Part 20
Da, wie wir gesehen haben, sich in 1 _ccm_ Flüssigkeit noch Millionen von Organismen vorfinden können, so muss das Entnehmen einer bestimmten Menge von Flüssigkeit durch ganz besondere Vorkehrungen geschehen; denn das Abmessen in einem Messcylinder kann für diesen Zweck nur ganz rohe Werte geben. Es sind daher von +Hensen+ besondere +Stempelpipetten+[XCVII] (Fig. 50) konstruiert worden, die ganz Vorzügliches leisten. Solch ein Instrument besteht aus einem kräftigen Glasrohr (_B_), das unten ganz eben abgeschliffen ist. In diesem Rohr bewegt sich ein Stempel, der abwechselnd aus Kork- (_h_) und Metallplatten (_i_) zusammengesetzt ist, die durch zwei Schrauben fest an einander gedrückt werden. An diesen Stempel ist ein massiver Metallcylinder (_m_) angeschraubt, der genau in die Glasröhre hineinpasst. Von diesem Cylinder wird nun so viel Metall ausgeschliffen, dass zwischen ihm und dem Glasrohr (_B_) genau ein bestimmtes Volumen bleibt, z. B. 1 _ccm_. Dies wird so bewerkstelligt, dass zuerst ein Teil aus dem Metallcylinder herausgenommen wird. Dann wird die Pipette gewogen, hierauf wird die Höhlung mit Quecksilber gefüllt und wieder gewogen. Da man nun das Gewicht eines Kubikcentimeters Quecksilber kennt, so kann man genau den Punkt treffen, wo die Höhlung im Stempel 1 _ccm_ fasst. Es sind von diesen Stempelpipetten sechs verschiedene Grössen zum Gebrauche nötig, nämlich zu 0.1; 0.2; 0.5; 1; 2.5; 5 _ccm._ Diese Pipetten werden so angewendet, dass sie mit vorgestossenem Stempel in ein durch einen durchbohrten Kork verschlossenes Glas mit starken Wandungen (_A_), in dem die Flüssigkeit sich befindet, von der ein Teil entnommen werden soll, hineingestellt werden (siehe Fig. 50). Die Masse wird durch kräftiges Schütteln aufgerührt, und sobald sich die Organismen möglichst gleichmässig verteilt haben, wird das Glasrohr _B_ niedergestossen; dann ist zwischen dem Glasrohr und dem Stempel _m_ ein genau bekanntes Volumen Flüssigkeit eingeschlossen. Ehe man jedoch diese Flüssigkeitsmenge entleert, ist es nötig, den unteren Rand des Glasrohres mit Fett zu bestreichen, da sonst leicht ein Tropfen daran hängen bleiben kann. Nach Entleerung des Volumens wird dann noch mit einigen Tropfen Wasser nachgespült, so dass man sicher sein kann, dass keine Organismen zurückgeblieben sind. Dieses abgemessene Volumen wird dann zur Verdünnung benutzt resp. gezählt.
[XCVII] +Hensen+, Planktonwerk S. 16.
[Illustration: Fig. 50.
(Nat. Grösse für ½ _ccm_.)]
Haben wir uns eine genügende Verdünnung hergestellt, dann kann die +Zählung+ beginnen. Hierzu wird das +Zählmikroskop+[XCVIII] benutzt. Dieses Mikroskop zeichnet sich durch seinen Objekttisch aus. Dieser ist so gross, dass er Glasplatten von 11½ × 10 _cm_ fassen kann, und was die Hauptsache ist, er ist durch zwei Schrauben sowohl von vorn nach hinten, als seitwärts verschiebbar. Auf den rahmenförmigen Objekttisch werden Glasplatten aufgelegt, die fein mit dem Diamanten liniiert sind und zwar hat jede Platte ein bestimmtes Liniensystem. Wählt man die passende Vergrösserung, so kann man im Gesichtsfelde zwei parallele Linien laufen sehen, und wenn man an einer seitlichen Schraube dreht, so bewegt sich die Glasplatte langsam weiter, wobei man immer den Raum zwischen denselben Linien im Auge behalten kann. Ist man am Ende eines Zwischenraumes angelangt, so wird mit Hilfe der anderen Schraube der Objekttisch senkrecht zu der vorherigen Richtung um einen Zwischenraum weiter gedreht und dann in diesem die Beobachtung weiter fortgesetzt. So kann man allmählich die ganze Platte mit dem Mikroskop untersuchen und ist sicher, dass kein Punkt übersehen ist.
[XCVIII] +Hensen+, Planktonwerk S. 17 und Taf. I Fig. 2.
Bringen wir nun auf eine liniierte Glasplatte ein bestimmtes Mass einer Verdünnung, so können wir die Zahl der einzelnen Organismen, die sich in diesem Volumen befinden, bestimmen. Die Verdünnung wählt man am besten so, dass man von der häufigsten Spezies nie mehr als 3000 und nie weniger als 1000 auf der Platte hat. Würde es sich nur um +eine+ Spezies handeln, so wäre die Zählung leicht auszuführen. Man brauchte nur die Platte allmählich zu durchsuchen und jedes Individuum, das in das Gesichtsfeld kommt, zu zählen, dann wüsste man, wie viel Organismen auf der Platte sind und könnte, da man die Verdünnung kennt, die Summe der Organismen im ganzen Fange berechnen. Hätten wir z. B. eine Verdünnung von 1 : 10 angewendet und 1 _ccm_ Verdünnung durchgezählt und fanden 146 Coscinodiscen, dann wären im ganzen Fange (von 500 _ccm_) 146 × 10 × 500 = 730000 Coscinodiscen vorhanden.
Handelt es sich jedoch um mehrere Spezies, so kann man diese nicht im Kopfe getrennt zählen. Doch auch hier hat +Hensen+ Rat geschafft. Da in einem Fange 30–50 verschiedene Spezies von Tieren und Pflanzen vorhanden sind, so werden an einem Setzerkasten, der ebenso viel Fächer enthält, die Namen der vorhandenen Organismen angebracht, für jede Spezies ein Fach. Untersucht man jetzt eine Platte, so werden die mannigfaltigen Organismen nicht mehr gezählt, sondern sobald irgend einer im Gesichtsfelde sich blicken lässt, wird für ihn ein Pfennig (Spielmarke etc.) in sein betreffendes Fach gelegt. So kann man leicht eine Platte, auf der sich 50 verschiedene Arten durcheinandergemengt befinden, zählen. Auf den ersten Platten werden die Diatomeen, die meist am zahlreichsten in einem Fange vorhanden sind, gezählt, andere Organismen natürlich auch berücksichtigt. Zuerst wird ein stark verdünnter Teil des Fanges genommen, da trotzdem genug Individuen auf die Platte kommen. Die Vergrösserung muss anfangs sehr stark sein, etwa 200, zum Zählen der Diatomeen und anderer Algen. Auf die Platte kommt nur 0.1 _ccm_ Flüssigkeit, die mit der betreffenden Stempelpipette abgemessen wird. Für die starke Vergrösserung bildet diese geringe Wasserschicht aber immerhin noch ein Hindernis alle Organismen zu sehen; hat man das Mikroskop auf die Oberfläche der Platte eingestellt, so entgehen einem die Organismen, die an der Oberfläche der Flüssigkeit sich befinden. Daher ist es vorteilhaft, die Diatomeen trocken zu zählen. Es wird zu diesem Zwecke ein bestimmtes Volumen Flüssigkeit auf eine Platte gebracht und diese dann der Wärme eines heizbaren Objekttisches oder eines Ofens ausgesetzt, damit die Flüssigkeit verdunstet; dann sind die Diatomeen auf der Platte in einer Ebene ausgebreitet und können nicht so leicht übersehen werden. Da die Mischungen und Verdünnungen nie ganz genau sein können, so wird natürlich die Zählung jeder neuen Platte etwas abweichende Resultate ergeben, es fragt sich daher, wie lange eine Spezies gezählt werden muss; wann solch ein Grad von Genauigkeit erreicht ist, um von den wenigen Zählungen auf die quantitative Zusammensetzung des ganzen Fanges schliessen zu können. Im allgemeinen lässt sich sagen, dass es bei den häufigsten Formen genügt, wenn man einen Bruchteil (z. B. ⅒) der Quadratwurzel sämtlicher Individuen zählt. Haben wir (siehe Protokoll) auf der ersten Platte für _Melosira_ 27 Fäden gefunden und wissen wir, dass die durchzählte Wassermasse der 5000000. Teil von dem ganzen Fange ist, so würden wir nach dieser ersten Zählung schliessen, dass 135000000 _Melosira_ im Fange sein werden, daraus nehmen wir ⅒ der Quadratwurzel = 1162. Haben wir also mindestens 1162 _Melosira_ gezählt, so können wir diese aus den Zählungen ausscheiden, d. h. wir brauchen sie nicht mehr mitzuzählen.
Um die Genauigkeit zu finden, bis zu welcher die Zählung erfolgen muss, führt +Hensen+[XCIX] noch folgende Erwägung an. Nachdem einige Zählungen gemacht sind, zieht man aus diesen das Mittel. Denken wir nun, dass noch eine Zählung hinzugekommen wäre und diese mit der am meisten abweichenden übereinstimmen würde, und nähmen wir dann aus diesen das Mittel, so genügen die Zählungen, wenn das Resultat sich nicht mehr als um 5% ändert. Im Protokoll finden wir für _Melosira_ die Zahlen 382, 396, 396, Summe 1174, Mittel daraus 391. Käme noch eine Zählung hinzu und zwar 382, so wäre die Summe 1556, Mittel daraus 389.
[XCIX] Planktonwerk S. 21.
Es verhält sich 391 : 100 = 389 : _x_, _x_ = 99.4.
Das Resultat weicht also nur um 0.6% ab, die Zählung ist genau genug, kann also unterbrochen werden; jedoch ist es stets besser, +mehr Platten zu zählen, als zu wenig+.
Haben wir eine genügende Genauigkeit erreicht, so können wir die Diatomeen beim Zählen überspringen und schwächere Verdünnung und schwächere Vergrösserung zur Zählung benutzen. Für seltenere Formen wird schliesslich die erste Verdünnung benutzt und von dieser 1 _ccm_, zuletzt 2.5 durchzählt, was meist sehr schnell geht, da man nur mit sehr schwachen Vergrösserungen zu arbeiten braucht und nur wenige Tiere zu zählen hat.
Die einzelnen Zählungen werden notiert und zwar in Form eines +Protokolles+. Ein solches Protokoll ist im Anhange beigegeben und aus diesem die Einrichtung zu ersehen. Folgendes möge noch zur Erläuterung desselben erwähnt sein. In der linken obern Ecke findet sich Datum und Ort des Fanges, hier also: 13. September 1887, Stettiner Haff. Über sämtliche Fänge wird ein Journal geführt, es bedeutet J. No. 1 = Journal No. 1. Daselbst finden sich die näheren Daten, die bei Erlangung des Fanges als wichtig notiert wurden, wie die Tiefe des Fanges (hier 5 _m_), die Temperatur des Wassers und der Luft, Windrichtung, Beschaffenheit des Fanges, ob locker, flockig, schnell absetzend; letztere Aufzeichnungen sind wichtig, da sie, wie wir oben gesehen haben, schon einen Einblick in die Zusammensetzung des Fanges erlauben.
In dem Protokolle sehen wir einige Vertikalreihen, darauf Horizontalreihen. Betrachten wir zuerst die Vertikalreihen. In der ersten Kolumne mit der Überschrift „Art der Untersuchung“ steht überall feucht, d. h. alle Platten, die durchzählt worden sind, enthielten die Organismen in Wasser suspendiert. Den Gegensatz bilden die trockenen Platten, die, wie oben erwähnt wurde, meist zum Zählen der Diatomeen verwendet werden. In unserem Fange waren Diatomeen in verhältnismässig geringer Anzahl vorhanden, _Melosira_, _Coscinodiscus_ und _Bacillaria_ zusammen etwa 100 Millionen, diesen standen von anderen Algen allein Limnochlide mit 9653 Millionen gegenüber. Letztere würden beim Trocknen bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft sein und daher die Zählung vereitelt haben, während die kieselschaligen Diatomeen nicht nur ihre Form behalten, sondern auch leichter in trockenem Zustande zu bestimmen sind.
In der zweiten Vertikalreihe sind die +Vergrösserungen+ angegeben, bei denen die einzelnen Platten gezählt worden sind. Das stärkste der angewendeten Objektive (Vergrösserung 200) hatte einen solchen geringen Abstand von der Glasplatte oder von der Flüssigkeitsmenge (0.1 _ccm_), die sich auf der Platte befand, dass es nur der gleichmässigen und leichten Verschiebung des Objekttisches zuzuschreiben ist, dass das Objektiv nicht in das Wasser eintauchte. Dadurch ist einerseits einer weiteren Erhöhung der Vergrösserung ein Ziel gesetzt, anderseits würde die Zählung einer Platte mit noch stärkeren Objektiven viel längere Zeit in Anspruch nehmen und die Augen übermässig anstrengen. Beiläufig will ich noch erwähnen, dass die Zählung solch einer Platte etwa drei Stunden dauert[C]. Nach und nach nahm die Vergrösserung, bei der gezählt wurde, ab bis auf 22; mit letzterer wurden nur noch _Leptodora_, Milben und ein nicht bestimmtes Rädertier gezählt. Die anderen Organismen waren entweder schon zu zahlreich auf der Platte und lagen infolgedessen zu dicht an einander, oder es war schon die genügende Zahl gezählt, oder endlich reichte die Vergrösserung nicht mehr aus, die kleineren Organismen genau und schnell zu erkennen. Aus letzterem geht hervor, dass man nie ein schwächeres Linsensystem anwenden darf, ehe nicht alle Organismen genügend gezählt sind, die mit diesem System nicht mehr genau erkannt werden können.
[C] Die genaue und bis in die Einzelheiten gehende Zählung eines Fanges nimmt etwa vierzehn Tage in Anspruch bei vierstündiger Arbeitszeit.
In der dritten Reihe ist die Grösse der +Verdünnung+ angegeben. Aus dem oben Gesagten erklären sich die Angaben leicht. 1:1000 heisst also, dass 1 _ccm_ der ersten Verdünnung mit 999 _ccm_ Wasser verdünnt wurde, so dass das Gesamtvolumen 1000 _ccm_ = 1 Liter war. Man richtet sich am besten solche Messflaschen ein, die 1000, 500, 200, 100, 80 _ccm_ halten, und benutzt dazu verschieden grosse Kochflaschen, die eine abgemessene Flüssigkeitsmenge so aufnehmen können, dass diese gerade noch in den Hals der Flasche hineinragt, dort bringt man mit dem Diamant eine Marke an. Dann hat man für jede Verdünnung sogleich eine Flasche bereit. Zu den letzten Zählungen ist die erste Verdünnung genommen worden, es wurden aber auch nur die grössten Tiere gezählt, so auf einer Platte, die 2.5 _ccm_ Flüssigkeit enthielt, nur _Hyalodaphnia Kahlbergensis_, _Daphnia longispina_, _Sida crystallina_, _Leptodora hyalina_, Milben und das oben erwähnte Rädertier. Es waren im ganzen (in No. 27) 94 Individuen, so dass, trotz der grossen Flüssigkeitsmenge, die Zählung nur ungefähr eine halbe Stunde in Anspruch nahm.
Die nächste Spalte enthält die „+Nummern+“ der gezählten Platten. Meist genügen 22–24 Platten; in unserem Fange waren aber die grossen Formen selten, so dass, um einen einigermassen sicheren Einblick in die Massenhaftigkeit ihres Vorkommens zu erhalten, mehrere Platten allein für sie verarbeitet werden mussten (Platte 26–31). Die fortlaufenden Nummern der Platten sehen wir wieder als Kopfzahlen bei den Horizontalreihen, zu denen wir weiter unten übergehen werden.
Wir überspringen einige Spalten und sehen uns die letzte mit der Überschrift „+Gebrauchtes Mass+“ an. Die Zahlen dieser Rubrik besagen, eine wie grosse Wassermenge jedesmal zur Untersuchung benutzt worden ist. Aus der ersten Zeile ersehen wir, dass 0.1 _ccm_ gezählt wurde und zwar -- wie aus den daneben stehenden Reihen hervorgeht -- von der Verdünnung 1:1000 bei einer Vergrösserung von 200 auf feuchter Platte. Die Flüssigkeitsmengen werden mit den oben beschriebenen Stempelpipetten abgemessen und auf die Platte übertragen. Es sind, wie das Protokoll ausweist, alle dort erwähnten Grössen in Anwendung gekommen, mit Ausnahme von 5 _ccm_, die nur zum Abmessen der Volumina zwecks der Verdünnung gedient hat (siehe Platte 21–25, auch 10–20).
Kehren wir nun zu der alten Reihenfolge zurück, so treffen wir die Spalte, die die +Wahren Masse+ enthält. Diese unterscheiden sich insofern von dem „Gebrauchten Mass“, als sie nicht angeben, wie viel Flüssigkeit auf jeder einzelnen Platte durchzählt wurde, sondern der wievielte Teil diese Flüssigkeitsmenge von der ganzen betreffenden Verdünnung ist. Wie wir diese Zahlen erhalten, ergiebt sich am leichtesten an der Hand unseres Protokolls: Bei Platte 1 haben wir 1 _ccm_ der ersten Verdünnung auf 1000 _ccm_ (zweite Verdünnung) gebracht; würde ich hiervon 1 _ccm_ abnehmen, so wäre dieser der 0.001. Teil der ganzen zweiten Verdünnung oder des einen Kubikcentimeter der ersten Verdünnung, den ich für die zweite benutzt habe. Zur Zählung ist aber nur 0.1 _ccm_ verwendet, dieser ist dann nur der 0.0001. Teil der ganzen zweiten Verdünnung, enthält also auch nur den 0.0001. Teil der Organismen der ganzen zweiten Verdünnung resp. des 1 _ccm_ der ersten Verdünnung, von dem die zweite Verdünnung hergestellt ist.
Bei Platte 10 haben wir die Verdünnung 10:100, also 0.1; davon 0.2 _ccm_ genommen, erhalten wir 0.02 als wahres Mass.
Bei No. 21 haben wir 30:100, also 0.3, ein Kubikcentimeter davon also 0.3 wahres Mass.
Dieses wahre Mass ist nun wichtig für die Berechnung des Koeffizienten. In der Rubrik „+Berechnung+“ ist dieselbe ausgeführt. Bei der Besprechung des wahren Masses sahen wir, wie wir z. B. bei Platte 1 fanden, dass die gezählten Organismen auf dieser Platte den 0.0001. Teil der in 1 _ccm_ enthaltenen Wesen bilden. Beziehen wir aber die gezählte Zahl auf das ganze Flüssigkeitsvolumen von 500 _ccm_ (erste Verdünnung), so haben wir nur 500/0.0001 gezählt, das ist der 5000000/1 = 5000000. Teil. Finden wir also auf der ersten Platte in 0.1 _ccm_ der Verdünnung 1:1000 2024 Limnochlide-Fäden, so wissen wir, dass wir in dem ganzen Fange 2024 × 5000000 Limnochlide +ungefähr+ werden finden müssen, was 10120 Millionen ergeben, eine Zahl, deren Fehler durch weitere Zählungen eingeschränkt wird.
Haben wir eine Spezies während mehrerer Platten gezählt und sehen wir, dass wir abbrechen können[CI], dann handelt es sich darum, den +Koeffizienten für die Summe+ der gezählten Individuen zu finden. Zu dem Zwecke addieren wir die wahren Masse aller der Platten, auf denen diese Spezies beobachtet wurde, und verfahren wie oben für eine Platte angegeben ist. Wir haben z. B. für Limnochlide fünf Platten gezählt (1–5) und finden die Zahlen 2024, 1835, 2048, 1954, 1792, Summe 9653. Die Summe der wahren Masse für diese fünf Platten ist 5 × 0.0001 = 0.0005, dann erhalten wir 500/0.0005 = 1000000 als Koeffizienten der Summe. Die gezählten Individuen 9653 bilden also den 1000000sten Teil aller im Fang vorhandenen Limnochlide, das ergiebt 9653000000 Limnochlide. Habe ich _Spirogyra_ erst von der zwölften Platte bis zur zwanzigsten gezählt, so summieren für diese Alge nur die wahren Masse dieser Nummern, also Summe 12–20 = 0.51, und wir erhalten den Koeffizienten 980.
[CI] Siehe oben S. 275 u. 276.
Durch die letzteren Betrachtungen sind wir nun schon bei den +Horizontalreihen+ angelangt.
In einer Spalte derselben stehen die Namen der Organismen, die sich in dem gezählten Fange befanden. Rechts davon sind dann die Ergebnisse der Zählung jeder einzelnen Platte angegeben und zwar in der Rubrik, deren Kopfzahl der betreffenden Platte entspricht. Hört man auf, einen Organismus mitzuzählen, so steht in der Rubrik der betreffenden Platte ein Fragezeichen. Wird auf einer Platte von einer Spezies kein Individuum gefunden, so steht natürlich eine Null. Ist dagegen eine Spezies beobachtet, aber auf einigen Platten nicht mitgezählt, wie z. B. bei _Spirogyra_ 1–11, so wird auch hier ein Fragezeichen gesetzt.
In den beiden letzten Spalten sind zuerst die +Summen der gezählten Individuen+ jeder Spezies angegeben, dann die Platten, auf denen diese Organismen gezählt wurden.
Um nun die Gesamtsumme der in dem Fang vorhandenen Tier- und Pflanzenindividuen zu finden, brauchen wir nur die Summe der +gezählten+ Organismen mit dem Koeffizienten, welcher der angewendeten Plattenzahl entspricht, zu multiplizieren. So haben wir bei Limnochlide 9653 Fäden gezählt, und zwar auf Platte 1–5, der Koeffizient der Platten 1–5 ist 1000000, also sind im ganzen Fange 9653000000 Limnochlide-Fäden vorhanden.
Diese Gesamtsumme „+Gezählte Masse+“ steht in einer Rubrik vor den Namen, damit man mit diesen das Endresultat sogleich übersieht.
Vor der letzteren Rubrik finden wir eine solche mit der Überschrift „+Ganze Masse+“. Wie wir oben gesehen haben, wird nicht die ganze Wassersäule filtriert, die dem Querschnitte des Netzes und der Tiefe des Wassers, bis zu der das Netz herabgelassen wurde, entspricht, sondern ein kleiner Teil fliesst über den Netzrand ab. +Hensen+ hat deshalb für jedes Netz den Filtrationskoeffizienten[CII] berechnet, der besagt, mit welcher Zahl man Volumen oder Anzahl der Organismen eines Fanges multiplizieren muss, um die wirklichen Werte zu finden, wenn die ganze Flüssigkeitssäule filtriert worden wäre. In unserem Falle war der Koeffizient 1.034. Von _Leptodora_ waren z. B. 371 Individuen im Fange. In der Wassersäule von 0.1 _qm_ Querschnitt und 5 _m_ Höhe waren aber 371 × 1.034 = 384 Individuen vorhanden. In Folgendem habe ich aber die Zahlen der gezählten Masse benutzt.
[CII] Planktonwerk S. 10–13.
Nachdem wir in Vorhergehendem die Hensensche Methode der quantitativen Untersuchung des Plankton kennen gelernt haben, erübrigt es noch, auf die qualitative Zusammensetzung des Süsswasserplankton[CIII] einzugehen. Jedoch muss ich noch ein paar Worte vorausschicken. Die Planktonmethode ist bis jetzt fast nur auf das Meer angewendet worden, nur einmal ist bei einer Fahrt in der östlichen Ostsee von +Hensen+ auch ein Fang im Stettiner Haff[105], also im Süsswasser, gemacht worden. Die Fänge wurden, wie wir oben gesehen haben, sofort konserviert, daher kommt es, dass manche Organismen bei nachfolgender Zählung ganz unkenntlich sind, da sie sich beim Töten zusammengezogen haben; dieses ist namentlich der Fall bei Rädertieren[CIV]. Es ist daher nötig, dass an Ort und Stelle auch lebendes Material untersucht wird, denn, wenn dieses bestimmt ist, sind die Organismen leicht in konserviertem Zustande wiederzuerkennen. Dieses ist nun bei einer grösseren Fahrt sehr schwer ausführbar, da sich auf dem Schiff, namentlich bei bewegter See, schwer oder gar nicht mikroskopieren lässt. Anders verhält sich die Sache, wenn das Institut, in dem die Arbeiten ausgeführt werden sollen, direkt am Wasser liegt, da kann quantitative und qualitative Bestimmung Hand in Hand gehen, so ist das hier in Kiel, und auch in der unlängst von +Zacharias+ errichteten Süsswasserstation zu Plön der Fall. Es müssen daher in den Protokollen vorläufige Namen für die unbestimmten[CV] Organismen gesetzt werden und späterer Zeit überlassen bleiben, das Versäumte bei Gelegenheit an Ort und Stelle nachzuholen. Folgendes ist ferner auch noch von Bedeutung. Es genügt nicht, +einen+ Fang zu beliebiger Zeit zu machen, sondern es müssen die Planktonfahrten in bestimmten Zeitabschnitten (alle zwei oder vier Wochen)[CVI] unternommen werden, dann erhält man erst einen Einblick in die wahre Zusammensetzung des Plankton, das in fortwährendem Werden und Vergehen begriffen ist. Dieses wäre eine sehr dankbare Arbeit für eine Süsswasserstation.
[CIII] Von +Häckel+[100] S. 21 Limnoplankton genannt.
[CIV] Ausgenommen von diesen sind nur die gepanzerten (_Loricata_), die trotzdem leicht zu erkennen sind.
[CV] Leider war der Fang aus dem Stettiner Haff, da er als ausgebraucht betrachtet wurde, weggeschüttet, so dass auch nachträglich keine nähere Untersuchung vorgenommen werden konnte. Es empfiehlt sich daher, das Material stets aufzubewahren.
[CVI] So werden die Untersuchungen in der Kieler Bucht von Prof. +Brandt+[97] seit September 1888 ausgeführt und noch fortgesetzt.
Nach dem Gesagten ist es klar, dass die folgenden Darlegungen wenig positives bringen können, es kann nur gezeigt werden, in welcher Art ein Fang oder eine fortlaufende Reihe solcher verwertet werden können. Ich beabsichtige also nur ein +Beispiel zu der oben erläuterten Methodik zu geben+.
Beginnen wir mit den +Algen+, der Urnahrung, so fallen uns die Vertreter zweier Ordnungen durch ihr massenhaftes Auftreten auf, es sind die Diatomeen und Schizophyceen. Weniger zahlreich sind Protococcoideen, von denen _Pediastrum_, _Gleocystis_ und _Scenedesmus quadricaudatus_ gefunden wurden, und Konjugaten, die durch Spirogyrafäden vertreten sind.
Was die +Diatomeen+ anbelangt, so müsste man glauben, dass sie wegen ihrer grossen Zahl, trotz des geringen Anteils an organischer Substanz, eine wichtige Nahrung für die pelagischen Tiere bilden. Jedoch werden sie, wie +Hensen+[CVII] beobachtet hat, von allen Tieren verschmäht. Dagegen erwähnt +Seligo+[107] in seinen Hydrobiologischen Untersuchungen, dass die Diatomeen die Hauptnahrung mehrerer Tierarten[CVIII] bilden. Leider sagt er nicht, für welche. Ihre Bedeutung ist also in anderer Richtung zu suchen. Alle Diatomeen haben eine Vegetationsperiode, d. h. sie vermehren sich zu einer bestimmten Zeit ganz enorm, um dann wieder allmählich oder fast plötzlich zu verschwinden. Letzterer Umstand ist durch das Bilden von Dauersporen, die bei vielen Meeresdiatomeen beobachtet sind, leicht erklärlich, da die Spore alsbald zu Boden sinkt. Ob bei Süsswasserdiatomeen die gleichen Verhältnisse vorkommen, kann ich nicht angeben. Die Sporen enthalten eine sehr konzentrierte organische Nahrung, die den Tieren der Tiefenregion wohl zu gute kommt.
[CVII] Planktonwerk S. 99.
[CVIII] Bei meinen Untersuchungen hiesiger Süsswasserseen habe ich den Darm von Hyalodaphnien und Bosminen dicht mit Melosirazellen angefüllt gefunden (1891).
Da jede Diatomee aus zwei Schalen besteht, so muss man jede vollständige Diatomee als 2 zählen, jede allein liegende Schale als 1, und dann die erhaltene Summe durch 2 dividieren, dann erhält man die Zahl der Zellen. Bei _Melosira_ würde dieses Verfahren zu viel Zeit in Anspruch nehmen, man zählt daher nur die Fäden und stellt bei einer Zahl von Fäden die Zellenzahl fest. In unserem Fange fanden sich pro 1 _qm_[CIX] 984614400 Fäden, von denen 20 = 246 Zellen enthielten, es wären also im ganzen 12110757120 Zellen vorhanden gewesen. Ohne Berechnung der Zellen kann man _Melosira_ nicht mit anderen Diatomeen vergleichen. Von _Melosira_ kamen zwei Arten vor, nämlich _M. granulata_ und eine andere, nicht näher bestimmte. An 226 Fäden war erstere mit 208, letztere mit 18 beteiligt. _Coscinodiscus_ fand sich in 6440890 und _Bacillaria paradoxa_ in 7388640 Individuen. Letztere Diatomee zeigt bei ihrer Zählung ziemlich abweichende Resultate, da mehrere Zellen an einander liegen und so Platten bilden, andere sind auseinandergefallen, so dass, wo einmal +eine+ _Bacillaria_ gefunden wird, ein ander Mal +eine Platte+, die aus mehreren Individuen besteht, sich vorfindet. In geringerer Anzahl war eine Surirella-Art vorhanden, nämlich 477570 pro 1 _qm_. Gegen _Melosira_ tritt aber die Summe aller übrigen Diatomeen weit zurück.
[CIX] Wenn die Zahlen in folgendem auf 1 _qm_ Oberfläche berechnet sind, so bedeutet dies stets eine Wassersäule vom Querschnitt 1 _qm_ und einer Tiefe von 5 _m_.
Die zweite Hauptgruppe der Algen bildeten die +Schizophyceen+. Einzelne von diesen verursachen zu Zeiten die sogen. „Wasserblüte“. Sie sollen den Fischen verderblich werden, jedoch ist die Ursache davon noch unbekannt.
Vor allen trat _Limnochlide flosaquae_ Ktz. hervor, es wurden von ihr unter 1 _qm_ Oberfläche 96530000000 Fäden gefunden, von denen 20 = 294 Zellen enthielten, so dass wir fast 1½ Billion Zellen erhalten. Die filtrierte Wassermenge betrug fast 0.5 _cbm_ = 500 Millionen Kubikmillimeter, es fanden sich also in 1 _cmm_ Wasser 2838 Zellen = 142 Fäden. Ihre Bedeutung für den Stoffwechsel ist mir nicht klar, es wäre aber möglich, dass die Sporen dieser Alge ebenfalls (siehe Diatomeen) den Tieren der Tiefenregion zur Nahrung dienen könnten.