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Part 24

+J. Vosseler+ hat auf den gleichen Einfluss der chemischen und physikalischen Unterschiede unserer Gewässer auf den Habitus, die Färbung und Gliedmassengrösse bei spaltfüssigen Krebsen hingewiesen. So existiert z. B. in den Maaren der Eifel ein Copepode, der augenscheinlich dem _Cyclops agilis_ Koch nahesteht, aber kürzere Antennen, schwächer entwickelte Mundteile, längere Schwimmbeine und eine sehr gestreckte Schwanzgabel besitzt. +Vosseler+ hat diesen von mir aufgefundenen Krebs näher untersucht und ihn seines beschränkten Vorkommens wegen _Cyclops maarensis_ genannt. Höchstwahrscheinlich ist diese neue Spezies in den Maaren selbst entstanden und stellt eine interessante Lokalform dar, welche für ihre Bildung den _Cyclops agilis_ als Ausgangsform gehabt hat.

Im Müskendorfer See bei Konitz in Westpreussen fand ich 1886 zahllose Exemplare einer merkwürdigen Varietät der _Hyalodaphnia cucullata_, deren Kopfteil sichelartig gekrümmt und ventralwärts stark herabgebogen ist. Diese Form (_var. nov. procurva_ Poppe) kommt lediglich in dem genannten See vor[123] und ist anderwärts bis jetzt nicht aufgefunden worden. Manche Abweichungen geringern Grades vom Typus der Art sind für gewisse Fundorte überhaupt charakteristisch.

So variiert beispielsweise die bekannte Dinoflagellaten-Spezies _Ceratium hirundinella_ O. Fr. M. von einem See zum andern hinsichtlich der Panzerbreite und der Hörnerlänge. Wahrnehmungen hierüber habe ich hauptsächlich bei meiner Durchforschung der westpreussischen Seen gemacht. Um dieselbe Zeit etwa konstatierte Prof. +G. Asper+ ähnliche Gestaltungsdifferenzen zwischen den Ceratien des Thalalpsees und denen des Züricher Sees, wovon er in seiner Abhandlung über die Naturgeschichte der Alpenseen berichtet[124].

Das pelagische Rädertier _Anuraea longispina_, welches eine sehr weite Verbreitung besitzt, variiert nicht bloss hinsichtlich der Mächtigkeit seiner langen (nadelförmigen) Panzerfortsätze, sondern auch in der Form des Körperquerschnittes, der gewöhnlich ein Kreissegment darstellt, häufig aber auch vollkommen dreieckig ist. In Westpreussen zeigten oft sogar benachbarte Seen langdornige Anuräen, die in der angegebenen Weise von einander verschieden waren. Nach +Asper+ ist ein nicht minder verbreitetes Rotatorium, _Anuraea aculeata_, ebenfalls bedeutender Variation unterworfen, welche sich aber vorzugsweise nur auf die Felderung und Skulptur des Panzers erstreckt. Ähnliche Abweichungen hat +Imhof+ bei _Anuraea cochlearis_ Gosse angetroffen und die weitgehendsten davon mit besonderen Speziesnamen (_A. intermedia_ und _A. tuberosa_) bezeichnet.

_Leptodora hyalina_, der pelagische Krebs par excellence, zeigt an seinen verschiedenen Fundorten nicht bloss Verschiedenheiten der Körperlänge, sondern auch solche, welche die Grösse des Auges, die Entwickelung des ersten Paares der Schwimmfüsse und die Geräumigkeit des Brutraumes betreffen. Die gleichen Wahrnehmungen habe ich an _Polyphemus pediculus_, einem Kruster der Uferzone, gemacht, der in klaren und kühlen Bergseen grösser und farbenprächtiger zu werden scheint, als in den seichteren Gewässern der Ebene.

Nach Anführung dieser Beispiele, welche noch durch Beobachtungen von +A. Wierzejski+ über die Unbeständigkeit der Artcharaktere bei _Spongilla lacustris_ vervollständigt werden könnten[125], wird es einleuchten, dass auch die Süsswasserfauna Stoff zur Diskussion des Speziesproblems zu liefern im stande ist. Durch eine vergleichende Untersuchung bestimmter Mitglieder der Wassertierwelt aus verschiedenen Seen dürfte sich im Laufe der Zeit etwas Genaueres über die Richtung der Abweichungen und über deren Betrag bei einzelnen Arten ergeben.

Schliesslich möchte ich aber auch einen ganz +praktischen+ Gesichtspunkt geltend machen, welcher die Errichtung von ständigen Beobachtungsstationen in der Nähe von grösseren Süsswasserseen wünschenswert erscheinen lässt. Dies ist nämlich unsere noch sehr ungenügende Einsicht in die Ernährungs- und sonstigen Lebensbedingungen der +Fische+. Auf diesem Felde ist noch sehr viel zu thun, um für die Bewirtschaftung unserer Seen und Teiche rationelle Grundlagen zu schaffen. Ein guter Anfang dazu ist von dem österreichischen Fischzüchter +Josef Susta+ in Wittingau gemacht worden durch dessen bekannte Untersuchungen über die Ernährung des Karpfens[126]. Aber nicht bloss die Umstände, welche das Gedeihen der Fische begünstigen, sondern auch deren natürliche Feinde und die Ursachen solcher Krankheiten, welche gelegentlich eine Massensterblichkeit unter denselben hervorrufen -- alles dies ist der näheren Erforschung wert und würdig. Aber die zahlreichen Fragen und Probleme, die wir im Vorstehenden als zum Programm der Thätigkeit einer Biologischen Süsswasserstation gehörig bezeichnet haben, sind unmöglich von einem einzigen Forscher zu bewältigen, sondern es müssen sich mehrere zu diesem Zwecke verbünden, und es bedarf hinsichtlich mancher Aufgaben längerer Zeiträume (oft vieler Jahre), um sie in befriedigender Weise zu lösen. Hierüber macht man sich in Laienkreisen häufig recht falsche Vorstellungen, und ich nehme deshalb in diesem Werke, welches seiner Tendenz nach für weitere Kreise bestimmt ist, Gelegenheit, allzu sanguinischen Hoffnungen vorzubeugen.

Das Plöner Stationsgebäude liegt, wie schon erwähnt, unmittelbar am Grossen Plöner See und die umgebende Naturszenerie ist so beschaffen, dass ein Zeitungsberichterstatter[CXVIII] davon gesagt hat:

[CXVIII] Berliner Tageblatt 1891 No. 154.

„Ein König könnte sich keinen herrlicheren Fleck der Erde auswählen, wenn er, der Welthändel müde, glückliche Tage im Vollgenusse eines grandiosen Landschaftsbildes verleben wollte“. Für die hier vorzunehmenden Forschungen ist die „herrliche“ Lage selbstverständlich ganz gleichgültig, aber der See ist durch seine Grösse (50 _qkm_ = 20000 preussische Morgen) und durch seinen Organismenreichtum besonders dazu geeignet, ein Arbeitsfeld für zoologische und pflanzenphysiologische Untersuchungen zu bilden. Dazu kommt noch die Nachbarschaft anderer grosser Wasserbecken (Kleiner Plöner See, Trammersee, Behlersee, Dieksee, Kellersee, Grosser und Kleiner Eutiner See, Ukeleisee u. s. w.), sodass hierdurch zugleich die denkbar günstigste Gelegenheit zur Vornahme von faunistischen Ausflügen gegeben ist. Den Verkehr auf den einzelnen Seen vermitteln grosse Segel- und Ruderboote. Der Biologischen Station steht ausserdem noch die Benutzung eines Petroleum-Schraubenbootes[CXIX] zur Verfügung, welches eine ansehnliche Fahrgeschwindigkeit (10–15 _km_ pro Stunde) besitzt.

[CXIX] Daimlers Patent (geliefert von der Firma Meyer u. Remmers in Hamburg).

Das Stationshaus ist ein zweistöckiges Gebäude, welches ausser den erforderlichen Arbeitsräumen (Laboratorium, Experimentierzimmer und Bibliothek) auch die Wohnung für den Direktor enthält. Im Erdgeschoss sind die Aquarien untergebracht, welche durch eine Röhrenleitung mit fliessendem Wasser aus dem See gespeist werden können. Der Mikroskopiersaal hat dreiflügelige grosse Fenster und die Arbeitstische sind mit vorzüglichen Instrumenten aus der Optischen Werkstätte von +C. Zeiss+ in Jena ausgerüstet. Bei aller Bescheidenheit ihrer Einrichtung besitzt die Plöner Station, wie man sieht, doch Alles, was zur Ausführung von mikroskopisch-anatomischen und entwickelungsgeschichtlichen Arbeiten erforderlich ist. Mehr ist nicht versprochen worden und zu einer luxuriösern Ausstattung wären auch die Mittel nicht vorhanden gewesen. Vom 1. April 1892 ab werden die Arbeitsplätze in der Biologischen Station zu Plön für süsswasserfreundliche Zoologen und Botaniker[127] benutzbar sein.

Mit Genugthuung übermittele ich am Schlusse dieses Kapitels dem Leserkreise unseres Buches die Nachricht, dass der bekannte und verdienstvolle österreichische Zoolog, Prof. +Anton Fritsch+ in Prag, neuerdings gleichfalls eine stabile Station für Erforschung der Süsswasserfauna ins Leben gerufen hat. Dieselbe hat ihren Stand am Unterpocernitzer Teiche bei Bechovic in Böhmen. Es ist ein festgebautes, hübsches Häuschen, welches ausser einem Arbeitszimmer von 12 _qm_ Fläche noch einen kleinen Wohnraum von 6 _qm_ enthält. Dieses Forscherheim hat ein Privatmann, +Béla+ Freiherr +v. Derschenyi+, im Interesse der durch +Fritsch+ so tüchtig geförderten Kenntnis der Wassertierwelt Böhmens auf eigene Kosten erbauen lassen. Überdies benutzt der Prager Forscher (schon seit Juni 1888) zu seinen Studien noch eine ortswechselnde Station in Gestalt eines zusammenlegbaren hölzernen Häuschens, welches in 2½ Stunden aufgestellt und in 1½ Stunden wieder abgebrochen werden kann[128]. Diese „fliegende Station“ steht jetzt am Gatterschlager Teich bei Neuhaus, und hier ist besonders der Assistent des Prof. Fritsch, Herr +W. Vavra+, während des verflossenen Jahres thätig gewesen. Unter Anderem wurde in diesem Teiche unlängst ein neuer zu den Cytheriden gehöriger Muschelkrebs entdeckt, der vorläufig den Namen _Limnicythere stationis_ erhalten hat. Es ist der kleinste bisher bekannte Vertreter seiner Gattung.

An die Errichtung solcher eigens dem Studium der Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers gewidmeter Forschungstationen ist merkwürdigerweise erst in allerneuester Zeit gedacht worden, obgleich dieselben Gründe, welche für die Anlage mariner Stationen zum Zwecke biologischer Studien sprechen, sich auch für lakustrische Observatorien ins Feld führen lassen. Das Weitere wird nun die Erfahrung und der Erfolg lehren. Da, wo etwas Neues ins Werk gesetzt wird, tauchen stets auch einige Pessimisten auf, welche Erwägungen darüber anstellen, ob es sich wohl auch verlohnen werde, die süssen Gewässer in der von +Fritsch+ und mir inaugurierten Weise zu durchforschen. Besonders giebt es unter den Praktikern, d. h. unter den Fischzüchtern und Fischerei-Interessenten, Leute, welche in erster Linie die Frage des „Verlohnens“ auf der Zunge haben, ohne manchmal auch nur einen blassen Schimmer von den Aufgaben zu haben, welche durch die Thätigkeit einer Süsswasserstation in Angriff genommen werden sollen. Derartigen Leuten empfehle ich folgenden Ausspruch Prof. +Anton Fritschs+ zur Beherzigung: „+Eine genaue Kenntnis dessen, was der Teich in seinem Wasser beherbergt, ist die Grundbedingung für dessen rationelle Bewirtschaftung+“. Es ist zu hoffen, dass die Richtigkeit dieses Satzes in immer weiteren Kreisen zur Anerkennung gelange, und dass auch von massgebender Seite das Streben der Naturforscher gebührende Würdigung und Unterstützung finde.

Litteratur.

[121] Berl. Entomolog. Zeitschrift, 31. Bd., 1887, S. 325–334.

[122] Vergl. =Wenzel Vávra=, Monographie der Ostracoden Böhmens. Archiv d. naturwiss. Landesdurchforschung von Böhmen, 8. Bd., No. 3.

[123] Eine Beschreibung der Müskendorfer Hyalodaphnia hat Poppe geliefert in: =O. Zacharias=, Zur Kenntnis der pelagischen und littoralen Fauna norddeutscher Seen. Zeitschr. f. wiss. Zoologie, 45. Bd., 2, 1887.

[124] =G. Asper= und =J. Heuscher=, Zur Naturgeschichte etc. Jahresber. der St. Gallischen Gesellschaft, 1885–86.

[125] =A. Wierzejski=, Beitrag zur Kenntnis der Süsswasserschwämme. Verhandl. d. k. k. zool.-botan. Gesellsch. in Wien, 1888.

[126] =J. Susta=, Die Ernährung des Karpfens und seiner Teichgenossen. Mit 2 Tafeln. 1888.

[127] Vergl. =F. Ludwig=, Die botanischen Aufgaben der von O. Zacharias geplanten lakustrischen Station. Biolog. Zentralbl., 9. Bd., No. 13, 1889.

[128] =Anton Fritsch=, Die Stationen zur Durchforschung der Süsswasserfauna. Wiener Landwirtschaftl. Zeitung, 1891.

Das Tierleben auf Flussinseln und am Ufer der Flüsse und Seen.

Von =Fr. Borcherding= in Vegesack.

Wie im Wasser selbst, so regt sich auch an den Ufern unserer Flüsse, Weiher und Seen ein mannigfaltiges Tierleben, auf welches am Schlusse dieses Werkes noch ein musternder Blick geworfen werden soll. Auf zahlreichen faunistischen Ausflügen hat der Verfasser dieses Kapitels Gelegenheit gehabt, die bunte Gesellschaft der in der Nähe des Wassers und in demselben sich aufhaltenden Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien, Fische, Mollusken und Insekten zu beobachten und den eigentümlichen Reiz zu empfinden, den das Leben und Treiben dieser verschiedenartigen Wesen auf den Freund der Natur ausübt.

Wie schön und fast nur einer poetisch angehauchten Schilderung zugänglich ist das einsame, waldumgürtete oder von Schilf umkränzte Ufer eines grossen, breit dahinfliessenden Stromes, oder der ebenso geschmückte Saum eines im Sonnenschein glitzernden Sees. Wie vielseitig, buntfarbig und anregend ist das Bild, welches sich hier an einem herrlichen Frühlingsmorgen oder an einem warmen Sommerabend unseren Augen darbietet. Überall regt sich vielgestaltiges Leben.

Schreiten wir bei einbrechender Dämmerung über eine Flussinsel oder fahren wir mit einem Boote geräuschlos am Ufer entlang, so können wir häufig mehrere Fledermaus-Arten beobachten, und zwar meistenteils die +langohrige Fledermaus+, _Plecotus auritus_ Geoffr., die +frühfliegende Fledermaus+, _Vespertilio noctula_ K. u. Bl., und die +Teichfledermaus+, _Vespertilio dasycneme_ Boie. Unermüdlich schwirren diese fluggewandten Tierchen unter dem Schutze der Dunkelheit durch die Luft, um ihren stets regen Appetit mit den erbeuteten Fliegen, Mücken, Käfern und Nachtfaltern zu befriedigen. Eine gleich erfolgreiche Insektenvertilgung üben ausser den Fledermäusen wohl nur noch +Maulwürfe+, _Talpa europaea_ L., und die +Wasserspitzmäuse+, _Crossopus fodiens_, aus.

Einzeln erscheint an den Seen und Flüssen auch der +Fuchs+, _Canis vulpes_ L., um sich nach einem leckern Entenbraten umzusehen. Es ist höchst anziehend, den Meister Reineke unbeobachtet auf seinen Jagdzügen belauschen zu können. Mit eingezogenen Beinen, mehr über den Boden und durchs Rohr wegkriechend als gehend, die Rute vornehm hinter sich herschleppend, dieselbe nur dann und wann bald etwas rechts, bald etwas links bewegend, schleicht er sich durchs Gras und Gebüsch unvermerkt der Stelle zu, von wo der Entenruf herübertönt, aber immer gegen den Wind, denn er weiss nur zu gut, wie unangenehm den Enten seine Witterung ist.

Das schädlichste Säugetier, welches die Ufer der Flüsse und Seen bewohnt, ist unstreitig der +Fischotter+, _Lutra vulgaris_ Erxl. Trotz der vielen Nachstellungen von Seiten der Fischer und Jäger hat dieser arge Räuber sich in den letzten Jahren in unserm Nordwesten ganz bedeutend vermehrt. Die grossen Rohr- und Weidendickichte an den Ufern der Flüsse und Seen und auf den grösseren und kleineren Flussinseln geben ihm solch sichere Verstecke, dass er sehr leicht dem Jäger entgeht. Zudem ist der Tisch immer reichlich für ihn gedeckt; er braucht deshalb nicht, wie der Fuchs, die Nähe der menschlichen Wohnungen aufzusuchen. Welchen ungeheuren Schaden der Otter der Fischzucht zufügt, mag aus folgendem Beispiel erhellen. Ein ausgewachsener Otter gebraucht zu seiner täglichen Nahrung 2 _kg_ Fische. Das macht für ein Pärchen ohne Jungen in einem Jahre 2 mal 2 mal 365, also 1460 _kg_. Ist der Fischotter in sonst fischreichen Flussgebieten häufig, so sieht man aus den angeführten Zahlen, wie stark dann der Fischbestand durch ihn dezimiert werden muss.

Ein weiteres auch recht schädliches Mitglied der Familie der _Mustelinae_, _Foetorius putorius_ K. u. Bl., verirrt sich zum Glück nur einzeln an unsere Gewässer. Vor einigen Sommern erhielt Verfasser ein prächtiges Männchen vom Iltis, im Volksmunde „Ilk“, „Elk“ oder „Ülk“ genannt, welches auf einer Weserhalbinsel erlegt worden war. Sodann mag noch ein für Deutschland sehr seltener Wasserbewohner erwähnt werden, der +Nörz+, Wasserwiesel oder auch wohl Sumpfotter genannt, _Putorius lutreola_ K. u. Bl. Dieser wegen seines wertvollen Pelzes eifrig verfolgte Marder ist im östlichen Europa ziemlich häufig, dagegen gehört er in Deutschland zu den grössten Seltenheiten. Der Nörz bewohnt mit Vorliebe die bewaldeten Ufer der Flüsse, ist aber vereinzelt auch in der Ebene angetroffen worden. Vor einigen Jahren wurde im Blocklande an der Wümme (unweit Bremen) ein Exemplar erlegt.

Dass aus der Ordnung der _Nager_ nur allzu häufig an den Gewässern die +Wanderratte+, _Mus decumanus_ Pall., anzutreffen ist, mag ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Auch die +Wasserratte+, _Arvicola amphibius_ Lacep., findet sich an den Ufern der kleineren Gewässer nicht selten; in unserm Nordwesten recht häufig in schwarzer Färbung. Zu einer wahren Landplage wird in manchen Jahren die gemeine +Feldmaus+, _Arvicola arvalis_ Pall., welche in den Marschen und an den Deichen oft zu vielen Tausenden erscheint und dort grossen Schaden verursacht. Einige wenige Zahlen mögen ein Bild von ihrem massenhaften Auftreten geben. Im Amte Elsfleth an der Weser wurden im Jahre 1880–1881 347571 Mäuse eingeliefert und 20284.80 Mark an Prämien dafür bezahlt; im Amte Brake nördlich von Elsfleth, ebenfalls an der Weser gelegen, wurden 1880 158913 Mäuse eingeliefert und an Prämien 12237.85 Mark bezahlt; 1881 wurden ebendaselbst 338781 Mäuse eingeliefert und 19127.31 Mark an Prämien dafür bezahlt. Als Prämie wurde im „Oldenburgischen Mäuseverbandsbezirke“ je nach der Häufigkeit der Mäuse 2, 5, 10 oder 20 Pfennige für das Stück bezahlt. In diesem Sommer (1891) war die Feldmaus nur vereinzelt anzutreffen; der lange und strenge Winter mit dem hohen Wasserstande hat stark unter ihnen aufgeräumt, stärker als in den reichsten Jahren Mäusefänger, Bussarde, Weihen, Raben und Füchse es vermögen.

Auf den Aussterbeetat ist wohl in unserm Vaterlande der +Biber+, _Castor Fiber_ L., gesetzt. Nur wenig bekannte Kolonien finden sich in Deutschland, in denen er sich einstweilen, wenn auch nur in geringer Zahl, noch erhalten hat. Die bedeutendste ist zwischen Magdeburg und Wittenberg an der Elbe; auch an der Havel, Oder und Weichsel finden sich noch vereinzelte schwach bewohnte Kolonien. Leider wird diesem seltenen Nager seines kostbaren Pelzes wegen gar zu sehr nachgestellt und trotz des Regierungsschutzes, der ihm in letzter Zeit zu teil geworden ist, wird er in nicht zu ferner Zeit zu denjenigen Tieren Deutschlands gehören, die aufgehört haben zu leben, und einzelne Ortschaften, Gründe u. s. w. werden nur noch mit ihrem Namen an das frühere Vorkommen dieses stattlichen Nagers erinnern.

In die Flüsse, besonders die der Nordsee, steigt bei hohen Fluten mit starken Nordweststürmen vereinzelt auch der +Seehund+, _Phoca vitulina_ L., hinauf und kommt dann den Fischern zuweilen ins Garn. Häufiger findet sich in unseren Flüssen _Phocaena communis_ Cuv., der +Tümmler+ oder Braunfisch; denselben kann man bei Springfluten oft in der Nähe der Städte beobachten, wie er in kurzen Zwischenräumen sich an die Oberfläche des Wassers begiebt, um im nächsten Augenblicke wieder in die Tiefe zu verschwinden.

Versetzen wir uns in Gedanken um etwa 200 Jahre zurück, so finden wir sogar einen +Walfisch+ im Weser- und Lesumflusse. Es war _Hyperoodon rostratus_ Pontop., welcher damals in der Lesummündung oberhalb Vegesack gefangen wurde. Das Exemplar befindet sich im Bremer Museum.

Beendigen wir hiermit unseren Streifzug, auf welchem wir uns ausschliesslich nach den Säugetieren, die an und in den Gewässern vorkommen, umgesehen haben, so gewahren wir, obwohl wir nicht jeden Säuger, der sich uns auf unseren Exkursionen am Wasser zeigen könnte, angeführt haben, dass trotzdem die Zahl der Arten eine ziemlich geringe bleibt. Ganz anders gestaltet sich dagegen das Bild, wenn wir einen neuen Beobachtungsgang unternehmen und uns nun der Vogelfauna der süssen Gewässer zuwenden. Da hat fast jede Jahreszeit ihr eigenartiges Gepräge. Im Frühjahre finden wir ausser den ansässigen und heimkehrenden Brutvögeln viele durchziehende Wanderer, die für kurze Zeit Rast an den Gewässern und auf den Inseln machen. Im Sommer und Herbste sehen wir ausser den alten Brutvögeln die junge Nachkommenschaft in den verschiedenartigsten Kleidern. Auf dem Herbstzuge kommen noch Hunderte von Gästen hinzu, welche der Vogelwelt (Ornis) eines bestimmten Gebietes oft ein ganz fremdartiges Aussehen verleihen.

Halten wir zunächst eine systematische Umschau unter denjenigen Vögeln, welche an den Ufern der Flüsse und Seen und auf den kleinen und grösseren Flussinseln ihre Wohnungen eingerichtet haben, und fassen wir dann die Gäste, welche sich zur Frühjahrs- und Herbstzugszeit an unseren Gewässern bald längere, bald kürzere Zeit aufhalten, etwas näher ins Auge. Als Brutvögel treffen wir aus der Ordnung der Raubvögel zuerst zwei Weihenarten an, _Circus aeruginosus_ Sav., die +Rohr-+ oder +Sumpfweihe+, und _Circus cineraceus_ Mont., die +Wiesenweihe+. Beide werden im Volksmunde gewöhnlich „Grashoafk“ genannt. Wo dichtes Rohr- und Weidengestrüpp auf wenig belebten Flussinseln und auf den einsamen Groden der Flüsse sich findet, da kann man mit ziemlicher Sicherheit den Horst der einen oder anderen Weihe erwarten. Derselbe befindet sich im dichtesten Gestrüpp am Boden und ist nur dann mit Sicherheit aufzufinden, wenn man die Alten, welche an ihrem schwebenden Fluge, den langen, spitzen Flügeln und dem ziemlich langen Schwanze leicht von den Bussarden, Habichten und Milanen zu unterscheiden sind, beobachtet und sich genau die Stelle merkt, an welcher sie niedergehen. Dieses Ausspionieren muss jedoch mit der grössten Vorsicht geschehen; denn glaubt sich der Beobachter schlau, so ist der Beobachtete doch in vielen Fällen noch gewitzigter und hat ersteren oft viel eher bemerkt, als derselbe ihn. Viel leichter ist der Horst aufzufinden, wenn die Weihen Junge haben; dann braucht man nur aus möglichster Ferne das Männchen, bei welchem man sehr leicht mit einem guten Glase die Beute in den Fängen erkennen kann, zu beobachten. Ist es in der Nähe des Horstes angelangt, so erscheint mit einem lauten, scharfen „kirrr“ über der Rohrfläche das Weibchen, aber in bedeutend geringerer Flughöhe als ersteres. Ist das Männchen über der Gattin angekommen, so wirft sich letztere geschickt auf den Rücken in dem Augenblicke, in welchem der Gatte die Beute fallen lässt. Mit grosser Sicherheit greift das Weibchen dieselbe auf und eilt raschen Fluges dem Horste zu. Das Männchen streicht sofort von dannen, um neue Beute heranzubringen. Das ist der günstigste Augenblick, um sicher den Nistplatz auszukundschaften, denn wir brauchen uns nur genau den Platz zu merken, an welchem das Weibchen sich niederlässt. Ist das Glück uns in dieser Weise günstig gewesen, so finden wir im hohen Grase oder Rohre auf dem Boden ein ziemlich grosses mit trockenem Grase und Rohr ausgepolstertes Nest, in welchem sich drei bis fünf hungrige, gelbgraue Junge befinden. In dem Horste der Wiesenweihe findet man Mitte Mai etwa vier bis fünf weisse, etwas ins bläuliche übergehende Eier. Im Neste der Rohrweihe trifft man zur selben Zeit vier bis fünf grünlich weisse Eier. Befestigt man über dem Neste ein gutes Schlagnetz und entfernt sich dann möglichst weit, um im dichten Rohr eine gute Deckung zu suchen, so dauert es gewöhnlich nicht lange, bis das Weibchen zum Horste zurückkehrt, allerdings zuerst nur, um auszukunden, ob alles wieder in gewohnter Ordnung ist. Doch es lässt sich noch nicht sogleich nieder, sondern in weitem Bogen umkreist es einige Mal die nähere und weitere Umgebung des Nistplatzes. Bald ist aber die Furcht vor der Gefahr geschwunden, die Liebe zu den ängstlich kreischenden Jungen ist grösser, es streicht zum Horste, lässt sich nieder und -- sitzt gefangen unter dem Schlagnetze. Schwieriger ist es, des Männchens habhaft zu werden, da letzteres selten das Füttern besorgt und noch seltener zum Horste geht. In den ersten Stunden nach dem Verlust der Gattin lässt es nur die Beute aus der Luft ins Nest fallen und eilt wieder fort, um neue Nahrung zu beschaffen; doch endlich ist auch bei ihm die Liebe zu seinen Jungen, die ihn durch ihr Geschrei auf ihren Hunger und ihre Einsamkeit aufmerksam machen, vollständig erwacht; es lässt sich nieder, um das Amt der Gattin zu übernehmen. Aber das Netz ist wieder aufgestellt worden, es schlägt abermals zu und nun sitzt auch der Gatte gefangen bei seinen Jungen. Nicht immer glückt ein solcher Jagdzug, viel Geduld und Vorsicht gehört dazu. -- Die Nahrung der Weihen besteht aus jungen Vögeln, welche aus den am Boden befindlichen Nestern geraubt werden, und aus Mäusen. Der Nutzen, den sie durch Vertilgung der letzteren gewähren, wird wohl reichlich durch den Schaden, den sie durch Zerstören der jungen Vogelbrut verursachen, aufgehoben. Die Wiesenweihe erscheint im April, die Rohrweihe im März; beide verlassen uns im Oktober.

Von den Eulen treffen wir an unseren Gewässern als Brutvogel dann und wann _Otus brachyotus_ Boie, die +Sumpfohreule+, im Volksmunde „Moorule“ genannt. Häufiger ist sie nur in reichen Mäusejahren zu beobachten. Den Horst findet man, allerdings nicht leicht, auf den alten Weidenköpfen, die sich stellenweise an den Flussläufen finden. Einzeln entdeckt man ihn auch im langen Grase oder im Rohrdickichte. Im Neste finden sich Anfang Mai vier bis sechs fast runde weisse Eier. Die Nahrung dieses nächtlichen Räubers besteht fast ausschliesslich aus Mäusen, und muss die Sumpfohreule daher zu den nützlichen Vögeln gerechnet werden.

Ein häufiger Bewohner unserer Inseln und Flussufer ist der +Kuckuck+, _Cuculus canorus_ L. Nach der Meinung der Landleute ist derselbe im Sommer Kuckuck, im Winter „Stothoafk“. Die Erklärung dieser irrigen Meinung ist sehr leicht. Im Frühjahre und Sommer findet sich der „Stothoafk“, _Astur nisus_ K. u. Bl., nicht in der Nähe der menschlichen Wohnungen, sondern in den dichten Wäldern bei seinem Brutplatze. Der Kuckuck lässt dann aber überall seinen Ruf ertönen. Im Herbst, wenn der Kuckuck längst über alle Berge ist, erscheint aber der Sperber in der Nähe der menschlichen Wohnungen. Da etwas Ähnlichkeit im Gefieder der beiden besteht, findet obige Fabel leicht Glauben bei der Landbevölkerung. Als Pflegeeltern seiner Brut wählt der Kuckuck sich die Rohrsänger, die gelbe Bachstelze, ja auch einzeln das Blaukehlchen. Letztere besorgen die Pflege mit der grössten Gewissenhaftigkeit und oft sogar mit Aufopferung der eigenen Jungen, welche vor diesem gefrässigen Stiefbruder zurückstehen müssen. Verfasser dieses hatte Gelegenheit, in der Marsch einen vollständig flüggen jungen Kuckuck zu beobachten, der sich durch sein klägliches „zirrk, zirrk“ bemerkbar machte, wie dieser grosse Bursche sich von seinen Pflegeeltern, _Budytes flava_ Cuv., mit grosser Behaglichkeit noch füttern liess. Der Kuckuck erscheint Ende April und verweilt bis Anfang September.

Dem hinsichtlich seines Gefieders schönsten und an die Ornis der Tropen erinnernden Vogel, _Alcedo ispida_ L., +Eisvogel+, begegnen wir häufig an den Flüssen und auf den Inseln, welche steile, lehmige Ufer haben. Regungslos sitzt dieser prächtige Geselle auf einem über die Wasserfläche hinhängenden Zweige, seinen Blick unverwandt nach unten gerichtet; plötzlich stösst er ins Wasser, um im nächsten Augenblicke wieder auf der Oberfläche mit einem erbeuteten Fische im Schnabel zu erscheinen, welcher in wenigen Sekunden gierig verschlungen wird. Dieses interessante Schauspiel kann man oft in ganz kurzer Zeit mehrmals beobachten. Sein Nest, welches sich immer an den steil aufsteigenden Wänden der Flussufer befindet, ist am Ende einer etwa einen Meter langen Röhre angelegt, und dort findet man auf Fischgräten, wenigen Hälmchen u. dgl. Mitte April sechs bis sieben glänzend weisse Eier.

Einen ähnlichen Brutplatz, wie den des Eisvogels, wählt sich auch aus der Familie der Schwalben die +Uferschwalbe+, Sand-, auch Bergschwalbe genannt, _Cotyle riparia_ L. An den schroffen Stellen der Flussufer, an welchen die Geest unmittelbar an das Wasser tritt, kann man zur Frühjahrszeit Hunderte dieser geschickten Insektenjäger aus- und einfliegen sehen. Das Nest befindet sich am Ende einer oft zwei Meter langen, wagerechten Röhre, ist mit Federn weich ausgepolstert und enthält Ende Mai oder Anfang Juni fünf bis sechs schneeweisse Eier. Die Uferschwalbe erscheint Anfang Mai und verlässt uns Anfang oder Mitte September.