Part 2
„Wünschen Sie nach Frankreich zu gehen?“ Das wurde ich gefragt.
„Nein, ich mag Frankreich nicht, die Franzosen müssen immer setzen und können nie sitzen. In Europa müssen sie immer besetzen und in Afrika immer entsetzen. Und dieses Setzen macht mich nervös, sie können vielleicht sehr schnell Soldaten brauchen und mich, da ich ja keine Seemannskarte habe, unabsichtlich verwechseln und mich für einen ihrer Setzer halten. Nein, nach Frankreich gehe ich auf keinen Fall.“
„Wie denken Sie über Deutschland?“
Was die Leute alles von mir wissen wollen!
„Nach Deutschland mag ich auch nicht gehen.“
„Warum? Deutschland ist doch ein recht hübsches Land, da können Sie auch wieder leicht ein Schiff bekommen.“
„Nein, ich mag die Deutschen nicht. Wenn ihnen die Rechnungen vorgelegt werden, dann sind sie die Entsetzten, und wenn sie die Rechnungen nicht bezahlen können, dann sind sie die Besetzten. Und weil ich doch keine Seemannskarte habe, könnte man mich dort vielleicht auch verwechseln, und ich müßte mit bezahlen. Soviel kann ich ja als Deckarbeiter nie verdienen. Da könnte ich nie die unterste Schicht der Mittelklasse erklimmen und ein wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden.“
„Was reden Sie soviel herum? Sagen Sie einfach, ob Sie dahin wollen oder nicht.“
Ob sie das verstehen, was ich da sage, weiß ich nicht. Aber es scheint, daß sie viel Zeit haben und froh sind, daß eine Unterhaltung im Gange ist.
„Also, dann kurz und bündig und abgemacht, Sie gehen nach Holland“, sagt der Hohepriester und der Dolmetscher erzählt es mir wieder.
„Ich mag aber die Holländer nicht“, erwiderte ich, und ich will nun auch gleich erzählen warum, als mir gesagt wird: „Ob Sie die Holländer mögen oder nicht, das geht uns gar nichts an. Machen Sie das mit den Holländern ab. In Frankreich wären Sie am besten aufgehoben gewesen. Aber da wollen Sie ja nicht hin. Nach Deutschland wollen Sie auch nicht, das ist Ihnen auch nicht gut genug, und jetzt gehen Sie einfach nach Holland. Fertig und Schluß. Eine andre Grenze haben wir nicht. Ihretwegen können wir uns auch keinen andern Nachbar aussuchen, der vielleicht Ihre Wertschätzung erwerben könnte, und ins Wasser wollen wir Sie vorläufig noch nicht schmeißen, das ist die einzige Grenze, die uns noch bleibt als letzte. Also es geht nach Holland und nun Schluß. Seien Sie froh, daß Sie so billig davonkommen.“
„Aber meine Herren, Sie sind im Irrtum, ich will gar nicht nach Holland. Die Holländer sitzen –“
„Ruhig nun. Die Frage ist entschieden. Wieviel Geld haben Sie?“
„Sie haben doch meine Taschen und Nähte alle durchsucht. Wieviel Geld haben Sie denn gefunden?“ Da soll man nun nicht wütend werden. Sie durchsuchen einen stundenlang mit Vergrößerungsgläsern, und dann fragen sie noch ganz scheinheilig, wieviel Geld man habe.
„Wenn Sie nichts gefunden haben, dann habe ich kein Geld“, sage ich.
„Das ist gut. Das ist jetzt alles. Nehmen Sie ihn wieder in die Zelle.“ Der Hohepriester hatte seine Zeremonien beendet.
4
Am späten Nachmittag wurde ich zum Bahnhof gebracht. Zwei Mann, darunter der Dolmetscher, begleiteten mich. Offenbar dachten sie, ich sei noch nie in meinem Leben mit der Bahn gefahren, denn ich durfte nichts allein tun. Einer löste die Fahrkarten, während der andre dicht bei mir stehen blieb und aufpaßte, damit nicht etwa ein Taschendieb sich die vergebliche Arbeit machen sollte, noch einmal meine Taschen durchzusuchen, denn wo einmal die Polizei Taschen durchsucht hat, findet auch der geschickteste Taschendieb keinen Cooper mehr.
Der Mann, der die Karten gelöst hatte, gab mir aber meine Karte nicht. Wahrscheinlich dachte er, ich würde sie sofort wieder verkaufen. Sie begleiteten mich dann sehr höflich auf den Bahnsteig und brachten mich zu meinem Abteil. Ich glaubte, sie würden sich hier von mir verabschieden. Aber das taten sie nicht. Sie setzten sich zu mir in das Abteil, und um mich vor dem Hinausfallen zu bewahren, nahmen sie mich in ihre Mitte. Ob belgische Polizeibeamte immer so höflich mit Leuten sind, weiß ich nicht. Ich jedenfalls konnte mich über sie nicht beklagen. Sie gaben mir dann Zigaretten. Wir rauchten, und der Zug dampfte los. Nach einer kurzen Fahrt verließen wir den Zug und kamen in ein kleines Städtchen. Wieder wurde ich zu einer Polizeistation gebracht. Ich hatte mich auf eine Bank zu setzen in jenem Raum, wo sich alle die Polizeibeamten aufhielten, die in Reserve waren. Die beiden Leute, mit denen ich gekommen war, erzählten eine große Geschichte über mich. Die übrigen Cops, ich meine die übrigen Polizeibeamten, glotzten mich alle der Reihe nach an, manche interessiert, als ob sie noch nie einen solchen Mann gesehen hätten, und andre wieder, als hätte ich irgendwo einen Doppelraubselbstmord verübt.
Gerade diejenigen, die mich in so verhängnisvoller Weise anstarrten, die mich der Verübung der gräßlichsten Verbrechen, deren Täter man noch nicht erwischt hatte, fähig hielten, und die mir noch viel schwerere Verbrechen in Zukunft zutrauten als ich, ihrer untrüglichen Meinung zufolge, schon verübt habe, flößten mir plötzlich den Gedanken ein, daß ich hier auf den Henker zu warten habe, der augenscheinlich nicht zu Hause war und erst gesucht werden mußte.
Da war nichts zu lachen, no, Sir. Es war eine sehr ernste Sache. Man braucht nur ein wenig darüber nachzudenken. Ich hatte keine Seemannskarte, ich hatte keinen Paß, ich hatte keinen Identitätsausweis, ich hatte kein sonstiges Papier, und meine Photographie hatte der Hohepriester in seinem dicken Buche auch nicht gefunden. Wenn da wenigstens noch meine Photographie gewesen wäre, dann hätte er doch gleich gewußt, wer ich bin. Von der Tuscaloosa achtern abgeblieben zu sein, das konnte jeder erzählen, der sich da herumtrieb. Eine Wohnung hatte ich nirgendwo auf der Welt. Entweder ein Eimer oder eine Seemannsherberge. Mitglied irgendeiner Handelskammer war ich auch nicht. Ich war eben ein Niemand. Na, nun frage ich, warum sollten die armen Belgier einen Niemand durchfüttern, wo sie doch schon so viele Niemandskinder durchzufüttern haben, die wenigstens immer noch zur Hälfte hierher gehören. Ich aber gehörte mit keiner Hälfte hierhin. Ich war nur eine weitere Ursache, daß sie in Amerika wieder Geld pumpen mußten. Mich zu hängen, war der kürzeste und einfachste Weg, um mich los zu werden. Ich konnte es ihnen nicht einmal verdenken. Kein Mensch kümmerte sich um mich, kein Mensch würde nach mir fragen, meinen Namen brauchten sie gar nicht einmal in ihre dicken Bücher zu schreiben. Und hängen würden sie mich, ganz sicher. Sie warteten nur noch auf den Henker, der das Geschäft versteht, sonst wäre es ja ungesetzlich und ein Mord.
Wie recht ich hatte. Da war der Beweis. Einer der Cops kam auf mich zu und gab mir zwei dicke Pakete mit Zigaretten, die letzte Gabe an den armen Sünder. Dann gab er mir auch noch Zündhölzer, setzte sich zu mir und radebrechte mit mir, lachte und war freundlich, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Ist nicht so schlimm, Junge, nehmen Sie es nicht zu tragisch. Rauchen Sie, damit Ihnen die Zeit nicht lang wird. Wir müssen warten, bis es finster ist, sonst können wir es nicht gut machen.“ Nicht tragisch nehmen, wenn man gehängt werden soll. Ist nicht so schlimm. Ich möchte wissen, ob es mit ihm schon mal versucht worden ist, daß er so bestimmt sagen kann: Ist nicht so schlimm. Warten, bis es finster ist. Freilich, bei Tage trauen sie sich nicht so recht, es könnte uns ja vielleicht jemand begegnen, der mich kennt, und dann wäre der Spaß verdorben. Aber es hat ja keinen Zweck, den Kopf hängen zu lassen, er wird bald genug von selber hängen. Und ich rauche erst einmal wie ein Fabrikschlot, damit sie nicht am Ende gar noch die Zigaretten sparen.
Die Zigaretten schmecken nach gar nichts. Das reine Stroh. Verflucht nochmal, ich will nicht hängen. Wenn ich nur wüßte, wie ich hier heraus komme. Aber die sind ja immerfort um mich herum. Und jeder neue, der abgelöst ist und hereinkommt, glubscht mich an und will von den andern wissen, wer ich bin, warum ich hier sei, und wann ich gehängt werde. Und dann grient er übers ganze Gesicht. Ein widerliches Volk. Ich möchte wissen, warum wir denen geholfen haben.
Später bekam ich mein letztes Essen. Aber solche Geizhälse gibt es auf der ganzen Erde nicht mehr. Das nennen sie nun eine Henkersmahlzeit: Kartoffelsalat mit einer Scheibe Leberwurst und ein paar Schnitten Brot mit Margarine. Zum Heulen ist es. Nein, die Belgier sind keine Guten, und es fehlte nicht viel, und ich wäre beinahe verwundet worden, als wir sie aus der Suppe ziehen mußten und unser Geld los wurden. Einer, der mir die Zigaretten gegeben hatte und mir einzureden versuchte, es sei nicht so schlimm, gehenkt zu werden, sagte nun: „Sie sind doch ein guter Americain, sie trinken doch keinen Wein, nicht wahr?“ Und dabei lachte er mich an. Teufel nochmal, wenn er nicht ein solcher Heuchler wäre mit seinem Nicht-so-schlimm, man könnte beinahe glauben, daß es auch feine und nette Belgier gibt.
„Guter Amerikaner? Schiet auf Amerika. Ich trinke Wein, aber feste.“
„Das habe ich mir doch gleich gedacht,“ sagte der Cop schmunzelnd. „Sie sind echt. Das ist ja alles Alterweiberhumbug mit eurer sogenannten Prohibition. Laßt euch von Tanten und Betschwestern kommandieren. Mich geht es ja nichts an. Aber hier bei uns, da haben wir Männer noch die Hosen an.“
Gosh, da ist endlich einer, der den Pfahl im Fleische sieht. Der Mann kann nicht verlorengehen, er kann durch dickes Wasser bis auf den Grund sehen. Schade um den Mann, daß er Cop ist. Aber wenn er nicht Cop wäre, würde ich wahrscheinlich dieses Riesenglas voll guten Weines, das er jetzt vor mich hinstellte, nie gesehen haben. Prohibition ist eine Schande und eine Sünde, Gott sei’s geklagt. Ich bin sicher, daß wir irgendwann und irgendwo etwas Furchtbares verbrochen haben müssen, weil uns diese köstliche Gottesgabe genommen wurde.
Gegen zehn Uhr abends sagte der Weinspender zu mir: „So, nun ist es Zeit für uns, Seemann, kommen Sie mit mir.“
Was hätte es für Sinn, zu schreien: „Ich will nicht gehenkt werden!“ wenn da vierzehn Mann um einen herum sind, und alle vierzehn vertreten das Gesetz. Das ist eben Schicksal. Zwei Stunden hätte die Tuscaloosa nur zu warten brauchen. Aber zwei Stunden bin ich nicht wert, hier bin ich noch viel weniger wert.
Der Gedanke an diese Wertlosigkeit empörte mich aber doch, und ich sagte: „Ich geh nicht mit. Ich bin Amerikaner, ich werde mich beschweren.“
„Ha!“ schrie einer höhnisch herüber, „Sie sind kein Amerikaner. Beweisen Sie es doch. Haben Sie eine Seemannskarte? Haben Sie einen Paß? Nichts haben Sie. Und wer keinen Paß hat, ist niemand. Mit Ihnen können wir machen, was uns beliebt. Und das werden wir jetzt, und Sie werden nicht gefragt. Raus mit dem Burschen.“
Es war nicht nötig, daß ich mir vielleicht erst noch einen Hieb über den Schädel holte, am Ende war ich ja nur der Dumme. So mußte ich halt lostrotten.
An meiner linken Seite ging der lustige Mann, der radebrechen konnte, und an meiner rechten Seite ging ein andrer. Wir verließen das kleine Städtchen und befanden uns bald auf offnen Feldern.
Es war entsetzlich finster. Der Weg, auf dem wir gingen, war nur ein holpriger, zerfahrener Landweg, wo man schlecht laufen konnte. Ich hätte nur gern gewußt, wie lange wir so wandern wollten, bis das traurige Ziel erreicht war.
Nun verließen wir auch noch diese elende Straße und bogen in einen Wiesenpfad ein. Eine gute Weile ging es über Wiesen.
Jetzt war es Zeit, abzuhäuten. Aber diese Burschen waren augenscheinlich Gedankenleser. Gerade als ich einen ausschwingen will, um zuerst einmal dem einen Nachbar einen sanften Bläser an die Kinnbacken zu haken, packt mich der Mann am Arm und sagt: „Nun sind wir da. Jetzt haben wir einander Lebewohl zu sagen.“
Ein entsetzliches Gefühl, wenn man die letzte Minute so klar und trocken heranschleichen sieht. Nicht einmal schleichen. Sie stand gleich ganz nüchtern vor mir. Es war mir sehr trocken in der Kehle. Ich hätte gern einen Schluck Wasser gehabt. Aber nun war ja wohl an Wasser nicht mehr zu denken. Die paar Augenblicke würde es auch noch ohne Wasser gehen, das hätten sie mir sicher geantwortet. Ich hätte den Weinspender nicht für einen solchen Heuchler gehalten. Einen Henker hatte ich mir anders vorgestellt. Es ist doch ein dreckiges, ein schäbiges Geschäft; als ob es nicht andre Berufe gäbe. Nein, gerade Henker, Bestie sein, und das sogar noch als Beruf.
Nie vorher im Leben hatte ich so stark gefühlt, wie wunderschön das Leben ist. Wunderschön und über alle Maßen köstlich ist sogar das Leben, wenn man müde und hungrig zum Hafen kommt und erkennt, daß einem das Schiff weggefahren ist und man zurückgelassen ist ohne Seemannskarte. Leben ist immer schön, wenn es auch noch so trübe aussieht. Und in einer so finstern Nacht auf freiem Felde einfach so fortgewischt zu werden, als wäre man nur gerade ein Wurm –! Hätte ich von den Belgiern nicht gedacht. Aber schuld daran ist die Prohibition, die einen so schwach macht gegen Versuchungen. Wenn ich jetzt, gerade jetzt, diesen Mr. Volstead hier zwischen meinen Fingern hätte! Was muß der Mann für eine böse Frau gehabt haben, daß er so etwas ausdenken und ausstinken konnte! Froh bin ich aber doch, daß auf mich diese Millionen Flüche nicht herabgedonnert werden, die das Leben dieses Mannes belasten.
„Oui, Mister, wir haben Lebewohl zu sagen. Sie mögen ja ein ganz netter Mensch sein. Augenblicklich haben wir aber gar keine Verwendung für Sie.“
Deshalb brauchen Sie einen doch aber nicht gleich zu henken.
Er hob seinen Arm. Offenbar, um mir die Schlinge über den Kopf zu werfen und mich zu erdrosseln; denn die Mühe, einen Galgen aufzubauen, hatten sie sich nicht gemacht. Das hätte zuviel Ausgaben verursacht.
„Da drüben,“ sagte er nun und zeigte mit ausgestrecktem Arme in die Richtung, „da drüben, geradenwegs, wo ich hinweise, da ist Holland. Netherland. Haben Sie doch sicher schon davon gehört?“
„Ja.“
„Jetzt gehen Sie geradenwegs in jene Richtung, die ich Ihnen hier mit meinem Arme andeute. Ich glaube nicht, daß Sie da jetzt einen Kontrollbeamten treffen werden. Wir haben uns erkundigt. Sollten Sie aber jemand sehen, dann gehen Sie ihm sorgfältig aus dem Wege. Nach einer Stunde Gehens immer in dieser Richtung kommen Sie an die Eisenbahnlinie. Folgen Sie der Linie noch eine kurze Strecke in derselben Richtung, dann kommen Sie zur Station. Halten Sie sich da in der Nähe auf, aber lassen Sie sich nicht sehen. Gegen vier Uhr morgens kommen dann eine Menge Arbeiter, und dann gehen Sie zum Schalter und sagen nur ‚Rotterdam derde klasse‘, aber sagen Sie kein einziges Wort mehr. Hier haben Sie fünf Gulden.“
Er gab mir fünf Geldscheine.
„Und da ist noch ein Happen zu essen für die Nacht. Kaufen Sie nichts auf der Station. Sie sind bald in Rotterdam. So lange halten Sie es dann schon aus.“
Nun gab er mir ein kleines Paketchen, in dem allem Anschein nach Butterbrote waren. Dann bekam ich noch ein Paket Zigaretten und eine Schachtel Zündhölzer.
Was soll man von diesen Leuten sagen? Sie sind hinausgeschickt, um mich zu henken, und geben mir noch Geld und Butterbrote, damit ich mich aus dem Staube machen kann. Sie haben ein zu gutes Herz, mich so kalt umzubringen. Da soll man nun die Menschen nicht lieben, wenn man so gute Kerle selbst unter den Polizisten findet, deren Herz durch das ewige Menschenjagen durch und durch verhärtet ist. Ich schüttelte den beiden so sehr die Hände, daß sie Angst bekamen, ich wollte die Hände mitnehmen.
„Machen Sie nicht solchen Spektakel, einer von drüben kann Sie vielleicht gar hören, und dann ist alles im Dreck. Und das wäre nicht gut, dann könnten wir wieder von vorn anfangen.“ Der Mann hatte recht. „Und nun hören Sie gut zu, was ich Ihnen jetzt sage.“ Er sprach halblaut, bemühte sich aber, mir alles deutlich zu machen dadurch, daß er das Gesagte mehrfach wiederholte. „Kommen Sie ja nicht nochmal nach Belgien zurück, das kann ich Ihnen nur sagen. Wenn wir Sie nochmal innerhalb unsrer Grenzen finden, Sie können sich darauf verlassen, wir sperren Sie ein auf Lebenszeit. Auf Lebenszeit im Gefängnis. Lieber Freund, das ist allerlei. Also ich warne Sie ausdrücklich. Wir wissen ja nicht, wohin mit Ihnen. Sie haben ja keine Seemannskarte.“
„Aber vielleicht hätte ich zum Konsul –“
„Gehen Sie mir mit Ihrem Konsul. Haben Sie eine Seemannskarte? Nein. Na also. Da pfeffert Sie Ihr Konsul raus, vierkant, und wir haben Sie auf dem Halse. Sie wissen jetzt Bescheid. Auf Lebenszeit Gefängnis.“
„Ganz bestimmt, meine Herren, ich verspreche es Ihnen. Ich werde nicht mehr Ihr Land betreten.“ Warum sollte ich auch? Ich hatte ja in Belgien nichts verloren. Ich war eigentlich froh, daß ich raus kam. Holland ist viel besser. Die versteht man schon zur Hälfte, während man hier kein Wort versteht, was die Leute reden, und was sie wollen.
„Gut also. Sie sind nun verwarnt. Nun hüpfen Sie los und seien Sie vorsichtig. Wenn Sie Tritte hören, legen Sie sich hin bis die Schritte vorübergegangen sind. Lassen Sie sich nur nicht kriegen, sonst kriegen wir Sie, und dann geht es Ihnen schlecht. Viel Glück auf die Reise.“
Die schoben ab und ließen mich allein.
Dann, kreuzvergnügt, wanderte ich los. Immer in jener Richtung, die mir gezeigt worden war.
5
Rotterdam ist eine hübsche Stadt. Wenn man Geld hat. Ich hatte keins, nicht einmal eine Börse, wo ich es hätte hineinstecken können, wenn ich welches gehabt hätte.
Da war auch nicht ein einziges Schiff im Hafen, das einen Deckarbeiter oder einen Ersten Ingenieur gebraucht hätte. Zu jener Zeit war mir das ganz gleich. Wenn auf einem Schiff ein Erster Ingenieur verlangt worden wäre, ich hätte den Posten angenommen. Glatt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Der Krach kommt ja erst, wenn das Schiff draußen ist, auf hoher Fahrt. Und dann können sie einen doch nicht so einfach über Bord feuern. Anzustreichen gibt es immer etwas, da findet sich dann also schon die rechte Arbeit. Man ist ja schließlich auch nicht so, daß man nun mit Mord und Tod auf das Gehalt des Ersten Ingenieurs pocht. Man kann ja etwas nachlassen. Gosh, in welchem Laden wird nicht auch einmal vom Preise heruntergehandelt, wenn das Plakat „Feste Preise“ auch noch so groß gemalt ist?
Krach hätte es sicher gegeben; denn damals konnte ich eine Kurbel nicht von einem Ventil und eine Bleuelstange nicht von einer Welle unterscheiden. Das wäre ja beim ersten Signal herausgekommen, wenn der Skipper hinuntergeklingelt hätte „Totlangsam“, und gleich darauf wäre der Eimer losgeschossen, als ob er auf Tod und Leben verpflichtet sei, das „Blue Ribbon“, das Blaue Band, zu gewinnen. Ein Spaß wäre es ja doch. Aber es lag nicht an mir, daß ich den Spaß nicht ausprobieren konnte, denn niemand suchte einen Ersten Ingenieur. Es wurde überhaupt niemand gesucht, auf keinem Schiff. Ich hätte alles angenommen, was zwischen Kapitän und Küchenjunge ist. Aber nicht einmal ein Kapitän wurde vermißt.
Nun trieben sich auch schon so viele Seeleute dort herum, die alle auf ein Schiff warteten. Und nun gar noch eins erwischen, das ’rüber geht nach den States, das ist schon ganz hoffnungslos. Alle wollen sie auf einen Kasten, der rüber geht, weil sie dort alle absacken wollen, achtern raussegeln. Denn alle denken, drüben werden die Leute mit Rosinen gefüttert, sie brauchen den Schnabel nur hinzuhalten. Schiet. Und dann liegen sie dort zu Zehntausenden in den Häfen rum und warten auf ein Schiff, das sie wieder heimbringt, weil eben alles ganz anders ist, als sie sich gedacht haben. Die goldnen Zeiten sind vorüber, sonst würde mich niemand als Deckarbeiter auf der Tuscaloosa gefunden haben.
Aber die beiden netten belgischen Cops haben mir einen Tip gegeben: Mein Konsul. Mein! Die beiden Cops schienen meinen Konsul besser zu kennen als ich. Merkwürdig. Es ist doch meine Pflicht, ihn besser zu kennen, denn er ist doch meiner. Er ist ja meinetwegen in der Welt. Er wird ja meinetwegen bezahlt.
Der Konsul klariert Dutzende von Schiffen aus, da wird er ja auch etwas wissen über verlangte Deckarbeiter, besonders wenn ich kein Geld habe.
„Wo haben Sie Ihre Seemannskarte?“
„Die habe ich verloren.“
„Haben Sie einen Paß?“
„Nein.“
„Bürgerpapier?“
„Nie gehabt.“
„Ja, was wollen Sie denn dann hier?“
„Ich habe gedacht, daß Sie mein Konsul seien, daß Sie mir helfen würden.“
Er griente. Sonderbar, daß die Menschen immer grienen, wenn sie einen den Hieb versetzen wollen.
Und mit diesem Grienen auf den Lippen sagte er: „Ihr Konsul? Das müssen Sie mir beweisen, lieber Mann, daß ich Ihr Konsul bin.“
„Ich bin doch aber Amerikaner, und Sie sind amerikanischer Konsul.“ Das war doch ganz richtig.
Aber es schien nicht richtig zu sein, denn er sagte: „Amerikanischer Konsul, wenn auch augenblicklich noch nicht Erster, bin ich allerdings. Aber ob Sie Amerikaner sind, das müssen Sie mir erst beweisen. Wo haben Sie denn Ihre Papiere?“
„Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, die habe ich verloren.“
„Verloren. Wie kann man seine Papiere verlieren? Die trägt man doch stets bei sich, besonders wenn man in einem fremden Lande ist. Sie können ja nicht einmal beweisen, ob Sie überhaupt auf der Tuscaloosa waren. Können Sie das beweisen?“
„Nein.“
„Also. Was wollen Sie da hier? Wenn Sie auch auf der Tuscaloosa waren, selbst wenn es bewiesen werden könnte, daß Sie wirklich drauf waren, so wäre das noch nicht der geringste Beweis, daß Sie Bürger sind. Auf einem amerikanischen Schiffe können auch Hottentotten arbeiten. Also, was wollen Sie hier? Wie kommen Sie überhaupt von Antwerpen ohne Papiere hierher nach Rotterdam? Das ist doch merkwürdig.“
„Die Polizei hat mich doch –“
„Kommen Sie mir gefälligst nicht noch mal mit einer solchen Erzählung. Wo ist denn das erhört, daß Staatsbeamte jemand auf diesem ungesetzlichen Wege über die Grenze in ein fremdes Land schicken? Ohne Papiere. Sie können mich nicht damit aufziehen, lieber Mann.“
Und das alles sagte er grienend und ewig lächelnd; denn der amerikanische Beamte hat immer zu lächeln, selbst wenn er ein Todesurteil verkündet. Das ist seine republikanische Pflicht. Was mich aber am meisten ärgerte, war, daß er während seiner Rede immer mit dem Bleistift spielte. Bald kritzelte er damit auf der Tischplatte herum, bald kratzte er sich damit im Haar, bald trommelte er damit „My Old Kentucky Home“, und bald tippte er mit dem Bleistift so auf den Tisch, als ob er mit jedem Tippen ein Wort festnageln wollte.
Ich hätte ihm am liebsten das Tintenfaß ins Gesicht geworfen. Aber ich mußte Geduld üben, und so sagte ich: „Vielleicht können Sie mir wieder ein Schiff verschaffen, damit ich heimkomme. Es kann ja sein, daß ein Skipper um einen Mann zu kurz ist, oder daß einer erkrankt.“
„Ein Schiff? Ohne Papiere ein Schiff? Von mir nicht, da brauchen Sie gar nicht erst wiederzukommen.“
„Aber wo soll ich denn Papiere herbekommen, wenn Sie mir keine geben?“ fragte ich.
„Was geht mich denn das an, wo Sie Ihre Papiere herkriegen. Ich habe sie Ihnen doch nicht abgenommen. Oder? Da könnte ja jeder Herumtreiber, der auf seine Papiere nicht besser acht gibt, kommen und von mir Papiere verlangen.“
„Well, Sir,“ sagte ich darauf, „ich glaube, es haben auch schon andre Leute, die nicht Arbeiter sind, ihre Papiere verloren.“
„Richtig. Aber diese Leute haben Geld.“
„Ach so!“ schrie ich laut, „jetzt verstehe ich.“
„Nichts verstehen Sie,“ griente er, „ich meine, dann sind das Leute, die noch andre Ausweise haben, Leute, bei denen kein Zweifel zulässig ist, Leute, die ein Zuhause haben, die eine Adresse haben.“
„Was kann ich denn dafür, daß ich keine Villa habe, kein Zuhause und keine andre Adresse als meinen Arbeitsplatz.“
„Das geht mich nichts an. Sie haben die Papiere verloren. Sehen Sie zu, wo Sie andre herbekommen. Ich habe mich an meine Bestimmungen zu halten. Nicht meine Schuld. Haben Sie schon gegessen?“
„Ich habe doch kein Geld, und gebettelt habe ich noch nicht.“
„Warten Sie einen Augenblick.“
Er stand auf und ging in ein andres Zimmer. Nach einigen Minuten kam er zurück und brachte mir eine Karte.