Part 6
Wenden wir uns nun nach Daressalam, wo durch den von Wißmann dem Verfasser gesandten kleinen Teil der Schutztruppe die Marineabteilung abgelöst wurde, welche bisher als Besatzung der Station gedient hatte; S. M. S. Carola, welche zuletzt die Stationsbesatzung gestellt und deren Bemannung sehr unter Fieber- und Todesfällen zu leiden hatte, war bei der Besetzung der Station durch die Schutztruppe zunächst aus dem Hafen heraus auf die Rhede von Daressalam, dann ganz nach Bagamoyo in See gegangen. Für Daressalam erhielt der Verfasser von dem Reichskommissar die Instruktion, sich mit seiner kleinen Truppe auf die Verteidigung der Station und des Platzes zu beschränken und sich auf sonstige Unternehmungen nicht einzulassen. Um Daressalam hatten sich nicht, wie um Bagamoyo, die Rebellen alle in einer starken Befestigung versammelt, sondern sie waren auf mehrere befestigte Dörfer der Umgegend verteilt. Als nun die Nachricht von der Einnahme des Buschirischen Lagers, wenn auch mit einzelnen Unrichtigkeiten, südwärts zuerst zur Bevölkerung und zu den Rebellen, dann durch Spione nach der Station gedrungen war, erschien es notwendig, da, wo es mit Aussicht auf Erfolg möglich war, möglichst schnell einzugreifen, ehe die Aufständischen sich noch mehr zersplitterten oder ganz abzogen. In erster Linie wünschte der Verfasser das nahe gelegene Magogoni anzugreifen, in dem sich viele Araber und Belutschen befanden. Das Gesindel hatte der Station immer Schwierigkeiten gemacht und war im Besitze einer großen Viehherde. Nur den Offizieren wurde von der Absicht des Überfalls auf Magogoni Mitteilung gemacht, da sonst Grund zur Annahme vorlag, daß der Plan verraten und vereitelt werden würde. In der Nacht vom 12. bis 13. Mai wurde die Stationsbesatzung alarmirt, Munition verteilt und Lieutenant von Behr, dem sich der Beamte der Ostafrikanischen Gesellschaft, Herr Küsel, anschloß, der Befehl erteilt, mit 20 Mann bei Tagesanbruch unbemerkt westlich von Magogoni zu landen. Verfasser selbst fuhr mit Lieutenant Merker und den letzterem zugeteilten 30 Mann die Innenseite des Hafens und die schmale Landzunge entlang, auf welcher Magogoni liegt, und landete auf der diesem Orte entgegengesetzten Seite. Nach einstündigem Marsch erreichten wir Magogoni. Die Annäherung beider Abteilungen war wohl während der Nacht ziemlich unbemerkt erfolgt, doch stürzten sowohl der Abteilung v. Behr wie der Abteilung Merker kurz vor dem Dorfe Bewaffnete in ungeordneten Trupps entgegen, welche sofort in die Flucht geworfen wurden. Der Verlust der Gegner betrug 8 Tote, darunter 2 Araber. Es wurden neben 60 Stück Kleinvieh 90 Rinder erbeutet, welche den Strand entlang getrieben wurden bis an den Hafen von Daressalam, über welchen sie dann mit einer Pinasse zur Station gebracht wurden. Die in der weiteren Umgebung lagernden Banden sah sich Verfasser außer stande anzugreifen, da die Station nicht entblößt werden konnte, und erst Wißmanns Befehl und Truppenverstärkung hierzu abgewartet werden mußte.
Das Unternehmen gegen Magogoni billigte der Reichskommissar und auf die Meldung von der unbedingten Notwendigkeit, sofort gegen die anderen Rebellennester um Daressalam vorzugehen, kam er persönlich am 19. Mai auf dem von +Dr+. Peters gecharterten Dampfer Neera nach Daressalam, brachte über 100 Mann unter Chef Theremin und Lieutenant von Medem mit und erteilte dem Verfasser den Befehl am 20. Mai mit zwei kombinierten Kompagnien (Marschordnung: 1. Kompagnie [Lieutenant von Behr, Lieutenant Blümcke], 2. Kompagnie [Chef Theremin, Lieutenant von Medem] nach Mabibu vorzurücken, zu rekognoszieren und eventuell anzugreifen. Das Rebellenlager wurde gefunden, wurde aber bei unserer Annäherung verlassen. Vergebens versuchten die Aufständischen, ihre Viehherde vor uns zu retten; die kleinen Abteilungen, mit denen Plänkeleien entstanden, wurden schnell geworfen, und die ganze Herde, 80 Rinder und eine Menge Kleinvieh erbeutet. Auch einige Fahnen und Waffen fielen in unsere Hände; das Lager wurde geplündert und eingeäschert. Seliman ben Sef war leider entkommen, mit ihm Schindu.
Am nächsten Tage machte ich eine Rekognoszierungstour nach Magurmura, dem Dorfe Schindus. Dieselbe endete mehr komisch als erfolgreich. Die Einwohner flohen bei unserer Annäherung, nur eine alte energische Dame wehrte sich unter furchtbarem Geschimpfe mit einem Messer heftig gegen die Soldaten und verwundete einen derselben. Sie entpuppte sich später als Mutter des Rebellenhäuptlings und war als solche auch gleich von den Suaheli-Askaris erkannt worden. Sie wurde natürlich dingfest gemacht, mit nach der Station genommen, und dort einige Tage zur Beruhigung ihrer Nerven eingesperrt. Nach einem vereitelten Versuch ihrerseits, durch eine fensterartige Oeffnung der Bastion zu entweichen, wurde sie als im übrigen harmlos wieder entlassen.
Nach diesen Unternehmungen nahm der Reichskommissar die aus Bagamoyo mitgebrachte Kompagnie wieder dahin zurück, da große Rebellenansammlungen und ernste Schwierigkeiten um Daressalam nicht mehr bestanden. Die kleinen Unternehmungen des Verfassers gegen einzelne Rebellendörfer hatten genügt, den Bewohnern der Umgegend von Daressalam zu zeigen, daß es nunmehr ausschließlich ~ihr~ Besitz und Eigentum sei, die durch diese Unruhen gefährdet würden, denn wenn die Leute nicht standhielten, blieb nichts weiter übrig, als die unruhigen Massen an ihrem Eigentum durch Verbrennen und Ausplündern der Dörfer oder Konfiskation der Felder, so weit sie in unserm direkten Machtbezirk lagen, zu bestrafen.
Außerdem wurden die Jumbes sämtlicher im Umkreis von Daressalam gelegenen Ortschaften vom Verfasser aufgefordert, zur Station zu kommen und dort ihre vollständige Unterwerfung anzukündigen; so weit sie nicht eine ganz besonders hervorragende Rolle beim Aufstande gespielt hatten, wurde ihnen Straflosigkeit zugesichert. Diese Aufforderung und Zusicherung der Amnestie wirkte auf die gesamte Bevölkerung der Umgegend in gewünschter Weise. Nur gegen wenige Dörfer mußte in nächster Zeit vorgegangen werden. So wurde ein nochmaliges Vorgehen gegen Magogoni nötig, da dies große und reiche Dorf, besonders durch die Belutschen-Bevölkerung aufgehetzt, sich gegen uns auflehnte. Diesmal wurde es aber von Grund aus zerstört und geplündert.
Eine fernere Unternehmung aus dieser Zeit war die Bestrafung des Ortes Ukonga, dessen Pasi (Häuptling, Dorfschulze) Jangajanga hauptsächlich die Schuld an der Ermordung der Missionare in Pugu trug. Er hatte von den Missionaren die größten Wohlthaten empfangen und auch Geschenke dafür erhalten, daß er versprach, sie in Kenntnis zu setzen, wenn ihnen ein Anschlag der Rebellen drohe. Dieses Versprechen hatte er so eingelöst, daß er den Aufständischen von Bueni als Führer nach der Mission in Pugu diente und die Brüder und Schwestern meuchlings überfallen half. Als dem Verfasser dieses Verhalten Jangajangas zu Ohren gekommen war, trat er eines Tages mit einem Teil der Stationsbesatzung den Marsch gegen Ukonga an und traf daselbst bei Beginn der Abenddämmerung, kurz vor 6 Uhr ein. Bis zum Eintritt der Dunkelheit hielt sich unsere Abteilung im Gebüsch verborgen und überfiel dann, von den übrigen Dorfbewohnern ungesehen, den von Jangajanga und seinen Angehörigen bewohnten Teil Ukongas. Die Leute desselben leisteten nur ganz vereinzelt Widerstand; der Jumbe selbst hatte wohl Unrat gewittert und war zwei Tage zuvor weiter ins Innere geflohen. Verfasser setzte daher einen Preis auf seinen Kopf, es gelang jedoch nicht, ihn in unsere Gewalt zu bekommen.
Nun ging Verfasser daran, endlich die Gebeine der ermordeten Missionare, die, wie er durch Kundschafter wußte, noch immer unbestattet in Pugu lagen, zur letzten Ruhe zu bringen. Mit den Herren Chef Theremin, Lieutenant Merker, Herrn Küsel, Unteroffizier Becker und einem kleinen Trupp Soldaten machte er sich auf. Außerhalb des von den Rebellen mit allen übrigen Missionsgebäuden in Asche gelegten Wohnhauses lag fast unversehrt der Leichnam des von den Eingeborenen als Fundi (Handwerksmeister) bezeichneten Missionars, der als Bruder Petrus festgestellt wurde. Im Hause selbst fanden sich die Gebeine des Bruders Benedict, die vom Feuer sehr gelitten hatten, und die wenigen Ueberreste der Schwester Martha, die von einer Innenwand des Gebäudes bedeckt lag. Das Feuer hatte offenbar darunter noch längere Zeit fortgequalmt, denn die Gebeine waren beinahe verkohlt. Die Reste der Unglücklichen wurden in je einen Sarg gelegt und neben den Gräbern der früher in ihrem Berufe verstorbenen Brüder und Schwestern beigesetzt. Wir schmückten, so gut es ging, die letzte Ruhestätte mit Palmenzweigen, und Lieutenant Merker machte eine photographische Aufnahme, welche der katholischen bairischen Missionsgesellschaft zugleich mit einigen Andenken an die Märtyrer ihres Berufs, die sich noch auf der ausgeplünderten und niedergebrannten Stätte gefunden hatten, übersandt wurden. Den Jumbes wurde streng anbefohlen, auf die Gräber sorgfältig Acht zu geben, wir drohten, deren Schändung an den Pugu-Leuten selbst zu bestrafen. Die letzteren waren freilich an der Unthat selbst nicht schuldig, ihr Fehler war nur der gewesen, daß sie es nicht gewagt hatten, der Uebermacht der Rebellen zu trotzen und die wegen ihrer Wohlthätigkeit und ihres stillen segensreichen Wirkens bei ihnen wohl beliebten Missionare zu verteidigen. Daraus kann man den Negern aber keinen Vorwurf machen. Von der Missionsgesellschaft, welcher der Verfasser bei der Uebersendung der Photographien von der Bestattung ihrer Angehörigen und den näheren Umständen ihrer Ermordung und Auffindung Mitteilung gemacht hatte, ging ein Dankschreiben ein, das ihren Gefühlen Ausdruck gab und zeigte, daß die schwergeprüften Väter nicht den Mut und die Lust verloren hatten, ihr Werk in Afrika fortzusetzen. Ihre jetzige Station ist Daressalam.
Während des größten Teils des Monats Juni und im Monat Juli konnten wir uns so in Daressalam der friedlichen Arbeit, dem weiteren Ausbau der Station und der Ausbildung der Truppen widmen und einige kleinere friedliche Expeditionen unternehmen. Nur noch einmal, im Monat August, wurde der Verfasser anläßlich der traurigen Pugu-Affaire genötigt, gegen die Ortschaft Simbasi vorzugehen, in welcher es ihm auch durch einen Ueberfall gelang, zwei beim Morde der Pugu-Missionare beteiligte Araber gefangen zu nehmen, die dann vom Reichskommissar zum Tode durch den Strang verurteilt wurden.
Nach dem Ausbruch des Aufstandes an der Küste waren es neben der Kilwabevölkerung besonders die Leute Bana Heris, des Machthabers von Usegua, welche sich durch eine große Unthat straffällig machten. Der mit der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft vom Sultan abgeschlossene Vertrag hatte Bana Heri um so härter betroffen, als er von den Machthabern an der Küste der einzige war, der niemals den Sultan von Sansibar als Herrn anerkannt hatte. Es war nur natürlich, daß Bana Heri nicht gutwillig auf das gute Einkommen Verzicht zu leisten gewillt war, welches er bislang durch die nach Sadani ziehenden Karawanen gehabt hatte. Eben so wenig wollte er den Einfluß einbüßen, den er als Sultan von Usegua, -- wie er sich nannte, -- in Usegua, Nguru und teilweise Ukami genoß und der naturgemäß wegen der zu jener Zeit gegen die Deutschen herrschenden Mißstimmung und Mißachtung noch gewachsen war. Diese Mißstimmung gegen alles Europäische zeitigte Ausschreitungen des fanatischen Pöbels und fand ihren empörendsten Ausdruck in der Ermordung des englischen Missionars Brooks, der im Januar 1889 aus dem Innern nach der Küste kam und hierzu die Sadanistraße benutzte. Brooks war von Abdallah, Bana Heris Sohn und einem Teil seiner Leute auf der Sadanistraße anscheinend in friedlicher und freundschaftlicher Absicht in Empfang genommen und in der Richtung nach der Küste hin geleitet worden. Bald darauf fand man ihn auf der Straße hinterrücks erschossen vor. Beide Arme waren ihm abgeschlagen, sein Leichnam zerstückelt, die Stücke verstreut. Fünfzehn seiner farbigen Begleiter wurden gleichfalls ermordet, die Waren und das Gepäck geraubt.
Es ist stets angenommen worden, daß der Urheber dieser Unthat der oben erwähnte Abdallah gewesen ist, obwohl sich das nicht mit absoluter Bestimmtheit nachweisen ließ.
Bana Heri erwartete natürlich auf jenen Mord hin ein Einschreiten der deutschen Regierung und rüstete sich, diesem wie auch einer Okkupation seines Landes energisch zu begegnen. Es strömte ihm sein Anhang in Usegua zu und wurde in der ersten Zeit noch durch Wadoës verstärkt. Bana Heri verschanzte sich besonders in Sadani und Uwindji und hatte außerdem verschiedene Befestigungen im Hinterlande dieser Küste errichtet.
Schon vor der Ankunft Wißmanns war Herr Admiral Deinhard gegen den Usegua-Sultan eingeschritten, indem er Sadani von See aus bombardierte. Der Admiral meinte hierdurch den Rebellen eine fühlbare Strafe zu teil werden zu lassen. Er hatte sich aber hierin getäuscht und nur bewirkt, daß die Rebellen während der Beschießung den Ort verließen und sich hinter demselben in gesichertes Terrain flüchteten. Als sie sahen, daß die Kriegsschiffe die Rhede verließen, kamen sie wieder zum Vorschein und schossen, gewissermaßen zum Hohn, mit einer alten Kanone hinter den Kriegsschiffen her, selbstverständlich ohne irgend welchen Schaden zu thun. Es schien daher, als der Aufstand in Bagamoyo und Daressalam niedergeworfen war und diese Orte gesichert schienen, notwendig, Sadani zu züchtigen.
Dies konnte nur durch eine Landung mit der gehörigen Truppenmacht geschehen. Wißmann war allerdings nicht in der Lage, damals schon vor der Einnahme von Pangani und Tanga Sadani dauernd zu besetzen, da seine Truppen für den nördlichen Küstenstreifen notwendig gebraucht wurden, aber er wollte mit der Züchtigung von Sadani noch den Zweck verbinden, durch einen entscheidenden Schlag gegen Bana Heri die Rebellen in Pangani einzuschüchtern und dadurch zu Friedensverhandlungen geneigter zu machen, zumal ihm von der Reichsregierung anempfohlen worden war, auf solche einzugehen. Wie wir später sehen werden, befand sich unter der Bevölkerung von Pangani eine Partei, die zum Frieden mit den Deutschen riet und diesen dringend wünschte.
Als Operationstag gegen Sadani wurde der 6. Juni festgesetzt. Tags zuvor wurden alle irgendwie entbehrlichen Truppen, im ganzen 500 Mann, unter den Chefs v. Gravenreuth, v. Zelewski, Krenzler und dem Verfasser, der von Daressalam herübergekommen war, mit zwei Geschützen auf dem von der Marine gecharterten Dampfer »Cutch« in Bagamoyo eingeschifft. Am 6. Juni früh begann seitens des Geschwaders, welches außer dem »Cutch« aus der »Möwe«, die solange Sadani blokiert hatte, »Leipzig«, »Schwalbe« und »Pfeil« bestand, die Beschießung der gegnerischen Befestigungen; während derselben zogen sich die Rebellen in die südlich gelegenen dichten Gebüsche zurück.
Als das Feuer der Kriegsschiffe schwieg, eröffneten die mit Revolverkanonen armierten Pinassen, welche das Expeditionskorps, jede drei oder vier Boote hinter sich schleppend, ans Land brachten, ein wirksames Granatfeuer.
Da der Strand von Sadani sehr flach zuläuft, mußten wir von den Booten aus noch eine längere Strecke durch das Wasser waten unter dem Feuer der Feinde, welche mittlerweile aus den Gebüschen heraus an den Strand geeilt waren, um unsere Landung zu verhindern. Dabei erhielt Unteroffizier Bilke einen Schuß durch den Arm und Lieutenant von Medem und einige Farbige wurden leicht verwundet, -- der Verlust der Aufständischen soll sich nach ihren eigenen, freilich sehr unsicheren Angaben, auf 105 Tote belaufen haben. Chef von Zelewski führte den linken Flügel, Gravenreuth den rechten, der Verfasser das Centrum, das aus zwei Kompagnien unter den Herren von Perbandt und Sulzer und dem geschlossenen Trupp der deutschen Unteroffiziere unter Lieutenant v. Sivers bestand.
Während Gravenreuth Sadani selbst angriff und das Terrain hinter demselben säuberte, gingen die Abteilung Zelewski und die des Verfassers dem Befehl gemäß südlich des Dorfes durch die Büsche und Mangrove-Sümpfe vor, ohne sonderlichen Widerstand zu finden. Ziemlich das einzige Unglück, das passierte, war, daß dem Verfasser seine Schuhe und Strümpfe im Sumpfe stecken blieben und er so das Vergnügen hatte, den ganzen Tag barfuß durch die Dornen und den heißen Sand zu laufen.
Im Westen der Sümpfe hatten sich die Feinde zum Teil wieder gesammelt, doch wurden sie durch meine ausgeschwärmte Abteilung und das Feuer des Maxim-Guns unter Lieutenant Böhlau schnell in die Flucht gejagt. Bald darauf traf Zelewski, der weiter südlich die abziehenden Feinde beschossen hatte, beim Verfasser ein, während Wißmann mit der Gravenreuthschen Abteilung die Gegner noch in der Richtung auf Ndumi verfolgte und die Landungscorps der Marine im Norden Sadanis die Feinde verjagten. Die Befestigungen wurden zerstört, der Ort geplündert und eingeäschert.
Bei solchen gemeinsamen Plünderungen, wie sie bei Sadani, Pangani, erfolgten, kamen öfters unsere Marinesoldaten mit ihren schwarzen Waffenbrüdern in der Schutztruppe in Streitigkeiten um den Raub, und derartige kleine Zwistigkeiten wurden, wie schon erwähnt, dann tragischer aufgenommen, als sie es verdienten.
Nachdem wir kurze Rast gehalten und von dem, was wir mitgenommen oder erbeutet, gefrühstückt hatten, schifften wir uns wieder auf dem »Cutch« ein, aber nur um gleich darauf wieder 3 Stunden nördlich von Sadani bei Uwinje zu landen, wo sich eine Schamba Bana Heris und feindliche Befestigungen befanden. Auch dieser Platz wurde nach geringem Widerstand genommen und zerstört; die dort liegenden Dhaus, welche den Aufständischen Waffen und Munition zugeführt hatten, wurden verbrannt. Wir hatten bei Sadani und Uwinje zusammen 2 Tote und 9 meist leicht Verwundete. Die hierauf folgende Nacht wurde an Bord des »Cutch« in heiterster Laune verbracht, und am nächsten Tage ging es wieder zurück nach Bagamoyo.
Es wurde nun vom Reichskommissar die Operation gegen Pangani vorbereitet. An der Spitze der Friedenspartei daselbst stand der Araber Said Hamedi, ein alter Mann, der erstens keine Lust hatte, sich in einen Krieg mit uns einzulassen, auch vorher die Beamten der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft gegen die aufgeregten Volksmassen geschützt hatte, und der sich andrerseits wohl bewußt war, daß er, dessen Reichtum an der Küste ein großer war, nur an seinem Besitztum verlieren könne, wenn die Rebellen unterlägen. Ebenso dachten viele der begüterten Araber und der reichen Suaheli von Pangani.
Die Rebellion daselbst wurde indes durch die besitzlosen Araber und Belutschen, welche bei der Unsicherheit der Verhältnisse nur gewinnen konnten, geschürt und die kritiklose Masse der Eingeborenen so mit fortgerissen.
Die Friedenspartei in Pangani wandte sich an den Sultan von Sansibar mit der Bitte um Vermittlung beim deutschen Reichskommissar. Wißmann schickte daraufhin den früheren Wali von Pangani Soliman ben Nassr mit Abgesandten des Sultans nach Pangani, um der Bevölkerung durch diese Gesandten die Bedingungen der friedlichen Uebergabe zu übermitteln. Als der Abgesandte des Reichskommissars jedoch sich in einem Boote dem Strande von Pangani näherte, wurde er mit Schüssen empfangen und mußte unverrichteter Sache wieder nach Sansibar zurückkehren. In gleicher Weise war während der zwischen dem Reichskommissar und den Pangani-Leuten schwebenden Verhandlung eine auf der Panganireede liegende Dampfpinasse der »Leipzig« unter Lieutenant zur See v. Möller von den Rebellen beschossen worden. So zeigte sich, daß in letzter Stunde in Pangani wieder die Kriegspartei die Oberhand gewonnen hatte.
Viel hatten dazu wohl auch die falschen Nachrichten beigetragen, welche über das Gefecht von Sadani nach Pangani gedrungen waren; es sollten nämlich wohl die Rebellen große Verluste erlitten haben, aber auch 100 Deutsche teils gefallen, teils in den Sümpfen stecken geblieben sein. Es wurde damals in der Truppe der Witz gemacht, meine im Sumpfe stecken gebliebenen Stiefel hätten zu dieser Uebertreibung Veranlassung gegeben.
Als Tag des Angriffes wurde von Wißmann der 9. Juli bestimmt. Tags zuvor wurden alle zur Verfügung stehenden Truppen in Bagamoyo eingeschifft und in Bagamoyo selbst unter Chef von Gravenreuth, in Daressalam unter dem Verfasser eine starke Besatzung zurückgelassen, weil dem Gerücht zufolge ein Angriff Buschiris auf die Stationen zu erwarten stand. Am Abend des 8. vereinigten sich die Wißmannschen Schiffe »Harmonie«, »München«, »Vulkan« und »Max« -- der »Vesuv« wartete noch in Aden das Aufhören des Südwestmonsuns ab --, mit dem Geschwader, welches den Ort bis dahin blokiert hatte.
Pangani liegt am linken Ufer des ebenso genannten Flusses, etwas landeinwärts.
An beiden Ufern erheben sich ziemlich steile Anhöhen von 100-200 Fuß, die mit dichtem Buschwerk bestanden und von Schützengräben umgeben waren. Die feindliche Stellung war also, zumal da nur schmale Zugänge hinaufführten und diese mit drei Vorderladern armiert waren, eine ziemlich starke und wurde von den Rebellen für uneinnehmbar gehalten. Die Hauptbefestigungen lagen auf dem rechten Ufer, wohin denn auch die sämtlichen Schiffe, mit möglichster Schonung des Ortes selbst, ihr außerordentlich wohl gezieltes Feuer richteten.
Der Strand ist hier sehr flach; die Truppen warteten daher, um möglichst wenig im Wasser unter dem Feuer der Feinde waten zu müssen, den höchsten Stand der Flut ab, und bewerkstelligten die Landung an einer kleinen, vor dem rechten feindlichen Flügel gelegenen Bucht. Das Angriffskorps war in drei Treffen formiert; das erste, bestehend aus der 1. und 5. Kompagnie unter +Dr.+ Schmidt, wurde sogleich nach der Landung in Schützenlinien formiert und ging unter lebhaftem Feuer auf die im Gebüsch versteckt liegenden Gegner gegen die Höhe vor.
Als das zweite Treffen unter Chef Freiherrn von Eberstein herankam, wurden die Feinde aus allen Befestigungen geworfen und in eine westlicher gelegene Hügelkette getrieben, deren dichtes Buschwerk der Verfolgung bald ein Ziel setzte.
Das dritte Treffen unter v. Zelewski war durch ungünstige Umstände zu lange aufgehalten worden und kam nicht mehr ins Feuer.
Auch die Rebellen auf dem linken Ufer flohen aus ihren Pallisadenverschanzungen und suchten sich, am ungedeckten Flußufer entlang ziehend, in den Ort selbst zu retten; zur Hälfte aber wurden sie von den mittlerweile nachgekommenen Maxim-Geschütz unter Lieutenant Böhlau zusammengeschossen.
Es blieben von den Arabern etwa 30 Tote und 50 Verwundete auf dem Platze, ein Zeichen, eine wie furchtbare Wirkung das Maxim-Geschütz mit seinen 600 Schuß in der Minute in der Hand eines geschickten Artilleristen ausübt.
So fand denn die 300 Mann starke Marineabteilung unter Kapitän zur See Plüddemann, welche endlich trotz der heftigen Brandung auf dem linken Ufer des Flusses gelandet war, den Feind in den Befestigungen nicht mehr vor, auch nicht mehr in Pangani selbst. Auf unserer Seite war nur ein Sudanese gefallen, ein deutscher Unteroffizier und 3 Sudanesen waren verwundet.
Pangani wurde von der 5. und 6. Kompagnie besetzt, die Befestigung auf dem rechten Ufer zur Zeit der Abwesenheit des Expeditionskorps von der 1.-3. Kompagnie. Die Europäer und die Truppen, welche alle vollkommen durchnäßt waren, hatten, da der Proviant bis zum Abend des Gefechtstages noch nicht hatte vom Bord der Schiffe aus ans Land geschafft werden können, nach der Anstrengung des Tages nicht einmal eine Stärkung. Erst am Abend half Wißmann persönlich, als er auf der Pangani- wie auf der Ras Muhesa-Seite die Truppen inspizierte, diesem Übelstande dadurch ab, daß er sofort selbst für die Übersendung der nötigen Vorräte Sorge trug. Das frühere Gesellschaftshaus in Pangani, von dem aus man einen bequemen Überblick über den ganzen Ort hatte und diesen wie das Flußufer mit Feuer bestreichen konnte, wurde als Stationshaus beibehalten und der Bau von Befestigungen hier wie auf Ras Muhesa begonnen.
Ras Muhesa ist ein Felsen an der rechten Flußmündung, der auf drei Seiten schroff ins Meer abfällt. Das Buschwerk auf der vierten Seite, welches den freien Überblick hinderte, wurde ausgerodet, und der Zugang mit einer 1-1/2 m hohen Wand aus Wellblech mit Erdeinlage geschützt.
Da diese Befestigungsarbeiten in Pangani und auf Ras Muhesa längere Zeit in Anspruch nahmen, der Reichskommissar sie aber so sehr als möglich fördern wollte, um eine möglichst geringe Anzahl von Soldaten dort als Besatzung zurückzulassen, konnte der ursprünglich zwischen Wißmann und dem Admiral verabredete Termin für die Operation gegen Tanga, der 10. Juli, nicht innegehalten werden. Der Admiral aber, den Gründen Wißmanns unzugänglich, ging infolgedessen am 9. mit dem Geschwader voraus und schickte noch am selben Tage in Tanga eine Botschaft ans Land, die Einwohner sollten, wenn sie den Frieden wünschten, mit ihm in Unterhandlungen treten. Sie erbaten sich, da sich die friedlich gesinnten Neger nicht sogleich mit den im allgemeinen zum Kriege geneigten Arabern und Belutschen einigen konnten, drei Tage Bedenkzeit. Diese wurde vom Admiral abgeschlagen.
So wurde denn am 10. früh das Landungscorps der Marine formiert und an Land gesetzt. Es wurde zuerst mit Schüssen empfangen, doch ergriffen die Rebellen beim ersten Schnellfeuer der Marinetruppen die Flucht und wurden mit geringer Mühe aus Tanga selbst und seiner näheren Umgebung vertrieben. Das frühere Haus der ostafrikanischen Gesellschaft wurde mit 100 Mann der Carola besetzt, um den Ort gegen etwaige feindliche Angriffe halten zu können.
Einige umliegende Dörfer schickten nach Tanga und erbaten den Frieden, der ihnen vom Admiral auch gern gewährt wurde. Die Inder waren im Ort zurückgeblieben, ein Zeichen, daß von vornherein eine Aussicht auf einen ernsten Kampf um Tanga nicht vorhanden war, und die Friedenspartei hier die Oberhand hatte. Wißmann wurde durch einen Brief des Admirals vom 11. Juli davon in Kenntnis gesetzt, daß Tanga von der Marine genommen und besetzt sei, und daß das Geschwader bis zum 14. Juli auf den Reichskommissar warten werde. Wißmann fuhr infolgedessen am 13. auf der München zunächst allein nach Tanga, wählte einen Platz für die Station aus, von wo aus der Ort und der Hafen beherrscht werden konnte, und als am 15. das Expeditionskorps nachkam, wurde sofort mit der Befestigung des Platzes, welche hier von Grund aus neu gebaut werden mußte, begonnen.
Das provisorische Fort wurde aus Wellblech und Brettern hergerichtet und mit einem Stacheldrahtzaun umgeben. Die Bauten gingen in Pangani und Tanga, Dank des Eifers unserer Zulus und Sudanesen, so außerordentlich schnell von statten, daß Wißmann bald den Norden verlassen und sich wieder nach Bagamoyo zurückbegeben konnte, nachdem er die Station Tanga mit einer Kompagnie besetzt und dem Chef Krenzler übergeben hatte.
Aus Pangani nahm er die Ueberzeugung mit, daß der Handel hier bald wieder den früheren Umfang annehmen würde, da bereits in den ersten Tagen nach der Einnahme des Ortes eine Anzahl der flüchtigen Rebellen zurückgekehrt war und sich unterworfen hatte.