Chapter 5 of 28 · 3904 words · ~20 min read

Part 5

Der Admiral hatte nach dem letzten Angriff Buschiris auf Bagamoyo mit dem Rebellenführer einen Waffenstillstand geschlossen, um mit dem Reichskommissar diesen Waffenstillstand in einen definitiven Frieden umzuwandeln. Wenigstens sei dies, so äußerte sich Deinhard, wenn ihm das weitere Kommando an Land belassen worden wäre, seine Absicht gewesen. Die von Buschiri gestellten Bedingungen waren jedoch derart, daß ein Eingehen auf dieselben nach den vielen während des Aufstandes erlittenen Demütigungen und dem vielfach nicht nur nach europäischen, sondern grade nach orientalischen Begriffen recht wenig imponierenden Auftreten unsrer maßgebenden ostafrikanischen Organe, wie Wißmann sich im Bericht an den Reichskanzler ausdrückte, einfach »lächerlich« gewesen wäre.

In der That ist es unbegreiflich, wie man überhaupt ernstlich an eine Umwandlung jenes abgeschlossenen Waffenstillstandes in einen definitiven Frieden hatte denken können; die Folge wäre lediglich gewesen, daß man nach kürzester Frist sich auf dem alten Fleck befunden hätte.

Allerdings hatte sich Wißmann veranlaßt gesehen, den Waffenstillstand vorläufig auch seinerseits anzuerkennen, da er wegen der noch nicht erfolgten Ankunft der neuangeworbenen Truppen hierzu genötigt war. Außerdem wurde ein sofortiges Einschreiten gegen die Aufständischen noch durch den Umstand verhindert, daß zwei englische Missionare aus Mamboia, welche aus dem Innern nach der Küste zurückkehrten, in der Nähe derselben in die Gewalt Buschiris geraten waren und von ihm gefangen gehalten wurden. Allerdings wurden sie anständig behandelt, sollten aber nur gegen ein hohes Lösegeld herausgegeben werden. Die wegen des Lösegeldes und der Auslieferung der Missionare gepflogenen Verhandlungen führten zu einem befriedigenden Resultat, so daß die Missionare nach mehrtägiger Gefangenschaft in Freiheit gesetzt wurden. Einsicht in die Befestigungen und die wirkliche Lage des Buschirischen Lagers brachten sie allerdings nicht mit, da sie durch strengste Ueberwachung an genauerer Umschau verhindert waren.

Als nun Buschiri nach Auslieferung der Missionare das 3/4 Stunden südlich von Bagamoyo gelegene Dorf Kaule überfiel, ausplünderte und völlig zerstörte, -- und als er sogar gegen einen im deutschen Dienst befindlichen schwarzen Handwerker, der in seine Gewalt gefallen war, einen Akt der empörendsten Brutalität verübte, da konnte Wißmann den Waffenstillstand als von Buschiri gebrochen ansehen.

Der Maurer Dunia nämlich hatte eines Tages nach empfangenem Lohn in der Absicht, sich seinem Arbeitsdienst zu entziehen, die Station Bagamoyo verlassen und sich zu Buschiris Leuten begeben, von welchen er zu dem Rebellenführer gebracht wurde, mit der Anschuldigung, daß er als Maurer für die Deutschen gearbeitet und so zur Befestigung ihrer Station beigetragen habe. Buschiri ließ ihm seine beiden Hände abhacken und schickte ihn nach der Station zurück mit dem Bedeuten, er solle nun weiter für die Deutschen arbeiten, Wißmann Grüße ausrichten und ihm bestellen, daß nächstens mit allen Deutschen ebenso verfahren würde. Der Mann kam thatsächlich lebend in Bagamoyo an. Er hatte sofort nach der Verstümmelung die beiden Armstümpfe fest in die Hüften gestemmt und war über Stock und Stein nach der Station gerannt. Hier wurde ihm sofort ein Notverband angelegt, dann kam er in die Behandlung eines Marinearztes, und dessen Pflege, sowie die unglaubliche, allen Negern eigene Zähigkeit und gute Heilnatur ließen ihn genesen.

Es ist von Seiten des Reichskommissariats dann in der ausgiebigsten Weise für jenes arme Opfer der Wut Buschiris gesorgt worden; allerdings ohne Erfolg, denn Dunia ist im Gegenteil einer der größten Halunken geworden.

Am 29. April traf der Dampfer »Somali« mit dem größten Teil der angeworbenen Sudanesen in Bagamoyo ein, und nun ging es nach dem Ausschiffen dieser Leute an die Bewaffnung und Unterbringung der Soldaten. Das letztere war in Bagamoyo nicht schwierig, denn dort befanden sich eine Anzahl gut erhaltener oder leicht zu reparierender Steinhäuser. 60 von den angekommenen Soldaten wurden nach Daressalam gesandt. Mit der Ankunft dieser Truppen wurde das den beiden Stationen bis in die letzte Zeit noch verbliebene Marine-Detachement zurückgezogen.

Die in Daressalam stationierte Kreuzerkorvette Carola verließ aus Gesundheitsrücksichten den dortigen Hafen, um an der äußeren Rhede vor Anker zu gehen.

Am 4. Mai kamen mit der »Martha« die übrigen angeworbenen Sudanesen und das europäische Offizier- und Unteroffizier-Personal in Bagamoyo an. Am 6. Mai trafen auch die Zulus unter Lieutenant Ramsay vom Süden ein. Es stand nun dem Reichskommissar, welcher seiner Schutztruppe gegenüber den Titel Kommandant führte, nach Eintreffen des gesamten Personals und nach Übernahme einzelner Herren von der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft folgendes Europäer-Personal zur Verfügung:

~Chefs der Schutztruppe~: Frhr. v. Gravenreuth, +Dr+. Schmidt (Schmidt I), v. Zelewski, Krenzler, Frhr. v. Eberstein, Rochus Schmidt (Schmidt II), Richelmann, Theremin, (Leue trat später hinzu).

~Lieutenants der Schutztruppe~: v. Bülow (später hinzugetreten nach erfolgter Rückkehr aus Europa), Ramsay, Böhlau, End, Sulzer, Johannes, Merker, v. Behr, +Dr+. Bumiller, v. Perbandt, v. Medem, Radatz.

~Ärzte der Schutztruppe~: Stabsarzt +Dr+. Schmelzkopf als Chefarzt und Assistents-Arzt erster Klasse +Dr+. Kohlstock.

~Beamte~: +a+) im Chefrang: Eugen Wolf (als kaufmännischer Beirat); +b+) im Lieut.-Rang: Lieut. a. D. Blümcke und Zahlmeister Merkel.

~Deckoffiziere~: Bohndorf, Rabe, Illich, Tschepe, Grothe, Jancke, de la Frémoire.

~Kapitäne der Flottille~: Holz (bis August 1889), Hansen (vom August 1889 ab), Graf Pfeil, Tomaschewski, Prager, Römer.

Außerdem stand für seemännische Zwecke der Lieut. zur See der Reserve v. Sivers zur Verfügung. Von den genannten Personen hatten folgende bereits afrikanische Erfahrungen gesammelt: v. Gravenreuth, v. Zelewski, Krenzler, v. Eberstein, die beiden Schmidts, Leue, v. Bülow, Ramsay, Illich, ferner, wenn auch nur kurze Zeit: Merker, v. Medem, Tschepe, Rabe, (ebenso Wolf im Dienst des Kongostaates in Westafrika und Bohndorf als Reisebegleiter Junkers).

~Unteroffiziere der Schutztruppe~: Becker, Bilke, Bluhm, Brose, Budau, Burwitz, Busch, Eben, Firnstein, Fricke, Gaffri, Gaßmann, Germer, Greff, Grucza, Gurkasch, Hartmann, Hoffmann +I+, Hoffmann +II+, Kaiser, Kay, Kopp, Kühne, Leder, Ludwig, Martini, Mutter, Naeter, Peter, Piehl, Reich, Rohr, Rymarzig, Schaumbacher, Schulte, Schwarz, Snakker, Semmling, Steinbach, Tanner, Thielke, Velten, Weiß, Wille, Wonneberger, Först, Schafflick, Freitag, Mittelstädt, Bauer, Drescher, Fritz, Fülleborn, Hocke, Hoffmann +III+, Jacobs, Kröhnke, Markgraf, Marquard, Neumann, Nowack, Roberth, Schmid, Schultz, Steinkopf, Stolle.

Die Verteilung der Offiziere und Truppen auf die Stationen Bagamoyo und Daressalam geschah in folgender Weise:

~Bagamoyo~: Stationschef: Chef +Dr.+ Schmidt. Stationsoffizier Premierlieutenant End. Truppen: 545 Sudanesen in 5 Kompagnien, 100 Zulus und 60 Suaheli-Askari, je eine Kompagnie; 40 Somali und 60 Europäer (Offiziere und Unteroffiziere). Abgesehen von der eigentlichen Stationsbesatzung waren die Truppen anfangs in 2 Bataillone eingeteilt unter den Chefs Freiherr von Gravenreuth und von Zelewski. Die Kompagnieführer waren die Herren Ramsay, Johannes, v. Medem, v. Perbandt, Sulzer und Radatz. Für die Artillerie waren bestimmt die Herren Chef Krenzler und Premierlieutenant Böhlau.

~Daressalam~: Stationschef: Chef Rochus Schmidt. Stationsoffizier: Lieutenant Merker. Truppen: 55 Sudanesen, 10 Somali, 20 Suaheli-Askari. Dazu Lieutenant v. Behr und später nach beendetem Angriff auf Buschiris Lager 8 Unteroffiziere. Auch wurde bald die Zahl der Besatzungstruppen auf 100 vermehrt.

Fußnoten:

[1] Verlag von Trowitzsch u. Sohn, Frankfurt a. O. 1891.

4. Kapitel.

Die ersten Kämpfe um Bagamoyo, Daressalam, Pangani, Tanga und Sadani.

Einrichtung des Spionendienstes. -- Angriff und Einnahme von Buschiris Lager bei Bagamoyo und Operationen daselbst. -- Streifzüge des Verfassers um Daressalam. -- Beerdigung der ermordeten Missionare in Pugu. -- Verhältnisse in Sadani. -- Bombardement von Sadani. -- Einnahme durch die Schutztruppe. -- Einnahme von Pangani und Stationsgründung daselbst. -- Einnahme von Tanga. -- Errichtung eines Forts in Tanga. -- Streifzug Gravenreuths gegen die Jumbes in der Umgegend von Bagamoyo. -- Verhältnisse auf den neu gegründeten Stationen.

Unmittelbar nach der Ankunft der Truppen ließ Wißmann dem Führer der Rebellen den Waffenstillstand, der ja von ihm in frevelhafter Weise gebrochen war, aufkündigen und ihm sagen, daß er ihn in den nächsten Tagen angreifen würde. Die Antwort Buschiris lautete, er würde die Deutschen bestens empfangen.

Die Bestrafung zweier Leute, welche der Spionage gegen uns für die Interessen Buschiris überführt worden waren, mit dem Tode durch den Strang hatte Wißmann natürlich bis zur Auslieferung der Missionare aufgeschoben.

Bis zur Ankunft Wißmanns hatten nur die Rebellen ihre Spione, welche sie so geschickt ausgewählt und organisiert hatten, daß sie stets mit den genauesten Nachrichten über unsere Mittel und Absichten versehen waren, während die Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft im großen und ganzen auffällig spärlich mit Nachrichten versehen waren. Wißmann erkannte gleich am ersten Tage seiner Ankunft auf dem Festland, daß auf unserer Seite viel zu wenig auf den Spionendienst gehalten war und gab daher zur Einführung einer ordentlichen Spionage die betreffenden Anweisungen, indem er zugleich Gelder zur Verfügung stellte.

Die Spionage ist etwas in Afrika durchaus Notwendiges und Selbstverständliches. Der Europäer muß Gewicht darauf legen, unter den Eingeborenen zuverlässige Personen zu finden, die er zur Einziehung von Nachrichten benutzen kann, indem er nötigenfalls auch die einzelnen Leute gegenseitig ausspielt und so kontrolliert.

Die durch Wißmann eingeführte bessere Ausbildung des Spionendienstes hat sehr viel zu unseren Erfolgen beigetragen. Bedauerlicher Weise wurden, wie ich vorweg bemerken muß, im letzten Jahre vom Gouverneur von Soden unter vollkommener Verkennung der afrikanischen Verhältnisse aus Sparsamkeitsrücksichten selbst nach der Zelewskischen Katastrophe nicht die nötigen Mittel hierfür zur Verfügung gestellt, und wenn einmal wirklich Gelder zum Halten von einem oder einigen Spionen bewilligt wurden, so geschah dies nur nach bogenlangen Berichten, welche es den Offizieren und den dem Gouverneur unterstellten Beamten fast verleiden konnten, derartige im Interesse des Ganzen liegenden Anträge zu stellen. Diese Sparsamkeit ist übel angebracht und in Wirklichkeit häufig eine Verschwendung. Denn auf ein paar Tausend Rupies im Jahre kann es nicht ankommen, wenn man sich dadurch eine genaue Kenntnis dessen, was unter den Eingeborenen im Geheimen vorgeht, ihrer Absichten und ihrer Gesinnung gegen uns verschaffen kann.

Nachdem der Reichskommissar die Vorbereitungen zum Beginn der Operationen gegen die Aufständischen bereits am 4. Tage nach Eintreffen des Transportdampfers »Martha« auf der Rhede von Bagamoyo beendet hatte, beschloß derselbe nach erfolgter Verständigung mit dem Chef des Kreuzergeschwaders, Herrn Admiral Deinhard, sofort zum Angriff überzugehen. Ein möglichst rasches offensives Vorgehen bot in erster Linie eine Aussicht, gegen die vorwiegend auf Terrorismus gestützte Macht des Rebellenführers Buschiri einen entscheidenden Schlag zu führen, seinen Einfluß auf die Bevölkerung zu beeinträchtigen und die durch fortgesetzte feindliche Streifzüge sehr gehemmte Aktionsfähigkeit wieder zu erhöhen.

Eingezogene Nachrichten hatten ergeben, daß Buschiri, nachdem er in den letzten Monaten sein Lager mehrfach gewechselt, nun in einem stark befestigten Hauptlager in der Richtung landeinwärts von Bagamoyo, 1-1-1/2 Stunden von diesem Platz entfernt, alle seine Kräfte vereinigt habe. Der waffenfähige Anhang Buschiris wurde auf 6-800 Mann angegeben.

Nachdem die Unterstützung der Marine vom Admiral angeboten und vom Reichskommissar angenommen worden war, wurde der 8. Mai von beiden für die Operationen gegen Buschiri festgesetzt.

Am genannten Tage, früh 6-1/2 Uhr trat die Schutztruppe mit dem von der Marine gestellten Landungscorps von 200 Mann, welches der Korvettenkapitän Hirschberg, Kommandant S. M. S. »Schwalbe« befehligte, bei der Station in Bagamoyo an. Damit die farbigen Truppen möglichst alle im Kampf verwendet werden konnten, war die Station Bagamoyo für die Dauer der Operation durch eine andere Abteilung der Marine besetzt worden. Um 7 Uhr 10 Minuten setzte sich die Schutztruppe nach Erteilung der für den Marsch notwendigsten Instruktionen in folgender Marsch-Ordnung in Bewegung:

Avantgarde: Askaris -- Frhr. v. Eberstein;

Abteilung Frhr. v. Gravenreuth -- 2 Sudanesenkompagnien (Sulzer und von Perbandt);

Artillerie (zwei 4,7 +cm+ Geschütze und ein 6 +cm+ Geschütz) -- Chef Krenzler;

geschlossenes Detachement der deutschen Unteroffiziere unter Premier-Lieutenant End;

Abteilung +Dr+. Schmidt -- 2 Sudanesenkompagnien (Johannes und Radatz);

Abteilung von Zelewski -- 1 Sudanesen- und 1 Zulukompagnie (Ramsay und v. Medem);

zum Ziehen der Geschütze wurden Waniamuesi mitgenommen, desgleichen gingen solche mit Erlaubnis Wißmanns, durch rote Tücher als die Unsrigen kenntlich gemacht, als Freiwillige mit.

Nachdem der Marsch zunächst in südwestlicher Richtung durch die Bagamoyo umgebenden, ausgedehnten Kokosschamben erfolgt war, wurde nach Westen abgebogen und ein ungefähr 900 +m+ breites, schattenloses, sumpfiges, mit fast mannshohem Grase bewachsenes Thal durchschritten, welches an dem besonders schwülen und heißen Tage, namentlich für die Artillerie, sehr schwierig zu passieren war. Die Marschdisciplin blieb indes bei den farbigen Truppen auf dem Hinmarsch eine gute. Nach Passieren dieses Thales wurde wieder in südwestlicher Richtung auf einem gut bewachsenen Höhenzug weiter marschiert, bis um 9 Uhr das Lager Buschiris der Avantgarde in Sicht kam.

Der Kommandant, welcher sich bei der Avantgarde befand, erteilte nun sofort die Befehle zum Angriff. Demzufolge nahm die Artillerie Aufstellung in der Linie der Askaris, welche, bis auf 600 +m+ ans Lager herangekommen, ausschwärmten. Links von den Askaris befand sich die Abteilung Gravenreuth. Zelewski erhielt Befehl, rechts vom Wege abzubiegen und die linke feindliche Flanke zu umfassen, also nach der örtlichen Lage die Boma von Osten her zu umgehen. +Dr.+ Schmidt sollte links abbiegen und die Umgehung der Boma von Westen her bewerkstelligen. In dieser Formation war man, die Artillerie eingeschlossen, bis 250 +m+ an das Lager herangekommen. Die Marine-Abteilung befand sich dicht hinter den Askaris und der Artillerie.

Als die Truppen in dieser Ordnung bis auf etwa 200 +m+ an die Boma herangekommen waren, wurde von Seiten der Rebellen ein heftiges Feuer aus Gewehren und einigen alten, mit Eisenstücken geladenen Böllern auf die Angreifer eröffnet. Zufällig kam zu gleicher Zeit aus dem Lager der überall bekannte weiße Buschirische Reitesel in Sicht und Wißmann, in der Absicht, den wohlbeleibten Buschiri dieses bei seiner Körperfülle sehr notwendigen Fluchtmittels zu berauben, gab einen Schuß auf den Esel ab. Dieser Schuß bildete unwillkürlich das Signal zur Eröffnung des Feuers auf der ganzen Linie; in der Front stand Gravenreuths Abteilung im 1. Treffen, während im 2. Treffen die Marine das Feuer ebenfalls eröffnete; als Wißmann bat, das Feuer des 2. Treffens einzustellen, da das 1. Treffen ihm dadurch gefährdet erschiene, wurde ihm von der Marine entgegengehalten, daß mit dem 600-meter-Visir von dieser geschossen werde.

Das feindliche Feuer richtete sich besonders auf eine kleine Anhöhe, wo Wißmann mit seinem Stabe bei der Artillerie Stellung genommen hatte, so daß dort, trotzdem die Aufständischen im allgemeinen recht schlecht zielten, einige Verluste in unmittelbarer Nähe des Reichskommissars, der für seine Person der Mahnung, sich nicht unnütz zu exponieren, kein Gehör schenkte, erlitten wurden.

Als der Kommandant durch anhaltendes Geschütz- und Gewehrfeuer den Feind hinlänglich erschüttert zu haben glaubte, gab er das Zeichen zum Aufpflanzen des Seitengewehrs und zum Sturm. Die Abteilung Gravenreuth drang zuerst in die Boma ein, allen voran Lieutenant Sulzer.

An der Spitze der Marineabteilung überklomm Lieutenant Schelle, ohne erst Bresche reißen zu lassen, die Pallisaden. Hierbei erhielt er eine Kugel in den Unterleib und erlag bald darauf dieser schweren Verwundung.

Herr von Gravenreuth war mit seiner Abteilung an der linken Flanke der Front eingedrungen, die Marine hingegen zugleich mit den Askaris unter Eberstein direkt in der Front, und zwar wurde nach dem Fall Schelles Bresche gerissen und drangen die Marinetruppen an dieser Stelle Mann hinter Mann durch die Bresche in die Boma, während Herr v. Eberstein mit den Askaris eine bei der Bresche befindliche Thür einrannte und durch diese ziemlich geschlossen mit seinen Leuten hineinkam.

Es ist damals ein sehr häßlicher Streit über die für die Sache natürlich ganz gleichgiltige Frage ausgebrochen, wer der erste in der feindlichen Boma gewesen sei. Von Seiten der Marine wurde der gefallene Lieutenant Schelle gemeldet; vom Reichskommissar der Lieutenant Sulzer. Dem Verfasser, der bei der Aktion gegen Buschiri nicht dabei gewesen ist, ist von verschiedenen Herren versichert worden, daß nicht nur Sulzer, sondern auch v. Gravenreuth und ein großer Teil der Soldaten von Gravenreuths Abteilung in der Boma, ja sogar in den dort befindlichen Hütten der Rebellen schon gewesen seien, als von der Frontseite her die Marine erst eindrang. Selbstverständlich ist die Meldung der Marine, daß Lieutenant Schelle der erste im Lager gewesen sei, in gutem Glauben erfolgt und ist dadurch zu erklären, daß wegen der im Innern der Boma errichteten Hütten und wegen der in solchen Momenten erklärlichen Aufregung das vorher erfolgte Einrücken Gravenreuths nicht gesehen wurde. Bedauerlich aber bleibt die Eifersüchtelei, welche zu jener Zeit zwischen Marine und Schutztruppe bestand. Obgleich sich die Offiziere der letzteren und auch viele Marineoffiziere redliche Mühe gegeben haben, dieselbe aus der Welt zu schaffen, besteht sie, wie dem Verfasser scheinen will, bis in die neueste Zeit hinein fort. Die Herren der Marine bedenken hierbei nicht, daß mit Beendigung der Blokade nach Übernahme des Reichskommissariats durch Wißmann ihre Aufgaben am Lande, denen sie sich ganz gewiß, wie von allen anerkannt wird, mit Eifer unterzogen haben, beendigt waren. Nur vereinzelt haben später Marinemannschaften die Operationen des Reichskommissars unterstützt, natürlich nur an der Küste oder in unmittelbarster Nähe derselben, wie hier bei Bagamoyo, dann bei Sadani, Pangani, Mkwadja. (Nur Tanga ist, worauf wir noch kommen werden, durch die Marine allein erobert worden.)

Beim Einrücken der Unsrigen in die Boma wagte nur ein Teil der Feinde noch standzuhalten und aus den Hütten im Innern der Befestigungen heraus zu schießen, wo sie dann teils niedergemacht, teils gefangen genommen wurden. Das Gefangennehmen freilich wollte nicht immer gelingen, da die Zulus, welche erst zwei Tage vorher eingetreten waren, gar nicht verstehen wollten, wie man einen überwältigten Feind schonen könne, statt ihn sofort zu tödten; so haben denn auch die Zulus vielen von den Rebellen, welche sich im letzten Augenblick ergeben wollten, durch ihre Seitengewehre den Garaus gemacht.

Von den Freiwilligen der Waniamuesi und den Askaris wurden die Zulus bei der Plünderung des Lagers in würdiger Weise ergänzt. Im großen und ganzen aber waren alle, welche die neue farbige Truppe während des Gefechts beobachtet hatten, im Lob derselben einig. Nirgends war weder während des Feuerns noch beim Sturm das geringste Zaudern eingetreten.

Die Umgehung des Lagers, welche die Abteilungen Dr. Schmidt und v. Zelewski bewerkstelligen sollten, war nicht gelungen, da besonders Zelewski wegen des weiten Umweges, den er mit seinen Soldaten zu machen hatte, nicht zur rechten Zeit am Lager sein konnte. Es gelang daher dem größten Teil der Rebellen durch die Lücke zwischen den beiden von der Flanke anrückenden Abteilungen durchzukommen, wobei sie allerdings von der Abteilung Dr. Schmidt noch wirksam beschossen wurden.

Buschiri selbst war ebenfalls entkommen, hatte sich aber, wie er später selbst erzählte und wie auch bald hinterbracht wurde, im dichten Grase außerhalb der Boma versteckt und war so von den Verfolgern unbemerkt geblieben.

Das dicht bewachsene Terrain setzte der an die Einnahme des Lagers sich schließenden Verfolgung von selbst ein Ziel, um so mehr als die Europäer, sowohl die aus Europa gekommenen Offiziere und Unteroffiziere der Schutztruppe, wie die an afrikanische Märsche ebenfalls nicht gewöhnten Marinemannschaften und auch unsere Sudanesen sehr ermattet waren. Es zeigte sich dies unmittelbar nach dem Eindringen in die Befestigungen und auf dem Rückmarsch, der ein wenig angenehmes militärisches Bild abgab. Einige Fälle von schwererem und leichterem Sonnenstich kamen auf demselben vor. Die Zulus, Askari und Waniamuesi waren die einzigen, welche frisch geblieben waren und deren Benehmen und Schlachtgesänge etwas Leben in die Kolonnen der Marine und Schutztruppe brachten.

Die Zahl der Toten betrug auf gegnerischer Seite 106, fast alles Araber und Belutschen. Unter den Gefallenen ist wegen seines Einflusses besonders zu erwähnen der Jumbe von Windi, Ismael. Auf unserer Seite fielen -- von der Marine: Lieutenant zur See Schelle und Obermatrose Föll; von der Schutztruppe 6 farbige Soldaten. Feldwebel Peter erlag dem Sonnenstich. Verwundet wurden -- von der Marine: Obermatrose Klebba -- von der Schutztruppe: Stabsarzt Dr. Schmelzkopf, Hauptmann Richelmann, Deckoffizier Illich und 3 Sudanesen.

Das Lager der Aufständischen zeigte ein ziemlich regelmäßiges Viereck von 800 m Umfang und war nach afrikanischen Begriffen mit einer sehr starken Befestigung umgeben. Sie bestand in Pallisadenreihen aus dicken Palmenstämmen. Hinter denselben war ein Graben für kniende Schützen ausgehoben, dessen Erde nach den Palisaden hin zu einem Wall aufgeschüttet worden war. Im Innern war, wie schon erwähnt, eine Zahl primitiver Hütten errichtet, welche den Rebellen Unterkunft gewährten, außerdem ihr Kleinvieh und Hühner wie ihren sonstigen Unterhalt bargen. Der vorgefundene Proviant und die noch in geringer Masse vorhandene Munition wurde durch die Einnahme des Lagers erbeutet; außerdem fielen in unsere Hände 2 arabische Fahnen, 2 Böller und Gewehre aller Art, darunter einige Mausergewehre, welche beim Ausbruch des Aufstandes auf den Stationen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft im Innern von den Rebellen vorgefunden waren, daneben befanden sich Snidergewehre, Hinterlader, Jagdgewehre, sowie die verschiedensten Perkussions- und Steinschloßgewehre. Die wertlosen Waffen und Sachen wurden verbrannt, das meiste aber -- selbst ganz wertloses Hausgerät -- von den Leuten, besonders den Sudanesen, die eine besondere Vorliebe für die Anhäufung von allerlei wertlosem Kram haben, nach Bagamoyo mitgenommen. Einige Kuriositäten, wertvolle Waffen der Araber und Belutschen sowie der Eingeborenen wurden ebenfalls vorgefunden. Ferner hatten unsere Soldaten in der Hütte Buschiris eine Kiste mit 6000 Rupien entdeckt, es aber vorgezogen, die Sache erst zu melden, nachdem sie den Inhalt unter sich verteilt hatten. Das Geld war vermutlich die für die englischen Missionare bezahlte Lösesumme und man beließ dieselbe den glücklichen Besitzern, um nicht gleich anfangs durch Untersuchungen Mißmut zu erregen. So wirkte auch der gute Fund ermunternd auf die Schwarzen, für welche ja überhaupt die Plünderung nach siegreichem Gefecht einen ungemeinen Reiz hat.

Der Geschwaderchef, Herr Admiral Deinhard, hatte (nach Rücksprache mit dem Reichskommissar) für einen eventuellen Empfang der entkommenen Rebellen Sorge getragen, indem er eine Marineabteilung nach der Windi- und Mtoni-Fähre schickte, wo der Uebergang von fliehenden Rebellen erwartet werden konnte. Die Fährboote, welche sich an jenem Teil des Kinganiflusses vorfanden, wurden, um ein Übersetzen der Rebellen zu verhindern, von der Marine zerstört. Indes hatten die Flüchtlinge es meist für klüger gehalten, sich zunächst, so lange sie das Terrain unsicher wußten, im dichten Gebüsch versteckt zu halten, wohin man ihnen nicht folgen konnte, und dann weiter zu flüchten, wobei von ihnen die weiter stromaufwärts befindliche Dunda-Fähre des Kingani benutzt wurde. Dorthin aber konnten die Pinassen der Marine wegen mehrfacher in jenem Teil des Kingani vorhandener Untiefen nicht geschickt werden.

Dem Reichskommissar hatte +Dr.+ Peters seine für die Emin Pascha-Expedition in Aden angeworbenen Somalis zum Angriff auf Buschiri zur Verfügung gestellt; es war jedoch von ihrer Verwendung Abstand genommen worden, da sie Bedenken trugen, gegen ihre eigenen Glaubensgenossen zu kämpfen. Jetzt, als nach gelungenem Angriff die Truppen in Bagamoyo einrückten, zeigte sich ein Teil der Somalis beschämt und bat darum, auf den noch am selben Tage ausgesandten Patrouillen mitverwandt zu werden.

Nach dem Einrücken der Soldaten erhielt Freiherr v. Gravenreuth den Befehl, eine Rekognoszierung zu unternehmen zur Aufsuchung eines vermißten Offiziers, der, an der Queue seiner Abteilung, von den Seinen unbemerkt, infolge eines Sonnenstiches liegen geblieben war, und zugleich um auf etwaige Rebellentrupps zu fahnden. Der Vermißte kehrte aber von selbst bald darauf zurück, und die Rekognoszierungen Gravenreuths und später Zelewskis konnten nur feststellen, daß die nächste Umgebung von Bagamoyo bis zum benachbarten Teile des Kingani völlig von den Aufständischen gesäubert war. Kleine Patrouillen wurden zum großen Teil zu Pferde ausgeführt, von denen etwa 20 aus Egypten resp. Aden mitgebracht worden waren.

Einige Wochen später drangen nach Bagamoyo Nachrichten über neue Befestigungen, welche Buschiri in größerer Entfernung angelegt habe; ebenso habe er wieder eine große Zahl Anhänger gesammelt. Infolgedessen wurden von Wißmann zweimal Abteilungen unter +Dr.+ Schmidt und Zelewski in solcher Stärke ausgesandt, daß es ihnen möglich war, die Rebellen mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen. Die Expedition unter Zelewski führte zu keinem Resultat, da der Gegner in dem von ihr durchzogenen Gebiet nicht zu finden war. Die später ausgesandte Abteilung des +Dr+. Schmidt fand zwar mitten in dichtem Gestrüpp ein wohlbefestigtes Lager Buschiris, eine sogenannte Buschboma, zu welcher nur wenige schmale Stege führen, doch hatte Buschiri, der jedenfalls von dem Anmarsch +Dr+. Schmidts durch seine Kundschafter Nachricht erhalten, es vorgezogen, noch im letzten Augenblick ohne Kampf die Boma zu verlassen. Die Hausutensilien und die noch vorhandenen Lebensmittel, etwas Kleinvieh und Hühner, wurden zur Beute gemacht, die Boma selbst aber wurde den Flammen Preis gegeben. Es war dies, so begierig auch die Expedition war, den Gegner anzugreifen, doch den Herren nachträglich nicht unerwünscht, da die Stellung Buschiris eine derartige war, daß ein erfolgreicher Sturm auf das im größten Dickicht befindliche Lager, wenn überhaupt, nur mit den schwersten Verlusten möglich gewesen wäre. Das erste Lager hatte den Vorzug in freiem Terrain zu liegen, so daß es von allen Seiten gesehen und angegriffen werden konnte.