Chapter 24 of 28 · 3935 words · ~20 min read

Part 24

Der in einem früheren Kapitel erwähnte Zug des Chefs Ramsay ins Mukondogua-Thal und sein Abkommen mit den Wahehe hatte diese bewogen, Gesandte nach der Küste zu schicken, die einen endgültigen Frieden mit dem Gouverneur abschließen sollten. In Bagamoyo angekommen, wurde den Leuten, da gerade damals das ganze Expeditionskorps in Bagamoyo sich befand, ein Begriff von unserer Stärke beigebracht. Man gab sich der Hoffnung hin, daß die Wahehe auf ihren Raubzügen jetzt etwas vorsichtiger sein würden und jedenfalls die Karawanenstraße und Usagara nicht mehr beunruhigen, sondern sich auf Kriege mit den Wagogo, Massai und Warori beschränken würden. Die Wahehe heuchelten in jeder Beziehung Unterwürfigkeit und versprachen alles, was von ihnen verlangt wurde. Befremdlich war es jedoch, daß, nachdem die Gesandtschaft entlassen und in ihr Land zurückgekehrt war, sogleich wieder ein neuer Einfall nach Usagara gemacht und dieses wichtige Land aufs empfindlichste von den Räuberhorden beunruhigt wurde.

Der Verkehr auf der nach Bagamoyo führenden Straße war vollständig unterbrochen, unsere Schutzbefohlenen aus Usagara klagten ihre Not nach Bagamoyo, sie meldeten, daß die deutsche Flagge in den Dörfern, die sie geführt hätten, von den Wahehe herunter gerissen worden sei und daß dieselben unsere Behörden verhöhnt hätten. Ein Eingriff der Schutztruppe in dem bedrohten Gebiet war demnach selbstverständlich. Der dem Gouverneur oder vielmehr, da dieser neu nach Ostafrika gekommen war, seinen Beratern, -- und das waren diesem Falle wir, die ältesten Offiziere, speziell der Verfasser als Bezirks-Hauptmann von Bagamoyo, -- gemachte Vorwurf, daß die gegen die Wahehe ausgerüstete Strafexpedition leichtsinnig und überflüssig gewesen wäre, ist durchaus unverständlich.

Die Frechheit der Wahehe, welche über unsere Leichtgläubigkeit und die ihnen bewiesene Nachsicht nur spotteten, mußte bestraft werden, die Bewohner der blühenden Ortschaften im Mukondoguathal durften nicht in ihrem Vertrauen auf uns getäuscht werden, die Ruhe an der Karawanenstraße mußte hergestellt werden: das waren doch wohl vollwichtige Gründe, aus denen der Verfasser beim Gouverneur die Ausrüstung einer Expedition, die schleunigst von Bagamoyo in die bedrohte Gegend marschieren sollte, beantragte. Die Führung derselben wurde auf seinen Vorschlag vom Gouverneur ursprünglich dem Verfasser zugedacht; Nachrichten indes, welche aus Kilwa nach Daressalam drangen und besagten, daß dort die Mafiti wie alljährlich einen Einfall in das Hinterland von Kilwa gemacht hätten und bis ganz dicht an die Stadt vorgedrungen wären, machten zunächst ein Einschreiten um Kilwa notwendig, da hier die Küstenbevölkerung selbst bedroht schien.

So ging denn der Kommandant der Schutztruppe von Zelewski mit dem gesamten Expeditionskorps von 4 Kompagnien nach Kilwa, um nach Beseitigung der Mafiti-Gefahr im Einverständnis mit dem Gouverneur durch das Hinterland über den Rufidji nach Usagara zu marschieren. Der Verfasser hat sich zu jener Zeit in Daressalam dahin ausgesprochen, daß dieser Marsch ihm nicht empfehlenswert erschien. Ein Eingreifen des Expeditionskorps war allerdings zunächst bei Kilwa absolut notwendig. Indes nach Beseitigung der Gefahr von Kilwa wäre die Überführung der für die Wahehe-Expedition notwendigen Truppen durch Dampfer nach Bagamoyo richtig gewesen, von wo aus dann die Expedition in Eilmärschen auf der Karawanenstraße nach Mpapua hätte vorgehen können. In Mpapua lag die Möglichkeit vor, aus den Reihen der Wagogo und Massai, den Feinden der Wahehe, für uns sehr wertvolle Bundesgenossen zu erhalten, durch diese mehr gesichert, von Mpapua aus nach Süden in Uhehe einzudringen und hier nach Osten auf Kondoa herumzugreifen. Der Zweck eines Marsches durch das Hinterland von Kilwa erschien aus militärischen und politischen Gründen verfehlt. Die Schwierigkeiten, die sich der Verpflegung einer großen Truppe entgegenstellen mußten, die Notwendigkeit, daß man nicht zu unterschätzende, räuberische Stämme zu passieren hatte, die uns einerseits immer ausweichen, andererseits aber in ungünstiger Gegend, auf Lagerplätzen und beim Marsch leicht gefährlich werden konnten, sprachen zu laut dagegen. Im besten Falle war dieser Marsch eine gute Sports-, vielleicht auch eine geographische Leistung, aber einen bedeutenden Erfolg konnte er nicht haben. Die Absicht, nach Mpapua zu gehen und von hier aus die Expedition durch Verbündete aus den Reihen der genannten Stämme zu verstärken, hatte der Kommandant ebenfalls, aber er wollte von Kilwa aus nach Mpapua gelangen; der Gouverneur genehmigte trotz der zur Sprache gekommenen Bedenken diesen Plan.

Um Zeit zu sparen, war Zelewski gezwungen, nach der Ankunft am Jombofluss von dem Marsch nach Mpapua Abstand zu nehmen und die Expedition von diesem Flusse aus direkt nach Uhehe zu führen. Auf dem bisherigen Marsche waren die Mafiti nirgends angetroffen worden, sondern überall der marschierenden Truppe ausgewichen; bei Kilwa selbst fand man auch nur ein verlassenes Lager der Mafiti vor. Das Land der nördlichen Mahenge wurde passiert und mit diesen ein durchaus friedlicher Verkehr gepflogen. Aber auch da zeigte sich die Unzuverlässigkeit gerade dieser Stämme. Nachdem das Expeditionskorps kaum ihr Land verlassen hatte, benutzten sie die Gelegenheit zu einem Einfall nach Usaramo, in der Annahme, daß nun an der Küste nicht mehr genügend starke Kräfte vorhanden seien, um ihnen entgegenzutreten.

Nach der Überschreitung des Rufidji war eine Zulukompagnie vom Expeditionskorps nach Daressalam zurückgeschickt worden, um für etwa notwendige Unterstützungen hier zur Verfügung zu stehen, und wurde der Weitermarsch mit nur drei Kompagnien vorgenommen. Vom Jomboflusse aus ging es mehr südlich nach Uhehe hinein. Die Wahehe, die nirgends einen ernstlichen Widerstand leisteten, wurden überall vertrieben und ihnen, da sie eben allerorten zurückwichen, die einzig mögliche Strafe durch Niederbrennung ihrer Tembes (befestigte Ortschaften) und Plünderung ihres Eigentums zu Teil.

Am 17. August ereilte die Expedition ihr unglückliches Schicksal. Als die Kolonne in der Gegend von Lula das in Uhehe häufig sehr coupierte und stark bewachsene Terrain passierte, wurde sie in ihrer ganzen Länge gleichzeitig von den nach Tausenden zählenden Wahehe-Horden, die auf dem Marsche einen Hinterhalt gelegt hatten, plötzlich überfallen, und gleich im Anfang des sich entspinnenden Gefechtes die meisten Europäer der Truppe, an ihrer Spitze der Kommandeur, niedergemacht. Insgesamt bedeckten die Leichen von 10 Europäern, 250 farbigen Soldaten und etwa 100 Trägern das Schlachtfeld.

Es wurde gleich zuerst bekannt, daß auch die Wahehe ungeheure Verluste, wie sie solche bis dahin noch nie gehabt, erlitten hätten, doch wurde dies zuerst wenig geglaubt, weil die näheren Umstände, unter denen die Schutztruppe überfallen war, es höchst zweifelhaft erscheinen ließen. Indes scheint es doch nach den einstimmigen Angaben der Wahehe, als müsse man die Zahl der auf ihrer Seite Gefallenen auf annähernd 900 annehmen; dem Verfasser will auch heute noch die angegebene Zahl ganz unglaublich scheinen.

Die gefallenen Offiziere waren der Kommandeur von Zelewski, die Lieutenants von Zitzewitz, von Pirch, Arzt +Dr.+ Buschow, die Unteroffiziere Herrich, von Tiedewitz, Schmidt, Tiedemann, Hemprich und Büchsenmacher Hengelhaupt: ein nicht nur durch die große Zahl der Gefallenen, sondern insbesondere durch den persönlichen Wert und die in Afrika erwiesene außerordentliche Tüchtigkeit der einzelnen außerordentlich schmerzlicher Verlust für die Truppe.

Von den verschiedensten Seiten ist behauptet worden, Kommandeur v. Zelewski trage die alleinige Schuld an dem Unglück, das ihn und seine Truppe betroffen; seiner nicht zu entschuldigenden Sorglosigkeit sei die Herbeiführung der Katastrophe zuzuschreiben. Es hat diese Beurteilung ihres Kommandeurs die Offiziere der Schutztruppe auf das schmerzlichste berührt, da gerade Herr v. Zelewski ein durch seine Umsicht und Vorsicht bekannter Offizier war. Bei den schwierigen Terrainverhältnissen der Landschaft Uhehe kann nicht der bei uns für Marschsicherung etc. geltende Maßstab auf die Expedition angelegt werden.

Das tiefe Eindringen der Expedition in die Landschaft Uhehe ist aus der Absicht des Expeditions-Führers zu erklären, die vorher auf der Expedition erlangten Vorteile über den räuberischen Stamm militärisch gründlich auszunutzen. Ob indes das vom rein militärischen Gesichtspunkt richtige weite Vordringen ins Innere auch politisch zweckmäßig war, bleibe dahingestellt. Zweifellos muß zugegeben werden, daß von Zelewski den Charakter der Mafitistämme, mit denen er früher nicht in Berührung gekommen war, nicht ganz erkannt hat. v. Zelewski war ausschließlich Soldat, das aber mit Leib und Seele, ebenso ein tüchtiger Organisator, als welcher er Wißmann speziell bei der Organisation der Truppe stets helfend zur Seite stand.

Die Reste der Expedition wurden durch den Lieutenant von Tettenborn, der auf dem Marsche die Arrieregarde kommandierte, und der beim Überfall selbst in das Gefecht nicht verwickelt wurde, zunächst nach Kondoa und von dort nach der Küste zurückgeführt. An Europäern waren der Katastrophe entgangen mit Herrn von Tettenborn Lieutenant v. Heydebreck, der im Gefecht selbst verwundet worden war, der Feldwebel Kay und der Unteroffizier Wutzer, dazu 64 farbige Soldaten, darunter die Offiziere Murgan Effendi und Gaber Effendi.

Da Herr von Heydebreck gleich anfangs durch einen erhaltenen Keulenschlag besinnungslos geworden war, fällt jenen beiden schwarzen Offizieren, -- die übrigen Europäer hatten sich im eigentlichen Gefecht nicht befunden, -- das Verdienst zu, mit den noch vorhandenen Truppen einen sehr energischen Widerstand geleistet zu haben. Von den Wahehe wird angegeben, daß gerade bei diesem Gefecht die Zulus sich ungemein schneidig benommen haben, die Gefallenen der Zulus hätten ihr Leben sehr teuer verkauft.

Leider verboten die Umstände dem ältesten Offizier der Expedition, Lieutenant von Tettenborn, bis in das Terrain, wo der Überfall stattgefunden hatte, mit dem intakten Rest der Truppe vorzudringen. Er mußte, um nicht Alles aufs Spiel zu setzen, sich auf die Besetzung einer Tembe vor der Unglücksstätte beschränken, wo er den angreifenden Wahehe erfolgreich Widerstand leistete, und die aus dem Überfall entkommenen Truppen um sich sammelte. Tettenborn übernahm alsdann die Leitung des Rückzugs nach der Küste, nachdem die Europäer und Soldaten hatten mitansehen müssen, wie die teuren gefallenen Kameraden unbestattet vor ihren Augen durch Anzünden des Grases verbrannt wurden. Die Geschütze -- 2 Maxim-Guns und 1 4,7 +cm+ Geschütz, -- wie die Mehrzahl der Gewehre und Munition hatte man in den Händen der Gegner zurücklassen müssen.

Nach den zu uns gelangten Berichten haben die Wahehe, wie bereits erwähnt, bedeutende Verluste gehabt und ihre besten Krieger, auch einen Teil der Unterhäuptlinge, im Kampfe mit der Expedition verloren; von den letzteren soll außerdem der Oberhäuptling der Wahehe mehrere haben hinrichten lassen. Der Oberhäuptling befand sich nach der Katastrophe in steter Furcht vor einer Racheexpedition unsererseits und soll überhaupt den Überfall der Expedition, von dem er selbst keine Kenntnis gehabt haben will, nicht gebilligt haben.

Die Katastrophe wirkte auf die Soldaten der Schutztruppe ungemein demoralisierend und machte auch die Bewohner an der Küste übermütig. Die letzteren waren dem Gouverneur von Soden so wie so nicht wohlgesinnt: einmal wegen seiner Steuermaßregeln und dann, weil er der Bevölkerung, insbesondere den Großen derselben, nicht die ihnen sonst immer zu Teil werdende Beachtung schenkte und sich über die im Orient nun einmal üblichen Umgangsformen und Äußerlichkeiten hinwegsetzte; auf der andern Seite lavierte der Gouverneur mit den Eingeborenen häufig gerade an der unrechten Stelle.

Hätte nach der Katastrophe ein Rachezug mit der nötigen Macht, mit intakten oder nicht entmutigten Truppen gemacht werden können, wäre dies für uns außerordentlich günstig gewesen, aber leider war dies ausgeschlossen; es mußte erst eine Rekrutierung in der Truppe abgewartet werden.

Die Wahehe knüpften durch die Araber in Kondoa Friedensverhandlungen mit dem Gouverneur an und boten die Auslieferung der erbeuteten Kanonen, Gewehre und Munition an, sowie Zahlung einer Strafe in Elephantenzähnen und Rindvieh. Es wurde von einer Strafexpedition abgesehen; die Verhandlungen mit den Wahehe, bei welchen der Gouverneur durch den +pater superior+ der Mission in Longa vertreten war, kamen aber nicht recht in den Gang, sodaß inzwischen einige der Mauser-Gewehre mit Munition von den Wahehe nach den verschiedensten Plätzen verkauft wurden und sogar bis auf den Markt nach Tabora kamen. Inzwischen schwoll den Arabern und Belutschen von Kondoa, die von jeher nicht gerade von der besten Sorte waren, der Kamm.

Der in Afrika wohlbewährte Lieutenant Prince, welcher zur Unterdrückung von etwa in Kondoa vorkommenden Unruhen daselbst mit einer Truppe von ca. 100 Mann sich befand, hatte mit dem Geologen +Dr.+ Lieder, den er dort getroffen, die Absicht, auf die Einleitung von Friedensunterhandlungen von Seiten der Wahehe hin, nach dem Schauplatz der Zelewskischen Katastrophe abzumarschieren. Lieder hatte hinreichend Gelegenheit gehabt, die Mafitistämme im Norden wie im Süden kennen zu lernen; er wie Prince hatten das sehr richtige Gefühl, es müßten die Überreste der auf dem Kampfplatz gefallenen und verbrannten Europäer und Soldaten beerdigt werden. Sie verlangten daher von den Wahehe Stellung von Geißeln, damit sie mit ihrer Truppe die Aussicht hätten, sicher hin- und zurückzukommen, ebenso Stellung von Begleitmannschaften.

Die Herren wurden jedoch durch einen Befehl des Gouverneurs, der durch die Missionare zu verhandeln wünschte, an der Ausführung ihrer Absicht gehindert. Die Verhandlungen, welche der Gouverneur mit den Wahehe dann durch die Missionare angeknüpft hat, sind jetzt als gescheitert und wir als die Getäuschten zu betrachten. Es wird zwar angegeben, der Oberhäuptling der Wahehe wünsche ehrlich Frieden mit uns Deutschen zu halten, doch besteht das Faktum, daß er die geraubten Geschütze und Gewehre wie Munition zur Zeit noch nicht ausgeliefert hat. Es ist bei solchen Räuberstämmen, wie die Wahehe sind, überhaupt von vornherein falsch, zuviel auf Besprechungen und Betheuerungen zu geben. Die Grundlage, auf der die Herren Prince und Lieder verhandeln wollten, nämlich nach Stellung von Geißeln, war die einzig richtige. So aber ist unsere Würde bei den Verhandlungen nicht gewahrt worden, auch haben unsere braven Gefallenen in Uhehe noch kein christliches Grab erhalten!

Die Massai, die Erbfeinde der Wahehe, mit denen zuletzt der Stationschef von Mpapua, Lieutenant von Elpons, ein gutes Verhältnis erhalten hatte, baten diesen nach der Katastrophe um die Erlaubnis, nun ihrerseits über die Wahehe herfallen zu dürfen; von Elpons mußte ihnen jedoch seiner dringenden Instruktion vom Gouverneur gemäß diese Bitte abschlagen. --

Es sei gestattet, bei dieser Gelegenheit einiges über die Schwierigkeiten, die sich auf Expeditionen häufig darbieten, zu sagen. Wesentlich von Belang ist der Zweck der Expedition und das Verhältnis derselben gegenüber den Eingeborenen: ob diese die Expedition von vornherein als feindlich ansehen oder nicht. Bei den Expeditionen der Schutztruppe, soweit diese Straf-Expeditionen sind, oder zur Ausdehnung der Macht an Stellen dienen sollen, wo sich die eingeborene Bevölkerung selbständig zu halten sucht, tritt natürlich das Ziel der Expedition den Eingeborenen selbst als ein ihnen direkt feindliches vor Augen, und werden sie einer solchen Expedition nach Möglichkeit Schwierigkeiten im Vordringen entgegensetzen.

Anders ist es bei Expeditionen einfacher Reisender, die blos den Zweck haben, durch das Land zu marschieren, in demselben aber keinerlei Hoheitsrechte auszuüben. Für solche Expeditionen kann man sagen, daß je klarer den Eingeborenen das friedliche Ziel derselben vor Augen tritt, desto leichter das Vorwärtskommen der Expedition sein wird. Es kommt also oft vor, daß das Mitnehmen von einer geringen Menge von Soldaten oder überhaupt gar keiner Soldaten die Expedition ungemein erleichtert. So ist es auch erklärlich, daß Missions-Expeditionen und wissenschaftliche Expeditionen mit viel geringeren Mitteln als die Expeditionen unserer Schutztruppe ausgeführt werden können, da deren friedliche Bestrebungen im allgemeinen bekannt sind, wenngleich auch hier natürlich Ausnahmen von der Regel vorkommen. Denn auch solche Expeditionen leiden zuweilen unter der Raubsucht einzelner Häuptlinge oder deren Rachgier für irgend welche früheren Ereignisse.

Befassen wir uns hier indes nur mit den Expeditionen, wie sie von Seiten der Schutztruppe häufig nötig werden. Die Expeditionen richten sich zum Teil gegen Völkerstämme, die mit Gewehren, bei Beginn der Niederwerfung des Aufstandes sogar mit allen möglichen Hinterladergewehren und deren Munition reichlich versehen sind, zum Teil gegen Stämme, welche nur die einheimischen Waffen führen. Diese Waffen sind entweder Speere, nämlich ein großer Stoßspeer und mehrere kleine Wurfspeere, oder Bogen und Pfeile nebst Keulen, zuweilen beide Arten der Bewaffnung bei demselben Gegner, aber nie in der Hand eines Einzelnen vereinigt.

Es wird häufig angenommen, daß allein die Bewaffnung unserer Gegner mit Gewehren für uns nachteilig sei. Dies ist nicht immer der Fall, denn gerade die ausschließlich mit Speeren kämpfenden Völkerstämme sind in ganz Ostafrika unter den Eingeborenen die bei weitem gefürchtetsten. Sie verlassen sich nicht, wie die übrigen Eingeborenen, auf die Überlegenheit der Feuerwaffen, sondern ganz allein auf die Wucht ihres Angriffs und die Überlegenheit ihrer im Nahkampfe hervortretenden Persönlichkeit, wie sie auch stets durch größeren Mut vor andern Völkerstämmen ausgezeichnet sind. Auch sind gerade diese Stämme diejenigen, welche durch die Benutzung von Hinterhalten, durch Überfälle jeder Art bei Tag und bei Nacht, ihrem Gegner gefährlich zu werden suchen, und welche die größten Marsch- und sonstigen körperlichen Leistungen verrichten.

Es soll damit nicht gesagt sein, daß es unter den Gewehrkriegern nicht auch vorzüglich organisierte Scharen gäbe. Solche sind z. B. im Süden die Wahiyao Maschembas und andere, die während des Aufstandes durch die fortwährenden Kämpfe mit uns klug geworden sind und namentlich, wie früher Bana Heri mit seinen Leuten, die Ausnutzung des Terrains uns gegenüber gelernt haben. Sie haben mit der Zeit erfahren, daß sie auch in gut befestigten Stellungen uns auf die Dauer nicht zu widerstehen vermögen, sondern daß ihre Stärke uns gegenüber gerade der dichte afrikanische Busch ist. In diesem Busch liegt für uns die Hauptgefahr, wofern er nicht überall so undurchdringlich ist, daß auch unsern leichter beweglichen Gegnern die Benutzung desselben zu unserm Nachteil unmöglich gemacht wird. Auf den Märschen unserer Expeditionen können ja bekanntlich nur die schmalen Fußstege benutzt werden, von denen die hauptsächlichsten die Karawanenstraßen sind.

Das Terrain zu den Seiten dieser Wege ist je nach der Jahreszeit und der Örtlichkeit mit mehr oder weniger hohem und dichtem, trocknem oder grünem, zuweilen doppelt mannshohem Grase bewachsen, teils von dem afrikanischen Busch durchzogen, mit Mimosen und Lianen bestanden, und bietet so ein recht bedeutendes Bewegungshindernis wenigstens für uns und für unsere mit Gepäck versehenen, mit Munition, Ausrüstungs- und Montierungsstücken belasteten Soldaten.

Eine andere Art der Bewachsung, wie solche sich fast überall im nördlichen Mahenge, in Uhehe, Ugogo und im größten Teil des Hinterlandes unseres südlichen Küstengebietes befindet, besteht aus völlig undurchdringlichem Dickicht. Zuweilen sind dann selbst die schmalen Fußpfade sehr schwer, besonders von Lastträgern, zu passieren. Man muß sich ohne Gepäck entweder bücken, oder sogar kriechen, nur um überhaupt fortzukommen. Die Fußpfade schlängeln sich von rechts nach links, vorwärts und wieder rückwärts, so daß es in solchem Terrain ungeheuer schwer ist, nur die allgemeine Marschrichtung im Auge zu behalten. Hier ist eine Sicherung natürlich gänzlich ausgeschlossen; doch bietet uns da die Eigenart des Terrains selbst einen natürlichen Schutz. Von speerkämpfenden Stämmen droht uns auf dem Marsche durch solches Gebiet keine Gefahr, unter Umständen dagegen von Büchsenkämpfern. Diesen ist natürlich immer ihr Land mit allen seinen Seitenpfaden besser bekannt als uns, sie können etwaige in diesem Terrain vorhandene Blößen geschickt benutzen, wie sie dies auch thatsächlich verstanden haben. Sie setzten des öfteren durch ein plötzliches, unerwartetes Schnellfeuer die Truppe in Verwirrung und brachten ihr Verluste bei.

Auf solchen sich lang hinziehenden Märschen hat der Führer selbst wenig Gelegenheit und Möglichkeit einzugreifen, es liegt dann alles in der Hand der Unterführer, speziell der einzelnen Zugführer. Man wird dann häufig gut thun, das Feuer, wenn es kein ernstlich anhaltendes ist, ganz zu ignorieren, um nicht unnütz gegen einen unsichtbaren Feind Munition zu verschwenden; ist man indes genötigt, ein anhaltendes Feuer zu erwidern, so kann gerade in solchem Terrain auf den unregelmäßig sich dahinziehenden Pfaden die eigene Truppe durch eine abgegebene Salve stark gefährdet werden. Man wird, wie erwähnt, die Marschrichtung in vielen Fällen nicht genau kennen, und unter Umständen einen davor oder dahinter marschierenden Teil der Truppe, der sich im Holze in einer Wegekrümmung gerade in der Schußlinie befindet, durch das Schießen in Gefahr bringen. Im übrigen findet eine Sicherung auf dem Marsch unserer Expeditionen stets durch die Voraussendung einer Spitze oder mehr oder minder großen Avantgarde je nach den Verhältnissen statt. Nach vorn ist unter allen Umständen eine Sicherung möglich.

Ein weiteres bedeutendes Sicherungsmittel erblickt der Verfasser in der Mitnahme eines Maxim-Guns, vorausgesetzt, daß zur Bedienung desselben, -- welches ja für Ostafrika den entschiedenen Nachteil der Komplikation in seinem System hat, -- ein Techniker zur Verfügung steht. Wenn das Maxim-Gun ziemlich an der Tête der Kolonne, gedeckt etwa durch einen Trupp von 20 vor demselben marschierenden Leuten, getragen wird, so ist es im Augenblick zusammenzusetzen, und gestattet dann eine recht schnelle und intensive Feuerwirkung. Nach vorn hin auf dem einfachen schmalen Fußstege, wo die Entfaltung einer breiten Front unmöglich ist, ersetzt es reichlich die Feuerwirkung einer Kompagnie und vermag ebenso auch nach allen Seiten ein intensives Feuer abzugeben. Bezüglich der sonst mitzuführenden Artillerie schlägt der Verfasser 3,7 +cm+ Geschütze wegen des geringen Gewichts, der Leichtigkeit des Transportes und der genügenden Feuerwirkung vor.

Zu bedenken ist, daß bei größeren Expeditionen der Mitnahme von Patronen wegen der großen Zahl der erforderlichen Träger doch ein Maß gesetzt ist, obgleich ja unsere Soldaten je nach den Verhältnissen immerhin 100-150 Patronen, teils eingenäht in ihre Patronentaschen, teils im Tornister oder Brotbeutel bei sich tragen. Es muß einem leichtsinnigen Patronenverbrauch auf Expeditionen aufs entschiedenste vorgebeugt werden und sind die Soldaten hierin aufs Strengste zu kontrolieren. Eine Sicherung, wie sie von einer Seite vorgeschlagen worden ist: daß man in unübersichtliches coupiertes Terrain der Kontrolle halber Salven hereinschießen läßt, ist schon aus diesem Grunde ausgeschlossen.

Eine weitere Sicherung wird zwar -- außer in der erwähnten dritten, besonders coupierten und bewachsenen Art des Terrains -- möglich, aber fast immer schwierig sein, nämlich eine Sicherung durch Seitenpatrouillen. Abseits des Weges ergeben sich für die seitlich detachierten Truppen oder die Seitenpatrouillen weit bedeutendere Hindernisse, als für das den Weg benutzende Gros. Man kommt daher, wenn die Seiten-Detachements oder -Patrouillen nicht seitlich hinter der Truppe zurückbleiben und somit ganz ihren Zweck verfehlen sollen, in die Notwendigkeit, das Marschtempo der Truppe bedeutend zu verkürzen. Hierdurch verzögert sich der Marsch einer Expedition sehr erheblich, das Seitendetachement wird stark ermüdet, der Marsch von Expeditionen, die sonst die Dauer einiger Wochen in Anspruch nehmen, erfordert eine unendlich längere Zeit für ihre Durchführung, und kosten die Expeditionen demgemäß viel mehr Geld und Anstrengung. Es ergiebt sich hieraus als praktisch, diese Seitensicherung in solchem Terrain nur dann eintreten zu lassen, wenn sie unbedingt nötig erscheint. Da unsere Expeditionen sich übrigens häufig durch Gegenden bewegen, wo man absolut vor Überfällen sicher ist, wäre es eine Zeit- und Geldvergeudung, mit solchen komplizierten Sicherheitsmaßregeln zu marschieren.

Natürlich ist, besonders in Feindesland und in unsicheren Gegenden, jeder sich seiner Verantwortung bewußte Führer verpflichtet, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln anzuwenden. Beurteilen zu können, wo und wann diese Vorsichtsmaßregeln nötig sind, muß unbedingt vom Führer einer Expedition verlangt werden. Er wird auch stets dazu in der Lage sein, namentlich wenn er es versteht, sich geeignete Vertrauensleute zu halten, welche Fühlung mit den Bewohnern der von ihm durchzogenen Gebiete haben. Hat der Führer solche Leute zur Hand, und das muß er haben, so hat er durch sie eine ganz wesentliche Garantie für die Sicherheit des Marsches.

Eine ebenfalls große Sicherheit bieten irreguläre Truppen aus den Eingeborenen selbst, welche die Expedition begleiten. Solche werden bei den ostafrikanischen Verhältnissen, speziell bei der zwischen den einzelnen Stämmen bestehenden Feindschaft, in der Regel zu haben sein. Sie sind besonders gut am Tage zum Aufklärungs-und Patrouillendienst jeder Art zu verwenden, auch zu detachieren, und kommen hervorragend gegen die Mafiti in Betracht, welche besonders, wie schon erwähnt, durch ihre ungeheure Elastizität, große Beweglichkeit und ihre Marschleistungen uns gefährlich werden. Die Mafiti sind, soweit dem Verfasser bekannt ist, in Ostafrika die einzigen Krieger, welche das leicht bewachsene Terrain seitwärts der Wege ohne Rücksicht auf diese in ~breiter~ Kolonne, häufig im Laufschritt, durchschreiten und so in der Lage sind, plötzlich und mit großer Wucht in Frontbreite aufzutreten. Beim Bivouak kann eine große Zahl Irregulärer dadurch wesentlich zur Sicherung unseres kostbaren Soldatenmaterials beitragen, daß man um das in der Regel im Kreise oder sonst in einer dem Terrain angepaßten Form errichtete Lager der eigentlichen regulären Expeditionstruppen in weiterem Umkreise die irregulären ein Lager beziehen läßt, gewissermaßen als dichte nächste Postenkette; dieses Lager wird wiederum in noch weiterem Umkreise durch mehr oder weniger dichte Vorposten der Truppe gesichert.

Das Alarmieren bei Nacht wird selbstverständlich für solche Zwecke besonders eingeübt. Ein Feuergefecht aus dem Lager heraus zur Nachtzeit ist indes, soweit angängig, zu vermeiden und namentlich nicht auf das Schießen ~einzelner~ Gegner, die keinen oder wenig Schaden anrichten, allgemein aufzunehmen.

Für eine marschierende Truppe liegt ferner ein großer Nachteil in der Unzuverlässigkeit der angenommenen Träger, die häufig ihre Lasten wegwerfen und durch Flucht Unordnung und Bestürzung in die Expedition bringen. Bei der Notwendigkeit, häufiger Expeditionen zu unternehmen, würde die Ausbildung ordentlicher bewaffneter Trägerkolonnen, die auch zugleich als Arbeiter auf den Stationen dienen könnten, nützlich sein.