Part 20
Mit vorgenommenen Schützenlinien wurden die Truppen die steile Schlucht hinuntergeführt und klommen an der andern Seite durch den Bananenwald wieder herauf. Hier empfing sie ein heftiges Feuer des Gegners aus ziemlicher Nähe. Die ersten Verluste waren zu verzeichnen.
Nach Ersteigen der halben Anhöhe gelangten die beiden Kolonnen an die bis dahin dem Auge völlig entzogene Boma des Feindes. Die letztere war umgeben von einem 3 m breiten und 5 m tiefen Graben, an dessen jenseitigem Rande sich eine starke Pallisadenwand erhob. Der innere Teil der Boma bot ein so vollkommenes Gewirr von Gräben, Pallisaden, Hecken, verrammelten Thoren, Fallgruben und sonstigen Hindernissen, daß eine Orientierung in diesem Labyrinth für einen Fremden völlig unmöglich war. An der Herstellung und Vollendung der gedachten Verteidigungsanlagen müssen die Kiboscholeute schon Jahrzehnte gearbeitet haben. Die Befestigungen waren nicht nach einem bestimmten Plane angelegt, sondern sichtbar allmählich entstanden. Jedenfalls boten dieselben ein ernstes Hindernis.
Es war erklärlich, daß bei dem Eindringen in die Boma die Verbindung der beiden Kolonnen verloren ging; dieselben vereinigten sich erst wieder im späteren Verlaufe des Gefechtes.
Auf dem rechten Flügel, den Major v. Wißmann in Person befehligte, waren die vorn befindlichen Sudanesen zuerst in die Boma eingedrungen; die große Ausdehnung der Befestigungsanlagen machte es bald nötig, auch die zweite Zulukompagnie in das vordere Treffen hineinzuziehen. Die rechte Flügelkolonne tastete, dem zerstreut fechtenden Gegner folgend, um den äußeren Rand der ganzen Boma herum, bis sie ungefähr den östlichsten Teil -- der Anmarsch geschah von Westen nach Osten -- erreicht hatte. Der sich entgegenstellende Feind, welcher häufig auf 20 bis 30 Schritte von irgend einer Hecke her sein Feuer abgab, wurde an allen Punkten zurückgeworfen, nirgends wurde noch einheitlicher Widerstand geleistet.
Major v. Wißmann sammelte daher an diesem Platze die Truppen der rechten Kolonne und gab Befehl, auf das hörbare Salvenfeuer der linken Flügelkolonne hin zu marschieren. Eine Orientierung nach Sicht war vollständig ausgeschlossen, denn auch die mit Pallisaden umschlossenen, zahlreichen inneren Höfe der Boma waren dicht mit Bananen bestanden.
Die Vereinigung mit dem linken Flügel gelang glücklich, denn um 11 Uhr 30 Minuten vormittags langte Wißmann unter fortwährenden Gefechten mit der Tête seiner Abteilung auf einem freien Platze innerhalb der Boma an, den kurz vorher die 3. Zulukompagnie erreicht hatte. Diese Kompagnie, ursprünglich auf dem linken Flügel befindlich, war ebenfalls auf die Boma gestoßen und zwar auf einen ganz besonders stark befestigten und verbarrikadierten Teil derselben. Auch hier hatte sich überall der Feind dem weiteren Vordringen entgegengestellt, und konnte aus der Heftigkeit des geleisteten Widerstandes geschlossen werden, daß hier die Hauptverteidigung der Boma zu suchen wäre. Dieser erste Abschnitt des Gefechtes, d. h. bis zu dem Zeitpunkt, wo sich beide Abteilungen auf dem freien Platze trafen, hatte etwa zwei Stunden gedauert.
Die eingetretene Gefechtspause wurde zum Verbinden der Verwundeten benutzt, die der vorrückenden Truppe nachgetragen werden mußten, da sie sonst unfehlbar in die Hände der erbitterten Gegner gefallen wären. Bis jetzt stellte sich deutscherseits der Verlust auf zwei Tote und elf Verwundete, unter letzteren auch zwei Europäer, Feldwebel Nowack und Unteroffizier Witte. Der gegnerische Verlust ließ sich zur Zeit auch noch nicht annähernd feststellen.
Bald wurde vom Feinde, dem das Zeugnis einer beharrlichen Tapferkeit und Kühnheit ausgestellt werden muß, das Gefecht wieder aufgenommen. Das aus nächster Nähe von mehreren Seiten abgegebene Feuer bedingte, den ungedeckten freien Platz zu verlassen und entweder das Gefecht für heute abzubrechen, oder aber die Hauptbefestigung, die bisher noch völlig unbetreten war, zu stürmen.
Wenn von Wißmann sich für den Abbruch des Gefechtes und Fortsetzung desselben am nächsten Tage entschied, so war für seine Erwägungen weniger die Rücksicht auf die schon stark ermatteten Truppen, als der Umstand maßgebend, daß die Wadschagga-Krieger zu einer späteren Verfolgung des Feindes nicht zur Hand waren. Nachdem von der Artillerie noch einige Granaten aus dem 4,7 +cm+ Schnellfeuergeschütz in die Befestigung hineingeschleudert waren, wurde der Rückzug nach der vorher geschilderten Anhöhe angetreten.
Der Rückmarsch ging auf demselben Wege von statten, den die 3. Zulukompagnie beim Eindringen in die Boma genommen hatte. Große Schwierigkeiten machte der Transport der Verwundeten und Toten, sowie das Tragen der beiden Geschütze.
Nach Ankunft auf der freigelegenen Höhe befahl Wißmann die Besetzung der dort befindlichen Schützengräben. Die drei Kompagnien lagen nebeneinander, Sudanesen auf dem rechten, 3. Zulukompagnie auf dem linken Flügel. In der Mitte waren die beiden Geschütze in Stellung gegangen, weiter hinter der Front hatte der Arzt seinen Verbandplatz angelegt.
Schon die Arrieregarde wurde bei ihrem Abzug vom Feinde bedrängt. Um 1 Uhr nachmittags ging er seinerseits zum Angriff gegen die von den Deutschen genommene Stellung vor. Ein weiteres Vordringen wurde ihm jedoch alsbald durch die massenhaften Verluste verwehrt, die die Kiboscholeute durch das in Thätigkeit gesetzte Maxim-Gun erlitten.
Ferner traf Wißmann die Anordnung, daß sämtliche Europäer ein wohlgezieltes Schützenfeuer unterhalten sollten, während dessen die schwarzen Soldaten mit Gewehr im Arm im Graben ruhten.
Bis etwa 4 Uhr nachmittags dauerte das gegenseitige Schützengefecht, welches den Kiboscholeuten die empfindlichsten Verluste beigebracht hat. Die relative Ruhe, die dann eintrat, wurde gegnerischerseits nur durch einige Wagehälse gestört, die sich an die deutsche Stellung heranschlichen, ihre Gewehre losknallten und ebenso schnell, wie sie gekommen waren, wieder verschwanden.
In der Nacht blieben sämtliche Truppen ausgeschwärmt in den Gräben liegen; einzeln liegende Posten waren noch 50 Schritt vorgeschoben. Um 12 Uhr wurde noch einmal das Maximgeschütz abgeschossen, was ein großes Wutgeheul bei den Kiboscho-, Freudengesänge bei den am jenseitigen Bergabhange lagernden Wadschagga-Kriegern hervorrief. An Ruhe und Schlaf war kaum zu denken.
Am 13. Februar früh 5 Uhr bereits gab Wißmann seine Befehle für den Sturm auf die Boma. Ein vorgesandter Zug der Sudanesenkompagnie hatte erkundet, daß sich der ganze Feind wieder gesammelt habe und mit aller Energie an der Wiederherstellung der Verteidigungsanlagen arbeite.
Die Sturmkolonne bestand aus drei Zügen, deren spezieller Befehl dem Chef Johannes übertragen wurde. Dieser ging beim Eindringen in die noch besetzt gefundene Boma ganz systematisch zu Werke. Während zwei Züge den Feind unter beständigem Salvenfeuer hielten, mußte der dritte Zug das soeben passierte Hindernis völlig um- und freilegen, so daß ein geräumiger und breiter Weg geschaffen wurde. Alsdann erst wurde das nächste Hindernis genommen. Schritt für Schritt gelangte die Kolonne an die Hauptbefestigung, an welcher noch einmal zäherer Widerstand geleistet wurde. Mit kühnem Anlauf wurde auch diese genommen, und drangen die Truppen nunmehr unaufhaltsam in alle Häuser ein, speziell in diejenigen, welche vom Sultan Sinna bewohnt waren. Mit dem Verluste dieses Teils der Boma war das Schicksal des Tages entschieden.
Sobald die rote Flagge auf dem Signalmast niedergeholt war und Rauchwolken aus dem Innern die Einnahme jener Befestigung verkündigten, zogen die Kiboscho in eiliger Flucht nordwestlich in die Berge. Jetzt bekamen auch die Wadschagga plötzlich großen Mut; sie stürzten sich in hellen Haufen in die Boma, ein anderer Teil unternahm die Verfolgung des fliehenden Gegners. Die Sinnaleute hatten an beiden Tagen mit Erbitterung und großer Tapferkeit gefochten, viele Leichen bedeckten den Boden. Vermöge ihrer guten Bewaffnung und der reichlichen Munition waren sie im Stande, in ihrer vorzüglichen Befestigung bislang alle Angriffe ihrer Gegner blutig abzuweisen. Sinnas Boma galt allgemein, wie man jetzt von den Wadschagga hörte, als unüberwindlich. Um so größer war natürlich auch die Freude über den errungenen Sieg, der allerdings mit verhältnismäßig schweren Opfern erkämpft war. Außer den oben angegebenen Verlusten waren noch 1 Toter und 6 Verwundete zu beklagen; in Summa 3 Tote und 17 Verwundete. Der Verlust beim Feinde belief sich allein auf 200 Tote.
Außerordentlich reich war die von den Wadschagga gemachte Beute. Etwa 4000 Ochsen und 5000 Stück Kleinvieh wurden zusammengetrieben, ferner gelangte eine Anzahl Speere und Schilde, Munition und Gewehre zur Verteilung. Das Vieh wurde sofort auf verschiedenen Wegen in die Landschaft Dschagga fortgetrieben, die Truppe blieb noch bis 11 Uhr vormittags in ihrer Stellung und trat dann ebenfalls den Rückmarsch auf Moschi an. Die aus der Sudanesenkompagnie bestehende Arriere-Garde hatte noch ein unbedeutendes Gefecht mit versprengten Kiboscho, sonst wurde der Rückmarsch, insbesondere der große Viehtransport, in keiner Weise gestört. Am 14. Februar morgens kam die Truppe wieder in Moschi an, empfangen von einer Gesandtschaft Mandaras, der seiner und der Wadschagga Freude über den errungenen Sieg Ausdruck gab.
Die nächsten Tage in Moschi galten den Befestigungsarbeiten in der Station und der Fürsorge für die Verwundeten. Von diesen erlag nur ein Mann seinen Wunden, gewiß unter den außerordentlich schwierigen Umständen und bei den geringen zu Gebote stehenden Mitteln ein Beweis für die fachgemäße und opferwillige Krankenpflege.
Alsbald wurden an den überwundenen Sinna Boten abgesandt, welche die Nachricht zurückbrachten, daß Sinna sich nunmehr endgültig unterwerfen wolle und zu allen Bedingungen bereit sei; zugleich schickte er als Zeichen seiner Ergebenheit einen 105 Pfund schweren Elfenbeinzahn. Wißmann zeigte sich geneigt, die Bitte um Frieden zu erfüllen. Sinna mußte einen Teil seines Gebietes an früher von ihm vertriebene Häuptlinge abtreten und seinen Gehorsam der deutschen Verwaltung geloben. Daraufhin wurden ihm die Gefangenen ausgeliefert und das Recht zur Führung der deutschen Flagge erteilt.
Blitzschnell verbreitete sich die Nachricht von diesem Siege der Deutschen nach allen Seiten hin, und die umliegenden Stämme sandten Gesandte, um dem Reichskommissar ihre Ergebenheit zu bezeugen. Auch mit den Waruscha, die ihren Wohnsitz am Meru-Berge hatten, suchte Wißmann auf friedlichem Wege eine Einigung zu Stande zu bringen, indem er ihnen für ihre Räubereien eine Strafzahlung in Elfenbein und Rindvieh auferlegte.
Am 19. Februar gelangten Nachrichten über Übergriffe der Massai an den Reichskommissar nach Moschi. Es handelte sich um eine Expedition eines Baron von Langenn, welcher mit Genehmigung des Reichskommissars nach dem Kilimandscharo wollte. In Kissiwani angekommen, hatte er gehört, daß die Massai gedroht hätten, sich für die ihnen von den Deutschen zugefügte Unbill rächen zu wollen. Infolgedessen zog sich Herr von Langenn nach Masinde zurück und bat von hier aus den Reichskommissar um Hülfe. Da dieser indes nicht in der Lage war, dem Ansuchen durch Abtrennung einer größeren Truppenabteilung von seiner Macht zu entsprechen, mußte Herr von Langenn auf die baldige Rückkehr des Reichskommissars vertröstet werden.
Erst am 26. Februar konnte nach Abschluß der Befestigungsarbeiten und der Verhandlungen mit den umwohnenden Häuptlingen der Rückmarsch angetreten werden und zwar über Aruscha Tschini, den Pangani entlang nach Manamates Dorf am Pare-Gebirge. Am 4. März gedachte sich Wißmann hier mit dem Stationschef von Masinde, der den Befehl erhalten hatte, sich an diesem Tage mit seinen Truppen hier einzufinden, zu vereinigen. Den etwa vorüberziehenden Massai-Horden sollte mit Schonung und Rucksicht gegenüber getreten werden, bis durch offenbare Feindseligkeiten eine friedliche Lösung ausgeschlossen erschien.
Aruscha Tschini wurde am 28. Februar erreicht. Die guten Früchte der damals von Major von Wißmann an den Tag gelegten Friedensliebe blieben nicht aus; die Verproviantierung der Truppe, die auf drei volle Tage nötig wurde, stieß nicht im geringsten auf Schwierigkeiten. Die Waruscha kam allen an sie herantretenden Forderungen bereitwilligst entgegen.
Am 1. März marschierte Wißmann von Aruscha Tschini ab und überschritt bald darauf den Pangani. Der weitere Weg führte durch nackte, öde Salzsteppe; bis zu Manamates Wohnsitz war auf weitere Lebensmittel nicht zu rechnen. Die Marschzeiten wurden infolgedessen vergrößert, 3 Tage lang vor- und nachmittags marschiert. Die Expedition kreuzte hier eine nach dem Szogoni-Gebirge ziehende Massai-Horde, die man gemäß dem bereits erwähnten Befehl unbehelligt ziehen ließ.
Am 3. März abends traf die Expedition bei dem Häuptling Manamate ein und konnte sich hier endlich aufs neue verproviantieren. Für den folgenden Tag, der zum Ruhetag für die stark angestrengte Truppe bestimmt wurde, war der Stationschef von Masinde erwartet. Derselbe traf indessen nicht ein; gerüchtweise verlautete, daß die Massai den Weg nach Masinde versperrt hätten. Auch der Häuptling Manamate klagte über die Massai, daß sie die friedlichen Bewohner überfielen, ihnen ihr Vieh wegnähmen und die größten Grausamkeiten verübten.
Außerdem traf vom Stationschef von Masinde, der einer Erkrankung wegen den Marsch nicht hatte unternehmen können, die briefliche Nachricht ein, daß die Massai bis über Gonja vorgedrungen seien und ihm eine Kriegskeule als Zeichen der Kriegserklärung gesandt hätten. Infolgedessen beschloß Wißmann, von Masinde aus eine stärkere Abteilung nach Moschi zurückzusenden. Da ihn selbst dringende Geschäfte zur Rückkehr an die Küste, wo der neue Gouverneur bald eintreffen sollte, zwangen, übergab er das Kommando über 200 Mann dem Chef Johannes und befahl ihm, auf seinem Hin- und Rückmarsch die Massai überall anzugreifen und auf das nachdrücklichste zu züchtigen.
Chef Johannes traf auf dem Marsche über Gonja, Kissiwani und den Jipe-See nach Moschi noch einige Stämme der Massai. Er griff sie überall mit Erfolg an, und dadurch, daß er ihre Kraale zerstörte, ihre Herden fortnahm und viele der Massai-Krieger tödtete, zwang er sie endgültig jene Gegend zu verlassen und sich westlich über den Panganifluß zurückzuziehen, sodaß nunmehr die Sicherheit auf der wichtigen Karawanenstraße von Pangani nach dem Kilimandscharo wieder völlig hergestellt war.
Major von Wißmann zog von Masinde in Eilmärschen zur Küste und langte nach 4-1/2 Tagen am 13. März, also nach zweimonatlicher Abwesenheit, in Pangani an.
Die Expedition hatte auch den Erfolg, daß die Häuptlinge, welche bis dahin die deutsche Herrschaft nicht anerkannt, sondern verhöhnt hatten, die deutsche Macht nunmehr empfanden und sich dem Reichskommissar auf Gnade und Ungnade unterwarfen.
Bislang war von den meisten Reisenden der von Mombassa aus über Taveta ins Innere führende Weg als der sicherere gewählt worden, da die von Pangani ausgehende Straße meist von Massai-Horden gesperrt wurde. Die letztere Straße erreichte durch Wißmanns Zug annähernd dieselbe Sicherheit, wie die von Bagamoyo und Sadani ausgehenden Karawanenstraßen, da nunmehr auch hier die Jumbes die deutsche Flagge führten, teilweise auch in deutschem Solde und deutscher Abhängigkeit waren. --
Während Wißmann auf der Kilimandscharo-Expedition sich im Innern befand, drangen nach Bagamoyo an Chef Leue, der im Auftrage des Reichskommissars die Geschäfte während der Zeit der Expedition führte, beunruhigende Nachrichten von der Station Mpapua und Hülferufe von der französischen Missionsstation Longa und von den Wasagara des Mukondogua-Thales. Hier hatten die Wahehe wiederum einen Einfall gemacht, Dörfer zerstört, Eingeborene getötet oder als Sklaven weggeführt. Chef Leue raffte, was er an Truppen aus den Stationen der Küste noch irgend herausziehen konnte, zusammen und schickte unter dem Befehl des Chefs Ramsay eine Expedition nach der bedrohten Gegend aus. Bei der geringen Macht, die Ramsay zur Verfügung stand, mußte er es sich angelegen sein lassen, auf friedlichem Wege die Angelegenheit mit den Wahehe zu ordnen, und er hatte das Glück, daß bei seiner Ankunft in Kondoa die Wahehe ihm bereits Gesandtschaften entgegenschickten, ihre Unterwerfung anzeigten und sich bereit erklärten, die gemachten Gefangenen auszuliefern, außerdem eine ziemlich erhebliche Summe als Strafe in Rindvieh und Elfenbein zu zahlen. Ramsay gab den Wahehe auf, eine Gesandtschaft nach Bagamoyo zu schicken, um hier endgültig dem Reichskommissar ihre Unterwerfung anzuzeigen; er konnte nachdem für jetzt die Ordnung wieder hergestellt war, den Rückmarsch nach Bagamoyo antreten. Der Hoffnung, daß die Schwierigkeiten mit einem ausschließlich von Raub und Krieg lebenden Volke, wie den Wahehe, durch einen Vertrag ein für alle Mal beseitigt seien, konnte man sich allerdings nicht hingeben. Das konnte nur durch nachhaltigere Mittel und bedeutenden Kraftaufwand erreicht werden und mußte der nächsten Zeit vorbehalten bleiben.
Nach Wißmanns Ankunft an der Küste blieb diesem nur noch eine kurze Spanne Zeit, um die Übergabe der Geschäfte an den im Anfang April erwarteten Gouverneur von Soden vorzubereiten. Wir kommen auf die Übergabe des Gouvernements in einem der nächsten Kapitel zurück, führen aber hier bereits den folgenden Teil des Schlußberichtes des Majors v. Wißmann an, der geeignet ist, in gedrängter Form einen Überblick über das, was in den zwei Jahren seines Kommissoriums von Wißmann erreicht wurde, zu geben:
»Die ostafrikanische Küste ist zurückerobert und ihr Besitz derartig gesichert durch Anlage von Befestigungswerken und Kommunikationen, daß dieselbe mit einem im Verhältnis zur Größe des Landes äußerst geringen Truppenkontingent gegen alle Eventualitäten behauptet werden kann. Die großen Karawanenstraßen sind auf weite Strecken gesichert und unser Machteinfluß bis an die äußersten Grenzen unsers Gebietes ausgedehnt, dem deutschen Namen bis dorthin Achtung und Respekt verschafft worden. Im Norden ist das Hinterland von Tanga und Pangani bis zum Kilimandscharo hinauf als endgültig gesichert anzusehen. Die große Straße von Bagamoyo und Sadani aus ist bis Mpapua gesichert und eine weitere Sicherung in Uniamuesi von Emin Pascha und Stokes eingeleitet.
Nur in Ugogo, wo Handelskarawanen noch des Öfteren gefährdet werden, bleibt eine Lücke auszufüllen. Auch im Süden unserer Besitzung ist, seitdem Maschemba sich unterworfen hat, das nächste Hinterland beruhigt. Nur eine schwarze Truppe war der rastlosen kriegerischen Thätigkeit, wie sie sich hier entfalten mußte, gewachsen. Die im Verhältnis zu der gewaltigen Ausdehnung unseres Gebietes verschwindende Truppenstärke bedingte ein ununterbrochenes Hin- und Herziehen ohne Rücksicht auf die klimatischen Verhältnisse.
Diesem Umstande sind die meisten Verluste an europäischem Personal zuzuschreiben. Die von vornherein verfolgte Taktik, den Feind bei allen Gefechten durch einen kräftig eingeleiteten und schnell ausgeführten Angriff moralisch zu überwältigen, bewahrte die Truppen stets vor großen Verlusten im Gefechte selbst.
Immerhin sind die Verluste, wie vorher erwähnt hauptsächlich durch die Strapazen in dem Ungewohnten Klima, verhältnismäßig größer als bei einem europäischen Kriege. Der Gesamtverlust der Truppe im Gefecht (Tote und Verwundete) beträgt 21 Europäer und 151 Farbige, was bei Zugrundelegung einer Kombattantenstärke von 150 Europäern und 1200 Farbigen für erstere einen Verlust von 14, für letztere von 12-1/2 Prozent bedeutet. Die Verluste der Truppe an Toten überhaupt betragen 20 Europäer und 208 Farbige, was für eine Gesamtstärke von 200 Europäern und 1800 Farbigen (einschließlich der Nichtkombattanten) für erstere 10, für letztere 11-1/2 Prozent ausmacht.
Erst allmählich, nach Wiedergewinnung verschiedener Küstenpunkte, nach Vergrößerung des Sanitätspersonals, nach Durchführung der Impfung aller Truppen konnte die ärztliche Pflege der Truppe eine wirksamere werden, aber erst, nachdem die Unterkunftsräume ausgebaut und die Erdarbeiten, die eine Entwickelung des Malaria-Bazillus begünstigen, beendet waren, wurde der allgemeine Gesundheitszustand ein bedeutend besserer.
Gute Unterkunft schützte vor Malaria, Desinfektion und Maßnahmen zur Erlangung guten Trinkwassers vor Dyssenterie, Impfung vor Pockenerkrankungen, den drei die Gruppen am meisten gefährdenden Krankheiten. Jetzt, wo die kriegerischen Strapazen zum größten Teil überwunden sind, und durch die Fürsorge der Regierung das Sanitätspersonal für das kommende Jahr um das doppelte verstärkt ist, wird der Gesundheitszustand sich jedenfalls weiterhin bedeutend bessern.
Was die Erfolge der friedlichen Arbeit anbetrifft, so mußten die durch die militärische Thätigkeit auf Seiten der Eingeborenen entstandene Furcht und Scheu zunächst gehoben werden.
Strenge Gerechtigkeit und Wohlwollen von Seiten der Europäer der Schutztruppe, die unterdes mit den Sitten und Gewohnheiten der Inder, Araber und Neger mehr und mehr vertraut geworden waren, und strenge Überwachung der Unbestechlichkeit der farbigen Beamten erzeugten bald Vertrauen, wo früher Furcht gewaltet hatte. Das erste Zeichen von einem Gefühl der Sicherheit unter unserm Schutz war die massenhafte Rückkehr der während des Krieges Geflohenen und Ausgewanderten.
Während wir beim Beginn der Expedition in Bagamoyo täglich ungefähr ein Dutzend Leute verpflegten, die zu alt und krank gewesen wären, um mit den Anderen zu entfliehen, hat jetzt schon Bagamoyo mindestens seine alte Bevölkerungszahl wieder erreicht.
Es fällt jedem Fremden mit Erstaunen auf, wie jeder Europäer auf der Straße in unseren Küstenorten freundlich und vertraulich von überall begrüßt wird. Araber und Belutschen, Banianen, Hindus und Parsis, Goanesen, Suaheli-Sklaven und Karawanenleute aus dem Innern, griechische und Levantiner Händler, sogar Chinesen fühlen sich im lebhaft zurückgekehrten Handel und Verkehr sicher unter der deutschen Flagge. Der Druck des früher herrschenden Arabers, des seine Kapitalmacht mißbrauchenden Inders hat aufgehört. Die Erpressungen der bisherigen Walis, Kadis und Jumbes, die, da sie von ihrer Regierung unbesoldet blieben, sich selbst bezahlt machen mußten, sind einer unparteiischen und unbestechlichen Rechtspflege und Polizei gewichen. Der Sklave findet sein Recht wie der Herr. Durch möglichst seltenen Wechsel in den Stellen der Stationschefs wurde bei diesen das regste Interesse an dem Wachstum ihrer Stationen und Distrikte erzielt und damit manche Einrichtung zum Vorteil des Handels, zu hygienischen und Verschönerungszwecken.
Die Zerstörungen in manchen Küstenstädten in der ersten Periode des Aufstandes durch die Granaten der Marine erlaubten nachhaltiges Durchgreifen beim Wiederaufbau. Es wurden breite, gerade Straßen angelegt, Brücken und Wasserleitungen erbaut, Sümpfe trocken gelegt, Markthallen eingerichtet, Straßenbeleuchtung durchgeführt, offene Plätze freigehalten und durch Gartenanlagen verschönert, sowie durch entsprechende polizeiliche Aufsicht auf Ordnung, Reinlichkeit und Sicherheit hingewirkt. Für Unterkunft der Karawanen sind Karawansereien errichtet, und kürzlich ist der Grundstein für das erste Hospital für Eingeborene (unsere bisherigen Krankenhäuser und die schwarze Truppe eingerichtet) und die erste Schule für die Kinder der indischen Händler gelegt worden. Die bevorstehende Ankunft des letzten der drei Fahrzeuge der Küstenlinie wird hoffentlich recht bald ein allgemein erwünschtes regelmäßiges Anlaufen der Küstenplätze ermöglichen und ebenso ist zu hoffen, daß den Vorarbeiten für die Eisenbahnen die Vollendung bald folgen möchte.
Die allgemeine Wiederaufnahme des Feldbaues seit dem Wiedereintritt der friedlichen Verhältnisse, das Wiederaufblühen des Karawanenhandels nach erfolgter Sicherung der Straßen und jede nur mögliche Maßnahme zur Förderung des Handels müssen eine allmähliche Abnahme der unserer neuen Kolonie gebrachten Opfer bringen, müssen, wenn wir nachhaltig weiter arbeiten an dem Schaffen neuer wertvoller Exportprodukte durch Plantagenbau, auch mit der Zeit für unsere Opfer Zinsen tragen. Jeder Europäer, der während des Aufstandes unsere Küste gesehen hat und sie jetzt nach nur zweijähriger Arbeit wiedersieht, muß die Überzeugung gewinnen, daß diese Schlüsse nicht optimistisch sind, sondern das Resultat sachlicher Beobachtung.
14. Kapitel.
Das Deutsch-englische Abkommen.
Schon vor der Ankunft Wißmanns in Deutschland, nach Einnahme des südlichen Teils unserer deutsch-ostafrikanischen Küste, waren die Verhandlungen zwischen der deutschen und englischen Regierung über die Verteilung Afrikas in ein Stadium getreten, in welchem über alle wichtigen Punkte Einverständnis erzielt werden war. Am 17. Juni veröffentlichte der Reichs-Anzeiger in einer Extra-Ausgabe die Grundzüge des deutsch-englischen Abkommens, auf welche in allernächster Zeit der formelle Abschluß des Vertrages fußen sollte. Wißmann stand bei seiner unmittelbar darauf erfolgten Ankunft in Deutschland vor einem fait accompli, denn schon Anfangs Juli war die Publikation des nun abgeschlossenen Vertrages erfolgt.
Es seien an dieser Stelle die auf Ost-Afrika insbesondere oder mit bezüglichen Paragraphen des Abkommens im Wortlaut angeführt:
Artikel I. In Ostafrika wird das Gebiet, welches Deutschland zur Geltendmachung seines Einflusses vorbehalten wird, begrenzt:
1. Im Norden durch eine Linie, welche an der Küste vom Nordufer der Mündung des Umba-Flusses ihren Ausgang nimmt und darauf in gerader Richtung zum Jipe-See läuft. An dem Ostufer des Sees entlang und um das Nordufer desselben herumführend, überschreitet die Linie darauf den Fluß Lumi, um die Landschaften Taveta und Dschagga in der Mitte zu durchschneiden und dann entlang an dem nördlichen Abhang der Bergkette des Kilimandscharo in gerader Linie weiter geführt zu werden, bis zu demjenigen Punkte am Ostufer des Viktoria-Nyanza-Sees, welcher von dem ersten Grad südlicher Breite getroffen wird. Von hier den See auf dem genannten Breitegrade überschreitend, folgt sie dem letzteren bis zur Grenze des Kongostaates, wo sie ihr Ende findet. Es ist indessen Einverständnis darüber vorhanden, daß die deutsche Interessensphäre auf der Westseite des genannten Sees nicht den Mfumbiroberg umfaßt. Falls sich ergeben sollte, daß dieser Berg südlich des genannten Breitengrades liegt, so soll die Grenzlinie in der Weise gezogen werden, daß sie den Berg von der deutschen Interessensphäre ausschließt, gleichwohl aber zu dem vorher bezeichneten Endpunkte zurückkehrt.
2. Im Süden durch eine Linie, welche, an der Küste von der Nordgrenze der Provinz Mozambique ausgehend, dem Laufe des Flusses Rovuma bis zu dem Punkte folgt, wo der Msinje-Fluß in den Rovuma mündet, und von dort nach Westen weiter auf den Breitenparallelen, bis zu dem Ufer des Nyassa-Sees läuft. Dann sich nordwärts wendend, setzt sie sich längs den Ost-, Nord- und Westufern des Sees bis zum nördlichen Ufer der Mündung des Songwe-Flusses fort. Sie geht darauf diesen Fluß bis zu seinem Schnittpunkte mit dem 33. Grad östlicher Länge hinauf und folgt ihm weiter bis zu demjenigen Punkte, wo er der Grenze des in dem ersten Artikel der Berliner Konferenz betriebenen geographischen Kongobeckens, wie dieselbe auf der dem 9. Protokoll der Konferenz beigefügten Karte bezeichnet ist, am nächsten kommt. Von hier geht sie gerader Linie auf die vorher gedachte Grenze zu und führt an derselben entlang bis zu deren Schnittpunkt mit dem 32. Grad östlicher Länge, sie wendet sich dann in gerader Richtung zu dem Vereinigungspunkte des Nord- und Südarmes des Kilambo-Flusses, welchem sie dann bis zu seiner Mündung in den Tanganjikasee folgt. Der Lauf der vorgedachten Grenze ist im allgemeinen nach Maßgabe einer Karte des Nyassa-Tanganjika-Plateaus angegeben, welche im Jahre 1889 amtlich für die britische Regierung angefertigt wurde.
3. Im Westen durch eine Linie, welche von der Mündung des Flusses Kilambo bis zum 1. Grad südlicher Breite mit der Grenze des Kongostaates zusammenfällt.
Das Großbritannien zur Geltendmachung seines Einflusses vorbehaltene Gebiet wird begrenzt: