Chapter 18 of 28 · 3953 words · ~20 min read

Part 18

In Lindi und Mikindani war es nach dem Stationsbau und den damit zusammenhängenden Arbeiten, als Freilegung des Terrains, Straßen- und Gartenanlagen, Bau des Schießstandes, Strandarbeiten etc., ebenfalls die hauptsächlichste Aufgabe der dortigen Stationschefs, möglichst bald gute Beziehungen mit der Bevölkerung herzustellen, um den Karawanen-Handel, der zwischen dem Nyassa-See und unserer Küste bestand, bald wieder dorthin zu lenken. In Mikindani waren die Verhältnisse von vornherein friedliche, da auch der einzige anfänglich nicht für Unterwerfung geneigte unter den Rebellen alsbald sich eines besseren besann und zurückkehrte. Ebenso hatten wir bereits bei der Einnahme Lindi's erwähnt, daß auch dort die Rebellen vom Reichskommissar Amnestie erbeten hatten. Der Verfasser setzte als Stationschef natürlich ebenfalls alles daran, die früheren Rebellen zur Rückkehr zu bewegen, und dies gelang ihm auch gleich in der allerersten Zeit bei fast allen. Nur einen einzigen, den Hauptbeteiligten, Raschid Schapapa, hinderte die Furcht vor Strafe und Mißtrauen gegen uns an der Rückkehr. Die andern Hauptagitatoren beim Aufstande, Kadi Omar, Fundi Majaliwa, Mohammed ben Raschid, leisteten der Aufforderung zur Rückkehr alsbald Folge.

Es sahen sowohl Chef End, der Stationschef von Mikindani, wie auch der Verfasser in Lindi ihre Aufgabe darin, hier in diesen unsern südlichen Plätzen, wohin Europäer bisher noch wenig gekommen waren, wo selbst der Sultan von Sansibar außerhalb der festen Plätze eine Herrschaft nie ausgeübt hatte, uns mehr Fühlung mit den Eingeborenen zu verschaffen und diesen das große Mißtrauen, das uns hier anfangs entgegengebracht wurde, allmählich zu benehmen. Im Hinterlande der beiden Plätze ist besonders dadurch, daß die Bevölkerung nach Möglichkeit zu den großen in der ersten Zeit natürlich notwendigen Stations-Arbeiten herangezogen und hierdurch etwas mehr an uns gewöhnt wurde, in dieser Hinsicht ein bedeutender Erfolg erzielt worden.

Um Lindi selbst gab es indes noch eine andere Frage, deren Lösung nicht so leicht erschien, nämlich die Regelung des Verhältnisses der Araber und der besitzenden Klasse überhaupt zu den Sklaven.

Lindi ist von jeher nach zwei Seiten hin bekannt: erstens als Haupt-Sklavenplatz unserer ganzen Küste und ferner durch die häufig dort vorkommenden Sklaven-Aufstände. Die Sklaven haben sich hier in den letzten Jahren des öfteren gegen ihre Herren erhoben, ihnen nicht nur den Gehorsam aufgekündigt und sind entflohen, sondern sie haben direkt die Waffen gegen sie gekehrt. Sie hatten dabei im Hinterlande von Lindi, in Luagalla, an dem Wahiyao-Häuptling Maschemba eine kräftige Stütze und fanden bei ihm einen willkommenen Zufluchtsort. Außer in Maschemba's Gebiet fanden auch noch an vielen andern Plätzen Ansammlungen von Sklaven statt, welche dann eine Art Räuberbande bildeten und die Gegend beunruhigten.

Die Sklaverei in und um Lindi verdiente kaum diesen Namen; die Sklaven konnten thun und lassen, was sie wollten und wuchsen mit der dem Neger eigenen Unverschämtheit ihren Herren über den Kopf. Im Interesse der allgemeinen Sicherheit im Lande hätten wir eine strengere Form der Sklaverei geradezu erwünscht und mußten auf alle Fälle versuchen, dem bestehenden Zustande ein Ende zu machen. Diese Regelung der Verhältnisse blieb uns Stationschefs überlassen. Nachdem unter den Häuptlingen des Hinterlandes, die auf Aufforderung des Reichskommissars mit dem Verfasser in Verbindung getreten waren, sich auch Maschemba eingefunden hatte, wurde daran gegangen, bezüglich der Sklavenfrage mit dem Häuptling ein Einverständnis zu erzielen. Ich trug ihm auf, entweder selbst zu mir nach Lindi zu kommen, oder einen seiner Söhne zu schicken, damit dieser meinen Willen erführe und wir ein die Interessen des Landes sowohl, wie, soweit angängig, diejenigen Maschembas wahrendes Abkommen treffen könnten.

Maschemba, der in jener Zeit viel mit dem Verfasser korrespondiert hat, indem er die Briefe immer in Suaheli-Sprache in lateinischen Lettern von einem auf der englischen Mission erzogenen Yao-Burschen schreiben ließ, ging auf mein Verlangen ein und sandte seine beiden Söhne mit folgendem Schreiben:

»Mein lieber Freund. Ich befinde mich wohl. Die Geschenke, die Du mir geschickt hast, sind alle angekommen, 3 Hemden, 2 Kikois, 3 Maskattücher, 12 Ballen Zeug, 4 Lessos. Meinen Dank dafür. Du schreibst mir, daß ich selbst komme oder mein Sohn. Ich schicke Dir heute zunächst meinen jüngern Sohn; der große kommt nach, er bringt noch Geschenke für Dich. Er heißt Kantande Wadi Maschemba. Damit der Brief sehr schnell kommt, bringt ihn mein jüngerer Sohn. Viele Grüße von mir. Ich bin hier wohl. Maschemba bin Tschapama.«

Der hier angekündigte Kantande, der älteste von Maschembas Söhnen, traf denn auch bald nach dem jüngeren ein und brachte, nachdem mir Maschemba schon gleich im Anfang einmal Hühner und Ziegen gesandt hatte, nun abermals die angekündigten Geschenke, welche in Kleinvieh und Hühnern bestanden, mit. Außerdem brachte er für mich als Geschenk ein Monstrum von einem Weibe, die er wahrscheinlich für besonders schön gehalten hatte. Sie besaß einen Umfang wie mindestens 3 starke Männer zusammen, so daß sie kaum durch das Stationsthor eintreten konnte. Die Wache und alle Neger, welche diese Schönheit sahen, konnten sich des Lachens nicht enthalten. Die gute Absicht Maschembas wurde zwar anerkannt, das Weib aber schleunigst in Freiheit gesetzt.

An dem Verhalten der Söhne Maschembas merkte ich bald, daß, wenngleich sie natürlich in Lindi auf alle Vorschläge und Bedingungen eingingen, und wenn auch Maschemba selbst ernstlich die Absicht zu haben schien, mit mir, falls seine Interessen gewahrt würden, sich dauernd auf einen guten Fuß zu stellen, an ein ernstliches Abkommen nicht zu denken war: sie hätten alles zugestanden, die Sache aber wäre im großen und ganzen doch beim Alten geblieben. Der Grund hierfür lag wohl darin, daß es Maschemba zwar verstanden hatte, die teils ihren Besitzern entlaufenen, teils von ihm von überall her geraubten Sklaven vorzüglich zu organisieren und gewissermaßen als große Räuberbande auszubilden, daß aber seine Autorität über diese Horde doch keine unbedingte war.

Ich entschloß mich deshalb, sobald meine Reisen in der Umgegend von Lindi beendet wären, Maschemba selbst aufzusuchen und zu sehen, was mit ihm persönlich auszurichten sei.

Meine Absicht war es, Maschemba zu verpflichten, daß er jeden ihm zugelaufenen Sklaven an die Station in Lindi ausliefere. Der Stationschef sollte dann den ursprünglichen Besitzer zitieren und diesem, wenn nicht besondere Gründe dagegen sprächen, den Sklaven zurückgeben, ihn aber zugleich verpflichten, an Maschemba für den Transport des Sklaven und die Auslieferung pro Kopf eine bestimmte Summe, die ich auf 5 Dollars anschlug, auszuzahlen. Ein solches Verfahren mag vielleicht heutigen Tages den jetzt geltenden Prinzipien bezüglich unseres Verhaltens in der Sklavenfrage entgegenstehen, scheint mir aber doch den damaligen Zuständen des Südens angemessen gewesen zu sein, da es vor allem darauf ankam, die Sicherheit des Gebietes und der Karawanenstraßen herbeizuführen und von zwei Übeln das kleinere mit in den Kauf zu nehmen.

Aber auch noch andere Umstände, als die Sklavenfrage, machten die Verhältnisse im Hinterlande von Lindi schwierig und stellten an den Stationschef weitgehende Ansprüche nichtmilitärischer Natur.

Daselbst bestand nämlich ein großartiger Pulverschmuggel sowohl von unserer Küste aus, wie auch von portugiesischem Gebiet nach unserem Hinterland. Eine Anzahl Leute im Hinterlande von Lindi selbst, unter denen wiederum Maschemba, sowie Araber und Eingeborene, hatten es verstanden, den Karawanenhandel, der von den Seen herunterkam, zum großen Teil an sich zu ziehen. Sie hielten selbst größere Lager der überall in Afrika am meisten begehrten, besonders aber im Süden verlangten Handelsartikel, nämlich Pulver, Munition und Gewehre und tauschten dagegen die Produkte des Innern, besonders Sklaven, ein.

Dies hatte den Nachteil, daß die Karawanen sich der Kontrolle an der Küste entzogen und ihre Geschäfte schon im Hinterlande abmachten, daß also an unserer Südküste eine Art Zwischenhandel bestand, der die Zoll-Einnahme stark beeinträchtigte und uns den Einfluß auf den wichtigsten und gleichzeitig gefährlichsten Einfuhrartikel benahm. Die verkaufte Munition wurde entweder nach den Plätzen unserer Küste, die nicht besetzt waren, eingeschmuggelt oder vom portugiesischen Gebiet über den Rovuma, wo ja auch Beobachtungsposten nicht bestanden, in das Hinterland eingeführt.

Dem mußte natürlich nach Möglichkeit entgegengearbeitet werden. Ich ließ durch meine Beziehungen zu den Eingeborenen und durch besoldete Spione diejenigen Leute innerhalb des Machtbereichs der Stationen ausfindig machen, die einen solchen verbotenen Handel betrieben und erschwerte ihnen ihr Gewerbe nach Möglichkeit. Ferner aber verkaufte ich, da ich diesen Zwischenhandel, namentlich die Schmuggelei über den Rovuma zu Maschemba und jenen Häuptlingen hin nicht gänzlich verhindern konnte, von der Station aus Gewehre und Munition an die Karawanen und zog diese dadurch an die Küstenplätze.

Da jedoch die Abgabe von Kriegsbedarf an die Karawanen nicht vorgesehen war, und auf den Stationen das nötige Pulver zum Verkaufe nicht vorhanden war, benutzte ich den Umstand, daß meine strenge, in der Umgegend von Lindi eingeführte Überwachung der den verbotenen Handel betreibenden Leute einerseits, wie Nachsicht gegen dieselben andrerseits einen Teil derselben bewog, mir ihre Vorräte auszuliefern. Ich vergütete ihnen natürlich, damit sie keinen direkten Schaden hatten, den Verlust an Waare durch Zahlung einer kleinen Summe.

Sodann wurden möglichst weit nach dem Innern hinein den vom Nyassa-See kommenden Karawanen Vertrauenspersonen entgegengeschickt, die ihnen mitteilten, daß sie ohne Furcht an die Küste selbst kommen, dort eine gute Aufnahme finden und die von ihnen gewünschten Artikel kaufen könnten.

Durch dieses Vorgehen gelang es sowohl dem Chef End in Mikindani, der dieselbe Taktik befolgte, wie mir in Lindi, den Karawanenverkehr an die Küste zu ziehen. Daß dabei bisweilen Sklaven vom Nyassa her bei den Elfenbein-Karawanen mit unterliefen, war erklärlich; ebenso notwendig war es auch unter den beschriebenen Verhältnissen, ein Auge zuzudrücken. Es wäre sonst der ganze Verkehr gestört oder nach dem benachbarten portugiesischen Gebiet, wo eine Kontrolle nicht bestand, hinübergelenkt worden. Wir beschränkten uns darauf, eine Sklaven-Ausfuhr von der Küste nach Sansibar, soweit dies in unsrer Macht stand, zu verhindern. -- Allerdings befanden sich unter den ankommenden Karawanen in Lindi auch solche von den Wahiyao-Häuptlingen Mataka aus Mwera am Nyassa-See und Makendjira von Tschusiunguli, von denen der erstere vielleicht ein Jahr früher zwei, der letztere mit seinen Leuten einen Engländer ermordet hatte, um sich an ihnen für zu strenges Vorgehen der Engländer an der Küste in der Sklavenfrage zu rächen. Die Umstände indes und die Unmöglichkeit in den Verhältnissen am Nyassa in dieser Beziehung vorläufig Wandel zu schaffen, zwangen uns zu mildem Verhalten.

Eine weitere Landplage im Süden bildeten die das Hinterland beunruhigenden Mafiti-Stämme, besonders die Magwangwara, die mehr noch als die Sklavenjagden der Araber die Gebiete der angrenzenden friedlichen Bewohner entvölkerten und die sich immer mehr und mehr ausdehnten. Die Magwangwara werden häufig als Zulus angesehen, und werden auch wie diese Wangoni genannt, ohne es indes wirklich zu sein. Es hat in früherer Zeit allerdings von Süden her eine Invasion der Zulus stattgefunden, die weite Gebiete bis an den Tanganjika heran entvölkerten. Die meisten Stämme konnten ihnen nicht widerstehen und es sind hier und da Niederlassungen von Zulus entstanden. Gerade die Magwangwara waren jedoch ein Stamm, der den Zulus erfolgreich Widerstand leistete. Sie fanden es jedoch nützlich, die Sitten, Tracht und Kampfesweise der Zulus anzunehmen und sich einem bequemeren Gewerbe, dem des Raubes und der Plünderung, hinzugeben, mit dem sie im Laufe der Zeit ihren Nachbarn ebenso gefährlich wurden, wie die Zulus in früheren Zeiten. Eigentliche Zulu sind die Magwangwara nicht.

Der kriegerische Sinn aller am Nyassa wohnenden Stämme, so auch schon der Wahiyao, ist die Ursache, daß sie sich auf Kosten der schwächeren, friedlicheren Nachbarvölker weiter und weiter ausbreiten.

Das unmittelbare Hinterland von Lindi, insbesondere das Hochplateau, welches sich hinter der sich unmittelbar an der Küste hinziehenden Hügelkette erhebt, das sogenannte Makanda-Plateau, war ursprünglich von den Makanda, den Makua und Wamwera bewohnt; aber auch hier sind die Wahiyaos eingedrungen und beherrschen große Gebiete jenes fruchtbaren Plateaus, in dem sie ihre Grenze und ihre Macht immer mehr und mehr erweitern.

Man kann nicht sagen, daß mit dem Zunehmen der kriegerischen Bevölkerung eine Verminderung der Bodenkultur des Landes eingetreten sei, vielmehr wird diese auch von den kriegerischen Stämmen des Südens in gleicher Weise wie von den Mafiti des Nordens, -- die allerdings zumeist ihre Weiber und Sklaven arbeiten lassen, -- in der fleißigsten Weise betrieben. Davon legen z. B. die vielen nach der Küste kommenden Produkte Zeugnis ab.

Von der sonstigen ursprünglichen Beschaffenheit des Landes sei noch erwähnt, daß fast überall, wo nicht schon durch Bebauung eine regelrechte Kultur eingeführt ist, ein undurchdringlicher, stark mit Kautschuk-Lianen durchzogener Busch, wie wir ihn im Norden nur ganz vereinzelt finden, hier allgemein das Land bedeckt. Die Märsche unserer Truppen, das merkten wir stets bei unsern Expeditionen im Süden, werden dadurch ungemein erschwert, besonders Feinden gegenüber, wie wir sie im Süden vorfanden, die sich ganz ausgezeichnet auf die Ausnutzung des Terrains und auf die Anwendung des kleinen Krieges in Afrika verstehen. Selbst kleine Abteilungen konnten uns zuweilen die erheblichsten Schwierigkeiten bereiten.

In Lindi selbst stand ich vor der Aufgabe, der erhaltenen Instruktion gemäß, immer gute Beziehungen mit den Eingeborenen und besonders mit den Machthabern des Landes, auch wenn diese am Aufstand und selbst an der Vertreibung der Ostafrikanischen Gesellschafts-Beamten beteiligt waren, herbeizuführen. Dem schon erwähnten Kadi Omar und dem Nassr Munimgando, Leuten, die in ihren persönlichen Interessen durch den zwischen dem Sultan von Sansibar und der Ostafrikanischen Gesellschaft geschlossenen Vertrag geschädigt und zur Teilnahme am Aufstand bewogen waren, gab ich gewissermaßen Vertrauensstellungen. Ersterer diente mir als Sekretär und hatte die Suaheli-Korrespondenz mit den Machthabern der Umgegend und des Hinterlandes zu besorgen, nebenbei hatte er auch als Kadi ab und zu mir ratend zur Seite zu stehen. Letzterer hatte besonders nach außen hin darauf zu wirken, daß die Karawanen nach der Küste heruntergezogen würden. Jene beiden Leute waren ja, genauer betrachtet, ziemlich große Halunken, doch waren sie unter damaligen Umständen mir sehr nützlich. Leute dieser Art sind besonders dann gut zu verwerten, wenn sie in jeder Weise merken, daß man ihnen auf die Finger sieht.

Die Erwähnung dieser Verhältnisse habe ich für notwendig gehalten, weil sie die Grundlage der nächsten Ereignisse im Süden bilden und veranschaulichen, warum bei der Geringfügigkeit der uns zu Gebote stehenden Mittel in unserm südlichsten Gebiet ein wesentlich verändertes Vorgehen im Gegensatz zum Norden notwendig war.

Nachdem sowohl Chef End in Mikindani, als auch der Verfasser in Lindi die Arbeiten beim Aufbau der Stationen soweit geführt hatten, daß die Umwallung der Stationen und die Fertigstellung der Bastionen und Mauern vollendet war, gingen wir beide gemeinsam an die Ausführung der bereits angedeuteten Expedition in unser Hinterland. Sie galt dem Besuch des Wahiyao-Häuptlings Maschemba und der Verhandlung mit ihm, außerdem einem Besuch des einflußreichen Oberhäuptlings der Makanda Schikambo.

Ein jeder von uns hatte die disponiblen Truppen aus seiner Station herausgezogen und wir vereinigten uns in Lindi, von wo aus die Expedition angetreten wurde.

Schon am dritten Marschtage erreichten wir Dörfer der Wahiyao und hatten mit diesen aus ganz geringfügigen Ursachen (Felddiebstahl der Träger u. dergl.) Streitigkeiten, wobei es mit Mühe und Not gelang, ein kriegerisches Einschreiten zu vermeiden. Am vierten Tage, an dem wir Maschembas Dorf erreichen sollten, sandte uns dieser auf halbem Wege seinen ältesten Sohn mit einer Begleitmannschaft von etwa 40 Leuten zu unserer Begrüßung entgegen. Von den Wahiyaos wurden zur Feier des Tages Kriegstänze aufgeführt, und von jetzt an auf dem ganzen Wege bis zu Maschemba hin knallten Freudenschüsse, die Maschemba von der Annäherung der Karawane in Kenntnis setzen sollten. Nach Passierung eines vor dem Dorfe des Maschemba befindlichen ganz dichten Busches, der selbst auf dem schmalen Fußpfade eine Menge ganz besonderer Hindernisse bot, wurden wir von einer aufgeregten, total betrunkenen Bande, der besonders die deutsche von uns selbstverständlich mitgeführte Flagge unangenehm war, empfangen.

Die zahlreichen, zu vielen Hunderten hier versammelten Leute Maschembas schossen ihre Gewehre immer noch unter der Firma Freudenschüsse in die Luft ab, ein Zeichen, wie wenig es ihnen an Pulver und Munition mangelte.

Da das Benehmen der Leute höchst auffallend und wenig Vertrauen erweckend erscheinen mußte, ließen wir nach der Ankunft unsere Truppen inmitten der Menge ein Carré formieren, und als dann Maschemba immer noch nicht zur Begrüßung sich eingefunden hatte, wurde ihm ein Bote entgegengesandt, der ihm unser kategorisches Verlangen nach seinem Erscheinen überbrachte. Zugleich sollte er dafür sorgen, daß die Banden ihr ungeberdiges Benehmen einstellten; andernfalls würden wir auf die Menge Salven abgeben und das Dorf bestrafen.

Maschemba leistete der Aufforderung sofort Folge und kam schwerbetrunken bei uns an, entschuldigte sich und seine Leute und meinte, dieselben hätten erst am Abend des vorhergehenden Tages von unserer Ankunft erfahren, und aus Freude über die seinem Dorfe zu Teil werdende Ehre sich leider in Pombe betrunken.

Es war unter diesen Umständen natürlich an eine Verhandlung garnicht zu denken. Maschemba befahl seinen Leuten auf mein Verlangen, auseinanderzugehen und sich ruhig zu verhalten, während wir unter Beobachtung aller nöthigen Vorsichtsmaßregeln Lager bezogen.

Um unnütze Reibereien mit den Leuten zu vermeiden, mußte Maschemba Wasser, Brennholz und Baumaterial für den Lagerbau, sowie die nötige Verpflegung an Feldfrüchten und Kleinvieh ins Lager schaffen. In besonders erfreulicher Weise abstechend war das würdige Benehmen unserer Sudanesen-Soldaten gegenüber den ungeberdigen Horden, auf die sie mit Verachtung herabblickten.

Der Abend des Tages wurde insofern noch gemütlicher, als Maschemba mit seiner Familie und den einflußreichsten seiner Leute zu mir ins Lager kam und große Kalebassen Pombe mitbrachte, die dann gemeinsam ausgetrunken wurden. Maschemba selbst war natürlich wieder sein bester Gast. Ich benutzte die Gelegenheit, Maschemba einen vorher bereits beschlossenen Besuch des stellvertretenden Reichskommissars +Dr+. Schmidt für einen Monat später in Aussicht zu stellen und befahl ihm dann für eine anständige Aufnahme Sorge zu tragen, wofern er weiterhin darauf Wert legte, mit uns ein gutes Einvernehmen aufrecht zu erhalten.

Am nächsten Tage ging es zu dem Makandahäuptling Schikambo, der die bittersten Klagen über die fortwährenden Beunruhigungen durch Maschemba vorbrachte. Von Schikambos Dorf Niangamala ging der Marsch nach Ikonga, wo die Expedition sich trennte. Chef End marschierte von hier aus nach Mikindani, ich selbst über den Ukeredi-Fluß nach Lindi zurück.

Bald nach meiner Ankunft in Lindi empfing ich von Maschemba ein Schreiben, worin er für das Benehmen seiner Leute um Entschuldigung bat, und seine friedlichste Gesinnung und Unterwürfigkeit beteuerte. Ohne viel hierauf zu geben, war es mir doch erwünscht, wenigstens äußerlich die Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten zu sehen, um den Karawanenverkehr nicht zu sehr zu schädigen.

Bald indes drangen Nachrichten nach Lindi über ernstere Streitigkeiten, die zwischen den Wahiyao Maschembas und den Makanda, den Leuten Schikambos, ausgebrochen waren. Nachdem zuerst die Wahiyao einige Verluste erlitten hatten, drangen sie im Gebiet der Makanda siegreich vor und zerstörten einige Dörfer derselben von Grund aus. Einzelne Makanda flüchteten bis nach Lindi, wohin Schikambo von dem Überfall Maschembas berichtete. Maschemba seinerseits bedachte uns mit einem Briefe, worin er angab, daß Schikambo durch Ermordung eines Verwandten Maschembas eine Blutschuld auf sich geladen habe. Er, Maschemba, sei dadurch zum Kriegszuge gegen die Makanda bewogen worden; nachdem er jetzt Rache genommen, wäre für ihn der Streitfall beendet, zumal er selbst Verluste erlitten hätte. Er wolle nur von der Sache Mitteilung machen, um falsche Nachrichten von feindlicher Seite zu berichtigen.

Die Entschuldigung Maschembas erschien von vornherein haltlos, und es wurde sowohl vom Verfasser, wie vom Stationschef in Mikindani beim stellvertretenden Reichskommissar beantragt, nunmehr ernstlich gegen Maschemba vorgehen zu dürfen, um entweder von ihm Garantie dafür zu erhalten, daß ein mit ihm getroffenes Abkommen auch wirklich gehalten werde oder gegen ihn mit Waffengewalt einzuschreiten. Da schon vorher der stellvertretende Reichskommissar eine Expedition zum Besuch der englischen Missionsstation des Hinterlandes und an den Rovuma zum Zweck der Untersuchung auf das Vorhandensein von Kohlen beschlossen hatte, wurde die Expedition sofort vorbereitet.

Die außerordentliche Wichtigkeit eines Kohlenlagers in unserem Gebiete braucht keine besondere Begründung. Verfasser hatte bereits früher nach Sansibar über das Vorhandensein von Kohlen berichtet. Vom Vereinigungspunkt des Rovuma und Rienda sollte ein Mann, Namens Wadi Bakari Kohlen in einem Canoe nach der Küste gebracht haben. Der Sultan Said Bargasch hatte davon erfahren und einen französischen Ingenieur in diese Gegend gesandt. Außerdem wurde dem Verfasser berichtet, daß bereits einen Tagemarsch westlich von Mschinga Leute von Raschid Schapapa vor jetzt 7 Jahren Kohlen gefunden und nach Lindi gebracht hätten, wovon ebenfalls an Said Bargasch berichtet worden sei. Der Sultan habe den Ort des Vorkommens wissen wollen, jedoch hätten Raschid Schapapa und seine Leute das Vorhandensein von Kohlen bestritten und überhaupt nichts von Kohlen wissen wollen, in der Absicht natürlich, den Sultan oder gar die Europäer von weiterem Vordringen ins Innere abzuhalten.

Die erwähnte Expedition des +Dr.+ Schmidt, zu welcher 2 Kompagnien Sudanesen, eine Kompagnie Zulu, ein 4,7 +cm+ Geschütz, ein Maxim-Gun und die nötigen Träger mitgenommen wurden, setzte sich am 6. Oktober von Lindi aus ins Hinterland in Bewegung. Es nahmen daran Teil von den Offizieren außer +Dr.+ Schmidt die beiden Stationschefs von Mikindani und Lindi (End und der Verfasser), Chefarzt Gärtner, die Lieutenants Scherner, Heymons, von Zitzewitz und Proviantmeister Jancke. Vor dem Antritt der Expedition war Maschemba von den freundlichen Absichten des stellvertretenden Reichskommissars brieflich benachrichtigt und ihm nochmals anbefohlen worden, die Expedition, wenn sie in sein Gebiet komme, gut aufzunehmen und Exzesse seiner Leute zu verhüten. Obgleich Maschemba bis zuletzt den Schein der Unterwürfigkeit bewahrt hatte, drangen doch schon bei Antritt der Expedition Gerüchte zu uns, daß Maschemba alle Anstalten getroffen hätte, diesmal dem Vorrücken in sein Gebiet bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen.

Der Plan des +Dr.+ Schmidt war, wie erwähnt, die Stationen der englischen Universitäts-Mission, Masasi und Nevala, zu besuchen, dann südlich nach dem Rovuma abzubiegen und von dort aus auf dem Rückwege Maschembas Gebiet zu durchziehen, um mit diesem, wenn möglich, auf friedliche Weise ein Abkommen zu treffen, andernfalls ihn anzugreifen. Nachdem die ersten Tage unseres Marsches zurückgelegt waren und wir den Wamwera-Ort Mtua bereits östlich von uns hatten, wurden wir am 4. und 5. Marschtage von Wahiyao-Horden Maschembas auf dem Marsche durch das Dickicht in höchst ungünstigem Terrain angegriffen und wurden uns zwei eingeborene Führer weggeschossen. Es gelang, die angreifenden Horden zurückzuschlagen und die Führer durch andere zu ersetzen. Als wir Maschembas Gebiet hinter uns hatten, wurde der Marsch nach Masasi ohne Störung fortgesetzt. Die Missionsstationen der Engländer waren, da sie stets dem Überfalle der Wahiyao- und Mafiti-Stämme ausgesetzt waren, nur provisorisch aus Bambus hergestellt, damit die Missionare in der Lage waren, sie bei drohender Gefahr abzubrechen und sofort zu verlassen.

Von Masasi wandte sich die Expedition nach der Haupt-Missionsstation Nevala. Am 20. Oktober wurde in Kisanga das Lager bezogen. In der Umgegend waren in derselben Weise wie unmittelbar hinter Lindi Wahiyao und Makanda angesiedelt. Kisanga selbst ist ein starkes, auf einer steilen Höhe gelegenes, recht ausgedehntes Dorf. Wir lagerten an einem Bache am Fuße der Höhe und glaubten besondere Besorgnis hier nicht hegen zu müssen, als plötzlich ein Träger auf uns zugelaufen kam und berichtete, daß einige Boys und Träger in Kisanga, wo sie Streit bekommen hätten, von Wahiyao festgenommen, gebunden und durchgeprügelt worden seien. Da zweifellos eine gewisse Schuld auf Seiten der Träger und Boys lag, welche in dem fremden Dorfe nichts zu suchen hatten, außerdem die Bewohner des Dorfes gerade ein Pombefest feierten und sich dabei total betrunken hatten, erschien es erwünscht, im guten die festgenommenen Leute von den Wahiyao herauszubekommen.

Chef End wurde mit seiner aus Mikindani mitgenommenen Kompagnie zur Unterhandlung resp. zur Bestrafung der Leute von +Dr.+ Schmidt abgesandt. Der Verfasser erbot sich dem +Dr.+ Schmidt, als Chef End diesen Befehl erhalten hatte, mit Chef End zusammen abzumarschieren und, wenn möglich, die Sache zu einem guten Abschluß zu bringen. Aber schon als wir die steile Höhe, da es das Terrain nicht anders gestattete, in Kolonnen zu einem emporklommen, merkten wir, daß hier im guten nichts auszurichten sei. Der Schall der Kriegsgoma tönte uns entgegen. Es blieb also nichts übrig, als die Stellung der zum Kampfe fertigen Wahiyao zu erstürmen und einzunehmen.

Die Wahiyao hatten sich hinter hohen Felsen an dem von uns erklommenen Fußpfade gut gedeckt und feuerten auf die von unten heranrückenden Truppen. Gleich bei den ersten Schüssen erhielt der Verfasser eine Kugel in die linke Brust, die an der Rippe entlang ging, den linken Oberarm durchdrang und dann noch den direkt hinter dem Verfasser gehenden Chef End traf, dem sie jedoch nur eine leichte Kontusion beibrachte. Ich erhielt vom Chefarzt Gärtner auf der Stelle im feindlichen Feuer den ersten Verband angelegt. Die Truppen wurden indes nicht aufgehalten und drangen unter Chef End unerschrocken die steile, schwer zu erklimmende Höhe empor. Von dem in brillanter Stellung befindlichen Gegner wurde unglaublich schlecht geschossen: nur drei von den farbigen Soldaten erhielten noch Verwundungen.