Part 13
Schon vor dieser Zeit hatte von Pangani aus, wo um die englische Missionsstation Magila herum eine große Ansammlung von Rebellen stattgefunden hatte, der dortige Stations-Chef +Dr+. Schmidt einen siegreichen Vorstoß unternommen. Nachdem er sich durch Kundschafter über die örtlichen Verhältnisse genau informiert, hatte er mit 100 Mann das Rebellenlager, welches nach den Angaben der Eingeborenen 1000 Mann in sich bergen sollte, durch einen überraschenden Bajonettangriff genommen und die Gegner mit einem Verlust von 30 Toten geworfen, während diesseits nur Verwundungen zu verzeichnen waren. Dieser Erfolg wirkte bestimmend auf die Bewohner des Hinterlandes von Pangani ein, die von nun an ihren Vorteil darin sahen, zur Station zu halten. Auch Simbodja, der durch die Gefangennahme des +Dr+. Meyer und Baumann bekannte, mächtige Häuptling im Hinterlande von Pangani, hatte seine Absicht kund gegeben, sich dem Reichskommissar zu unterwerfen.
Buschiri war durch den Erfolg Gravenreuths bei Jombo vollkommen isoliert worden. Die Mafiti, welche bis dahin fest an einen Sieg Buschiris geglaubt und nun seinetwegen so starke Verluste erlitten hatten, außerdem ihren beim Einfall in Usaramo gemachten Raub nicht einmal hatten in Sicherheit bringen können, waren seine Feinde geworden und er mußte versuchen, sich ihrer Rache zu entziehen.
Buschiri wandte sich zunächst nordwärts und hielt sich in Nguru versteckt. Während dieser Zeit gelang es uns nicht, irgend welche sicheren Nachrichten über seinen Aufenthalt zu erhalten. Es wurde bereits die Befürchtung laut, es könne ihm gelungen sein, unter Umgehung von Mpapua nach Tabora durchzukommen, um hier den Widerstand der Araber gegen uns zu organisieren. Da plötzlich traf in Pangani die Nachricht ein, Buschiri wolle sich mit Bana Heri und dem Häuptling Simbodja verbinden und mit diesen die Station Pangani angreifen. Diese Nachricht wurde durch den uns freundlich gesinnten Häuptling Mohammed Soa dahin berichtigt, daß Buschiri sich in Muenda an der Grenze von Nguru mit den noch bei ihm gebliebenen Arabern und 50 Eingeborenen in einem Lager verschanzt, und daß er zu Simbodja Boten gesandt habe, um diesen zu einem gemeinsamen Vorstoß gegen die Küste zu überreden. Der Stationschef von Pangani, dessen Thätigkeit die überaus schnelle und günstige Entwickelung der Verhältnisse um Pangani insbesondere zuzuschreiben ist, erkannte, daß, wenn Buschiri im Hinterlande einen Stützpunkt für seine Pläne fände, die größte Gefahr vorhanden sei, daß alles bisher Erreichte mit einem Schlage wieder vernichtet würde.
Um dieser Gefahr vorzubeugen, setzte +Dr+. Schmidt ein Expeditionskorps aus der Stationsbesatzung zusammen und brach mit diesem am 2. Dezember in Eilmärschen von Pangani auf, um Buschiri den Weg nach Masinde zum Häuptling Simbodja zu verlegen. Nach zwei Gewaltmärschen kam die Expedition im Dorfe des Häuptlings Masiro an, welcher Buschiri mit Lebensmitteln unterstützt und ihm einen Esel geschenkt hatte. Das Dorf wurde zerstört und der Weitermarsch nach Muenda fortgesetzt. Kurz vor diesem Platz machte Schmidt Halt, erteilte dem Lieutenant Ramsay den Befehl mit einem Teil des Expeditionskorps das Lager nach Westen hin zu umgehen und von der Westseite aus dann gegen dasselbe vorzudringen, während er sich selbst mit dem Gros des Expeditionskorps an der Ostseite hielt.
Der Angriff wurde für Mitternacht festgesetzt. Niemand sollte außer im äußersten Notfall einen Schuß abgeben, jeder Lärm, jedes Geräusch sollte vermieden werden, um die Überrumpelung möglichst vollständig zu machen. +Dr.+ Schmidt drang mit den Askaris von der Ostseite ein. Diese hatten den Befehl, sofort auf die durch Ortskundige gezeigte Hütte Buschiris vorzudringen und diesen hierin festzunehmen. Aber ein planloses Schießen der Askaris warnte den Rebellenführer und gab ihm abermals Gelegenheit, noch im letzten Momente zu entkommen. Ohne die von +Dr.+ Schmidt aufs strengste verbotene Schießerei wäre der Coup vollkommen gelungen und Buschiri schon damals in unsere Hände gefallen. Von den eindringenden Truppen wurden die Leute im Lager, soweit sie nicht im letzten Augenblick noch entflohen waren, niedergemacht, und es zeigte sich am nächsten Morgen, daß der Feind 28 Tote, darunter viele Araber auf dem Platze gelassen hatte. Von unserer Seite wurde ein Zulu und zwei Suaheli leicht verwundet.
Tags darauf zog +Dr.+ Schmidt nach Manamgato, einem Orte in der Nähe von Muenda, wohin Buschiri geflüchtet und wo er von den Eingeborenen erschlagen sein sollte. Bei der Rekognoszierung der Leiche stellte es sich indes heraus, daß es nicht Buschiri, sondern einer der andern, in seiner Begleitung befindlich gewesenen Araber war. +Dr.+ Schmidt ging sodann mit zwei Kompagnieen nach Makororo zurück, um von hier aus weitere Nachforschungen anzustellen. Bereits vorher hatte Schmidt in der ganzen Umgegend bekannt gemacht, daß es verboten sei, Buschiri aufzunehmen, daß derjenige, welcher dies dennoch thäte, von ihm als Rebell behandelt würde, wer ihn dagegen festnehme, solle reichlich belohnt werden.
Am 7. Dezember traf denn auch die Nachricht von Jumbe Magaya ein, daß Buschiri zu Quamkoro an der Grenze von Nguru gefangen genommen sei. In zweitägigem Parforcemarsch ging es nun nach Quamkoro. Der Jumbe kam der Expedition schon entgegen und führte dann +Dr.+ Schmidt und die Offiziere der Expedition sofort nach der Hütte, in der Buschiri gefangen lag. Bei der Flucht aus der Boma von Muenda hatte Buschiri alles verloren und blos sich selbst, nur mit einem Lendentuch bekleidet, gerettet. In diesem Zustande fand man ihn in der dunklen Hütte vor, Hände und Füße mit schweren Eisenketten gefesselt, den Hals in eine Sklavengabel eingezwängt. Die herbeikommenden Askaris, welche mehrfach gegen Buschiri gefochten hatten, erkannten ihn sofort, und +Dr.+ Schmidt unterhielt sich mit Buschiri, der bereitwillig über alles Auskunft erteilte und seiner Verwunderung über das plötzliche Erscheinen der Deutschen hier an der Grenze von Nguru Ausdruck gab.
Der Marsch nach der Küste wurde am nächsten Morgen angetreten und hierbei selbstverständlich Buschiri sowohl auf dem Marsche wie im Lager auf das sorgfältigste stets von Europäern bewacht. Für den Marsch wurde ihm ein Esel als Reittier gegeben, zu beiden Seiten gingen Soldaten; in der Nacht schlief Buschiri im Zelte des Führers der Expedition, in welchem sich gleichzeitig die Lagerwache mit einem Europäer befand.
In Pangani wurde +Dr.+ Schmidt mit dem Expeditionskorps natürlich auf das freudigste begrüßt und allseitig zu seinem nicht zu unterschätzenden Erfolge beglückwünscht.
Dieser Erfolg war dadurch nicht geringer geworden, daß die Eingeborenen schließlich Buschiri selbst ausgeliefert hatten; Schmidt hatte es eben verstanden, die Bevölkerung so für sich zu gewinnen, daß sie endlich gegen den früher so mächtigen Rebellenführer Partei nahm.
Da Schmidt schon während des Marsches durch Eilboten Nachricht nach der Küste und von da an den Reichskommissar gesandt hatte, kam Wißmann tags nach der Ankunft des Expeditionskorps in Pangani an und begab sich sofort in das Gefängnis zu Buschiri. Der Rebellenführer antwortete auf die Fragen des Reichskommissars völlig unbefangen und gab alle Auskunft über die gegen uns gelieferten Gefechte sowohl wie über die Organisation des Aufstandes gegen die ostafrikanische Gesellschaft und die Absichten, welche er selbst (Buschiri) hierbei verfolgt hatte. Eine längstgehegte Vermutung unsererseits erhielt durch Buschiris Angaben Betätigung, nämlich, daß er vom Sultan von Sansibar zum Vorgehen gegen die Deutschen ermutigt, ja daß ihm von demselben sogar angeboten worden sei, er solle nach gutem Erfolge zum Vezir der Küste gemacht werden. Belege für die Wahrheit dieser Aussage konnte Buschiri indes nicht beibringen. In Verlegenheit geriet er, als ihm seine großen Schandthaten vorgehalten wurden, besonders sein Verhalten gegen den in den ersten Kapiteln erwähnten Handwerker Dunia, dem er seiner Zeit die beiden Hände abhacken ließ. Trotz allem glaubte Buschiri fest, daß er vom Reichskommissar begnadigt werden würde; er hatte sogar gebeten, ihn als Offizier in die Schutztruppe einzustellen, und versprochen, er würde dann ebenso wacker für uns kämpfen, als er früher gegen uns gefochten hätte.
Nach dem langen Verhör im Gefängnis durch den Reichskommissar bat Buschiri bei Eintritt der Abenddämmerung, als es Zeit wurde zum mohammedanischen Sechsuhrgebete, ihn allein zu lassen, damit er den Vorschriften seiner Religion gerecht werden könnte.
Am folgenden Tage wurde ihm sein Todesurteil bekannt gemacht, das er, obgleich es ihm unerwartet kam, doch gefaßt entgegennahm. Die Hinrichtung war auf den 15. Dezember, nachmittags 4 Uhr angesetzt. Dicht bei der Station in Pangani war auf einem freien Platz ein Galgen hergerichtet worden; um ihn herum nahmen die Truppen Aufstellung. Nach der Ankunft des Kommandanten mit seinem Stabe wurde Buschiri aus dem Gefängnis vorgeführt. Die feste Haltung, welche er bis dahin bewahrt hatte, verließ ihn hier vollständig. Als das Todesurteil durch den Adjutanten +Dr.+ Bumiller verlesen war, und eben der Kopf des Verurteilten durch die Schlinge gesteckt werden sollte, verlangte Buschiri nochmals den Reichskommissar zu sprechen: er habe noch sehr wichtige Enthüllungen zu machen. Diese Enthüllungen bestanden nur darin, daß er alle seine Schuld auf seinen treuesten Anhänger, den bereits öfter erwähnten Komorenser Jehasi, abwälzen wollte. Insbesondere behauptete er, Jehasi sei es gewesen, der mit Makanda zusammen die Mafiti geholt und zum Vorgehen gegen die Küste bewogen habe. Buschiri glaubte hierdurch sein Leben zu retten, erreichte jedoch nur, daß er, nachdem er namentlich bei Beginn des Aufstandes und in vielen Kämpfen Zeichen seiner Bravour und seines Organisationstalentes gegeben hatte, nun angesichts des Todes als Feigling der Verachtung anheimfiel.
Viel gefaßter zeigten sich die meisten anderen zum Tode durch den Strang verurteilten gläubigen Mohammedaner. Verfasser selbst hat die meisten, nachdem sie den Kopf freiwillig in die Schlinge gesteckt hatten, noch die Worte sagen hören: »Ich sterbe als guter Mohammedaner!«
Daß gegen Buschiri keine Gnade geübt wurde, war natürlich. Der ganze Aufstand hatte sich an seinen Namen geknüpft; solange er lebte, lag immer die Gefahr nahe, daß sich auf ihn die Hoffnungen der Unzufriedenen richten und in ihm eine Unterstützung finden würden. Seine Begnadigung wäre zudem ohne den geringsten Wert für uns gewesen; denn eine Macht hatte Buschiri nur nach seinem ersten ephemeren Erfolge im Aufstand gehabt; als der Erfolg sich von ihm abwandte, war er ebenso einflußlos wie früher. Die großen Araber ließen ihn fallen und nur besitzloses Gesindel scharte sich um ihn. Seine Angaben, daß er gute Verbindungen zu den Aufständischen von Kilwa und zu Bana Heri hätte, und daß er daher dem Reichskommissar von großem Nutzen sein könne, waren erlogen. So lag kein Grund für den Reichskommissar vor, dem Rebellenführer die wohlverdiente Strafe zu erlassen.
Im Lager Buschiris waren noch die Bagamoyo-Jumbes Bomboma, Malela und Pori mit 30 Männern und 200 Weibern und Kindern gefangen genommen und auf ihren Wunsch vom Reichskommissar von Pangani nach Bagamoyo geschickt worden. Von den Gefangenen wurden nach stattgehabter Untersuchung drei, nämlich Bomboma, Malela, weil sie sich bis zuletzt erbittert und verstockt gegen uns gezeigt hatten, und endlich derjenige Mann unter den Anhängern Buschiris, der, wie jetzt festgestellt wurde, im April dem Handwerker Dunia die Hände im Lager Buschiris abgeschlagen hatte, zum Tode durch den Strang verurteilt und am Galgen bei der Station Bagamoyo aufgeknüpft. --
Inzwischen hatte auch Herr von Gravenreuth auf seiner bereits erwähnten Expedition, unterstützt von Leuten, welche ihm der bereits früher erwähnte Häuptling Kingo von Morogro gestellt hatte, im Innern auf Buschiri gefahndet. Gravenreuth nahm den Aussagen der Kundschafter zufolge an, daß Buschiri weiter im Innern von Usegua und Nguru sich aufhalte. Einige Dörfer, die zu Buschiri und Bana Heri gehalten hatten, wurden bestraft. Im übrigen hatte Gravenreuth die französischen Missionsstationen Tununguo, Morogro und Mhonda besucht und überall, sei es durch strafendes Einschreiten, sei es durch friedliches Schauri für die Stärkung unseres Ansehens im Innern gewirkt.
Auch auf allen andern Küstenstationen entwickelten sich die Verhältnisse in durchaus befriedigender Weise. In Tanga war es dem Stationschef Krenzler gelungen, durch einen friedlichen Zug bis zur englischen Missionsstation Magila die Ruhe vollkommen zu sichern, und er hatte den Küstenplatz Tangata besetzt. In Pangani, wo nebenher die Stationsarbeiten gut vorgeschritten waren und ihrer Vollendung entgegengingen, bewiesen die eben erwähnten Ereignisse und die Stimmung der Eingeborenen, welche sich ja schließlich selbst gegen die Rebellen wandten, am besten die dort gemachten Fortschritte. Der im Bezirk von Daressalam noch unsichere Küstenplatz Kisiju wurde von Chef Leue und Lieutenant Johannes genommen und ein berüchtigter Araber gefangen, der in Daressalam aufgehängt wurde. An Stelle des in Mpapua verstorbenen Lieutenant v. Medem wurde im Januar 1890 der Chef v. Bülow als Stationschef nach Mpapua geschickt.
In der zweiten Hälfte des Dezember 1889 drangen Nachrichten über weitere Rüstungen Bana Heris im Hinterlande von Sadani und Mkwadja zu unsern Ohren. Wißmann, der um diese Zeit des Pascha wegen öfters nach Bagamoyo kam, erteilte mir den Auftrag, ein Expeditionskorps aus den in Bagamoyo verfügbaren Kräften und einem Teil der in Pangani befindlichen Expeditionstruppen zusammenzustellen und mit diesem eine Rekognoszierung im Hinterlande von Sadani und Mkwadja zu unternehmen, wenn möglich Bana Heri zu schlagen und nach Süden abzudrängen. Es standen mir zur Verfügung an Offizieren die Herren Chef v. Bülow, Lieutenant Johannes, Lieutenant Fischer und Deckoffizier Illich; ferner eine Anzahl deutscher Unteroffiziere und 250 Soldaten. Ein Teil wurde unter Bülows Führung von Bagamoyo nach Mkwadja gebracht, der andere von mir in Pangani, wohin ich mich am 24. Dezember begab, in der Weihnachtsnacht eingeschifft und am Vormittag des 25. Dezember ebenfalls in Mkwadja gelandet.
Am Nachmittag desselben Tages trat ich mit meiner vollzählig versammelten und mit Patronen, sonst aber nur mit dem allernotwendigsten Proviant (Zelte, Feldbetten, Reittiere u. s. w. wurden nicht mitgenommen) versehenen Expedition den Vormarsch nach Westen an. Die Zusammensetzung war folgende: Suaheli-Askari unter Deckoffizier Illich, eine Zulu-Kompagnie unter Chef v. Bülow, dazu Lieutenant Fischer, die kombinierte Sudanesen- und Zulu-Kompagnie unter Lieutenant Johannes, das Maxim-Gun unter Feldwebel Schulte. Während des größten Teils der Nacht wurde marschiert, in der Absicht überall möglichst unverhofft zu erscheinen. Diese Absicht wurde jedoch vereitelt, denn die Leute Bana Heris hatten durch Kundschafter schon von unserer Landung in Mkwadja erfahren und erwarteten uns. Sie warfen sich uns immer in kleinen Trupps entgegen, belästigten uns in unsern Lagern und Ruheplätzen bei Tage und bei Nacht, wurden aber überall in die Flucht gejagt. Immerhin gewannen sie auf diese Weise ganz genaue Kenntnis von unsern Bewegungen.
Am 26. Dezember nachmittags wurde Lieutenant Fischer von einem so schweren Sonnenstich betroffen, daß er von uns eigentlich schon aufgegeben wurde. Nur der aufopfernden Pflege des sehr verdienten Lazarettgehülfen Grucza gelang es, ihn durchzubringen, so daß er, wenn auch in bewußtlosem Zustande, mit uns einige Tage später an der Küste ankam und von dort nach Sansibar überführt werden konnte. Wir machten inzwischen mehrere Gefangene und zwangen diese, uns Führerdienste zu leisten, wobei sie wiederholt den vergeblichen Versuch machten, uns irre zu führen. Das wurde erst anders, als wir ihnen etwas unsanft bedeuteten, sie möchten im eigenen Interesse nicht mehr vom rechten Wege zur Boma Bana Heris, die wir als Ziel im Auge hatten, abweichen. Sie behaupteten indessen alle, eine solche Boma gebe es überhaupt nicht, Bana Heris Leute seien alle zerstreut.
Als ich, nachdem ich von der ursprünglich westlichen Richtung nach Süden abgebogen war, am späten Nachmittag des 27. Dezember mit der Tête der Expedition auf den Höhen nördlich von Mlembule eintraf, erhielten wir plötzlich heftiges Feuer, und zwar wie wir aus dem Pfeifen der Kugeln hörten, zum größten Teil aus Hinterladern (fast alles Snider-Gewehre) von sämtlichen die Höhe umgebenden Waldlisieren. Ich ließ die bei mir befindliche Abteilung, die Askari unter Illich, das Feuer gegen die Rebellen sofort eröffnen, und das Maxim-Gun, das gleich dahinter folgte, durch den Feldwebel Schulte in Thätigkeit setzen. Auch die Abteilungen unter Bülow und Johannes entwickelten sich, sobald sie herangekommen waren, und es gelang bald, die westlichen und südlichen Lisieren zu säubern, wobei die Rebellen sehr erhebliche Verluste erlitten.
Schon begann ich zu glauben, die Mitteilung unserer gefangenen Führer, die Leute Bana Heris seien im Gelände überall zerstreut und hätten ihre Hauptmacht nicht in einer befestigten Stellung versammelt, sei richtig, da die Rebellen sich uns in dem allerdings sehr coupierten, aber doch nicht befestigten Terrain mit Feuerwaffen entgegenstellten. Ich sandte Herrn von Bülow mit 50 Mann zur Verfolgung der in hellen Haufen fliehenden Feinde nach Süden, und Lieutenant Johannes nach Westen. Ich selbst setzte mit den übrigen Soldaten der Kompagnie von Bülow, den Askaris und dem Maxim-Gun das Feuer gegen die im Osten und Südosten noch standhaltenden Gegner fort. Als ich endlich auch diese in ungeregelter Flucht in der Richtung auf Sadani zu davoneilen sah, wollte ich eben die Verfolgung dahin aufnehmen nachdem ich den übrigen Abteilungen sowie der hinter uns befindlichen, von den Sudanesen gestellten Bedeckung für den bewußtlosen Lieutenant Fischer und dem Gepäck unter Führung eines Europäers Sadani als Sammelpunkt angegeben. Da eilte plötzlich ein ganzer Haufen Zulus von der Bülowschen Kompagnie aus der gegenüberliegenden Lisiere heraus. Außerdem kam ein Mann mit einer schriftlichen Meldung von Herrn von Bülow, seine Abteilung habe sich plötzlich bei der Verfolgung der Fliehenden vor einer starken Buschboma befunden; er habe sofort durch die noch offene Thür hineinstürmen wollen, habe aber heftiges Feuer erhalten und dabei den Sergeanten Ludwig und vier Zulus verloren. Die andern Zulus seien, durch diesen plötzlichen Verlust und das heftige Feuer entmutigt, feige geflohen; er allein mit acht Zulus halte noch vor der Boma.
Da Lieutenant Johannes mit seiner Abteilung weiter westlich noch mit der Säuberung des Geländes beschäftigt war, waren nur disponibel die Askari, 50 Zulus und das Maxim-Gun; mit diesen eilte ich sofort an die Stelle, wo die Boma sein sollte, Herrn von Bülow zu Hilfe. Dieser hatte inzwischen unter dem heftigsten feindlichen Feuer auf seinen Schultern den gefallenen Sergeanten Ludwig bis etwa 50 Schritt von der Boma zurückgetragen.
Angesteckt von der Mutlosigkeit und Verzagtheit ihrer Kameraden waren auch meine eigenen Zulus durchaus nicht vorzubringen, ja nicht einmal zum Ausschwärmen in gerader Linie zu bewegen. Das Feuer des Maxim-Gun und unsere Salven schienen ohne jede Wirkung auf die Boma zu sein, obgleich wir, Bülow, Illich, Schulte mit dem Geschütz und ich nur etwa 25 Schritt von den Pallisaden entfernt standen, deren Thür inzwischen wieder verbarrikadiert war. Das ununterbrochene Schnellfeuer aus der Boma heraus auf uns, die wir ganz ungedeckt auf dem schmalen zur Boma führenden Pfade standen, hatte trotz der lächerlich geringen Entfernung minimale Wirkung, da die Kugeln alle viel zu hoch gingen. Der Eintritt der Dämmerung, bis zu der wir vor der Boma feuernd gestanden hatten, -- d. h. wir Offiziere und Unteroffiziere und die Suaheli Askari, während die Zulus weiter hinten vorsichtig gedeckt lagen --, sowie auch unsere Verluste machten unsern schleunigen Abmarsch in freieres Terrain nötig. Glücklicherweise traf bald die Abteilung Johannes ein; dieselbe erhielt, da sie am meisten intakt und ohne Verluste war, auch zur Hälfte aus den aufs Beste bewährten Sudanesen bestand, den Befehl, den Rückzug zu decken. Die Arrieregarde aus den Sudanesen schlug die Rebellen, welche das Gelände geschickt benutzend auf uns noch feuerten, zurück, und war so trotz der unter den Zulus, dem Hauptkontingent meiner Truppe, eingerissenen Panik ein durchaus geordneter Rückzug ermöglicht. Weiter östlich in freierem Terrain blieben wir dann vollkommen unbehelligt und setzten unsern Marsch über Sadani nach Mkwadja fort, das wir am Nachmittage erreichten. Hier erfüllten wir die traurige Pflicht, dem braven Sergeanten Ludwig die letzten militärischen Ehren zu erweisen. Außer ihm waren auf unserer Seite noch neun Mann gefallen, ebensoviel waren außerdem verwundet. Die Verluste der Rebellen betrugen nach ihrer eigenen späteren Angabe ungefähr 50 Tote und eine Masse Verwundeter.
War das Gefecht auch ein unglückliches gewesen, so war doch ein Zweck meiner Expedition erreicht, nämlich die Stellung Bana Heris zu rekognoszieren, welche bisher noch von keiner unserer Expeditionen berührt worden war. Bald fand sich eine Fahrgelegenheit nach Sansibar, mit der ich Lieutenant Johannes absandte, um Major Wißmann Bericht zu erstatten und den Lieutenant Fischer ins Lazarett überzuführen. In seinem Bericht an den Reichskanzler über dieses erste Gefecht bei Mlembule sagt der Reichskommissar unter anderm:
»Wenn dieses Gefecht als für uns ungünstig verlaufen hingestellt werden muß, so kann man der Truppe, die einen Kranken und einen toten Weißen und neun verwundete Soldaten aus dem Gefecht trug und sich bei Dunkelheit geordnet zunächst zur Küste hinab und am nächsten Tage nach Mkwadja zurückzog, in Berücksichtigung ihres erst kurzen Bestehens Anerkennung nicht versagen. Sobald ich Meldung über oben berichtetes Gefecht erhielt, traf ich Maßregeln zum nachhaltigen Angriff auf Bana Heri.«
Wißmann zog alsbald alle disponibeln Truppen vor Sadani zusammen und es kam zu uns S. M. S. »Sperber«, um uns mit den intakten Truppen von Mkwadja an Bord zu nehmen und auf die Rhede nach Sadani zu bringen. Die Truppen wurden gelandet, ohne daß die Rebellen uns zu hindern oder auch nur zu stören versucht hätten. Wißmann suchte sogleich einen Platz für die sich als notwendig erweisende Station aus, und wir befestigten daselbst zunächst das von den gesamten Truppen bezogene Lager in provisorischer Weise. Im Ganzen hatten wir 500 Soldaten zur Verfügung, 40 Europäer und fünf Geschütze (ein Maxim-Gun, zwei 4,7 +cm+ und zwei 6 +cm+ Geschütze). Die Leute wurden in zwei Bataillone eingeteilt, das eine bestehend aus einer Sudanesen- und drei Zulu-Kompagnien unter Chef von Zelewski, das andere unter meinem Kommando, zusammengesetzt aus zwei Sudanesen-Kompagnien und den vereinigten Suaheli-Askari. Die Tage bis zum 3. Januar 1890 wurden dazu benutzt, die Truppen ordentlich einzuexerzieren und in die Hand ihrer zum Teil neuen Führer zu arbeiten. Besondere Mühe wurde natürlich nach den Erfahrungen bei Mlembule auf die Zulus verwendet.
Eine von mir mit Lieutenant Johannes und 80 Mann unternommene Rekognoszierung konstatierte, daß die Rebellen uns in der bewußten Buschboma erwarteten. Der 4. Januar war vom Reichskommissar zum Angriff bestimmt worden. Die Marschordnung war folgende: 1) 2. Bataillon unter meinem Kommando, 2) Artillerie unter Chef Krenzler, 3) 1. Bataillon unter von Zelewski.
Um 4 Uhr morgens brachen wir von Sadani auf, und kurz nach 6 Uhr trafen wir in Mlembule ein. Mit einem Bajonettangriff nahm ich zunächst eine unterhalb der Bana Heri'schen Buschboma gelegene ehemalige Befestigung ein, deren Palissaden die Aufständischen niedergerissen hatten, damit wir bei unserm Angriff hier nicht einen Stützpunkt und Deckung fänden. Um diese trefflich gelegene Position, von der aus einzelne Teile der Boma bequem zu sehen waren, entwickelte Wißmann seine Truppen. Unmittelbar bei jener Befestigung marschierte ich mit meinem Bataillon auf, rechts davon die Artillerie und Zelewski. Wir erhielten heftiges Feuer, wieder meist aus Hinterladergewehren, aus der etwa 400 +m+ entfernten Boma und hatten auch gleich einige Verwundete. Es folgte ein 3-1/2stündiges Feuergefecht, teils Zugsalven, teils Einzelfeuer der Europäer; letzteres besonders, wenn es darauf ankam, bei der Boma auftauchende feindliche Trupps wirksam zu beschießen; endlich Feuer der Artillerie, die sich zunächst mit Granaten einschoß und dann Shrapnels aus den 6 +cm+ Geschützen aufsetzte, welche gute Sprengpunkte erzielten. Nichtsdestoweniger hielten die Aufständischen in der Boma aus; allerdings wurde nach 2-1/2 Stunden ihr Feuer etwas schwächer. Es war wie wir später erfuhren, auf den Abzug einer Waniamuesikarawane zurückzuführen, welche Bana Heri auf dem Sadani-Wege abgefangen und zu seiner Unterstützung mit Gewalt gezwungen hatte. Ein Teil der feindlichen Wasegua umging, gedeckt durch das Dickicht, welches unsern linken Flügel und die Boma deckte, unsere Stellung, so daß wir plötzlich von hinten Feuer erhielten. Wir brachten dieses aber mit einigen Salven sofort zum Schweigen. Das Feuer aus der Boma war immer noch heftig genug. In einzelnen Pausen hörten wir, wie es auch damals bei meinem ersten Angriff der Fall gewesen war, einen Vorbeter in der Boma zu Allah rufen, und die Menge von Zeit zu Zeit einfallen mit dem bekannten +Allah Allah ill Allah+.
Noch nie war uns während des Aufstandes ein solcher Fanatismus entgegengetreten. Bana Heri hatte es wohl verstanden, ihn zu schüren, und die Leute so zum Kampfeseifer gegen uns anzuspornen. Nach 3-1/2stündigem Feuer, als uns die Munition bereits knapp zu werden anfing, wurde die Sudanesen-Kompagnie des Zelewskischen Bataillons unter Führung des Lieutenants End nach links detachiert, um einen Weg, der nach der Boma führte, und den besten Angriffspunkt zu rekognoszieren. Der Süden und Südosten schien am wenigsten befestigt zu sein, während der Westen, wo wir das erste Mal angriffen, die stärkste Seite der Boma bildete. Als von der ersten Kompagnie die Meldung geschickt wurde, daß von der linken Flanke ein Weg nach der Boma führe, sandte mich der Major dahin, um nach Hinzutritt der Kompagnie End zu meinem Bataillon mit diesem den Sturm zu unternehmen. Bis zu meinem Eintreffen an der Boma, das ich möglichst gedeckt bewerkstelligen sollte, wollte er das gesamte Feuer der Artillerie und des Zelewskischen Bataillons gegen die Gegner richten, um sie noch im letzten Augenblick, soviel als möglich, zu erschüttern, und uns so den Sturm zu erleichtern. In dem Moment, wo ich an die Boma so nahe herangekommen wäre, daß ich mit dem Bajonett vorzugehen beabsichtigte, sollte ich durch dreimaliges Schwenken der vorangetragenen Fahne ihm ein Zeichen geben, daß das Feuer einzustellen sei. Wenn der Sturm gelungen sei, sollte ich die deutsche Flagge an den Palissaden aufpflanzen.