Part 8
Die Schutztruppe, welche ursprünglich in Kompagnien eingeteilt war, verteilte sich teils auf die einzelnen Stationen als ständige Besatzung, teils bildete sie ein je nach Bedürfnis und Stärke wechselndes, zuweilen aus den Besatzungen heraus ergänztes Expeditionskorps, so daß von eigentlichen Kompagnieverbänden nicht recht die Rede sein konnte. Besondere Schwierigkeiten bei der Rangierung der einzelnen Glieder unter die Vorgesetzten machten und machen auch heut noch die schwarzen Chargen. Es giebt deren bei den Sudanesenkompagnien mehr als zehn. Sie lassen sich schwer rücksichtlich ihres eigentlichen Dienstbereichs klassifizieren. Der Verfasser hat später eine feste Einteilung der schwarzen Chargen in den ihm unterstehenden Kompagnien vorgenommen. Doch blieb dieser Versuch durch den fortwährenden, durch die Notwendigkeit bedingten Wechsel der Offiziere resultatlos: die Schwarzen rückten immer wieder in ihre zum Teil nur eingebildeten Rechte ein. Im großen und ganzen kann man bei den Sudanesentruppen folgende Chargen unterscheiden: Die unterste Charge bilden die Ombaschi, Gefreite, welche nach egyptischem Brauch als Schließende hinter der Front aufgestellt sind, bei uns jedoch wegen ihrer großen Anzahl in Reih und Glied mit eintreten mußten. Beim Arbeitsdienst indes dienten sie als Aufseher, beim Wachtdienst, in welchem wir es für praktisch befunden haben, die egyptischen Formen in den meisten Punkten beizubehalten, wurde der Ombaschi nur als aufführender Gefreiter verwandt. Die nächsten Chargen bilden die Schausche, Unteroffiziere, die im innern Dienst Korporalschaftsführer sind. Es folgen dann die Betschausche, Sergeanten, von denen der Regel nach jedem Zuge je einer zugeteilt ist. Den Dienst als Zugführer -- die Kompagnie soll in der Regel in 3 Züge eingeteilt werden -- versehen im inneren Dienst die farbigen Offiziere resp. Sols, welche letzteren nur im Feldwebelrang stehen. Der Grund, daß dieselben Funktionen von verschiedenen Chargen ausgeführt wurden, lag darin, daß nach egyptischem Brauch entweder nur durch ihre Erziehung wissenschaftlich vorgebildete Leute, welche die egyptischen militärischen Institute besucht hatten, zu Offizieren befördert wurden, oder auch solche, welche durch eine langjährige Dienstzeit oder durch besondere Auszeichnung sich ein Anrecht auf die Beförderung zum Offizier erworben hatten.
Von uns wurde dahin gestrebt, die Zahl der farbigen Offiziere auf einen zu reduzieren, da der Exerzierdienst, wenn nicht die Leistungsfähigkeit der Kompagnie darunter leiden soll, entschieden durch Europäer versehen werden muß. Dieser eine war besonders als Vertrauens- und Mittelsperson zwischen dem Kompagnieführer und den farbigen Soldaten von Wichtigkeit.
Die Chargen-Abzeichen bestanden bei den Unteroffizieren in nach oben geöffneten Tuchwinkeln auf dem linken Oberarm, von denen der Ombaschi einen, der Schausch zwei, der Betschausch drei und der Sol vier trug.
Schließlich ist auch noch das Amt des Bullogamin (Kompagnieschreiber) zu erwähnen, obgleich wir absichtlich diese Stellung, so weit es möglich war, eingehen ließen. Die Inhaber derselben waren meist so faul, daß sie öfters nach Egypten zurückgeschickt werden mußten. Die schriftlichen Geschäfte der Kompagnie wurden natürlich von den deutschen Offizieren resp. Unteroffizieren übernommen. Der Bullogamin gehörte im übrigen zur Charge der Betschausche. Die hohe egyptische Charge des Wekil-Ombaschi, des stellvertretenden Gefreiten, ist, da sie von uns abgeschafft wurde, bei dieser Chargenaufzählung nicht berücksichtigt.
An farbigen Offizieren hatten wir in der Schutztruppe Hauptleute, Premierlieutenants und Sekondelieutenants. Von diesen wurden die für den Zweck brauchbarsten Lieutenants vorläufig im Frontdienst beibehalten; aus den übrigen machte man Polizeichefs, eine Stellung, in welcher sie sich im Allgemeinen recht gut bewährt haben.
An weißen Chargen gab es in der Schutztruppe Offiziere vom Hauptmann bis zum Sekondelieutenant, welche jedoch, da sie aus der Armee ausgetreten und in Wißmanns Privatdienst übergetreten waren, hier nicht nach ihrer in der Armee erworbenen Charge rangierten, sondern nach einer eigenen Anciennität in der Schutztruppe.
Es setzte sich das Offizierkorps zusammen aus dem Kommandanten Major v. Wißmann, den Chefs und den Lieutenants. Die Uniform der Offiziere bestand in der ersten Zeit aus weißen Baumwollanzügen, Jaquet und Hose, mit Metallknöpfen und Achselstücken und einem Tropenhelm. Als Rangabzeichen dienten außer den betreffenden Achselstücken um die Ärmel genähte Goldborten, von denen die oberste eine runde Schleife zeigte; beim Kommandanten waren es deren vier, bei den Chefs drei, bei den übrigen Offizieren zwei. Für Paradezwecke oder sonstige feierliche Gelegenheiten war ursprünglich eine Uniform von dunkelblauer Serge hergestellt worden, von demselben Schnitt wie die weiße und mit denselben Abzeichen. Diese blaue Uniform bewährte sich aber gar nicht und ist nur in sehr seltenen Fällen angelegt worden. Als Seitengewehr diente der frühere Infanterie-Campagne-Säbel mit Kavallerie-Portepee, als Schärpe die Marineschärpe mit der Kaiserkrone.
Die Uniform der Unteroffiziere war im Schnitt dieselbe wie die der Offiziere. Sie bestand aus grauem, festem Baumwollstoff; das Abzeichen bildete eine gelbe Wollenborte mit Schleife an den Ärmeln. An Waffen trugen sie Repetiergewehr, Infanterie-Seitengewehr und Revolver. Als Fußbekleidung kamen sehr bald die für die Küste außerordentlich praktischen und auch haltbaren Schuhe aus Segeltuch auf, welche leicht sauber gehalten werden können, im Inneren natürlich Lederschuhe bezw. Stiefel.
Sobald die Verhältnisse es erlaubten, wurde zu einer systematischen Ausbildung der Truppe geschritten, und zwar in der Weise, daß dabei lediglich auf die praktischen Zwecke Gewicht gelegt wurde. Der gesamte Exerzierdienst zielte darauf ab, die Truppe zu einem geschlossenen Ganzen zu machen und in die Hand des Führers zu bringen. Infolgedessen fiel natürlich das eigentliche Garnisonsexerzieren mit seiner Krone, dem Parademarsch, so gut wie gänzlich weg, und an seine Stelle trat die desto eifrigere Übung des eigentlichen Gefechtsexerzierens.
Die Ausbildung der einzelnen Züge geschah unter den weißen Unteroffizieren, die Zusammenfassung der Züge in Kompagnieverbände unter den Offizieren, die der einzelnen Kompagnien endlich unter dem Hauptführer. Der Lage der Sache nach fiel die letztere Stellung je nach Bedarf entweder dem Stationschef oder dem Führer des Expeditionskorps zu. Die allergrößten Verdienste erwarb sich bei der Aufgabe, die Truppen einzuexerzieren und zu einem schlagfertigen Ganzen zu gestalten, nicht bloß bei dem ersten Kontingent, sondern auch bei dem später zu erwähnenden Nachschub Chef v. Zelewski. Mit unermüdlicher Ausdauer und ungemein großer Hingebung an die Sache verband er das größte Wohlwollen für alle seine Untergebenen. Er kannte die meisten Soldaten der Schutztruppe persönlich und war überall gleich beliebt.
Wenn nun aber der eigentliche Exerzierdienst und die Ausbildung der Leute zur Gefechtsschlagfertigkeit verhältnismäßig wenig Mühe machte, wenigstens nach Überwindung der ersten sprachlichen Schwierigkeiten, besonders nach Einführung des deutschen Kommandos, welches von den Sudanesen in überraschend kurzer Zeit begriffen und von den schwarzen Chargen sofort richtig angewendet wurde, -- kamen doch die Sudanesen aus der egyptischen Armee und brauchten sich nur einem neuen Modus anzupassen --, so waren dafür die Schwierigkeiten bei den Schießübungen desto größer. Trotz der ausgedehnten Bemühungen seitens der Offiziere und Unteroffiziere sind wirklich gute Schießresultate nicht erzielt worden. Im Gefecht selbst schossen die Sudanesen, besonders in der ersten Zeit, blind darauf los, und es war ganz unmöglich, sie hier in den nötigen Schranken zu halten. So kam man bald dahin, ihnen das Einzelschießen im Gefecht vollständig zu untersagen: es durften nur noch Salven auf Kommando abgegeben werden. Der so erzielte Erfolg war durchaus genügend, und vor allen Dingen lernten sie auf diese Weise größere Besonnenheit und Kaltblütigkeit beim Gebrauch der Schußwaffe.
Noch größer als bei den Sudanesen waren die anfänglichen Schwierigkeiten bei den Zulus. Regulärer Kriegsdienst war ihnen gänzlich fremd. Die Bekleidung mit einer Uniform schien ihnen zum mindesten gänzlich überflüssig; die meisten hatten nicht einmal vom Gebrauch der einzelnen Kleidungsstücke einen Begriff und mußten erst dazu erzogen werden. Schuhwerk zeigte sich bei ihnen als gänzlich unangebracht. Ihre Uniform unterschied sich ursprünglich wesentlich von der der Sudanesen, später jedoch wurde dieselbe Uniform bei der gesamten Schutztruppe eingeführt.
Von Natur intelligent, begriffen die Zulus jedoch sehr bald den Wert der Disziplin, besonders nachdem ihnen in einigen Fällen die Notwendigkeit derselben handgreiflich vor Augen geführt worden war. Daß es nicht immer ganz glatt dabei abging, mag besonders ein Fall beleuchten, wo ein Zulu sich thätlich an seinem weißen Vorgesetzten vergriff. Nach Kriegsrecht wäre der Mann ja zweifellos mit dem Tode zu bestrafen gewesen. Der betreffende Stationschef jedoch ließ, und zwar besonders um den Geist der Leute zu prüfen, durch seine Kameraden über ihn aburteilen -- und siehe da: -- ihr Urteil lautete fast einstimmig auf Tod. Der Mann wurde jedoch zu Stockschlägen begnadigt. Da baten seine Kameraden durch eine Deputation um die Erlaubnis, das Urteil selbst vollstrecken, besonders aber auch die Zahl der Schläge bemessen zu dürfen. Mit Rücksicht auf den zu erhaltenden Geist in der Kompagnie wurde ihnen dieser Wunsch zugestanden. Der Delinquent erhielt nicht weniger als 150 Schläge mit dem Kiboko, der Flußpferdpeitsche und wurde dann, obwohl der Arzt keine erhebliche Beschleunigung des Pulses, noch auch sonstige bedenkliche Symptome zu erkennen vermochte, begnadigt, wie es schien -- zur Unzufriedenheit seiner Genossen. 8 Tage darauf that er schon wieder Dienst und hat seitdem nie mehr zu irgend welchen Klagen Anlaß gegeben.
Der schwierigste Teil in der Ausbildung der Zulus war in weit höherem Maße noch als bei den Sudanesen das Schießen. Die Leute kannten zum bei weitem größten Teil gar keine Hinterlader; viele hatten nie ein Gewehr in der Hand gehabt und setzten infolgedessen ein recht geringes Vertrauen in die Waffe. Um so größer war ihr Vertrauen zur Führung, und zwar schon in den ersten Gefechten.
Mit Bravour stürzten sich die Zulus auf den Feind und ließen ihrer natürlichen, ungebändigten Wildheit die Zügel schießen, so daß es anfänglich nur sehr schwer gelang, sie vom Kopfabschneiden der Gefallenen und Verwundeten, und von sonstigen bestialischen Verstümmelungen der Feinde, wie sie bei ihnen üblich sind, zurückzuhalten. Wir werden an manchen Stellen Beispiele hiervon finden.
Ein in der ersten Zeit der Ausbildung gemachter Versuch, die einzelnen Kompagnien aus Sudanesen und Zulus zu mischen, mißlang vollständig. Der Nationalcharakter beider Völker ist durchaus von einander verschieden und die Denk- und Anschauungsweise beider weicht so weit von einander ab, daß ein Zusammenwirken oder auch nur ein kameradschaftliches Zusammenleben sich als unmöglich erwies. Fortwährende Prügeleien machten dem Versuche bald ein Ende.
Wir haben noch einen Blick auf das Verhältnis zu werfen, welches zwischen den einzelnen deutschen Behörden in Ostafrika bestand. Diese Behörden waren der Reichskommissar, der Geschwaderchef (zuerst Admiral Deinhard, später Kapitän Valette), der Generalkonsul und die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft. Nur zu häufig begegnet man der Anschauung, als ob durch die Übertragung des Reichskommissariats an Wißmann nunmehr alle diese Behörden in einer Hand vereinigt gewesen seien und als ob der Reichskommissar jedenfalls die oberste Behörde gewesen sei. Das ist aber durchaus niemals der Fall gewesen. Wenn der Reichskommissar die Mitwirkung der Marine in irgend einer Beziehung, sei es zur Landung von Truppen oder zur Beschießung eines Platzes oder auch nur zur Beobachtung eines solchen wünschte, wenn er die Marinekutter oder Dampfpinassen für den Dienst des Reichskommissariats benötigte, so war er keineswegs in der Lage, einfach seine Requisition zu machen, sondern er hatte in jedem Falle den Admiral um seine Mitwirkung zu bitten; und wenn dieselbe auch in den meisten Fällen anstandslos und sofort geschah, so blieb der Geschwaderchef doch immer eine vom Reichskommissar gänzlich unabhängige, in seinen Entschließungen durchaus freie Behörde. Dasselbe war in politischer Beziehung mit dem Generalkonsul +Dr+. Michahelles der Fall. Wenn irgend welche Anträge an den Sultan als Souverän der Küste und Sansibars zu stellen waren, wenn die Mitwirkung des Sultans in irgend einer Sache erwünscht oder nötig schien, wenn endlich bei der durchaus zweifelhaften Rolle, welche der Sultan in dem ganzen Aufstande spielte, -- man wußte nie recht, ob die Araber der Küste nicht mit seinem Gelde und jedenfalls mit seiner Autorisation fochten, -- es angebracht erschien, ihm seine Stellung zu den Deutschen gebührend vor Augen zu führen, so mußten solche politischen Verhandlungen regelmäßig unter Mitwirkung, zum Teil sogar unter Genehmigung des Generalkonsuls vorgenommen werden. Das Verhältnis ist nicht immer ein günstiges gewesen. Wenn man dem Generalkonsul auch keinen Vorwurf aus seiner Vorsicht machen kann, die ihm durch die Rücksicht auf die andern in Sansibar beteiligten Mächte geboten erschien, so sind doch zum Teil erhebliche Mißhelligkeiten nicht ausgeblieben. Jedenfalls wurde die Thätigkeit des Reichskommissars dadurch erschwert, daß zwei vollkommen selbständige Behörden neben ihm bestanden, deren einzelne Funktionen in die Aufgabe Wißmanns hineingriffen. Der Generalkonsul blieb immer die oberste politische Behörde in Sansibar. Audienzen beim Sultan, der Schriftverkehr des Kommissariats mit dem Sultanspalast mußten sich durch das Generalkonsulat hindurchbewegen.
Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, welche oben unter den selbständigen Behörden mitgenannt war, ist die einzige gewesen, welche vom Reichskommissar von vornherein abhängig war. Die ganze Küste stand ja unter dem direkten und unmittelbaren Befehl Wißmanns, und hier hatte sich die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft aller ihrer Rechte begeben, sogar ihre Stationen dem Reichskommissariat untergeordnet und durch besonderen Vertrag mit Wißmann einen Teil ihrer Beamten zur Verfügung gestellt. In Sansibar selbst mußte sie natürlich auf Grund des eben erst abgeschlossenen Küstenvertrages ihre Autorität behalten.
Hier wirkte als Generalvertreter nach Herrn Vohsen Herr von Saint-Paul-Illaire mit einem Beamtenstabe, welcher lediglich zur Erhebung der Ausfuhrzölle vom Festland Verwendung fand. Das Verhältnis der Vertreter der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zum Reichskommissariat ist im großen und ganzen ein gutes gewesen. Die Wünsche der Gesellschaft, der es ja natürlich darauf ankam, so schnell als möglich wieder Fuß zu fassen, wurden vom Kommandanten und den Offizieren in jeder Weise berücksichtigt.
Zum Kapitel von der Ausbildung des Kommissariats gehört schließlich noch der regelmäßige Dampferverkehr, welcher von Sansibar aus durch die Flotte des Kommissariats mit der Küste unterhalten wurde. Die Aufgaben, welche dabei der Flottille zufielen, waren einmal die Versorgung der Stationen mit europäischen Bedürfnissen, dann der Depeschenverkehr und endlich die Besorgung der Post, welche zum erstenmal durch das Reichskommissariat auf dem Dampferwege an der Küste eingeführt wurde.
Diese Post besorgte die Briefe für die Truppe, später auch für die Beamten der Gesellschaft; ja, auch die Araber- und Inderpost wurde durch das Reichskommissariat erledigt. Im Hauptquartier in Sansibar befand sich die Annahme. Dort wurden die Postbeutel für die einzelnen Stationen fertig gestellt und versiegelt durch die Dampfer des Kommissariats befördert, sehr zur Freude besonders des kaufmännischen Teils der Küstenbevölkerung, die zum erstenmal eine regelmäßige Briefbeförderung erlebte.
Fußnoten:
[2] In Ostafrika und tropischen Malariagegenden sich Aufhaltenden, besonders neu dahin herausgehenden sei empfohlen: »Ärztlicher Ratgeber für Ostafrika und tropische Malariagegenden« von Stabsarzt +Dr.+ ~Kohlstock~.
[3] Später wurden die Truppen durchgehends mit dem neuesten Seitengewehr ausgerüstet.
6. Kapitel.
Wißmanns Expedition nach Mpapua.
Buschiris Rückzug nach dem Innern. -- Sein Angriff auf die Station Mpapua der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. -- Die Station wird von den Beamten aufgegeben. -- Zusammensetzung des Expeditionskorps Wißmanns. -- Mitnahme einer Waniamuesi-Karawane. -- Teilung der Expedition. -- Marsch des Verfassers auf der großen Karawanenstraße. -- Kämpfe Wißmanns gegen die vereinigten Bagamoyo-Jumbes bei Pangiri. -- Wiedervereinigung der beiden Korps in Msua. -- Verhalten der Bevölkerung gegenüber der Expedition. -- Wißmanns Verhandlungen mit der Bevölkerung. -- Der Häuptling Kingo von Morogro. -- Marschtempo und Lageranlage. -- Gefecht des Verfassers gegen die Bagamoyo-Jumbes bei Somwi und Zersprengung der Rebellen. -- Friedlicher Marsch bis Mpapua. -- Wahehe und Massai. -- Ankunft in Mpapua. -- Stationsbau daselbst. -- Verhandlungen mit dem Häuptling Kipangiro. -- Wißmanns Abmarsch zur Küste.
Wenden wir uns nun wieder zu Buschiri. Dieser hatte sich nach seinen Niederlagen bei Bagamoyo in der ersten Hälfte des Mai ins Innere begeben, um den einzigen Platz, welchen die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft noch dort besaß, Mpapua, in seine Gewalt zu bringen.
Jene Gegend war bis dahin so ziemlich vom Aufstande verschont geblieben und nur die Kunde davon von der Küste zu den Beamten der Gesellschaft gedrungen. Von Seiten der Gesellschaftsvertretung war dem Stationschef von Mpapua, Lieutenant Giese und dem dortigen Beamten Nielsen der Rat erteilt worden, den Versuch zu machen, auf dem Wege durch das Massai-Land nach der Küste zu dringen.
Die Herren arbeiteten indes weiter an dem Ausbau der Station, allerdings in recht unpraktischer Weise, wie sich später zeigte, und glaubten sich in jener, wie gesagt, bis dahin ruhigen Gegend halten zu können, bis von der Küste Hilfe käme; um so mehr, als sie eine ganze Anzahl Suaheli-Askaris angeworben und ausgebildet hatten.
Als nun Nachrichten über einen Anschlag Buschiris nach Mpapua gelangten, versäumten sowohl Giese, teils weil er diesen Gerüchten nicht recht glaubte, teils auch, weil er am Fieber und Dyssenterie schwer darniederlag, wie auch Nielsen, die nötigen Vorsichtsmaßregeln zu treffen. So gelang es denn einem Teil der Leute Buschiris bei Nacht sich in die Station einzuschleichen. Nielsen wurde ermordet, Giese, der im Schlafe von den Aufständischen überrascht wurde, griff zwar zum Gewehr, als dieses jedoch versagte, sprang er zum Fenster hinaus und kam im Nachtgewande, alles verloren glaubend, zu einem ihm ergebenen Häuptlinge. Die Station war aber gar nicht verloren, auch waren die Suaheli-Askari nicht entflohen, sondern hatten so tapferen Widerstand geleistet, daß die Rebellen wieder von Mpapua abzogen.
Die Leute Gieses verblieben noch einige Zeit daselbst, zerstreuten sich aber, als ihr Führer nicht zu ihnen zurückkehrte. Einige von ihnen fanden sich zu Giese, der bald von seiner Krankheit soweit hergestellt war, daß er in Begleitung zweier Soldaten auf dem von seinen Askaris Buschiri abgenommenen Esel in Nachtmärschen nach der Küste reisen konnte. Buschiri kehrte, als der Ort schon von Soldaten ganz verlassen war, noch einmal dahin zurück und zerstörte und plünderte die Station, wie auch die Gebäude und die Kirche der englischen Mission zu Mpapua; die 2-1/2 Stunden entfernte englische Missionsstation Kisogue blieb verschont.
Das auf der Station befindliche 4,7 +cm+ Geschütz hatte der Wagogo-Häuptling Kipangiro vor dem Rebellenführer gerettet und mit der dazu gehörigen Munition in seine Tembe (befestigte Niederlassung) geschafft, um es später den Deutschen auszuliefern.
So stellt sich die Sache dar nach den übereinstimmenden Aussagen der Soldaten der Besatzung und der englischen Missionare von Kisogue. Der Bericht Gieses widerspricht dem in einigen Punkten, indes ist es wahrscheinlich, daß der durch seine Krankheit schwer Mitgenommene den Vorgang nicht so klar überschaut hat, wie er es bei vollkommener Gesundheit gethan hätte. Zweierlei steht jedenfalls unleugbar fest, daß Vorsichtsmaßregeln so gut wie gar nicht getroffen waren, und daß die Besatzung, obwohl ihr Führer alles verloren glaubte, noch einige Tage nach dem Abzug Buschiris sich in Mpapua gehalten hat.
Die über die Vorfälle in Mpapua an die Küste gedrungenen Gerüchte, welche durch den persönlichen Bericht des Lieutenants Giese teils bestätigt, teils erweitert wurden, sowie die Nachricht, daß Buschiri unter den Wahehe und Mafiti Anwerbungen mache, um gegen uns zu ziehen, veranlaßten den Reichskommissar nunmehr eine Expedition nach dem Innern vorzubereiten. Lag doch die Gefahr vor, daß Buschiri jetzt, wo die deutschen Interessen im Innern nicht mehr genügend geschützt werden konnten, gegen die Stationen der englischen und französischen Mission vorgehen und die große Karawanenstraße weiterhin beunruhigen werde.
Hatte Buschiri doch schon den wenn auch vergeblichen Versuch gemacht, eine vor kurzem in Bagamoyo unter der Führung des bekannten Karawanenführers Tscherekesa angelangte Karawane, welche eine große Rindviehherde, Kleinvieh und Elfenbein mit sich führte, auf ihrem Marsche ihrer Habe zu berauben.
Für Wißmanns Absicht traf es sich günstig, daß Lieutenant Ramsay, der zur abermaligen Anwerbung von Zulus abgeschickt war, gerade mit 300 Neuangeworbenen in Bagamoyo angekommen war, die nun eifrig einexerziert wurden und zur Teilnahme an der Expedition herangezogen werden konnten.
Dem Reichskommissar war es klar, daß, wenn sich die Nachricht von den Anwerbungen Buschiris bei den Wahehes und Mafitis bewahrheitete, nach seinem Abrücken mit einer größeren Truppenmacht ein Erscheinen der Rebellen an der Küste mit den alten Anhängern und den neuen Kräften mindestens wahrscheinlich sei. Nichtsdestoweniger schien es Wißmann von der größten Wichtigkeit, die Expedition selbst ins Innere zu führen, um sich persönlich über die Absichten und die Stimmung der Eingeborenen und ihr Verhalten zu den Deutschen und Buschiri zu unterrichten. Die bisher nur in sehr unsicherer Form zu ihm gedrungenen Gerüchte ließen es nötig erscheinen, daß der Kommissar auf Grund eigener Wahrnehmungen seine Maßnahmen träfe. Er trug jedoch Bedacht, daß sein Stellvertreter an der Küste, Freiherr von Gravenreuth, nicht nur eine zur Sicherung der Stationen erforderliche Truppenzahl zur Verfügung behielt, sondern auch gegebenen Falls ein Expeditionskorps bis zur Stärke von 200 Mann formieren konnte, ohne daß deshalb die Stationen entblößt werden mußten. Hierzu kam noch, daß an der Küste selbst ja im äußersten Falle die Kriegsschiffe helfend eingreifen konnten.
Das Korps, welches der Reichskommissar mit sich nahm, bestand aus 3 Kompagnien, (1 Sudanesen- und 2 Zulukompagnien), einer Askaritruppe und der Artillerieabteilung (1 Maxim-Gun und ein 4,7 +cm+ Geschütz); im ganzen waren es 25 Europäer und 550 Mann.
Die Führung des ganzen Expeditionskorps hatte Chef von Zelewski, der Sudanesen Lieutenant End, der Zulus Lieutenant Ramsay und von Medem, der Artillerie Lieutenant Böhlau, der Askaris Deckoffizier Illich. Ferner nahmen Teil +Dr+. Bumiller als Adjutant des Reichskommissars, und als Gast Wißmanns Herr Otto Ehlers, bekannt durch seine Reise nach dem Kilimandscharo und als Führer der vom Dschaggahäuptling Mandara an Se. Majestät den deutschen Kaiser geschickten Gesandtschaft.
Verfasser selbst hatte in der ersten Zeit die Waniamuesi-Karawane mit einem Teile der Soldaten zu führen. Es erschien wohl möglich, daß diese Karawane unterwegs von Buschiri angegriffen würde. Die Söhne Uniamuesis waren wegen der uns geleisteten Dienste den Rebellen verhaßt und sie führten große Reichtümer mit sich.
Die Fürsorge für die Träger und die Lasten, wie das ganze Verpflegungswesen war Lieutenant Blümcke übertragen. Die Trägerkolonne bestand, da wir uns nur auf die Mitnahme des Proviants und der notwendigsten Tauschartikel und Geschenke beschränkten, trotz der großen Anzahl von Europäern und Truppen, aus nur 100 Mann, meist Leute von der Küste nebst einer Anzahl Wassukuma aus der oben bereits erwähnten Karawane, deren Zutrauen wir uns so schnell zu verschaffen gewußt hatten, daß sich ein Teil von ihnen willig zu Trägern für uns hergab.
Da vor dem Aufbruch der Expedition gemeldet wurde, daß etwas seitlich von der Karawanenstraße bei Pangiri sich ein Rebellenlager befinde, wohin sich die vereinigten Jumbes von Bagamoyo gezogen haben sollten, beschloß Wißmann zunächst dorthin zu marschieren und die Aufständischen zu vertreiben. Wie erwähnt, gab er dem Verfasser den Auftrag am Tage nach seinem Abmarsch mit der ganzen Waniamuesi-Karawane und den Trägern auf der großen Karawanenstraße vorzugehen, bis er wieder zum Gros stieße, was spätestens in Gerengere der Fall sein würde.
In Gemäßheit dieses Befehls setzten wir am ersten Marschtage in Böten über den Kingani, woselbst Lieutenant Sulzer einen befestigten Posten kommandierte. Daß die Karawane nur außerordentlich langsam vorwärts kam, ist bei der großen Masse von Weibern und Kindern und besonders bei den ungewöhnlich großen Lasten, die jeder einzelne zu schleppen hatte, leicht begreiflich. Hatten doch die Waniamuesi durch ihre Teilnahme am Kampfe gegen die Rebellen und an den Befestigungsarbeiten in den Küstenplätzen Gelegenheit gehabt, mehr als gewöhnlich zu verdienen, und so natürlich auch mehr eingekauft als sonst. Von einer Ordnung war überhaupt keine Rede, und es wäre verlorene Mühe gewesen, hieran irgendwie etwas ändern zu wollen, wenn wir nur unsern Zweck, die Karawane vor feindlichen Überfällen zu schützen, erreichten.
Aus Furcht vor einem Angriff Buschiris hielten sich die Waniamuesi in den ersten Marschtagen, als wir uns noch nicht mit der Expedition des Reichskommissars vereinigt hatten, stets möglichst dicht hinter dem deutschen Teil der Expedition, welcher die Begleitmannschaft und unsere Träger umfaßte. In Mtoni am Kingani verabschiedete sich Verfasser vom Lieutenant Sulzer. Nachdem wir die links vom Flusse sich hinziehende durch ihren Reichtum an Giraffen und Antilopen zur Jagd verlockende Ebene passiert hatten, langten wir in Mbuyuni, dem dortigen Hauptplatze der Wadoës an. Da diese sich am Aufstande beteiligt hatten, ihnen sogar nachgesagt wurde, daß sie drei von der Marine während des Kampfes desertierte Matrosen gefangen genommen und aufgezehrt hätten, -- was dahin zu berichtigen ist, daß sie allerdings, ihrer alten kannibalischen Sitte folgend, den Leichnam eines jener drei von andern Aufständischen ermordeten und in den Fluß geworfenen Fahnenflüchtigen herausgefischt und verspeist hatten, -- so war es von vorn herein nicht gewiß, wie sich die zu passierenden Wadoë-Dörfer zu unserer Expedition stellen würden.
Bei Mbuyuni angekommen, ging ich zunächst mit einigen meiner Leute in das von einer schwachen Boma umgebene Dorf, das ich ziemlich verlassen fand. Ich schickte in das Haus des Muene, wie die Wadoë-Häuptlinge genannt werden, und ließ ihn zu mir rufen. Er erschien auch sofort mit einem kleinen Gefolge, hinter sich einen Diener, der ein Leopardenfell und einen mit ebensolchem Fell überzogenen Sessel trug, -- beides nebst einer kunstvoll geschnitzten Axt, welche der Muene immer mit sich führt, die von ihm unzertrennlichen Zeichen seiner Würde. Als der Diener den Sessel hingestellt und das Fell davor gebreitet, nahm der Muene selbst darauf Platz und ließ den Verfasser vor sich stehen. Es wurde ihm bedeutet, daß dies bei uns nicht Sitte sei, und er ließ auch sofort eine Kitanda (Negerbettstelle) herbei bringen, auf welche wir uns einträchtig neben einander setzten.