Chapter 12 of 28 · 3953 words · ~20 min read

Part 12

So fand die Abteilung an Bäumen aufgehängt Kinder, unter deren Köpfen man Feuer angemacht und die so langsam zu Tode geröstet waren, Weiber mit abgeschnittenen Brüsten und sonstigen ekelhaften Verstümmelungen; Männer hatten zum Teil als Zielscheibe von Messern und Lanzen gedient und hingen zerfetzt an Büschen und Bäumen; Kinder lagen mit zerschellten Schädeln neben ihren toten Müttern: die ganze Gegend war in einen Pest- und Leichengeruch gehüllt. Durch den Anblick dieser Scheußlichkeiten wurden sowohl Europäer wie schwarze Soldaten, ja sogar die Zulus, deren Kampfesart noch am meisten derjenigen der Mafitis ähnelt, so entrüstet, daß sie alle kaum erwarten konnten, den Mafitis im Kampfe zu begegnen und die unschuldig hingemordeten Wasaramo zu rächen. Auf die begleitenden Wasaramo hatte der Anblick einen derartigen Eindruck gemacht, daß nach Verlauf von wenigen Stunden kein einziger dieser tapferen Bundesgenossen mehr zur Stelle war.

Des Morgens gegen 10 Uhr wurde Wasinga erreicht, ohne daß eine Meldung der Abteilung Bülow oder Richelmann eintraf. Wasinga wurde stark befestigt, aber bereits von Buschiri und den Mafitis verlassen vorgefunden. Im Schutze des Ortes lagen die Reste eines ungeheueren Feldlagers, welches auf eine nach Tausenden von Mafitis zählende Menge schließen ließ.

Die Abteilung marschierte nun weiter auf Jombo und hatte beinahe schon die Hoffnung, mit Mafitis zusammenzutreffen, aufgegeben, da die Meldung zu bestimmt auf Wasinga hindeutete.

Der Tag war ungeheuer heiß, Wasser war auf dem ganzen Wege nicht zu finden, und der permanente Leichengeruch wirkte beklemmend auf die marschierende Abteilung. Gegen 12 Uhr wurde eine kurze Mittagsrast unter 2 Mango-Bäumen, die den Verwüstungsversuchen der Mafiti Widerstand geleistet hatten, abgehalten. Hier traf die Abteilung auf einen kleineren versprengten Trupp der Kolonne Bülow, welcher angab, daß Bülow sich in nächster Nähe befinde. Die Meldung erwies sich jedoch als falsch, vielmehr stellte sich heraus, daß der türkische Offizier und seine Leute ohne Erlaubnis aus Schlappheit von der Kolonne zurückgeblieben waren. Genannter türkische Offizier erhielt den Befehl, zur Abteilung Bülow zu marschieren und demselben anzubefehlen, an seinem Platze zu halten, bis die Abteilung Gravenreuth herankäme.

Noch war die Patrouille kaum eine halbe Stunde abmarschiert, als in nächster Nähe des Rendezvous-Platzes Lärm ertönte und Schüsse fielen. Atemlos stürzte ein Mann der Patrouille herbei und meldete, daß eine Horde Mafitis dieselbe überrumpelt, zwei Mann getötet und einen mit der Lanze verwundet hätte.

Herr v. Gravenreuth befahl sofort an die Gewehre, Lieutenant von Perbandt übernahm die Avantgarde, die Herr von Behr bald darauf verstärkte. Die Abteilung stieß auch bald auf vagabondierende Mafiti, die jedoch nach einigen Salven unter Zurücklassung von 10 Toten das Weite suchten. Gravenreuth folgte den weichenden Mafitis, doch war bald jede Spur derselben verschwunden, und wurde der Marsch auf Jombo und Bagamoyo fortgesetzt.

Gegen 4 Uhr nachmittags traf die Kolonne in einem Palmen-Wäldchen ein, in welchem v. Gravenreuth sich entschloß zu lagern, um der mittlerweile ganz erschöpften Truppe Ruhe zu gönnen. In der Nähe des Platzes stand ein Dorf in Flammen, und wir glaubten, daß die Abteilung Bülow auf den Feind gestoßen sei. Lieutenant v. Behr erhielt den Befehl, mit seinem Zuge dorthin zu marschieren, die Gegend zu rekognoszieren und Herrn v. Bülow mit seiner Abteilung zu Gravenreuth zu beordern. Es wurden Posten ausgestellt und Vorbereitungen für das Lager getroffen.

Bald jedoch ertönte aus der Postenkette wie aus der Abteilung von Behr lebhaftes Gewehrfeuer. Auch die lagernde Abteilung sah überall im Grase auftauchende, mit kriegerischem Kopfputz geschmückte, nackte Gestalten.

Sofort wurden die Gewehre zur Hand genommen und Schiffsoffizier Wiebel mit einigen Leuten zur Bagage beordert. v. Gravenreuth ging mit der Abteilung v. Perbandt in die Postenkette. Von hier sah man auf einige 100 Meter Entfernung das befestigte Mafiti-Lager, auf welches v. Behr mit seiner Abteilung losging. Dieses Lager wurde, trotzdem fortwährend noch außerhalb befindliche Mafiti-Banden anstürmten, genommen. Dabei drangen die Mafitis wiederholt bis in die Schützenkette ein und stachen mit ihren Speeren Leute aus derselben nieder. v. Behr war schon vorher in der Nähe des erwähnten brennenden Dorfes auf eine Horde Mafiti gestoßen, hatte sie aber sogleich mit einigen Salven begrüßt und nach dem jetzt eroberten Lager vor sich hergetrieben.

Mittlerweile war die Kolonne bei der Bagage unter dem Schiffsoffizier Wiebel in eine bedenkliche Lage gekommen. Die Mafiti hatten bereits einige von den wenigen Soldaten verwundet und drangen hart auf dieselben ein, um sich der Bagage zu bemächtigen. v. Gravenreuth, der das fortwährende Feuern von dort hören konnte, schickte daher Lieutenant von Perbandt mit einer kleinen Abteilung zurück, um Wiebel zu entsetzen und die Bagage heranzuziehen.

Lieutenant von Perbandt, der auf dem Wege dorthin fortwährend von Mafitis umzingelt und belästigt wurde, kam noch gerade zur Zeit, um Wiebel aus fataler Lage zu befreien und die Bagage glücklich in das Mafitilager zu bringen.

Dort sammelte sich die ganze Abteilung Gravenreuth, und gerade wollten sich die braven Sudanesen und Zulus mit der näheren Besichtigung und Plünderung der Hütten beschäftigen, als schon wieder größere Haufen von Mafiti auf das Lager eindrangen. Araber und Belutschen beschossen aus weiter Entfernung mit ihren langen Flinten die sich rangierenden Soldaten.

Durch eine kleine Schlucht von den Deutschen getrennt, lag noch ein zweites kleineres Rebellenlager, welches aber ebenfalls bereits verlassen war.

Da für die kleine Gravenreuthsche Abteilung das zuerst genommene Lager zu groß zur Verteidigung gegen die nachdrängenden Mafitis war, wurde dasselbe in Brand gesteckt und das andere bezogen. Auch hierhin drängten die Mafiti nach, wurden aber durch einige Salven verscheucht und hielten sich nun in respektvoller Entfernung in kleineren und größeren Trupps, die Abteilung Gravenreuth beobachtend.

In dem genommenen Lager waren verschiedene gefangene Wasaramo, Männer und Weiber, von Gravenreuth befreit und einiges Rindvieh erbeutet worden. Außerdem fanden sich in der Hütte Buschiris Briefe an die umwohnenden Häuptlinge vor, worin er dieselben aufforderte, mit ihm vereint am folgenden Tage Bagamoyo anzugreifen.

Die Mafiti, die mittlerweile durch die große Menge von Toten und Verwundeten, die sie auf dem Platze gelassen hatten, überzeugt worden, daß ihre Schilde aus Rinds- und Zebrahaut doch nicht einen Schutz gegen die deutschen Geschosse, wie ihnen Buschiri weiß gemacht hatte, gewährten, und welche außerdem all ihr zusammengestohlenes Gut in Flammen aufgehen sahen, zogen sich nach dem Kingani zurück. Buschiri konnte sie nicht zu erneutem Ansturm sammeln.

Mittlerweile hatte sich bei der Abteilung Gravenreuth herausgestellt, daß für den Mann nur noch 5 Patronen vorhanden waren und Gravenreuth beschloß deshalb, sich näher an Bagamoyo heranzuziehen, da er für die Nacht einen neuen Angriff der Mafiti befürchtete. Nach etwa einstündigem Marsche, -- die Dunkelheit fing bereits an, einzubrechen, -- kam von flüchtigen Wasaramo die Meldung, daß zwischen Bagamoyo und der Abteilung sich noch Mafiti-Horden aufhielten. v. Gravenreuth, der die Abteilung nicht der Gefahr aussetzen wollte, im Busch von den gemeldeten Mafitis bei Dunkelheit überfallen zu werden, bezog eine günstige Position, und zwar bivouakierte die ganze Abteilung in Schützenlinie, die Europäer auf Posten, die Nacht hindurch jeden Augenblick einen Angriff erwartend.

Die Soldaten waren dermaßen erregt, daß in der Nacht auf jedes Geräusch, sei es auch durch einen Schakal oder eine Hyäne verursacht, Salven abgegeben wurden. Nur unter großer Mühe der Europäer konnte dem Geschieße ein Ende gemacht werden.

Die Nacht verlief ohne den erwarteten Angriff. Wie sich später herausstellte, waren die Mafiti, nachdem sie sich von ihren ungeheuren Verlusten überzeugt hatten, in wilder Flucht und ohne anzuhalten, bis nach den Kingani-Furten geströmt und dabei noch zum Teil von der Abteilung Richelmann, die in Dunda stehen geblieben war, beschossen worden.

Am nächsten Morgen kam die Abteilung Gravenreuth endlich dazu, nach 24stündigem Fasten an ihres Leibes Notdurft und Nahrung zu denken. Die im Lager erbeuteten Ziegen waren in der Nacht, da sie zu großen Lärm machten, abgestochen worden und wurden nun von den ausgehungerten Soldaten verspeist.

Nach dem Abkochen marschierte Gravenreuth nach Bagamoyo weiter. Es zeigte sich, daß thatsächlich die Mafiti schon bis in die Nähe von Bagamoyo gestreift hatten, denn auch dort waren Felder und Äcker verwüstet und Leichen von Ermordeten, wenn auch nicht mehr in so großer Zahl, gefunden worden.

Gegen Mittag kam die Abteilung in Bagamoyo an, wurde von der dort befindlichen Marineabteilung, die Bagamoyo besetzt gehalten hatte, aufs herzlichste begrüßt und beglückwünscht und von der Bevölkerung Bagamoyos und den dahin geflüchteten massenhaften Wasaramo mit stürmischem Jubel empfangen. Hier erfuhr v. Gravenreuth erst, daß Richelmann, der durch Brieftauben-Post mit Bagamoyo verbunden war, noch in Dunda stand, während von v. Bülow keine Nachricht vorhanden war. v. Gravenreuth gönnte seiner Abteilung nur bis zum nächsten Morgen Ruhe, deren sie sehr bedurfte, erneuerte die Munition und brach noch vor Tagesanbruch nach Dunda auf, um womöglich eine wirksame Verfolgung der Mafiti aufzunehmen.

In Dunda angekommen, fand er dieses von Richelmann besetzt, auch war vor Kurzem die Abteilung Bülow, die nicht halbwegs Madimola, sondern ganz dorthin marschiert war, da der Befehl falsch oder undeutlich geschrieben war, dortselbst angelangt. Die Patrouille mit den Befehlen an Hauptmann Richelmann war, wie schon erwähnt, nicht angekommen, sondern aufgefangen und versprengt worden.

In Dunda hatte der allgemein beliebte Schlachtenmaler Weidmann bereits Skizzen der dort stattgefundenen Szenen aufgenommen. Weidmann hat, nebenbei gesagt, nicht nur als Schlachtenbummler an zahlreichen der damaligen Gefechte teilgenommen, sondern sich in jeder Weise durch Übernahme der Proviantmeister-Geschäfte und andrer Funktionen nützlich zu machen gesucht.

v. Gravenreuth blieb mit der Hälfte seiner Abteilung und mit Richelmann in Dunda und ließ von dort aus die Kingani-Ebene absuchen, wobei noch verschiedene Mafitis in die Hände der Soldaten fielen. v. Bülow und v. Perbandt erhielten den Auftrag, die Mafitis bis nach dem mehrere Tagereisen entfernten Pangiri zu verfolgen. Doch wurde Pangiri trotz der anstrengendsten Eilmärsche bereits von den Mafiti verbrannt und seit kaum einer halben Stunde verlassen vorgefunden, ein Zeichen, welche Panik sich derselben nach dem Gefecht von Jombo bemächtigt hatte. Von dort marschierten die genannten Abteilungen nach Daressalam, ohne noch auf Mafiti zu stoßen, und bemerkten hier, daß die vor den Mafiti geflüchteten Wasaramo schon wieder zum Teil in ihre Dörfer zurückgekehrt waren.

Durch sein kühnes Vorgehen hatte Gravenreuth Buschiri abermals energisch zurückgeschlagen, Usaramo von der Plage der Mafiti befreit und der an der Küste eingerissenen Panik mit einem Schlage ein Ende gemacht.

Als Wißmann von Mpapua zurückkehrte -- er war auf die Nachricht der Mafiti-Gefahr mit +Dr+. Bumiller und einer kleinen Abteilung dem unter Zelewski folgenden Gros vorangeeilt -- empfing ihn die Siegesnachricht, welche im Verein mit dem, was er selbst im Innern erreicht hatte, einen wesentlichen Schritt vorwärts bedeutete und freiere Entfaltung aller Kräfte zuließ.

Indes konnte sich Wißmann nicht in jeder Weise mit Gravenreuths Vorgehen einverstanden erklären. Er mißbilligte entschieden die Teilung des Expeditionskorps in drei Kolonnen, von denen ja nur die eine wirklich hatte eingreifen können, während die Richelmannsche nur auf kleine und vereinzelte Trupps von Flüchtigen gestoßen war, und die dritte nur zur Verfolgung hatte verwandt werden können. Leicht hätte diese Schwächung bei der von Gravenreuth nicht geahnten Tapferkeit der Mafiti ihm verhängnisvoll werden können. Die Teilung erschien auch deswegen nicht angebracht, weil die Nachrichten über die Stellung der Gegner keineswegs so genau waren, daß man daraufhin hätte operieren können. Ein Vorgehen mit der gesamten Macht auf Jombo, allerdings vielleicht auf einem Umwege, um die Möglichkeit eines überraschenden Überfalls für sich zu haben, und dann in nächster Nähe des Feindes eine Teilung zum Angriff von verschiedenen Seiten her, wie es ja Gravenreuth mit seiner eigenen Kolonne gemacht hatte, wäre für das gesamte Korps das Richtigste gewesen.

Indes der Erfolg war da, und das Verdienst, die Küste verteidigt und die Mafitis aufs eklatanteste geschlagen zu haben, gebührt ohne Zweifel Gravenreuth mit seinen Offizieren und Unteroffizieren, wie auch vor allen Dingen der Kaltblütigkeit und Bravour unserer Sudanesen. Hätten diese bei Jombo versagt, so wäre das Expeditionskorps vernichtet gewesen. Als ich auf dem Rückmarsch mit der Stanley-Eminschen Karawane in Msua mit dem Freiherrn v. Gravenreuth zusammentraf, erzählte er mir von den damals noch frischen Ereignissen, wobei er den Erfolg außer der Tapferkeit der Soldaten besonders der Ruhe seiner Offiziere von Perbandt und von Behr zuschrieb.

9. Kapitel.

Wißmanns Thätigkeit an der Küste nach der Rückkehr von Mpapua, Buschiris Gefangennahme und die Unterwerfung Bana Heris.

Revisionsreise des Reichskommissars nach allen Stationen. -- Bana Heri im Hinterland von Sadani. -- Der Verkehr wird durch seine Leute behindert. -- Gefährdung der französischen Mission Mandera. -- Expedition gegen Bana Heri unter v. Zelewski. -- 600 Wassukuma als Hilfstruppe. -- Selbständiges Vorgehen der Wassukuma nach Mandera. -- 200 irreguläre Wadoë und Wakuara aus unserer Seite. -- Kleineres Expeditionskorps unter Gravenreuth zur See in Sadani; Zelewski auf dem Landwege. -- Hauptboma Bana Heris bei Mlembule bleibt unentdeckt. -- Besetzung von Mkwadja. -- Anlage einer Station daselbst. -- Vorstoß des +Dr.+ Schmidt von Pangani nach Magila. -- Einwohnerschaft auf deutscher Seite. -- Buschiri im Innern isoliert. -- Gerücht, Buschiri wolle sich mit Bana Heri und Simbodja verbinden. -- +Dr.+ Schmidt mit kleinem Expeditionskorps in Gewaltmärschen ins Innere, um Buschiri den Weg zu verlegen. -- Einnahme des Dorfes Masiro. -- Buschiri entkommt abermals. -- Die Eingeborenen überall freundlich gesinnt. -- Buschiri vom Jumbe Magaya gefangen. -- Rückmarsch nach der Küste. -- Buschiris Verhör, Verurteilung und Tod. -- Die aufständischen Bagamoyo-Jumbes werden verurteilt. -- Günstige Entwicklung der Verhältnisse auf den Küstenstationen. -- Neue Rüstungen Bana Heris. -- Rekognoszierungstour des Verfassers gegen Bana Heri im Hinterland von Sadani. -- Angriff auf die Boma von Mlembule. -- Rückmarsch nach der Küste. -- Wißmann zieht alle verfügbaren Streitkräfte zusammen zum Angriff auf Bana Heri. -- Mlembule in heftigem Gefecht erobert. -- Bana Heri zieht sich nach Palamakaa zurück. -- Einrichtung der Station Sadani unter dem Verfasser. -- Rekognoszierungsexpeditionen unter von Gravenreuth und dem Verfasser. -- Expedition des +Dr.+ Schmidt zu Simbodja. -- Anlage eines Postens am Kilimandscharo. -- Gefechte um Palamakaa. -- Eroberung der Boma. -- Zersprengung der Macht Bana Heris. -- Kleinere Expeditionen um Pangani. -- Uebergabe Bana Heris in Sadani.

Die nächstliegende Aufgabe des Reichskommissars nach seiner Rückkehr aus dem Innern und nach Erledigung der laufenden Geschäfte war eine Revisionsreise an der Küste. Ihr Zweck war eine Besichtigung der Stationen, auf denen Wißmann durch den Augenschein sich von den inzwischen gemachten Fortschritten überzeugen wollte, um seine weiteren Pläne nach dem Zustande der Stationen und der etwaigen Notwendigkeit der Besetzung derselben einzurichten.

Das Ergebnis dieser Besichtigung war ein sehr erfreuliches. Überall war wie vor der Expedition so auch während derselben wacker an dem Ausbau der Stationen weiter gearbeitet worden; die Beziehungen der Stationschefs zur Bevölkerung waren im weiteren Umkreise auf einen Teil des Hinterlandes ausgedehnt, speziell das Hinterland von Bagamoyo und Daressalam war nach Besiegung der Mafitis vollkommen beruhigt. Wißmann konnte telegraphisch nach Berlin berichten, daß die große Karawanenstraße von Bagamoyo nach den Seen wieder für den Verkehr offen stände.

Nur im Hinterlande von Sadani ließen die Verhältnisse noch sehr vieles zu wünschen übrig. Hier hatte sich der bereits früher erwähnte Bana Heri, der Machthaber von Usegua festgesetzt, jeden Verkehr mit der Küste unterbrochen und brandschatzte die aus Unkenntnis den Sadani-Weg benutzenden Karawanen. Boten von Mpapua, die auf dem kürzeren Wege durch Usegua nach Bagamoyo gingen, Leute der französischen Mission wurden von ihm gefangen genommen und ihrer Waren beraubt. Später, nach der Einnahme der Hauptstellung Bana Heris fanden wir in seiner Hütte verschiedene von ihm abgefangene Briefe von uns und von der Station Mpapua vor. Selbst der Dhau-Verkehr vor Sadani und im Wami wurde durch Bana Heris Leute unsicher gemacht.

Major Wißmann beschloß daher ein abermaliges Vorgehen gegen Bana Heri und setzte den Beginn der Unternehmungen gegen ihn ursprünglich auf den 10. November fest; doch veranlaßte die Bitte der französischen Mission Wißmann, die Unternehmung schon früher zu beginnen, da die Missionsstation Mandera in Usegua von den Scharen Bana Heris aufs ernsteste gefährdet wurde.

Der Führer des Expeditions-Korps, Chef v. Zelewski, erhielt Befehl, mit dem aus vier Kompagnien formierten Korps direkt auf Mandera vorzugehen, sämtliche feindliche und befestigte Dörfer anzugreifen und zu zerstören, um dadurch Bana Heri seiner Stützpunkte im Hinterlande zu berauben, die Mission zu sichern und den Verkehr wieder zu ermöglichen. Dem Expeditionskorps wurde die früher bereits erwähnte Karawane der Wassukuma unter ihrem Führer Tscherekesa beigegeben, da dieser mit den erwachsenen Wassukuma sich bereitwilligst in gleicher Weise, wie es früher während des Aufstandes die Waniamuesi gethan, zur Verfügung der Deutschen stellte.

Während der Zeit der Anwesenheit der Karawane in Bagamoyo hatte Tscherekesa Gelegenheit gehabt zu sehen, daß gute von ihm geleistete Dienste von uns anerkannt wurden, daß es die erste Aufgabe des Reichskommissariats in jener Zeit war, Handel und Wandel nicht nur an der Küste, sondern besonders im Hinterland an den großen Karawanenstraßen wieder zu heben, daß er somit seinen Vorteil auf unserer Seite zu suchen habe. Außerdem hatten die Wassukuma zu Bagamoyo vielfach Gelegenheit zu Verdienst. Besonders aber hatte die Art und Weise mitgewirkt, mit der es der stellvertretende Stationschef zu Bagamoyo, Hauptmann Richelmann verstanden, mit der Karawane und den Leuten umzugehen.

Das zwischen uns und den Wassukuma hergestellte gute Verhältnis war um so bemerkenswerter, als bei Ausbruch des Aufstandes gerade Tscherekesa, der Führer jener Karawane, sich bereit erklärt hatte, seine Macht auf die Seite der Rebellen zu stellen. -- Daß bei dem Entschluß Tscherekesas, unter Zelewski nach Usegua mitzuziehen, auch zum großen Teil Rücksichten auf Gewinn, auf gute Beute und Plünderung mitsprachen, ist ja natürlich.

Die Wassukuma, welche er stellte, 600 an der Zahl, wurden mit Vorderlader-Gewehren und genügender Munition versehen und in einzelne Trupps eingeteilt, von denen jeder, um ihn als unseren Freund kenntlich zu machen, eine schwarz-weiß-rote Flagge mit sich führte.

Die Wassukuma hatten auf dem Wege nach Mandera zwischen dem Expeditionskorps und der Küste zu marschieren und hatten ebenfalls den Auftrag, überall wo sie Widerstand fänden, einzuschreiten und die Dörfer gründlich zu zerstören.

Auf der andern Seite des Expeditionskorps, also westlich desselben marschierte ein ebenfalls aus freiwilligen Irregulären bestehender Trupp von 200 Wadoë und Wakuara.

Wir haben bereits früher erwähnt, daß auch diese zuerst auf Seiten der Rebellen standen, aber nach den ersten Siegen Wißmanns den Frieden von uns erbaten und nun offen auf unserer Seite gegen ihre einstigen Verbündeten kämpften. Auch sie erhielten von uns Gewehre und Munition und hatten die Aufgabe, die Expedition Zelewski in ihrer linken Flanke zu sichern.

Sämtliche Hilfstruppen waren, wie erwähnt, dahin instruiert, daß sie angreifen sollten, wo ihnen mit Feindseligkeiten entgegengetreten würde; gegen Befestigungen sollten sie selbständig vorgehen, und nur, wenn sie sich außer Stande sähen, mit Erfolg eine zu starke Boma anzugreifen, sollten sie Meldung an den Chef von Zelewski erstatten, damit dieser dann mit dem Expeditionskorps selbst eingreifen könnte.

Außer diesem unter der Führung von Zelewski stehenden Expeditionskorps von vier Kompagnien, hatte der Reichskommissar noch ein kleineres Expeditionskorps aus der bis dahin am stärksten besetzten Station Pangani herausgezogen und unter den Befehl des Chefs von Gravenreuth gestellt. Dieses kleine Expeditionskorps wurde am 8. November auf dem Dampfer »München« eingeschifft und nach Sadani gebracht, wo auch die Kriegsschiffe auf Bitten des Reichskommissars zusammengezogen waren, um eventuell für das Eingreifen an der Küste mit zur Verfügung stehen zu können.

Die Landung zu Sadani fand noch am Tage der Ankunft, den 8. November statt, und zwar nach Verabredung mit dem ältesten Offizier der Marine, Kapitän Voß, gemeinsam mit einem Landungscorps der kaiserlichen Marine.

Der der Landung entgegengesetzte Widerstand von Seiten der Rebellen war nur sehr gering. Die landenden Truppen erhielten Feuer von einer fünf Mann starken Patrouille, die sich indessen sofort auf Ndumi zurückzog. Auch das Terrain um Sadani selbst war frei von Rebellen, die, von Westen durch das starke Expeditionskorps und die Irregulären bedrängt, in nördlicher Richtung davonzogen. Es wurde infolgedessen von dem gelandeten Expeditionskorps der Schutztruppe ein Platz für das Lager ausgewählt und dies in der bei uns auf Märschen üblichen Weise hergestellt. Während der Nacht wurde von einem flüchtig vorbeiziehenden Rebellentrupp noch eine Salve ins Lager hineingeschossen, jedoch ohne Erfolg.

Tags darauf, den 9. November traf das Expeditionskorps unter Zelewski in Sadani ein. Schon vom frühen Morgen an wurde, da sein Eintreffen an diesem Tage erwartet wurde, eifrig nach ihm vom Lager bei Sadani aus ausgeguckt.

Um 10 Uhr Vormittags erblickte man in dem in weiter Ferne aufsteigenden Rauch eines angezündeten Dorfes das erste Zeichen des Herannahens der Expedition. Bald darauf bezeichneten weiter aufsteigende Rauchwolken den Weg der verschiedenen Teile der Expedition Zelewski, bis um 2 Uhr auch Ndumi, das letzte Dorf in der Nähe von Sadani, zwei Stunden von diesem entfernt, in Flammen aufging. Es war dies derjenige Ort, in dem Wißmann im Jahre 1883 nach seiner ersten Durchquerung Afrikas von Bana Heri aufs freundlichste empfangen und bewirtet wurde, derselbe Ort, wo auch der Verfasser nach schwerer Verwundung auf seiner im Eingang dieses Buches geschilderten Expedition von den Eingeborenen freundlich aufgenommen und speziell von Bana Heri und seinem Sohne Abdallah gastlich bewirtet wurde. Der planmäßige Widerstand Bana Heris und der Fanatismus seiner Leute hatte indes diese rauhe, in solchen Fällen in Afrika aber notwendige Art der Kriegsführung, die in der planmäßigen Verwüstung des Landes und dem Niederbrennen der Dörfer besteht, heraufbeschworen.

Nach seinem Eintreffen berichtete Chef von Zelewski, daß er auf seinem Marsche bis nach Mandera, der Südgrenze Useguas, alles friedlich gefunden habe. Von da ab habe er fünf zum Teil stark befestigte Dörfer unter Verlust von zwei Toten und fünf schwer Verwundeten eingenommen. Der Feind habe große Verluste gehabt und flüchte nach Norden.

Die Hilfstruppen hatten ebenfalls Gelegenheit gefunden, an einzelnen Plätzen einzugreifen. Sie waren auch, wie sich allerdings erst später herausstellte, auf die im folgenden zu erwähnende Boma Bana Heris in Mlembule gestoßen, dort aber zurückgeschlagen worden. Da ihnen diese Stellung der Rebellen zu stark erschien, als daß sie annahmen, dieselbe würde von uns genommen werden, und da sie sofort das Hasenpanier ergriffen hatten, glaubten sie am schlauesten zu handeln, wenn sie überhaupt über diese Befestigung nichts verlauten ließen. So blieb uns, da auch Zelewski selbst nichts von jener Stellung Bana Heris erfuhr, dieser überaus feste Stützpunkt und die darin befindliche bedeutende Macht vor der Hand gänzlich verborgen. Der letztere Umstand wirkte zur Ausführung einer Maßregel mit, welche sich später als Mißgriff erwies.

Die Nachricht, daß Sadani von Bana Heri und seinen Leuten wieder besetzt sei, hatte sich als falsch erwiesen; ein kaum nennenswerter Widerstand war hier gefunden worden. Das Lager von Mlembule blieb in Folge der Dummheit der Irregulären unbekannt. Ein großer Teil des Handels mußte naturgemäß jetzt statt nach Sadani nach Mkwadja gehen und so beschloß der Reichskommissar, statt Sadani den letzteren Platz zu besetzen. Chef Freiherr von Gravenreuth sollte mit der Kompagnie, die am 8. in Sadani gelandet war, und den Wassukuma die Küste entlang nach Mkwadja marschieren, und Zelewski mit seinem Expeditionskorps, das von 48 Stunden 32 marschiert und gefochten hatte, am nächsten Tage dorthin folgen, während der Kommandant selbst beabsichtigte, nach Erledigung der in Sansibar und Bagamoyo seiner harrenden Arbeiten am 13. November nach Mkwadja zu kommen. Für die Besetzung dieses Ortes sprach noch der Umstand, daß von Mkwadja ein starker Schmuggel nach Sansibar und Pemba hin betrieben wurde.

Der Marsch Gravenreuths ging, da die Dörfer an der Küste alle verlassen waren, von Sadani aus in friedlichster Weise von statten. Schwierig indes war das Passieren der vielen sich zwischen Sadani und Mkwadja von der Küste ins Land hineinziehenden Creeks. Die beiden ersten derselben konnten durchwatet werden, während ein dritter Creek, der sich unmittelbar südlich von Mkwadja befindet, größere Hindernisse bot. Eine vorausgesandte Patrouille unter dem Chef Frhrn. von Bülow und Premierlieutenant Böhlau versuchte den Creek zu durchschwimmen, aber sowohl die beiden genannten Offiziere, wie auch einige Askaris wurden durch den starken Strom ins Meer hinausgetrieben und nur der großen Schwimmfertigkeit der betreffenden gelang es, das Land wieder zu erreichen; ein Askari ertrank. Erst beim Eintritt von Niedrig-Wasser konnte der tiefe und breite Creek passiert werden.

Unmittelbar darauf wurde von der Kompagnie unter Gravenreuth der Ort Mkwadja, in dem sich einige Araber festgesetzt hatten, welche die Spitze der Expedition mit einem anhaltenden Feuer empfingen, genommen und die Aufständischen daraus vertrieben. Die Befestigungsarbeiten in der Station wurden sogleich in Angriff genommen und durch die thatkräftige Unterstützung der Marine unter dem liebenswürdigen, stets entgegenkommenden Kapitän Voß sehr gefördert. 60 Mann von der Schutztruppe unter dem Kommando des Chefs von Bülow, der sechs Wochen später durch Lieutenant von Perbandt ersetzt wurde, blieben als Besatzung zurück.