Part 14
Alles geschah wie verabredet. Wir gingen gedeckt im Grunde vor, bis wir 30 Schritt vor der Boma auftauchten und das Signal mit der Flagge gaben. Aus der Boma wurden wir mit einem anhaltenden Schnellfeuer empfangen, das mehrere Verwundungen herbeiführte, und zwar, da die Gegner diesmal zu tief schossen, nur Beinverwundungen. Ein Sudanese z. B. hatte vier Schüsse durch seine Beine. Nachdem wir noch eine Salve in die Boma geschossen hatten, ging es mit Hurrah vorwärts, worauf wir zunächst ebenfalls ein höhnisches Hurrah aus der Boma zurück erhielten. Es gelang jedoch, an verschiedenen Stellen Bresche zu reißen und in die Boma einzudringen, voran die zu meinem Stabe als Ordonnanz-Offiziere gehörenden Herren (Jahnke und v. Eltz) mit mir und die Europäer der unter uns rühmlichst bekannten Kompagnie End, gleich darauf Illich mit den Askari und die anderen Kompagnien.
Es war die härteste Arbeit, die bisher jemals bei der Einnahme einer feindlichen Stellung von den Truppen geleistet war. Bei unserem Eindringen flohen aber die letzten Gegner aus der Boma ins Dickicht der Umgebung. Die Freude über das Gelingen war unter den Soldaten so groß, daß sie, des Unterschiedes zwischen Offizier und Soldaten vergessend, alle zu uns, ihren Vorgesetzten, kamen und uns die Hände schüttelten, um sich gewissermaßen bei uns zu bedanken, während wir doch schließlich das, was wir geleistet, lediglich der Bravour unserer schwarzen Truppen, speziell der Sudanesen, zu verdanken hatten. In der Boma fanden wir eine große Anzahl Sprengstücke und Shrapnelkugeln, welche bewiesen, wie wirksam das Feuer unserer Artillerie gewesen war, und wie gut sich Chef Krenzler mit seinen Geschützen eingeschossen hatte.
Der Feind hatte sehr große Verluste gehabt, sodaß es zum ersten Male ihm nicht gelungen war, alle seine Toten mitfortzunehmen. Die intakteren Zulukompagnien wurden zur Verfolgung ausgesandt, die übrigens bei dem ungemein schwierigen Terrain von nur geringem Erfolge war, während wir an die Plünderung und Zerstörung der Boma gingen. Bei dem Gefecht hatten wir unsererseits 11 Verwundete, unter ihnen ein Europäer, der leicht verwundete +Dr.+ Stuhlmann. Der Sergeant Tanner hatte das Unglück, daß ihm beim Laden eines Geschützes eine Granate den Arm zerriß. Tags darauf erlag er seinen Verletzungen.
Über die Boma sagt der Bericht des Reichskommissars folgendes:
»Die Boma war die stärkste, die ich je gesehen. Hinter 4 +m+ hohen starken Palissaden waren mannshohe Erddeckungen aufgeworfen, die auch unseren Granaten widerstanden hatten. An den Ecken waren reguläre Bastionen erbaut, vor den Palissaden war ein freies Schußfeld von ca. 20 +m+, an das sich ringsherum die dichte, fast undurchdringliche Urwalddschungel schloß. Das Lager war bedeckt mit abgeschossenen Patronenhülsen, die bewiesen, daß der Feind hauptsächlich mit Hinterladern bewaffnet gewesen war. Der Feind hatte mit großer Bravour ausgehalten, jeder Baum in der Boma hatte eine große Anzahl von Schüssen aufzuweisen; die Shrapnels und Granatsplitter lagen überall im Lager umher. Leichen, die man nicht mehr hatte in den Wald schleppen können, zeigten Massen von Wunden.«
Und weiter:
»Der Kampf von Mlembule ist der erbittertste, den ich während der Zeit meines Wirkens hier geführt habe. Es erklärt sich dies aus folgenden Gründen. Bei der ersten kriegerischen Expedition, die ich durch Süd-Usegua gehen ließ, war die beschriebene Befestigung Mlembule nicht gefunden worden. Bana Heri hatte dagegen wahrscheinlich geglaubt, daß sie uns zu stark gewesen sei, um sie anzugreifen. Der Glaube an die Uneinnehmbarkeit hatte sich gesteigert durch den bereits gemeldeten abgeschlagenen Angriff meiner Truppen am 27. Dezember. Vor acht Jahren hatte Bana Heri die Truppen des Sultans Said Bargasch geschlagen. Bana Heri ist niemals besiegt worden. Er erkannte die Oberhoheit des Sultans von Sansibar an, soweit es ihm paßte, und erhielt jährlich Geschenke vom Sultan. Er hat sich nie Wali, sondern stets Sultan von Usegua genannt, und hatte, was besonders merkwürdig ist, während der Zeit des Aufstandes begonnen, eine Art religiöses Band um seine Anhänger zu schlingen. Aus diesen Gründen hat auch wohl Bana Heri meine mehrmals wiederholte Aufforderung, mit mir in Friedensverhandlungen zu treten, zurückgewiesen. Daß er Sadani nicht halten konnte, begründete er durch das große Übergewicht unserer Kriegsschiffe, wie überhaupt an der ganzen Küste die Ansicht herrschte, daß wir wohl unter den Geschützen der Marine oder mit weißen Soldaten ihnen überlegen seien, aber nicht im Lande, bis ich durch die Reise nach Mpapua und mehrere Gefechte im Innern ihnen diese Hoffnung nahm. Jetzt ist der Glaube an die Unbesiegbarkeit Bana Heris gründlich zerstört. Man hielt überall Mlembule für uneinnehmbar und kannte die große und besonders wohl bewaffnete Macht Bana Heris. Ein Zeichen dafür, wie ergeben die Südusegua ihrem Fürsten waren oder wie sehr sie ihn bisher fürchteten, ist der Umstand, daß es solange Zeit gelang, uns über den Verbleib und die Maßnahmen Bana Heris zu täuschen. Wir erfuhren stets, er treibe sich flüchtig im Lande umher, während er mit großem Fleiß und Geschick seine Befestigungen verstärkte. Außer der Besetzung von Sadani lasse ich die Schlupfwinkel für Dhaus an der Küste durch stationierte Fahrzeuge beobachten. Die Munition wird Bana Heri ziemlich ausgegangen sein.«
In den ersten Tagen nach der Erstürmung der Boma zu Mlembule ließ Wißmann den größten Teil des Expeditionskorps noch in Sadani versammelt, um, wie er es überall bei der Anlage von Stationen gethan, ihn zu den Befestigungsarbeiten heranzuziehen. Das war hier um so notwendiger, als der seit einiger Zeit gänzlich eingeäscherte Ort und die Umgegend im Umkreise von mehreren Meilen vollkommen von Menschen verlassen war, und der Platz nur von den Europäern und Truppen der Station wie einigen wenigen farbigen Handwerkern, die wir von andern Plätzen her engagiert hatten, bewohnt wurde. Ich erhielt den Befehl über die Station Sadani und wurde zugleich Chef des neu begründeten Distrikts der Stationsbereiche von Sadani und Mkwadja. Derselbe wurde im Süden durch den Wami begrenzt, wo der Distrikt Bagamoyo begann. Da Sadani nur als kleine Station geplant war, wurde die Umfassung ziemlich klein erbaut, und der Raum innerhalb derselben nach Möglichkeit für die Unterbringung der Europäer und der nötigen Gebäude ausgenutzt. In zwei Monaten gelang es mir, die Bauten im großen und ganzen fertig zu stellen.
Während Wißmanns Abwesenheit von Bagamoyo hatte der Kommandant des »Sperber«, Kapitän Voß, -- der überhaupt in der ganzen Zeit seiner Anwesenheit den Reichskommissar und uns alle aufs liebenswürdigste unterstützt und das regste Interesse für unsere Kolonien bewiesen hat -- selbst mit seinem Landungscorps die Station besetzt gehalten und es so Wißmann ermöglicht, mit allen seinen Truppen bei Mlembule einzugreifen. Vor Mkwadja, der Station des Herrn von Perbandt, die unter Umständen ebenfalls einem Angriff Bana Heris ausgesetzt sein konnte, lag die »Schwalbe«, unter dem ebenfalls in den ostafrikanischen Küstenkämpfen vielgenannten und verdienten Korvettenkapitän Hirschberg. Sperber und Schwalbe wechselten sich bei der vom Reichskommissar erbetenen Blockierung der Küste in der nächsten Zeit ab, und sind uns auch sonst vielfach von Nutzen gewesen. So hatten wir zum Beispiel Gelegenheit kameradschaftlichen Verkehr zu pflegen, und in Krankheitsfällen ward uns von Bord aus öfters ärztliche Hilfe zu Teil, da wir in unserm Distrikt Sadani keinen Arzt hatten. --
Um über die weiteren Bewegungen Bana Heris zur Klarheit zu gelangen, und den Sieg bei Mlembule auszunutzen, wurde Herr von Gravenreuth mit 120 Mann und einer Verstärkung durch irreguläre Truppen zur Rekognoszierung von Bagamoyo aus abgeschickt. Von meiner Stationsbesatzung hatte ich ihm 50 Mann abgegeben, sodaß mir nur noch 80 Mann übrig blieben. Ich erhielt den Auftrag, soweit ich vermochte, die Verbindung mit Herrn v. Gravenreuth aufrecht zu erhalten, und ihn von Sadani aus, wenn er es wünschte, zu unterstützen. Durch Patrouillen hatte ich festgestellt, daß Bana Heri in einem 5 Stunden von Sadani entfernten Dorfe, namens Palamakaa, seine Leute gesammelt hatte. Gravenreuth marschierte zunächst nach der Missionsstation Mandera und teilte mir von hier aus durch Boten seine Absicht mit, am 29. Januar die Rebellen in Palamakaa anzugreifen. Ich machte mich daher schleunigst mit 30 Mann und 3 Europäern, dem Lieutenant v. Arnim, Herrn von Nettelblatt, der als freiwilliger Krankenpfleger auf meiner Station war, und dem Feldwebel Kay, dorthin auf den Weg, um zu rekognoszieren. Als Führer dienten wieder unterwegs aufgegriffene Eingeborene. Ich kam, wie beabsichtigt, am 29. früh dort an, dem Tage, an dem Gravenreuth, seinem Schreiben gemäß, ursprünglich angreifen wollte. Da ich jedoch nirgends etwas von ihm gewahrte, blieb mir nichts übrig, als nach einigem Aufenthalte nach Sadani zurückzukehren. Hier fand ich die Schwalbe vor, und war so in der Lage, ohne zu große Sorge um die Sicherheit meiner Station, im ganzen 40 Mann aus der Besatzung herauszuziehen, mit denen ich mich alsbald wieder auf den Weg machte, in der Annahme, daß Gravenreuth sich vielleicht durch unvorhergesehene Hindernisse verspätet habe und doch noch nach Palamakaa kommen werde. Als ich auf einem andern Wege auf der Höhe von Palamakaa anlangte, wurden wir aus den Büschen heraus von einem größeren auf uns einstürmenden Trupp angegriffen, schlugen denselben jedoch durch gutgezielte Salven zurück. Von Herrn von Gravenreuth war wieder nichts zu sehen und zu hören. In Sadani empfing ich von ihm einen Brief aus Mandera, vom 28. vormittags, er habe von Mandera aus auf dem Wege nach Palamakaa einige kleinere zu Bana Heri haltende Ortschaften genommen, sei bereits am 28., nicht wie er ursprünglich wollte, am 29. auf den Höhen von Palamakaa angekommen, und dort heftig von den Rebellen, die er auf 1200-1400 Mann schätze, angegriffen worden. Dabei sei Sergeant Bauer schwer verwundet worden. Durch die Stärke der gegnerischen Stellung, besonders aber durch die numerische Überlegenheit der Feinde, sowie den Umstand, daß die Zulus abermals versagten, sei er zum Rückzuge auf Mandera genötigt worden, der ihm, als sein erstes Zurückweichen, freilich bitter genug angekommen sei. Er müsse unter diesen Umständen auch ein gemeinsames Vorgehen gegen Bana Heri für zwecklos erachten, und wolle nach Bagamoyo eilen, um von dort aus Wißmann zu berichten. Es müsse wieder mit allen verfügbaren Truppen eingegriffen werden. Lieutenant Langheld war von Herrn von Gravenreuth zu Mandera in der Missionsstation zum Schutze derselben mit einer kleinen Besatzung zurückgelassen worden.
Einige Zeit vorher hatte der Reichskommissar das Expeditionskorps unter dem Kommando des Chefs +Dr.+ Schmidt von Pangani aus zu Simbodja abmarschieren lassen, der ja, wie früher erwähnt, eine friedliche Einigung mit uns wünschte. In Begleitung von +Dr.+ Schmidt befand sich der Kilimandscharo-Reisende Ehlers, welcher mit Geschenken Sr. Majestät des Kaisers zum Sultan Mandara wollte und Herr von Eltz, welcher im Auftrage Wißmanns den kleinen Posten am Kilimandscharo befehligen sollte.
+Dr.+ Schmidt hatte zunächst in Lewa, der bekannten Tabaksplantage, eine Besatzung von 10 Mann unter Lieutenant von Behr zurückgelassen zum Schutze der Angestellten der Plantagengesellschaft, welche ihre Arbeiten wieder aufnehmen wollte. Von hier aus zog Schmidt weiter nach Masinde, dem Hauptsitze Simbodjas, wo er am 6. Februar eintraf.
Die Verhandlungen führten dazu, daß Simbodja sich vollkommen unterwarf, 1000 Rupies in Geld und circa 2800 Rupies in Elfenbein als Strafe für die Gefangennahme des +Dr.+ Meyer und +Dr.+ Baumann zahlte, die in seinen Händen befindlichen Hinterlader zurückgab und sich zum Gehorsam und zur Heeresfolge gegen uns verpflichtete. Andererseits wurde ihm die verantwortliche Beaufsichtigung des nördlichen Teils von Usambara übertragen gegen ein Gehalt von 100 Rupies oder etwa 150 Mark monatlich. Die deutsche Flagge, welche Simbodja von nun an zu führen hatte, wurde in Masinde gehißt.
Darauf ging +Dr.+ Schmidt auf der großen Karawanenstraße weiter bis Gonja. Von hier aus zog dann Herr Otto Ehlers sowie Herr von Eltz auf dem von nun an sicheren Wege zum Sultan Mandara weiter. Von Gonja bog +Dr.+ Schmidt nach dem Umba ab und kehrte von dort nach der Küste zurück. Er wurde hier bereits sehnlichst erwartet, da seine Truppen in der Aktion gegen Palamakaa mit verwandt werden sollten.
Der Reichskommissar zog alle verfügbaren Truppen wiederum in Sadani zusammen, so daß daselbst eine Macht von insgesamt 700 Mann mit 5 Geschützen versammelt war. Um, wenn möglich, überraschend zu erscheinen, wurde in der Nacht vom 8. zum 9. März um 11 Uhr der Abmarsch angetreten, in folgender Ordnung:
1. Avantgarde: die aus dem Distrikt Sadani herausgezogene Stationsbesatzung (Rochus Schmidt);
2. 1. Bataillon (+Dr.+ Schmidt);
3. 2. Bataillon (von Gravenreuth);
4. 3. Bataillon (von Zelewski).
Um 5 Uhr morgens trafen wir vor Palamakaa ein. Palamakaa ist ein Komplex von zehn Dörfern, welche alle in einem weiten, von den Usegua-Bergen umzogenen Thale liegen. Die ersten Dörfer, auf welche wir stießen, waren verlassen. Befestigungen wurden durch die absuchenden Patrouillen nicht gefunden und es wurde uns durch Gefangene bestätigt, daß größere Befestigungen nicht vorhanden seien. Die Gegner, durch die Erfahrung von Mlembule belehrt, daß sie auch in der stärksten Boma uns auf die Dauer keinen Widerstand leisten könnten, zogen es vor, das dortige sehr coupierte Terrain zu Kämpfen in einzelnen Abteilungen gegen uns auszunutzen.
Die uns entgegengeworfenen Trupps wurden mit leichter Mühe einzeln zurückgeschlagen und die im Thale gelegenen Ortschaften nach einander zerstört.
Am Nachmittag des 9. März wurde, nachdem alle unsere Abteilungen an den verschiedensten Stellen ins Gefecht gekommen und überall siegreich gewesen waren, ein gemeinsames Lager in etwas erhöhter Stellung bezogen, um von hier aus die Bewegungen des Gegners zu rekognoszieren.
In dieser für uns günstigen Stellung wurden wir noch am selben Tage von mutig und schneidig, aber vollkommen sinnlos draufgehenden Rebellentrupps von mehreren Seiten angegriffen, die aber, wennschon sie eine Zeit lang das Feuer gegen uns unterhielten, leicht abgewiesen wurden. Auch hier operierte Wißmann entweder mit Salvenfeuer, oder bei günstigen Gelegenheiten mit Einzelfeuer der Europäer.
Am späten Nachmittage wurden starke Patrouillen nach verschiedenen Richtungen hin ausgesandt, welche die noch auftauchenden Rebellen zurücktrieben und die noch nicht zerstörten Ortschaften einnahmen und verbrannten, bis auf eine verhältnismäßig stark besetzte, im Dickicht belegene Position, gegen die eine nur aus Schwarzen bestehende Abteilung nichts auszurichten vermochte. Hierhin wurde am Morgen des nächsten Tages Herr von Gravenreuth mit seinem Bataillon abgeschickt, der denn auch nach einer kurzen Beschießung mit Granaten und dem Maxim-Gun die Position nahm und den Gegner, soweit es das Gelände zuließ, verfolgte.
Der größte Teil der andern Truppen wurde zur Absuchung der weiteren Umgebung benutzt, doch wurden nur noch vereinzelt Rebellen angetroffen. Es stellte sich heraus, daß der Feind in den einzelnen Abteilungen, in denen er uns angegriffen hatte, nach den verschiedensten Richtungen abgezogen war und die Gegend verlassen hatte. Er hatte 40 Tote: 30 davon waren beim Sturm auf unser Lager gefallen, während bei uns nur der Oberbüchsenmacher Bauernschmidt, dem der Daumen der rechten Hand abgeschossen war, und vier Sudanesen verwundet waren.
Die meisten Aufständischen waren bereits vor dem eben beschriebenen Gefecht weggezogen, die noch vorgefundenen wurden auf etwa 400 geschätzt. Bana Heri selbst sagte später aus, daß er sich in der ganzen Zeit versteckt gehalten habe, weil er nach dem verunglückten Angriffe Gravenreuths einen Angriff der ganzen Schutztruppe wie bei Mlembule vorausgesehen habe.
Lebensmittel waren zu Palamakaa nur noch wenig vorhanden und die Stimmung der Eingeborenen wandte sich immer mehr und mehr von Bana Heri ab. Es wurde ihnen verboten, ihn in ihren Dörfern aufzunehmen und die Rebellen mit Lebensmitteln zu unterstützen.
Lieutenant Langheld war in Mandera mit einem Trupp von 50 Mann postiert worden und hatte den Befehl erhalten, auf flüchtige Trupps der Aufständischen zu fahnden; es gelang ihm auch, eine Schaar von Arabern und Wasegua zu zersprengen.
So konnte, da das Terrain von Palamakaa gesäubert war und eine weitere Verfolgung aussichtslos erschien, am 10. März der Rückmarsch nach der Küste angetreten werden, auf dem wir leider vier schwere und einige leichte Fälle von Hitzschlag hatten und zwar meist bei den erst vor einigen Tagen eingetroffenen Europäern. Es verstarben infolgedessen die Unteroffiziere Gombert und Witzick, welche dann in Sadani beerdigt wurden.
Der aus Deutschland mit dem Transport neuer Offiziere und Unteroffiziere eingetroffene Major Liebert hatte am Gefechte bei Palamakaa in der Begleitung des Majors Wißmann teilgenommen und bereiste in der folgenden Zeit mit dem Reichskommissar sämtliche Stationen, um auf Grund dessen, was er sah und hörte, im Stande zu sein, die nächste Vorlage betreffs der Schutztruppe vor dem Reichstage zu vertreten. Auf dieser Besichtigungstour war ihm auch Gelegenheit gegeben, selbst mit einem Trupp farbiger Offiziere gegen einen Häuptling, der sich gegen den in Lewa stationierten Offizier aufgelehnt hatte, im Verein mit +Dr.+ Bumiller einzuschreiten.
Mit Bana Heris Macht im Hinterlande von Sadani war es, wie erwähnt, nach jenem Gefecht bei Palamakaa zu Ende. Dazu zwang ihn und seine Leute der Hunger, mit uns in Unterhandlungen zu treten, die durch den neu eingesetzten Jumbe von Mkwadja vermittelt wurden.
Da der Reichskommissar den Einfluß Bana Heris auf die Bevölkerung von Usegua ausnutzen wollte, wurde ihm anbefohlen, sich mit seinen Leuten an einem bestimmten Tage auf der Station Sadani einzufinden. Der Befehl über Sadani war nach dem Gefecht bei Palamakaa auf den Lieutenant Sigl übergegangen. Der Verfasser hatte zu dieser Zeit den Auftrag erhalten, im Verein mit +Dr.+ Stuhlmann die Expedition des +Dr.+ Emin Pascha, welche in einem besonderen Kapitel behandelt werden wird, Soldaten, Träger und Lasten zusammenzustellen.
Im Auftrage des Reichskommissars sollte Herr von Gravenreuth in Sadani die Verhandlungen wegen der Übergabe Bana Heris zu Ende führen. Korvettenkapitän Valette, der älteste Offizier der Marinestation, hatte auf die Bitten des Reichskommissars dem Kommandanten des »Sperber« den Befehl erteilt, nach Sadani zu gehen, um dort für den allerdings von vornherein ziemlich unwahrscheinlichen Fall, daß der mit bedeutender Macht heranrückende Bana Heri ein falsches Spiel triebe, zur Hand zu sein. Die Besatzung der Station Sadani bestand nur aus 50 Mann, dem Stationschef Sigl, Lieutenant von Arnim, +Dr.+ Freiherr von Nettelblatt und 3 Unteroffizieren. Der »Sperber« hatte den ausdrücklichen Befehl, nach 24 Stunden wieder nach Sansibar zurückzukehren.
Am 3. April nachmittags fuhr Gravenreuth auf der »München« nach Sadani hinüber. In seiner Begleitung befanden sich der Wali von Pangani, Soliman ben Nassr, durch den im Verein mit dem uns ergebenen Jumbe von Mkwadja Bana Heri die Unterwerfungsverhandlungen mit dem Reichskommissar geführt hatte, und Bana Omari, ein Sohn Bana Heris. Nach der Ankunft in Sadani begab sich Bana Omari sofort ins Innere in die Gegend von Palamakaa, um Bana Heri die Nachricht von der Ankunft Gravenreuths zu überbringen mit der Aufforderung, sich nun selbst in Sadani zwecks der näheren Verhandlungen einzufinden. Bereits in den letzten Tagen hatte sich in der Station von Sadani eine Reihe von Leuten Bana Heris eingefunden, da derselbe nicht mehr in der Lage war, seine Anhänger zu ernähren. Der Hunger trieb dieselben, sich an uns Deutsche an der Küste zu wenden. Sie wurden auf der Station aufgenommen, untergebracht, verpflegt, leisteten drei Tage lang wahrhaft unglaubliches im Essen und Schlafen und meldeten sich dann zur Arbeit.
Am 4. April, Freitags, traf der »Sperber« vor Sadani ein; am Sonnabend kamen Boten von Bana Heri mit der Nachricht, derselbe könne erst am nächsten Tage erscheinen, da er krank sei und nur langsam marschieren könne. Da er aber auch an diesem Tage, dem Ostersonntag, bis Mittag nicht erschienen war, mußte der »Sperber« infolge des erhaltenen Befehls abdampfen und nach Sansibar zurückkehren. Fast in demselben Augenblick, als der Sperber Anker aufging, erschien im Gelände hinter der Station der Jumbe von Mkwadja mit zwei Begleitern und der Meldung, daß Bana Heri ihnen auf dem Fuße folge. Gleich darauf sah man von der Station aus eine lange Menschenreihe sich auf diese zu bewegen, voran eine weiße Fahne, das Zeichen des Friedens. Der Schall der Negertrommel wurde gehört. Dann erschien eine zweite weiße Fahne, gleich darauf von andrer Seite her ein dritter Trupp: -- Bana Heri war im Anrücken.
Die ganze Gesellschaft hielt zunächst vorsichtig in dem Bett eines nur zur Regenzeit Wasser enthaltenden Flusses dicht bei der Station. Omari, Bana Heris Sohn, löst sich aus den Reihen und begiebt sich nach der Station hin, aus der ihm schon der Stationschef Sigl und Lieutenant von Arnim entgegengehen. Er erhält die Weisung, Bana Heri habe sich mit seinen ganzen Truppen in der Ebene hinter der Station zu lagern. Innerhalb der Station war alles bereit. Die Geschütze waren geladen, ebenso standen die Soldaten fertig, doch war Europäern und Sudanesen streng verboten, sich auf den Bastionen und an der Brustwehr zu zeigen, um nicht den Leuten Grund zum Mißtrauen und zur Furcht zu geben, und so im letzten Augenblick ein allgemeines Ausreißen zu veranlassen.
Es wälzt sich nun die ganze Masse in die Ebene, etwa 400 Mann an der Zahl. Voran geht eine seltsame Gestalt, von dem Kopfe stehen nach beiden Seiten zwei mächtige, aufgerichtete Adlerflügel ab, den Rücken bedeckt ein Löwenfell, perlengestickte Bänder hängen vom Körper herab, -- so trippelt der Zauberer und Vortänzer, denn er ist es, in kurzem Trabe und in Schlangenlinien vor dem Zuge her, beschreibt Kreise und läuft unermüdlich hin und her. Ihm folgen drei Trommler, auf mächtigen Gomas (Negertrommeln) einen langen Wirbel schlagend, dann die weißen Fahnen, ihnen nach die Krieger, Araber, Belutschen, Sklaven, Waniamuesi, Wasegua, alle möglichen Stämme. Die meisten Leute sind sehr gut, viele Araber prächtig gekleidet, einige Neger befinden sich im Kriegsschmuck mit aufgerichteten Federbüscheln bedeckt. Fünf buntgeschirrte Esel befinden sich im Zuge. Fast alle Leute sind mit Gewehren bewaffnet, nur etwa dreißig tragen Speere oder Bogen und Keulen. So bewegt sich der Zug auf die Station zu. Da der ihnen angewiesene Platz gerade unter der Mündung des großen Feldgeschützes liegt, -- für den Neger ein höchst verdächtiger Umstand, -- so bitten sie, im Grunde des oben erwähnten trockenen Creeks lagern zu dürfen.
Hier findet das unvermeidliche, unendliche Schauri statt: Stationschef Sigl und der Wali von Pangani verhandeln mit Bana Heri. Dieser wieder macht Schauri mit seinen Leuten, das länger als drei Viertel Stunden dauert. Endlich kommt es zu einem Resultat. Stationschef Sigl meldet Herrn von Gravenreuth, Bana Heri ließe seinen Salaam sagen und bitte um die Erlaubnis, ihn selbst begrüßen zu dürfen. Er sei in ganz friedlicher Absicht gekommen; was ihn beträfe, so sei der Krieg aus und vorbei, und er unterwerfe sich allem. Zu bitten habe er folgendes: Er sei heute mit seiner besten Macht gekommen, um in möglichst feierlicher Weise seine Unterwerfung zu erklären; nun habe er noch 500 Mann in seinem Lager bei Palamakaa, ebenso seien dort die Weiber und die Kinder und das ganze Gepäck. Zu essen hätten sie garnichts, Munition ebensowenig. Herr von Gravenreuth möge gestatten, daß er selbst mit einer Abteilung wieder abzöge, um jenes Lager herbeizuholen, bezw. die Leute in ihre Dörfer zu entlassen. Die andern Abteilungen sollten in der Nähe sich niederlassen dürfen. Es möchten ihnen Schutzbriefe gewährt werden.
Alle Punkte wurden zugestanden. Sogleich kam das ganze Lager auf die Beine und im feierlichen Zuge in der vorher beschriebenen Ordnung nähert sich die Menge dem vorderen Eingange zum Fort. Der Zauberer und die Fahnenträger pflanzten sich im Hofe auf und Gravenreuth begiebt sich mit den übrigen Europäern hinunter an den äußeren Eingang. Hier harrte Bana Heri, sein Sohn Abdallah, Omari, Jehasi, mehrere Araber, 14 Jumbes und die ganze Macht.
Bana Heri selbst trägt ein gelbseidenes Araberhemd, den Kopf von einem blauen, glatt anliegenden, hinten zu einem Knoten geschürzten Tuche umwunden. Im Gürtel steckt der prächtige Maskatdolch. Als Herr v. Gravenreuth auf ihn zutrat, legte er die Hand zum Gruße an die Stirn, ergriff dann mit beiden Händen Gravenreuths Rechte und begrüßte ihn mit »+Jambo, jambo sana, jambo sâânââ+« (sei gegrüßt, sei herzlich gegrüßt, sei auf das allerbeste gegrüßt). Dann fügte er hinzu: »Ach, Herr, wäre ich doch Deinem Briefe gefolgt!« (Herr von Gravenreuth hatte ihn schon bei Ausbruch des Aufstandes zur Übergabe aufgefordert.) Das Ganze machte den Eindruck, als ob Bana Heri außerordentlich froh sei, den Krieg beendigt zu sehen. Mit großer Herzlichkeit schüttelte er allen Anwesenden die Hände. Dann bat er selbst nochmals, sogleich abziehen zu dürfen, was ihm erlaubt wurde, zumal ein schrecklicher Regen den Aufenthalt im Freien im Augenblick besonders lästig machte und alle bis auf die Haut durchnäßte. Bana Heri versprach noch, in spätestens vier Tagen wieder zurück zu sein, bat, sich wieder in Sadani niederlassen und vorher nach Sansibar kommen zu dürfen, um Major Wißmann seinen Salaam zu sagen. Er erhielt Reis und Matama und nach vielen herzlichen Danksagungen und Salaams zog er ab.
Abdallah, Omar, Jehasi und die Jumbes blieben im Fort zurück, um ihre Schutzbriefe zu erhalten. Jehasi erklärte sehr vergnügt, nun sei aller Krieg vorbei, sie hätten absolut nichts mehr zu essen gehabt. Dann sprach er voll Bewunderung von unserm Maximgeschütz, welches bei Palamakaa in Tätigkeit war, und dessen Wirkung er auf eigentümliche, hier nicht wiederzugebende Weise deutlich machen wollte. Das Geschütz sei ihm, obwohl er sich sehr gut auf Kanonen verstünde, absolut unerklärlich.
Bana Heri persönlich sandte später als äußeres Zeichen seiner Unterwerfung an den Reichskommissar sein arabisches Schwert.