Chapter 11 of 27 · 3890 words · ~19 min read

Part 11

Im allgemeinen ziehen die Anodonta-Arten stehende Gewässer vor. Nur in diesen finden sie ihre volle Entwickelung (als _var. cygnea_ L.). -- In fliessenden Wassern findet sich meist nur die kleine, gewissermassen verkümmerte Varietät _var. anatina_ L., welche durch schmale Jahresansätze, dunkle Färbung der Oberhaut u. s. w. charakterisiert ist. Die grösste Form, _var. cygnea_ L., findet sich in Weihern mit erdig-schlammigem Boden. Diese Varietät zeichnet sich durch rundlich-eiförmige Gestalt, durch die feste Schale, die lebhaft gefärbte Epidermis und reines glänzendes Perlmutter aus; sie erreicht bis 190 _mm_ Länge. _Anodonta rostrata_ Kok. ist die Varietät, welche sich in Altwassern mit tiefem Humusschlamm am Grunde bildet. Die Muscheln haben eine verlängerte Gestalt mit breitem abgestutzten Hinterteile, eine meist dunkle Färbung der Epidermis und mehr oder weniger fettfleckiges Perlmutter. Bei zunehmender Versumpfung der Altwasser werden die Muscheln dünnschaliger, die Wirbel werden kariös, von Insekten angebohrt, das Perlmutter wird noch schmutziger, die Tiere verlieren die Fähigkeit sich fortzupflanzen, und sterben deshalb bald an dem betreffenden Wohnorte völlig aus. Ich suche den Grund dieser Erscheinung in der Überhandnahme der Humussäure im Bodenschlamm. Auch mit zunehmendem Alter verändern die Anodonten ihre Umrissform. Die jungen Muscheln haben in der Regel mehr eine rundliche Gestalt und scharf hervortretendes Schild und Schildchen. Später wird dieselbe länglicher, die vortretenden Ecken verschwinden und es bilden sich die Varietäten: _cellensis_, _rostrata_, _ponderosa_ und _anatina_. Nur in Flüssen erhält sich zuweilen die rundlich-eiförmige Gestalt _var. piscinalis_ Nils. länger, wenn auch hier die Ecken des Schildes und Schildchens mehr zurücktreten.

Die bisher aufgeführten Varietäten haben eine sehr ausgedehnte Verbreitung, so dass man sie fast mehr als Standorts-Formen, denn als Varietäten betrachten könnte, da sie sich in mehr oder weniger übereinstimmender Weise überall entwickeln, wo sie die ihre Form bedingenden Verhältnisse finden. Die grossen Alpen- und Voralpenseen der bayrischen Hochebene und der Schweiz erzeugen dagegen, ihren eigentümlichen physikalischen Verhältnissen u. s. w. entsprechend, eigenartige Formen, von denen sogar fast jeder See eine oder mehrere ihm eigentümliche Varietäten enthält. Die Seevarietäten erreichen meist nur eine geringe Grösse, haben hellgefärbte Epidermis, starke Schale, reines Perlmutter und ist meistens das Vorderteil durch dicke Ablagerungen der Perlmutterschicht ausgezeichnet. Dieselben bilden sich aber gewöhnlich nur an solchen Stellen der Ufer, die bei seichtem Wasser und mangelnder Bewachsung der vollen Wirkung des Wogenschlages ausgesetzt sind. Hier kann sich keine tiefere Schlammschicht, die den Muscheln Schutz gewährt, anhäufen und werden deshalb dieselben oft genug von den Wellen mit lebendem Tiere aufs Trockene geworfen, wo sie verschmachten und Vögeln zur Beute fallen. Ich möchte als Beispiel einer solchen Seemuschel hier nur _An. callosa_ aus dem Chiemsee erwähnen, da die Aufzählung aller mir aus den verschiedenen Seen bekannt gewordenen zu weit führen würde.

[Illustration: Fig. 30.

_Unio pictorum._]

Auch die Arten des Genus _Unio_ nehmen in den Seen besondere Formen an. Ich habe beobachtet, dass die Muscheln von _Unio pictorum_ (Fig. 30) und _batavus_, wenn sie im tieferen Wasser in einer hohen Schlammschicht sich aufhalten, ein sehr verlängertes Hinterteil erhalten, weil sich dieselben im festen Boden festklammern, dabei aber mit dem Hinterteile aus dem Schlamme hervorzuragen suchen, um die Atemröhre freizuhalten. Das Hinterteil wird dadurch bei fortwährendem Strecken des Tieres verlängert, und krümmt sich dabei oft mehr oder weniger nach abwärts, so dass die Muschel eine etwas hakenförmige Gestalt annimmt, wie es bei _Unio arca_ Held aus dem Chiemsee und _Unio platyrhynchus_ Rossm. (Fig. 31) aus dem Wörthsee der Fall ist. Merkwürdigerweise kommt in den bayrischen, Schweizer und wahrscheinlich auch in den oberösterreichischen Seen nur _Unio pictorum_ vor, während _Unio batavus_ in denselben fehlt, obwohl diese letztere Art in den zufliessenden Bächen reichlich vorhanden ist. In den Schweizer Juraseen findet sich _Unio tumidus_, die in allen im Alpengebiete liegenden grossen Wasserbecken nicht vorkommt. _Unio batavus_ dagegen ist auf die Kärntner- und Juraseen beschränkt.

[Illustration: Fig. 31.

_Unio platyrhynchus_ Rossm.]

Die Mollusken der Tiefenfauna.

Den Untersuchungen Dr. +Forels+[LXVII], welcher die Tiefenfauna der grossen Schweizer Seen untersucht hat, verdanken wir die Kenntnis, dass auch die Klasse der Mollusken zu derselben ihr Kontingent stellt, und dass sich auch in den grössten Tiefen derselben noch einzelne Arten von Schnecken und Muscheln aufhalten. Unter den ersteren sind sogar Lungenatmer des Genus _Limnaea_, welche im seichten Wasser bei heiterem, warmem Wetter die Gewohnheit haben, an die Oberfläche des Wassers aufzusteigen, was aus einer Tiefe von 2–300 _m_ zur Unmöglichkeit wird.

[LXVII] Matériaux pour servir à l’étude de la Faune profonde du lac Léman. Lausanne 1874.

Dr. +Forel+ teilt die Fauna der Seen in drei Abteilungen:

1. +Die Uferfauna+; sie umfasst die Tiere, welche sich an der Oberfläche des Wassers und in einer Tiefe bis zu 5 _m_ aufhalten.

2. +Die pelagische Fauna+, welche jene Tiere umfasst, die entfernt von den Ufern oder untergetaucht im Wasser leben.

3. +Die Tiefenfauna+, welche den Seeboden von 25–30 _m_ an abwärts bewohnt.

Die Uferfauna enthält Arten aller Genera unserer heimischen Süsswasserconchylien, welche unter Umständen eigenartige Varietäten bilden, die wir in vorhergehenden Abschnitten schon erwähnt haben. Die pelagische Fauna entbehrt der Mollusken. Die Tiefenfauna dagegen besitzt noch einige Arten der Genera _Limnaea_, _Vivipara_, _Valvata_ und _Pisidium_, die ich sämtlich, soweit sie mir bis jetzt bekannt wurden, in meiner „Molluskenfauna von Österreich-Ungarn und der Schweiz“ S. 768–791 beschrieben habe.

Die eigentümlichen Verhältnisse am Seeboden, geringe Temperatur des Wassers (wenig um 4° _C._ schwankend), der grosse Druck der Wassersäule, die sehr spärliche Nahrung, welche ihnen der Schlamm des Seebodens bietet, geben die Veranlassung, dass die in so grossen Tiefen lebenden Conchylien nur kleine, verkümmerte, unscheinbare Arten sind, die sich naturgemäss von den Arten der Uferfauna abgezweigt haben müssen. Diese Tiefseemollusken führen ein kümmerliches Dasein. Da die Temperatur des Wassers das ganze Jahr über eine sehr gleichförmige ist und der Wechsel der Jahreszeiten das geringe Wachstum der Schalen nicht unterbricht, fehlen die Marken der Jahresabsätze; die Epidermis ist sehr dünn und stösst sich, trotz der fast völligen Ruhe des Wassers, leicht ab; die Muscheln bleiben dünnschalig und leichtzerbrechlich. Eine Art _Pisidium fragillimum_ Cless. aus dem Silvaplaner See besitzt eine so dünne Schale, dass jede Berührung an derselben einen Eindruck zurücklässt. Jeder der bisher untersuchten Seen beherbergt wenigstens eine eigentümliche Art des Genus _Pisidium_. Limnäen wurden nur im Genfersee beobachtet; _Vivipara_ (eine Art) findet sich im Gardasee; Valvata-Arten (drei) gehören nur der Tiefseefauna des Genfer- und des Gardasees an.

Höhlen-Mollusken.

In den Kalkgebirgen, vorzugsweise in den Juraformationen, finden sich ausgedehnte Höhlen, in denen Bäche und im Karstgebiete sogar Flüsschen auf weite Strecken unterirdisch dahinfliessen. Es ist selbstverständlich sehr schwierig, diese unterirdischen Wasserläufe auf ihre Fauna zu untersuchen; gewöhnlich sind die in denselben lebenden Mollusken nur in leeren Gehäusen im Geniste oberirdischer Bäche und Flüsse zu bekommen. Nur in seltenen Fällen ist es geglückt, lebende Tiere zu erbeuten, welche sämtlich einem für die Höhlenfauna eigentümlichen Genus _Vitrella_ Cless. (Fig. 32), _Bythiospeum_ Brgt., angehören. Die Untersuchungen derselben durch +Wiedersheim+[LXIII] und +Rougemont+[LXIX] haben ergeben, dass diese Höhlen-Mollusken blind sind, ebenso wie die Tiere anderer Tierklassen, welche die gleichen Aufenthaltsorte bewohnen. Die Tiere, welche seit vielen Generationen nur im Dunkeln leben, haben die Augen nicht mehr nötig. +Rougemont+ hat lebende Tiere der _Vitrella_ (_Rougemonti_ Cless.) aus dem Brunnen des Anatomiegebäudes in München heraufgepumpt, welche gleichfalls augenlos waren.

[LXVIII] Beiträge zur Kenntnis der württ. Höhlenfauna.

[LXIX] Etudes des faunes des eaux privées de lumière.

[Illustration: Fig. 32.

_Vitrella pellucida._]

Die unterirdischen Wasserläufe werden fast ausschliesslich von Vitrella-Arten bewohnt, von denen jeder derselben eine ihm eigentümliche Art zu besitzen scheint. Ausser diesen kleinen, zierlichen, am meisten an das Genus _Hydrobia_ erinnernden Deckelschnecken fand sich in der Uracher Höhle (schwäbische Alp in Württemberg) eine Ancylus-Art, _Ancylus fluviatilis_, und in Krainer Höhlen einige Valvata-Spezies. Diese Arten sind kleine, verkümmerte Formen mit dünner, farbloser Schale und geben dieselben somit wieder ein merkwürdiges Beispiel von der Anpassungsfähigkeit der Mollusken.

Die Perlenmuschel.

Die kalkarmen Bäche unserer Urgebirgsformationen beherbergen eine grosse und sehr dickschalige Muschel, _Margaritana margaritifera_ (Fig. 33), welche einen sehr wertvollen Schmuck, nämlich die Perlen, liefert. Die Muscheln stecken oft in sehr grosser Anzahl in sandigen Stellen so völlig im Sande eingesenkt, dass nur an den flottierenden Cirren der Atemöffnung sich das Vorhandensein der Muscheln erkennen lässt.

[Illustration: Fig. 33.

_Margaritana margaritifera._]

Die Perlenmuscheln haben in ausgewachsenem Zustande eine nierenförmige Gestalt und erreichen eine Länge von 120 _mm_. Sie haben eine dunkle, fast schwarze Oberhaut, sind in der Regel um die Wirbel stark zerfressen und ihr Perlmutter ist gewöhnlich durch schmutzig-gelbe Fettflecken verunziert.

Die Erzeugung von Perlen vollzieht sich in dem Raume zwischen Mantel und Schale und muss die Perle hier frei beweglich bleiben, so dass sie ständig in rollender Bewegung erhalten wird. Eine Perle bildet sich nur dann, wenn ein kleiner fremder Körper, ein Sandkörnchen, ein Stückchen eines abgestorbenen Schmarotzertieres u. s. w. an die erwähnte Stelle gerät. Der Druck, welchen dieser fremde Körper auf die äussere Mantelfläche ausübt, veranlasst eine stärkere Ausscheidung des Perlmutterstoffes, welcher sich in Schichten um denselben legt und allmählich den fremden Körper umhüllt. Die Entstehung der Perlen ist also gewissermassen eine zufällige, und deshalb kommt nach Beobachtungen aus den bayrischen Perlenbächen auf etwa 95–100 Muscheln nur eine Perle. Aber nicht einmal alle Perlen sind brauchbar und wertvoll, sondern nur jene, welche weisse Farbe und schönen Glanz haben. Man unterscheidet drei Klassen brauchbarer Perlen und zwar 1. Klasse: ganz helle, weisse Perlen von schönstem Glanze; 2. Klasse: weisse Perlen von minder vollkommenem Glanze; 3. Klasse: sogenannte Sandperlen, welche noch so viel Glanz und weisse Farbe besitzen, um verwertet werden zu können. Eine gute Perle ersten Ranges kommt nach +v. Hessling+[LXX] auf 2701, eine Perle mittlerer Qualität auf 2215 und eine schlechter Qualität auf 103 Muscheln. Ausser diesen weissen Perlen finden sich aber auch, und in grösserer Häufigkeit als diese, solche von brauner und von schwarzer Farbe. Zusammengesetzte Perlen von Stäbchenform sind sogar häufig zur Hälfte braun, zur anderen Hälfte schwarz gefärbt. Die dunklen Perlen werden als „unreif“ bezeichnet, obwohl diese Benennung durchaus nicht zutreffend ist, weil auch grosse Perlen die dunkle Farbe behalten. Die Ursache dieser Erscheinung ist jedenfalls in der Nahrung der Tiere zu suchen, welche ja auch das fettfleckige, unreine Perlmutter der Schalen erzeugt. Die aus der Urgebirgsformation kommenden Gewässer haben in der Regel eine dunkle Färbung, welche durch eine starke Beimischung von Humussäure erzeugt wird, und dieses die Bildung wertvoller Perlen sehr beeinträchtigende Verhältnis wird sich wohl nicht beseitigen lassen.

[LXX] +Theod. v. Hessling+: „Die Perlmuscheln und ihre Perlen“. Leipzig 1859. Ich bin im ganzen den Ausführungen dieses Autors gefolgt.

Versuche, um auf künstlichem Wege Perlen zu erzeugen, beziehungsweise durch Einschieben kleiner Kügelchen u. s. w. zwischen Mantel und Schale das Tier zur Perlenbildung zu veranlassen, haben keine günstigen Resultate ergeben.

Die Ernte der Perlenbäche gilt in Deutschland durchaus als Staats-Regal; sie wird aber gewöhnlich an Private verpachtet, welche das Fischen und die Behandlung der Muscheln ohne jede Kenntnis der Eigentümlichkeiten derselben betreiben und dadurch den Bestand an Perltieren arg schädigen.

Die deutschen Süsswasserfische

und ihre Lebensverhältnisse.

Von Dr. =A. Seligo= in Heiligenbrunn bei Danzig.

Herrscher im Wasser ist der Fisch. Es giebt kaum irgend einen Wasserorganismus, der ihm nicht direkt oder indirekt Nutzen bieten muss. Das Wasser ist auch ausschliesslich das Element, in welchem die Fische dauernd zu leben vermögen. Zwar können nicht wenige Fische ausserhalb des Wassers eine mehr oder minder kurze Zeit am Leben bleiben, -- es giebt, besonders in den Tropen, sogar Fischarten, welche freiwillig an das Land gehen[LXXI], -- aber auch in diesen Fällen kann das Luftmeer nur vorübergehend mit dem Wasser vertauscht werden, und die Fische müssten zu Grunde gehen, wenn man ihnen die zeitweilige Rückkehr in das Wasser verwehrte.

[LXXI] z. B. die Labyrinthfische und _Salarias scandens_ Ehrenberg.

Ist das Vorhandensein des +Wassers+ die erste Lebensbedingung des Fisches, so ist in zweiter Linie die Beschaffenheit des Wassers in Betracht zu ziehen. In dieser Beziehung sind namentlich die mittlere Wärme des Wassers, sein Luftgehalt und sein Gehalt an anderen gelösten Stoffen für die Arten der Fische als Lebensbedingungen massgebend.

Das natürliche Wasser kommt auf der Erdoberfläche nirgends in chemischer Reinheit vor. Der grösste Teil des irdischen Wassers, das Meerwasser, enthält bekanntlich etwa 3.5% an Kochsalz und zahlreichen anderen Salzen in Lösung. Da die meisten Fischarten des Meeres im süssen Wasser bald sterben, anderseits die Süsswasserfische im Meerwasser meist nicht lange aushalten, so scheidet die Stärke des Salzgehaltes im Wasser, dessen die Fischarten bedürfen, diese in Süsswasserfische und Meerfische.

Eine Anzahl von Fischarten ist allerdings im stande, von Zeit zu Zeit den Aufenthalt in der einen Wasserart mit dem in der andern zu vertauschen. Diese als Wanderfische bezeichneten Arten folgen bei dem Wechsel ihres Lebenselementes dem mächtigen Fortpflanzungstriebe.

Das süsse Wasser enthält in der Regel noch 0.004 bis 0.02% +Salze+, meist Kalksalze, in Lösung. Bringt man die Fische in ganz salzfreies destilliertes (wenn auch lufthaltiges) Wasser, so tritt der Tod in wenigen Stunden ein, indem die Gewebe der vom Wasser direkt bespülten Organe, namentlich der Kiemen, quellen und funktionsunfähig werden[7]. Eine geringe Menge im Wasser gelöster Salze ist also für das Leben auch der +Süsswasserfische+ nötig, welche den ausschliesslichen Gegenstand dieser Schilderung bilden werden.

Der unbeschränkten +Ausbreitung+ der Süsswasserfische stehen im allgemeinen die Grenzen der von ihnen bewohnten Gewässer, nämlich das feste Land und das Meer, entgegen. Das letztere wird nicht nur von den eigentlichen Wanderfischen, sondern auch von einigen anderen Arten, welche gegen den Salzgehalt minder empfindlich sind, gelegentlich passiert[LXXII] und dient daher ausnahmsweise zur Verbreitung solcher Arten[8]. Auch das Land, welches die Flusssysteme trennt, ist keine absolute Schranke für die Fische. Die Übertragung der Fischeier durch Wasservögel und Landtiere, Überschwemmungen niedriger Teile der Wasserscheiden, unter Umständen auch dauernde geologische Veränderungen der letzteren ermöglichen die Verbreitung der Fischarten aus einem Flusssystem in ein benachbartes. Hierzu kommen die allmählichen Veränderungen, welchen die Konturen des Festlandes im Laufe der geologischen Perioden unterworfen sind und welche die weitläufige Trennung von ursprünglich eng verbundenen Landmassen bewirken, während sie anderseits Länder, die von einander entfernt gelegen haben, durch Landbrücken mit einander verbinden können. Dies sind die Umstände, welche die Verbreitung der Fischarten des süssen Wassers herbeizuführen pflegen.

[LXXII] Es kommt auch vor, dass einzelne Seefische, welche den Aufenthalt im Süsswasser vertragen, sich gelegentlich in die Ströme verirren und in diesen weit aufwärts schwimmen, z. B. die Flunder, die Lamprete. Indessen sind diese Fische nicht zur Süsswasserfauna zu rechnen, vielmehr als Meerfische zu betrachten.

Das Gebiet, mit dessen Süsswasserfischen wir uns hier zu beschäftigen haben[9], möge so begrenzt sein, dass es die Flusssysteme, welche +vom Rhein bis zur Memel+ an den Südküsten der Nord- und Ostsee münden, sowie das +Donaugebiet+[10] umfasst. Ausserhalb des so umschriebenen Gebietes liegt von deutschen Ländern nur der zum Etschgebiet gehörige Teil von Tirol[11]. Das so umgrenzte deutsche Fischgebiet gehört bezüglich seiner Fischarten dem europäisch-nordasiatischen Gebiete an, liegt also nach +Sclaters+[12] zoogeographischer Einteilung in der paläarktischen Region. Unter den Fischarten des Gebietes sind daher am stärksten vertreten die Familien der in dieser Region so verbreiteten Cypriniden und Salmoniden.

Der Ursprung dieser Familien ist ein fast entgegengesetzter zu nennen. Die +Cypriniden+ bilden etwa ein Dritteil aller bekannten Süsswasserfische der Gegenwart. +Günther+[13] nimmt an, dass sie ihren Ursprung in der Alpenregion genommen haben, welche die gemässigten und tropischen Teile Asiens scheidet. Von hier breiteten sie sich nach Norden und Süden, nach Osten und Westen aus. Australien nebst Celebes und die übrigen ozeanischen Inseln, sowie Südamerika wurden von ihnen nicht erreicht. In der Gegend unseres Gebietes fanden sie sich schon in der Tertiärzeit vor. Die +Salmoniden+ dagegen scheinen ihren Ursprung im kalten Norden genommen und während der Eiszeit sich in einzelnen Vertretern weit nach Süden verbreitet zu haben. Die meisten Arten finden sich auch jetzt in den nördlichen Teilen unserer Hemisphäre und auch die Arten unseres Gebietes beschränken sich fast durchgehends auf kühle Gegenden der Gewässer.

Nicht gering an Zahl sind in unserem Gebiet auch die Vertreter der Familie der +Perciden+. Diese Familie ist weit verbreitet im Süsswasser und in den Meerküstengegenden aller Regionen. Ihre Reste findet man in den Ablagerungen seit der Tertiärzeit.

Die Zahl der im Gebiet vertretenen Familien der Fische beträgt vierzehn, aus ihnen gehören hierher vierzig Gattungen mit siebzig bis achtzig Arten. Die überwiegende Zahl gehört, wie überall im Süsswasser zu den +Knochenfischen+.

Aus der Familie der +Perciden+ kommen vor die Gattungen der Barsche, Zander, Streber und Kaulbarsche. Der +Flussbarsch+ (_Perca fluviatilis_ L.)[LXXIII] ist nicht nur durch das ganze Gebiet verbreitet, sondern findet sich durch ganz Europa, Nordasien und Nordamerika. Er ist bei uns einer der gemeinsten Fische, und fehlt kaum in irgend einem Tümpel. Der +Zander+ oder +Schill+ (_Lucioperca sandra_ C.) ist ein östlicher Fisch, welcher sich von Osteuropa aus nach Westen verbreitet zu haben scheint. Er findet sich ursprünglich nicht im Rheingebiet und im Gebiet der Weser. Obwohl er in den Seen, in denen er vorkommt, vortrefflich wächst und daher durchaus nicht als ausschliesslicher Flussfisch bezeichnet werden kann, so findet man ihn doch in zahlreichen von den von ihm bewohnten Hauptströmen weit abgelegenen Seen desselben Flussgebietes nicht, was darauf schliessen lässt, dass seine Ausbreitung spät nach dem Ende der Eiszeit, wenn auch während des Bestehens der Verbindung zwischen Elbe, Oder und Weichsel erfolgt ist. Eine nahe verwandte Art ist _L. volgensis_ Pall., die sich in der Donau und ihren grossen ungarischen Nebenflüssen, sowie in den übrigen Flüssen des pontisch-kaspischen Gebietes findet. Ganz auf die Donau, bezw. auf das pontische Gebiet beschränken sich die Arten der +Streber+ (_Aspro zingel_ C. und _A. streber_ Syb.), welche gelegentlich auch in den Zuflüssen der obern Donau gefunden werden. Von den Kaulbarschen ist der gemeine +Kaulbarsch+ (_Acerina cernua_ L.) durch das Gebiet, durch ganz Mitteleuropa und Sibirien verbreitet. Auch er fehlt bei uns kaum in irgend einem Gewässer. Der ihm verwandte +Schrätzer+ (_Acerina schrätzer_ L.) dagegen findet sich ausschliesslich in den Zuflüssen des Schwarzen Meeres, also auch im Donaugebiet.

[LXXIII] Da für die vorliegende Abhandlung nur ein im Verhältnis zu dem weiten Umfange des Themas geringer Raum zur Verfügung gestellt werden konnte, so musste auf die Beschreibung der einzelnen Fischarten sowie auf Abbildungen verzichtet werden. Man findet mehr oder weniger ausführliche Beschreibungen in den im Litteraturverzeichnis angeführten Werken von Heckel und Kner, von Siebold, Benecke u. a.; neuerdings sind mehrere Werke[14] erschienen, welche eine zum Bestimmen der Fischarten bequeme Übersicht der Hauptmerkmale bieten, sowie Auszüge aus dem Beneckeschen Werke[15], welche die meisten deutschen Fische in guten Abbildungen geben.

Während die Perciden ziemlich gleichmässig im Salzwasser und in den süssen Gewässern verbreitet sind, gehört die Familie der +Cottiden+ fast ausschliesslich dem Meere an. Ein Vertreter dieser Familie, der +Kaulkopf+ (_Cottus gobio_ L.), lebt auch in den süssen Gewässern der paläarktischen Region, während er im Meere nur in der salzarmen Ostsee östlich von Gotland vorkommt. Wenig verschieden von ihm ist der _C. poecilopus_ Heck.[16], welcher sich in den Gewässern der Karpathen aufhält, sonst nur noch aus den Pyrenäen bekannt ist. Gleichfalls aus den Küstengegenden des Meeres stammt die Familie der +Stichlinge+ (Gasterosteiden), welche meist Bewohner des Seewassers wie des Süsswassers sind. Wir haben in unseren süssen Gewässern zwei Stichlingsarten, von denen die kleinere (_Gasterosteus pungitius_) vornehmlich in den süssen Gewässern der Küstengegenden vorkommt, die grössere (_G. aculeatus_) auch die mehr im Binnenlande belegenen Gewässerteile bewohnt, ohne dass beide Arten indessen sich ausschliessen. Man unterscheidet bei beiden Arten je zwei Varietäten, von denen die eine (_trachurus_) an den Seiten des Schwanzes ebenso wie an den Körperseiten Knochenplatten trägt und längere Stacheln besitzt, während die zweite (_leiurus_) kleinere Stacheln und einen unbewehrten Schwanz hat. Beide Stichlingsarten sind durch das ganze Gebiet mit Ausnahme der Donau und ihrer Zuflüsse verbreitet. Über unser Gebiet hinaus findet sich der kleine Stichling an allen Küsten der Nordmeere, der grosse Stichling durch ganz Europa mit Ausnahme des pontischen Gebietes, sowie in Algier und in Nordamerika[17].

Zu einer echten Seefischfamilie, den +Dorschen+ (Gadoiden), gehört ferner ein anderer unserer verbreitetsten Fische, die +Aalquappe+ oder +Rutte+ (_Lota vulgaris_ C.), welche sowohl in Flüssen und Bächen, als auch in tieferen Seen der paläarktischen Region sich überall verbreitet findet. Als einzigen Vertreter einer überaus zahlreichen Familie des Süsswassers, der +Siluriden+, besitzen wir den +Wels+ oder +Schaiden+ (_Siluris glanis_ L.), der durch Osteuropa bis zum Rhein und in Nordasien verbreitet ist. Die Siluriden bilden nach +Günther+ ein Vierteil aller bekannten Süsswasserfische. Ihre Heimat ist anscheinend in Ostindien zu suchen; von dort haben sie sich durch die süssen Gewässer fast aller Gegenden, besonders aber in den Tropen, verbreitet.

Von +Cypriniden+[18] besitzt unsere Fauna, abgesehen von lokalen Varietäten und Bastardformen, etwa dreissig Arten. Man hat die zahlreichen Arten der Cypriniden zu Gruppen zusammengestellt. Zu der Gruppe der Cypriniden gehören der Karpfen, die Karausche, die Barben und die Gründlinge.

Der +Karpfen+ (_Cyprinus carpio_ L.) stammt anscheinend aus Südosteuropa, wo er im Gebiete des Pontus und des Caspisees bis weit nach Mittelasien hinein wild lebt. In Europa, neuerdings auch in Nordamerika ist er durch die Fischzucht jetzt weit verbreitet. Die Teichwirtschaft, welche in Böhmen sich besonders stark entwickelt hat, hat mehrere Varietäten erzeugt. Zu diesen gehört der Lederkarpfen, welcher keine Schuppen trägt, der Spiegelkarpfen (_C. rex cyprinorum_), welcher an jeder Körperseite nur eine Reihe sehr grosser Schuppen trägt, der blaue Karpfen, der Goldkarpfen (_Carpe d’or_), dessen rötlicher Schimmer nach +Carbonnier+ von der Lachsfarbe seines Fleisches herrührt, der galizische Karpfen u. a. Die +Karausche+ (_Carassius vulgaris_ Nils.) ist über das ganze Gebiet wie überhaupt in der paläarktischen Region verbreitet. Sie bewohnt stehende und langsam fliessende Gewässer mit weichem Grunde. Als Giebel bezeichnet man im Gegensatz zu der hochrückigen sog. Seekarausche die schlankeren Formen, welche sich in kleinen Gewässern entwickeln. Eine nahe verwandte Karauschenart, vielleicht nur eine Abart unserer gewöhnlichen Karausche, ist der aus Japan und China stammende +Goldfisch+ (_Carassius auratus_), der in zahlreichen Varietäten (Teleskopfisch, Schleierfisch) jetzt auch in Europa gezogen wird[19].

Zu den artenreichsten Gattungen der Süsswasserfische gehören die +Barben+, von denen man etwa 200 meist tropische Arten kennt. In unserem Gebiet ist allverbreitet nur die auf Mitteleuropa beschränkte Flussbarbe (_Barbus fluviatilis_ Ag.), die Seen und Flüsse bewohnt. Eine andere Art (_Barbus Petenyi_ Heck.) ist in den Karpathenflüssen, auch in der Weichsel gefunden worden. Neuerdings glaubt man sie auch in der Lohe, einem Oderzufluss, aufgefunden zu haben[20]. Der +Gründling+ (_Gobio fluviatilis_ C.) ist über ganz Europa verbreitet, wo er in fliessenden und stehenden Gewässern vorkommt. Eine verwandte Art, _Gobio uranoscopus_ Ag., bewohnt die Nebenflüsse der Donau, sowie einzelne Gewässer der obern Weichsel.

Aus der Gruppe der _Rhodeina_ kommt bei uns ein typischer Vertreter, der +Bitterling+ (_Rhodeus amarus_ Bl.), vor, der über ganz Europa verbreitet ist.

In reicherer Zahl finden sich in Deutschland die _Abramidina_, zu denen die Bressenarten, der Blei, Rapen, Uklei, die Ziege und das Moderlieschen gehören. Der +Bressen+ oder +Brachsen+ (_Abramis brama_ L.) findet sich in ganz Mitteleuropa, mit Ausnahme der Alpen. Ebenso verbreitet ist die +Zärthe+ (_A. vimba_ L.), doch scheint sie vom Rheingebiet ausgeschlossen zu sein. Einen viel engeren Verbreitungsbezirk haben der +Seerüssling+ (_A. melanops_ H.) und der +Pleinzen+ (_A. sapa_), welche auf das pontische Gebiet beschränkt sind. Die +Zope+ (_A. ballerus_) findet sich in den Unterläufen der Ströme und in den grossen Seen im Gebiet allenthalben. Sehr gemein in Seen und Flüssen ist der +Blei+ oder +Güster+ (_Blicca Björkna_ L.), der in Mittel- und Nordeuropa vorkommt. Seltener, aber in den grösseren Gewässern des Ostens ebenfalls überall verbreitet, ist die +Ziege+ oder der +Sichling+ (_Pelecus cultratus_ L.); westlich von der Oder scheint dieser Fisch zu fehlen. Dagegen ist der +Uklei+ oder die +Laube+ (_Alburnus lucidus_ Heck.) über ganz Mitteleuropa bis nach Frankreich verbreitet. Nicht weniger verbreitet, aber selten und vielfach übersehen ist der +Schneider+ (_A. bipunctatus_ Bl.). Dagegen ist die nahe verwandte +Mairenke+ (_A. mento_ Ag.) auf das pontische Gebiet beschränkt. Der +Rapen+ oder +Schied+ (_Aspius rapax_ Ag.) und das +Moderlieschen+, +Mutterlosken+ oder +Motken+ (_Leucaspius delineatus_ Sieb.) sind dagegen im Gebiete überall zu finden.