Chapter 16 of 24 · 3956 words · ~20 min read

Part 16

„Das hast du ja wenigstens schon klar. Aber die rennen doch so einen Eimer nicht runter ohne Musik. Das bilde dir nur ja nicht ein. Die Yorikke ist geliefert. Der Totenschein liegt schon bei der Kompanie, die brauchen bloß noch das Datum reinschreiben. Na, und siehst du, Mensch, wenn man schon auf der letzten Violinsaite spielt, dann ist doch alles Kick und Kaktus. Die Yorikke kann alles machen, was sie will, sie ist verzweifelt, sie steht auf der Totenliste. Die kann alles riskieren, verstehst du? Guck mal da rauf, auf den Laternenkorb. Da hängt der Boss’n mit der Prismatüte und guckt raus, ob die Luft dicht ist. Dann kannst du aber mal die Yorikke loskartoffeln sehen, Mensch, die olle ausgeleierte Schachtel macht dir in der ersten Viertelstunde einen Satz, daß dir himmelangst wird, bei dem Dampfdruck. Entweder ruff in den Mond oder raus mit fünfunddreißig Meilen. Da sollst du mal die Yorikke sehen. Nach einer halben Stunde pfeift und keucht sie aus allen Knopplöchern und hat für vier Wochen Asthma. Aber sie ist raus. Und das ist die Hauptsache. Jetzt muß ich aber runter. Ich komme gleich wieder, wenn ich ein paar geschippt habe. Dann muß ich wieder abknöppen gehen.“

Wir fuhren gewöhnlich hundertfünfzig, auch hundertfünfundfünfzig Druck, wenn die Yorikke gegen schweres Wetter zu kämpfen hatte. Hundertsechzig war ihre „Achtung!“, hundertfünfundsechzig „Warnung!“, hundertsiebzig „Gefahr!“. Hier blies sie ab mit markdurchdringendem Geheule. Um ihr das Heulen auszutreiben, waren jetzt die Tränendrüsen zugeschraubt. Wenn sie Lust hatte, konnte sie nach innen in sich hineinweinen, ihr grausames Schicksal beweinen und mit Trauer zurückdenken an jene Zeit, wo auch sie ein ehrliches rotbäckiges Jungferlein war. Sie hatte alle Stadien eines abenteuerlichen Weibes durchgemacht in ihrem langen, reichen Leben. Sie war auf glänzenden Bällen gewesen, wo sie die Königin des Festes war und umworben wurde von den schönsten Herren. Sie hatte sich mehrfach verheiratet, war ihren Männern durchgebrannt, war in üblen Hotels gefunden worden, war dreißigmal geschieden worden, hatte von neuem Glück gehabt und war in die Gesellschaft wieder aufgenommen worden, hatte wieder Dummheiten gemacht, sich eine Zeitlang dem Suff ergeben und schottischen Whisky nach Norwegen und nach den Krabbenlöchern an der Küste des States Maine geschmuggelt, und nun war sie endlich Kuppelmutter, Testamentsschleicherin, Giftmischerin und Engelmacherin geworden. So tief kann eine Frau sinken, die aus bester Familie kam und, versehen mit ausgezeichneter Erziehung und mit seidenen Röckchen und Fähnchen ins Leben zog. Aber das Unglück vieler schöner Frauen ist, daß sie nicht zur rechten Zeit zu sterben verstehen ...

Die Ladeluken wurden geöffnet und es wurde in den Eingeweiden der Yorikke emsig herumgewühlt.

Die Feluken waren nahe gekommen, und zwei machten längsseit fest. Sie waren von marokkanischen Fischern bemannt. Die kamen wie die Katzen an Bord. Die Lademasten wurden ausgeholt und fingen kreischend an zu arbeiten. Drei Marokkaner, die wie Fischer gekleidet waren, jedoch sonst den Fischern nicht glichen, klug und intelligent aussahen, gingen mit dem Zweiten Offizier zur Kabine des Skippers. Der Offizier kam wieder heraus und überwachte das Verladen. Der Erste stand auf der Brücke und hatte die Augen überall, am Horizont, auf dem Wasser, auf dem Schiff. Vorn in seinem Gurt hatte er einen schweren Browning stecken.

„Alles dicht, Boss’n?“ schrie er rauf zum Mast.

„Alles dicht, aye, aye, Sir.“

„All right! Keep on!“

Die Kisten schwangen lustig durch die Luft und runter in die Feluken. Dort waren andre Marokkaner mit flinken Händen tätig, die Kisten unter den Ladungen von Fischen und Früchten zu verstauen. War eine Feluke geladen, so machte sie los und stieß ab. Sofort kam eine andre herbeigerudert, machte fest und nahm die Ladung ein.

Jede Feluke, die ihre Ladung hatte, stieß ab, heißte die Segel und flog davon. Jede segelte in eine andre Richtung. Einzelne in die Richtung, wo auf keinen Fall Land liegen konnte, es wäre denn, daß sie nach Amerika hätten segeln wollen.

Der Zweite Offizier hatte einen Block mit eingeschobenem Kohlenpapier und einen Bleistift. Er zählte die Kisten. Dann rief ihm einer der Marokkaner, der als Lademeister zu arbeiten schien, eine Zahl zu, der Offizier antwortete die gleiche Zahl zurück und schrieb sie dann auf. Auch der Lademeister schrieb auf einem Stück Papier mit. Die Zahlen wurden in Englisch gerufen.

Endlich wurden keine Kisten mehr heraufgezogen und die Luken geschlossen. Die letzte Feluke, die Ladung genommen hatte, war schon weit fort. Die ersten konnte man nicht mehr sehen. Sie waren hinter dem Horizont verschwunden oder vom Dunst verschluckt. Die andern sah man in verschiedenen Richtungen wie kleine Stückchen weißen Papiers herumschwimmen.

Eine weitere Feluke, die letzte, die hier sichtbar war, hatte festgemacht. Sie hatte keine Ladung eingenommen. Sie hatte nur ihre Fischladung.

Die drei Marokkaner, die mit dem Skipper in der Kabine gewesen waren, kamen jetzt mit ihm heraus. Sie lachten und schwätzten miteinander. Dann verabschiedeten sich die drei mit großen schönen Gesten ihrer Arme und Hände, kletterten am Fallstieg hinunter, stiegen in ihr Schifflein, stießen ab, heißten die Segel, der Fallstieg wurde hochgezogen, die Ankerkette rasselte, und Yorikke war auf voller Fahrt.

Nach zehn Minuten etwa kam der Skipper raus und rauf zum Deck:

„Wo steht sie?“

„Sechs ab von der Küste.“

„Bravo. Dann sind wir ja raus?“

„Yes, Sir!“

„Kommen Sie frühstücken. Wir wollen einen heben. Geben Sie dem Ruder den Kurs und kommen Sie.“

Damit war der Spuk vorbei.

Aber der Spuk hatte etwas zurückgelassen. Wir alle bekamen großes Nach-Sturm-Frühstück. Bratwürste, Schinken, Kakao, Bratkartoffeln und pro Kehle ein Wasserglas Rum, der uns in unsre Blechtassen gefüllt wurde. Dieses Nach-Sturm-Frühstück war das Maulpflaster für uns. Das Maulpflaster für den Skipper sah anders aus. Das konnte man nicht essen, man mußte es in die Brieftasche stecken.

Aber wir waren ja so zufrieden. Wir wären mit dem Skipper in die Hölle gefahren, wenn er gesagt hätte: „Los, Jungens!“ Und keine Daumenschrauben hätten aus uns herausquetschen können, was wir gesehen hatten.

Wir hatten nur gesehen, daß an der Maschine ein Lager heiß gelaufen war, daß wir uns vor Anker legen mußten, bis der Schaden wieder repariert war, und daß, während wir vor Anker lagen, Feluken ankamen, die uns Fische und Früchte hatten verkaufen wollen. Der Koch hat für zwei Mahlzeiten Fische gekauft, und die Offiziere haben sich Ananas und frische Datteln und Orangen gekauft.

Das können wir beschwören, weil es die Wahrheit ist, yes, Sir.

Einen so guten Kapitän läßt man nicht im Stich, no, Sir.

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Sobald man nicht überarbeitet wird, gleich kümmert man sich um andre Dinge und steckt seine Nase in Sachen, die einen gar nichts angehen, die einen nur auf Ideen und Gedanken bringen, die verderblich sein müssen, wenn man sie pflegt und hätschelt. Seemann, bleib bei deinem Ruder und bei deinem Farbenpott; dann bist du auch immer ein braver Seemann und ein anständiger Kerl.

Der Ingenieur hatte einen Kohlenbunker aufschrauben lassen, der nahe den Kesseln lag, weil der Bunker für Ladung gebraucht werden sollte. Jetzt konnte man die Kohlenschächte des Kesselraumes so schön und mollig auffüllen. Und als die Schächte aufgefüllt waren, der Bunker leer war und Yorikke die Ladung übernommen hatte, begann eine wollüstige Zeit. Sie dauerte nur drei Tage, dann waren die Schächte wieder leer, aber es waren doch schöne Tage, ganz unvergeßlich.

Es waren die Tage der Galeerensklaven, wenn die Segel voll sitzen und nur tote Kreuzerfahrten gemacht werden. Sie bleiben angeschmiedet, damit sie die Gewohnheit nicht verlieren; sie werden weiter gepeitscht, damit sie das Gefühl nicht verlieren und nicht an Aufruhr denken; sie müssen weiter arbeiten, damit die Muskeln nicht zu schlapp werden. Aber sie dürfen sich hin und wieder ausruhen und den Kopf auf die Riemenstangen fallen lassen, weil unter den vollen Segeln die auslegenden Riemen bremsen und nicht in Richtung wirken.

Auch die vollen Kesselschächte konnten bremsend wirken, wenn man nicht ruhte, und sie hätten den Kesselraum so verstopfen können, daß der Heizer nicht arbeiten konnte, vielleicht gar Feuer ausbrach.

Die Ladung wurde ebenfalls auf offner See eingenommen. Irgendwo an der Küste Portugals mußte es sein; denn die Bootsleute sprachen portugiesisch. Es ging ähnlich zu wie weiter südlich an den Küsten Afrikas das Ausladen.

Auch hier kamen drei Mann zuerst an Bord, die wie Fischer aussahen, jedoch keine Marokkaner waren. Auch sie gingen mit dem Skipper in dessen Kabine. Es wurde geladen, es wurden Zahlen in Englisch gerufen und in Arabisch geschrieben. Dann zogen die Boote mit ihren Fisch- und Apfelsinenladungen wieder ab, in alle Richtungen hinaus. Zuletzt stiegen auch die drei in ihr Boot und setzten ab.

Diesmal gab es kein großes Nach-Sturm-Frühstück, sondern nur Kakao und Stollenkuchen mit Rosinen. Es gab ja auch nichts zu schwören.

„Denn was soll man schwören?“ sagte Stanislaw. „Wenn da einer kommt und hebt die Luke auf und guckt rein und sieht die Kisten, was willst du da schwören? Kannst doch nicht gut schwören, es ist keine Kiste da, wenn der Mann sie in der Hand hat. Aber da kommst du auch gar nicht zum Schwören. Da sind die Kisten und fertig. Kann nur der Skipper schwören, wo er mit den Kisten hin will. Und der wird ihnen schon was schwören, da kannst du Schlacke drauf fressen.“

Jetzt hatte ich und natürlich auch Stanislaw feine Wachen. Wenn ausgeschlackt war, wurden die Aschenfälle gezogen, dann hob ich dem Kohlefall das Schürzchen hoch, und der Kesselraum lag voll, Vorrat mit eingeschlossen.

Da kroch ich in einer Wache in der Nacht mal so rum in den Eingeweiden. Manchmal findet man ganz angenehme Dinge. Nüsse, Apfelsinen, Tabakblätter, Zigaretten und andres. Manchmal muß man die Kisten aufmachen und sehen, ob neue Hemden drin sind oder Stiefel oder Seife. Moral wird einem ja nur darum gelehrt, damit die, die alles haben, alles behalten können und das übrige noch dazu kriegen. Moral ist die Butter für die, denen das Brot fehlt.

Man muß die Kisten nur wieder gut zumachen und darf das Hemd und die Stiefel nicht gleich anziehen. Wenn es rauchig wird, verkauft man es besser im nächsten Hafen. Nimmt jeder ab. Der Seemann ist billig. Er spart ja die Ladenmiete und kann deshalb unter Fabrikpreisen verkaufen.

Seine Ausgaben hat man auch. So leicht ist es nicht, an die Kisten zu kommen. Man muß Schlangenmensch sein. Das hatte ich ja gelernt. Jeden Tag ein paarmal Training; wenn man nachließ, spürte man es sofort an den verbrühten Armen und den verschmorten Stellen auf dem Rücken. Es hat auch seine Schwierigkeiten, in den Laderäumen rumzuwirtschaften und seine Ware zu suchen und in Empfang zu nehmen. Da rutscht so eine Kiste, ein paar andre rutschen nach und man ist gefangen in der Falle oder zu Brei zerquetscht. Licht hat man ja keins, sondern Wachszündhölzchen, damit man den Waren heimleuchten kann.

Die Yorikke fuhr keine echten Werte, sie fuhr Totenwerte. Alte Schrauben, versichert als Corned Beef. Aber diese Einladungen und Ausladungen ließen meinen Geschäftssinn nicht ruhen. Das waren keine alten Schrauben und das waren auch keine Zementfüllungen. Ich kenne die Marokkaner, die machen sich nichts aus Schrauben und gebackenem Zement. Außerdem hatte ich gesehen, daß nur ein Rettungsboot dicht war und daß die Offiziere mit dem Skipper auf Wertschätzung standen.

Die beiden Offiziere beanspruchten Boot zwei; sie durften nicht mit in Boot eins, dann wären Skipper und Offiziere erschlagen worden, weil man wußte, was los war. Ein zweites Boot mußten sie schon klarmachen. Die beiden andern Boote waren ja für den Bootsmann und die A. B.s, den Kesselbums und einen Ingenieur. Wenn der zweite Offizier mit zum Skipper in Boot eins stieg, das fiel niemand auf, aber beide Offiziere durften nicht rein. Solange also nicht Boot zwei überholt war, konnte der Yorikke nichts geschehen. Geschah ihr trotzdem etwas, dann lag der Fall treu und alles konnte in Boot eins steigen, und wer nicht Platz hatte, wurde rausgepfeffert. Da packen alle Hände zu. Dann ist es auch nicht nötig, Zeugen zu verheiligen, weil alles, was heimkommt, bester Zeuge ist, denn es war eine treue Beerdigung, an der Versicherung kann keine Maus knabbern.

Boot zwei also war für mich das Signal für die Beerdigung. Es war noch knistertrocken, also hatte auch die Yorikke noch andre, treue Werte an Bord und nicht nur reine Totenwerte. Wenn es auch Blender waren, so wollte ich doch wissen, was die Blender im Magen hatten. Wissenschaft macht sich manchmal bezahlt.

Da war ich drin im Laderaum und betrachtete mir die Kisten.

„Garantiert echtes schwäbisches Pflaumenmus“ „Garantiert reine Früchte und Zucker“ „Kein Farbenzusatz“ „Erste schwäbische Pflaumenmusfabrik A.-G.“ „Oberndorf a. N.“

Wir sind schöne Esel. Da fressen wir die Schmierseife rein, die Margarine heißt, und hier liegt das schönste schwäbische Pflaumenmus stapelweise aufgeschichtet. „O Stanislaw, ich habe dich für einen so intelligenten Burschen gehalten, aber du bist das größte Rindvieh auf Erden.“

Das war mein erster Gedanke. Stanislaw hatte immer so einen großen Mund, er tat immer so klug, er wußte immer alles, wußte immer, wohin die Yorikke ging und wohin sie nicht ging. Aber das Pflaumenmus hatte er doch nicht entdeckt.

Kisten aufmachen ist Spielerei, wenn man Übung hat. Feine große Büchsen. Das gibt ein Fressen morgen, dick drauf geschmiert auf das warme Brot. Mir lief das Wasser im Munde zusammen. Garantiert reine Früchte und Zucker. Kein Ersatz aus deutscher Rübenzeit. Reine Früchte und Zucker. Die Marokkaner wissen schon, was gut ist. Das ist besser als Datteln und Rosinen, schwäbisches Pflaumenmus aus der Ersten Pflaumenmusfabrik. Mit dem Meißel, den ich zum Aufmachen der Kiste gebraucht hatte, öffnete ich jetzt gleich eine Büchse. Ich war mit zwei Büchsen zum Bunker gekrochen, wo ich ja meine Lampe unbekümmert brennen durfte. Es konnte mir schon keiner raufkommen, weil ich das Brett, das über zwei Streben lag und das zur Bunkerluke führte, weggezogen hatte. Von den Ingenieuren wäre sowieso keiner über das Brett gegangen; denn das erforderte Mut. Besonders stark war das Brett nicht, und es war auch nicht mehr neu. Es war nicht ausgemacht, ob es heute oder morgen brach. Und wenn es brach, oder wenn man beim Drübergehen infolge eines unerwarteten Stampfers der Yorikke das Gleichgewicht verlor, so sauste man zwanzig Fuß tief runter in den Kesselraum und schlug sich auf dem Wege dahin einen Schädelbruch, wenn man Glück hatte. Wenn man Pech hatte, so war es schon ganz egal, ob man einen oder zehn Schädelbrüche hatte. Aber besser ist besser, dachte ich, und darum hatte ich das Brett weggezogen. Die Büchse war auf. Es war keine Blendung, verflucht noch mal. Es war tatsächlich garantiert reines Pflaumenmus. Offenbar hatte ich Goldstaub erwartet, weil ich so erstaunt war. Das hätte ich von der Yorikke nicht gedacht. Sie fährt treues, echtes Gut. Und ich habe das arme Weib unter Verdacht gehalten, daß sie Deklarierungen kleistert und Blender fährt. Man soll doch nie voreilig urteilen, wenn man es mit Weibern zu tun hat.

Man soll nicht voreilig urteilen, wenn man es mit –.

Schmeckt das Zeug? Schmeckt ganz gut. Schmeckt – na – na – warte mal – schmeckt etwas ranzig. Nein, schmeckt nach – nach – nach was denn zum Donnerwetter nochmal? Die haben Coppers reingetan, die Säue. Die haben Kupfermünzen rein getan, damit die Pflaumen Farbe behalten sollen. Garantiert kein Farbzusatz. Ist keine Farbe, aber schmeckt danach. Wollen doch noch mal kosten. Ja, Teufel, schmeckt nach Grünspan, direkt nach Messing. Kann ich nicht essen auf Brot. Ich werde den Geschmack nicht los. Frißt sich auf der Zunge ein und klietscht gegen den Gaumen.

Vielleicht nur oben so schlimm. Gehen wir mal tiefer mit dem Finger in die Marmelade! Was ist denn das? Da sind ja noch die ganzen Pflaumenkerne drin geblieben. Das ist ja eine Marmelade. Scheint echt schwäbisch zu sein, die Kerne alle drin zu lassen.

Na? Was ist denn das? Das sind aber merkwürdige Pflaumen, die echt schwäbischen Pflaumen. Die haben sehr mysteriöse Kerne. Die Kerne sind ja aus Blei, tatsächlich aus Blei. Und damit das Blei nicht beschädigt wird, hat es einen weißen Stahlpanzer. Und jeder Kern steckt auf einer Messinghülse. Daher der Messinggeschmack. Und in den Hülsen? Was ist denn da drin? Zucker. Feiner Zucker. Schwäbischer Zucker muß das sein. Ist schwarz und schmeckt ganz salzig. Garantiert reine Früchte und Zucker. Feine Blender. Man soll nicht voreilig urteilen, Yorikke ...

Dann ging ich auf die zweite Reise. Mausefallen. Daß die Marokkaner so wild auf Mausefallen sein sollten, glaubte ich nicht. Es waren wirklich Mausefallen in den Kisten. Als ich aber nach den Kernen suchte, fand ich Mausefallen ohne Fallen, mit einem R am Ende. Mauser.

Da waren Kisten mit Kinderspielzeug. „Blechautos mit aufziehbarem Federwerk.“ Ich suchte nicht nach den Kernen und sparte mir die Mühe, weil die Blechautos mit aufziehbarem Federwerk aus der „Ältesten Suhler Spielwarenfabrik“ kamen. Aber England war viel besser und viel gründlicher vertreten als Belgien und benachbarte Gebiete. Belgien hatte Zuckerwaren beigesteuert und England Kasserollen aus Weißblech. Die Marokkaner haben ganz recht. Spanien den Spaniern, Frankreich den Franzosen und China den Chinesen. Wir lassen keine Chinesen rein. Aber wenn die uns nicht reinlassen, dann ist unser Rot-Weiß-Blau-Hurra-Hurra-Hurra! befleckt, bedreckt, beschiet und muß mit Blutfleckseife ausgewaschen werden, yes, Sir.

He, Skipper, auf mich kannst du zählen. Du machst das Geschäft, und ich habe das Wohlgefallen.

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„Stanislaw, nun sag mal, warum frißt du denn die Margarine immer so in dich hinein? Hast du denn gar kein Schamgefühl?“

„Was willst du machen, Pippip. Erstens habe ich Hunger, und zweitens kann ich doch nicht meine Lumpen auskochen, den Saft eindicken und dann als Marmelade aufs Brot schmieren. Hab doch weiter nichts aufs Brot. Und immer das trockene Brot hinterwürgen, Mensch, du wirst ja ganz dusselig davon. Kriegst ja Betonfundamente in den Bauch.“

„Du bist schön dumm,“ sagte ich nun, „weißt du, daß wir Marmelade geladen haben?“

„Natürlich weiß ich“, sagte Stanislaw, ruhig weiter kauend.

„Warum machst du denn nicht eine Kiste dicht?“ fragte ich.

„Das ist doch keine Marmelade für uns.“

„Warum denn nicht?“

„Die ist bloß gut für Marokkaner, Spanier und Franzosen und natürlich für die Lieferanten. Aber für uns, für dich und für mich, ist das keine Marmelade. Die kannst du nicht verdauen. Die kannst du nur verdauen, wenn man sie dir in die Rippen pfeffert. Aber dann kriegst du die Lauferei, da läufst du gleich so sehr, daß du deinen Urgroßvater noch einholen und mit ihm zusammen gehen kannst.“

Der wird doch nicht etwa?

Ich platzte gleich raus: „Weißt du denn etwa schon, was da drin ist. Du hast doch nicht etwa –?“

„Nachgesehen? Für was für ein großes Kamel hältst du mich denn eigentlich? Die drei Edlen waren noch beim Skipper in der Kabine und oben wurde noch die Luke dicht gemacht, damit auch ja niemand dran kann, da hatte ich schon eine Kiste auf. Ich brauche doch nur lesen Pflaumenmus oder Marmelade oder Dänische Butter oder Corned Beef oder Ölsardinen oder Schokolade, da bin ich doch auch schon dahinter.“

„Da ist aber tatsächlich Pflaumenmus drin“, erwiderte ich.

„Es ist immer was drin. Aber das kannst du nicht essen. Das schmeckt zu sehr nach Grünspan. Stirbst an Blutvergiftung. Auf der letzten Reise, ehe du raufkamst, da hatten wir Corned Beef. Natürlich auch Blender, aber ich habe gründlich abgehäutet, das kann ich dir sagen. Das war fein. Da war nichts dran. Das war in Pergament gefettet. Manchmal hat man eben Glück. War gute amerikanische Ware. Ging nach Damaskus oder da herum.“

„Wie waren denn die Knochen?“

„Die Knochen? In Corned –? Ach so, die Knochen meinst du. Das waren K’rabben. K–rabben. Karabiner. Made in U. S. A. Feines Modell. Da hat der Skipper schwer Draht gezogen. Da gab es Kognak, Rinderbraten, Huhn und frisches Gemüse. Da mußte nicht nur das Maul, da mußten auch die Glotzen und die Riecher gepflastert werden. Ein französischer Jäger kriegte uns auf, ehe wir raus waren. Die haben geschnüffelt, mit Zigaretten und mit Franken rumgeschmissen. Aber mußten wieder abziehen und dem Skipper Verbeugungen machen.“

„Hat denn keiner für die gewinkten Franken gepfiffen?“

„Bei uns? Auf der Yorikke? Wir sind alle Dreck und haben nichts mehr zu melden. Wir sind tot. Du auch. Na, und sieh mal, jemand anders ins Portemonnaie sehen oder in den Glasschrank gucken oder Kisten aufmachen in einem Schuppen oder auf der Yorikke, dem Zweiten und dem Ersten noch dazu den Hammer an den Schädel feuern, das ist alles Ehrensache. Behältst du immer den Kopf hoch, behältst du immer deinen Murr, deinen Stolz. Aber pfeifen bei der Polizei oder der auch nur mit einem Fingernagel helfen, das ist schäbig. Da kannst du dir nicht mehr in die Augen gucken. Wenn die was wollen, laß sie doch machen. Aber du bist doch ein anständiger Kerl, da putzt man den Burschen nicht die Brillengläser. Ich will lieber auf der Yorikke und mit der Yorikke verrecken, als mit einem Polizisten tauschen.“

Wir lagen auf der Reede an der portugiesischen Küste, um Deckungsgut einzunehmen und die Yorikke zu klären. Die Yorikke war plötzlich in Verdacht gekommen. Deshalb nahm der Skipper nur echtes Gut ein und ließ sehr saubere Deklarierungen gegen die Yorikke laufen, an denen auch nicht ein Pünktchen zu deuteln war. Es war sehr billiges Gut, denn hohes vertraute der Yorikke niemand an. Wer sie kannte, nicht. Aber da gibt es ja so unendlich viel Gut, das an sich keinen besonderen Wert darstellt, aber doch gefahren werden muß und doch wieder zu gut ist, um nur als Ballast zu gehen. Den Wert bekommt dieses Gut erst, wenn es abgeliefert ist.

Nach fünf Uhr des Nachmittags hatten wir nichts mehr zu tun, und die Arbeit begann erst wieder am nächsten Morgen um sieben. Das war die Arbeitszeit, wenn wir auf Reede oder am Kai in einem Hafen lagen. Die Arbeit in diesen Fällen war meist unangenehm, aber doch nicht gar so schwer wie auf der Fahrt.

Hier war es dann, daß wir schon manchmal einige Stunden beieinander sitzen konnten, um in Ruhe zu schwätzen. Ein Schiff ist immer groß genug, daß man irgendwo sitzen kann, ohne daß man sich mit den Ellbogen stößt.

So viele Leute auf der Yorikke waren, so viele Nationen waren auch vertreten. Jede Nation hat ihre Toten, die leben und atmen, aber gegenüber der Nation doch tot für ewig sind. Manche Staaten haben ganz offen ihre Totenschiffe. Diese Totenschiffe nennt man dann Fremdenlegion. Wer sie überlebt, kann vielleicht ein neues Leben damit erkauft haben. Er hat einen neuen Namen erworben, der ihm bestätigt wird, und er hat einen neuen Platz in einer Nation gefunden, als wäre er als Säugling eben hineingeboren.

Alle Kommandos auf der Yorikke wurden in Englisch gegeben, und alle Unterhaltung wurde in englischer Sprache gepflogen, weil sonst eine Verständigung nicht denkbar gewesen wäre. Es war ein höchst merkwürdiges Englisch. Nur der Skipper sprach ein reines, fehlerfreies Englisch. Alle übrigen dagegen sprachen etwas, das mit Englisch nichts zu tun hatte. Es war Yorikkisch. Eine eigne Sprache.

Wie die Sprache klang und aussah, läßt sich nur schwer schildern. Jeder Seemann weiß zwei Dutzend englische Worte. Und jeder weiß drei bis sechs Worte, die der andre nicht weiß, aber von ihm lernt durch das Zusammenleben an Bord, wenn nur Englisch gesprochen wird. Dadurch eignet sich jeder in kurzer Zeit etwa zweihundert Worte an. Zweihundert Worte der englischen Sprache auf diese Weise, aber nur auf diese Weise gelernt und dazu die Zahlen, die Namen der Tage und Monate in Englisch, ermöglichen jedem Menschen, alles das klar und zweifelsfrei auszudrücken, was er innerhalb dieses Kreises sagen will. Ganze Romane kann er mit diesem Sprachschatz erzählen. Er kann natürlich kein englisches Buch lesen und noch viel weniger eine englische Zeitung. Keine andre europäische Sprache kann diesen Vorteil ihren Schülern bieten, sich so leicht und so rasch im Leben verwenden zu lassen.

Ehe ich aber das Yorikkisch verstand und mich in Yorikkisch ausdrücken konnte, vergingen mehrere Tage. Hätte ich Worte und Wortverbindungen so gebraucht, wie ich sie seit meinen ersten nassen Windeln gehört und geplappert hatte, würde mich niemand auf der Yorikke, der Skipper ausgenommen, verstanden haben, und man würde mir kaum geglaubt haben, daß ich Englisch spräche.

Wie war das Yorikkische Englisch entstanden, und wie war das Englisch auf andern Totenschiffen entstanden?