Chapter 14 of 27 · 3965 words · ~20 min read

Part 14

Besondere Eigentümlichkeiten in ihren Laichverhältnissen zeigen einige Fischarten, welche teils im Meer, teils im Süsswasser leben. Dahin gehört namentlich der Aal[60]. Die Eierstöcke dieses Fisches wurden zuerst von +Mondini+[61] entdeckt, später von +Rathke+[47] von Neuem aufgefunden. Es sind zwei weisse, gekräuselte Bänder, die sogenannten Manchettenorgane, welche zu beiden Seiten der Schwimmblase von vorn bis hinten sich erstrecken. Betrachtet man ein Stückchen dieser Bänder unter dem Mikroskop (bei 50–100facher Vergrösserung), so sieht man ausser vielen ungleich grossen Fettzellen die durchsichtigen runden Eier, jedes mit einem „Keimbläschen“ (dem Kern) im Innern. Diese Eier sind zu mehreren Millionen in einem weiblichen Aal enthalten, werden aber im Süsswasser nicht grösser als etwa ¼–⅓ _mm_ im Durchmesser. Da man männliche Individuen unter den Aalen lange Zeit nicht fand, so hielt man die Aale für Zwitter. Man glaubte auch die Hoden in Fettwulsten neben dem Ovar gefunden zu haben. Erst +Syrski+[62] fand 1874, dass beim Aal die Geschlechter getrennt sind, indem er in den männlichen Aalen die Hoden (Lappenorgane) nachwies. Man weiss nun, dass die Aale in den süssen Gewässern meist Weibchen sind, dass dieselben im fünften oder sechsten Lebensjahre in die See wandern, dass sie im Brackwasser die Männchen finden und dass die ausgewachsenen Individuen beider Geschlechter sodann in der Tiefe des Meeres verschwinden, ohne wiederzukehren. Darüber hinaus ist unsere Kenntnis von der Fortpflanzung der Aale noch nicht gekommen. Ein Versuch, erwachsene Aale in grossen Fischkästen in der Ostsee laichreif werden zu lassen, führte auch zu keinem Resultat[63]. Man nimmt daher an, dass die Aale in der Tiefe des Meeres[LXXVI] (die der Ostsee in der Nordsee) ähnlich den übrigen Fischen den Laich ablegen und befruchten, und zwar im Winter, und dass sie dann absterben. Im Frühjahr kommen im März oder April die jungen Aale in ungeheuren Massen als fingerlange, schlanke, durchsichtige Tierchen an die Küsten, und ziehen an diesen entlang in die Ströme und bis in deren kleinste Nebenwässer. Sie wandern immer gegen die Strömung und nur nachts, besonders bei warmem Wetter; am Tage halten sie sich an ruhigen Stellen, zwischen Kies, unter Steinen, im Kraut auf. Sie wachsen während ihrer Wanderung. Kommen sie an Mühlenwehre oder andere Stauwerke, so suchen sie an schadhaften Stellen, an denen ein wenig Wasser herabrieselt, aufzusteigen. Ihre klebrige Oberhaut und ihr gelenkiger, dünner Körper begünstigt diese Kletterversuche, so dass ein Teil von ihnen in der Regel die nicht zu hohen und nicht ganz festgeschlossenen Stauwerke zu überwinden vermag. Erst die kalte Jahreszeit scheint ihren Wanderungen ein Ziel zu setzen, doch hat man noch bei ein- und zweijährigen Aalen Wanderungen gegen das strömende Wasser beobachtet.

[LXXVI] +Fritsch+ nimmt an, dass die Laichstellen in der Gegend von Süsswasserquellen liegen, aus welchem Grunde, ist leider nicht gesagt[64].]

Ein anderer interessanter Wanderfisch ist der Lachs. Im allgemeinen bewohnt er das Meer und steigt aus diesem in das Süsswasser auf, um hier laichreif zu werden. Ausnahmsweise hat man gefunden, dass Lachse auch im Meere laichreif geworden sind[65]. Anderseits haben +Fritsch+[66] und +Metzger+[67] beobachtet, dass Lachsmilchner, ohne das Süsswasser verlassen zu haben, schon im zweiten Herbst ihres Lebens laichreif geworden sind und die Eier der in ihre Wohnbäche aufgestiegenen Lachsrogner befruchtet haben. Doch sind beide Fälle vermutlich nur Ausnahmen. Die Zeit des Eintritts in die Stromsysteme ist sehr verschieden. In das kurische Haff (Memel) geht der Lachs im Mai, in die in der Nähe der Weichsel in die Danziger Bucht mündende Rheda steigt er am stärksten im Juli auf, während er in die Weichsel selbst fast ausschliesslich im Herbst eintritt. In der untern Oder findet sich der Lachs im August und September. Im Rhein[68] unterscheidet man nach der Zeit ihres Auftretens und nach ihrem Körperzustande den St. Jakobsalm, der in Holland um Jakobi (25. Juli) in den Rhein tritt und etwa 1½ _k_ schwer und 40–50 _cm_ lang ist, und den Wintersalm, der viel grösser und schwerer ist und um Mitte September in Holland erscheint.

Die Geschlechtsorgane sind beim Eintritt in das Süsswasser noch wenig entwickelt, der Eidurchmesser etwa 0.5 _mm_ gross, das Gewicht der Geschlechtsorgane beträgt kaum 0.5 % des Körpergewichts, während dieselben im reifen Zustande fast ein Viertel des Körpergewichtes ausmachen. Im Süsswasser entwickeln sie sich allmählich und zwar ausschliesslich auf Kosten der Rumpfmuskulatur, welche nicht nur verhältnismässig ärmer an Fett und Eiweissstoffen wird, sondern auch an absolutem Gewicht stark abnimmt, weil der Lachs im Süsswasser keine Nahrung aufnimmt[69], sondern ganz auf Kosten seiner im Meere gut genährten Organe sein Leben fristet. Das Fleisch der im Süsswasser sich so entwickelnden Fische wird daher immer schlechter und verliert seine rote Farbe. Gleichzeitig treten sekundäre Geschlechtscharaktere auf. Die Haut verdickt sich namentlich am Kopfe und Rücken schwartenartig und wird dunkler, die Männchen bekommen rote Flecken an den Seiten, namentlich auf den Kiemendeckeln, an der Spitze ihres Unterkiefers entwickelt sich ein knorpeliger Haken, der bei grösseren Tieren so stark wird, dass er das Schliessen des Maules hindert. Endlich, bei den im Herbst ins Süsswasser gelangten Fischen, meist erst im Herbst des folgenden Jahres, tritt die völlige Laichreife ein. Die Fische suchen nun, wie +Fritsch+[70] schildert, die seichten Stellen der Bäche auf, am liebsten oberhalb stärkerer Strömungen, dort wo das Wasser sich zu brechen anfängt. Hier wirft das Weibchen durch Schwanzbewegungen die Kiesel des Bachgrundes zur Seite und stellt dadurch eine seichte Grube her, die Laichgrube. Nach einiger Zeit stellen sich bei der Laichgrube täglich morgens und abends das Weibchen und ein oder mehrere Männchen ein. Sie liegen oft still in den Laichgruben, so dicht neben einander, dass man Männchen und Weibchen mit dem (gabelförmigen) Fischspeer zugleich spiessen kann. Beim Laichgeschäft streicht das Weibchen, indem es den Bauch auf dem Grunde der Grube reibt, die Eier ab; das Männchen steht etwa 1 _m_ stromaufwärts und lässt die Milch in das Wasser, die Milch strömt zu den Eiern und bewirkt die Befruchtung. So setzen sie es mehrere Wochen lang fort, wenn sie nicht gestört werden.

Nach dem Laichen, in Böhmen beim Fallen des ersten Schnees, verschwindet der Laichlachs. Er ist dann ganz abgemagert, mit schlaffem Körper, und völlig kraftlos und wird, wenn er nicht abstirbt, von der Strömung abwärts zum Meere getragen. Nach +Miescher+ kommt der männliche Lachs in der Regel zwei- bis dreimal in mehrjährigen Zwischenräumen, der weibliche ein- bis zweimal zur Laiche in den Rhein. Unter den kleinen Jakobsalmen sind wenige Weibchen zu finden; man schliesst daraus, dass die Weibchen oft erst später reif werden, als die Männchen.

Die aus den Eiern schlüpfenden Lachse werden als Salmlinge bezeichnet. Sie halten sich in der Regel nur bis zum nächsten Hochwasser in dem Bach, in dem sie geboren sind, auf, und gehen mit dem Hochwasser als etwa handlange Fische in das Meer hinab. So lange sie in den Bächen bleiben, leben sie hier ähnlich wie die verwandten Salmoarten, sind aber nicht so lichtscheu, wie die Forellen, sondern stehen gern im fliessenden Wasser gegen die Strömung gerichtet.

Die Forellen haben ähnliche Laichverhältnisse wie die Lachse. Die Meerforellen und Seeforellen wandern zur Laichzeit stromaufwärts, letztere gegebenen Falles auch stromabwärts, um in geeigneten Bächen auf Kies- oder Sandgrund zu laichen.

Alle einheimischen Salmoniden mit Ausnahme des Stint, des Huchen und der Aesche, laichen im Herbst oder Winter, und die Jungen schlüpfen erst im Beginn des Frühjahres aus den Eiern. Diese bleiben also monatelang unausgebrütet, ohne jeden Schutz, der Vernichtung durch zahlreiche tierische Feinde, durch Wasserschimmel, durch die Abwässer der Fabriken ausgesetzt.

Um diese als Delikatesse gesuchten Edelfische nun vor der Ausrottung zu bewahren, hat man sich in grossem Massstabe und mit viel Erfolg eines Hilfsmittels bedient, welches ihnen den Kampf ums Dasein mit den übrigen Wassertieren erheblich erleichtert, der sogenannten künstlichen Fischzucht[71], durch welche nicht nur die Vermehrung der Salmoniden in den deutschen Seen, Flüssen und Meeren, sondern auch die vieler anderer Fische in stehenden und fliessenden Gewässern, sowie die Übertragung von Fischarten in neue, von ihnen nicht bewohnte Gewässer in zahlreichen Fällen erzielt ist.

Unter „künstlicher Fischzucht“ versteht man zunächst die Befruchtung und Erbrütung von Fischeiern unter Zuthun des Menschen. Ein Detmolder Landwirt, +Jakobi+, erfand diese Methode in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, doch wurde sie wegen der mühsamen Bedienung des im Bache stehenden Brutkastens selten angewendet. In Norwegen, Russland, namentlich aber in Frankreich wurden später ähnliche Verfahren entdeckt. Professor +Coste+ in Paris interessierte sich dafür, und auf seine Veranlassung wurde 1852 von der französischen Regierung die Brutanstalt in Hüningen bei St. Ludwig im Elsass gegründet, welche 1871 vom Deutschen Reiche übernommen wurde. Von Deutschen ist zuerst in München ein Bruthaus für künstliche Fischerbrütung angelegt. Inzwischen ist die Methode besonders in Amerika, in neuerer Zeit auch in Deutschland weitergebildet und sehr vervollkommnet worden[72], und jetzt zählen die Anstalten für künstliche Fischzucht in Deutschland nach hunderten.

Zur künstlichen Befruchtung werden die Eier des reifen Weibchens, welche lose im Ovar, bezw. in der Bauchhöhle liegen, durch gelindes Streichen herausgedrückt und in einer Schale aufgefangen, eine kleine Menge Samen, welcher in gleicher Weise aus den Hoden eines Männchens herausgestrichen ist, wird auf die Eier gebracht und durch vorsichtiges Umrühren zwischen die Eier verteilt, Wasser hinzugegossen und dann die Schale mit ihrem Inhalt für kurze Zeit sich selbst überlassen. Die Samenfäden fangen ihre Schwärm- und Bohrbewegungen an, sobald sie mit dem Wasser in Berührung kommen. Die Eier vieler Fische schwellen durch Wasseraufnahme auf und saugen dabei gewissermassen die Samenfäden in sich ein. Auf diese Weise werden alle reifen Eier, die sich in der Schale befinden, befruchtet (während bei der Laichablage in der freien Natur eine grosse Menge der abgesetzten Eier unbefruchtet bleibt) und sind dann entwicklungsfähig. Sie können jetzt sofort in die freien Gewässer gebracht und dort an geeigneten Stellen, d. h. an solchen, an welchen die Fische ihrer Art laichen würden, ausgesetzt werden. Allein der Fischlaich ist im Freien unzähligen Gefahren ausgesetzt. Fast alle Wassertiere, welche ihn bewältigen können, stellen ihm nach, ungünstige Witterung tötet ihn, Wellenschlag wirft ihn auf das Land. Deshalb ist es besser, ihn so lange als möglich unter Obhut zu behalten, ihn künstlich zu erbrüten. Man bringt ihn in Brutapparate. Die +Brutapparate+ sind fast durchgehends so eingerichtet, dass in ihnen die Eier von fliessendem, klarem, reinem, aber sauerstoffreichem und gleichmässig kühlem Wasser bespült werden. In +Jakobis+ Brutkiste lagen sie auf Kies, die Kiste hatte auf den Schmalseiten Gitter und war so in einen Bach gestellt, dass das Wasser durch die Gitter über die Eier floss. +Coste+ legte die Eier auf einen Glasrost, der in einem Gefäss stand. Solche Gefässe stellte er staffelförmig über einander, so dass das Wasser, das in das höchststehende geleitet war, aus diesem in das nächst tiefere floss etc. Später wandte man Siebe aus Metall oder Thon an. Die Amerikaner scheinen zuerst Drahtgeflechte zur Aufnahme der Eier angewandt zu haben. Dies ist jetzt die übliche Unterlage. Man lässt das Wasser entweder seitlich an den Eiern vorbeifliessen, oder man richtet die Apparate so ein, dass das Wasser von unten her durch die Unterlage und dann durch die Eierschichten strömt, wodurch das Wasser am besten ausgenutzt wird. In anderen Apparaten werden die Eier nicht ruhend, sondern schwebend ausgebrütet, indem in das kelchförmige oder cylinderförmige Brutgefäss ein kräftiger Wasserstrahl von unten her eingeleitet wird, welcher die Eier in die Höhe trägt; nach oben hin verteilt sich der Wasserstrom und verliert an Kraft, die Eier geraten in das ruhigere Wasser an den Gefässwänden, sinken hier durch ihre Eigenschwere hinab und werden von dem Wasserstrom unten sofort in erneutem Spiel in die Höhe getrieben[73]. Diese Apparate sind besonders für kleinere Eier, wie die der Hechte und Coregonen, geeignet. Sie haben unter anderem den besondern Vorteil, dass die abgestorbenen Eier, welche etwas leichter werden als die lebenden, sich von den letzteren absondern und bei etwas verstärktem Strome von selbst mit dem durchgeleiteten Wasser abschwimmen können. Man nennt sie deshalb Selbstausleser.

Eine dritte Methode ist die Erbrütung in Eisschränken, in welchen die Eier nur von dem tropfenweise herabrinnenden Schmelzwasser des über ihnen angebrachten Eises feucht und kühl gehalten werden. Diese Eisbrutschränke dienen auch zum Transport von Eiern, welche wochenlang unterwegs sein müssen. Man hat in ihnen die Eier fremder Fischarten über die Ozeane in neue Gebiete, selbst über den Äquator hinaus, eingeführt, z. B. den Lachs der nördlichen Hemisphäre in australische Gewässer.

Leider ist die Methode der künstlichen Befruchtung und Erbrütung nur bei einer beschränkten Zahl von Fischarten praktisch anwendbar. Der erste Mangel, den diese Methode hat, liegt in der Notwendigkeit, dass die Laichfische in dem gerade zur Befruchtung geeigneten Laichreifestadium zur Hand sein müssen. Einige Fische können dieses Stadium in der Gefangenschaft erreichen. Viele andere aber werden, auch kurz vor der Laichreife eingefangen, in engen Behältern nicht laichreif. Bei anderen Fischarten (Karpfen, Bressen, Stör und den meisten anderen Sommerlaichern) quillt, wie oben erwähnt, die Eihaut bei der Berührung mit Wasser zu einer klebrigen Substanz auf; diese Eier ballen sich zu zähen Klumpen zusammen, wenn sie abgestrichen sind, so dass die Zuführung von Wasser und Sauerstoff zu den im Innern des Klumpens gelegenen Eiern und dadurch ihre Erbrütung unmöglich gemacht wird. Man kann diese Eier indessen unmittelbar nach der Befruchtung auf Wacholder, Moos oder Wasserkräuter vorsichtig in dünner Schicht verteilen und sie in flachen Körben in stillem, warmem Wasser ausbrüten lassen; die Jungen schlüpfen dann nach einigen Tagen aus und gelangen durch die Korböffnungen in das Gewässer, in dem der Korb steht, worin sie, wenn das Gewässer fischleer ist, so lange aufwachsen, als sie Nahrung finden.

Die Eier der meisten Salmoniden sind sehr geeignet zur künstlichen Erbrütung. Forellen und Lachse werden in Behältern reif, und ihre Eier sowie die der Coregonen und Aeschen kleben nur wenig. Gerade diese Salmoniden bedürfen aber auch des besondern Schutzes in hohem Masse. Ihre Laichzeit fällt, bis auf die der Aesche, in den Herbst und den Winter, die Entwickelungsdauer der Eier ist eine sehr lange, und die Eier sind gross und oft lebhaft gefärbt. Dabei ist die Zahl der Eier, welche die Salmoniden produzieren, nicht so bedeutend, wie die vieler im Sommer laichender Fische. Deshalb ist es nötig, den Laich dieser Edelfische so gut als möglich zu schützen und ihn künstlich befruchtet in Bruthäusern ausschlüpfen zu lassen.

Wie auf die meisten anderen Lebensverhältnisse der Fische, so ist auch auf die Länge der Entwickelungszeit der Eier die Wasserwärme von grösstem Einfluss. Je kälter das erbrütende Wasser ist, um so längere Zeit muss es auf die Eier einwirken, bevor dieselben ausschlüpfen[LXXVII]. Die Eier vieler Sommerlaicher vertragen dabei nur schlecht die Kühle und sterben im Freien oft ab, wenn das Wasser auf die Dauer kalt bleibt. Die Eier der Salmoniden dagegen vertragen kaltes Wasser sehr gut, am kräftigsten entwickeln sich die Fische aus Eiern, die in eiskaltem Wasser gebrütet sind. Man unterscheidet während der Brütung der Salmoniden-Eier zwei Hauptperioden. Die erste reicht von der Befruchtung bis zum Sichtbarwerden der schwarzen Augenpupillen des Embryo, und dauert für Lachse und Forellen bei einer Durchschnittstemperatur des Wassers von 5° _C._ etwa 3½ Monate; die zweite umfasst die Zeit bis zum Ausschlüpfen, sie dauert bei Lachs und Forelle etwa 2 Monate bei der angeführten Wassertemperatur[74]. Die Eier der Coregonen haben eine kürzere Entwickelungsdauer. In der zweiten Entwickelungsperiode sind alle Salmoniden-Eier ziemlich widerstandsfähig; sie können dann, kühlgehalten, auf weiche Unterlage gebettet und mit dieser fest verpackt, weithin versandt werden und wochenlange, im Eisschranke sogar monatelange Reisen überdauern. Nach dem Ausschlüpfen schwärmen die jungen Coregonen wie die Brut der meisten anderen Fische sogleich frei umher, obwohl die Brustflossen noch gar nicht und die Bauchflossen erst als Stummel entwickelt sind. Die Brut der Forellen und Lachse dagegen ist mit einem grossen Dottersäckchen beschwert, das ihr am Bauche hängt und bei den Schwimmbewegungen anfangs hinderlich ist, weshalb diese Tierchen in den ersten Wochen, ohne sich viel zu bewegen, am Boden der Brutgefässe liegen. Erst wenn der Dottervorrat eingesogen ist, haben auch sie freie Beweglichkeit erlangt. Dann ist es Zeit, sie in die freien Gewässer zu bringen.

[LXXVII] Man muss aus den Resultaten der Untersuchungen von +Barfurth+ (Jahresbericht des Rheinischen Fischereivereins 1888) allerdings schliessen, dass die Entwickelungsdauer der Salmoniden nicht genau in dem Verhältnis verkürzt wird, in welchem man die Wassertemperatur erhöht, dass vielmehr die Eier in wärmerem Wasser mehr Wärme verbrauchen als in kälterem Wasser.]

Die Erfolge, welche bis jetzt durch die künstliche Fischzucht erzielt sind, sind recht erhebliche. Zunächst ist mit ihrer Hilfe der Bestand an Lachsen nachweisbar vermehrt worden. Der +Lachs+ hat seines hohen Preises wegen und weil er verhältnismässig sicher zu fangen ist, grosse Bedeutung für die Fischerei, und zwar sowohl für die Binnenfischerei als auch für die Meeresfischerei (wenigstens in der Ostsee). Seit 1879 hat sich nach der holländischen Verkaufsstatistik[75] der Ertrag des Lachsfanges in den Rheinmündungen etwa verdoppelt, und diese günstige Änderung wird mit Recht auf die Aussetzung zahlreicher Brutmengen in die Nebenbäche des Rheins zurückgeführt. Ebenso ist der Lachsbestand in der Ems und der Weser, in denen er sehr zurückgegangen war, allem Anschein nach wieder durch Bruteinsetzungen gehoben worden. In der Elbe ist der Lachsbestand besonders durch künstliche Lachszucht in Böhmen vermehrt worden. Im Odergebiet liegen die Laichplätze der Lachse in einigen Nebenflüsschen der Netze, der Drage und der Küddow, wahrscheinlich, weil den Lachsen der Zutritt zu den Quellgebieten der Oder in Schlesien durch die grossen Wehre bei Breslau seit langen Zeiten abgeschnitten ist, und an diesen Wehren leider noch keine Fischwege angebracht sind. In der Weichselmündung hat sich der Lachsfang infolge der Brutaussetzung in Galizien und Westpreussen ebenfalls deutlich vermehrt.

Ein dem Lachs nach Körperform, Grösse und Lebensweise sehr ähnlicher Fisch ist die +Meerforelle+. Auch mit ihr sind durch künstliche Fischzucht, namentlich in den holsteinischen Auen, vorzügliche Resultate erzielt worden.

Die stärkste Vermehrung durch künstliche Fischzucht dürfte der +Bachforelle+ zu teil werden, von der alljährlich mehrere Millionen künstlich erbrüteter Jungfische zur Besetzung von Zuchtbächen und Teichen benutzt werden, um als 2–3jährige Fische zum Verbrauch ausgefischt zu werden.

Wie oben auseinandergesetzt ist, gelingt es nicht bei allen Fischen, den Laich zur künstlichen Erbrütung zu verwenden. Wo dies unbequem oder unmöglich ist, ist man für die geschützte Vermehrung der Fische darauf angewiesen, die Fische das Laichgeschäft auf natürliche Weise in ablassbaren Bassins, Teichen oder ähnlichen Behältern, deren Inhalt man in seiner Gewalt hat, vollziehen zu lassen und die gewonnene Fischbrut in geeignetem Alter wie die durch künstliche Erbrütung gewonnene zu verwenden. Die +Teichzucht+ gehört deshalb auch zur künstlichen Fischzucht, und um so mehr, als die künstlich erbrüteten Fische zweckmässigerweise zuerst einen Sommer über in einem Teich oder einem ablassbaren Graben gezogen und erst, wenn sie hier zu kräftigen Fischchen herangewachsen sind, in die freien Gewässer übertragen werden.

Besonders häufig wird der +Karpfen+ in Teichen gezogen[76]. Am geeignetsten für die Karpfenzucht sind flache Teiche. Da aber die Karpfen in diesen im Winter unter dem Eise leicht ersticken, so nimmt man sie im Herbst aus solchen Teichen in der Regel heraus und bringt sie in kleine, tiefe, durchströmte Teiche (Winterheller). Da eine gleiche Zahl Karpfen je nach ihrem Alter und ihrer Grösse mehr oder minder grosse Teichflächen beansprucht, so setzt man die einzelnen Jahrgänge in besondere Teiche zusammen, deren Grösse ihrem Nahrungsbedürfnis entspricht. Die für das Ablaichen und die erste Entwickelung der Brut bestimmten Teiche heissen Streichteiche. Aus ihnen überträgt man die Jungen in die sogenannten Streckteiche, wo sie 1–2 Jahre aufwachsen, bis sie zur Erreichung der Grösse, in der sie verkauft werden (meist 1–1¼ Kilo schwer), in die sogenannten Abwachsteiche kommen, in denen man ihnen meist kleine Raubfische (Hechte, Zander, Forellen) beigiebt, damit die etwa von frühreifen Karpfen erzeugte Brut sogleich beseitigt wird und nicht den zum Auswachsen bestimmten Karpfen das Futter schmälert. Man nimmt an, dass die Fische um so wohlschmeckender sind, je rascher sie gewachsen sind. Aus diesem Grunde und weil ein rasches Wachstum, ein möglichst gründliches Ausnützen des vorhandenen Futters für den Züchter offenbar von Vorteil ist, bemüht man sich, möglichst schnellwüchsige Karpfen zur Zucht zu nehmen. Man erreicht dies einerseits dadurch, dass man nur die am besten gewachsenen unter den zur Laichreife gelangten Karpfen in die Streichteiche nimmt, anderseits, indem man die Karpfenbrut schon im ersten Sommer ihres Lebens durch reichliche Nahrung und Schutz vor Feinden zu kräftigen Tieren erzieht. Ein Verfahren, um dies zu erreichen, ist von dem schlesischen Fischzüchter +Dubisch+ erfunden. Man nimmt danach die Karpfenbrut schon acht Tage nach ihrem Ausschlüpfen mit Gazenetzen aus dem Teich und bringt sie in andere Teiche, so dass etwa 25000 auf den Hektar Teichfläche kommen. Schon nach vier Wochen fängt man sie abermals heraus und überträgt sie in andere Teiche, so dass nur 1000 Stück im Hektar enthalten sind. Im zweiten Frühjahr bringt man sie in eine dritte Klasse von Streckteichen, in welchen nur 500 im Hektar sich befinden. Endlich im dritten Frühjahr bringt man sie in Abwachsteiche und setzt in diesen auf den Hektar 200 Karpfen. Man erzielt auf diese Weise pro Hektar Teichfläche etwa 120 Karpfen von etwas über 1 Kilo Schwere, was einem jährlichen Ertrag von etwa 162 Mark aus jedem Hektar entspricht.

Mit Hilfe der künstlichen Erbrütung von Eiern und der durch das Dubisch-Verfahren vervollkommneten Teichwirtschaft hat man auch eine Anzahl ausländischer Fischarten in Deutschland eingeführt, die man zwar noch nicht gut als der deutschen Fauna angehörig betrachten kann, die aber teilweise doch einmal eine Rolle in unserer Tierwelt werden spielen können.

Man sollte bezüglich der Einführung neuer Fischarten sein Augenmerk zunächst auf die Gegend wenden, von wo die meisten unserer einheimischen Fischarten herstammen, nach Osteuropa und Nordasien, da die Fische dieser Gegenden sich ohne Zweifel in ähnlichen Lebensverhältnissen befinden, wie unsere einheimischen. Man hat aus dieser Gegend den Sterlett in die norddeutschen Ströme einzuführen versucht; leider sind die Fische bezw. Eier auf dem Transport meist zu Grunde gegangen, wahrscheinlich nur infolge von Zufälligkeiten.

Am leichtesten gelingt der Transport der sich langsam entwickelnden Eier der Salmoniden. Man hat in dieser Form nicht nur europäische Lachse und Forellen nach Tasmanien und Neuseeland[77], Forellen und Maränen[78] nach Amerika gebracht, sondern auch eine ganze Anzahl von Salmoniden Amerikas in Deutschland eingeführt[79]. Von diesen sind der Bachsaibling (_Salmo fontinalis_ Gemminger) aus den Bächen Nordamerikas und die Regenbogenforelle (_Salmo irideus_, Livingston Stone) aus dem Höhenlande Kaliforniens weit verbreitet und, der erstere in rasch fliessenden Bächen, die selbst der Forelle zu reissend sind, die letztere auch in Teichen, vortrefflich gediehen. Auch einige amerikanische Sommerlaicher sind durch die Bemühungen des Fischzüchters +M. von dem Borne+ in Deutschland verbreitet. Es sind dies der Schwarzbarsch (_Grystes nigricans_ Günther) und der Forellenbarsch (_Grystes salmoides_ Gü.), zwei Fische der Barben- und Bleiregion, denen ein vorzüglich feines Fleisch zugeschrieben wird und die bezüglich ihrer Lebensbedingungen, wenigstens was die Reinheit des Wassers betrifft, anspruchsloser als die feineren einheimischen Tafelfische sind[80], -- ferner, erst neuerdings eingeführt, der Steinbarsch, _Centrarchus aeneus_ C., aus dem Mississippi[81], und der Zwergwels, _Amiurus catus_ Jord. u. Gilb., aus den flacheren Gewässern dieses Gebietes[82].

Auch innerhalb unseres Gebietes haben mehrere Fischarten mit Hilfe der Fischzucht oder der aus derselben gezogenen Erfahrungen eine weitere Verbreitung erhalten, als ihnen von Natur zukommt. Dahin gehört der Karpfen, der seit alter Zeit in ganz Deutschland gezüchtet wird, und der Zander, welcher in die Gebiete des Rheins, der Ems und der Weser, sowie in zahlreiche norddeutsche Seen, in denen er bisher fehlte, künstlich eingeführt ist.

Vorzügliche Resultate sind mit der Verbreitung der +Aalbrut+ erreicht worden, die in den Mündungen des Po und der Flüsse der französischen Ozeanküste in Menge gefangen wird. Direktor +Haack+ bringt jährlich grosse Massen davon nach Hüningen, von wo die jungen Tiere in feuchtes Kraut verpackt bequem mit der Post versendet werden. Zahlreiche Gewässer, welche die Aalbrut auf ihrer Wanderung nicht aufsuchen kann, sind auf diese Weise mit Aalen bevölkert worden. Auch ist ein gross angelegter Versuch gemacht worden, das Donaugebiet, das wie alle Flussgebiete des Schwarzen Meeres den Aal bisher nicht besass, mit diesem Fisch zu besetzen. Zahlreiche junge Aale sind in dem oberen Donaugebiet ausgesetzt worden und die Tiere wuchsen dort gut auf. Der grösste Teil der eingesetzten Brut bestand indessen aus Weibchen. Um die Fortpflanzung zu sichern, wurde daher eine grosse Zahl erwachsener Aalmännchen aus der Nordsee in das Schwarze Meer gebracht. Man hofft dadurch den Fortbestand der Aale im Gebiete des Schwarzen Meeres gesichert zu haben.

Auf die Entwickelung der Fische im Ei kann hier des Raummangels wegen nicht eingegangen werden[83].