüsse und legt auch dort sein Nest an, welches sehr leicht übersehen werden kann. In einer kleinen Vertiefung fast ohne alle Unterlage liegen auf kiesigem Grunde drei bis vier graugelbe, mit dunkelgrauen Punkten und Strichen ausgestattete Eier, welche in ihrer Färbung so sehr der Umgebung ähneln, dass man oft, wenn man das Nest gefunden, es auch schon wieder aus den Augen verloren hat und von neuem suchen muss. So ging es am 18. Mai dieses Jahres dem Verfasser, der, kaum zwei Fuss vom Neste entfernt, es erst nach längerem scharfen Umhersehen wieder entdeckte.

Der +Rotschenkel+, _Totanus calidris_ Bechst., welcher sich in grosser Zahl als Brutvogel an unseren Nordseeküsten findet, wird auch einzeln als solcher an den Ufern der Flüsse und auf den Flussinseln beobachtet. Er erscheint bei uns Mitte Mai und verlässt uns Anfang September. Häufiger als den Rotschenkel kann man an den sandigen Ufern als Brutvogel den +Flussuferläufer+, _Actitis hypoleucos_ Brehm beobachten, derselbe erscheint im März und bleibt bis zum Oktober. Auf den feuchten, kurzgrasigen Wiesen unserer Flussniederungen stellt sich in ziemlich grosser Individuenzahl der durch seine possierlichen Kapriolen bekannte +Kampfhahn+, _Machetes pugnax_ Cuv. ein. Stundenlang kann man, wenn ein Gestrüpp oder ein Grabenufer uns die nötige Deckung giebt, diesem tollen Treiben des Streithahns oder Streitvogels zusehen. Bei diesen sogenannten „Kämpfen“, die besonders zur Paarungszeit häufig sind, nimmt er die wunderbarsten Stellungen ein, sträubt sein Gefieder bald so und im nächsten Augenblick wieder anders. Sie stürzen auf einander los, vorwärts, rückwärts, und scheinbar mit einer solchen Wut, dass der uneingeweihte Beobachter glauben muss, keiner verlasse lebend den Kampfplatz; indessen scheint es mehr eine Spiegelfechterei zu sein, denn sie lassen kaum Federn dabei und nach einiger Zeit, wenn sie des Kampfes müde sind, eilen sie vergnügt von dannen, um sich für ein späteres Turnier, deren man täglich mehrere beobachten kann, wieder zu stärken. Das Nest, welches im Bau sowohl wie im Aussehen dem des Kiebitzes ähnlich ist, befindet sich in einer kleinen Vertiefung, einer Kuhspur oder dergleichen, und ist mit wenig Grashälmchen ausgelegt. Nach beendigtem Paarungsgeschäfte verlassen uns schon meistens die Männchen und ziehen an die Meeresküste, während die Weibchen und Jungen bis zum September an ihren Brutplätzen verweilen. Im März treffen sie wieder zusammen an letzteren ein.

Auf den feuchten, mit kleinen Wasserläufen durchzogenen Wiesen der Inseln der Aussendeichsländereien und Groden, auf den Dobben und Platen treffen wir in ziemlicher Zahl als Brutvögel die +einfache Bekassine+, auch „Häwelamm“ oder „Bäwerbuck“ genannt, _Scolopax gallinago_ L., und die +Doppelbekassine+, _Scolopax major_ L., an. Unter Dobben versteht man beweglichen Moorboden, der oben durch eine Grasnarbe bedeckt und ziemlich fest, weiter nach unten aber noch weich ist. Beim Betreten solchen Bodens bewegt sich die ganze Fläche und der auf diesem Boden Unbekannte bricht sehr leicht ein; es bedarf einer besondern Geschicklichkeit, darüber hinwegzugehen. Pferde, welche ihn betreten wollen, bekommen Holzschuhe angeschnallt, und die Räder der Wagen werden, damit sie nicht einschneiden und dann versinken, mit dicken, gedrehten Strohseilen umwickelt. An warmen Frühlingsabenden macht sich die einfache Bekassine durch ihr eigentümliches Gemecker, dem einer Ziege nicht unähnlich, daher „Häwelamm“, „Himmelsziege“ genannt, welches sie nur im Fluge vernehmen lässt, bemerkbar. An einzelnen Moorseen ist dieser, von Feinschmeckern sehr geschätzte Vogel oft zu hunderten anzutreffen, so am Balk-See, einem inmitten des unwirtlichen Moores bei Cadenberge unweit der niederelbischen Bahn gelegenen grossen Moorsees, dessen Ufer von grossen Dobbenfeldern gebildet werden. Auf solch sumpfigen Wiesen in der Mitte eines Carex-Busches findet sich das sehr schwer zu entdeckende Nest. Die gemeine Bekassine erscheint bei uns oft schon im März und bleibt bis zum November. Die Doppelbekassine kommt erst im April und geht schon im September.

Anfang Mai erscheint ebenfalls auf den feuchten Flussniederungen die +Pfuhlschnepfe+, _Limosa melanura_ Leisler, um dort ihr Brutgeschäft zu verrichten; sie verlässt uns gewöhnlich schon Anfang September. Auch die grosse +Rohrdommel+, _Botaurus stellaris_ Briss., „Iprump“ nach ihrem unheimlich klingenden Rufe „üü -- prump“ so genannt, ist als vereinzelter Brutvogel der Flussinseln aufzuzählen. Es hält schwer, dieses stattliche Tier zu Gesicht zu bekommen, da es durch eine eigentümliche List sich dem Auge des Beobachters zu entziehen weiss. Bemerkt die Rohrdommel einen Feind in ihrer Nähe, so richtet sie sich gerade auf, zieht den Hals ein, streckt Kopf und Schnabel senkrecht in die Höhe und bleibt in dieser Stellung unbeweglich stehen, bis die Gefahr vorüber ist. In dem Weidengebüsch, in welchem sie sich gern aufhält, gleicht sie in dieser Stellung, wobei ihr die Färbung ihres Gefieders, welche mit der Umgebung grosse Ähnlichkeit hat, sehr zu statten kommt, täuschend einem alten abgebrochenen Weidenstumpfe. Die Rohrdommel erscheint im April auf ihrem Brutplatze und zieht Ende September wieder von dannen.

Aus der Ordnung der Schwimmvögel treffen wir zunächst an unseren süssen Gewässern einige Entenarten als Brüter an. Da mag zuerst die +Löffelente+, _Rhynchaspis clypeata_ L., erwähnt werden, welche im dichten Rohr, umgeben von Wasser, ihr verstecktes Nest anlegt; ferner die +Knäckente+, _Anas querquedula_ L., die +Krickente+, _Anas crecca_ L., und die gemeine wilde Ente, auch +Stockente+ genannt, _Anas boschas_ L., gehören zu den häufigeren Arten der Entensippschaft, welche an den süssen Wassern brüten. Die Enten erscheinen auf dem Frühjahrszuge meist im März und ziehen Oktober wieder fort. Einzelne Exemplare von _boschas_ und _crecca_ trifft man fast den ganzen Winter an den Gewässern an und diese verlassen uns nur dann, wenn auch die letzten offenen Stellen der Flüsse und Seen mit einer Eisdecke verschlossen sind.

An dem in Betracht kommenden Gebiete trifft man von den _Pelecanidae_ im Binnenlande einzeln die +Kormoran-Scharbe+, _Halieus Carbo_ Ill., als Brutvogel an. Im Nordwesten Deutschlands ist nur eine Kolonie dieses der Fischerei sehr schädlichen Vogels bekannt und zwar im Lüneburgischen an der Elbe. Der Kormoran legt seinen Horst, entgegen der Gewohnheit der anderen Schwimmvögel, auf Bäumen an, benutzt aber gewöhnlich die Nester der Reiher und Raben für sich, wobei sich häufig ein hartnäckiger Kampf zwischen diesen und jenen entspinnt. Trotz seiner grossen Schwimmfüsse bäumt der Kormoran sehr geschickt auf und weiss sich ganz sicher auf den Ästen zu benehmen.

Wenn der eigentliche Aufenthaltsort der +Seeschwalben+ und +Möven+ auch das salzige Meer, die Watten und die Inseln des Meeres sind, so giebt es doch eine Reihe Arten davon, welche vorziehen im Binnenlande an den süssen Gewässern sich aufzuhalten und dort ihr Heim einzurichten. Es sind dies die +Küstenmeerschwalbe+, _Sterna macrura_ Naum.; die +Flussmeerschwalbe+, _Sterna hirundo_ L.; die +kleine Seeschwalbe+, _Sterna minuta_ L., und die +schwarze Seeschwalbe+, _Sterna nigra_ Briss., und von den Möven die +Lachmöve+, _Larus ridibundus_ L. Ihre Nester, welche, fast ohne jegliche Unterlage, nur aus einer kleinen Vertiefung bestehen, finden sich auf den kiesigen, sandigen Stellen an den Gewässern und sind sehr schwer von der Umgebung zu unterscheiden, da die Plätze gewöhnlich alles Pflanzenwuchses entbehren. Im Winter bleiben immer einzelne dieser geschickten Segler bei uns, wenn auch als gewöhnlich anzunehmen ist, dass sie im März in grösseren Scharen erscheinen und uns im Oktober verlassen.