Part 11
Emin Pascha und +Dr.+ Parke nahmen sich sofort in der hilfsbereitesten Weise der Kranken an. Der Pascha, dessen erster Gang gleich dem gerade damals in der bedenklichsten Weise kranken von Medem galt, traf persönlich alle Anordnungen und belehrte mich und besonders den in Mpapua zurückbleibenden Feldwebel Hoffmann über die richtige Behandlung der Dyssenterie. Unsere eigene Methode war ebenso, wie die der englischen Missionare, eine ganz verkehrte gewesen. Wir hatten das Hauptmittel gegen diese Krankheit, Ipecacuana, in großen statt in kleinen Dosen angewandt, so daß es nicht als Stopfmittel, sondern als Brechmittel wirkte, wie es unter Umständen beim Fieber angewandt wird.
Es ist besonders anzuerkennen, daß Stanley sofort und gern sich bereit erklärte, den Weitermarsch seiner Expedition im Interesse der gefährlich erkrankten Deutschen der Station so lange aufzuschieben, bis eine merkliche Besserung in dem Befinden derselben eingetreten und begründete Aussicht auf vollkommene Genesung der Patienten vorhanden sei.
Beim Aufbruch der Expedition war Lieutenant von Medem bedeutend gestärkt und auf dem Wege der Besserung, Kröhnke konnte bereits ausgehen und der Verfasser, der am leichtesten erkrankt war, war vollkommen marschfähig.
Allerdings bekam ich unterwegs noch einen Rückfall, von dem mich aber ein vom Pascha und den französischen Missionaren empfohlenes Radikalmittel, zweimalige Anwendung eines Klystirs von Karbollösung (15 Tropfen Karbolsäure auf 1/2 l Wasser) schnell und vollkommen wieder herstellte.
Leider bekam auch von Medem etwa 14 Tage später, nachdem er bis dahin in erfreulicher Besserung gewesen war, einen Rückfall. Die angewandten Mittel halfen nichts mehr, und er erlag der Krankheit, im Innern Afrikas das erste Opfer unter den Europäern der Wißmannschen Schutztruppe. Diese hatte in ihm einen verdienten energischen Offizier und das Offizierkorps derselben einen der besten Kameraden zu betrauern.
Während der Rasttage der Expedition zu Mpapua standen alle europäischen Mitglieder derselben, gleichviel ob Engländer, Italiener, Franzosen oder Deutsche, in ungezwungenstem geselligen Verkehr mit der Station. Wir boten ihnen Gelegenheit, sich die Station, die Soldaten beim Exerzieren, bei ihren Nationaltänzen, bei der Arbeit u. s. w. anzusehen und ernteten einstimmiges Lob.
Am 13. November früh fand der Aufbruch von Mpapua zur Küste statt. Da es mir oblag, die Expedition durch das deutsche Gebiet nach der Küste zu führen, in der Vertretung des Reichskommissars die Interessen der Eingeborenen, unserer Schützlinge, im Auge zu haben und gleichzeitig der Expedition Stanleys auf jede mögliche Weise Vorschub zu leisten, so brach ich mit zehn Sudanesen und drei Trägern für mein Gepäck, Zelt, Kochgeschirr u. s. w., an der Tête der ganzen Kolonne, selbstverständlich unter deutscher Flagge, auf und behielt folgende Marschordnung bis zur Küste bei. Hinter meinen Leuten folgte in der Regel Casati, der mich, nachdem er in Mpapua in freundschaftlichen Verkehr mit mir getreten war, gebeten hatte, vorn bei meiner Expedition marschieren und der deutschen Flagge als der Flagge einer befreundeten Nation folgen zu dürfen. Hinter diesem fanden sich dann in der Regel einige Weiber aus der Karawane der Eminschen Offiziere und Beamten ein, darunter einige wirklich hübsche, ziemlich hellfarbige Gesichter. Dann folgte die kleine Karawane der französischen Missionare, hierauf Stanley mit Emin und seiner Expedition in der früher bereits erwähnten, von ihm gewöhnlich befolgten Marschordnung. Später schlossen sich dann mir von Usagara an in jedem Dorfe noch eine Menge Eingeborene an, da der Weg damals noch nicht als ganz sicher nach der Küste galt und sie die Macht der nach Bagamoyo rückenden Expedition zu ihrem eigenen Schutze benutzen wollten. Diese kleinen, von den verschiedenen Dörfern Usagaras und Ukamis mitziehenden Karawanen, die sämtlich kleine deutsche Karawanenflaggen mit sich führten, verstärkten die Expedition im ganzen um über 1200 Mann.
Wie in Mpapua, so gestaltete sich auch auf der Expedition der Verkehr mit den Europäern zu einem äußerst angenehmen, besonders auch mit Stanley, der gegen den Verfasser stets die größte Liebenswürdigkeit zeigte und der auch stets der besten Laune war. Der Verkehr mit ihm bot sehr viel Anregendes, da Stanley stets in seiner lebhaften Weise vieles aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen über seine Reisen zum Besten gab. Über seine Offiziere, die ihn während des letzten Zuges zur Befreiung Emins begleitet und mit ihm Afrika durchquert hatten, äußerte sich Stanley wiederholt zum Verfasser aus freien Stücken auf das anerkennendste. Manche Schwierigkeiten, die während des Marsches durch Reibereien der Sansibariten Stanleys mit den Eingeborenen oder den Sudanesen entstanden, wurden stets durch die Intervention Stanleys und des Verfassers beigelegt und kann auch in dieser Beziehung das Entgegenkommen Stanleys nur anerkannt werden. Verfasser sieht sich veranlaßt, bei den sonstigen in dieser Beziehung vielfach erhobenen Vorwürfen gegen Stanley gerade dieses hervorzuheben.
Dem deutschen Offizier mußte während dieser Expedition die Thatsache besonders auffallen, daß jeder der englischen Offiziere auf dem Marsche seinen eigenen Haushalt führte. Jeder einzelne ließ für sich allein kochen und aß allein, während es bei uns als selbstverständlich gilt, daß das Leben und die Mahlzeiten nach Möglichkeit gemeinsam geführt werden und der einzelne sich der Allgemeinheit unterordnet. Daß der Pascha allein für sich lebte, da seine Mahlzeiten in türkischer Weise bereitet wurden und er auch für seine Tochter zu sorgen hatte, daß ebenso die französischen Missionare und Casati für sich lebten, war ja eher verständlich. Indessen wurde die Geselligkeit dadurch erhöht, daß wir uns auf dem Marsche häufig gegenseitig zu den Mahlzeiten einluden und jeder das, was er hatte, gern mit den andern teilte. Auch wurden teils von Stanley, teils von mir, besonders nachdem wir Proviant und Getränke von der Küste erhalten hatten, gemeinsame Mahlzeiten arrangiert, bei denen wir, die Vertreter verschiedenartiger Nationen, auf das geselligste verkehrten.
Einer der angenehmsten Gesellschafter, desgleichen zweifellos eine der hervorragendsten Persönlichkeiten unserer Karawane war der nun verstorbene Pater Schynse. Von hohem Wuchs, angenehmem, sanftem und gewinnendem Gesichtsausdruck merkte man ihm, sobald er zu sprechen anfing, an, daß man es mit einem Manne von unbeugsamer Energie, schnellem Entschluß und großer Thatkraft zu thun hatte. Man konnte meinen, man hätte einen jener alten Mönche vor sich, welche, ohne im Glaubenseifer erstarrt zu sein, die Kulturträger in allen Staaten Europas gebildet haben. Solcher Gestalten trifft man viele in Ostafrika. Der alte +Père Étienne+ in Bagamoyo, der Bruder Oskar, der +Père+ Delpèche, der Pater Bonifacius sind Männer, welche niemand vergessen wird, der je zu ihnen in Beziehung trat. Bei allen begegnete man gleichmäßig einem tiefen Verständnis für Land und Leute, sowie für die politischen Verhältnisse. Alle zeichneten sich durch gleiche Offenheit und Ehrlichkeit in Bezug auf die von ihnen erreichten oder erstrebten Erfolge aus, wenn das Gespräch darauf kam. Nie fielen sie jemandem durch ihre Religionsübungen lästig. Daß der eine oder andere, wie besonders der Bischof Monseigneur de Courmont und der Pater Schynse durch ihre geistigen Eigenschaften hervorragten, verlieh dem Verkehr mit ihnen besonderen Reiz. Dabei waren die meisten dem geselligen Leben und körperlichen Uebungen sehr zugethan; einzelne unter ihnen zeichneten sich durch besondere Passion für das edle Waidwerk aus, wie Schynse und Bruder Oskar, deren Büchse manches Wild in Afrika zum Opfer fiel.
Unser erster Marsch führte uns, nachdem wir die östlichen Hügelketten von Ugogo passiert hatten und auf der andern Seite in das Thal von Tubugue hinabgestiegen waren, zu dem gleichnamigen Dorfe der wohlbewässerten Landschaft. Dort angekommen, suchte der Verfasser einen Lagerplatz für die gesamte Expedition aus, ebenso Plätze für die Zelte Emins, Stanleys, Casatis, der englischen Offiziere, der französischen Missionare, für unsere Soldaten, die Kompagnien Stanleys, die Träger und die Lasten. Stanley selbst erklärte sich, nachdem eine prinzipielle Einigung über die Dauer der täglichen Märsche erzielt worden, von vornherein mit allen speziell von mir getroffenen Anordnungen einverstanden. Er hatte ursprünglich eine Vorliebe für die Mamboia-Route gehabt, hatte aber den Vorstellungen des Verfassers, der die zwar etwas längere Straße über Kondoa wegen der hier leichteren Ernährung der großen Karawane empfahl, nachgegeben. Der Gabelpunkt der beiden Straßen, der Mamboia- und der Kondoa-Route, war bereits am ersten Marschtage dicht bei Tubugue passiert. Es erfolgte Tags darauf der Weitermarsch nach Dambi.
Das hier bezogene Lager, an einem Waldbächlein unter schattigen Bäumen wildromantisch gelegen, gefiel Stanley so gut, daß er den Pater Schynse bat, von demselben zur Erinnerung für ihn und die Expeditionsmitglieder eine Photographie aufzunehmen. Er bat den Pascha und mich, mit ihm in die Mitte zu treten, um uns herum gruppierten sich die übrigen Europäer. Leider erwies sich die Platte als zu alt und feucht, um eine gute Photographie hervorzurufen. Besser fiel ein später in Msua von Schynse gemachter Versuch aus, der den Mitgliedern der Expedition eine lebendige Erinnerung an jene interessante Zeit darbot.
In den nächsten Tagen wurden die hohen, dem Mukondogua-Thal vorgelagerten Usagara-Berge passiert und dann das Mukondogua-Thal erreicht. Von diesem Thale ab begann wieder ein durchaus friedlicher Verkehr mit der Bevölkerung des Landes, die sich von nun an stets sehr zutraulich erwies und zunächst durch Abgesandte mit dem Verfasser in Verbindung trat. Die Jumbes kamen uns meist schon unterwegs entgegen, zeigten ihre Schutzbriefe vor, hißten in den Ortschaften die deutsche Flagge und fragten nach unseren Anordnungen. Die Verpflegung der großen Karawane geschah auf diese Weise ohne Schwierigkeiten und die Eingeborenen bezeigten ihren guten Willen noch dadurch, daß sie den Europäern überall Erfrischungen, in Gestalt des Pombe, des einheimischen Bieres aus Hirse anboten.
Im Mukondogua-Thal, das wir gerade in der schönsten Zeit passierten, als die alljährlichen Grasbrände vorüber waren und die Landschaft im jungen Grün erblühte, äußerte Stanley seine Befriedigung darüber, daß er sich auf seiner ersten Reise in seinem Werk so günstig über die Fruchtbarkeit Usagaras ausgesprochen habe. Allerdings nimmt dieselbe abseits von den Flußthälern bedeutend ab, und es ist hier in den Bergen nicht überall lohnender Boden zum Anbau von wertvollen Produkten zu finden.
In Muinisagara wurde ein Rasttag von den französischen Missionaren dazu benutzt, einen Besuch in Longa, einer Station der katholischen Mission vom heiligen Geist zu machen. Die dortigen Brüder sandten uns in ihrer gastfreien Weise Gemüse aus ihrem Garten und einiges von dem wenigen, was sie sonst hatten, wie Wein und Brot.
Hinter Kondoa verließen wir den Lauf des Mukondogua und traten in die Makata-Ebene ein, wo wir mehrere Flüsse, zunächst den Makatafluß, den Wiansibach und den Gerengere passierten. Der Verfasser persönlich hatte Gelegenheit auf dem Marsche in diesem wildreichen Thale eine größere Anzahl großer und kleiner Antilopen, darunter eine Elenantilope, zur Strecke zu bringen. -- Stanley erzählte bei dieser Gelegenheit, daß, als Verfasser dicht bei Udewa hinter einander mit seiner Doppelbüchse von einem Fleck aus 5 Swala-Antilopen niedergestreckt hatte, ihm seine Leute gesagt hätten, wenn von den Deutschen immer so geschossen würde, dann würden von Buschiris Rebellen bald nur wenige noch übrig sein. In Makata erreichte uns eine große bereits vorher angekündigte Proviantkarawane, welche der Reichskommissar mir besonders für Emin Pascha, Stanley und die Expedition gesandt hatte, so daß von da an bis zur Küste, namentlich da auch Stanley mehrere Tage später von seinem englischen Comité noch viel Proviant erhielt, geradezu Üppigkeit und Überfluß bei uns herrschten.
Nachdem wir dann noch in Morogro die dortige französische Missionsstation zu besuchen Gelegenheit hatten, ging es über die Berge von Ukami nach Msua. Dort trafen wir die Expedition des Freiherrn von Gravenreuth, der von Wißmann zur Bestrafung der rebellischen Ortschaften auf einige Wochen ins Innere geschickt worden war und zugleich den Auftrag hatte, wenn er sie treffen sollte, die Stanleysche Expedition willkommen zu heißen und Grüße vom Reichskommissar zu übermitteln. Das Wiedersehen wurde bei einer gemeinsamen Tafel gefeiert, bei welcher uns die vorher von Wißmann geschickten Vorräte trefflich zu statten kamen.
Der Gravenreuthschen Karawane hatten sich mit seiner Erlaubnis zwei amerikanische Reporter, darunter auch der vom Newyork-Herald, Visitelli, angeschlossen, welche seit geraumer Zeit in Sansibar auf die Ankunft Stanleys und Emins lauerten und sich gegenseitig das Leben sauer machten. Noch an demselben Tage gingen Boten mit langen Telegrammen über die Expedition nach der Küste ab, und der Draht trug die Nachricht über die ganze zivilisierte Erde.
Während Gravenreuth dann weiter nach Westen zog, folgten natürlich die Reporter mir und der Expedition und es wurden ihnen in den nächsten Tagen auch immer wieder Boten zur Verfügung gestellt, um ihre Zeitungen mit Nachrichten über die Weiterbewegung der Expedition zu versehen. Visitelli selbst hatte vom Reichskommissar die Erlaubnis erhalten, die amerikanische Flagge zu Ehren Stanleys bei der Begrüßung in der Expedition mitzuführen. Im übrigen vermehrte er die Zahl der angenehmen Gesellschafter in der Expedition, denn er verband mit einer rührenden Anhänglichkeit an anregende Getränke eine vorzügliche Laune.
Am 4. Dezember Vormittags kamen wir am Kingani an, bis wohin uns der Reichskommissar persönlich entgegen geritten war. Hier erfuhren wir von ihm selbst seine inzwischen erfolgte Beförderung zum Major. Auf den von Wißmann mitgebrachten Pferden und Maultieren ritten sodann dieser selbst, Emin Pascha, Stanley, Casati und der Verfasser der Expedition voraus nach Bagamoyo, während die französischen Missionare nachfolgten und Lieutenant Stairs die Stanleysche Expedition am Nachmittage nach Bagamoyo hineinführte.
Die Station war für den Empfang der Gäste festlich geschmückt, und Salutschüsse aus ihren Geschützen wie den auf der Rhede liegenden Kriegsschiffen begrüßten die Reisenden. Der Korvettenkapitän Voß, damals der älteste Kommandant der in Ostafrika stationierten Kriegsschiffe, kam im Auftrage S. M. des deutschen Kaisers, um Stanley und Emin zu beglückwünschen. Auch die Engländer hatten zu dem gleichen Zwecke ein Kriegsschiff und eine Deputation vom Generalkonsulat entsandt.
In den Räumen des sogenannten Ratuhauses, welches als Messe hergerichtet war, wurde das Frühstück serviert, dem besonders von uns eifrig zugesprochen wurde. Emin selbst machte seinen Studentenjahren alle Ehre; er zeigte sich über den ihm zu Teil gewordenen Empfang und das so lange entbehrte Zusammensein mit den Deutschen, die mit Stolz auf ihn blickten, sehr erfreut. Die Verehrung und Begeisterung, welche ihm von allen Seiten entgegengetragen wurden, seine Zuvorkommenheit und sein Bestreben, jedem freundlich Rede zu stehen, läßt es nicht Wunder nehmen, daß der Pascha bis zu dem um 6 Uhr beginnenden Diner, das den Reisenden zu Ehren vom Reichskommissar gegeben wurde, wacker durchhielt.
Der Verlauf dieses Festessens und sein trauriger Abschluß ist ja bekannt.
Obwohl dem Sekt reichlich zugesprochen wurde und die Wogen der Begeisterung hoch genug gingen, war doch von irgend einem Übermaß nichts zu bemerken. Auch bei Emin war, wenn er sich auch natürlich durch die genossenen Getränke und die Aufregung des Tages so zu sagen in etwas vorgerückter Stimmung befand, von Trunkenheit, wie man wohl angenommen hat, keine Rede. Nach Aufhebung der Tafel begab er sich, um auszuruhen, in ein neben der Messe gelegenes Zimmer. Als er dieses bald darauf wieder verlassen wollte, sah er bei seinem schwachen Augenlicht ein Fenster mit sehr niedriger Brüstung für die offene Thür an, stolperte über die Brüstung und stürzte hinaus. Nur dem Umstande, daß er zunächst auf ein Wellblechdach fiel und dann erst auf die harte Erde, wie seiner guten Natur und der überaus sorgsamen Pflege, die ihm zu Teil wurde, ist es zuzuschreiben, daß sein Leben erhalten blieb.
Major Wißmann, Stanley mit seinen Offizieren, Casati und ich saßen noch an der Tafel zusammen, als ein Neger heraufkam und uns die Mitteilung machte, daß ein Europäer unter jenem Fenster blutüberströmt auf der Straße in bewußtlosem Zustande gelegen habe, und daß die Eingeborenen eben im Begriff seien, ihn nach dem Lazarett zu bringen; er glaube, der Verunglückte sei der Pascha. Wißmann, Stanley und ich brachen natürlich sofort auf und kamen gerade im Lazarett an, als +Dr.+ Brehme, der Stationsarzt von Bagamoyo, der eben von einer Revision der Wachen zurückgekehrt war, mit Schwester Auguste Herzer und Fräulein von Borcke dabei war, den Pascha zu untersuchen. Er gab uns wenig Hoffnung. Am nächsten Tage berieten gemeinsam die anwesenden Ärzte über die Behandlung des Schwerverletzten; es waren dies außer +Dr.+ Brehme der Assistenzarzt +Dr.+ Lotsch von S. M. S. »Sperber« und +Dr.+ Parke von der Stanleyschen Expedition. Die Ansicht der deutschen Ärzte ging dahin, daß ein Bruch der Schädelbasis vorliege und im großen und ganzen die Aussicht, Emin am Leben zu erhalten, eine ziemlich geringe sei, während +Dr.+ Parke die Verletzungen für weniger schwer und für nur äußerlich erklärte.
Es erscheint, wie dem Verfasser von Ärzten mitgeteilt wurde, ganz unverständlich, wie +Dr.+ Parke sich gegenüber den klar hervortretenden Symptomen seine Ansicht hat bilden können. Der Blutausfluß aus dem Ohre, die mehrtägige Bewußtlosigkeit, endlich Lähmungserscheinungen im Gesicht sprachen mit so großer Deutlichkeit, daß die Diagnose des Hospitalarztes +Dr.+ Brehme unumstößlich feststand. Es griff die Annahme Platz, daß politische Momente für Stanley maßgebend waren, den Transport Emins nach Sansibar auf jede Gefahr hin möglich erklären zu lassen. Der gesamte spätere Heilungsverlauf bestätigte die deutsche Diagnose, obwohl die Heilung selbst mit einer die deutschen Ärzte überraschenden Schnelligkeit vor sich ging. Sie ist wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, daß infolge des Vorschlags der Ärzte auf Anordnung Wißmanns einer der kleinen Dampfer des Reichskommissariats täglich von Sansibar nach Bagamoyo Eis für den Kranken brachte. Von einer Übersiedelung desselben nach Sansibar, die Stanley wünschte und Dr. Parke auf Grund seiner optimistischen Ansicht für möglich erklärte, wurde Abstand genommen, da sich die deutschen Ärzte entschieden dagegen aussprachen.
Am zweiten Tage nach dem Unfall wurde die Stanleysche Expedition nach Sansibar übergeführt, und zwar Stanley mit seinen Leuten auf den deutschen Kriegsschiffen »Sperber« und »Schwalbe«, die Leute des Pascha auf englischen Schiffen. Casati zog es vor, bei seinem alten Freunde und Leidensgenossen in Bagamoyo zu bleiben und siedelte erst später nach Sansibar über, als der Zustand Emins keinen Anlaß mehr zu Befürchtungen bot.
Emin Pascha, mit welchem ich naturgemäß während des Marsches zur Küste in engere Beziehungen getreten war, hatte gewünscht, mich in Bagamoyo in seiner Nähe zu behalten und so übertrug mir bis auf weiteres der Kommandant die bisher von Gravenreuth verwaltete Stellung des Distriktschefs im Küstenbereich von Bagamoyo, welche wegen Gravenreuths Abmarsch ins Innere unbesetzt war. Dieselbe umfaßte die Stationen Bagamoyo unter Hauptmann Richelmann und Daressalam unter Chef Leue.
Die deutschen Ärzte forderten, daß alle äußeren Einwirkungen nach Möglichkeit vom Pascha ferngehalten werden sollten, auch Besucher, die vielleicht auf seine Zukunft bestimmend einzuwirken versuchen und ihn so erregen könnten. Eine Einigung mit +Dr.+ Parke war nicht zu erzielen. Da indes die deutschen Ärzte die Majorität hatten, und im Grunde doch +Dr.+ Brehme als Chefarzt des Lazaretts die Hauptverantwortung trug, beschloß ich, nach ihrem Dafürhalten zu handeln und ordnete an, daß die von +Dr.+ Brehme und +Dr.+ Lotsch getroffenen Maßregeln aufs strikteste innegehalten würden, und der Pascha nur Besuche empfangen dürfe, welche der Chefarzt für zuträglich hielt. Als nach einigen Tagen Emin zum Bewußtsein kam und sein Zustand eine, wenn auch langsame Wendung zum Besseren nahm, erklärte er sich selbst hiermit vollkommen einverstanden. Speziell wurde der englische Generalkonsul Sir Evan Smith, welcher mit seiner Gemahlin dem Pascha im Lazarett die Aufmerksamkeit eines Besuches erweisen wollte, von Wißmann, dem ich über meine Anordnungen nach Sansibar berichtete, und der persönlich oft nach Bagamoyo kam, um sich des Pascha in jeder Weise anzunehmen, bewogen, von seinem Vorhaben Abstand zu nehmen. Erst etwa vierzehn Tage nach dem Unfall wurde im Beisein Wißmanns und der Ärzte, sowie in meiner Gegenwart dem Generalvertreter der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft, Mackenzie, wie einigen Offizieren Stanleys und dem Kapitän eines zur Abholung Emins und der Sudanesen vom Khedive geschickten egyptischen Dampfers gestattet, den Pascha auf einige Minuten zu besuchen, wobei jedoch politische Erörterungen, die wohl besonders von Mackenzie beabsichtigt waren, unterbleiben mußten.
8. Kapitel.
Buschiri und die Mafiti.
Gerücht von einem Vorstoß Buschiris nach der Küste. -- Gravenreuth trifft Vorkehrungen dagegen. -- Nachricht, daß Buschiri mit mehreren tausend Mafiti Usaramo verwüstet. -- Die Marine besetzt Bagamoyo und Daressalam. -- Marsch des Expeditionskorps unter Gravenreuth gegen Buschiri. -- Marschbefehle. -- Buschiri angeblich bei Wasinga. -- Wasaramo als Hilfstruppen. -- Greuel der Mafiti. -- Wasinga verlassen. -- Abteilung Bülow trifft nicht ein. -- Zusammentreffen mit den Mafiti bei Jombo. -- Gefecht bei Jombo. -- Einnahme der Mafiti-Lager. -- Zersprengung der Mafiti. -- Buschiri entkommt. -- Wegen Munitionsmangel Rückkehr nach Bagamoyo. -- Abteilungen Richelmann und von Bülow noch im Innern. -- Gravenreuth bricht wieder dahin auf. -- Rückkehr der Abteilungen nach Daressalam.
Zur Zeit, als sich Wißmann noch in Mpapua befand, drangen Gerüchte nach Bagamoyo, daß Buschiri, der im Innern, besonders unter den Mafiti und Wahehe, zahlreiche Anhänger gefunden habe, wieder im Vorrücken nach der Küste begriffen sei. Er solle die Ansicht hegen, daß nach der Entfernung Wißmann's mit dem Expeditionskorps von der Küste diese von Truppen entblößt sei und daß sich infolgedessen für ihn günstige Gelegenheit zu einem Handstreiche biete. Obwohl dieser Fall ja, wie früher erwähnt wurde, von vornherein von Wißmann für durchaus möglich gehalten und in Erwägung gezogen war, maß man zunächst den Nachrichten wenig Glauben bei; für alle Fälle aber traf der Stellvertreter Wißmanns, Chef v. Gravenreuth, die nötigen Vorkehrungen. Durch die Anordnungen des Reichskommissars war er in den Stand gesetzt, die von vornherein aus den Stationen für etwaige kleinere Expeditionen und Angriffe abgeschiedene Spezialreserve noch durch Abkommandierung von Truppen aus den nördlichen Stationen zu verstärken und so ein größeres Expeditionskorps zu formieren. Diese Vorkehrungen Gravenreuths erwiesen sich als durchaus zweckmäßig, denn es wurde bald durch Kundschafter und durch die von allen Ecken und Enden nach Bagamoyo herbeiströmenden Wasaramo die Nachricht vom Anrücken Buschiri's bestätigt und noch dahin erweitert, daß dieser mit mehreren Tausenden Mafiti einen großen Teil der Ortschaften Usaramos verwüstet und massenhaft Leute hingemordet, auch nicht einmal die unmenschlichen Grausamkeiten und Scheußlichkeiten der Mafiti, welche diese zu verüben pflegen, verhindert habe. Gravenreuth bat um Unterstützungen, die ihm auch gewährt wurden: die Marine besetzte Bagamoyo und Daressalam, was Gravenreuth ermöglichte, mit dem gesamten Expeditionskorps zu operieren.
Dieses Expeditionskorps formierte Gravenreuth in drei Abteilungen. Die Führung der einen übernahm er selbst, marschierte von Daressalam über Pugu und Kola auf Usungula zu, um von dort aus auf Wasinga und Jombo vorzudringen, wo Buschiri den Aussagen der flüchtigen Wasaramo nach sich verschanzt haben sollte.
Eine zweite Kolonne sollte unter Führung des Herrn von Bülow von Bueni halbwegs Madimola marschieren, um zu verhüten, daß die Mafiti nach dem Süden hin, speziell nach Daressalam zu ausbrächen.
Die dritte Abteilung unter Hauptmann Richelmann sollte sich nach Dunda wenden, dort die Kingani-Ebene beobachten und Patrouillen nach Madimola, Usungula und Jombo entsenden, um so die Fühlung mit der Abteilung Gravenreuth aufrecht zu erhalten. Beide Abteilungen sollten am 18. früh auf Jombo marschieren, welchen Ort dann alle drei Kolonnen vereint angreifen sollten.
Die einzige Kolonne, welche Gefechte zu bestehen hatte, war die des Herrn von Gravenreuth, deren Verlauf wir jetzt darstellen wollen:
In der Nacht vom 15. zum 16. marschierte die Abteilung von Daressalam mit Magnesia-Fackeln ab. Die Abteilung bestand aus ca. 90 Sudanesen, Zulus und Suaheli, von Europäern befanden sich bei derselben Lieutenant von Perbandt, von Behr, von Frankenberg, Albrecht, Schiffsoffizier Wiebel und verschiedene Unteroffiziere. Da in Eilmärschen marschiert werden sollte, war für Proviant fast garnicht gesorgt und nur genügende Munition mitgenommen.
Die Abteilung legte in zwei Tagen fast 100 Kilometer zurück. Unterwegs empfing von Gravenreuth verschiedene Meldungen über die Stellung Buschiris, welche alle mit mehr oder weniger Bestimmtheit Wasinga als das Hauptlager Buschiris angaben. Gravenreuth forderte die flüchtigen und in den verschiedenen Ortschaften ansässigen Wasaramo auf, seine Abteilung zu begleiten, verteilte auch einige dazu mitgenommene Gewehre und forderte von den Wasaramo, daß sie nach eventuellem Gefecht ihm bei der Verfolgung der Mafiti behilflich sein sollten. Im Lager am Kingani waren bereits etwa 600 Wasaramo, welche das Gefecht mitmachen wollten. Von diesem Lager aus wurden Patrouillen an die Abteilungen Richelmann und von Bülow geschickt, welche diesen mitteilen sollten, daß Buschiri in Wasinga stände, und dieselben beorderten, dorthin aufzubrechen. Diese Patrouillen kamen jedoch nicht an, sondern wurden zum Teil versprengt, zum Teil von Mafitis aufgegriffen, so daß die Meldung nicht in die Hände der betreffenden Unterführer gelangte.
Gravenreuth brach in der Nacht von genanntem Lager auf, um sich direkt nach Wasinga zu begeben. Auf diesem Wege schon traf die Abteilung auf Zeichen, daß die Mafiti-Horden denselben Weg vor kurzer Zeit marschiert waren: Dörfer waren zerstört, Felder verwüstet, die Kokospalmen vernichtet. Massenhaft wurden Leichen von Weibern, Kindern und Männern vorgefunden, zum Teil in der gräßlichsten Weise verstümmelt.