Part 17
Das zweite Bataillon war während der Landung der »Harmonie« nordwärts vorgeschoben und hatte die Vorposten zu stellen. Noch während der Landung wurden dieselben von einem etwa 200 Mann starken Trupp, der offenbar auf die Nachricht von unserer Landung hin von Kilwa Kiwindje ausgesandt war, angegriffen. Der Gegner wurde indes nach kurzem Gefecht unter bedeutenden Verlusten zurückgeworfen.
Unmittelbar nach erfolgter Landung des auf der »Harmonie« eingeschifften Bataillons wurde der Vormarsch auf Kilwa (in der Marschordnung: zweites, erstes, drittes Bataillon), angetreten. Der Marsch führte zunächst an der Küste entlang nach Norden, dann bogen wir nach Nordwesten ab in der Richtung auf den Kisimo-Berg.
Unterwegs wurde unsere Tête fortwährend von Rebellen angegriffen, jedoch wurde der Marsch hierdurch nicht verlangsamt, da es zumeist nur des Einsetzens der Têten-Kompagnie bedurfte, den Gegner zurückzuwerfen. Dagegen hatten wir in Folge der großen Hitze, der schlechten Ernährung und der überstandenen Seekrankheit einige Fälle von Sonnenstich, was uns einigermaßen aufhielt. Während der Nacht vom 3. zum 4. Mai wurde Bivouak in einer verlassenen Ortschaft bezogen. Die Nacht verlief ohne jede Störung, obgleich das stark coupierte Terrain und die Tags zuvor sich immerfort wiederholenden Angriffe des Feindes auch Unternehmungen desselben bei Nacht erwarten ließen. Selbstverständlich waren nach dem Beziehen des Bivouaks alle Vorsichtsmaßregeln getroffen und starke Vorposten ausgestellt worden.
Am 4. Mai morgens wurde der Weitermarsch fortgesetzt, abermals unter schnell zurückgewiesenen Angriffen der Gegner. Gegen 7 Uhr wurde das Feuer der Kriegsschiffe hörbar. Die vorzüglich einschlagenden Granaten legten einen beträchtlichen Teil der Befestigung an der Front nieder, ebenso eine Menge massiver Bauten in der Stadt. Ein Teil derselben, der aus Negerhütten bestand, geriet in Brand, ein Teil der Pulvervorräte des Feindes flog in die Luft.
Als sich unsere Truppen um 8 Uhr der Stadt von Südwesten her näherten, dirigierte der Reichskommissar das zweite Bataillon auf den Süden der Stadt, das erste auf die Westlinie, während das dritte als Reserve folgte. Dicht vor der Stadt wurden noch einige Granaten in dieselbe geworfen und eine Patrouille mit der deutschen Flagge rechts nach dem Strande gesandt. Sie sollte der Marine das Zeichen zum Einstellen des Feuers geben, damit wir selbst zum Angriff vorgehen könnten.
Zu unserer großen Überraschung konnten wir, ohne Feuer zu erhalten, in die Stadt eindringen: sie war während der letzten Nacht geräumt worden. Wir hatten erwartet, daß die fanatischen Rebellen von Kilwa Stand halten würden, und daß es zu einem sehr erbitterten Straßenkampfe kommen würde, wobei die vielen festen Steinhäuser vorzügliche Reduits für die Rebellen hätten bilden können. Wäre es uns dann gelungen, den Gegner aus der Stadt zu treiben, so hätte ihm nach Erstürmung des südlichen Stadtteils das erste Bataillon vom Westen her den Rückzug abgeschnitten, und der Feind wäre in den Terrain-Abschnitt zwischen den Meeresstrand und den Fluß gedrängt worden, wo er ertrunken oder in unsere Hände gefallen wäre. Die Rebellen waren indes eingeschüchtert. Sie hatten erwartet, daß wir lediglich von der Seeseite angreifen würden, wo sie sich durch eine sehr stark angelegte doppelte Pallisadenreihe, in deren Mitte Erde geschichtet war, befestigt hatten. An verschiedenen Stellen der Pallisaden waren Bastionen errichtet, deren Armierung im ganzen aus acht primitiven Geschützen bestand. Im Norden und Süden stießen die Befestigungen an Creeks; an den Seiten dagegen waren Befestigungen überhaupt nicht angebracht.
Da wir den Rebellen den Gefallen nicht gethan hatten, die stärkste Seite der Stadt anzugreifen, und ihre Versuche, uns durch Entgegenwerfen stärkerer Trupps im Vormarsch aufzuhalten, ebensowenig Erfolg gehabt hatten, warfen sie die Flinte ins Korn und gaben die Stadt preis. Nach den eingezogenen Erkundigungen waren die Verluste an Menschenleben, welche die Rebellen durch die Beschießung der Marine erlitten hatten, ganz geringfügig, sie betrugen nur 2 Mann; um so größer aber war der moralische Eindruck gewesen, den das Bombardement und der Brand in der Stadt hervorriefen. Um nicht die ganze Stadt abbrennen zu lassen, mußten wir selbst zum Löschen schreiten.
Der Verlust der Schutztruppe vor Kilwa betrug drei Tote und einige Verwundete. Die Marine war, da ihre Schiffe aus einer Entfernung von über 3000 +m+ feuerten, selbstverständlich nicht durch die Rebellen gefährdet. Die Verluste, welche die Rebellen in den vereinzelten Gefechten beim Anmarsch der Schutztruppe von Süden her erlitten, beliefen sich auf etwa 30 Mann. Recht wunderbar schien es uns, daß obwohl unsere Marine stets recht gut schoß, die Verluste der Rebellen an Menschenleben so ungeheuer gering waren und der Schätzung der Marine stets bedeutend nachstanden. Man sah, daß die Granaten meist vorzüglich krepierten, dennoch aber keine Verluste beibrachten. Gewiß ist in dieser Beziehung der Vorschlag des Admirals Deinhard, statt mit Granaten mit Shrapnels gegen lebendige Ziele zu feuern und die in Ostafrika stationierten Kriegsschiffe mit solchen zu versehen, sehr beachtenswert.
Kilwa Kiwindje ist die größte und bedeutendste Stadt des Südens, fast so groß wie Bagamoyo, wenn auch als Handelsplatz bei weitem nicht von derselben Bedeutung. Die Zahl der Steinhäuser und besonders der geräumigen Steinhäuser übersteigt erheblich die in allen andern Plätzen. Leider hat Kilwa eine sehr schlechte Rhede und der sehr schlickige Strand erschwert sogar das Landen mit den Booten. Die Bedeutung Kilwas ist ersichtlich aus der großen Zahl der hier wohnenden Inder. Annähernd 100 Geschäfte von Hindus und Banianen befinden sich in der Stadt.
Auf der Rhede von Kilwa lag zur Zeit unseres Angriffes das englische Kriegsschiff »Turquoise«, um diejenigen von den indischen Unterthanen aufzunehmen, welchen der Aufenthalt in der Stadt zu unsicher erschien und welche die Absicht hatten, nach Sansibar überzufahren. Es schifften sich denn auch 12 Männer und 105 Frauen und Kinder auf der »Turquoise« ein; ein Inder war noch unmittelbar vor dem Abzug der Rebellen in seinem Hause ermordet und sein Laden vollständig ausgeplündert worden. Bei unserm Einzuge fanden wir die Inder fast alle aus der Stadt geflüchtet und erst auf gutes Zureden, nachdem wir Friedensboten zu ihnen gesandt, waren sie zur Rückkehr zu bewegen.
Die Stärke des Feindes variierte nach den Angaben der Inder zwischen 5 und 7 Tausend Mann, doch scheint diese Zahl von den für größere Zahlenangaben wenig Verständnis besitzenden Leuten sehr übertrieben zu sein.
Nach unserem Einrücken in die Stadt wurden die im Besitze der Rebellen befindlichen Häuser geplündert und nachdem das Vieh, welches in der Stadt und deren Nähe sich vorfand, zusammengetrieben war, bezogen die Truppen Quartiere. Jedem Bataillon wurde ein Teil der Stadt überwiesen und diese Bereiche in Kompagnie-Reviere eingeteilt. So kamen hier nach der Seefahrt und dem Marsch im Regen, -- seit unserer Abfahrt von Daressalam hatte es fast ununterbrochen in Strömen gegossen, -- die Truppen zum ersten Mal in trockene Quartiere. Da sich durch die Stadt Kilwa selbst ein Creek hindurchzieht, und außerdem in der Regenzeit das ganze Terrain in und um Kilwa zum Sumpfe wird, in welchem gerade jetzt viel Erdarbeiten auszuführen waren, so kann es nicht Wunder nehmen, wenn in der nächsten Zeit der Gesundheitszustand der Truppen ein sehr schlechter war.
Am Tage nach dem Einrücken wurde eine Patrouille von 3 Kompagnien nach dem Singino-Hügel geschickt, welche die Meldung zurückbrachte, daß der erste Halt der flüchtigen Aufständischen 7 Stunden von Kilwa entfernt läge, aber kaum Aussicht sei, daß dieselben einer anrückenden Truppe weiterhin Stand halten würden.
Man ging nun eifrig an das Ausladen der Dampfer, welche die für Kilwa bestimmten Baumaterialien, Munition und Proviant gebracht hatten, und bereitete die Befestigungsarbeiten vor, so daß der Platz von zwei Kompagnien gehalten werden konnte. Als Platz für die Station wurde das alte am Strande gelegene Zollhaus und drei andere Steinhäuser ausgesucht, die zunächst durch eine provisorische Umwallung aus Wellblech (mit Erdaufwurf zwischen den Wellblechen) und durch einen Stacheldrahtzaun derart umgeben wurden, daß sie mit den Geschützen und der zugehörigen Besatzung ein wohl zu verteidigendes Fort bildeten. Die Station wurde am 8. Mai nachmittags mit 15 Europäern, 2 Kompagnien und 2 Geschützen dem Chef von Zelewski übergeben.
Am 9. Mai erfolgte die Einschiffung der übrigen Truppen und zwar an Bord der »Carola«, »Schwalbe« und »Barawa«, da »Harmonie« wegen ihrer bewiesenen Untüchtigkeit in Kilwa zurückgelassen wurde. Am Mittag des 9. Mai gingen »Carola«, »Schwalbe«, »Barawa«, »München« und »Vesuv« nach Lindi, unserem nächsten Ziele, ab, wo wir am Morgen des 10. Mai eintrafen.
Die Stadt Lindi, meist aus Negerhütten bestehend, weist nur ganz wenige Steinhäuser auf. Sie liegt auf der nördlichen Seite eines von See aus ins Land sich hineinziehenden sehr breiten Creeks. Die Ausdehnung der Stadt ist keine große, da unmittelbar hinter derselben eine ziemlich bedeutende Hügelkette eine natürliche Grenze bildete. Am Ende des Creeks mündet in diesen der Ukeredi-Fluß. Nach unserer Ankunft vor dem gewissermaßen den Hafen bildenden Creek gingen die Dampfer »Schwalbe«, »Barawa«, »München« und »Vesuv« in denselben, den sogenannten Lindi-Fluß hinein, während »Carola« von der Rhede aus die Operation auf Ansuchen des Majors Wißmann durch Hineinwerfen dreier schwerer Granaten in die Stadt eröffnete. Wir erhielten im Flusse sowohl von der Lindiseite aus, als auch von der entgegengesetzten Seite des Flusses Feuer, welches die »Schwalbe« mit Revolvergeschützen erwiderte, während ich von der Kommandobrücke der »Barawa« aus mit dem Maxim-Gun die am Strande von Lindi befindlichen Rebellen beschoß. Obgleich die Lindileute fast gar keine Verluste erlitten, wurde doch der Strand von ihnen geräumt, und unsere Landung erfolgte ohne Verluste.
Der Vormarsch gegen die Stadt machte keine Schwierigkeiten. Überall wurde das Terrain im Umkreis von den Rebellen gesäubert. Wo sie sich zeigten, wurden sie, ohne daß sie bedeutenden Widerstand leisteten, zurückgeworfen. Nach der Besetzung der Stadt wurden alsbald Vorposten aufgestellt und mit den Löscharbeiten begonnen. Eine von uns unternommene stärkere Rekognoszierungs-Patrouille, bei der wir an einzelnen Stellen beschossen wurden, hatte zwar die Rebellen über die benachbarte Hügelkette hinaus gejagt, doch wurden während der Nacht unsere Vorposten noch an verschiedenen Stellen, allerdings ohne Erfolg, angegriffen. Ein weißer Unteroffizier wurde bei der Schießerei während der Nacht verwundet. Zur provisorischen Befestigung wurde ein Platz am Strande ausersehen und drei hier befindliche Steinhäuser durch entsprechende Verbindung verteidigungsfähig eingerichtet.
Am 11. Mai bereits kehrte der Araber Selim ben Salum, welcher oberhalb des Flusses seine Schamba hatte, auf einem Boote mit der weißen Friedensfahne zurück und bot seine sowie aller Araber Unterwerfung an. Ebenso schickten die Hauptführer an diesem Tage Boten zu uns, welche um Frieden und Begnadigung baten. Die »Carola« verließ am Nachmittag des 11. Mai die Rhede, zeigte sich dann vor Mikindani und kehrte von da nach Sansibar zurück. Am 12. wurde vom Reichskommissar mit dem Dampfer »München« eine Rekognoszierung den Lindifluß aufwärts unternommen und die Niederlassung des bereits erwähnten Selim besucht. Hier waren alle Araber der Umgegend versammelt und zeigten dem Reichskommissar ihre vollständige Unterwerfung an.
Am 13. wurde die Station Lindi mit 18 Europäern, zwei Kompagnien und 6 Geschützen dem Verfasser übergeben. Der Reichskommissar brach mit den übrigen Truppen nach Mikindani auf, wo er an demselben Nachmittag eintraf. Bereits über Land war an den Wali von Mikindani ein Brief abgesandt mit der Aufforderung, beim Eintreffen des Reichskommissars sich diesem friedlich zu unterwerfen. Und so kamen denn auch bei der Einfahrt in den Hafen bereits Boten mit weißen Flaggen entgegen, welche Briefe vom Wali und den Jumbes überbrachten, in denen sie ihre Unterwerfung anzeigten. Der Reichskommissar begab sich sofort an Land und fand an der Stelle der späteren Station im ganzen 100 meist bewaffnete Araber zum Schauri versammelt. Sie wurden ermahnt, sich in den Ortschaften um Mikindani ruhig zu verhalten, und es wurde ihnen mitgeteilt, daß am nächsten Morgen die Truppen ausgeschifft und mit dem Bau einer Befestigung begonnen werden würde. Eine Sorge für ihr Leben und Eigentum hätten die sich friedlich Unterwerfenden nicht zu hegen.
Nach Ausschiffung der Truppen am nächsten Morgen wurden auch hier die provisorischen Befestigungsarbeiten vorgenommen, nachdem die friedliche Unterwerfung aller Einwohner angenommen war. Nur ein Dorf, welches die Friedensflagge nicht gehißt hatte, wurde von den Negern geräumt.
Der Wali, der Jemadari und der Akida des Sultans wurden in die Dienste des Reichskommissars übernommen und zum Gehorsam verpflichtet. Die Leitung der weiteren provisorischen Befestigungsarbeiten wurde dem Chef +Dr+. Karl Wilhelm Schmidt übertragen, der einige Tage darauf auf Befehl des Reichskommissars die Station mit 11 Europäern, 2 Kompagnien und 4 Geschützen an Chef End zu übergeben hatte. Die beiden übrigen Kompagnien Dr. Schmidts sollten nach Bagamoyo und Pangani zurückgesandt werden. Er selbst hatte den Befehl, auf der »Schwalbe« nach Sansibar zu kommen.
Auf der Rückfahrt von Mikindani lief der Reichskommissar mit der »München« die Plätze Lindi und Kilwa nochmals an und fand daselbst alles in guter Ordnung. In Kilwa hatten sich bereits einige 100 Eingeborene wieder eingestellt. Der größte Teil der Aufständischen war noch einige Tagereisen von Kilwa entfernt versammelt. Kilwa Kisiwani hatte als Vertreter einen völlig arabisierten Italiener, der Jussuf genannt wurde, an Chef von Zelewski gesandt, mit der Bitte auch nach Kisiwani Truppen hineinzulegen.
Am 17. Mai traf der Reichskommissar wieder in Sansibar ein und ging von dort aus am 18. nach Sadani. Bana Heri, der dem Reichskommissar, wie erwähnt, sein Schwert, das er im Aufstande gegen ihn geführt, übersandt hatte, trug ihm jetzt die Bitte vor, ihm ein anderes Schwert zu übergeben, das er von jetzt an nur in deutschen Diensten tragen würde. Seine Bitte wurde erfüllt.
In Sadani war der Araber Mohammed ben Kassim aus Tabora, der allgemein beschuldigt wurde, den deutschen Kaufmann Giesecke im Jahre 1885 in Tabora ermordet zu haben, durch Lieutenant Sigl nach erfolgter Rekognoszierung durch den Irländer Stokes dingfest gemacht worden. Wißmann, der Mohammed ben Kassim bereits drei Jahre früher am Lualaba kennen gelernt hatte, erkannte denselben wieder und sandte ihn nach Bagamoyo, woselbst er ein Kriegsgericht über ihn anordnete. Der Sultan Said Ali selbst bat zwar, seinen Unterthan Mohammed ben Kassim ihm auszuliefern, doch wurde das Ansuchen von Wißmann abgeschlagen.
Am 26. Mai trat der Reichskommissar, dessen Gesundheit durch die fortwährenden Strapazen sich sehr erheblich verschlechtert hatte, einen ihm bewilligten Urlaub nach Deutschland an, nachdem er zuvor an den von Mikindani zurückgekehrten Chef +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt für die Dauer seiner Abwesenheit die Geschäfte des Reichskommissariats übergeben hatte.
12. Kapitel.
Das Reichskommissariat unter Wißmanns Stellvertreter +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt.
Innerer Ausbau und Organisation des Kommissariats. -- Beaufsichtigung und Kontrolle der Karawanen. -- Verurteilung des Mörders Gieseckes, des Arabers Mohammed ben Kassim. -- Deputationen aus dem Innern melden die Unterwerfung der Bevölkerung. -- Einfall der Mafiti in Usaramo. -- Expedition des +Dr.+ Schmidt nach Usaramo bis an den Rufidji-- Unterwerfung des Jumbe Pangiri. -- Expedition des Chef von Perbandt nach Nguru zur Sicherung der katholischen Mission. -- Verhandlungen mit der Bevölkerung im Süden. -- Ausbau der Station Kilwa durch Zelewski. -- Anknüpfung von Beziehungen mit den Eingeborenen um Lindi und Mikindani. -- Expeditionen zu diesem Zweck in das Hinterland. -- Die Sklavenfrage in und um Lindi. -- Die Wahiyao und der Häuptling Maschemba. -- Verhandlung mit letzterem. -- Scheinbare Unterwerfung desselben. -- Pulverschmuggel im Hinterland von Lindi. -- Unterdrückung des Pulverschmuggels durch Benutzung der Eingeborenen und Händler. -- Die Stämme im Hinterland des Südens. -- Beschaffenheit des Hinterlandes. -- Charakter der Lindi-Leute. -- Expedition des Verfassers mit Chef End zu Maschemba. -- Besuch des Makanda-Häuptlings Schikambo. -- Krieg zwischen Schikambo und Maschemba. -- Expedition des +Dr.+ Schmidt mit den Stationschefs von Lindi und Mikindani zu den englischen Missionsstationen und an den Rovuma. -- Gefecht bei Kisanga; Verwundung des Verfassers. -- Der Rovuma. -- Ankunft in Mikindani. -- Informationsreise des Herrn von Soden nach Ostafrika. -- Soden als Ersatz für Wißmann in Aussicht genommen.
Die Hauptaufgabe des Stellvertreters des Reichskommissars, +Dr.+ Schmidt, lag auf friedlichem Gebiete. Nach der Wiedergewinnung der ganzen Küste und nach vollkommener Pacificierung des nördlichen Teils unseres Interessen-Gebietes konnte während der Abwesenheit Wißmanns an dem innern Ausbau und der Organisation des Reichskommissariats gearbeitet werden. +Dr.+ Schmidt wurde dieser Aufgabe gerecht durch Erlaß einer Reihe von Bestimmungen über die Thätigkeit, Diensteinteilung und Befugnis der Stationschefs und die Abgrenzung der Stationsbereiche, welche natürlich durch die praktischen Verhältnisse vorgezeichnet waren. Bei der Feststellung des Verhältnisses der Stationschefs zur eingeborenen Bevölkerung und den Karawanen traf er Anordnungen über die Beaufsichtigung und Kontrolle der Karawanen, die Abstempelung der Schußwaffen, welche dieselben mit sich führten, über den Verkauf von Waffen und Munition an Karawanen und über den Kautschuckhandel, um der häufigen Verfälschung dieses wertvollen Produktes durch die Neger vorzubeugen, endlich über die militärischen Befugnisse der Stationschefs und Offiziere und dergleichen mehr. Im allgemeinen wurden hierbei natürlich die von Wißmann stets gehandhabten Grundsätze gewahrt und nur die bisher in der Praxis allgemein befolgten Prinzipien in feste Form gelegt.
Wir haben bereits erwähnt, daß es in Sadani gelungen war, den Araber Mohammed ben Kassim aus Tabora festzunehmen, und daß der Reichskommissar die kriegsgerichtliche Aburteilung desselben befohlen hatte. Die vorgenommene Untersuchung ergab die volle Schuld nicht nur in Betreff der dem Mohammed ben Kassim zur Last gelegten Ermordung des deutschen Kaufmannes Giesecke zu Tabora, sondern es wurde auch festgestellt, daß er im Jahre 1889 nach Begründung der Station Mpapua mit einer größeren Masse von Arabern und Sklaven einen Angriff auf die Station beabsichtigt und bereits im Anmarsch auf dieselbe gewesen sei. Nur durch die ihn aus Furcht vor den Deutschen zurückhaltenden Wagogo war er am Durchmarsch durch Ugogo behindert worden. Mohammed den Kassim wurde infolgedessen zum Tode durch den Strang verurteilt. Später erst sind zudem, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, seine Absichten gegen uns im vollen Umfange bekannt geworden.
Es entwickelten sich unter der Vertretung durch +Dr.+ Schmidt die Verhältnisse im Norden weiterhin durchaus befriedigend. Viele Häuptlinge aus dem Innern, mit denen bereits Wißmann Beziehungen angeknüpft hatte, kamen herunter zur Küste und legten Zeugnis von ihrer Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft und von ihrem Gehorsam ab. Der Karawanen-Verkehr nahm einen erfreulichen Aufschwung. Zu Masinde, dem Sitz des Häuptlings Simbodja, ließ Schmidt, obgleich dieser Häuptling ebenfalls Proben seiner Ergebenheit und guten Gesinnung gezeigt hatte, doch, um ihn kontrolieren zu können, eine befestigte Station durch Chef Ramsay anlegen.
Nur Usaramo wurde, trotz der Niederlage der Mafiti bei Jombo im Jahre zuvor, durch einen erneuten Einfall derselben auf große Strecken hin verwüstet und entvölkert, sodaß sich der stellvertretende Reichskommissar genötigt sah, eine Expedition gegen die Mafiti mit zwei Kompagnien zu unternehmen. Der Marsch wurde von Bagamoyo aus angetreten und führte über die alten Stationen der Ostafrikanischen Gesellschaft Dunda, Madimola und Usungula nach der französischen Missionsstation Tununguo, welche am meisten von den Mafiti bedroht erschien. Auf der Station wurde zur Bedeckung derselben ein weißer Unteroffizier und 20 Mann zurückgelassen. +Dr.+ Schmidt marschierte nach dem Dorfe Zungumero, drei Tagereisen südlich von der Station, woselbst die die Mission bedrohende Abteilung der Mafiti sich befinden sollte. Das große und stark befestigte Dorf wurde jedoch verlassen vorgefunden. Da es nicht gelang, die Eingeborenen zum Eingehen auf Unterhandlungen zu bewegen, wurde der Ort niedergebrannt.
Der Weitermarsch führte nach dem Rufidji, woselbst ebenfalls noch Mafitis versammelt sein sollten. In diese Gegend hatte sich auch der Jumbe Pangiri, dessen Dorf Pangiri, wie wir in einem früheren Kapitel erwähnt, vom Reichskommissar bei Antretung der Mpapua-Expedition zur Strafe zerstört worden war, geflüchtet und hatte Unterstützung bei der Bevölkerung jener Gegend gefunden. Er erschien jedoch bei der Ankunft des +Dr.+ Schmidt freiwillig in dessen Lager, um sich auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen. Schmidt erteilte ihm Amnestie unter der Bedingung, daß er mit der Expedition zugleich nach der Küste zurückkehre und sich in seinem alten Dorfe niederlasse. In der That schloß sich Pangiri mit seinen Leuten sofort der Expedition an. Mit dem Jumbe Pangiri war der letzte der angesehenen Rebellen-Häuptlinge des nördlichen Teils der Küste zurückgekehrt.
Der Rückmarsch wurde zunächst längs des Rufidji angetreten. +Dr.+ Schmidt, den dringende Verwaltungs-Geschäfte nach Sansibar riefen, marschierte in Eilmärschen von Mtansa aus mit einer kleinen Bedeckung nach Daressalam, während Chef Ramsay den Auftrag erhielt, sich mit dem Gros der Expedition über den Rufidji nach Kilwa zu begeben und bei dieser Gelegenheit die Verhältnisse des Hinterlandes von Kilwa möglichst aufzuklären.
Von den Mafitis war das ganze Land zwischen dem Kingani und dem Rufidji einerseits und der Küste und Mahenge andrerseits stark verwüstet; auch hatten sie überall wieder die gewöhnlichen Grausamkeiten verübt. Um diesen Einfällen der Mafiti vorzubeugen und die eingeborene Bevölkerung vor ihnen zu sichern, schlägt +Dr.+ Schmidt die Anlage einer Station in der Gegend der Schuguli-Fälle am Rufidji vor, durch welche, nach Ansicht des +Dr.+ Schmidt, sowohl die südlich des Rufidji wohnenden als auch die nördlichen Mafitistämme in Schach gehalten werden sollten; es ist dies indes von einer einzigen Station um ein Bedeutendes zu viel erhofft.
Einer Expedition des stellvertretenden Stationschefs von Bagamoyo, Herrn von Perbandt, in dieser Zeit sei noch Erwähnung gethan. Sie hatte den Zweck, kleinere nördlich der durch Nguru führenden Karawanenstraße vorgekommene Unruhen zu beschwichtigen, wurde auf Befehl des Reichskommissars ausgerüstet und von Herrn von Perbandt geschickt und schneidig durchgeführt.
Die Verbindung nach den Süd-Stationen war bei den großen Entfernungen und der während der Zeit des Südwest-Monsums herrschenden hohen See durch die kleinen Dampfer schwer aufrecht zu erhalten und wurde, da eine Masse Baumaterial und Proviant des öfteren nach den Stationen geschickt werden mußte, durch den vom Sultan von Sansibar gecharterten Dampfer »Barawa« hergestellt. Auf den Süd-Stationen selbst entwickelten sich die Verhältnisse in durchaus befriedigender Weise.
Die Aufständischen um Kilwa hatten sich zunächst in der Absicht, weiteren Widerstand zu leisten, etwa in 8 Stunden Entfernung verbarrikadiert, doch gaben sie die Absicht eines Angriffs bald auf und faßten statt dessen den weniger energischen Entschluß, wenn ihnen von der Station Kilwa aus auf den Leib gerückt würde, Fersengeld zu geben. Der stellvertretende Reichskommissar hatte sich aber von der Möglichkeit überzeugt, daß die Verhältnisse um Kilwa, -- nachdem der Ort seine verdiente Strafe durch das Bombardement und die Einnahme der Stadt erlitten und wir unserer Macht durch Anlage einer starken Station Ausdruck gegeben hatten, -- weiterhin im guten zu regeln seien. Er gab deshalb die Instruktion, daß alles daran gesetzt werden sollte, die Leute zur Rückkehr zu bewegen, damit der alte Handelsplatz Kilwa bald wieder seine frühere Bedeutung zurückgewinne. Chef von Zelewski pflog auch durch Unterhändler mit den Aufständischen Verhandlungen, um dieselben zur Rückkehr in die Stadt zu bewegen, aber es dauerte trotz der immer gegebenen Versprechungen, daß sie geschont würden, geraume Zeit, ehe die Neger ihr Mißtrauen und ihre Furcht vor Strafe ablegten.
Zelewski gab sich in dieser Zeit mit dem größten Eifer dem Ausbau seiner Station und der Fürsorge für die Stadt hin und er, der leider ein Jahr darauf als Kommandeur der kaiserlichen Schutztruppe den Tod für die koloniale Sache in Uhehe sterben sollte, hat sich durch seine Thätigkeit in Kilwa ein bleibendes Denkmal gesetzt. Die äußerst praktisch angelegte Station, die aus einigen geschickt verbundenen arabischen Ruinen entstanden war, das in Kilwa erbaute Lazarett, die Entwässerung der die Stadt umgebenden Sümpfe, eine Wasserleitung in der Stadt, ein in das Meer hinausgelegter Steindamm, durch welchen die ungemein schlechten Landungsverhältnisse für die Boote verbessert wurden, geben das sprechendste Zeugnis von seiner Thätigkeit. Auf keiner der andern Stationen ist auch nur annähernd dasselbe erreicht worden, wie von ihm in Kilwa im Laufe von nur 10 Monaten.
Es gelang Zelewski endlich, die Führer der Aufständischen zur Rückkehr nach Kilwa zu bewegen und er hatte die Freude, diesen Platz zu seiner alten Bedeutung wieder erwachsen zu sehen. Nebenbei glückte es dem Stationschef, die Mörder der bei Beginn des Aufstandes ermordeten Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, Krieger und Hessel, in Kilwa festzunehmen. Sie wurden im November 1890 vom stellvertretenden Reichskommissar zum Tode durch den Strang verurteilt.
Die Furcht vor den Mafiti, in diesem Fall den südlichen Mahengestämmen, veranlaßte die Leute des Hinterlandes, sich enger an die Station anzuschließen, da sie nur von dieser Hülfe gegen ihre alljährlich das Land nach der Regenzeit heimsuchenden Feinde erhoffen durften. Bei seinem Marsch vom Rufidji nach Kilwa wurden dem Chef Ramsay von keiner Seite aus auch nur die geringsten Schwierigkeiten gemacht oder Feindseligkeiten entgegengesetzt, er konnte nur überall die große vor den Mafitis herrschende Furcht konstatieren.