Chapter 10 of 24 · 3909 words · ~20 min read

Part 10

Hätten wir das eingenommene Geld wenigstens an ein Kloster oder an den Papst abgeschickt, dann wäre es ja auch nicht so schlimm gewesen und ich hätte Hoffnung, daß mir vergeben würde. Aber wir verbrauchten das Geld für uns, und ich war sehr bedacht darauf, daß ich auch meine richtigen Prozente und Tantiemen bekam. Aber ich war keineswegs ein Betrüger, ich war nur ein Opfer des Aberglaubens, meines Aberglaubens. Denn die guten Leute glaubten mir, die waren nicht abergläubisch.

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So war es ganz natürlich, daß, als ich gefragt wurde, ob ich Arbeit haben wollte, ich ja sagte. Ich war innerlich gezwungen, ja zu sagen, und ich konnte diesem Zwange nicht entweichen. Ich bin sicher, daß ich bleich wurde vor Todesangst, auf diesen Eimer zu müssen.

„A. B.?“ fragte der Mann.

Glück zu, da war die Rettung. Die brauchten einen A. B., und ich war kein A. B. Ich hütete mich weislich, nun zu sagen: „Plain“, denn im Notfalle kann ein Deckarbeiter auch am Rade stehen, besonders wenn das Wetter ruhig ist und keine großen Kursveränderungen sind.

Deshalb antwortete ich: „Nosser, no A. B. Black gang. Schwarze Bande.“

„Fein!“ schrie der Mann herunter. „Das ist ja, was wir brauchen. Mach hurtig voran. Hopp auf.“

Nun wurde mir alles klar. Sie nahmen, was sie kriegten, und woher sie es kriegten, weil sie um soundsoviele Mann zu kurz waren. Ich hätte sagen können: Koch, oder ich hätte rufen können: Zimmermann oder Boss’n, sie würden immer gerufen haben: „Hopp auf!“ Da war etwas nicht in Ordnung. Verflucht, sollte sie doch ein –, nein, trotz aller verdächtigen Begleitumstände, die Yorikke schien doch kein Totenschiff zu sein.

Ich mußte die letzten Karten spielen.

„Where ’re ye bound? Wohin geht ihr raus?“

„Wo wollen Sie hin?“

Die sind geeicht. Da ist kein Entrinnen. Ich kann rufen Südpol, ja, ich kann rufen Genf, sie werden mir, ohne zu zucken, entgegenrufen: „Da gehen wir hin.“

Aber ich wußte ein Land, wo der Eimer nicht wagen dürfte, hinzugehen, das war England. Deshalb sagte ich: „England.“

„Mann, was für ein Glück haben Sie!“ schrie die Stimme. „Wir haben Ladung, Stückgut für Liverpool. Sie können da abmustern.“

Da hatten sie sich verraten. Das einzige Land, wo ich nicht abmustern konnte und auch kein andrer Seemann, der nicht auf einem englischen Boot fuhr, das war England. Aber dieser Antwort Liverpool konnte ich nicht ausweichen. Ich konnte ihnen doch nicht beweisen, daß sie schwindeln.

Es scheint so lächerlich zu sein. Es konnte mich natürlich niemand zwingen, anzuzeichnen für irgendein Boot, auf keinen Fall, solange ich hier auf festem Boden stand und nicht unter der Gerichtsbarkeit und Gesetzesgewalt des Skippers. Aber das ist ja immer so: wenn man sich zu wohl und zu glücklich fühlt, dann möchte man es noch besser haben, läge dieses Besser-haben-Wollen auch nur darin versteckt, daß man sich nach einem Landschaftswechsel sehnt und eine stille ewige Hoffnung pflegt und nährt, daß jeder Wechsel zu Besserem führen müsse. Ich glaube, seit Adam sich im Paradiese langweilte, ist es der Fluch der Menschen, sich nie vollkommen glücklich zu fühlen und immer auf der Jagd nach einem größern Glück zu sein. Wenn ich an England denke mit seinem ewigen Nebel, seiner ewigen naßkalten Witterung, seiner Fremdenhetzerei, seines ewig stupid lächelnden Kronprinzen, dem die Maske angefroren ist, und es vergleiche mit diesem freien, sonnigen Lande und seinen freundlichen Bewohnern und mir nun vorstelle, daß ich alles dies zurücklassen soll, so ist mir aber doch in der Tat zum Sterben zumute.

Aber da war das Schicksal. Ich hatte ja gesagt, ich hatte nun als guter Seemann, der zu seinem Wort steht, anzuzeichnen für den Eimer, und wenn er direkt auf den Meeresboden führe; mit diesem Boot, das ich ausgelacht, laut und heulend ausgelacht hatte, als ich es zum ersten Male gesehen, und das zu fahren ich nicht gedacht hatte, auch wenn ich den letzten Atemzug dadurch hätte aufhalten können. Nicht mit diesem Schiff und nicht mit dieser Mannschaft. Yorikke rächte sich dafür, daß ich sie ausgelacht hatte. Aber es geschah mir im Grunde ganz recht, warum war ich hier hinuntergegangen und hatte mich von ausfahrenden Schiffen sehen lassen. Da soll man mit der Nase wegbleiben, ausfahrende Eimer gehen einen gar nichts an, wenn es nicht der eigne ist, man soll sie in Ruhe lassen und nicht hinter ihnen herspucken wollen. Das ist immer Pech. Das können die nicht vertragen.

Ein Seemann soll nicht von Fischen träumen, und er soll nicht an Fische denken, das ist nicht gut. Und ich war hierhergegangen und wollte sogar welche fangen. Jeder Fisch oder seine Mutter hat schon an einem ertrunkenen Seemann genascht, darum soll sich ein Seemann vor Fischen hüten. Wenn ein Seemann Fische essen will, soll er sie sich von einem ordentlichen Fischersmann kaufen. Fische fangen ist dessen Geschäft, dem tun sie nichts; wenn der von Fischen träumt, bedeutet es Geld.

Ich schoß die letzte Frage, die möglich war: „Was wird gezahlt?“

„Englisch Geld.“

„Wie ist das Essen?“

„Reichlich.“

Nun war ich umzingelt. Nicht eine schmale Ritze blieb offen. Es gab für mein Gewissen auch nicht eine einzige Entschuldigung, mein Yes zurückzunehmen.

Sie warfen ein Tau rüber, ich fing das Tau auf, schwang mich mit voran gestreckten Füßen gegen die Bordwand, und während sie von Deck aus das Tau einholten, stieg ich an der Wand empor und sprang oben über die Verschanzung.

Als ich nun auf dem Deck stand, kam Yorikke merkwürdig rasch in volle Fahrt, und während ich das versinkende Spanien mit meinen Augen liebkoste, hatte ich das Gefühl, daß ich jetzt durch jenes große Tor geschritten war, über dem die schicksalsschweren Worte stehen:

Wer hier eingeht, Dess’ Nam’ und Sein ist ausgelöscht, Er ist verweht!

ZWEITES BUCH

INSCHRIFT ÜBER DEM MANNSCHAFTSQUARTIER DES TOTENSCHIFFES

WER HIER EINGEHT, DESS’ NAM’ UND SEIN IST AUSGELÖSCHT. ER IST VERWEHT VON IHM IST NICHT EIN HAUCH ERHALTEN IN DER WEITEN, WEITEN WELT. ER KANN ZURÜCK NICHT GEHN, NICHT VORWÄRTSSCHREITEN, DA, WO ER STEHT, IST ER GEBANNT. IHN KENNT NICHT GOTT UND KEINE HÖLLE. ER IST NICHT TAG, ER IST NICHT NACHT. ER IST DAS NICHTS, DAS NIE, DAS NIMMER. ER IST ZU GROSS FÜR DIE UNENDLICHKEIT UND IST ZU WINZIG FÜR DAS SANDKÖRNLEIN, DAS SEINE ZIELE HAT IM WELTENALL. ER IST DAS NIEGEWESEN UND DAS NIEGEDACHT!

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Nun betrachtete ich mir die Haifischjäger in der Nähe. Der Eindruck, den ich von draußen gewonnen hatte, wurde keineswegs besser. Er wurde nicht einmal schlimmer, sondern er wurde einfach vernichtend. Ich hatte ursprünglich geglaubt, daß einige der Leute Neger und einige Araber wären. Aber jetzt erkannte ich, daß sie nur unter Kohlenstaub und Dreck so aussahen. Der Deckarbeiter steht ja nun auf keinem Schiff, die russischen Bolschewistenschiffe vielleicht ausgenommen, in der gleichen menschlichen Rangstufe mit dem Skipper. Wo sollte das aber auch hinführen? Man könnte die beiden ja eines schönen Tages miteinander verwechseln und herausfinden, daß der Deckarbeiter ein ebenso intelligenter Mensch ist wie der Skipper. Zuweilen wäre das sogar noch nicht einmal ein Beweis, daß der Deckarbeiter überhaupt Intelligenz besitzt.

Hier gab es zweifellos sogar noch unter den Deckarbeitern Rangstufen. Da waren Deckarbeiter ersten Grades, Deckarbeiter zweiter, dritter und vierter Ordnung. Jene beiden Taschendiebe, die da standen, schienen Deckarbeiter fünften Grades zu sein. Ich weiß nicht, welches augenblicklich die unzivilisierteste Menschenrasse ist. Das wechselt ja mit jedem Jahre, je nachdem, wie wertvoll oder wie wertlos, für andre, das Land ist, wo diese Menschenrasse lebt. Aber diese beiden Deckarbeiter würden bei jener unzivilisierten Rasse wohl noch nicht einmal gebraucht werden können, um Kokosnüsse aufzuschlagen. So viele Deckarbeiter, daß jeder Grad seinen rechtmäßigen Vertreter hier haben konnte, hatte man für die Yorikke nicht auftreiben können. Infolgedessen waren die Deckarbeiter des ersten, des zweiten, des dritten und des vierten Grades nicht vertreten, nur zwei des fünften und drei des sechsten Grades. Die Vertreter des fünften Grades habe ich geschildert, die des sechsten kann ich nicht beschreiben, da ich sie mit nichts vergleichen kann, was sich sonst auf Erden findet. Sie waren durchaus Original, und ich muß mich damit begnügen, zu sagen, sie waren würdig vertreten, und man glaubte es ihnen ohne Legitimation, daß sie der sechsten Ordnung angehörten.

„Gauten Tahk!“ Der Anführer der Taschendiebe und der Jahrmarktsbetrüger – halt, ich wollte sagen: der Anführer der Taschendiebe und der Roßtäuscher kam auf mich zu. „Ich bing da zwiehte Inkscheneer. Disser hier, was miehn Nachtbur ist, disser iehst da Dunkymänn.“ Das war ein Englisch! – Ich muß es wohl zukünftig mehr in eine besser lesbare Sprache übersetzen, um es verständlich zu machen. Er wollte mir mitteilen, daß er der Zweite Ingenieur und damit mein direkter Vorgesetzter sei, seit ich zur Schwarzen Bande gehörte, und daß sein Nachbar, der an seiner Seite stand, der Donkeyman sei, also mein Unteroffizier.

„Und ich,“ stellte ich mich nun selbst vor, „ich bin der Generaldirektor der Kompanie, die diesen Eimer besitzt, und ich bin an Bord gekommen, um euch Burschen ordentlich Beine zu machen.“

Denn wenn die beiden glaubten, sie könnten mich aufziehen, dann müssen sie sich schon einen andern suchen, nicht gerade einen, der schon als Küchenjunge fuhr, als seine Altersgenossen noch das Abc lernten. Mit solcher Vanille müßt ihr mir nun nicht kommen, dann haben wir den rechten Ton gleich von der ersten Wache an und werden nicht viel gewürzte Schokolade miteinander trinken.

Aber er hatte nicht begriffen, was ich gesagt hatte; denn er sprach weiter: „Gehen Sie zum Quartier und suchen Sie sich Ihre Bunk.“

Ja, da fallen mir aber doch die Holzschindeln vom Dach, der wird doch nicht etwa im Ernst geredet haben und ist tatsächlich der Zweite Ingenieur und mein Vorgesetzter, dieser ausgebrochene Galeerensträfling? Als hätte mich jemand mit einer Keule über den Schädel gehauen, so torkelte ich nun zum Forecastle, zum Quartier.

Ein paar Mann lagen faul in ihrer Bunk. Als ich hereinkam, sahen sie mich schläfrig an, ohne irgendein Interesse oder irgendein Erstaunen zu zeigen. Solche unerwarteten Auffrischungen der Mannschaft schienen zu oft vorzukommen, als daß sie wert gewesen wären, sie zu beachten. Ich habe später einmal gehört, daß in einem Dutzend Häfen, die Yorikke gelegentlich anzulaufen pflegte, immer zwei oder drei Mann am Ufer lagen, die aus diesem oder jenem Grunde kein andres Schiff kriegen konnten oder unbedingt fort mußten, weil die Kaie zu heiß wurden, und nun täglich beteten: „O Herr der Schiffe und Heerscharen, laß’ die gute alte Yorikke hereinkommen!“ Denn auf der Yorikke fehlten immer zwei oder drei Mann, und ich bin sicher, daß die Yorikke noch nie in ihrem urlangen Leben jemals mit voller Mannschaft gefahren ist. Man sagte der Yorikke auch sonst noch etwas Häßliches nach. Es wurde behauptet, ihr Skipper sei schon viele, viele Male zu den Galgen gegangen und habe die Gehenkten untersucht, ob nicht noch ein Fünkchen Leben in ihnen zurückgeblieben sei und sie noch so viel Atem hätten, um ein Ja zu flüstern und angemustert zu werden für die Yorikke. Diese Nachrede ist häßlich, das weiß ich, aber sie ist nicht aus der Luft gegriffen und keiner Katze aus dem Ohrläppchen gesaugt. Ich fragte nach einer leeren Bunk. Einer der Leute deutete mit dem Kopfe nach einer oberen Schachtel. Ich fragte, ob auch niemand drin verreckt sei. Der Mann nickte und sagte dann: „Die untere Kommode ist auch frei.“

So nahm ich die untere. Der Mann verlor jegliches Interesse an mir und meinem Tun.

In der Bunk war keine Matratze, kein Strohsack, kein Kissen, keine Decke, kein Bettuch. Nichts. Nur das nackte wurmstichige Holz. Und sogar an dem Holze hatte man jeden Millimeter gespart, der nur gerade noch abzusparen war, damit man den Koffer für menschliche Gebeine noch Bunk nennen könne und nicht etwa einen Schirmkoffer. In jedem der beiden Bunks, die meinem gegenüber lagen, der eine oben der andre unten, lagen Lumpen und zerrissene alte Säcke. Das waren die Matratzen für die Mannschaften, die jetzt auf Wache waren oder auf dem Deck herumlungerten. Als Kissen hatten sie altes Tauwerk. Daß man auf altem Tauwerk schlafen könnte, mußte also doch keine Sage aus fernen Zeiten sein. In der Bunk, die über der meinen lag, in der also einer kürzlich verreckt war, vielleicht gestern erst, lagen keine Lumpen. Wenn ich auf meiner Bunk saß, so konnte ich die gegenüberliegende Bunk erreichen, ohne daß ich die Beine hätte lang ausstrecken brauchen. Ich stieß bereits mit den Knien an, während ich hier saß. Der Schiffsbauer war ein guter Rechner gewesen. Er hatte ausgerechnet, daß auf einem Schiff immer ein Drittel oder manchmal gar die Hälfte der Mannschaft auf Wache ist in der Zeit, wo die Bunks im Gebrauch sind. Aber es traf sich, daß wir drei Mann, die wir in diesem Abteil wohnten, alle dieselbe Wache hatten, so daß wir alle zu gleicher Zeit uns hier in diesem Raum, der zwischen den Bunks kaum einen halben Meter breit war, aus- und ankleiden mußten. Dieses Gewimmel von sich bewegenden Armen, Beinen, Köpfen und Schultern wurde noch unübersichtlicher, als in einem Nachbarquartier ein Mann mit seiner Bunk herunterbrach und die gebrauchen mußte, wo der eine verreckt war. Wie sich das ja immer so fügt, so war es auch hier; der neue Quartierbewohner gehörte mit zu unsrer Wache, und nun waren die Einzelheiten des Gewimmels beim An- und Auskleiden überhaupt nicht mehr zu unterscheiden. Wenn es gar zu arg durcheinanderging, so daß die Schiffsglocke schon die Wache ausrief, dann schrie der eine oder der andre plötzlich ein brüllendes Halt! aus, bei dem nach stillem Übereinkommen jeder von uns still hielt für die Dauer einer Sekunde. Dieses Halt! durfte nicht unnützlich geführt werden, sondern nur dann, wenn einer in höchster Not war, daß er seinen linken Arm verloren hatte oder sein rechtes Bein sich mit dem linken Bein eines der andern Insassen so vertauscht hatte, daß man ohne dieses Halt! nie herausgefunden hätte, daß der Martin mit dem rechten Bein des Bertrand auf Wache ging, während Bertrand erst bei Tagesanbruch merkte, daß er die ganze Wache hindurch mit der rechten Hand des Martin und mit der linken des Henrik das Ruderrad gequirlt hatte, während ich die Hände Bertrands verdreckte und überhaupt nicht wußte, wer meine abnutzt.

Ernstere Folgen hatte es schon, wenn im trüben Halbschlummer der rußenden Quartierlampe Bertrand mit seinem rechten Bein in das linke Bein seiner eignen Hose stieg, während er mit seinem linken Bein voll angezogen im rechten Bein der Hose Henriks steckte. Manchmal kostete es zwei halbe Hosen, manchmal kostete es nach allen Seiten herumfliegende Püffe, manchmal eine eingebrochene Bunk oder eine durchstoßene Tür. Immer aber kostete es eine ganze Freiwache Streitens und Zankens, um festzustellen, wer zuerst in das falsche Hosenbein gestiegen sei, wodurch der Unschuldige gezwungen wurde, sich rasch nach einem freien Hosenbein umzusehen, damit er nicht etwa mit einem unbekleideten Beine auf die Wache zu gehen gezwungen war. Es ist in der Tat zweimal vorgekommen, daß ein Hosenbein im Quartier zurückblieb, das beidemal von seinem rechtmäßigen Besitzer erst vermißt wurde als der Morgen aufkam. Es wäre ja vielleicht gegangen, wenn man sich geeinigt hätte. Aber wer sollte denn der Ausgestoßene sein, der eine Minute früher aufzustehen verdammt wurde? Beim Aufstehen begann ja gleich der wütende Streit darüber, daß eine halbe Stunde zu früh geweckt worden sei, wodurch gleich alle in die nötige Stimmung versetzt wurden, um jede Einigungsverhandlung auszuschließen und im Keime zu ersticken. Dieses Streiten und Wüten und Androhen, daß man der Wache das Zufrühwecken schon anstreichen wolle, erreichte seinen Höhepunkt gerade immer dann, wenn die Schiffsglocke die Wache aufrief. Dann paarte sich die Wut mit Nervosität, daß man nicht fertig würde, und gleich mit einem Anranzer die Wache beginnen müsse, weil der Hund wieder einmal zu spät geweckt habe, was er aus reinem Schabernack täte, wenn man an und für sich schon mit dem Zweiten nicht gut steht.

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Elektrisches Licht hatte die Yorikke nicht; sie wußte offenbar in ihrer Unschuld auch gar nicht einmal, daß es so etwas gäbe. Das Quartier war erleuchtet von einer Petroleumlampe. Man muß diesen Leuchtapparat schon so nennen. Es war ein verbeulter Blechbehälter mit einer Kranzverschraubung, die aus Eisenblech war, die man aber durch betrügerische Mittel so behandelt hatte, daß man glauben sollte, sie sei aus reinem Messing. Vielleicht hat es eine Zeit gegeben, wo dieser Betrug aufrechterhalten werden konnte. Aber weil jedes Kind weiß, daß Messing nicht rostet und von jenem Messingkranz nur noch Rost übriggeblieben war, der durch eine lange Gewohnheit in der Form eines Zylinderkranzes zusammenhielt, so war der Betrug herausgekommen, freilich zu einer Zeit, als die Lampe nicht mehr umgetauscht werden konnte, weil die Garantie abgelaufen war. Die Lampe hatte auch einmal einen Zylinder gehabt. Der winzige Rest dieses Zylinders konnte allein nur dadurch als Überbleibsel eines brauchbaren Lampenzylinders zweifelsfrei festgestellt werden, weil zuweilen die Frage durch das Quartier schwirrte: „Wer ist denn heute dran, den Zylinder zu putzen?“ Es war nie jemand dran, und es ging auch nie jemand dran. Diese Frage wurde auch nur aus alter Gewohnheit gestellt, um uns in dem Glauben zu lassen, wir besäßen einen Lampenzylinder. Ich habe nie jemand gesehen, der so viel Mut besessen hätte, „dran“ zu gehen. Er wäre nicht mehr davongekommen. Eine leise direkte Berührung des Zylinders hätte ihn in Staub zerfallen lassen, der Missetäter wäre dafür verantwortlich gewesen, man hätte ihm den Zylinder von der Heuer abgezogen, und auf diesem Wege hätte die Kompanie einen neuen Zylinder bekommen. Das Schiff noch lange nicht. Irgendwo hätte sich schon ein Glasscherben gefunden, der durch die Frage: „Wer ist denn heute dran?“ die Form eines Zylinders bekommen hätte. Die Lampe selbst war eine der Lampen, die jene sieben Jungfrauen getragen hatten, als sie auf der Hut waren. Unter solchen Umständen durfte man nicht gut erwarten, daß sie ein Seemannsquartier auch nur notdürftig erleuchten konnte. Der Docht war auch noch derselbe, den eine Jungfrau aus ihrem wollenen Unterrock geschnitten hatte. Das Öl, das wir für die Lampe faßten, und das aus betrügerischen Gründen Petroleum, manchmal sogar Diamantöl genannt wurde, war schon ranzig, als die Jungfrauen Öl auf ihre Lampen gossen. In der Zwischenzeit war es nicht besser geworden. Bei dem traulichen, zu traulichen Schein dieser Lampe, die laut Vorschrift die ganze Nacht hindurch im Quartier zu brennen hatte und die erstickend schlechte Luft noch mehr verdickte, weil sie nie brannte, sondern stets nur schmökte, sich an- und auszukleiden, entweder müde zum Zusammenbrechen oder völlig schlaftrunken durch ein handfestes Aufgerissenwerden, hätte in diesem engen Raum zu größeren Katastrophen geführt als ich zu erzählen für gut befunden habe, wenn nicht in den meisten Fällen abschwächende Umstände vorhanden gewesen wären. Es werden ja selten Dinge auf die äußerste Spitze getrieben. Um die Wahrheit zu gestehen, in den meisten Fällen wurde weder ausgekleidet, noch angekleidet. Nicht etwa, daß wir nichts zum An- und Auskleiden gehabt hätten. Das war es nicht. Etwas war schon immer noch vorhanden, daß wir wenigstens den guten Willen zeigen konnten. Aber was dann, wenn man weder eine Matratze, noch eine Decke, noch sonst etwa etwas Ähnliches hat?

Als ich ankam, hatte ich in der Erinnerung an normale Boote gefragt:

„Wo ist denn die Matratze für meine Bunk?“

„Wird hier nicht geliefert.“

„Kissen?“

„Wird hier nicht geliefert.“

„Decke?“

„Wird hier nicht geliefert.“

Mich wunderte nur, daß die Kompanie überhaupt das Schiff lieferte, das wir zu fahren hatten; und ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn man mir gesagt hätte, das Schiff muß jeder selber mitbringen. Ich war an Bord gekommen mit einem Hut, einer Jacke, einer Hose, einem Hemd und einem Paar – als sie noch neu waren, hatten sie Stiefel geheißen. Heute konnte man sie nicht gut so nennen, man würde es mir nicht geglaubt haben. Da waren aber andre an Bord, die nicht so reich waren. Einer hatte überhaupt keine Jacke, ein andrer überhaupt kein Hemd und ein Dritter hatte keine Schuhe, sondern eine Art Mokassins, die er sich aus alten Säcken, Kistendeckeln und Tauwerk gemacht hatte. Später erfuhr ich, daß die, die am wenigsten hatten, beim Skipper am höchsten angesehen wurden. Sonst ist es gewöhnlich andersherum. Aber hier, je weniger jemand hatte, desto weniger unternahm er das Wagnis, auszusteigen und die gute Yorikke ihrem Schicksal zu überlassen.

Meine Bunk war an der Korridorwand befestigt. Die gegenüberliegenden Bunks waren an einer Holzwand befestigt, die das Quartier in zwei Kammern teilte. An der andern Seite dieser Holzwand waren gleichfalls zwei Bunks und diesen beiden Bunks gegenüber an der äußeren Bordwand waren abermals zwei Bunks. Dadurch war es möglich gemacht worden, daß dieses Quartier, das für vier ausgewachsene Menschen schon reichlich knapp war, nun acht Leuten zum ständigen Wohnaufenthalt zu dienen hatte. Jene Holzwand, die das Quartier in zwei Kammern teilte, war aber nicht durch das ganze Quartier gezogen, weil sonst die Leute, die in der äußeren, der Bordwandkammer lagen, zur Seitenluke hätten herauskriechen müssen, die aber auch nicht groß genug war, daß sich jemand hätte hindurchzwängen können. Diese Wand war also nur in zwei Drittel Länge mitten durch den Raum gezogen, und da, wo diese Wand aufhörte, begann der Meßraum, der Speisesalon. Laut Vorschrift muß der Meßraum von den Schlafkammern getrennt sein. Das war hier vollkommen geglückt. Alle drei Räume waren derselbe Raum, durch die Wand aber war dieser Raum in drei Räume geteilt, wo eben nur die Türen immer offen waren. So hatte man sich das zu denken, denn die Kammern hatten keine besondere Tür, das Quartier hatte eine gemeinschaftliche Tür, die in den Korridor führte. In jenem Meßraum stand der rohe Eßtisch, und an jeder Längsseite des Tisches war eine rohe Bank. In einer Ecke, neben dem Eßtisch, stand ein alter verbeulter Blecheimer, der immer leckte. Er war Wascheimer, Badewanne, Scheuereimer alles in einer Gestalt. Außerdem diente er noch andern Zwecken, darunter auch solchen, um schwerbesoffene Seeleute um einige Kilo zu erleichtern, in den Fällen, wo der Eimer rechtzeitig erreicht wurde. Wurde er zu spät erreicht, wachte gewöhnlich ein Unbeteiligter in seiner Bunk auf, weil er von einem Wolkenbruch heimgesucht worden war, der alles mögliche in die Bunk gebracht hatte, das auf und unter der Erde erzeugt wird, mit der einzigen Ausnahme: Wasser. Wasser war nicht dabei, bei diesem Wolkenbruch, no, Sir.

Da waren vier Kleiderspinde in diesem Quartier. Wäre es nicht der verrotteten Lumpen und alten Säcke wegen gewesen, die darin hingen, so hätte man die Spinde leer nennen können. Acht Mann lagen in diesem Quartier, aber es waren nur vier Spinde drin. Vier Spinde zuviel, denn wenn man nichts zum Reinhängen hat, braucht man auch kein Spind. Das war ja auch der Grund, weshalb nur vier vorhanden waren. Es war von vornherein ausgemacht, daß fünfzig Prozent der Mannschaft, die auf der Yorikke fahren, nichts haben, das sich lohnen möchte, in einem Spinde aufbewahrt zu werden. Türen hatten die vier Spinde nicht mehr, woraus zu schließen war, daß hundert Prozent der Mannschaft keine Spinde benötigten.

Die Bullaugen waren auffallend klein und trübe. Die Frage, wer sie zu putzen hatte, tauchte zuweilen auf, aber niemand beantwortete sie mit „ich“, und wenn sie einer mit „Sie“ oder mit „du“ beantwortete, so wurde das unter Wutausbrüchen bestritten, bis man sich auf „er“ einigte. Wer immer auch dieser Er sein mochte: wenn er genannt wurde, war er auf Wache, konnte also an der Abstimmung dieser Frage nicht teilnehmen und hätte jetzt übrigens auch gar keine Zeit gehabt, sich um ungeputzte Bullaugen zu kümmern. Das Putzen des einen kam ja sowieso nicht in Frage, weil das Glas ausgebrochen und die leere Stelle mit Zeitungspapier verklebt worden war.

Das war der Grund, weshalb selbst bei hellem Sonnenschein das Quartier in mysteriöse Dämmerung gehüllt war. Die beiden Bullaugen, die zum Deck hinausführten, durften bei Nacht nicht geöffnet werden, weil das Lampenlicht des Quartiers die Wache auf der Brücke störte. Deshalb stand in dem Quartier die Luft still wie festgerammt, weil kein Durchzug war.