Chapter 13 of 24 · 3967 words · ~20 min read

Part 13

„Weiß ich gut. Ich bin auch nicht gerade aus den Windeln gerutscht. Woanders hat der Heizer beim Aschehieven zu helfen. Aber hier wird ja der Heizer allein nicht fertig, und wenn ihm der Schlepp nicht manchmal hilft, fällt er runter auf hundertzwanzig, daß es nur so rasselt, und der Eimer sackt und steht wie eine Böckchenpinne. Auf andern Eierkisten, auch wenn es Särge sind, hat die Wache zwei Heizer oder wenigstens einundeinenhalben. Aber ich denke doch, du weißt jetzt schon, wo du bist, mein Seemannsengelchen.“

„Ich engele nicht. Da kannst du Zinnober drauf schlucken.“

„Willst du achtern kanten? Glückt nicht. Wirst du schon noch lernen. Setz dich nur lieber gleich richtig in die Wolle und such dir das Boot aus, mit dem du klippen willst. Der Koch hier ist der Großvater. Der erzählt dir was, wenn du mit ihm angewärmt bist. Der Hund hat zwei Westen in seiner Bunk liegen.“

„Haben wir denn keine Westen?“ fragte ich erstaunt.

„Nicht mal ein Ring ist da. Vier Dekorationsringe mit Goldbronze. Aber ich rate dir, nimm keinen davon. Wenn du da den Kopf durchsteckst, nimm lieber einen Mühlstein. Mit dem Mühlstein hast du vielleicht noch Hoffnung, mit den Dekorationswürsten nicht.“

„Wie kann der Hund denn das machen? Da muß doch in jeder Bunk eine Weste sein. Ich bin das so gewöhnt, daß ich das gar nicht beachtet habe, daß keine da ist.“

Stanislaw lachte und sagte: „Du hast so eine Kanne noch nicht gefahren. Darum. Yorikke ist meine vierte Leichenkanne. Die sind ja jetzt zum Aussuchen.“

„He–ho, Lawski!“ schrie sein Heizer den Aschenschacht hinauf.

„Was ist los, Heizer?“ fragte Stanislaw runter.

„Zieht ihr denn heute keine Asche, oder was ist los?“ blökte der Heizer rauf. Es war Martin.

„Natürlich ziehen wir. Aber ich muß doch den Neuen anlernen. Der kennt doch die Wintsche nicht.“

„Dann mach zu und komm runter. Mir ist ein Rost raus.“ Der Heizer schrie es rauf.

„Erst muß die Asche gezogen werden. Der Rost hat Zeit. Ich muß den Neuen anlernen“, schrie Stanislaw wieder runter.

„Nein, was Leichenkannen anbetrifft – wie heißt du denn eigentlich, Neuer?“

„Ich? Pippip.“

„Hübscher Name. Bist du Türke?“

„Ägypter.“

„Das ist gut. Ägypter hat gefehlt. Wir haben hier alle Nationen auf der Kanne.“

„Alle? Auch Yanks?“

„Ich glaube, du schläfst noch. Die beiden einzigen, die nie auf einer Leichenkanne fahren, das sind Yanks und Kommse.“

„Kommse?“

„Ach tu doch nicht so unschuldig, du Schaf. Bolsches. Kommunisten. Yanks kommen nicht, weil die in dem Dreck den ersten Tag verrecken würden, und weil denen auch immer von ihren Konsuln geholfen wird. Der winkt ihnen schon die Weisheit über die Eimer.“

„Und die Komms?“

„Die sind zu schlau, die riechen, was los ist, wenn sie nur den Mastknopf sehen. Kannst dich drauf verlassen. Die sind gekocht. Wo ein richtiger Komms drauf ist, kann keine Versicherung fahren. Die beerdigen dir jede Versicherungspolice, und wenn sie noch so fein gezuckert ist. Die haben dir Riecher, da können wir alle nicht mit. Und die haben auch immer gleich die schönste Sauerei mit der Inspektion. Aber nun kann ich dir auch erzählen, wenn da ein gesunder Eimer ist, wo nicht nur Yanks drauf sind, sondern Yanks, die Komms sind, Mann, das ist Honig. Das ist –. Ich kann es dir ja sagen, ich fahre überhaupt nur, um mal auf einen solchen Eimer zu kommen. Da gehe ich nie wieder runter. Da mache ich sogar den Nauke. Mir ganz egal. Wenn du mal einen Eimer sehen solltest, der von New Orleans ist oder da herum. Das ist eine Sache.“

„So ein Schiff habe ich noch nicht gesehen“, sagte ich.

„Kommst du auch nicht drauf, und wenn du hundert Jahre alt wirst und alles ausgestiegen ist. Du nicht. Ein Ägypter überhaupt nicht, und wenn er einen Paß hat wie Zucker. Jetzt ist es für mich auch vorbei. Wer die Yorikke gefahren hat, kommt nie wieder auf einen gesunden Eimer. Jetzt wollen wir mal dran gehen.“

„Hängt er drin?“ schrie Stanislaw in den Schacht.

„Hiev up!“

Stanislaw schaltete den Hebel ein, und die Aschkanne rasselte rauf. Als sie in Reichhöhe war, warf er den Hebel wieder herum. Die Kanne ruckte noch mal rauf und noch mal runter und hing dann in der Schachtluke.

„Nun hängst du die Kanne aus und trägst sie zur Schanze und schüttest sie aus. Da gib aber gut Achtung, daß dir die Kanne nicht mit über Stag geht. Dann sitzt du da. Dann können wir mit einer arbeiten, und wir können zwei Stunden früher aufstehen. Daß du’s weißt.“

Die Kanne war glühend heiß, und obenauf lagen die rotglühenden Schlacken. Ich konnte sie kaum anfassen, aber es mußte sein. Und schwer war die Kanne. Sicher ihre fünfzig Kilo. Nun hatte ich die Kanne vor der Brust quer über das vier Meter breite Gangdeck zu schleppen und in den Holzschacht zu schütten, durch den die Asche ins Meer fiel und dort zischend verschwand. Dann trug ich die Kanne zurück, und ich hängte sie wieder in die Hievketten.

„Das ist doch ganz klar, warum die Westen gegangen sind. Ich bin sicher, der Skipper hat sie verkauft, um nebenbei was zu machen“, sagte Stanislaw. „Aber des Verkaufens wegen war es nicht. Siehst du, wenn keine Westen da sind, kommen auch keine Zeugen vor das Seemannsgericht. Verstehst du jetzt den Zimt? Auf Zeugen kann man sich schlecht verlassen. Manchmal haben sie doch was gesehen oder gemerkt, und die Versicherung ist ja auch immer gleich dahinterher und schnappt sich die Leute. Die Boote mußt du dir mal bei Tage betrachten – wie war doch gleich dein Name? Ja, also die Boote mußt du dir mal bei Tage betrachten, Pippip. Da kannst du deine Stiefel durchschmeißen. Aber glatt. Noch weniger Zeugen.“

„Na rede keinen Seetang, hä?“ sagte ich zur Antwort. „Der Skipper will doch auch runter.“

„Sorge dich nur nicht um den Skipper. Denk zuerst an deine Haut. Der Skipper kommt schon runter. Wenn du alles so gut weißt, wie das, dann fehlt dir nichts mehr.“

„Du bist doch aber auch schon von drei Leichenkannen runtergekommen oder etwa nicht?“

„Auf zweien bin ich richtig ausgestiegen und habe den letzten Hafen nicht im Stich gelassen. Und beim dritten – aber du Esel, Glück mußt du eben auch haben. Wenn du kein Glück hast, dann bleibe nur überhaupt vom Wasser weg, sonst fällst du in die Waschschüssel und kommst nicht mehr hoch.“

„Lawski! Mensch! Was ist denn los da oben?“ schrie nun wieder der Heizer rauf.

„Die Ketten haben sich ausgehakt, verflucht nochmal“, blökte Stanislaw runter.

„Das gibt heute eine lange Asche, wenn ihr so weiter macht“, kam wieder die Stimme aus der Tiefe.

„So, nun probiere mal die Wintsche, aber sei vorsichtig, die haut wie das Donnerwetter. Die haut dir glatt den Schädel ab, wenn du nicht alle Gedanken beieinander hast.“

Die schwere Kanne kam rauf und sauste oben gegen den Deckel, daß ich glaubte, sie würde den ganzen Schacht in Trümmer schlagen, aber ehe ich den Hebel herum hatte, setzte die Wintsche von selbst mit der Konterwirkung ein, und der Eimer raste wieder den Schacht hinunter. Er schlug unten mit einem fürchterlichen Getöse auf, die Schlacken spritzten herum, der Heizer schrie wie verrückt, und im selben Augenblick setzte abermals die Konterwirkung ein, und die Kanne, jetzt halb leer, raste wie wahnsinnig ein zweitesmal gegen die Deckung des Schachtes, schlug herum mit donnerndem Krachen, und mit einem entsetzlichen Geprassel fielen die Schlacken den Schacht hinunter, beim Fallen gegen die Eisenwände des Schachtes schlagend und das Getöse und Geratter so vermehrend, daß man glauben konnte, das ganze Schiff splittert auseinander. Die Kanne war schon wieder am Heruntersausen, als Stanislaw jetzt eingriff und den Hebel packte. Sofort stand die Kanne so brav da, als ob sie ein totes Geschöpf sei.

„Ja,“ sagte Stanislaw, „so einfach ist das nicht. Das muß gelernt sein. Da brauchst du zwei Wochen, bis du den Dreh heraus hast. Geh besser runter und schippe ein, dann werde ich die Wintsche bedienen. Ich zeige es dir morgen mittag, bei Tage, da kriegst du das dann schon besser. Wenn die Wintsche in die Wicken gehauen wird, dann können wir die Asche mit der Hand hieven. Und das wünsche ich dir nicht und uns nicht. Dann laufen wir nicht mehr, dann kriechen wir nicht mehr, dann rollen wir nur noch von einem Platz zum andern.“

„Laß es mich noch mal versuchen, Lawski. Ich will mal gnädige Frau zu ihr sagen. Vielleicht tut sie es dann.“

Dann rief ich runter: „Hopp an.“

„Hiev up!“ kam der Schrei.

„Na, Frau Gräfin, wollen wir jetzt?“

Der Prophet weiß, sie tat es, sie tat es so sanft, so zart. Sie stand auf den Millimeter. Ich glaube, daß ich Yorikke besser kannte als ihr Skipper oder der Großvater. Die Wintsche gehörte zu jenen Teilen des Schiffes, die schon in der Arche Noah mitgewirkt hatten und noch aus der Zeit vor der Sintflut stammten. In dieser Dampfwintsche waren alle Geister und Geisterchen zusammen, die in den übrigen Ecken und Winkeln der Yorikke nicht mehr Platz fanden, weil ihre Zahl zu groß war. Darum auch hatte die Wintsche ihre Persönlichkeit, die respektiert werden wollte. Stanislaw erwarb sich den Respekt durch eine langgeübte Hand, ich mußte es durch Worte machen.

„Euer königliche Gnaden, noch mal, bitte.“

Sieh da, abermals glitt die Aschkanne wie mit Sammetpfötchen gestreichelt. Aber freilich, oft genug noch, spielte sie toll und machte Splittereffekte, jedoch nur, wenn ich vergaß, sie mit Höflichkeit zu behandeln. Es waren manchmal recht ergötzliche Fangversuche, die ich anzustellen hatte, um den rauf- und runterrasenden Behälter zu schnappen. Bald sauste er oben durch, bald raste er runter und gleich wieder hoch. Wenn der Hebel nicht genau, aber haargenau gehalten wurde, schlug der Konterhub ein.

Stanislaw war runtergegangen und schippte und rief die „Hiev-ups“ aus. Und ich hängte meine Kannen aus und ein, schleppte sie glühend heiß, wie sie waren, über das Gangdeck und schüttete sie in den Aschenschacht.

Als fünfzig Kannen gehievt waren, schrie Stanislaw, daß wir den Rest lassen wollten für die nächste Wache, weil es zu spät sei. Ich dachte, daß ich nun zusammenbrechen würde, von diesem atemlosen Schleppen der unglaublich schweren Kannen. Aber ehe ich Zeit hatte, umzuklappen, schrie Stanislaw herauf: „He, mach voran, zwanzig vor zwölf.“

Ich schleppte mich zum Quartier. Das Deck war nicht erleuchtet, um das Petroleum zu sparen; und ich schlug mir viermal die Schienenbeine auf, ehe ich bis zum Forecastle kam. Was da alles auf dem Deck herumlag, läßt sich nur dadurch näher beschreiben, daß ich sage: „Da lag alles auf dem Deck herum.“ Alles, was die Erde hervorbringt, je hervorgebracht hat. Unter diesem alles lag sogar ein schwerbesoffener Schiffszimmermann, der der Zimmermann der Yorikke war; sich in jedem Hafen sinnlos besoff und den ersten Tag auf Fahrt nicht einmal als Besenstiel gebraucht werden konnte. Der Skipper war nur froh, wenn ihm nicht jedesmal die A. B.s dabei Gesellschaft leisteten und wenigstens einer der A. B.s noch genug Leben zurückbehalten hatte, um am Ruder zu stehen. Der Zimmermann, die drei A. B.s und noch ein paar andre hätten ruhig Westen bekommen dürfen. Sie hätten keine Versicherung vermanscht, anders, sie hätten die wackligste Versicherung gerettet, ohne zu wissen, was man von ihnen wollte. Sie hatten auch die meiste Aussicht, mit in Boot eins zu kommen, das der Skipper brauchte, um das wohlgepflegte Journal zu retten und die Lizenz zu behalten mit Auszeichnung für Pflichteifer trotz Lebensgefahr.

Ich hatte jetzt die Kaffeekanne zu nehmen, damit zur Galley zu gehen, wo der Kaffee auf dem Kochherd stand, und sie zu füllen. Dann hatte ich den Weg zum drittenmal zu machen, über das Verdeck, wo kein Licht brannte. Meine Schienbeine bluteten fürchterlich. Aber da war keine Handapotheke an Bord, und wenn wirklich der Erste Offizier irgendwo etwas versteckt hielt für erste Hilfe, wegen solcher Kleinigkeiten durfte man ihm nicht kommen.

Jetzt bearbeitete ich meinen Heizer, um ihn hochzukriegen. Er wollte mich ermorden, daß ich es wagte, ihn schon zu wecken. Und als die Glocke ausrief und er den heißen Kaffee noch nicht hatte schlucken können, wollte er mich ein zweites Mal ermorden, weil ich ihn zu spät geweckt hatte. Sich zu streiten, ist Kraftvergeudung. Nur Narren streiten sich. Sag’ deine Meinung, wenn du überhaupt eine hast, was selten genug der Fall ist, und dann halt’s Maul und laß den andern reden, bis ihm das Maul aus den Angeln fällt. Sage immer ja zu der Meinung des andern, und wenn er dann fertig ist und nicht mehr japsen kann und dich fragt: „Na, habe ich nicht recht?“ dann erinnere ihn so nebenbei daran, daß du ihm deine Meinung ja schon längst gesagt hättest, daß er aber im übrigen durchaus recht habe. Eine Woche lang Heizer der Rattenwache wecken, macht jemand auf Jahre hinaus unfähig, Politik zu begreifen.

Der Kaffee war heiß, schwarz und bitter. Kein Zucker, keine Milch. Brot war vorhanden, aber man mußte es trocken essen, weil die Margarine stank. Der Heizer kam zum Tisch, fiel auf die Bank, richtete sich hoch, und während er die Kaffeetasse an den Mund führen wollte, fiel sein Kopf herunter und schlug auf die Tasse, daß sie umkippte. Er schlief schon wieder und tastete träumerisch nach dem Brot, um sich ein Stück abzureißen, weil er das Messer nicht halten konnte vor Müdigkeit. Jede seiner Bewegungen wurde vom ganzen Körper ausgeführt, nicht nur mit den Händen, den Armen, den Fingern, den Lippen oder dem Kopfe. Die Glocke rief aus, er bekam einen Wutanfall, des Kaffees wegen, und sagte: „Geh’ runter, ich komme gleich. Kümmere dich um Schlackenwasser.“

Als ich an der Galley vorbeikam, sah ich Stanislaw im Dunkeln da herumwirtschaften. Er versuchte, Seife zu stehlen, die der Koch vielleicht irgendwie versteckt haben mochte. Der Koch stahl die Seife vom Steward, und der Steward stahl die Seife aus dem Koffer des Skippers.

„Zeig mir doch mal den Weg runter in die Stokehold, in den Kesselraum, Lawski“, sagte ich zu ihm.

Er kam raus, und wir hatten auf eine höhere Etage zu klimmen, die das Halbdeck vom Mittschiff war. Er zeigte mir einen schwarzen Schacht. „Da gehen die Leitern runter. Du kannst nicht fehlgehen“, sagte er und ging wieder zurück zur Galley.

Aus der tiefschwarzen und doch so glänzend klaren Meeresnacht blickte ich hinunter in den Schacht. In einer unendlich erscheinenden Tiefe sah ich eine flackernde, dunstige, rauchige Helle. Diese Helle war rötlich von dem Widerschein der Kesselfeuer. Mir war, als sähe ich in die Unterwelt. In diesen rötlichen, dunstigen Schein trat jetzt eine nackte menschliche Gestalt, verrußt und mit glitzernden Streifen rieselnden Schweißes. Die Gestalt stand da, die Arme verschränkt und starrte bewegungslos auf die Quelle des rötlichen Scheines. Dann bewegte sich die Gestalt, ergriff ein langes schweres Schüreisen und stellte es an die Rückwand, nachdem sie unschlüssig damit herumgewirtschaftet hatte. Die Gestalt ging jetzt vor, bückte sich, und einen Augenblick darauf war es, als sei sie von Flammen umlodert. Dann reckte sich die Gestalt hoch, die Flammen waren verlöscht und übrig blieb nur der gespenstische rötliche Schein.

Ich wollte die Leiter hinuntergehen. Als ich aber einen Fuß auf die oberste Sprosse gesetzt hatte, schlug mir eine entsetzliche Säule von Hitze, erstickendem Ölgestank, Kohlenstaub, Flugasche, dickem Petroleumqualm und Wasserdampf entgegen. Ich fiel zurück, und mit einem lauten Japser schnappte ich nach frischer Luft, weil ich glaubte, meine Lungen könnten nicht mehr arbeiten.

Aber es half nichts. Ich mußte da hinunter. Da war ein Mann unten. Ein lebender Mensch, der sich bewegen kann. Und wo ein andrer Mensch sein kann, da kann auch ich sein. Ich kletterte rasch fünf oder sechs Sprossen, dann aber ging es nicht mehr. Mit einem Rasen sauste ich wieder hoch, um Luft zu bekommen.

Die Leiter war aus Eisen, die Sprossen aus fingerdickem Rundeisen. Nur an der einen Seite war ein Geländer, die andre Seite, die äußere Seite, war ohne Geländer, also just die Seite war offen, wo man in den Schacht abstürzen konnte, während die Seite, die an der Wand der Maschinenhalle war, mit einem Geländer gesichert war.

Als ich meine Lungen wieder aufgefüllt hatte, machte ich den dritten Versuch, und ich kam auf eine Plattform. Drei Schritte über die Plattform, die nur einen halben Schritt breit war, führten zum Ende der Platte, wo eine zweite Leiter tiefer in den Schacht ging. Diese drei Schritte konnte ich aber nicht machen. In Gesichtshöhe war hier die Aschenhievwintsche, und das Dampfrohr der Wintsche hatte einen langen, aber ganz dünnen Riß. Durch diesen Riß zischte ein brühend heißer Wasserdampf, scharf und schneidend wie eine Stichflamme. Der Riß lag so, daß selbst, wenn man sich bückte, man diesem schneidenden Dampfstrahl nicht ausweichen konnte. Ich versuchte, mich hochzurecken, aber dann wurden die Arme und die Brust angefressen und verbrüht. Inzwischen mußte ich hoch, um Luft zu schöpfen.

Ich war auf falschem Wege. Das war nicht der meine. Ich ging wieder zur Galley, wo Stanislaw immer noch nach Seife suchte.

„Ich gehe mit dir runter, komm los“, sagte er bereitwillig.

Als wir auf dem Wege waren, sagte er: „Du bist doch nie Kesselbums gewesen, nicht wahr? Habe ich doch gleich gesehen. Zu einer Wintsche sagt man doch nicht guten Tag, der haut man eins auf den Schädel und fertig.“

Ich war nicht in der Laune, ihm jetzt zu erzählen, wie man mit Dingen umzugehen hat, die eine Seele haben.

„Recht hast du, Lawski, bin nie beim Kessel gewesen, habe noch nie da überhaupt reingeguckt. War Deckarbeiter, Steward, Kabinenjunge, seit ich meinen ersten Eimer gesehen habe. Nie schwarzen Gang gerochen, war mir immer zu stickig. Sag’, willst du mir nicht für die erste Wache eine Krume zur Hand gehen?“

„Rede nicht lange. Freilich. Komm nur voran. Wir werden die Kohlsuppe schon kochen. Kenne deine Sorgen. Dein erster Leichenwagen. Ich kenne die Särge, kannst mir glauben. Aber manchmal dankst du Himmel und Hölle, daß dir eine Yorikke quer vor’n Bug kommt, und du hoppst drauf mit einem Wonnegefühl, als ob – ja, hab’ nur keine Bange. Wenn was krumm geht, ruf mich nur. Ich zieh dich schon raus aus dem Dreck. Wenn wir auch alle miteinander Tote sind, nur nicht verzagen. Schlimmer kann es nicht kommen.“

Es kam aber schlimmer. Man kann ein Totenschiff fahren. Man kann ein Toter sein, ein Toter zwischen Toten. Ausgelöscht kann man sein aus der Reihe der Lebenden, hinweggeweht von der Oberfläche der Welt, und kann dennoch gezwungen sein, entsetzliche Qualen zu erdulden, denen man nicht entgehen kann, weil man schon tot ist, weil einem kein weiterer Weg zur Flucht offen gelassen ist.

29

Ich sah Stanislaw zu dem Schacht gehen, den ich soeben verlassen hatte, weil ich glaubte, ich hätte mich im Wege geirrt. Er kletterte die Leiter ohne zu zögern hinunter, und ich folgte ihm. Als wir am Ende der ersten Leiter waren und auf die Platte kamen, die unter dem heißen Dampfstrahl lag, sagte ich: „Da können wir nicht durch. Da wird uns die Haut bis auf die Knochen abgeledert.“

„Meist gibt es was ab. Ich kann dir morgen meine Arme zeigen. Aber wir müssen durch“, sagte Stanislaw. „Hilft uns nichts. Kein andrer Weg zu den Kesseln für uns. Die Ingenieure lassen uns nicht durch die Maschinenhalle gehen, wir sind zu dreckig, und es ist gegen die Vorschrift.“

Während er das noch sagte, sah ich, wie er plötzlich seine Arme um den Kopf schlug, sich so Gesicht, Ohren und Nacken schützend. Nun drehte, quetschte und reckte er sich zwischen die glühend heißen Dampfrohre, wo die Schutzpackungen längst abgefault und abgerissen waren, und der glühend heißen Kesselwand hindurch wie eine geölte Zitterschnecke. Das konnte ihm kein Schlangenmensch nachmachen, dachte ich, als ich das sah. Aber ich erfuhr nun, daß der ganze Kesselbums das so zu machen hatte, und ich verstand auch mit einemmal, warum es auf der Yorikke so viele Dinge zu essen gab, die kein Mensch essen konnte und die über Bord flankiert wurden. Das Flankieren durfte der Koch nicht sehen, dann gab es einen Mordskrach, weil alle Salzschwarten und alles Ungenießbare, das nicht in den Magen hineinwollte, weil der Magen sich sträubte, in die Küche zurückgebracht werden mußte, damit daraus Irish Stew, Frikandellen, Gulasch, Haschee und ähnliche Delikatessen gemacht werden konnten.

„Hast du nun gesehen, Sohn, wie das gemacht wird? Besinne dich nicht lange. Wenn du dich erst besinnst und dir das anguckst und darüber nachdenkst, daß du an der einen Seite verbrüht werden magst und an der andern Seite hinuntersausen kannst in den Schacht, dann geht’s gar nicht. Arme um den Kopf, sieh so – und dann Schlange gemacht. Kann dir eines Tages von Nutzen sein, wenn du andern Leuten zu tief in die Taschen gelinst hast und man dir eiserne Vorhänge an die Fenster gehängt hat. Bin ich auch schon durchgekommen. Immer gut, wenn man in der Übung bleibt, du weißt nie, wie du es gebrauchen kannst. Hopp an.“

Schwupp! da war ich durch. Ich fühlte Heißes an meinen Armen, aber das war sicher nur Einbildung.

Am andern Ende der Platte ging eine lange eiserne Leiter weiter hinunter, zu den Grundmauern der Unterwelt. Diese zweite Leiter war so heiß, daß mein Taschentuch, das ich bisher benutzt hatte, wertlos wurde. Ich mußte mich mit den gebogenen Ellbogen in das Geländer hängen, um Halt an der Leiter zu greifen. Je tiefer ich kam, desto dicker wurde die Luft, desto heißer, qualmiger, öliger und unerträglicher. Die Hölle, die ich nun endlich nach meinem Tode erreicht hatte, konnte das nicht sein. In der Hölle hatten ja auch die Teufel zu leben, hier aber konnten keine Teufel leben, das war undenkbar.

Doch da stand ein Mensch, ein nackter, schwitzender Mensch, der Heizer der Vorwache. Menschen konnten hier auch nicht leben. Aber sie mußten. Sie waren Tote. Ausgelöschte. Landlose. Paßlose. Heimatlose. Die mußten, ob sie konnten oder nicht. Teufel konnten hier nicht leben, denn ein Rest von Kultur ist selbst den Teufeln gelassen, das weiß Goethe. Aber Menschen mußten hier nicht nur leben, sie mußten hier arbeiten, und sie mußten hier so schwer arbeiten, daß sie alles vergaßen, zuletzt sogar, nachdem sie lange vorher sich selbst vergessen hatten, sogar vergaßen, daß hier zu arbeiten unmöglich sei.

Mir ist oft, ehe ich gestorben wurde, und ehe ich zu den Toten kam, unverständlich gewesen, wie Sklaverei möglich sein kann, wie Militärdienst möglich sein kann, wie es möglich ist, daß Menschen, gesunde und vernünftige Menschen, sich ohne Protest vor Kanonen und Kartätschen jagen lassen, daß Menschen nicht tausendmal lieber Selbstmord begehen, als Sklaverei, Militärdienst, Galeerenketten und Peitschenhiebe zu ertragen. Seit ich bei den Toten war, seit ich selbst ein Toter bin, seit ich ein Totenschiff fuhr, ist auch dieses Geheimnis für mich gelöst, wie sich ja alle Geheimnisse erst nach dem Tode offenbaren. So tief kann kein Mensch sinken, als daß er nicht immer noch tiefer sinken könnte, so Schweres kann kein Mensch erdulden, als daß er nicht noch Schwereres ertragen könnte. Hier ist es, wo der Geist des Menschen, der ihn über das Tier erhebt, ihn tief unter das Tier erniedrigt. Ich habe Packzüge von Kamelen, von Lamas, von Eseln und von Maultieren getrieben. Ich habe Dutzende unter diesen Tieren gesehen, die sich hinlegten, wenn sie nur mit einem Kilogramm überladen waren, die sich hinlegten, wenn sie sich schlecht behandelt glaubten, und die sich klaglos hätten zu Tode peitschen lassen – und auch das habe ich gesehen – als aufzustehen, die Last zu übernehmen oder die schlechte Behandlung weiter zu erdulden. Ich habe Esel gesehen, die zu Leuten verkauft worden waren, die Tiere schändlich peinigten, und die Esel hörten auf zu fressen und starben weg. Nicht einmal Mais vermochte ihren Entschluß zu ändern. Aber der Mensch? Der Herr der Schöpfung? Er liebt es, Sklave zu sein, er ist stolz, Soldat sein zu dürfen und niederkartätscht zu werden, er liebt es, gepeitscht und gemartert zu werden. Warum? Weil er denken kann. Weil er sich Hoffnung denken kann. Weil er hofft, daß es auch wieder besser gehen wird. Das ist sein Fluch und nie sein Segen. Mitleid mit Sklaven? Mitleid mit Soldaten und mit Soldatenkrüppeln? Haß gegen Tyrannen? Nein! Nein! Nein!