Chapter 7 of 28 · 3690 words · ~18 min read

Part 7

Als so die Hauptplätze an dem nördlichen Teil der Küste unseres Interessengebietes wieder unter unsere Herrschaft gebracht waren, dachte Wißmann daran, die Verkehrswege, welche nach dem Innern führten, von neuem zu eröffnen; hierzu gab besonders den Anstoß die Absicht der in Daressalam weilenden großen Waniamuesi-Karawane, in ihre Heimat mit den gegen ihr Elfenbein an der Küste erhandelten Waren zurückzukehren.

Da sie alle von Bagamoyo, dem Endpunkt der großen Karawanenstraßen aus, gemeinsam den Rückmarsch antreten wollten, ging Wißmann daran, die in Daressalam befindliche Karawane dorthin überzuführen. Er sandte zu dem Zweck Ende Juli sein Expeditionskorps unter Führung des Chefs von Zelewski nach Daressalam, wohin er sich Tags darauf selbst begab, ließ die Waren und sämtliches Gepäck der Waniamuesi per Dampfer nach Bagamoyo bringen, und führte selbst auf einem dreitägigen Marsche die Karawane unter der Bedeckung seiner Soldaten ebendahin. Während dieses Küstenmarsches pflog der Reichskommissar persönlich Verhandlungen mit den Jumbes der Küstenorte, und gewann hier, wie überall und zu jeder Zeit, das volle Vertrauen der Eingeborenen zur deutschen Herrschaft. In Bueni, dem bedeutendsten Küstenplatze zwischen Bagamoyo und Daressalam, dessen Handel entschieden der ausgedehnteste an der Küste ist, wurde der bisherige Wali, Sef ben Issa, welcher ebenfalls an der Ermordung der Missionare in Pugu hervorragend beteiligt war, seines Amtes enthoben, sein Besitztum konfisziert, seine Sklaven freigelassen, und ein Preis von 1000 Rupies auf seinen Kopf gesetzt. An seine Stelle trat Seliman ben Nassr, eine dem Reichskommissar sowohl wie der Bevölkerung genehme Persönlichkeit.

In der weiteren Umgegend von Bagamoyo, zwischen dem Kingani und dem Wami, hatten sich die alten Jumbes von Bagamoyo (Jehasi, Makanda, Simbambili und Bomboma), die Hauptverbündeten Buschiris, wieder festgesetzt und den ihnen durch Vermittler erteilten Rat, nach Bagamoyo zurückzukehren und sich Wißmann zu stellen, höhnisch zurückgewiesen. Wißmann mußte daher daran gehen, sie aus dieser Gegend zu vertreiben, um zu verhindern, daß Buschiri, wenn er aus dem Innern zurückkehrte, hier wieder einen Stützpunkt fände. Es wurde zu dem Zweck Chef v. Gravenreuth mit zwei Kompagnien und einer größeren Waniamuesi-Abteilung abgeschickt, mit dem Befehl, die Gegend zu säubern und die mit den Jumbes verbündeten Ortschaften zu zerstören, ein Auftrag, den Gravenreuth mit dem ihm eigenen Geschick ausführte. Er brachte den Gegnern erhebliche Verluste bei, ohne selbst solche zu erleiden, äscherte die Rebellenlager ein und nahm die dort angehäuften Lebensmittel weg. Dieser Erfolg trug bald gute Früchte, indem auch die Jumbes aus der weiteren Umgegend nach Bagamoyo kamen und um Frieden baten. Auch gegen die berüchtigten Sklavenhändler von Mlangotini wurde um diese Zeit ein Schlag geführt; ein Sklaventransport, den sie bei Nacht nach Sansibar zu bringen im Begriffe standen, wurde ihnen abgenommen und sie selbst wurden aufgehängt, unter ihnen der gefährlichste von allen Salem, den erfreulicherweise die Eingeborenen selbst gebunden dem Reichskommissar überbrachten.

In Sadani hatte sich inzwischen Bana Heri wieder mit einem Teile seiner Leute eingefunden, und schien durch alle Mißerfolge seiner Partei noch nicht im geringsten entmutigt, vielmehr entschlossen, den Kampf fortzusetzen und die Herrschaft über Usegua zu behaupten.

Sef ben Mohammed, der Sohn des unter dem Namen Tibbu-Tip bekannten Hammed ben Mohammed, war mit einer Menge Elfenbein und unter anderm auch mit Geschenken für Wißmann von seinem Vater aus dem Innern nach der Küste abgeschickt worden und nach unserm Kampf bei Sadani dort angekommen, hatte er vom Reichskommissar auf sein Ansuchen die Erlaubnis erhalten, die Festlandsküste zu verlassen, um nach Sansibar zu gehen. Er ging bald darauf wieder im Einverständnis mit Wißmann nach Sadani und bot hier all seinen Einfluß auf Bana Heri auf, um diesen zur Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft zu veranlassen. Seine Bemühungen waren vollkommen vergeblich.

Der Reichskommissar wandte sich deshalb an den Kapitän Valette, den stellvertretenden Geschwaderchef nach Abgang der Leipzig aus Ostafrika, mit der Bitte, Sadani zu blokieren, um die Versorgung Bana Heris mit Waffen und Munition, wie überhaupt jede Kommunikation desselben mit Sansibar zu verhindern.

Die ersten in dieser Zeit eingetroffenen Berichte aus Pangani und Tanga an den Reichskommissar lauteten günstig. Die nächste Umgebung Panganis hatte sich bis auf den Dörferkomplex Muganda unterworfen. Auch mit diesem hoffte der Stationschef +Dr.+ Schmidt ein friedliches Abkommen treffen zu können. Als er jedoch auf einem Spazierritt, den er allein in jene Gegend machte, von Muganda-Leuten mit Schüssen aus den Gebüschen auf beiden Seiten des Weges empfangen wurde und nur mit genauer Not entkam, sah er sich genötigt, sofort die Rebellen anzugreifen und sie zur Flucht weiter ins Innere hinein zu zwingen. Von der Stationsbesatzung fiel ein Mann und einer wurde schwer verwundet, während die Aufständischen erhebliche Verluste hatten.

In Tanga wurde, nachdem das letzte noch feindliche Dorf in der Umgegend, Timbari, vom Stationschef mit einem Teil seiner Besatzung und einer Matrosenabteilung von 16 Mann zerstört und den Rebellen ihr Vorrat an Munition und Proviant abgenommen war, der bei dem Gros der Bevölkerung beliebte Neger Munikombo als Wali eingesetzt und so auch hier Ruhe und Ordnung vollkommen wiederhergestellt.

5. Kapitel.

Ausbildung des Reichskommissariats.

Mangel an Verwaltungspersonal. -- Einrichtung und Geschäftsbereich der Verwaltung in der Schutztruppe. -- Verwaltung des vorhandenen Dampfermaterials. -- Unterstützung durch deutsche Firmen in Sansibar. -- Das Hauptquartier. -- Adjutant Bumiller. -- Verkehr mit den Arabern und Indern. -- Verteilung des Kriegsmaterials auf Stationen. -- Das Sanitätswesen und die Hospitäler. -- Tod des Stabsarztes Schmelzkopf. -- Einexerzierung der Schutztruppe. -- Deutsche Kommandos. -- Uniformen und Gepäck. -- Verteilung der Schutztruppe. -- Schwarze Chargen. -- Weiße Chargen. -- Systematische Ausbildung der Gruppe. -- Schießresultate bei Sudanesen und Zulus. -- Disziplin der Zulus. -- Verhältnis des Kommissariats zu den deutschen Behörden in Sansibar. -- Verhältnis zur Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. -- Dienst der Wißmann-Flotte.

Die Kämpfe um Bagamoyo, Daressalam, Pangani und Tanga bilden den ersten Abschnitt in der Niederwerfung des Aufstandes. Nach ihrer Beendigung konnte der Reichskommissar mit größerer Ruhe an die weitere Durchführung der ihm gestellten Aufgabe gehen. Während dieses ersten Teils seiner Thätigkeit hatte sich naturgemäß eine vollständige Umbildung des Reichskommissariats in allen seinen Teilen vollziehen müssen, da dasselbe anfangs nur zu sehr den Charakter des Provisorischen an sich trug.

In erster Linie gehörte hierher die Ausbildung der eigentlichen Verwaltung und des Verkehrs mit den wiedergewonnenen oder neugeschaffenen Stationen. Streng genommen stand dem Reichskommissar an geschultem Verwaltungspersonal nur zur Verfügung der Zahlmeisteraspirant der Marine Merkel, der jedoch bald nach seiner Ankunft den Wirkungen des Klimas unterlag. Dagegen war kein Intendanturbeamter, ja nicht einmal eine Art Sekretär vorhanden, sondern es vereinigte sich alles dieses in der ersten Zeit des Kommissariats in der Person von Eugen Wolf, der in der That ein ungemein großes Arbeitsquantum in geeigneter Weise erledigt hat.

Später mußte Wißmann aus seinem Personal an Offizieren diejenigen für die Verwaltung aussuchen, welche hierzu besonders geeignet erschienen. An die Spitze der Verwaltung wurde von ihm der Chef Freiherr von Eberstein gestellt, der sich, obwohl er keine andere Vorbildung mitbrachte als seine in Ostafrika gesammelten Erfahrungen, mit großer Umsicht und anerkennenswertem Fleiß, im Interesse der Sache, diesem ihm ursprünglich gewiß nicht angenehmen Amte widmete. Es gelang ihm auch mit den übrigen ihm unterstellten Beamten die Verwaltung, soweit es eben bei den damaligen Verhältnissen möglich war, in geordnete Bahnen zu lenken.

Daß man an einen Verwaltungsapparat, wie Ostafrika ihn heute hat, wo ein Intendant, ein Landrentmeister, ein Dutzend Zahlmeisteraspiranten, eine Anzahl Sekretäre außer den dazu kommandierten Deckoffizieren und Unteroffizieren dem Gouverneur zur Verfügung stehen, ganz andere Anforderungen stellen kann, liegt auf der Hand.

Nichtsdestoweniger wird von den Gegnern Wißmanns immer die Mangelhaftigkeit der damaligen Verwaltung gegen ihn angeführt.

Und thatsächlich ist auch an leitender Stelle dem Reichskommissar stark verübelt worden, daß sich die Intendantur nicht in ganz ordnungsgemäßen Bahnen bewegt hat.

Um von dem bedeutenden Umfange dieses Verwaltungsgeschäftes ein ungefähres Bild zu geben, mögen hier nur die wichtigsten Zweige desselben kurz erwähnt sein.

Es gehörte dahin die sehr komplizierte Soldberechnung der Truppen, welche bei dem verschiedenen Material auf ganz verschiedener Basis beruhte; die Herstellung und Instandhaltung der Mannschaftslisten, welche hier mehr denn irgend wo anders durch Krankheit, Verwundung und Tod fortwährenden Aenderungen unterworfen waren; ferner die besonders in der ersten Zeit ungemein schwierige Verpflegungsfrage.

In der ersten Zeit des Aufstandes, als die indischen Kaufleute noch nicht nach Bagamoyo und den übrigen Küstenplätzen zurückgekehrt waren und zudem die Zufuhr aus dem Innern mangelte, mußte die gesamte Verpflegung für Offiziere und Mannschaften von Sansibar aus durch die Verwaltungsabteilung besorgt werden. Dieselbe hatte ferner unter sich die gesamten Ausrüstungsgegenstände der Truppe, über welche ebenfalls eine Unzahl von Zu- und Abgangslisten geführt werden mußte.

Das gesamte Kriegsmaterial, ursprünglich in Daressalam untergebracht, unterstand selbstverständlich ebenfalls der Verwaltungsabteilung. Zu Anfang mußten die Journale darüber von den Stationsoffizieren geführt werden.

Daß diese Journalisten unter diesen Verhältnissen sich nicht immer durch absolute Vollständigkeit auszeichneten, liegt in der Natur der Sache. Denn welcher der Frontoffiziere sollte von dem komplizierten Schreibmechanismus der preußischen Verwaltung so durchdrungen sein, daß er alles zur Zufriedenheit der Oberrechnungskammer erledigen könnte?

Weitere Schwierigkeiten entstanden der Verwaltung aus dem vorhandenen Dampfermaterial, welches wiederum ganz neue Kenntnisse bei den Verwaltungsbeamten voraussetzte. Die Kohlenlieferungen, die Reparaturen an den Dampfern, die An- und Abmusterung von Mannschaften -- alles dies sind Verwaltungszweige, welche für sich allein schon einen geschulten Verwaltungsbeamten verlangt hätten.

Den letztgenannten Teil des Verwaltungsapparates behielt während des ersten halben Jahres des Kommissariats Eugen Wolf unter sich.

Ganz besonders anzuerkennen ist noch während der ersten Schwierigkeiten, welche sich dem Kommissariat entgegenstellten, die Hilfe der deutschen Firmen in Sansibar, besonders des Hauses Hansing u. Cie., dessen damalige Leiter Strandes, später Wegner mit ihrem kaufmännischen Rat und ihrer Kenntnis der örtlichen Verhältnisse wesentliche Dienste geleistet haben. Das Haus Hansing hatte, nebenbei bemerkt, die Hauptlieferungen für das Kommissariat übernommen und hat dieselben stets zur Zufriedenheit erledigt.

Alle Anforderungen bezüglich der Verwaltung kamen selbstverständlich am letzten Ende an den Reichskommissar, der in der That durch seine ungewöhnliche Arbeitskraft und durch sein überaus bedeutendes organisatorisches Talent in der Lage war, jedesmal die wenigstens für den Augenblick richtige Entscheidung zu treffen. Erst allmählich gelang es durch Heranziehung neuen europäischen Materials und durch die richtige Verwendung der zur Verfügung stehenden Kräfte einige Ordnung in den Verwaltungsdienst zu bringen und die einzelnen Zweige desselben zu organisieren.

Das Hauptquartier selbst war während der ganzen Zeit des Aufstandes in Sansibar in drei großen Gebäuden untergebracht. Das eine derselben, in der Hauptstraße gelegen, barg die sämtlichen Bureaus, außerdem befand sich dort die Wohnung des Reichskommissars und einiger Beamten. Ein zweites Gebäude diente zu Hospitalzwecken, ein drittes lediglich zu Wohnräumen für Offiziere. Ein Teil des Unteroffizierpersonals, welches beim Hauptquartier beschäftigt wurde, mußte trotzdem noch im Hotel untergebracht werden. Für diejenigen, welche in der Zeit des Reichskommissariats nach Sansibar kamen, mußte unzweifelhaft das Hauptquartier Wißmanns als der anziehendste Punkt der ganzen Insel gelten; war doch der Verkehr im Hauptquartier sogar lebhafter als der im Sultanspalast. In der nach arabischer Art mit Steinbänken ausgestatteten Halle wimmelte es von Kawassen und Dienern oder Boten. Im Hofe, in derselben Vorhalle, nur etwas weiter nach der Rückwand des Hauses zu, stampften die Pferde des Reichskommissars. Ein fortmährendes Gehen und Kommen deutscher Unteroffiziere gab Zeugnis von der regen Thätigkeit, welche den Tag über, zum Teil aber auch bis tief in die Nacht hinein in dem Hauptquartier herrschte.

Dazwischen fielen die zuweilen wegen ihrer langen Dauer keineswegs angenehmen Besuche vornehmer Araber und reicher Inder, welche wesentlich zur Belebung des Bildes beitrugen. Alle aber wurden vom Reichskommissar in Person stets mit der gleichen Liebenswürdigkeit empfangen und ihrem persönlichen oder Volkscharakter nach durchaus richtig behandelt. Man darf behaupten, daß niemand von diesen Bittstellern unzufrieden aus dem Kommissariat herausgegangen ist. Eine wesentliche Stütze hatte Wißmann dabei an seinem Adjutanten +Dr.+ Bumiller. Dieser war ursprünglich als Freiwilliger ohne irgend eine bestimmt in Aussicht genommene Verwendung nach Sansibar gegangen und wurde erst draußen von Wißmann als Lieutenant und persönlicher Adjutant in den Verband der Schutztruppe aufgenommen.

Es muß der außerordentlichen Arbeitskraft und Uneigennützigkeit Bumillers das vollste Lob gespendet werden. Wohl alle Schriftstücke von einiger Wichtigkeit sind durch seine Hände gegangen, beziehungsweise von ihm verfaßt worden. Seine sehr günstigen Privatverhältnisse setzten ihn außerdem in den Stand, in einer Weise, welche auf den ersten Blick sonderbar erscheinen konnte, dem Kommissariat Dienste zu leisten: wir meinen die äußere Ausstattung desselben und zwar besonders der Räume, welche für den offiziellen Gebrauch des Reichskommissars d. h. besonders für seinen Verkehr mit den auf Aeußerlichkeiten sehr bedachten Arabern bestimmt waren. Die kostbare Einrichtung des Salons, in welchem Wißmann die vornehmen Araber empfing, war Bumillers persönliches Eigentum und von ihm dem Kommissariat zur Verfügung gestellt worden. Schwerlich würde man in Berlin ohne weiteres begriffen haben, daß in dieser Beziehung die Aeußerlichkeiten von einer wesentlichen Wirkung sein konnten und mußten. Der Maskataraber verlangt aber, wenn er jemanden als eine besonders hervorragende Persönlichkeit anerkennen soll, daß derselbe, wenigstens in einem Verkehrscentrum wie Sansibar, durch äußeren Prunk in irgend einer Weise seine Bedeutung kundgiebt. Nach dieser Richtung hin hat Bumillers Liberalität zweifellos politische Früchte getragen, ganz abgesehen davon, daß auch dem Reichskommissar und den Offizieren der Schutztruppe an der Wahrung der äußeren Würde gelegen sein mußte.

Während ursprünglich nun die Verwaltungsgeschäfte unter der persönlichen Oberleitung Wißmanns sich in den Händen von Eberstein, Eugen Wolf und Bumiller vereinigten, wurde später eine notwendige Teilung der Geschäfte und der einzelnen Ressorts vorgenommen. Die eigentliche Verwaltung, d. h. die Verpflegungsgeschäfte, das Finanzdepartement, die Führung der Generallisten über Zu- und Abgang blieb unter der Leitung des Freiherrn von Eberstein im Hauptquartier. Das Kriegsmaterial dagegen wurde teils als fester Bestand auf die einzelnen Stationen verteilt und unterstand der Verwaltung der Stationschefs; teils befand es sich als Arsenal in Daressalam unter der Verwaltung des dortigen Chefs. Das Schiffsmaterial endlich war als besonderes Ressort dem Chef der neu gebildeten Seeabteilung, zuerst dem Kapitän Hansen, später dem Lieutenant zur See der Reserve von Sivers unterstellt.

Einen ganz besonders umfangreichen Zweig des Reichskommissariats bildete das von Anfang an unter eigener Verwaltung stehende Sanitätswesen. Bei Beginn der Thätigkeit des Kommissariats standen diesem zwei Ärzte vor: Stabsarzt Dr. Schmelzkopf und Assistenzarzt 1. Klasse Dr. Kohlstock. Es mag gestattet sein, an dieser Stelle noch etwas weiter zurück zu greifen und auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, welche sich schon beim Transport der Truppen für die Ärzte herausstellten. Wenn auch die erste Untersuchung in Kairo gesundes Material geliefert hatte, so zeigte sich bei der Langsamkeit des Transportes und bei dem Aufenthalt in Aden doch schon bald eine erhebliche Zahl von Erkrankungsfällen, zum Teil epidemischer Natur. In Aden brachen unter den Sudanesen die Pocken aus und griffen in erschreckender Weise um sich, so daß in Aden selbst bereits eine größere Anzahl Todesfälle eintraten, eine Reihe von Pockenkranken dort zurückgelassen werden mußte und auf dem Transport von Aden nach Sansibar in nur sieben Tagen noch 11 Personen der Krankheit zum Opfer fielen. Nur der durchgreifenden energischen Impfung des gesamten schwarzen Personals ist es zu danken, daß nicht eine vollkommene Dezimierung der Truppe eintrat.

Kaum in Sansibar angekommen, wurden an die Thätigkeit der Ärzte die außerordentlichsten Anforderungen gestellt. Die Einrichtung des Hospitals in Sansibar, die erste Hilfe in den Gefechten, die Überführung der Verwundeten und Kranken von der Küste nach Sansibar hinüber -- alles das waren Ausgaben, welche an die Hingebung beider Ärzte mehr als gewöhnliche Anforderungen stellten. Daneben ließ ihr Kriegseifer sie auch noch als Truppenführer in den Gefechten aktive Dienste thun. Die einzige Unterstützung für die Ärzte bildeten vier Lazarettgehülfen -- bei einer Truppe von mehr als 1000 Mann, zu denen die Familien der Sudanesen hinzukamen, eine verschwindende Anzahl! Eine Entlastung trat erst dann ein, als durch die Thätigkeit des deutschen Frauen-Vereins einige in der Krankenpflege ausgebildete Schwestern gesandt wurden, die im Haupthospital in Sansibar, sowie in dem bereits im Mai in Bagamoyo bei der dringenden Not errichteten Hospital Verwendung fanden. Leider hatte die Schutztruppe schon bald den Tod ihres ersten Chefsarztes, des +Dr.+ Schmelzkopf zu beklagen.

Als dieser mit Wißmann von den Operationen bei Pangani und Tanga zurückkehrte und auf dem Wege nach Daressalam war, welches er behufs sanitärer Einrichtungen inspizieren wollte, ertrank er im Meere bei dem Versuche Hilfe zu leisten. Der Hergang war etwa folgender:

Die »München«, welche eines Tages früh mit Wißmann und Schmelzkopf an Bord Sansibar verlassen hatte, konnte im Laufe des Tages wegen des hohen Seegangs den Hafen von Daressalam nicht mehr erreichen und war genötigt bei einer kleinen, der Rhede dieses Platzes vorgelagerten Insel Anker zu werfen. Wißmann ging mit einem Beamten der Ostafrikanischen Gesellschaft, Heinz, der nach Daressalam versetzt worden war, ans Land; doch nur mit Mühe gelang es ihnen, in dem kleinen schadhaften Boote bei dem schweren Seegange glücklich die Insel zu erreichen. Dadurch war jedoch, wie man von Bord aus erkennen konnte, das Boot so leck geworden, daß Wißmann an der Rückkehr verhindert war. Als diese auch bis zum nächsten Morgen nicht erfolgte und die an Bord gebliebenen Herren Besorgnisse zu hegen anfingen, machte Schmelzkopf, der ein vorzüglicher Schwimmer war, den Versuch, mit einigen Stärkungsmitteln in Flaschen und einem Päckchen kleiner Nägel zum Kalfatern des Bootes um den Hals, schwimmend ans Land zu kommen, um Wißmann Hilfe zu bringen. Er wurde noch einige Zeit vom Schiffe aus beobachtet, kam dann aber plötzlich außer Sicht. Wißmann und Heinz hatten inzwischen mit ihren eigenen Kleidungsstücken und den Lappen der Neger, so gut es eben gehen wollte, das Boot kalfatert und kamen mit Mühe und Not glücklich an Bord zurück. Schon vom Lande aus hatten sie die »München« hin- und herfahren sehen und geahnt, daß etwas vorgefallen sei. An Bord angekommen, erfuhren sie von dem Wagnis Schmelzkopfs, der zweifellos seiner kameradschaftlichen Opferwilligkeit zum Opfer gefallen war. Wahrscheinlich ist es, daß er entweder in den Fluten von einem Herzschlag getroffen oder von einem Hai, die ja in jenen Gewässern sehr zahlreich sind, in die Tiefe gezogen wurde. Nach zwei Stunden vergeblichen Suchens fuhr die »München«, die Flagge halb Mast, weiter nach Daressalam. Durch den Tod dieses allgemein beliebten Mannes, der nicht nur als stets hilfsbereiter Arzt, sondern auch gerade in seiner Eigenschaft als ältester Kamerad nächst Wißmann einen segensreichen Einfluß in der Truppe ausgeübt hatte, wurden wir alle in tiefe Trauer versetzt. Die bei den Fischern, welche mit ihren kleinen Böten jene Gegend befuhren, eingezogenen Erkundigungen blieben gänzlich resultatlos. Das ein Jahr später der Unglücksstelle gegenüber +Dr.+ Schmelzkopf gesetzte Denkmal erzählt auch den Späteren, die ihn nicht gekannt, von der Berufstreue und Opferwilligkeit des ersten Chefarztes der Schutztruppe.

An seine Stelle trat +Dr.+ Kohlstock[2], der nun allein mit gleicher Gewissenhaftigkeit die gesamte ärztliche Thätigkeit in seine Hand nahm, bis er später durch die Sendung dreier Militärärzte die nötige Unterstützung erhielt. Obwohl die Ärzte zu jener Zeit durch ihren Beruf schon mehr als genug in Anspruch genommen waren, mußten sie doch bei dem großen Mangel an Europäern, wie erwähnt, noch Dienste als Offiziere verrichten. Schmelzkopf, Kohlstock, Stabsarzt +Dr.+ Becker, +Dr.+ Gärtner und +Dr.+ Brehme haben alle neben ihrer Thätigkeit als Ärzte Truppen gedrillt, ja sogar teilweise die Führung von Kompagnien übernommen und auch an den Gefechten in anerkennenswerter Weise Anteil genommen. Heutigen Tages ist die Zahl der Ärzte sowohl wie der Abgesandten des deutschen Frauenvereins stark vermehrt worden. Wir können dem Frauenverein für seine Opferwilligkeit nicht dankbar genug sein.

Im Voraus sei erwähnt, daß, um die Schwierigkeiten des Transportes zu vermeiden, später zu den Hospitälern in Sansibar und Bagamoyo noch ein drittes in Pangani gefügt werden mußte. Während nach der wegen schwerer Malaria nothwendig gewordenen Heimreise des +Dr.+ Kohlstock der Stabsarzt +Dr.+ Becker in Sansibar selbst als Chefarzt fungierte und von hier aus die beiden andern Hospitäler oder sonstige auf den Stationen befindliche Krankenhäuser besuchte, unterstand das Hospital in Bagamoyo während des Feldzuges im Norden dem +Dr.+ Brehme und das Hospital in Pangani dem +Dr.+ Gärtner.

Die Gestaltung der Truppe hatte während der ersten Monate des Kommissariats eine durchgreifende Veränderung erfahren und bot sie jetzt einen ganz andern militärischen Anblick als zuvor. Bei der außerordentlichen Kürze der Zeit, welche dem Reichskommissar in Berlin und Kairo zur Verfügung gestanden hatte, war es ganz unmöglich gewesen, die Truppen in geeigneter Weise einzukleiden und einzuexerzieren. Bei der Ankunft in Sansibar und während der ersten Gefechte um Bagamoyo trugen die Truppen die fabelhaftesten, aus Kairo mitgebrachten Kostüme. Es sah nichts weniger als kriegerisch aus, wenn der eine im Kaftan, ein andrer im Araberhemd, wieder ein andrer mit Resten ehemaliger europäischer Kleidung behängt Frontdienste that. Aber die Not zwang zu schnellem Vorgehen und ließ uns alle anderen Rücksichten außer Acht setzen. Es ist ja auch das außerordentlich schnelle Eingreifen einer erheblichen deutschen Macht sowohl auf Eingeborene wie auf Araber und Inder von durchschlagender Wirkung gewesen.

Bereits früher ist kurz auf die erste Ausbildung der Sudanesen in Kairo und Aden hingewiesen worden. Während in der ersten Zeit die egyptischen Kommandos gebraucht und infolgedessen die direkten Befehle durch die farbigen Offiziere den Truppen übermittelt wurden, stellte sich bald die Notwendigkeit heraus, das deutsche Kommando allgemein durchzuführen, weil ja selbstverständlich dadurch die Wirkung des Führers auf die Truppe ungleich gesteigert und dieselbe eher zu einem direkten Werkzeug des Führers gemacht wurde. Während ferner anfänglich lediglich Gewicht auf den Gefechtsdienst gelegt ward und eigentlich den ersten Truppen weiter nichts beigebracht worden war, als das Draufgehen im Sturmschritt, trat jetzt, als etwas größere Ruhe sich einstellte, eine wesentliche Ausdehnung des Dienstes ein. Es wurden die Truppen erst zu solchen gemacht. Als Uniform war für die Sudanesen im großen und ganzen die egyptische beibehalten worden: ein Anzug aus sogenanntem Kaki, einer sandfarbenen Leinewand, welche mit großer Haltbarkeit den Vorteil vereinigte, daß sie nicht so leicht unansehnlich wurde. Der Form nach bestand und besteht der Anzug auch heute noch in einer Art Jaquet mit Achselklappen ohne besonderes Abzeichen auf denselben, einer bis zur halben Wade reichenden Hose, welche später nach unserem militärischen Schnitt umgeformt worden ist, einer Beinbinde aus dunkelblauem dünnen Stoff, welche vom Fuß an aufwärts bis zum Knie in eng übereinander liegenden Touren spiralförmig gewickelt wurde und derben Lederschuhen. Die letzteren waren in Deutschland angefertigt worden, doch zeigte sich leider bei der ganzen ersten Sendung, daß die deutschen Schuhmacher keineswegs mit Negerfüßen zu rechnen verstanden. Die Schuhe waren alle viel zu klein und in der Form des Schnittes durchaus ungeeignet. Erst später konnte hier Abhilfe geschaffen werden. Zur Kopfbedeckung wurde ursprünglich der leichten Beschaffung wegen der Fez gewählt, doch wurde derselbe später durch den ungleich kleidsameren und praktischeren Turban ersetzt.

Die Bewaffnung bildete bei den schwarzen Truppen durchgängig das Mausergewehr Konstruktion 71, ein Infanterie-Seitengewehr[3] und zwei vordere und eine hintere Patronentasche. Außerdem führte jeder Soldat als Gepäck einen Tornister aus braunem Segeltuch, ebenso Brotbeutel und eine dünne Decke, welche, mantelähnlich znsammengerollt, auf der Brust getragen wurde.