Part 26
Solche kleinen Abstecher, wie sie der Gouverneur z. B. voriges Jahr in das für den Verkehr höchst unbedeutende Usaramo mit seinen geradezu erbärmlichen Bewohnern, den Wasaramo, gemacht hat, einige Meilen weit bis an den Kingani, können hierfür nicht das geringste zu Wege bringen. Sie geben nur falsche Vorstellungen in Europa, besonders wenn lange, im Mißverhältnis zur Wichtigkeit stehende Berichte darüber veröffentlicht werden, fördern den Verkehr jedoch nicht im mindesten. So lange die Inder entweder in Bagamoyo, oder wie es meistens der Fall ist, in Sansibar selbst den Handel mit den Karawanen in der Hand haben, sind die Leute auf Bagamoyo angewiesen, von wo aus die Verschiffung ihrer Waren auf der allerdings miserablen, aber für den Dhau-Verkehr wegen der geringen Entfernung von Sansibar höchst bequemen Rhede vorteilhaft ist.
Auch die in den letzten Monaten viel erwähnte, angeblich vom Gouverneur erst geschaffene Postverbindung von Daressalam nach dem Innern erweckt hier in der Heimat falsche Vorstellungen. Eine Postverbindung hat auch früher meistens, in den letzten Jahren immer, bestanden. Entweder die französische Mission zu Bagamoyo oder der Inder Sewa Hadji beförderten die Postsachen in regelmäßigen Zeiträumen nach dem Innern, oder es war wie in den letzten Jahren Aufgabe des Bezirkshauptmanns von Bagamoyo, einen regelmäßigen Postverkehr aufrecht zu erhalten. Der letztere hatte hierzu in Bagamoyo die beste Gelegenheit, da eben hier, wie erwähnt, alle Karawanen hinkamen und so wie so ein lebhafter Verkehr zwischen diesem Küstenplatz und dem Innern bestand. Jetzt ist die Besorgung der Posten einer ziemlich neuen Firma in Daressalam übertragen. Aber die Angestellten dieser Firma haben nicht die Beziehungen zu den Leuten, wie sie z. B. die französische Mission und die dortigen Inder, oder wie sie in erster Linie der Bezirkshauptmann von Bagamoyo hat. Es sind also in die Zuverlässigkeit dieser Art der Postverbindung starke Zweifel zu setzen. Der Umstand, daß die Briefträger uniformiert und so äußerlich kenntlich sein sollen, thut wenig zur Sache, ist unter Umständen sogar, wenn, wie häufig, im Innern nicht überall völlige Ruhe herrscht, nachteilig.
Besondere Erwähnung mag noch die rege, in Daressalam seit Einrichtung des Gouvernements naturgemäß entfaltete Bauthätigkeit finden, durch die, wie durch eine für diesen Platz vom Gouverneur vorgeschriebene Bauordnung Daressalam auch äußerlich ein gutes Aussehen erlangt hat. Man kann sagen, der Ort macht heute den Eindruck einer kleinen europäischen Villenstadt.
Auf eine Reihe von Erlassen des Kaiserlichen Gouverneurs muß fernerhin an dieser Stelle hingedeutet werden, welche den löblichen Zweck hatten, die Einnahmen der Kolonie zu vermehren. Neben der Übernahme des Zolles, der aus den Händen der ostafrikanischen Gesellschaft an das Gouvernement überging, und der natürlich nach wie vor, da ja die Inder, Araber und Eingeborenen daran gewöhnt sind, willig bezahlt wurde, den man sogar leicht, ohne auf großen Widerstand zu stoßen, zum Zwecke der Vermehrung der Einnahmen hätte erhöhen können, waren es Steuer-Verordnungen, die der Gouverneur im vorigen Jahre erließ. Diese Verordnungen, die in großer Eile den Organen des Gouverneurs an den verschiedenen Küstenplätzen zu publizieren befohlen wurde, zeigten sich als durchaus unangebracht. Sie riefen eine große Mißstimmung unter der davon betroffenen Bevölkerung hervor, weil sie neben einer zu großen, sehr in die Augen fallenden Belastung einzelner Personen den bestehenden Verkehr in manchen Beziehungen bedeutend erschwerten.
Die Verordnungen bezogen sich auf die Ausschreibung einer Hafengebühr für Dhaus, auf Einführung einer nach dem Umsatz, nicht nach dem Ertrag berechneten Handelssteuer, einer Schankgebühr, welche letztere wir allerdings als vollkommen berechtigt anerkennen möchten und einer Gebühr für das Schlagen von Bauhölzern. Da indes zum großen Teil diese Projekte als undurchführbar wieder fallen gelassen sind, so sei nicht weiter hierauf eingegangen. Bezüglich des Handels suchte uns der Kongostaat dadurch Konkurrenz zu machen, daß von seinen Beamten an unserer Westgrenze, Zölle für die in unser Gebiet eingeführten Waaren, besonders das Elfenbein, erhoben wurden. Dies machte sehr viel böses Blut bei den Arabern gegen den Kongostaat; die Araber zu Bagamoyo trugen ihre Beschwerden dem Verfasser vor, der, da dieselben ihm gegen internationale Abmachungen zu verstoßen schienen, sie weitergab; doch scheint darauf hin nichts weiter von unserer Seite erfolgt zu sein.
Die Bestrebungen des Gouverneurs zielen natürlich nur auf das Beste der Kolonie ab, es fehlt ihm aber nach der Ansicht des Verfassers die nötige Vorkenntnis der speziellen ostafrikanischen Verhältnisse.
Eine größere Rücksichtnahme auf die mächtigen, einflußreichen Faktoren in der Bevölkerung, wie die Araber, würden wir dringend wünschen, denn man kann sich, namentlich wenn man nicht über einen großen Geldsack und über große Kräfte zu verfügen hat, nicht so ohne weiteres über sie hinwegsetzen, sondern muß mit ihnen, die Einfluß im Lande haben, wie mit den größeren mächtigen Häuptlingen und mit den kommerziellen Regenten, den Indern, rechnen. Der Handel ist ihnen nicht mit Redensarten zu entziehen, (außer wenn man ihn überhaupt zurückbringen will,) und man kann sich gerade, wie uns dies Wißmann gezeigt hat, durch solche Rücksichtnahme manche Opfer ersparen und viele Erfolge erringen. Daß der Gouverneur selbst bei den Machthabern des Landes, den Arabern und den Häuptlingen, gar nicht beliebt ist, muß sehr bedauert werden, denn nirgends kommt es so sehr wie in Afrika auf das Renommee der Persönlichkeit an.
Der Gouverneur selbst arbeitet mit ungeheurer Rührigkeit, aber allein, und weist jede Hülfe erfahrener Leute von der Hand, hält jede Beeinflussung durch solche mißtrauisch fern und von den an Ort und Stelle erfahrenen Beamten holt Herr von Soden nur dann Rat ein, wenn er annimmt, daß die Ratschläge in seinem Sinne ausfallen; auch weiß er die wirklichen Kenner des Landes von den partiellen Kennern nicht zu unterscheiden; er, wie auch in Deutschland die Leute, scheeren so oft alle, die längere Zeit in Ostafrika waren, betreffs ihrer Urteilsfähigkeit über einen Kamm. Es kann jedoch jemand lange Jahre an einem toten, vom großartigen afrikanischen Handel abgeschlossenen Küstenplatz oder an einem fern den Hauptkarawanenstraßen gelegenen Platz im Lande gesessen haben, ohne in den Besitz einer Kenntnis der allgemeinen afrikanischen Verhältnisse gelangt zu sein. Solche Leute gehören zu den Theoretikern, die in ihrem Urteil erfahrungsmäßig fast stets von den Praktikern abweichen. --
Schon hatte der Verfasser das Manuskript zu diesem Buche abgeschlossen, da trafen so wichtige Nachrichten aus unserem ostafrikanischen Schutzgebiet ein, daß er Veranlassung nimmt, die Vorgänge noch mit wenigen Zeilen zu streifen.
Am Kilimandscharo sind die Herren Kompagnieführer Freiherr von Bülow und Lieutenant Wolfrum den Heldentod gestorben. Der erstere war ein wegen seiner Tapferkeit, Pflichttreue und siebenjähriger afrikanischer Erfahrung hochgeschätzter, an den verschiedensten Plätzen bewährter Offizier, der letztere wurde, zwar bedeutend jünger im afrikanischen Dienst, von allen gleichgeschätzt, als Offizier, Kamerad und Mensch; beider Tod ist ein empfindlicher Verlust für die Schutztruppe. Leider fielen beide in einem für uns recht unglücklichen Gefecht bei Moschi am 10. Juni: Wolfrum während desselben, Bülow erlag den im Gefecht erhaltenen Verwundungen am Tage darauf.
Zu Moschi war im November v. J. Meli seinem Vater Mandara nach dessen Tode in der Herrschaft gefolgt. Während Mandara stets ein zuverlässiger Freund der Deutschen gewesen war, der fremden Einfluß nicht aufkommen ließ, scheint sich sein Sohn ganz in die Hände der englischen Missionare gegeben zu haben; nach der Gründung der Station Marangu lebte Meli auch nicht mehr derartig unter den Augen der Deutschen, daß einer Schwenkung in seiner politischen Haltung hätte rechtzeitig vorgebeugt werden können.
Aus Gründen, welche zur Zeit hier noch nicht genügend aufgeklärt sind, sah sich Herr von Bülow veranlaßt, gegen Meli vorzugehen. Da seine Kompagnie aber sehr verteilt war und da er wohl keine Aussicht hatte, vom Gouverneur von der Küste Verstärkungen zu erhalten, wagte er das Vorgehen gegen die kriegerischen Wadschagga zu Moschi anscheinend mit etwas geringen Mitteln. Auch scheint es, daß den Wadschagga Hinterladergewehre mit Munition durch die Engländer, vielleicht gar durch Vermittlung der englischen Mission, geliefert sind. Jedenfalls war das Gefecht bei Moschi ein für uns unglückliches; nach harten Verlusten mußten sich die Unsrigen zurückziehen, selbst die von Peters begründete Kilimandscharo-Station mußte aufgegeben werden; unsere Position am Kilimandscharo ist damit zur Zeit verloren. Man hat alles an Kräften, was man an der Küste noch zusammenbringen konnte, vereint, wie es scheint, ist die Küste sogar sehr von Truppen entblößt worden. -- Es sind zwei Expeditionen, die eine unter dem an Ort und Stelle sehr erfahrenen, in Afrika wohl bewährten Kompagnieführer Johannes voran, die zweite unter dem neuen Oberführer der Schutztruppe, von Manteuffel, nachfolgend, von Tanga abgesandt, um den unzuverlässigen Häuptlingen die Lust zu weiteren Ausschreitungen zu benehmen und unsere Position im Innern wieder zu befestigen. Hoffentlich reichen die zusammengebrachten Kräfte dazu aus, den Kampf gegen Meli mit begründeter Aussicht auf Erfolg aufzunehmen und unser Ansehen wiederherzustellen.
17. Kapitel. (Schluß.)
Die Expedition Emin Paschas.
Gewinnung Emins für deutsche Dienste. -- Charakter Emins. -- Zwecke der Expedition. -- Abmarsch. -- Ankunft in Mpapua. -- Kämpfe gegen die Wahumba. -- Begegnung mit Dr. Peters. -- Abmarsch von Mpapua mit v. Bülow. -- Die Expedition schwenkt nach Tabora ab. -- Vorverhandlungen daselbst durch den Belutschen Ismael. -- Der Häuptling Sikke. -- Vertrag Emins. -- Seef ben Saad zum Wali gewählt. -- v. Bülow geht nach Urambo. -- Kämpfe Bülows und Langhelds mit den Wangoni. -- Uramboleute als Hilfstruppen. -- Langheld in Usongo. -- Emin am Viktoria. -- Aufbruch nach dem Westufer. -- Gründung von Bukoba. -- Stokes kommt mit Sigl nach Usongo. -- Unglückliches Gefecht zu Tinde. -- Langheld holt vom Viktoria Verstärkung. -- Kämpfe gegen die Waniamuesi und Wangoni. -- Stimmung der Araber zu Tabora. -- Sigls Erfolge daselbst. -- Marsch Langhelds nach Bukoba. -- Langheld übernimmt die Stationen Bukoba und Muanza. -- Emins und Stuhlmanns Weitermarsch nach dem Albert-Eduardsee und Momphu. -- Sein Rückmarsch. -- Schluß.
Bei der chronologischen Entwicklung der Ereignisse während und nach dem Aufstande, wie sie das vorliegende Buch darbietet, ist bisher eine Episode gänzlich außer Acht gelassen worden, eine Episode, welche gleichwohl in ihren Folgezuständen einen der wichtigsten Faktoren für die Weiterentwickelung der Kolonie darstellt und welche besonders auf die Maßnahmen des Gouvernements von wesentlich bestimmendem Einfluß gewesen ist: wir meinen die Expedition +Dr.+ Emin Paschas.
Schon früher ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, daß bei der Ankunft an der Küste der Pascha selbstverständlich, falls er nicht gänzlich auf seine Thätigkeit in Afrika zu verzichten wünschte, die von Seiten Englands ihm gemachten Vorschläge anzunehmen geneigt schien. Mußte doch England für ihn als die einzige in Afrika wirklich interessierte Macht gelten, war er selbst doch im Dienst Gordons seiner erfolgreichen Thätigkeit in der Äquatorialprovinz zugeführt worden. Aber diese Neigung zu England erlitt einen Stoß schon bei der Ankunft Emins in Mpapua. Hier trat ihm plötzlich eine neue Kolonialmacht entgegen; hier wehte die deutsche Flagge 300 +km+ von der Küste entfernt; deutsche Offiziere und Unteroffiziere, schwarze Truppen in deutschen Diensten empfingen ihn. Auf unserm Marsch zur Küste hinunter war Gelegenheit genug, dem Pascha in eingehenden Gesprächen die Entwicklung unserer deutsch-ostafrikanischen Kolonie darzulegen, ihn zu überzeugen, daß sein eigentliches Vaterland als stärkster Nebenbuhler Englands auf dem afrikanischen Kontinent mit Erfolg erschienen sei.
Für uns selbst mußte natürlich ein Name wie der Emin Paschas als eine überaus wichtige Erwerbung erscheinen. Die ganze zivilisierte Welt kannte ihn, die in Afrika beteiligten Mächte, der Kongostaat wie England, legten übereinstimmend einen überaus großen Wert auf seine Dienste. Was war da naheliegender, als daß wir unsererseits versuchten, den besten Kenner Innerafrikas, den in der Behandlung der Schwarzen und Araber äußerst gewandten Mann für uns zu gewinnen? Die beste Gelegenheit hierzu bot das Krankenlager Emins. Sein Zustand verbot von selbst die von englischen Freunden so überaus dringend gewünschte Überführung in ihre Hände. Vor den Augen des Genesenden entwickelte sich das gerade damals großartige Bild militärischen Lebens und beginnender Kulturarbeit auf unsrer größten afrikanischen Station.
Dazu kam der wesentliche Einfluß einer Persönlichkeit wie Wißmann, mit dessen Charaktereigenschaften sich in diesem Falle noch die Bedeutung des selbständigen, erfolgreichen Afrikaforschers verband. So war die Überleitung der Gesinnung Emins von der englischen Seite zur deutschen gleichzeitig das Werk der Ereignisse und des Einflusses der Personen, welche ihn umgaben, nicht aber ohne weiteres ein freiwilliges Zurückkehren seinerseits zu seinem angestammten Vaterland. Eine bloße Übernahme des Pascha in den Dienst des Kommissariats war durch die Bedeutung seiner Persönlichkeit ausgeschlossen. Wenn er uns seine Dienste widmen sollte, so konnte dies nur geschehen durch eine direkte Genehmigung oder auf einen ausgesprochenen Wunsch des Auswärtigen Amtes in einer Stellung, welche ihn nicht, wie uns andre, dem persönlichen Dienst des Reichskommissars zuteilte. Wißmann wandte sich daher, wie bekannt, an die leitende Stelle in Berlin und erhielt von dieser die telegraphische Antwort: »Emin Paschas Dienste sind uns angenehm.«
Es ist die Ansicht sehr verbreitet, als hätte Wißmann danach gestrebt, +Dr.+ Emin Pascha in seinen Befehlsbereich, also zu seinem Untergebenen zu bekommen. Diese Ansicht ist irrig: Wißmann wünschte eine direkte Unterstellung des Pascha unter das Auswärtige Amt; +Dr.+ Emin hingegen erbat wiederholt und dringend von Wißmann eine direkte Unterstellung seiner Person unter die Wißmanns, auch für spätere Zeit, und zwar begründete der Pascha dies in seiner mitunter kokett erscheinenden Bescheidenheit mit den größeren persönlichen Verdiensten Wißmanns. Es möge dies Faktum Erwähnung finden, um einer ungerechten Beurteilung Wißmanns vorzubeugen.
Die Aufgabe, welche Wißmann durch den Pascha gelöst wissen wollte, basiert auf den eigentümlichen, man kann wohl sagen politischen Verhältnissen unserer Kolonie. Die Küste war in unsern Besitz zurückgebracht. Der große Karawanen-Knotenpunkt, welcher als äußerste Grenze der Küste betrachtet werden kann, war von uns besetzt. Aber diese Thatsachen konnten für die wirkliche Beherrschung der Kolonie durch uns immer noch nicht als allein ausschlaggebend angesehen werden, besonders dann nicht, wenn wir unsre Hauptaufgabe erfüllen, d. h. die handelspolitischen Fäden Inner-Afrikas in unsrer Hand vereinigen wollten. Diese Fäden liefen im Innern zusammen in den großen arabischen Handelscentren, wo hunderte mächtiger Kaufleute, ja, man kann sagen arabischer Herrscher ungeheure Gebiete in unserm eigenen Lande in ihrer Hand vereinigt hatten. Es schien sehr denkbar, daß die Araber des Innern durch die Beeinträchtigung des Sklavenhandels oder aus Furcht vor unserm Vorgehen an der Küste ihren Handel von nun an in andere Bahnen lenken würden, auch lag die Möglichkeit nahe, daß diese arabischen Centren im Innern, wenn wir nicht in einen direkten Verkehr mit ihnen traten, auf endlose Zeit hinaus die Quellen neuer Aufstände und Beunruhigungen sein würden. Ein militärischer Vorstoß nach diesen Punkten im Innern konnte gar nicht in Frage kommen. Zudem ließen es auch die bestehenden Verhältnisse als wahrscheinlich erscheinen, daß eine diplomatische Expedition, wenn dieselbe unter der Entfaltung einer immerhin in die Augen fallenden Macht auftrat, noch besser zum Ziele führen würde. Für eine solche Aufgabe war die Person Emin Paschas so geeignet, wie keine zweite. Als ganz erstrebenswerte Folge ergab sich außerdem, daß durch eine solche Expedition notwendig im Innern Interessen geschaffen werden mußten, welche von der Reichsregierung später in keinem Falle aufgegeben oder verleugnet werden konnten. Auf diesen Grundlagen baute sich die Aufgabe, welche Emin lösen sollte, auf.
Der Entschluß, seine Dienste der deutschen Reichsregierung anzubieten, war von +Dr.+ Emin noch auf seinem Krankenlager in Bagamoyo gefaßt worden. Nachdem die prinzipielle Genehmigung zur Expedition von Berlin erwirkt und die Mittel für dieselbe bewilligt waren, wurde mit Eifer an die Zusammenstellung der Expedition gegangen. Zwar hatte es nach der Genesung des Pascha den Anschein, als gewännen andere Einflüsse auf ihn wieder die Oberhand, zwar erklärte er mir nach erfolgter Zusammenstellung der Expedition zuletzt noch in Bagamoyo, er wolle diese mir, der ich ursprünglich als militärischer Führer für dieselbe in Aussicht genommen war, überlassen und selbst noch in Sansibar und Bagamoyo verweilen, schließlich aber willigte er doch ein, selbst die Expedition zu führen. Und dazu hatte Wißmann seinen ganzen Einfluß eingesetzt, denn es war klar, daß nur im Vertrauen auf den Pascha, seine Vergangenheit und seine außerordentliche Leistungsfähigkeit, die Genehmigung des Reichskanzlers zu dieser für damalige Verhältnisse weitausschauenden Expedition erteilt war.
Es möge an dieser Stelle gestattet sein, den Charakter Emins, wie sich ~uns~ derselbe in mehrmonatlichem Verkehr offenbarte, einige Worte zu widmen. Unbestritten ist von vornherein sein wissenschaftlicher Eifer und Ruhm. Ebenso unbestritten das organisatorische Talent, welches er während der dreizehn Verwaltungsjahre in der Äquatorialprovinz genügend bekundet hat. Uns Offizieren jedoch mußte ein Charakter wie der seine zunächst durchaus fremd gegenübertreten. Mag es nun in seinem langen Verkehr mit Arabern oder in angeborenen Charaktereigentümlichkeiten liegen, er zeigte in jedem Falle ein für unser Gefühl viel zu starkes Eingehen auf Wünsche aller Art, gleichviel von welcher Seite dieselben immer ausgesprochen wurden. Die übertriebene Höflichkeit und die vollkommene Unterordnung seines eigenen Willens unter den Ideengang viel jüngerer Männer, nicht nur Wißmanns, sondern auch weniger bedeutender Leute, kamen uns wie eine Art Schlaffheit, wie mangelndes Selbstbewußtsein vor. Dazu kam eine übergroße Reizbarkeit; der Charakter Emins ist dermaßen erregbar, daß unter Umständen ein verkehrtes Wort ihn dazu veranlassen konnte, daß er sich wie eine Schnecke in ihr Haus zurückzog. Leicht bezog er auch ein der Sache geltendes Urteil auf seine Person. Besonders in letzterer Hinsicht war der Verkehr mit ihm nicht ganz angenehm, denn Emin pflegte derartige Meinungsverschiedenheiten nicht so leicht zu vergessen. Das hier gefällte Urteil ist ja ein persönliches, aber es bringt das Empfinden zum Ausdruck, welches wir bis zum Abmarsch des Pascha fast ausnahmslos hatten.
Eins aber muß ganz unbedingt von allen anerkannt werden: das ist die Thatsache, daß schließlich +Dr.+ Emin trotz seiner schweren vorhergegangenen Krankheit, trotz seines 16jährigen Aufenthalts in Afrika sich schließlich, ohne die Heimat oder Egypten wiederzusehen, in den Dienst der deutschen Sache stellte, für die er nach kaum fünfmonatlichem Verweilen an der Küste den Marsch ins Innere wieder antrat, ohne doch durch eine Verpflichtung dazu genötigt gewesen zu sein. Und in der That ist die Expedition +Dr.+ Emins von der einschneidendsten Bedeutung für die weitere Entwickelung Deutsch-Ostafrikas geworden. Das Verdienst, unser Ansehen im Seengebiet ausgebreitet zu haben, kommt der Expedition Emin Paschas zu.
Der geeignetste Zeitpunkt für eine solche Expedition und ihre Aufgaben war die verhältnismäßig stille Zeit, welche nach der Beruhigung des Nordens und vor Wiedereroberung des Südens sich eingestellt hatte. Die Verhandlungen zwischen Wißmann und Emin führten zu dem Resultat, daß der Pascha Ende April mit den Offizieren Langheld und +Dr.+ Stuhlmann, dem Feldwebel Kühne und dem Sergeant Krause, 100 Soldaten (Sudanesen, Zulus und Askaris), ferner 400 mit Vorderladern bewaffneten Trägern und einem kleinen 3,7 +cm+ Geschütz von Bagamoyo aufbrechen sollte. Lieutenant Langheld war als Führer der Soldaten an Stelle des Verfassers getreten, da zwischen dem Pascha und diesem Meinungsverschiedenheiten Platz gegriffen hatten. Lieutenant +Dr.+ Stuhlmann war dem Pascha als wissenschaftliche Stütze beigegeben. Beiläufig erwähnt, machte die Anwerbung der Träger sehr große Schwierigkeit. Sobald unsere englischen Freunde in Sansibar, denen wir bis zum letzten Augenblick die Zwecke und Personen der Expedition verborgen gehalten hatten, über die Sachlage im Klaren waren, setzten sie alles daran, die Expedition zu hintertreiben.
Am 26. April 1890 marschierte die Expedition von Bagamoyo ab und traf in Mpapua mit der aus dem Innern kommenden deutschen Emin Pascha-Expedition unter +Dr.+ Peters zusammen. Wegen der schlechten Jahreszeit -- die Kingani- und Makataebene waren nach der großen Regenzeit ebenso wie das Mukondoguathal überschwemmt -- hatten die Expeditionsmitglieder wie die Soldaten und Träger schon auf dem erstem Teil des Marsches viel unter klimatischen Krankheiten zu leiden und waren auch einige Verluste durch Tod zu verzeichnen. In Mpapua wurde von Seiten des dortigen Stationschefs Freiherrn von Bülow und Lieutenant Langheld mit den vereinigten Stations- und Expeditions-Truppen ein Zug gegen die Wahumba unternommen, die bei Kitangi geschlagen wurden.
Am 19. Juni erfolgte zu Mpapua das Zusammentreffen mit Peters; am 21. Juni marschierte nach erfolgter Reorganisation die Expedition, die in Mpapua drei Wochen geweilt hatte, nach Westen weiter. Der bisher in Mpapua stationierte Feldwebel Hoffmann ging von hier aus als Expeditionsmitglied mit, sollte aber leider nicht wieder aus dem Innern zurückkehren, da er später in Muanza verstarb. Ebenso schloß sich Herr von Bülow mit 25 Mann der Mpapuabesatzung an, um die Wagogo mit Hülfe Langhelds zu züchtigen; die Wagogo, besonders der gefürchtete Häuptling Makenge zu Uniamwira, waren in letzter Zeit besonders frech gewesen; +Dr.+ Peters speziell hatte Kämpfe mit ihnen gehabt, in denen er siegreich gewesen war. Nun wurden sie ebenfalls von Bülow und Langheld wieder geschlagen; Bülow, der ursprünglich nur bis Uniamwira mitmarschieren wollte, wurde dort durch Krankheit an der Rückkehr nach Mpapua verhindert und verblieb in der Behandlung des Pascha, indem er zunächst in der Expedition weiter getragen wurde.
Wenn, wie in Ugogo, Abteilungen der Expedition detachiert wurden für kriegerische Aktionen, zeigte es sich, daß die Sudanesen nie bei der Hauptexpedition des Pascha zurückbleiben, sondern stets Lieutenant Langheld, ihrem militärischen Führer, folgen wollten, trotzdem doch der egyptische Pascha und Gouverneur der Äquatorialprovinz ihnen näher stehen konnte; es war das Gleiche schon in Bagamoyo im Verhältnis der Sudanesen zum Pascha einerseits und zum Verfasser andererseits hervorgetreten. Es ist dies ein Zeichen der guten Disziplin unserer Sudanesen und der Anhänglichkeit an ihre militärischen Führer.
Von Mpapua an traten bereits Verhältnisse ein, welche auf den weiteren Verlauf der Expedition bestimmend einwirkten und derselben eine ursprünglich nicht beabsichtigte Richtung gaben. Bei der Feststellung der Grundzüge für die Expedition hatte Wißmann dem Pascha gegenüber ausdrücklich den Wunsch ausgesprochen, daß Tabora, jenes wichtigste arabische Centrum im Innern, nicht berührt werden solle. Wißmann setzte dabei voraus, daß das Erscheinen einer so geringen Macht, wie sie dem Pascha zur Verfügung stand, doch niemals von einem nachhaltigen Erfolge auf die arabische Macht daselbst sein könne und daß daher nur unangenehme Weiterungen aus einer Besetzung Taboras entstehen würden. Der Reichskommissar selbst war auf keinen Fall in der Lage, bei irgend welchen Verwicklungen thatkräftig einzugreifen; auch konnte solch ein weiter militärischer Vorstoß nach dem Innern vorderhand gar nicht als Aufgabe des Kommissariats angesehen werden.
Die Macht der Verhältnisse hat es schließlich anders gefügt. Emin, welcher ursprünglich nördlich von Tabora direkt nach dem Viktoriasee zu gehen beabsichtigte, wurde durch Trägermangel und notwendige Ergänzung der Tauschwaren gezwungen, von seiner Route abzubiegen und Tabora aufzusuchen. Da nun hier die politischen Verhältnisse, besonders die Stimmung der Araber, sich einer Verhandlung günstig zeigte, betrachtete es Emin als seine Aufgabe, in Tabora die deutsche Flagge aufzuhissen und einen förmlichen Vertrag abschließen. Hierbei hatte ein Abgesandter Wißmanns, der Belutsche Ismael aus Bagamoyo, dem Pascha die Wege geebnet. Dieser hatte große Handelsverbindungen in Tabora und war mit allen dortigen Arabern und Belutschen aufs Engste liirt. Er erschien daher als der geeignete Mann, so lange wir größere Machtmittel im Innern nicht aufwenden konnten, für uns zu wirken und es war Wißmann, der teils persönlich, teils durch Hauptmann Richelmann und den Verfasser mit ihm unterhandelt hatte, gelungen, Ismael zu gewinnen. Derselbe ging gerade mit einer Handelsexpedition nach Tabora hinauf und übernahm dabei die Aufgabe, die Araber zur Hissung der deutschen Flagge und zur Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft zu bewegen; Ismael machte den Leuten klar, daß ihr eigenes Interesse auf unserer Seite läge, da sie doch kommerziell von der Küste abhängig wären, und sie da auch eventuell, wie der in einem früheren Kapitel erwähnte Fall Mohammed ben Kassim zeigte, gefaßt werden könnten. Die Araber waren durchaus geneigt, die deutsche Herrschaft ohne Rückhalt anzuerkennen, nicht so aber der von jeher aufs übelste berüchtigte Waniamuesihäuptling Sikke. Doch gelang es schließlich der Einwirkung der Araber und Ismaels, auch Sikke geneigter zu machen.
Da Ismael bekannt wurde, daß die Expedition des Paschas sich Tabora näherte, bewirkte er, daß von den Arabern schließlich im Einverständnis mit Sikke, der zuerst gegen die Expedition getobt hatte, ein Einladungsschreiben an Emin Pascha abgesandt wurde, selbst nach Tabora zu kommen und dort die deutsche Flagge zu hissen; der Pascha, der bei den Arabern als Mohammedaner galt, hatte natürlich einen sehr guten Namen unter diesen.
Ismael selbst ging dem Pascha entgegen, überbrachte ihm die Aufforderung der Araber und schilderte ihm die Lage der Dinge in Unianiembe. Der Pascha marschierte darauf nach Tabora und schloß daselbst am 1. August 1890 einen Vertrag mit den Arabern, in welchem diese die deutsche Oberhoheit in Unianiembe anerkannten und das Recht erhielten, selbständig einen Wali zu wählen. Falls später eine Station in Tabora angelegt würde, sollte der Wali wie in den Küstenstationen unter dem Befehl des Stationschefs stehen. Sklavenhandel und Sklavenjagden wurden ausdrücklich verboten. Der Sultan Sikke von Unianiembe zahlte eine Summe in Elfenbein und lieferte dem Pascha eine Mitrailleuse und ein Broncegeschütz aus. Die erstere hatte Sikke früher den Belgiern abgenommen, während das Broncegeschütz ein Geschenk Said Bargaschs an ihn war.
Als Wali wurde in Tabora Seef ben Saad gewählt, der sich bis zum gegenwärtigen Augenblick als außerordentlich tüchtig und zuverlässig bewährt hat.