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Part 10

Regelung der Verhältnisse um Mpapua und Marsch mit der Stanleyschen Expedition zur Küste.

Erweiterung der Beziehungen zu den Eingeborenen. -- Reise in die Umgegend von Mpapua. -- Die Massais und Wagogo um Mpapua. -- Vertrauen der Massai zur Station. -- Befestigung und Bauarbeiten. -- Schlechter Gesundheitszustand der Europäer. -- Dyssenterie in Mpapua. -- Ankunft der Stanleyschen Expedition. -- Rückblick auf Emins Lage in der Äquatorialprovinz. -- Sein Abmarsch mit Stanley. -- Ärztliche Dienste des Pascha in Mpapua. -- Stanleys Entgegenkommen. -- Abmarsch zur Küste. -- Marschordnung. -- Leben auf dem Marsche. -- Verkehr mit den Eingeborenen. -- Jagd. -- Begegnung unserer Expedition mit Gravenreuth in Msua. -- Amerikanische Reporter. -- Ankunft in Bagamoyo. -- Emins unglücklicher Fall. -- Seine Behandlung und Heilung.

Für die dauernde Wahrnehmung der Stationsleitung in Mpapua war, wie erwähnt, der Lieutenant v. Medem ausersehen. Er war von den jüngeren Offizieren der Expedition, die damals für Mpapua in Frage kamen, derjenige, welcher am meisten die für jene höchst wichtige Stellung notwendigen Eigenschaften in sich vereinigte: große Ruhe und die Fähigkeit, mit den Eingeborenen zu leben und sich diesen anzupassen, praktischen Sinn und große Willenskraft, dazu ein besonderes Talent, gerade mit den Zulus, die ja den Hauptteil der Besatzung von Mpapua bildeten, umzugehen. Wißmanns Wahl fiel sofort auf Medem; es wurde dem Verfasser übertragen, diesen während der Zeit der gemeinsamen Thätigkeit zu Mpapua noch eingehender mit den örtlichen Geschäften bekannt zu machen.

Dem Befehle des Reichskommissars gemäß benutzte der Verfasser die nächsten Wochen nach dem Abmarsche der Expedition Wißmanns von Mpapua zur weiteren Fortführung der Stationsarbeiten, sowie zur Erweiterung unserer freundschaftlichen Beziehungen zu den Eingeborenen in der Umgebung Mpapuas und zwar bis zu den mehrere Tagereisen weit von dort angesessenen Stämmen. Eine höchst angenehme Beigabe war bei diesen Reisen die Ausübung der hervorragend guten Jagd, welcher auf dem Hermarsch die Mitglieder der Expedition nur an einzelnen Stellen, z. B. in der Makata-Ebene hatten obliegen können. Ich besuchte mehrere Häuptlinge der Wagogo und der Wahumba, deren Land von Ugogo durch den nördlich Mpapua's sich hinziehenden Höhenzug geschieden wird. Vom Kamm dieses Höhenzuges öffnet sich eine weite, herrliche Aussicht über die zu Füßen sich ausbreitende Massai-Ebene. Ebenso hatte ich Gelegenheit, das Land der Wahehe zu sehen, allerdings nur an der äußersten Grenze und auf einer Jagdreise.

Die Massai lebten zu jener Zeit im Kriege mit den Wahehe. Wie schon erwähnt, hatten letztere kurz vor der Ankunft der Expedition einen Überfall nicht nur in Usagara gemacht, sondern waren auch bis ins Land der Wahumba vorgedrungen, und es war ihnen durch ihr unerwartetes Auftreten gelungen, noch einige Viehherden der Massai zu erbeuten. Eines Tages, als ich von Kongua aus in ein Massaidorf kam, fand ich daselbst tausende von Massai-Kriegern, auch solche, die nicht zum Stamme der Wahumba gehörten, und die, wie sie erklärten, bis vom Kilimandscharo hergekommen waren, um mit vereinten Kräften gegen die Wahehe zu kämpfen. Es fanden denn auch in dieser Zeit sowohl in der Marenga Mkali, der westlich von Mpapua von Tschunio an sich mehrere Tagereisen ausdehnenden süßwasserlosen Steppe wie auch weiter südlich an der Grenze von Uhehe fast täglich zwischen den beiden Stämmen Gefechte statt.

Mit den Wagogo und Massai war es vollkommen gelungen, einen friedlichen Verkehr herbeizuführen. Ich besuchte ihre Häuptlinge, wie auch umgekehrt diese selbst von weit her mit Geschenken zur Station kamen und sich Schutzbriefe von mir ausbaten. Selbst der oberste Wahumba-Häuptling schickte eine Gesandtschaft und gab derselben ein Geschenk an Rindern mit, was sonst bei den Massais unerhört ist. Sie bringen es selten übers Herz, sich selbst von dem schlechtesten Stück Rindvieh zu trennen. Die Gesandtschaft befragte mich, wie ich über ihren Feldzug gegen die Wahehe dächte und ob ich geneigt sei, sie hierin zu unterstützen, ihnen eventuell von meiner Besatzung Leute mitzugeben. Ich konnte ihnen meinerseits zwar guten Erfolg zu ihrem gerechten Vergeltungskampf wünschen, hielt es aber für gut, jede Unterstützung abzulehnen. Es waren über die Werbungen Buschiris bei den Mafitis und Wahehe nur Gerüchte zu uns gedrungen, keineswegs aber konnten diese damals als feststehende Thatsachen angesehen werden. Zudem wurde unsere Besatzung notwendig zum Bau der Station gebraucht: wir mußten auf alles gefaßt sein und daher alle unsere Kräfte zusammenhalten, wie ja auch der Reichskommissar zur Vorsicht ermahnt hatte.

Ich stellte den Massai jedoch meine Hilfe in Aussicht, wenn die Wahehe in der Umgegend von Mpapua selbst aufträten oder wenn sie zu weit nach den Wahumba hin um sich griffen. Unser Verhältnis zu den Wahumba und den östlichen Wagogo war, wie aus dem Erwähnten hervorgeht, ein gutes und ist im allgemeinen auch ein solches geblieben, wenngleich einzelne Räubereien der Wahumba sowohl wie der Wagogo an der Karawanenstraße hier und da die Besatzung von Mpapua zum Einschreiten nötigten. Sehr schlecht dagegen haben sich, wie das nicht anders zu erwarten war, unsere Beziehungen zu den Wahehes gestaltet.

Neben der Ausbreitung des Ansehens der neuen, von Wißmann gegründeten Station, schritten auch die Befestigungs- und Bauarbeiten rüstig vorwärts, welche nach meiner Abreise vom Feldwebel Hoffmann weitergeführt und von Herrn von Bülow vollendet wurden. Hingegen ließ der Gesundheitszustand unter den Europäern wie den Farbigen der Station sehr viel zu wünschen übrig. Die Dyssenterie brach mit großem Heftigkeit unter uns aus. Der Unteroffizier Kröhnke war schon auf dem Marsche von dieser Krankheit befallen worden, wahrscheinlich angesteckt von dem Feldwebel Markgraf, mit dem er in einem Zelte zusammenlag. Bald nach ihm erkrankten einige Sudanesen und Zulus, und trotz aller Vorsichtsmaßregeln griff die Krankheit immer mehr und mehr um sich, vermutlich durch die Unmassen von Fliegen in dem viehreichen Mpapua weiter getragen. Endlich wurden auch Lieutenant von Medem und ich von der Krankheit ergriffen. Durch den Tod verloren wir, solange ich in Mpapua war, nur einen Farbigen, einige Wochen jedoch nach meinem Abmarsche erlag auch Lieutenant v. Medem der Krankheit, während Unteroffizier Kröhnke sich besserte. Indessen machten bald vielfache schwere Fieberanfälle auch seine Ablösung von Mpapua und seine Beförderung nach der Heimat notwendig. In Deutschland fiel er einem Herzschlage zum Opfer.

Während der ganzen Zeit der Epidemie standen uns die englischen Missionare in Kisogue opferbereit zur Seite, wie denn überhaupt das Verhältnis zwischen Mission und Militärstation ein sehr freundschaftliches war.

Der Reichskommissar hatte mir, wie erwähnt, den Befehl erteilt, die Ankunft der Expedition Stanley-Emin Pascha in Mpapua abzuwarten und dieselbe dann durch deutsches Gebiet an die Küste zu führen. Am Tage der Ankunft der Wißmannschen Expedition hatten Boten von Stanley Mpapua passiert, durch welche wir Kenntnis von seinem Herannahen erhielten. Wißmann selbst sandte durch die bereits mehrfach erwähnte Waniamuesi-Karawane, die ihren Weitermarsch nach der Heimat fortsetzte, einige Briefe mit, in denen er Emin Pascha und Stanley begrüßte und sie über die Vorkommnisse der letzten Zeit orientierte.

Etwa einen Monat später traf die Stanleysche Expedition, trotz einer ziemlichen Anzahl Kranker und Schwacher und des ziemlich wüsten Gesindels, welches aus der Äquatorialprovinz mitkam, gut geordnet und geschlossen vor der Station ein, bei einer so großen Karawane immer ein Zeichen, daß es der Führer verstanden hat, die Disziplin aufrecht zu erhalten. Sie bezog das gewöhnliche Karawanenlager, um eine große Sykomore herum, wo Stanley gelegentlich einer seiner früheren Expeditionen schon gelagert hatte. Die Karawane bestand aus 3 Kompagnien Wangwana zu je 60 Mann, etwa 80 Wangwana-Trägern und den aus Wadelai mitgezogenen Leuten des Pascha, welche fast alle Weiber, Kinder und Träger mit sich führten. Die letzteren waren mit allem möglichen, teilweise ganz wertlosen Hausgerät beladen und erinnerten uns lebhaft an die Eigenschaft unserer Sudanesen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mit sich zu schleppen. Im ganzen waren es noch etwa 600 Mann, trotz der großen Verluste, die die Karawane unterwegs erlitten hatte. Unter den Leuten des Pascha befand sich eine Anzahl ägyptischer Offiziere, Schreiber und Soldaten, ein griechischer Kaufmann, der sich früher in Wadelai etabliert hatte, und ein ebenfalls daselbst als Apotheker thätig gewesener tunesischer Jude. Die Weiber und Kinder, wie auch die meisten Offiziere ritten auf Eseln.

Die Europäer der Expedition waren folgende: Stanley mit seinen Offizieren, den Herren Lieutenant Stairs, Kapitän Nelson, +Dr.+ Parke, Mr. Jephson, seinem, man kann sagen Proviantmeister, Mr. Bonny, und einem Diener, namens Hoffmann. Ferner zwei französische Missionare, Père Giraud, ein sehr liebenswürdiger Mann, welcher durch ein Augenleiden zur Rückkehr nach Europa genötigt war, und der ihm zur Begleitung mitgegebene Père Schynse, jener bekannte, bei den Deutschen allgemein beliebte, ganz deutsch denkende und fühlende Mann, der dem Werke der Zivilisation leider zu früh durch den Tod entrissen worden ist. Die beiden letzteren kamen von Bukumbi, ihrer Station am Südufer des Viktoriasees und waren in Ikungu zur Expedition Stanleys gestoßen, um unter ihrem Schutze weiter nach der Küste zu marschieren. Endlich waren bei der Expedition Emin und Casati, welcher dem Pascha während seines Aufenthaltes im Sudan treulich zur Seite gestanden hatte. Besonderes Interesse erregte die kleine Tochter, die Emin von seiner verstorbenen Frau, einer Abessinierin, hatte, namens Ferida, die damals etwa 6 Jahr alt war, und in der Karawane in einer Hängematte stets unmittelbar vor dem damals schon ganz kurzsichtigen Pascha einhergetragen wurde. Der Pascha hing mit großer Liebe an ihr und wollte sie immer vor sich sehen. Sie wurde von ihrer Gouvernante, einer ganz hübschen, stattlichen Ägypterin begleitet.

Stanley pflegte immer an der Spitze des Zuges zu marschieren, und so hatte ich denn zuerst Gelegenheit, ihn zu begrüßen. Er machte mich alsbald mit seinen Offizieren, sowie mit Emin und Casati bekannt. Unser spärliches Hausgerät auf der Station gestattete mir zunächst nur den Pascha und Stanley zum Essen zu mir zu laden. Eine Flasche Sekt, deren mir Wißmann mehrere für Krankheitsfälle und speziell zur Begrüßung Emins und Stanleys dagelassen hatte, wurde auf die glückliche Ankunft beider getrunken. Sie mundete ihnen ganz trefflich, da sie solche Erfrischungen lange hatten entbehren müssen. Im Verkehr zwischen dem Pascha und Stanley bemerkte ich bald den Gegensatz der beiden Männer, der, obwohl sie täglich öfter mit einander zusammenkommen mußten, eine rechte Ungezwungenheit, besonders von Seiten des Pascha, nicht aufkommen ließ. Dieser erzählte mir, wie herzlich er sich gefreut habe, als er durch Wißmanns Briefe Kenntnis von unseren Fortschritten erhalten, als er die deutsche Flagge auf der Station habe flattern sehen, und wie lebhaftes Vergnügen er jetzt empfinde, wieder mit Deutschen persönlich verkehren zu können. Er erzählte mir auch offenherzig von der Expedition Stanleys und dessen Absichten.

Bei der Wichtigkeit der Persönlichkeit Emins für uns und wegen seiner späteren Anteilnahme an den Arbeiten des Reichskommissariats erscheint ein kurzer Rückblick auf die Verhältnisse in der Äquatorialprovinz und die Stanleysche Expedition geboten.

Dreizehn Jahre hindurch hatte Emin Pascha ohne wesentliche Zuschüsse von der egyptischen Regierung zu erhalten, meist in friedlicher Arbeit die Geschicke des Landes geleitet und dasselbe der Kultur näher gebracht, bis in den letzten Jahren von 1887 an seine Position schwankend geworden war. Es wirkte hierzu besonders der Umstand mit, daß die ihm unterstellten egyptischen Soldaten, welche seit 5 Jahren den Sold von ihrer Regierung nicht erhalten hatten, und gerade in dieser Zeit die Grenzen der Äquatorialprovinz gegen die Scharen des Mahdi in fortwährenden Kämpfen verteidigten, allmählich eine begründete Unzufriedenheit zu zeigen begannen. Ebenso bestand nach Casatis Angabe eine weit verbreitete Unzufriedenheit unter den Offizieren gegenüber den Maßregeln des Gouverneurs. Die Unmöglichkeit, aus eigenen Mitteln und unter den sich steigernden Schwierigkeiten die Provinz zu halten, hatte Emin an die Hochherzigkeit der Engländer appellieren lassen. +Dr.+ Felkin, dem Freunde Emins, war es gelungen, bei einer Reihe englischer Kapitalisten, besonders aber bei Sir William Mackinnon, dem Hauptaktionär der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft, Interesse für Emin Pascha oder wohl richtiger für seine Äquatorialprovinz zu erwecken und eine Hilfsexpedition unter Stanleys Kommando ins Werk zu setzen.

Unter Mißachtung der Vorschläge von Schweinfurth und Junker sowie Thompson wählte Stanley bekanntlich die Congoroute. Alle die Nachteile, welche er von dem östlichen, von den genannten Afrikaforschern empfohlenen Wege befürchtet hatte, stellten sich bezüglich der Verpflegung der Karawane, des Gesundheitszustandes, der Desertion von Trägern, der Schwierigkeit des Weges und der Feindseligkeiten der Eingeborenen auf dem von ihm selbst gewählten Wege in weit höherem Maße ein. Im April 1888 erhielt Emin Pascha durch einen Brief Stanleys die erste Nachricht vom Anrücken der Hilfsexpedition, auf die er in der letzten Zeit sehnsüchtig gewartet hatte, und von der er eine Befestigung seiner Macht und Beruhigung der unzuverlässigen Elemente erwartete. Der Pascha faßte den Entschluß, mit Casati Stanley entgegenzuziehen und ihn an der Grenze der Äquatorialprovinz zu erwarten. Auf seinem Dampfer Khedive fuhr der Gouverneur über den Albertsee und in dem Stanleyschen Lager zu Cavalli fand die gegenseitige Begrüßung statt.

Der Pascha erkannte bald, daß durch die Ankunft der Expedition, von der er für sich und insbesondere für sein Verhältnis zu seinen Leuten so viel erwartet hatte, seine Lage wenig verändert wurde. Das Einzige, was der Provinz von Nutzen sein konnte, waren die mitgebrachten Remington-Patronen. Im übrigen litt die Hilfsexpedition selbst Mangel an allem und der Pascha war es, der mit den Vorräten seiner Provinz der englischen Expedition aushelfen mußte. Casati hatte Emin Pascha geraten, ohne Rückhalt zu Stanley über die Lage der Provinz und über die Zerwürfnisse, die zwischen dem Gouverneur und den Parteien eingetreten waren, zu sprechen, sowie seine Ohnmacht nach den Ereignissen der letzten Zeit einzugestehen. Emin hat indes wohl den Rat des Freundes nicht befolgt und es vermieden, sich mit der nötigen Offenheit Stanley anzuvertrauen, vielleicht um seinen Namen vor diesem Manne des ihn umgebenden Nimbus nicht zu entkleiden.

Da Stanley das Gros der Expedition mit den Hauptvorräten im Lager zu Jambuja am Aruwimi, außerdem eine große Anzahl von Kranken im Fort Bodo zurückgelassen hatte, schickte er sich nach verhältnismäßig kurzer Zeit an, wieder nach dem Aruwimi aufzubrechen, um die zurückgebliebenen Leute und Vorräte herbeizuschaffen. Während dieser Zeit sollte der Pascha diejenigen seiner Beamten und Soldaten, welche geneigt wären nach Egypten zurückzukehren, in Cavalli vereinigen, um hier Stanleys Ankunft zu erwarten und mit ihm aufzubrechen. Die Bitte des Pascha, mit ihm die verschiedenen Stationen seiner Provinz auf dem Dampfer Khedive zu besuchen, schlug Stanley ab mit der Begründung, daß er eilig nach Jambuja zurückkehren müsse. Sein Aufenthalt am See dauerte indes ungefähr 4 Wochen. Es ist zu bedauern, daß Stanley auf die Bitte Emins nicht eingegangen ist. Zweifellos wäre das persönliche Erscheinen Stanleys von einer ungleich größeren Wirkung auf die Truppe und die Bevölkerung gewesen. Stanley wäre in der Lage gewesen, die Truppen nicht nur durch die Macht seiner Persönlichkeit, sondern auch durch die bei ihm zur Meisterschaft ausgebildete Art zu verhandeln davon zu überzeugen, daß er im Auftrage ihres Souveräns des Khedive nach der Provinz gekommen sei, um sich mit eigenen Augen von der Lage der Sache zu überzeugen und entweder Hilfe in Gestalt von Munition zurückzulassen oder aber die Leute nach Egypten zu führen.

Wenn man nun Stanley auch nicht ohne weiteres die Verweigerung der Bitte Emins verübeln kann, -- hatte er doch das eigentliche Gros der Expedition im Lager bei Jambuja zurückgelassen und fühlte sehr wohl selbst heraus, daß mit dem, was er dem Pascha mitgebracht hatte, gar nichts geleistet sei, -- so ist es ebenso als verfehlt zu betrachten, wenn er später auf die wiederholte Bitte Emins, wenigstens einen seiner Offiziere zurückzulassen, Herrn Mounteney Jephson mit dieser Mission beantragte. Jephson hatte nur ganz oberflächliche Kenntnis von den Machtbefugnissen Stanleys, denn bei der Natur Stanleys, welche mit der Verantwortung auch gleichzeitig das Ende aller Fäden in Händen behalten wollte, war thatsächlich keiner seiner Offiziere mit dem ganzen Umfang der Stanleyschen Aufträge bekannt. Jephson war ferner nicht die Persönlichkeit, um selbständig auftreten oder bei irgend welchem Mißtrauen der Leute bindende Versicherungen geben zu können. Die Anwesenheit Jephsons trug zur Verbesserung der Lage der Truppen jedenfalls nicht bei.

Es ist außerordentlich schwierig, ein bestimmtes Urteil über das Verhältnis Emins zu seinen Truppen abzugeben. Alle darüber vorhandenen Veröffentlichungen Stanleys, Casatis, Jephsons lassen den inneren Zusammenhang nicht erkennen und erscheinen lediglich als persönliche Urteile der Verfasser. Emins Ansicht ging und geht auch heute noch dahin, daß durch die Art und Weise des Auftretens der Stanleyschen Expedition die Mißhelligkeiten zwischen ihm und seinen Truppen erst verursacht worden seien. Es ist wahrscheinlich, daß der Pascha sich hierin täuscht und daß Casatis Urteil der Wahrheit am nächsten kommt. Andererseits ist aber nicht zu verkennen, daß die großen Erwartungen, welche Emin selbst bei seinen Soldaten von der Stanleyschen Entsatz-Expedition erweckt hatte, durch das Erscheinen derselben in halb verhungertem und zerlumptem Zustande, sehr herabgemindert wurden, ja daß sogar ein begreifliches Mißtrauen bei den Leuten entstand. Der Umstand, daß Stanley und seine Begleiter Engländer waren, konnte die üble Wirkung auf die Truppe nicht hervorgebracht haben, -- war doch Gordon und andere Gouverneure im Sudan durch den Khedive selbst eingesetzt worden. Der ganze Aufstand der Eminschen Truppen macht den Eindruck einer Militärrevolte, welche durch Intriguen sich benachteiligt glaubender Offiziere in Szene gesetzt wurde. Auch der Casatische Bericht läßt dies erkennen; in demselben findet man sogar an eigentlichen inneren Gründen überall nur persönliche Mißgriffe angegeben, welche Emin den Offizieren gegenüber begangen haben soll. In der That herrschte unter einem großen Teil der Leute des Pascha eine bittere Stimmung gegen ihn.

Von einer ganz besonderen Wichtigkeit für uns Deutsche ist das Verhalten Emins Stanley und seinen Anerbietungen gegenüber. Stanley und seine Offiziere versuchten zwar nach ihrer Ankunft am Albertsee und auch später auf dem ganzen Marsche beim Pascha den Glauben zu nähren, als ob die Expedition lediglich aus humanitären Rücksichten seinetwegen und für die mit ihm von Egypten abgeschnittenen Beamten und Truppen unternommen worden sei. Niemand wird bestreiten, daß viele, ja die meisten Mitglieder des englischen Emin Pascha-Entsatz-Komitees von rein humanitären Rücksichten geleitet wurden. Aber es gab in diesem Comité doch eine Reihe von Namen, deren Träger zu eng mit afrikanischen Interessen verknüpft waren, um nicht gewisse praktische Nebenabsichten, sei es auf die Person Emins, sei es auf seine Provinz oder auch auf beides zusammen, vermuten zu lassen. Es sind dies die Mitglieder der englisch ostafrikanischen Gesellschaft, denen ein Mann wie Emin und eine Provinz wie die seine notwendig als höchst begehrenswerte Ziele erscheinen mußten.

In der That wird diese Absicht einer Gebietserweiterung der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft durch die dem Pascha von Stanley gemachten Anerbietungen bestätigt. Stanley hatte nach seinem eigenen Bericht und nach der Erzählung Emins diesem drei Vorschläge zu machen. Der erste derselben war, -- dem vom Khedive erhaltenen Auftrage gemäß, -- die Provinz aufzugeben, mit dem Teil der Offiziere, Soldaten und Beamten und ihren Familien, welche die Rückkehr nach Egypten wünschten, unter Führung Stanleys aufzubrechen und diesem nach Egypten zu folgen.

Das zweite Anerbieten machte Stanley im Namen des Königs der Belgier. Emin sollte, falls er es vorzöge, in seiner Provinz zu bleiben, seine Dienste dem Kongostaat widmen und sein Land als Vorposten dieses Staates gegen den Sudan halten. Als Verwaltungskosten wollte der Kongostaat hierfür jährlich circa 240000 Mark aufwenden. Dem Pascha, welchem die Stellung eines Generalgouverneurs mit dem Range eines belgischen Generals angeboten wurde, wurde ein Jahresgehalt von 1500 Pfd. St. ausgesetzt.

Das dritte Anerbieten, von dem Stanley allerdings behauptete, daß er zu demselben nicht direkt ermächtigt sei, sondern daß er es nur mache in der Absicht, dem Pascha zu helfen und in der zuversichtlichen Erwartung, daß seine Abmachungen vom Comité und der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft genehmigt würden, zielte auf folgendes ab: Wenn die Soldaten sich weigern sollten, nach Egypten zurückzukehren, so sollte Emin die zuverlässigsten unter ihnen nach der Nordost-Ecke des Viktoria-Nyanza führen und dort eine feste Station für die englisch-ostafrikanische Gesellschaft begründen. Stanley würde mit seiner Expedition selbst die Station vollenden helfen, die Munition und mitgenommenen Vorräte dorthin bringen lassen und erst dann mit seiner Hilfsexpedition den Pascha verlassen, wenn dessen Stellung eine gesicherte sei. Der Pascha sollte ein gutes Jahresgehalt von der Gesellschaft beziehen und als Gouverneur das Netz der Stationen vom Viktoriasee nach Mombassa hin vorschieben, während andererseits der Vertreter zu Mombassa durch Vordringen von der Küste aus dem Pascha in die Hände arbeiten würde.

Die Lage Emins diesen Vorschlägen gegenüber war keine leichte. Seine Hoffnungen auf genügende Unterstützung durch die Stanleysche Expedition waren zerstört, ein Verbleiben in der Provinz mit den vorhandenen Kräften legte nach dem Ferman des Khedive dem Pascha allein alle Verantwortung für jetzt und die Zukunft auf die Schultern, die Disziplin der Truppen, ohnehin erschüttert, war durch das Erscheinen der Stanleyleute in ihrem kläglichen Zustande noch mehr in Frage gestellt.

Wenn ein Teil der Truppen geneigt schien, dem Schreiben des Khedive Glauben zu schenken und mit Stanley abzuziehen, so standen diesen mindestens ebensoviel Stimmen gegenüber, welche von Verrath, Verkauf an England u. dergl. mehr sprachen. Immer aber blieb die Verantwortung allein dem Pascha überlassen. Es kann nicht Wunder nehmen, wenn unter solchen Verhältnissen eine definitive, einheitliche Entscheidung unmöglich schien, wenn eine anscheinend unverhältnismäßige Zeit im Parlamentieren verstrich. Dem Pascha kann man daher auch nicht ganz Unrecht geben, wenn er den Ausbruch der bekannten Militärrebellion lediglich auf diesen Zwiespalt der Meinungen innerhalb seiner Truppen zurückführt, da er eben eine Macht auf dieselben nicht mehr hatte. Der weitere Verlauf ist bekannt.

Ende Januar 1889 kamen Boten von Stanley an mit der Nachricht seiner Ankunft am Südwestufer des Albert Nyanza. In den Briefen an den Pascha und Jephson machte Stanley insbesondere Jephson heftige Vorwürfe, daß dieser weder allein noch mit Emin nach Cavalli gekommen sei, um dort von der endgültigen Entscheidung Emins Mitteilung zu machen, wie auch, daß jener nicht, wie verabredet, Soldaten und Lebensmittel für den Küstenmarsch in Cavalli vereinigt habe. In Anbetracht der Verhältnisse wie der inzwischen erfolgten Gefangennahme waren diese Vorwürfe natürlich durchaus unbegründet, da dem Pascha jede Aktionsfreiheit genommen war und ihm wohl nicht die Möglichkeit offen stand, willkürlich seinen Aufenthaltsort von Tunguru nach Cavalli zu verlegen.

Alles, was die Stanleysche Expedition dem Pascha jetzt zuführen konnte, waren 30 Kisten Remington-Patronen und ein großer Teil egyptischer, durch den Transport schlecht gewordener Uniformen. Die Lage der Äquatorialprovinz war natürlich hierdurch um nichts geändert.

Nachdem Stanley Kenntnis von den Vorfällen in der Provinz während der Zeit seiner Abwesenheit erhalten hatte, wäre es, so ist häufig behauptet worden, seine Pflicht gewesen, Emin Pascha in seiner Provinz aufzusuchen und hätte er sich nicht darauf beschränken dürfen, Jephson den Befehl zu schicken, ins Lager der Hilfsexpedition zu kommen, und dem Pascha anheimzugeben, falls er nach Egypten zurückkehren wolle, mit den ihm gleich Gesinnten in spätestens 20 Tagen nach Cavalli zu marschieren. Ob Stanley richtig gehandelt hat oder nicht, ist schwer zu entscheiden. Es ist sehr wohl möglich, daß wenn er nach den andern Stationen der Provinz geeilt wäre, sich durch das Erscheinen seiner Expedition bei der Unzuverlässigkeit und der offenen Feindseligkeit vieler Offiziere die Lage noch verworrener gestaltet hätte, als sie ohnehin schon war.

Ein Teil der Aufständischen in der Provinz, namentlich der Egypter, welche die Absicht hatten, in ihre Heimat zurückzukehren, wandte sich jetzt an den Pascha mit der Bitte, zwischen ihnen und Stanley zu vermitteln. Infolgedessen wurden die zur Rückkehr bereiten Mannschaften im Stanleyschen Lager vereinigt.

Der Tag des Abmarsches wurde endlich nach vielem Hin- und Herdebattieren endgültig auf den 10. April 1889 festgesetzt und so befand sich Emin in dem moralischen Zwange, entweder Stanley unbedingt zu folgen mit einem Teil seiner Leute oder aber hier zu bleiben und dadurch dem andern Teil gegenüber wortbrüchig zu erscheinen.

Der Pascha empfand diese Zwangslage sehr bitter, und es erschien ihm persönlich trotz der Rebellion gegen ihn als eine Untreue gegen die Zurückbleibenden, wenn er Stanleys Vorschlag annahm. Er entschied sich erst, als das fast einstimmige Urteil der Europäer und seiner um ihn versammelten Offiziere ihn über seine Gewissensbisse beruhigte. Der Einzige, welcher jetzt gegen den Entschluß des Aufbruchs sich aussprach, war Casati. Die Gründe aber, die er selbst in seinem Buch angiebt, können nicht als stichhaltige anerkannt werden.

So brach denn nun am 10. April die Expedition auf. Von Seiten des Pascha kamen hinzu 182 Männer und 369 Frauen und Kinder, die nach Egypten zurückkehrten und insgesamt 397 Lasten mit sich führten. Eine größere Anzahl von Trägern war aus der Äquatorialprovinz gestellt. --

Nach dieser notwendigen Abschweifung wenden wir uns wieder nach Mpapua zurück.

Es wurde bereits unserer Dyssenteriekranken zu Mpapua Erwähnung gethan. Die Ankunft der Stanleyschen Expedition brachte uns Gelegenheit, die schwer erkrankten Patienten, besonders den Lieutenant v. Medem und den Unteroffizier Kröhnke sachverständiger zu behandeln, als es bis dahin hatte geschehen können.